Rede von Jürgen Klimke (CDU/CSU) – Brähmig, Jürgen Klimke, Dr. Hans-Peter
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 16 a und 16 b: Brähmig, Jürgen Klimke, Dr. Hans-Peter.
Text
Rede von Jürgen Klimke (CDU/CSU) – Brähmig, Jürgen Klimke, Dr. Hans-Peter
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Sylt
statt Seychellen, Borkum statt Bali – das war eine
vielzitierte, provokante Forderung der letzten Wochen. Sparen
wir uns das klimaschädliche Herumfliegen! Bleiben wir
zu Hause, und nutzen wir obendrein dem
Wirtschaftsstandort Deutschland! Wer so etwas ernsthaft fordert, der
behindert nicht nur den technischen Fortschritt im
Luftverkehr, sondern er schadet auch der Bekämpfung der
Armut in der Dritten Welt und reiht sich in die Phalanx
der Globalisierungsgegner ein.
Natürlich wollen wir die Energieeffizienz steigern,
und wir wollen den CO2-Ausstoß vermindern, auch im
Tourismus und ganz besonders im Luftverkehr. Reise-verbote tragen wir jedoch nicht mit. Wir halten sie für
unrealistisch und für kontraproduktiv. Lassen Sie mich
ein Beispiel nennen: Wenn wir die Fernreisen abschaffen
würden, dann könnten die meisten Nationalparks in den
Entwicklungsländern ihre Pforten schließen. Viele
Wälder würden dann abgeholzt werden. Dort würden Felder
entstehen, was erhebliche Folgen hätte, auch für die
CO2-Bilanz.
Sollte unser Ziel nicht sein, den Menschen auch durch
den Tourismus ein Auskommen zu bieten, damit sie ihre
Ressourcen schonen, statt die Tropenwälder für neue
Weideflächen abzuholzen? Das würde auch der CO2-
Bilanz nutzen; denn derzeit wird durch Brände in den
Tropen und in den Subtropen mehr Energie
verschleudert, als wir in Deutschland insgesamt überhaupt
umsetzen.
Energiesparen im Tourismus ist richtig und wichtig.
Das sollte jedoch durch einen permanenten Wettbewerb
um effiziente Technik geschehen und nicht durch
ideologische Verbote bestimmter Technologien.
Wir brauchen mehr Ökowettbewerb in der
Flugzeugindustrie, und wir müssen auch den Ökowettbewerb in
der Reiseindustrie fördern. Dies erreichen wir, indem
wir die Touristen für Umweltfragen stärker
sensibilisieren, damit sie nicht nur auf den Preis achten, sondern
auch auf das Umweltengagement des Unternehmens, bei
dem sie buchen. Ich plädiere ganz eindeutig dafür, dass
die Selbstregelungsmechanismen innerhalb der
Tourismusbranche gestärkt werden, damit der geforderte
Beitrag zum Umweltschutz auch nachhaltig umgesetzt
werden kann.
Generell begrüßen wir das Wachstum im Tourismus
in den Tourismusländern. In den letzten 15 Jahren ist er
von 28 auf fast 40 Prozent gestiegen. Die UNWTO – das
ist die Welttourismusorganisation – erwartet auch in
Zukunft überdurchschnittliche Wachstumsraten. Das
bedeutet, dass der Stellenwert des Tourismus für die
Entwicklungsländer immer wichtiger wird. Der Tourismus
hat sich in diesen Ländern teilweise als wichtigste
Einnahmequelle etabliert. Er leistet einen Beitrag, Armut zu
bekämpfen und – ganz banal – den Hunger zu stillen.
Gleichzeitig führt das Kennenlernen von Touristen
und Einheimischen zu einer stärkeren gegenseitigen
Akzeptanz, zu einem Vertrauen der Kulturen. Es gibt
natürlich auch Auswüchse des Tourismus; das ist ganz
eindeutig so.
Mit dem Antrag der Regierungskoalition werden wir
einen guten Beitrag leisten, weil er entscheidende
Verbesserungen bei der Information deutscher Touristen
vorsieht und den Weg für die Etablierung des Tourismus
als Schwerpunkt im Rahmen der Entwicklungsarbeit mit
den Entwicklungsländern ebnet.
Lassen Sie mich, bevor ich zu einigen Punkten
unseres Antrags komme, einige Worte zum Antrag der
Grünen sagen. Der Antrag zielt generell in die gleiche
Richtung. Deswegen werden die Anträge auch unter einem
Jürgen KlimkeTagesordnungspunkt behandelt. Er greift einige Punkte
unseres Antrags auf. In zwei Punkten muss ich Ihnen
aber eindeutig widersprechen.
Erstens. Die Durchsetzung internationaler
Sozialstandards für die Beschäftigten der Tourismusbranche
halte ich für unrealistisch, und sie würde in
verschiedenen Bereichen auch kontraproduktiv sein. Wir können
nicht überall Lohnniveaus und Sozialsysteme erreichen,
die mit denen bei uns vergleichbar sind. Das ist völlig
unrealistisch.
