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Protokoll der 111. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages

dip / plenarprotokoll 13.12.1984 · WP 10 · 10/111 · Original ↗

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Protokoll der 111. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages [Plenarprotokoll 10/111 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 111. Sitzung Bonn, Donnerstag, den 13. Dezember 1984 Inhalt: Erweiterung der Tagesordnung . 8245A, 8326 D Absetzung der Punkte 14, 15 und 19 von der Tagesordnung 8245 B, 8326 D Bestimmung des Abg. Seiters als stellvertretendes Mitglied im Gemeinsamen Ausschuß 8245 B Zur Geschäftsordnung Seiters CDU/CSU 8245 B Dr. Wernitz SPD 8246A Wolfgramm (Göttingen) FDP 8246 C Frau Nickels GRÜNE 8246 D Entwurf eines Gesetzes zur Durchführung einer Repräsentativstatistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt — Mikrozensus — — Drucksache 10/2600 — 8247 D Zweite und dritte Beratung des von der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über eine Ergänzungsabgabe zur Einkommensteuer und zur Körperschaftsteuer (Ergänzungsabgabengesetz) — Drucksache 10/2460 — Beschlußempfehlung und Bericht des Finanzausschusses — Drucksache 10/2619 — Bericht des Haushaltsausschusses gemäß § 96 der Geschäftsordnung — Drucksache 10/2620 — Porzner SPD (zur GO) 8248 B Seiters CDU/CSU (zur GO) 8248 C Dr. Spöri SPD 8249 C Jung (Lörrach) CDU/CSU 8251 B Krizsan GRÜNE 8253 B Gattermann FDP 8254 C Dr. Stoltenberg, Bundesminister BMF . 8256 D Namentliche Abstimmung 8258 A Aktuelle Stunde betr. Giftgaskatastrophe in Bhopal und mögliche Konsequenzen für die chemische Produktion in der Bundesrepublik Deutschland Frau Dr. Vollmer GRÜNE 8259 D Kroll-Schlüter CDU/CSU 8260 C Brück SPD 8261 C Dr.-Ing. Laermann FDP 8262 B Frau Gottwald GRÜNE 8263A Dr. Faltlhauser CDU/CSU 8264 A Frau Blunck SPD 8265 B Ertl FDP 8266 A Dr. Lippold CDU/CSU 8267 B Frau Dr. Hartenstein SPD 8268 B Boroffka CDU/CSU 8269 A Duve SPD 8270A Beratung des Antrags der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN Giftgaskatastrophe in Bhopal und mögli - che Konsequenzen für die chemische Produktion in der Bundesrepublik Deutschland — Drucksache 10/2612 — 8271 A Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN Verschuldung in der Landwirtschaft — Drucksachen 10/1206, 10/2041 — in Verbindung mit Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN Ökologischer Landbau und die Zukunft der Landwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland — Drucksachen 10/1207, 10/2042 — in Verbindung mit Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Sauter (Epfendorf), Paintner, Susset, Freiherr von Schorlemer, Eigen, Bredehorn, Austermann, Schartz (Trier), Rode (Wietzen), Michels, Hornung, Dr. Kunz (Weiden), Herkenrath, Fellner, Dr. Rumpf, Brunner, Bayha, Scheu, Borchert, Carstensen (Nordstrand), Freiherr Heere - man von Zuydtwyck, Dr. Meyer zu Bentrup, Schmitz (Baesweiler), Stutzer, Graf von Waldburg-Zeil, Ertl, Dr. Olderog, von Schmude, Tillmann, Frau Fischer, Dr. Freiherr Spies von Büllesheim, Dr. Götz, Dr. Jobst, Frau Geiger, Eylmann, Frau Roitzsch (Quickborn), Dr. Hornhues, Nelle, Krey, Repnik, Höffkes, Hedrich, Sauer (Stuttgart), Ganz (St. Wendel), Dr. Schwörer, Lenzer, Ruf, Bohl, Dr. Unland, Jagoda, Niegel, Biehle, Seesing, Seehofer, Jäger (Wangen), Dr. Laufs, Dr. George, Deres, Jung (Lörrach), Müller (Wadern), Weiß, Graf Huyn, Bühler (Bruchsal), Magin, Schemken, Frau Dempwolf, Berger, Dr. Müller, Lowack, Dr. Hüsch, Dr.