Rede von Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) – Drucksache 16/9346
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 29: Drucksache 16/9346 –.
Text
Rede von Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) – Drucksache 16/9346
Ja, es stimmt: Die Tourismusbranche wächst weltweit
und auch in Deutschland stärker als viele andere
Wirtschaftsbereiche. Mehr Reisende bringen auch ein Mehr
an Belastungen für Klima und Umwelt.Zu Protokoll gegebene Reden
Dr. Ilja SeifertTrotzdem ist es für die Linke eine Errungenschaft,
wenn nicht nur wenige Reiche, sondern zunehmend mehr
Menschen andere Länder und Kulturen kennenlernen
können. Wenn also der Ferntourismus heute einer breiten
Masse offensteht, halten wir dies für eine
Demokratisierung des Zugangs zu interkultureller Erfahrung.
Selbstverständlich wissen wir auch um die Bedeutung des
Klimaschutzes und sehen die damit einhergehenden
Probleme. Die Situation ist und bleibt janusköpfig.
Den vorliegenden Antrag halte ich vom Anliegen her
zunächst einmal für begrüßenswert. Die geforderte
Information über die jeweilige CO2-Emission von
Touristikangeboten folgt einem ähnlichen Prinzip der
Ermöglichung bewusster Verbraucherentscheidungen wie etwa
die Ausweisung der Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln,
die Warnungen vor Gesundheitsrisiken auf
Zigarettenschachteln, die Energiebilanz bei Elektrogeräten oder
andere Beispiele der Produkttransparenz, wie sie heute
bereits zum Standard geworden sind.
Dennoch müssen einige Ihrer Ausgangspunkte und die
daraus vorgeschlagenen Konsequenzen hinterfragt
werden. Sie beziehen sich bei der Analyse von CO2-
Emissionen der Tourismuswirtschaft lediglich auf die Transfers,
also das Reisen von A nach B, nicht aber auf den
Aufenthalt selbst. Innerhalb dieser Transfers zielt Ihr Antrag
lediglich auf die Gruppe der Pauschalreisen, mit anderen
Worten: den sogenannten Massentourismus.
Die Linke hält jedoch auch die Ökobilanz des
touristischen Aufenthaltes vor Ort für nicht unbedeutend. Hier
zeigt sich, dass die individuelle Umweltbilanz gerade für
Luxusreisende – große vollklimatisierte Suiten, riesige
beheizte Pools, Golfanlagen, private Safaris etc. –
weitaus höher ist als die des einzelnen „Massentouristen“,
der sich doch mit verhältnismäßig einfachem Komfort
bescheidet. Es ist also unklar, warum sich Ihre Forderung
nur auf den Transfer und dann ausgerechnet auf
Pauschalreisen beschränkt.
Selbst wenn man nur den Transport ins Auge fasst – als
einen ersten und wichtigen Schritt vielleicht –, wäre es
zielführender und konsequent, alle Personentransporte
durch die neue Regelung zu erfassen. Warum
verpflichteten wir nicht alle Verkehrsträger – Fluggesellschaften,
die Bahn, Busunternehmen, Schiffe –, auf ihren Tickets
die jeweilige CO2-Belastung auszuweisen? Sicherlich
gibt es auch Möglichkeiten, Autofahrer über ihren
individuellen CO2-Ausstoß je Fahrt zu informieren.
Pauschalanbieter können dann verpflichtet werden, diese
Angaben bei ihren Angeboten mit aufzuführen, da sie diese
Angaben beim Einkauf der Transferleistungen vom
Verkehrsträger erhalten. All dies würde das Bewusstsein für
Klimafragen schärfen, und hier würde sich auch zeigen,
dass ein Erste-Klasse-Flugticket die Umwelt deutlich
höher belastet als eines in der Touristenklasse.
Einig sind wir uns auch in der Frage, dass das
Ausweisen der CO2-Bilanz allein nicht für eine nachhaltige
Tourismusentwicklung reicht. Notwendig sind unter anderem
die Kerosinsteuer im Flugverkehr und andererseits die
stärkere Förderung des Inlandstourismus, vor allem des
Rad- und Wandertourismus. Ein richtiger Weg wäre, den
öffentlichen Fernverkehr mit Bus und Bahn – auch imVerbund mit den europäischen Nachbarländern –
auszubauen und – verstanden als soziale und umweltbewusste
Aufgabe – weitgehend öffentlich zu finanzieren. Leider ist
die Koalition mit der Bahnprivatisierung den
entgegengesetzten Weg gegangen. Es war ihre Entscheidung, die
Bahn profitorientiert statt sozial- und damit
klimaorientiert zu entwickeln. Es ist pervers, wenn Menschen
innerhalb Deutschlands nur mit dem Flugzeug reisen, weil es
deutlich preiswerter ist als die Bahn. Selbst Reisende mit
Umweltbewusstsein müssen angesichts ihrer Einkommen
auf den billigeren Verkehrsträger zurückgreifen. Ich will
auch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten: Jeder
Verkehrsträger hat seine Stärken und Schwächen. Wer
Ferntourismus will – und wir möchten, dass sich
Menschen verschiedener Kontinente begegnen –, braucht
auch bezahlbare Flugreisen. Amerika ist mit dem Rad,
dem Bus oder der Bahn von Europa aus nicht zu
erreichen. Es geht darum, das aus umweltpolitischer Sicht
jeweils optimale Verkehrsmittel für eine bestimmte
Entfernung für den Einzelnen auch ökonomisch zum
attraktivsten zu machen.
Natürlich gibt es auch Reisen, deren Sinn mit Blick auf
die Klimabelastungen bezweifelt werden muss. Dazu
gehören die Kurzreisen zum Shoppen nach New York, Dubai
oder Mailand ebenso wie manche Geschäftsreise, die
vielen unnötigen Beamtenshuttles zwischen Berlin und Bonn
oder die Reisen der Bundeswehr an den Hindukusch.
Wir brauchen eine sozial gerechte und
umweltbewusste Tourismuspolitik und keine Tourismuspolitik, bei
der die Klimabilanz aufgebessert wird, indem Menschen
mit niedrigen Einkommen ausgegrenzt werden. Das wäre
unsolidarisch und ist mit der Linken nicht zu machen.