Rede von Klaus Brähmig (CDU/CSU) – Drucksache 16/9346
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 29: Drucksache 16/9346 –.
Text
Rede von Klaus Brähmig (CDU/CSU) – Drucksache 16/9346
Der heute zu debattierende Antrag zum Thema „Mehr
Engagement für eine nachhaltige
Tourismusentwicklung“ der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zielt vor
allem darauf ab, Verbrauchern künftig durch die
Ausweisung der mit einer Pauschalreise verbundenen CO2-
Emissionen die Möglichkeit zu geben, ihre
Reiseentscheidung auch nach der Klimabelastung ihrer Reise zu
treffen. Deshalb sollen alle Reiseveranstalter verpflichtet
werden, die transferbedingten CO2-Emissionen und alle
anderen klimawirksamen Emissionen von Pauschalreisen
in Katalogen, Broschüren, sonstigen Printmedien sowie
im Internet gut sichtbar auszuweisen. Zur Begründung
wird darauf verwiesen, dass die mit dem Tourismus
verbundenen Probleme einen besonderen Stellenwert haben,
da der Tourismus etwa 5 Prozent der weltweiten CO2-
Emissionen verursacht und sich dieser Anteil aufgrund
hoher Wachstumsraten weiter vergrößern wird.
Die grundsätzliche Idee, den Verbrauchern mehr
Informationen über die reisebedingte Umweltbelastung zur
Verfügung zu stellen, ist zu begrüßen. Diese Überlegung
sorgt aber für technische, organisatorische und
finanzielle Probleme bei den Anbietern von Pauschalreisen.
Eine solche Auflistung für sämtliche im Rahmen einer
Pauschalreise gebuchten Verkehrsmittel wäre nicht nur
sehr aufwendig, sondern technisch schwer zu erstellen.
Bei der Angebotserstellung von Pauschalreisen stehen
die dabei genutzten Verkehrsmittel noch nicht fest. Dies
betrifft zum Beispiel unterschiedliche Flugzeugtypenoder die Flugrouten, die vielleicht Zwischenlandungen
beinhalten. Die genaue Umrechnung auf den einzelnen
Passagier und damit auf die einzelne Reise hängt weiter
von der Auslastung sowie dem Frachtanteil des
jeweiligen Fluges ab, was ebenfalls vorher nicht absehbar ist.
Dies wäre auch eine einseitige Belastung von
Reiseveranstaltern gegenüber den Verkehrsträgern Bus, Bahn
etc., die diese Information nicht liefern müssten.
Außerdem würde bei dieser Erhebungspraxis der hohe Anteil
der Geschäftsreisen nicht berücksichtigt.
Dennoch wäre es wünschenswert, wenn für alle Reisen
eine annäherungsweise CO2-Bilanz vorliegen würde.
Diese könnte beispielsweise durch Durchschnittswerte
des Flottenverbrauchs der einzelnen Verkehrsträger Bus,
Schiff, Bahn und Flugzeug errechnet werden. Wir sind
allerdings absolut gegen eine gesetzliche Vorgabe, sondern
setzen auf freiwillige Selbstverpflichtung, und das aus
gutem Grund: 1994 hat Friedemann Prose in seiner Studie
„Ansätze zur Veränderung von Umweltbewusstsein und
Umweltverhalten aus sozialpsychologischer
Perspektive“ darauf hingewiesen, dass Selbstverpflichtungen die
größte Wirksamkeit beim Klimaschutz haben. Dort heißt
es:
Ein Klimaschutz-Marketing, mit dem eine
nachhaltige Verhaltensänderung bewirkt werden soll,
müsste direkt und indirekt dazu beitragen, ein
Gemeinwohldenken und -handeln sowie ein
entsprechendes Problem- und Verantwortungsbewusstsein
zu entwickeln, bestärken und zu fördern.
Das kann nach Proses Ansicht nicht von außen
erzwungen werden, sondern nur über die von innen
kommende Motivation und die Verinnerlichung
entsprechender Werte dauerhaft entstehen. Weiter heißt es dort:
Rein betriebswirtschaftliche Begründungen oder
ausschließliche Berechnungen der individuellen
Kosten/Nutzen-Relation wirken dem
Gemeinwohldenken entgegen. Ordnungspolitische und finanzielle
Maßnahmen bedeuten äußeren Zwang bzw. externe
Anreize. Sie sind kaum geeignet, Einstellungen
dauerhaft zu verändern und eine innere Motivation
aufzubauen.