-Ing. Kansy und der Fraktionen der CDU/CSU und FDP Perspektiven für den bäuerlichen Familienbetrieb — Drucksachen 10/1550 (neu), 10/2043 — in Verbindung mit Beratung des Antrags der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN Förderung von Beratung im ökologischen Landbau in Form eines Modells „Bauern helfen Bauern" — Neue Formen eines Modells bäuerlicher Selbsthilfe — Drucksache 10/1216 — in Verbindung mit Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zu dem Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP zur Beratung des Agrarberichts 1984 der Bundesregierung Entschließungsantrag der Fraktion der SPD zur Beratung des Agrarberichts 1984 der Bundesregierung — Drucksachen 10/1188, 10/1190, 10/2173 — in Verbindung mit Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN Einführung der offenen Deklaration (Änderung der Futtermittelverordnung) — Drucksachen 10/1053, 10/2205 — in Verbindung mit Erste Beratung des von den Abgeordneten Susset, Sauter (Epfendorf), Eigen, Freiherr von Schorlemer, Hornung, Brunner, Schartz (Trier), Frau Will-Feld, Stockhausen, Dr. Kunz (Weiden), Herkenrath, Jagoda, Michels, Rode (Wietzen), Scheu, Nelle, von Schmude, Doss, Hanz (Dahlen), Müller (Wadern), Berger, Dr. Hupka, Dr. Czaja, Schulze (Berlin) und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Paintner, Bredehorn, Dr. Rumpf und der Fraktion der FDP eingebrachten Entwurfs eines Fünften Gesetzes zur Änderung des Weingesetzes — Drucksache 10/2550 — Sauter (Epfendorf) CDU/CSU 8272 A Frau Dr. Vollmer GRÜNE 8274 C Paintner FDP 8277 B Müller (Schweinfurt) SPD 8279 D Dr. Kunz (Weiden) CDU/CSU 8282 B Schröder (Hannover) SPD 8285A Bredehorn FDP 8288 C Kiechle, Bundesminister BML 8291A Immer (Altenkirchen) SPD 8294 B Freiherr Heereman von Zuydtwyck CDU/ CSU 8296 D Frau Weyel SPD 8299 C Beratung des Antrags der Fraktion DIE GRÜNEN Maßnahmen gegen Gesundheitsgefährdung und Umweltbelastung durch Dioxine — Drucksache 10/1579 — Dr. Ehmke (Ettlingen) GRÜNE 8319 D Frau Augustin CDU/CSU 8321 D Frau Dr. Hartenstein SPD 8323 B Eimer (Fürth) FDP 8325 A Frau Karwatzki, Parl. Staatssekretär BMJFG 8325 D Beratung der Sammelübersicht 56 des Petitionsausschusses über Anträge zu Petitionen — Drucksache 10/2356 — Wartenberg (Berlin) SPD 8327 A Schulze (Berlin) CDU/CSU 8328 A Sauermilch GRÜNE 8329 A Neuhausen FDP 8329 D Beratung der Sammelübersicht 59 des Petitionsausschusses über Anträge zu Petitionen — Drucksache 10/2552 — 8330 D Beratung der Sammelübersichten 60 und 61 des Petitionsausschusses über Anträge zu Petitionen — Drucksachen 10/2617 und 10/2618 — . 8330 D Zweite und Dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über den Sozialplan im Konkurs- und Vergleichsverfahren — Drucksache 10/2129 — Beschlußempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses — Drucksache 10/2605 — in Verbindung mit Zweite und Dritte Beratung des von den Abgeordneten Bachmaier, Buschfort, Dreßler, Egert, Dr. Emmerlich, Fischer (Osthofen), Glombig, Heyenn, Kirschner, Klein (Dieburg), Dr. Kübler, Lambinus, Lutz, Peter (Kassel), Reimann, Schmidt (München), Schreiner, Schröder (Hannover), Dr. Schwenk (Stade), Frau Steinhauer, Stiegler, Urbaniak, Weinhofer, von der Wiesche, Dr. de With und der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung der Konkursordnung — Drucksache 10/81 — Beschlußempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses — Drucksache 10/2605 — Eylmann CDU/CSU 8331 B Bachmaier SPD 8333 D Engelhard, Bundesminister BMJ . . . 