Rede von Holger Haibach (CDU/CSU) – Drucksachen 16/8905, 16/9471
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8: Drucksachen 16/8905, 16/9471 –.
Text
Rede von Holger Haibach (CDU/CSU) – Drucksachen 16/8905, 16/9471
Sehr geehrter Herr Kollege Beck, das habe ich nie
bestritten. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass es
innerhalb der Koalition vielleicht unterschiedliche
Meinungen zu diesem Thema gegeben haben könnte.
Das ist etwas, was wir in Demokratien des Öfteren
erleben. Ich finde, man muss an einer Stelle, an der keine
Symboldebatte existiert, auch keine eröffnen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn man
einmal das ganze Brimborium beiseite schiebt, muss man
sagen: Jeder von uns kann seine eigene Meinung haben.
An dieser Stelle möchte ich auf eines hinweisen: Wir
haben begrüßt, dass Frau Merkel den Dalai-Lama
empfangen hat, und vielleicht hatten wir an der einen oder
anderen Stelle eine andere Meinung als Sie. Das bedeutet aber
nicht, dass wir nicht der Meinung sind, konstruktive
Gespräche, Kompromisse und Dialoge seien notwendig.
Allerdings denke ich, man kann das eine tun, ohne das
andere zu lassen. Wir sollten daraus keinen Glaubenskrieg
machen. Denn es ist wichtig, dass wir insgesamt
vorankommen. Das werden wir aber nur schaffen, wenn wir
alle Mittel, die uns zur Verfügung stehen, gleichermaßen
einsetzen.
In Ihrem Antrag steht – auch das hat mich sehr
überrascht –, dass wir China jetzt loben und keine
Symbolpolitik betreiben sollten. Ich möchte daran erinnern, dass
Kollege Trittin, der der heutigen Debatte auch beiwohnt,
damals ausdrücklich gelobt hat, dass Frau Merkel den
Dalai-Lama empfangen hat. Er sagte, das sei eine
richtige Maßnahme. Ich finde, man kann nicht in der
Vergangenheit das eine getan haben und heute das genaueGegenteil in einen Antrag schreiben. Auch das ist
letztlich nicht gerade glaubwürdig.
Man muss überlegen: Wo besteht in dieser
Angelegenheit eigentlich die Kohärenz? Wenn man Ihren
Antrag, in dem viel Richtiges steht – das will ich überhaupt
nicht bestreiten; darum geht es aber nicht –, liest, dann
muss man feststellen: Man findet darin nichts, was wir
nicht schon an anderer Stelle gefordert bzw. schriftlich
niedergelegt haben.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Weil ich wusste, dass wir uns heute mit diesem
Thema beschäftigen, habe ich mir das ein bisschen
genauer angesehen. Sie erheben in Ihrem Antrag zum
Beispiel die Forderung nach Zugang zu den Haftanstalten
und Lagern; hier verweise ich Sie auf unseren
gemeinsamen Antrag zur Verurteilung der Laogai-Lager.
Außerdem fordern Sie eine Reform der Gefängnisse und der
Haftlager; auch an dieser Stelle verweise ich Sie auf
unseren Antrag zu den Laogai-Lagern. Falls Sie mir nicht
glauben: Ich habe alle Anträge mitgebracht und kann sie
Ihnen gerne zeigen.
(Zuruf von der SPD: Ach! Das nützt doch
nichts!)
Zur Presse- und Meinungsfreiheit gibt es ebenfalls einen
Antrag der Koalition, und auch mit dem Thema Tibet
haben wir uns nicht nur einmal beschäftigt; hoffentlich
werden wir uns vor der Sommerpause noch einmal damit
befassen.
Das macht das, was in Ihrem Antrag steht, nicht
falsch. Nichtsdestoweniger muss ich sagen: Auf der
einen Seite fordern Sie eine kohärente Außenpolitik und
eine kohärente Menschenrechtspolitik ein. Auf der
anderen Seite wiederholen Sie aber nur das, was ohnehin
schon „common sense“ bzw. gemeinsame Ansicht dieses
Hauses ist.
(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das, was wir zu Tibet ausgeführt
haben, können wir gar nicht wiederholt haben!
Denn das wurde bisher noch gar nicht
thematisiert!)
Das ist wirklich nicht besonders originell. Ich finde, dass
Sie sich sehr überschätzen, wenn Sie sagen, Ihr Antrag
sei besonders toll.
Sie haben recht, dass es einer differenzierten
Betrachtung der Menschenrechtssituation in China bedarf.
Heute ist China sicherlich ein anderes Land als vor 25
oder 30 Jahren;
(Ute Koczy [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es ist
auch anders als noch vor zehn Jahren!)
das ist gar keine Frage. Heute gibt es dort gewisse
Freiheiten, die man früher mit Sicherheit nicht hatte. Aber
die Defizite sind weiterhin klar erkennbar.
