polradar

Rede von Jürgen Klimke (CDU/CSU) – Brähmig, Jürgen Klimke, Dr. Hans-Peter

dip / rede 22.03.2007 · WP 16 · Original ↗

Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 16 a und 16 b: Brähmig, Jürgen Klimke, Dr. Hans-Peter.

Im Graph öffnen

Text

Rede von Jürgen Klimke (CDU/CSU) – Brähmig, Jürgen Klimke, Dr. Hans-Peter Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Sylt statt Seychellen, Borkum statt Bali – das war eine vielzitierte, provokante Forderung der letzten Wochen. Sparen wir uns das klimaschädliche Herumfliegen! Bleiben wir zu Hause, und nutzen wir obendrein dem Wirtschaftsstandort Deutschland! Wer so etwas ernsthaft fordert, der behindert nicht nur den technischen Fortschritt im Luftverkehr, sondern er schadet auch der Bekämpfung der Armut in der Dritten Welt und reiht sich in die Phalanx der Globalisierungsgegner ein. Natürlich wollen wir die Energieeffizienz steigern, und wir wollen den CO2-Ausstoß vermindern, auch im Tourismus und ganz besonders im Luftverkehr. Reise-verbote tragen wir jedoch nicht mit. Wir halten sie für unrealistisch und für kontraproduktiv. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Wenn wir die Fernreisen abschaffen würden, dann könnten die meisten Nationalparks in den Entwicklungsländern ihre Pforten schließen. Viele Wälder würden dann abgeholzt werden. Dort würden Felder entstehen, was erhebliche Folgen hätte, auch für die CO2-Bilanz. Sollte unser Ziel nicht sein, den Menschen auch durch den Tourismus ein Auskommen zu bieten, damit sie ihre Ressourcen schonen, statt die Tropenwälder für neue Weideflächen abzuholzen? Das würde auch der CO2- Bilanz nutzen; denn derzeit wird durch Brände in den Tropen und in den Subtropen mehr Energie verschleudert, als wir in Deutschland insgesamt überhaupt umsetzen. Energiesparen im Tourismus ist richtig und wichtig. Das sollte jedoch durch einen permanenten Wettbewerb um effiziente Technik geschehen und nicht durch ideologische Verbote bestimmter Technologien. Wir brauchen mehr Ökowettbewerb in der Flugzeugindustrie, und wir müssen auch den Ökowettbewerb in der Reiseindustrie fördern. Dies erreichen wir, indem wir die Touristen für Umweltfragen stärker sensibilisieren, damit sie nicht nur auf den Preis achten, sondern auch auf das Umweltengagement des Unternehmens, bei dem sie buchen. Ich plädiere ganz eindeutig dafür, dass die Selbstregelungsmechanismen innerhalb der Tourismusbranche gestärkt werden, damit der geforderte Beitrag zum Umweltschutz auch nachhaltig umgesetzt werden kann. Generell begrüßen wir das Wachstum im Tourismus in den Tourismusländern. In den letzten 15 Jahren ist er von 28 auf fast 40 Prozent gestiegen. Die UNWTO – das ist die Welttourismusorganisation – erwartet auch in Zukunft überdurchschnittliche Wachstumsraten. Das bedeutet, dass der Stellenwert des Tourismus für die Entwicklungsländer immer wichtiger wird. Der Tourismus hat sich in diesen Ländern teilweise als wichtigste Einnahmequelle etabliert. Er leistet einen Beitrag, Armut zu bekämpfen und – ganz banal – den Hunger zu stillen. Gleichzeitig führt das Kennenlernen von Touristen und Einheimischen zu einer stärkeren gegenseitigen Akzeptanz, zu einem Vertrauen der Kulturen. Es gibt natürlich auch Auswüchse des Tourismus; das ist ganz eindeutig so. Mit dem Antrag der Regierungskoalition werden wir einen guten Beitrag leisten, weil er entscheidende Verbesserungen bei der Information deutscher Touristen vorsieht und den Weg für die Etablierung des Tourismus als Schwerpunkt im Rahmen der Entwicklungsarbeit mit den Entwicklungsländern ebnet. Lassen Sie mich, bevor ich zu einigen Punkten unseres Antrags komme, einige Worte zum Antrag der Grünen sagen. Der Antrag zielt generell in die gleiche Richtung. Deswegen werden die Anträge auch unter einem Jürgen KlimkeTagesordnungspunkt behandelt. Er greift einige Punkte unseres Antrags auf. In zwei Punkten muss ich Ihnen aber eindeutig widersprechen. Erstens. Die Durchsetzung internationaler Sozialstandards für die Beschäftigten der Tourismusbranche halte ich für unrealistisch, und sie würde in verschiedenen Bereichen auch kontraproduktiv sein. Wir können nicht überall Lohnniveaus und Sozialsysteme erreichen, die mit denen bei uns vergleichbar sind. Das ist völlig unrealistisch. Der zweite Punkt ist der Klimawandel, der hier im Zusammenhang mit der Kerosinsteuer angesprochen wird. Die von den Grünen