Selbstverpflichtung, Zielsetzungsprozeduren und
Vorbildverhalten haben sich empirisch als wirksamste
Instrumente einer langfristigen Verhaltensänderung
erwiesen.
Insofern würde ich mir wünschen, dass beispielsweise
der besonders umweltfreundliche Verkehrsträger
Reisebus mit der Bereitstellung von solchen Informationen zur
CO2-Bilanz seinen Beitrag zum Klimaschutz noch besser
darstellen könnte. Auch deutsche Fluggesellschaften
verfügen aufgrund einer sehr modernen und
verbrauchsarmen Flotte über einen Wettbewerbsvorteil gegenüber
vielen ausländischen Konkurrenten. Wenn sich die ersten
Reiseveranstalter mit solchen Angaben freiwillig
profilieren, wird das geänderte Umweltbewusstsein automatisch
einen Druck auf die Branche erzeugen und ein
langfristiges Umdenken in Gang setzen.
Wir sollten bei der ganzen Diskussion um die
Nachhaltigkeit von Reisen nicht damit anfangen, Reiseziele ge-
Klaus Brähmiggeneinander auszuspielen. Die gegenwärtige Debatte um
Einschränkungen bei Flugreisen zugunsten des
Klimaschutzes lässt leider die vielen positiven Effekte von
Flugreisen völlig außer Acht. Weltweit setzen viele
Entwicklungsländer auf den Tourismus zur Armutsbekämpfung
und erwirtschaften damit dringend benötigte Devisen.
Aber auch in Deutschland sichert der Tourismus direkt
und indirekt fast 3 Millionen Arbeitsplätze – zu einem
erheblichen Umfang auch durch Auslandsurlaub und
Flugreisen. Gute Flugverbindungen sorgen im Übrigen mit
dafür, dass Deutschland große Zuwächse an
ausländischen Gästen verzeichnen kann, deren Ausgaben deutlich
über denen der inländischen Gäste liegen.
Außerdem wurde im Luftverkehr durch immer
effizientere Triebwerke, Flottenmodernisierungen und eine
bessere Auslastung der Flugzeuge eine nachhaltige
Reduzierung des Treibstoffverbrauchs erreicht. Ein Verbrauch
von 3 Litern auf 100 Kilometer pro Passagier ist hier
schon oft verwirklicht. Wichtige Schritte zur weiteren
Reduzierung des Verbrauchs wären vor allem die
Beseitigung von Engpässen in der Verkehrsinfrastruktur, zum
Beispiel im Bereich der Flugsicherung, dem
bedarfsgerechten Ausbau von Flughäfen und dem Abbau unnötiger
Warteschleifen.
Weiterhin leistet der Tourismus auch einen wichtigen
Beitrag zur Völkerverständigung. Tourismus ist eine
hervorragende Form der Außenpolitik, da das Kennenlernen
anderer Kulturen die Wahrscheinlichkeit feindlicher
Handlungen oder kriegerischer Auseinandersetzungen
wesentlich verringert. Diese Aspekte des Reisens sollten
Sie, liebe Kollegen von Bündnis 90/Die Grünen, nicht
vernachlässigen. Gerade Sie fordern doch sonst immer
ganzheitliche Politikansätze.
Abschließend möchte ich noch auf die Forderung
eingehen, der Bund solle sich als Eigentümer der Deutschen
Bahn AG dafür einsetzen, dass die Bahn künftig
ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energiequellen
bezieht. Die Atomkraft aus Sicht des Klimaschutzes und aus
Kostengründen aus der Betrachtung auszuschließen,
zeigt schon Ihre rein ideologische und nicht von Logik
geprägte Denkweise. Die Verteuerung der Bahnfahrkarten
durch Ökostrom wird sicherlich nicht die Attraktivität der
Bahn steigern. Es ist eher zu befürchten, dass der Pkw
dann vergleichsweise doch wieder ein günstiges
Verkehrsmittel bleibt. Aber auch hier ist ja noch ein Umdenken
möglich. Vielleicht werde ich noch erleben, dass grüne
Politiker mit Transparenten für den Bau neuer moderner
Atomkraftwerke demonstrieren. Das wäre ein effizienter
Weg, den Klimawandel zu gestalten, und er wird von fast
allen westlichen Ländern – mit Ausnahme Deutschlands –
beschritten. Zwei Spitzenfunktionäre der Grünen haben
ja nach ihrem Ausscheiden aus dem Parlament das
Potenzial der Atomenergie für sich schon erkannt.