Ich stimme Ihnen auch zu, dass die Hoffnungen, die
mit der Vergabe der Olympischen Spiele an China
verbunden waren, nicht erfüllt wurden. Über dieses Thema
Holger Haibachhaben wir schon einmal in einer Aktuellen Stunde
gesprochen. Ich möchte aber deutlich machen: Hier sind
auch die internationalen Sportverbände gefordert. Wer
sich auf der einen Seite dafür einsetzt, dass die
Olympischen Spiele in China stattfinden, der muss auf der
anderen Seite auch kontrollieren, ob dort Fortschritte
gemacht werden
(Uwe Barth [FDP]: Das hätte man vor zehn
Jahren vereinbaren müssen!)
und darf nicht einfach sagen: Die Spiele sind
unpolitisch. – Die Olympischen Spiele waren nie unpolitisch.
Es ist heuchlerisch, wenn man das behauptet.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
des Abg. Uwe Barth [FDP])
Wahr ist auch, dass wir China als internationalen
Partner in der Menschenrechtspolitik, aber auch in der
Außenpolitik brauchen; das ist gar keine Frage. Bei den
Ereignissen in Birma, aber auch, als es um Nordkoreas
Atomprogramm ging, haben wir erlebt, was erreicht
werden kann, wenn sich China zu einer konstruktiven
Haltung bereiterklärt. Wir würden uns wünschen, dass
das viel öfter geschieht. Ich will nur daran erinnern:
Wenn die Chinesen keinen Druck auf Nordkorea
ausgeübt hätten, hätte in diesem Konflikt wahrscheinlich
keine Einigung erzielt werden können. Daran wird
deutlich, dass wir die Chinesen brauchen.
Uns allen muss völlig klar sein, dass wir unsere
menschenrechtlichen Standards nicht senken dürfen. Sie
müssen weiterhin gelten, gegenüber China und
gegenüber allen anderen Staaten. Das bedeutet aber auch: Wir
müssen so miteinander umgehen, dass wir uns in
Zukunft noch ins Gesicht schauen können.
Ich möchte noch eine letzte Bemerkung machen – denn
wir diskutieren heute auch über einen
Entschließungsantrag –: Ich glaube, jeder von uns würde sich wünschen,
dass die chinesische Regierung noch vor den
Olympischen Spielen alle politischen Gefangenen entlässt.
(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Dann stimmt uns doch zu!)
Aber wer würde sich nicht wünschen, dass es keine
Vertreibungen mehr gibt? Wer würde sich nicht wünschen,
dass es Verhaftungen wegen der Religion nicht mehr
gibt? Wer würde sich nicht wünschen, dass es
Verhaftungen von Journalisten nicht mehr gibt, dass es Presse- und
Meinungsfreiheit gibt? Wer würde sich nicht wünschen,
dass es keine Internetzensur mehr gibt?
(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das ist ein schwaches Argument!)
Ich könnte Ihnen fünfundzwanzig, dreißig, vierzig
Themen aufzählen, die man in einen Entschließungsantrag
aufnehmen kann. Nur, man muss sich fragen, ob das die
Methode der Wahl ist.
Nichtsdestoweniger will ich einräumen, dass dies ein
wichtiges Thema ist. Jenseits des Antrags und der
Großen Anfrage der Grünen ist es für mich wichtig, dass wir
mit dieser Debatte an die Herrscher in China das Signal
senden, dass die Menschenrechte nicht etwas sind, wasman gewähren kann oder eben nicht. Ich komme deshalb
darauf, weil, als Herr Medwedew kürzlich zum
Staatsbesuch in Peking war, es zu einem gemeinsamen
Kommuniqué von Herrn Medwedew und der chinesischen Seite
gekommen ist. Die Neue Zürcher Zeitung hat dies am
24. Mai 2008 wie folgt kommentiert und dabei aus
dieser Erklärung zitiert:
Auch gegen westliche Menschenrechtskritik
wehren sich Russland und China gleichermassen.
Menschenrechte sollten nicht politisiert werden oder als
Vorwand dienen, sich in die inneren
Angelegenheiten anderer Länder einzumischen, hiess es in der
gemeinsamen Erklärung. Jeder Staat habe das
Recht, die Menschenrechte „auf der Grundlage
seiner eigenen Bedingungen und Eigenschaften zu
ermutigen und zu schützen“.
Diese Einstellung ist falsch. Die Menschenrechte sind
nicht etwas, was jemandem zuerkannt werden könnte,
die Menschenrechte hat jeder Mensch von Geburt an.
Wenn wir einen grundsätzlichen Beitrag zur Achtung der
Menschenrechte leisten wollen, müssen wir dafür
sorgen, dass dieser Gedanke in China und auch sonst wo
auf der Welt Einzug hält.
Herzlichen Dank.