als überfällig angemahnte Kerosinsteuer halten wir zumindest auf nationaler und europäischer Ebene für falsch, weil sie zu Wettbewerbsverzerrungen zulasten unserer Anbieter führt. Es kann nicht sein, dass die Kerosinsteuer dadurch, dass Landungen dann in Zürich oder in Oslo erfolgen, unsere Luftdrehkreuze, meinetwegen Frankfurt oder Bremen, beschädigt und diese Marktanteile verlieren. Lassen Sie mich drei Punkte unseres Antrags ansprechen: den Nutzen der Fernreisen für Deutschland, die Bekämpfung der negativen Aspekte im Tourismus und die Partizipation der Einheimischen. Deutschland profitiert als einer der größten Quellmärkte von der Zunahme der Reisen in die Entwicklungsländer. Reisebüros, Reiseveranstalter spezialisieren sich auf diese Reisen und schaffen dadurch auch Arbeitsplätze in Deutschland. Deutsche Unternehmen investieren in die Infrastruktur dieser Staaten. Dadurch werden nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch bei uns neue Arbeitsplätze geschaffen. Das ist eine klassische Win-win-Situation. Wir profitieren davon, die Entwicklungsländer profitieren davon. Wir unterstützen diese Entwicklung mit unserem Antrag; denn wir schaffen zukünftig zum Beispiel durch die Aufnahme von mehr Tourismusinformationen auf den Länderseiten des Auswärtigen Amtes eine zusätzliche Marketingplattform auch für diese Länder. Dadurch werden die Reisen in die Entwicklungsländer gefördert. Zu den negativen Aspekten. Zum einen leiden insbesondere die ökologischen Ressourcen unter dem stetigen Wachstum – das muss man eindeutig sehen –; zum anderen mangelt es vielen Reisenden einfach an Informationen über kulturelle, soziale und ökologische Gegebenheiten der Regionen, in die sie reisen. Dem möchten wir abhelfen oder es jedenfalls versuchen. Gleichzeitig wollen wir die Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen durch Sextourismus durch weitere Verbindungsbeamte und durch andere Grundsätze strafrechtlicher Verfolgung bekämpfen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang. Wir streben eine Verbesserung der Aufklärung der Reisenden an, auch zum Artenschutz und zur Nachhaltigkeit im Tourismus, und setzen uns für eine stärkere Berücksichtigung des Tourismus zum Beispiel in den Lehrplänen unserer Schulen, unserer Universitäten undvor allen Dingen der Einrichtungen ein, die sich mit Tourismus beschäftigen, zum Beispiel der Fachhochschulen und der Fortbildungseinrichtungen. Das dritte Thema liegt mir besonders am Herzen: Partizipation der Einheimischen. Dem Tourismus wird immer wieder vorgeworfen, er grenze sich von den Einheimischen ab, das sei sozusagen eine Closed-Shop- Situation, es gebe nur wenig Wertschöpfung vor Ort. Ein weiterer englischer Begriff macht das deutlich: all inclusive. Alles das, was man in einem Hotel bekommen kann, ist im Preis inbegriffen. Meist wird es eingeführt und nicht in dem Entwicklungsland selbst produziert. Von daher meinen auch wir, dass zu hinterfragen ist, ob das sinnvoll ist. Eine Studie zu den ökonomischen, soziokulturellen und ökologischen Folgen dieser Reisen soll vorgelegt werden, damit wir zukünftig auch das auf einer solideren Basis beurteilen können. Untersuchungen des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung am Starnberger See haben ergeben, dass die Reisenden in Entwicklungsländer durchaus bereit sind, die Gegebenheiten vor Ort in Augenschein zu nehmen, in Gespräche mit der Bevölkerung einzutreten und stärkeren Kontakt zu ihr aufzunehmen, um so ihre Destination sozusagen besser kennenzulernen. „Land und Leute“-Programme gibt es relativ selten. Solche sollten unserer Meinung nach die Anbieter ins Leben rufen und auch stärker gegenüber ihren Kunden bewerben; denn damit wird der berühmte Lerneffekt beim Reisen erzielt und Sensibilität für die sozialen und ökologischen Realitäten der Reiseländer geweckt sowie ein stärkeres Miteinander zwischen Touristen und Einheimischen geknüpft. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD) Ein letzter Punkt, meine Damen und Herren: Wir möchten gerne, dass Tourismus in den Entwicklungsländern zum Bestandteil der Entwicklungspolitik wird. Das ist, wie ich glaube, ein ganz wichtiger Punkt. Damit würden wir zugleich eine Kehrtwendung vollziehen: Nicht nur Gesundheitsförderung und Armutsbekämpfung, sondern auch Tourismus- und damit Wirtschaftsförderung sollen zu einem wichtigen Bereich werden.

Relationen