8336 A Frau Reetz GRÜNE 8337 B Kleinert (Hannover) FDP 8337 D Urbaniak SPD 8338 B Lowack CDU/CSU (Erklärung nach § 31 GO) 8339 B Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Schmude, Frau Steinhauer, Amling, Büchner (Speyer), Klein (Dieburg), Lambinus, Becker (Nienberge), Berschkeit, Buckpesch, Buschfort, Dreßler, Esters, Fiebig, Frau Fuchs (Köln), Heistermann, Dr. Holtz, Frau Huber, Jaunich, Dr. Jens, Jung (Düsseldorf), Dr. Klejdzinski, Kretkowski, Liedtke, Lohmann (Witten), Frau Matthäus-Maier, Meininghaus, Menzel, Dr. Mertens (Bottrop), Dr. Müller-Emmert, Müntefering, Dr. Nöbel, Dr. Penner, Poß, Purps, Reschke, Reuschenbach, Sander, Schanz, Schlatter, Schluckebier, Frau Schmedt (Lengerich), Schmidt (Wattenscheid), Schmitt (Wiesbaden), Schröer (Mülheim), Steiner, Toetemeyer, Urbaniak, Westphal, Wieczorek (Duiburg), Wiefel, von der Wiesche, Wischnewski, Zeitler, Dr. Ehmke (Bonn), Ibrügger, Bernrath und der Fraktion der SPD Olympische Sommerspiele 1992 im Ruhrgebiet — Drucksache 10/2019 — Frau Steinhauer SPD 8340 B Beckmann FDP 8341 D Schwenninger GRÜNE 8343 B Schwarz CDU/CSU 8344 D Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Jugend, Familie und Gesundheit zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung Bericht über Erfahrungen mit dem Arzneimittelgesetz — Drucksachen 9/1355, 10/358 Nr. 80, 10/2413 — Frau Augustin CDU/CSU 8347 A Egert SPD 8348 C Frau Dr. Adam-Schwaetzer FDP . . . 8350 B Frau Dr. Hickel GRÜNE 8351 B Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Vierten Gesetzes zur Änderung der Bundesärzteordnung — Drucksache 10/1963 — Beschlußempfehlung und Bericht des Ausschusses für Jugend, Familie und Gesundheit — Drucksache 10/2586 — in Verbindung mit Zweite und dritte Beratung des von den Abgeordneten Jaunich, Frau Fuchs (Köln), Egert, Lutz, Glombig, Hauck, Kirschner, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Gewährleistung der Weiterbildung der Hausärzte in der kassenärztlichen Versorgung (Hausärzte-Weiterbildungsgesetz) — Drucksache 10/1755 — Beschlußempfehlung und Bericht des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung — Drucksache 10/2604 — Dr. Becker (Frankfurt) CDU/CSU . . . 8353 C Delorme SPD 8355 B Frau Dr. Adam-Schwaetzer FDP . . . 8358 B Frau Dr. Bard GRÜNE 8359 D Dr. Geißler, Bundesminister BMJFG . 8360 D Erklärungen nach § 31 GO Sielaff SPD 8363 C Dr. Faltlhauser CDU/CSU 8364 A Erste Beratung des von den Abgeordneten Frau Dr. Däubler-Gmelin, Lutz, Frau Fuchs (Köln), Bachmaier, Frau Blunck, Buschfort, Catenhusen, Delorme, Dr. Diederich (Berlin), Dreßler, Egert, Fiebig, Frau Fuchs (Verl), Gilges, Glombig, Frau Dr. Hartenstein, Hauck, Heyenn, Frau Huber, Immer (Altenkirchen), Jaunich, Jung (Düsseldorf), Kirschner, Dr. Kübler, Kuhlwein, Frau Dr. Lepsius, Frau Luuk, Frau Dr. Martiny - Glotz, Frau Matthäus-Maier, Müller (Düsseldorf), Frau Odendahl, Peter (Kassel), Reimann, Frau Renger, Frau Schmedt (Lengerich), Frau Schmidt (Nürnberg), Schreiner, Sielaff, Frau Simonis, Frau Dr. Skarpelis-Sperk, Dr. Soell, Frau