Der zweite Punkt ist der Klimawandel, der hier im
Zusammenhang mit der Kerosinsteuer angesprochen
wird. Die von den Grünen als überfällig angemahnte
Kerosinsteuer halten wir zumindest auf nationaler und
europäischer Ebene für falsch, weil sie zu
Wettbewerbsverzerrungen zulasten unserer Anbieter führt. Es kann nicht
sein, dass die Kerosinsteuer dadurch, dass Landungen
dann in Zürich oder in Oslo erfolgen, unsere
Luftdrehkreuze, meinetwegen Frankfurt oder Bremen, beschädigt
und diese Marktanteile verlieren.
Lassen Sie mich drei Punkte unseres Antrags
ansprechen: den Nutzen der Fernreisen für Deutschland, die
Bekämpfung der negativen Aspekte im Tourismus und
die Partizipation der Einheimischen.
Deutschland profitiert als einer der größten
Quellmärkte von der Zunahme der Reisen in die
Entwicklungsländer. Reisebüros, Reiseveranstalter
spezialisieren sich auf diese Reisen und schaffen dadurch auch
Arbeitsplätze in Deutschland. Deutsche Unternehmen
investieren in die Infrastruktur dieser Staaten. Dadurch
werden nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern
auch bei uns neue Arbeitsplätze geschaffen. Das ist eine
klassische Win-win-Situation. Wir profitieren davon, die
Entwicklungsländer profitieren davon.
Wir unterstützen diese Entwicklung mit unserem
Antrag; denn wir schaffen zukünftig zum Beispiel durch die
Aufnahme von mehr Tourismusinformationen auf den
Länderseiten des Auswärtigen Amtes eine zusätzliche
Marketingplattform auch für diese Länder. Dadurch
werden die Reisen in die Entwicklungsländer gefördert.
Zu den negativen Aspekten. Zum einen leiden
insbesondere die ökologischen Ressourcen unter dem stetigen
Wachstum – das muss man eindeutig sehen –; zum
anderen mangelt es vielen Reisenden einfach an
Informationen über kulturelle, soziale und ökologische
Gegebenheiten der Regionen, in die sie reisen. Dem möchten wir
abhelfen oder es jedenfalls versuchen.
Gleichzeitig wollen wir die Ausbeutung von Kindern
und Jugendlichen durch Sextourismus durch weitere
Verbindungsbeamte und durch andere Grundsätze
strafrechtlicher Verfolgung bekämpfen. Das ist ein ganz
wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang.
Wir streben eine Verbesserung der Aufklärung der
Reisenden an, auch zum Artenschutz und zur
Nachhaltigkeit im Tourismus, und setzen uns für eine stärkere
Berücksichtigung des Tourismus zum Beispiel in den
Lehrplänen unserer Schulen, unserer Universitäten undvor allen Dingen der Einrichtungen ein, die sich mit
Tourismus beschäftigen, zum Beispiel der
Fachhochschulen und der Fortbildungseinrichtungen.
Das dritte Thema liegt mir besonders am Herzen:
Partizipation der Einheimischen. Dem Tourismus
wird immer wieder vorgeworfen, er grenze sich von den
Einheimischen ab, das sei sozusagen eine Closed-Shop-
Situation, es gebe nur wenig Wertschöpfung vor Ort. Ein
weiterer englischer Begriff macht das deutlich: all
inclusive. Alles das, was man in einem Hotel bekommen
kann, ist im Preis inbegriffen. Meist wird es eingeführt
und nicht in dem Entwicklungsland selbst produziert.
Von daher meinen auch wir, dass zu hinterfragen ist, ob
das sinnvoll ist. Eine Studie zu den ökonomischen,
soziokulturellen und ökologischen Folgen dieser Reisen
soll vorgelegt werden, damit wir zukünftig auch das auf
einer solideren Basis beurteilen können.
Untersuchungen des Studienkreises für Tourismus
und Entwicklung am Starnberger See haben ergeben,
dass die Reisenden in Entwicklungsländer durchaus
bereit sind, die Gegebenheiten vor Ort in Augenschein zu
nehmen, in Gespräche mit der Bevölkerung einzutreten
und stärkeren Kontakt zu ihr aufzunehmen, um so ihre
Destination sozusagen besser kennenzulernen. „Land
und Leute“-Programme gibt es relativ selten. Solche
sollten unserer Meinung nach die Anbieter ins Leben
rufen und auch stärker gegenüber ihren Kunden bewerben;
denn damit wird der berühmte Lerneffekt beim Reisen
erzielt und Sensibilität für die sozialen und ökologischen
Realitäten der Reiseländer geweckt sowie ein stärkeres
Miteinander zwischen Touristen und Einheimischen
geknüpft.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Ein letzter Punkt, meine Damen und Herren: Wir
möchten gerne, dass Tourismus in den
Entwicklungsländern zum Bestandteil der Entwicklungspolitik wird.
Das ist, wie ich glaube, ein ganz wichtiger Punkt. Damit
würden wir zugleich eine Kehrtwendung vollziehen:
Nicht nur Gesundheitsförderung und
Armutsbekämpfung, sondern auch Tourismus- und damit
Wirtschaftsförderung sollen zu einem wichtigen Bereich werden.