Steinhauer, Stiegler, Frau Terborg, Frau Dr. Timm, Frau Traupe, Urbaniak, Weinhofer, Frau Weyel, von der Wiesche, Frau Zutt, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum Schutz der Teilzeitbeschäftigten — Drucksache 10/2559 — Lutz SPD 8364 D Frau Hürland CDU/CSU 8368 A Hoss GRÜNE 8370 D Cronenberg (Arnsberg) FDP 8372 A Frau Dr. Däubler-Gmelin SPD 8374 A Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Bereinigung wirtschaftsrechtlicher Vorschriften — Drucksache 10/1790 — Beschlußempfehlung und Bericht des Ausschusses für Wirtschaft — Drucksache 10/2579 — 8374 B Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Verkehr (14. Ausschuß) zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Dr. Adam-Schwaetzer, Frau Dr. Bard, Bastian, Baum, Frau Beck-Oberdorf, Bernrath, Berschkeit, Burgmann, Daubertshäuser, Drabiniok, Dr. Ehmke (Ettlingen), Fischer (Frankfurt), Frau Fuchs (Köln), Gilges, Frau Gottwald, Herterich, Frau Dr. Hickel, Dr. Holtz, Horacek, Hoss, Ibrügger, Dr. Jannsen, Frau Kelly, Kleinert (Marburg), Kretkowski, Krizsan, Lennartz, Frau Matthäus-Maier, Frau Nickels, Dr. Nöbel, Frau Potthast, Frau Reetz, Reents, Frau Renger, Sauermilch, Schily, Schlatter, Schneider (Berlin), Frau Schoppe, Schwenninger, Stratmann, Verheyen (Bielefeld), Vogt (Kaiserslautern), Frau Dr. Vollmer, Vosen, Wiefel, Wischnewski S-Bahn Köln in Verbindung mit zu dem Antrag der Abgeordneten Milz, Straßmeir, Schmitz (Baesweiler), Dr. Möller, Müller (Wesseling), Müller (Remscheid), Herkenrath, Krey, Braun, Louven, Wimmer (Neuss), Lamers, Broll, Dr. Daniels, Günther, Hauser (Krefeld), Dr. Kronenberg, Dr. Hupka, Pesch, Wilz, Dr. Pohlmeier, Schemken, Dr. Blank, Dr. Blens, Hanz (Dahlen), Bühler (Bruchsal), Fischer (Hamburg), Tillmann, Seesing, Dr. Pinger, Weiß, Dr. Hüsch, Haungs, Nelle, Bohlsen, Pfeffermann, Hoffie, Kohn, Paintner, Dr, Weng und der Fraktionen der CDU/CSU und FDP S-Bahn im Kölner Raum — Drucksachen 10/1376, 10/1724 (neu), 10/2573 — 8374 D Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung Vorschlag für eine Verordnung des Rates zur Einführung einer Beihilfe für die Wanderhaltung von Schafen, Ziegen und Rindern in Griechenland Vorschlag für eine Verordnung des Rates über die Verstärkung der Dienststellen für Qualitätskontrollen bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Griechenland Vorschlag für eine Verordnung des Rates zur Ermächtigung Griechenlands, eine Beihilfe für den Transport von Produktionsmitteln nach bestimmten Inseln zu gewähren — Drucksachen 10/1691 Nr. 12, 10/2534 — 8375B Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zu den Unterrichtungen durch die Bundesregierung Vorschlag für eine Verordnung (EWG) des Rates über die Verwendung von Isoglukose bei der Herstellung bestimmter Erzeugnisse im Sinne von Artikel 31 der Verordnung (EWG) Nr. 1785/81 Vorschlag einer Verordnung (EWG) des Rates zur Änderung der Verordnung (EWG) Nr. 1400/78 zur Festlegung von Grundregeln für die Erstattung bei der Erzeugung für in der chemischen Industrie verwendeten Zucker in Verbindung mit Vorschlag einer Verordnung (EWG) des Rates zur Festlegung der Grundregeln für die Verwendung von Zucker bei der Herstellung bestimmter Erzeugnisse der chemischen Industrie im Sinne von Artikel 31 der Verordnung (EWG) Nr. 1785/81 — Drucksachen 10/1589 Nr. 1, 10/1589 Nr. 5, 10/2547 — 8375 C Fragestunde — Drucksache 10/2587 vom 7. Dezember 1984 — Besetzung der Planstelle des Unterabteilungsleiters V b — Krankenversicherung — im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung mit einem der privaten Krankenversicherung nahestehenden Beamten MdlAnfr 53 07.12.84 Drs 10/2587 Kirschner SPD Antw PStSekr Höpfinger BMA 8302 A ZusFr Kirschner SPD 8302 B ZusFr Egert SPD 8302 C ZusFr Dreßler SPD 8302 D ZusFr Urbaniak SPD 8302 D ZusFr Lutz SPD 8302 D ZusFr Glombig SPD 8303 A ZusFr Dr. Sperling SPD 8303 B Kreditaufnahme der Rentenversicherung im Dezember 1984 MdlAnfr 54 07.12.84 Drs 10/2587 Kirschner SPD Antw PStSekr Höpfinger BMA 8303 B ZusFr Kirschner SPD 8303 D ZusFr Egert SPD 8304 A ZusFr Urbaniak SPD 8304 A ZusFr Dreßler SPD 8304 B ZusFr Lutz SPD 8304 C ZusFr Heyenn SPD 8304 D ZusFr Glombig SPD 8305A ZusFr Weinhofer SPD 8305 A ZusFr Schreiner SPD 8305 B ZusFr Reimann SPD 8305 C Finanzielle Situation der Rentenversicherung zwischen 1969 und 1982 MdlAnfr 55 07.12.84 Drs 10/2587 Stutzer CDU/CSU Antw PStSekr Höpfinger BMA 8305 D ZusFr Stutzer CDU/CSU 8306 B ZusFr Weinhofer SPD 8306 C ZusFr Kirschner SPD 8306 C ZusFr Urbaniak SPD 8306 D ZusFr Heyenn SPD 8307 A ZusFr Reimann SPD 8307 B ZusFr Egert SPD 8307 D ZusFr Lutz SPD 8308A ZusFr Kolb CDU/CSU 8308 A ZusFr Dreßler SPD 8308 B ZusFr Glombig SPD 8308 B Entwicklung der Einkommen der Rentner in den letzten Jahren MdlAnfr 58 07.12.84 Drs 10/2587 Seehofer CDU/CSU Antw PStSekr Höpfinger BMA 8308 C ZusFr Seehofer CDU/CSU 8308 D ZusFr Lutz SPD 8309 A ZusFr Kirschner SPD 8309 B ZusFr Egert SPD 8309 C ZusFr Dreßler SPD 8309 C ZusFr Heyenn SPD 8309 D ZusFr Glombig SPD 8310A ZusFr Frau Steinhauer SPD 8310C ZusFr Kolb CDU/CSU 8310 D ZusFr Möllemann FDP 8311A ZusFr Dr. Penner SPD 8311 B Auswirkung der Bevölkerungsentwicklung auf das finanzielle Gleichgewicht der gesetzlichen Rentenversicherung in der zweiten Hälfte der 90er Jahre MdlAnfr 60 07.12.84 Drs 10/2587 Keller CDU/CSU Antw PStSekr Höpfinger BMA 8311B ZusFr Keller CDU/CSU 8311C ZusFr Egert SPD 8311 D ZusFr Kolb CDU/CSU 8312A ZusFr Frau Steinhauer SPD 8312 B ZusFr Stutzer CDU/CSU 8312 C ZusFr Heyenn SPD 8312 C ZusFr Cronenberg (Arnsberg) FDP . . 8313A ZusFr Lutz SPD 8313 B ZusFr Kirschner SPD 8313 C ZusFr Glombig SPD 8313 D Maßnahmen zur Liquiditätssicherung in der Rentenversicherung MdlAnfr 61 07.12.84 Drs 10/2587 Kolb CDU/CSU Antw PStSekr Höpfinger BMA 8314A ZusFr Kolb CDU/CSU 8314 B ZusFr Frau Steinhauer SPD 8314C ZusFr Egert SPD 8314 D ZusFr Heyenn SPD 8315A ZusFr Kirschner SPD 8315 B ZusFr Reimann SPD 8315 C ZusFr Lutz SPD 8315 D ZusFr Schreiner SPD 8316A Verunsicherung der Beitragszahler und Rentner durch Äußerungen über Rentenzahlungen „auf Pump" MdlAnfr 62 07.12.84 Drs 10/2587 Jagoda CDU/CSU Antw PStSekr Höpfinger BMA 8316 B ZusFr Jagoda CDU/CSU 8316 C ZusFr Egert SPD 8317 B ZusFr Stutzer CDU/CSU 8317 D ZusFr Lutz SPD 8318A ZusFr Glombig SPD 8318 B ZusFr Schreiner SPD 8318 B ZusFr Heyenn SPD 8318 C ZusFr Kirschner SPD 8318 D ZusFr Frau Hürland CDU/CSU 8319A ZusFr Keller CDU/CSU 8319 B Nächste Sitzung 8375 D Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . 8376*A Anlage 2 Erklärung des Abg. Dr. Faltlhauser nach § 31 Abs. 1 GO zur Abstimmung über den Entwurf eines Vierten Gesetzes zur Änderung der Bundesärzteordnung (Drucksachen 10/1963, 10/2586) 8376* B 111. Sitzung Bonn, den 13. Dezember 1984 Beginn: 8.01 Uhr Vizepräsident Stücklen: Die Sitzung ist eröffnet. Erstens. Nach einer interfraktionellen Vereinbarung soll die heutige Tagesordnung um die Zusatzpunkte Zweite und Dritte Beratung des von der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines Ergänzungsabgabengesetzes, Drucksachen 10/2460, 10/2619, 10/2620, sowie Beratung des Antrags der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN, Giftgaskatastrophe in Bhopal und mögliche Konsequenzen für die chemische Produktion in der Bundesrepublik Deutschland, Drucksache 10/2612, erweitert werden. Ich gehe davon aus, daß mit der Aufsetzung des Entwurfs eines Ergänzungsabgabengesetzes gleichzeitig von der Frist für den Beginn der Beratungen abgewichen wird. — Ich sehe, daß das Haus damit einverstanden ist. Es wird so verfahren. Zweitens. Die Fraktion DIE GRÜNEN hat ihren Antrag Formaldehyd-Bericht, Punkt 19 der Tagesordnung, zurückgezogen. Drittens. Die Fraktion der CDU/CSU benennt als Nachfolger für den aus dem Gemeinsamen Ausschuß nach Art. 53 a des Grundgesetzes ausgeschiedenen Abgeordneten Straßmeir als stellvertretendes Mitglied den Abgeordneten Seiters. Ist das Haus damit einverstanden? — Ich sehe und höre keinen Widerspruch. Es ist so beschlossen. Damit ist der Abgeordnete Seiters als stellvertretendes Mitglied des Gemeinsamen Ausschusses gewählt. Vor Eintritt in die Tagesordnung: Die Fraktion der CDU/CSU hat beantragt, die heutige Tagesordnung um den Punkt Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und FDP eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Durchführung einer Repräsentativstatistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt — Mikrozensus —, Drucksache 10/2600, zu erweitern. Der Antrag ist rechtzeitig eingegangen. Wird zu diesem Antrag das Wort zur Geschäftsordnung gewünscht? — Bitte schön, Herr Abgeordneter Seiters. Seiters (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Namens der CDU/CSU-Fraktion beantrage ich, den vom Herrn Präsidenten bereits zitierten Gesetzentwurf auf die heutige Tagesordnung zu setzen. Ich beantrage gleichzeitig, ihn ohne Aussprache federführend an den Innenausschuß und — mitberatend — an den Wirtschaftsausschuß, an den Verkehrsausschuß, den Ausschuß für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit sowie an den Haushaltsausschuß zu überweisen. Zur Begründung darf ich daran erinnern, daß Erhebungen über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt in der Bundesrepublik Deutschland auf Stichprobenbasis bereits seit 1957 durchgeführt werden. Das geltende Mikrozensusgesetz sah die Fortführung dieser Erhebungen auch in den Jahren 1983 bis 1990 vor. Mit Blick auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 15. Dezember 1983 sind diese Erhebungen in den vergangenen zwei Jahren allerdings nicht durchgeführt worden. Nunmehr liegt der Entwurf für ein neues Mikrozensusgesetz vor, das statistische Erhebungen auf das unumgänglich notwendige Maß beschränkt und sämtliche Anforderungen aus dem Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts erfüllt. Zirka 600 000 Bürger, also 1 Prozent der Bevölkerung, sollen für eine amtliche Statistik befragt werden, die wichtige Daten zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Familien, zum Arbeitsmarkt und zu den Wohnverhältnissen liefert. Bund, Länder, Gemeinden, die Bundesanstalt für Arbeit, die Industrie und der Handel sind gleichermaßen dringend an diesen Ergebnissen interessiert, für die eine Fülle datenschutzrechtlicher Absicherungen besteht. Die Erhebungen sollen im Frühjahr, spätestens aber im Frühsommer durchgeführt werden. Im Blick auf die parlamentarischen Beratungen im Bundestag und im Bundesrat und mögliche Sachverständigenanhörungen ist die Aufsetzung dieses Gesetzentwurfes eilbedürftig. Ich bedanke mich bei der sozialdemokratischen Fraktion, daß sie der Aufsetzung dieses Tagesordnungspunktes zugestimmt hat. An die Adresse der Fraktion der GRÜNEN, die der Aufsetzung dieses Tagesordnungspunktes widersprechen, (Burgmann [GRÜNE]: Sehr zu Recht!) möchte ich sagen, daß ich Ihre Haltung in diesem Punkte überhaupt nicht verstehen kann. Sie werden umfassend Gelegenheit haben, sowohl im Ausschuß wie bei der Sachverständigenanhörung wie auch im Plenum, Ihre Meinung zu diesem Gesetzentwurf kundzutun. Es ist für mich ein doch etwas merkwürdiges Verfahren, allein schon die Beratung und die Debatte über ein solches Thema verhindern zu wollen. Das werden wir nicht zulassen. Deswegen haben wir unseren heutigen Antrag gestellt. Ich bitte Sie, unserem Anliegen zu entsprechen und die Möglichkeit zur Beratung dieses Gesetzentwurfes in den Ausschüssen und im Plenum des Deutschen Bundestages zu geben. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsident Stücklen: Das Wort zur Geschäftsordnung hat der Herr Abgeordnete Dr. Wernitz. Dr. Wernitz (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es wurde eben schon gesagt, die sozialdemokratische Bundestagsfraktion stimmt der Aufsetzung des Mikrozensusgesetzentwurfs auf die Tagesordnung und damit der Überweisung an den Innenausschuß und an andere Ausschüsse zur Mitberatung zu. (Fellner [CDU/CSU]: Sehr gut!) Es ist richtig, der Mikrozensus wurde im Zusammenhang mit der Aussetzung der Volkszählung 1983 und mit dem Volkszählungsurteil 1983 und 1984 nicht mehr durchgeführt. Diese Aussetzung hat zu einem Minus an wichtigem Datenbestand geführt. Wir bewerten das Volkszählungsurteil — das sei hier zur Begründung, weshalb wir zustimmen, deutlich gesagt — nach den zwei Aspekten, die man einbeziehen muß. Die Statistik wird in dem Volkszählungsurteil eindeutig als wichtiges Instrument für das staatliche Planungshandeln untermauert und gestützt. Das muß man sehen. Das bedeutet, daß am Sozialstaatsprinzip orientiertes Handeln ohne aktuelle Daten nicht möglich ist. Das ist aber nur der eine Aspekt. Der zweite Aspekt besteht darin, daß wir darauf achten müssen, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu wahren. Der Mikrozensus 1985 soll im zweiten Quartal 1985 laufen. Wenn wir mit beiden hier stichwortartig genannten Vorgaben konstruktiv und kritisch im Einklang bleiben wollen, dann müssen wir die verbleibende Zeit nutzen. Sozialdemokraten werden einem Mikrozensus mit heißer Nadel gestrickt nicht zustimmen. Aber weil wir die Vorgaben des Karlsruher Urteils ernst nehmen, wollen wir den Zeitrahmen optimal nutzen. In einem Vorgespräch habe ich mich mit den Obleuten darauf verständigt, daß wir eine öffentliche Anhörung zum Mikrozensusgesetzentwurf am 25. Februar haben wollen. Dazu brauchen wir hinreichend Vorbereitungszeit. Wir werden selbstverständlich auch hier im Haus und nicht nur im Rahmen der öffentlichen Anhörung alle Aspekte gründlich prüfen hinsichtlich des Umfangs der Datenerhebung, hinsichtlich der Sicherungsmaßnahmen des Verfahrens. Nichts fällt unter den Tisch. Alles muß auf den Tisch kommen. In diesem Sinne werden wir an die Arbeit gehen. Ich bitte alle, auch die GRÜNEN, diesem Verfahren zuzustimmen, weil wir auf diese Weise eine optimale Beratung des Mikrozensusgesetzes in diesem Hause und eine gute Information der Öffentlichkeit erreichen können. Wir stimmen der Aufsetzung und der Überweisung auf die Tagesordnung zu. (Beifall bei Abgeordneten der SPD) Vizepräsident Stücklen: Das Wort zur Geschäftsordnung hat der Abgeordnete Wolfgramm. Wolfgramm (Göttingen) (FDP): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir haben im Frühjahr des nächsten Jahres auf Grund einer EG-Verordnung eine Stichprobenerhebung zur Frage „Arbeitskräfte in der Europäischen Gemeinschaft". Diese Frage ist bei uns nicht zu behandeln, wenn wir nicht die gesetzliche Grundlage dafür gelegt haben, nämlich eben durch dieses Gesetz, um das es im Augenblick geht. Es sind also nicht nur die Fragen, daß wir seit zwei Jahren keine verläßlichen stichprobenartig ermittelten Daten haben, sondern es geht um ein EG-Gesetz, das wir nicht vollziehen können, dem wir nicht nachkommen können. Im übrigen stellt sich die Frage an die GRÜNEN, wenn Sie hier eine Fülle von Anfragen stellen, (Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Und Forde - rungen!) deren Beantwortung nur mit entsprechend gesicherten statistischen Daten möglich ist, z. B. „gesellschaftliche Kosten des Automobilverkehrs" oder ähnliches, dann können Sie sich logischerweise der Ermittlung solcher Daten nicht entziehen, (Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und bei Abgeordneten der SPD) es sei denn, Sie wollen vorsätzlich oder absichtlich verhindern, daß solche Daten ermittelt werden, damit Ihre Anfragen auf der Basis alter ungesicherter Daten beantwortet werden. Das können Sie ja gleich hier vortragen, wie Sie das halten wollen. (Zuruf der Abg. Frau Reetz [GRÜNE]) Im übrigen ist die Ermittlung von Daten, von statistischem Material nicht ganz neu. Vor 1984 Jahren haben wir das schon einmal erlebt, zu einer Zeit, als Quirinius Landpfleger in Syrien war, hat Kaiser Augustus ein Gebot ausgehen lassen, „daß alle Welt sich schätzen lasse; und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt". Die weitere Entwicklung ist bekannt. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU so wie bei Abgeordneten der SPD) Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat Frau Abgeordnete Nickels. Frau Nickels (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Nach Art. 76 Grundgesetz werden Gesetzesvorlagen beim Bundestag „durch die Bundesregierung" oder „aus der Mitte des Bundestages" eingebracht. Vorlagen der Bundesregierung sind zunächst dem Bundesrate zuzuleiten. Der Bundesrat ist berechtigt, innerhalb von sechs Wochen zu diesen Vorlagen Stellung zu nehmen. — Sechs Wochen: Diese Frist ist uns wichtig! Die Bundesregierung kann eine Vorlage, die sie ... als besonders eilbedürftig bezeichnet hat, nach drei Wochen dem Bundestage zuleiten, auch wenn die Stellungnahme des Bundesrates noch nicht bei ihr eingegangen ist. So weit zu Art. 76. Man kann daraus folgendes schließen, und das ist auch der Grund, warum wir der Aufsetzung nicht zustimmen, Herr Seiters: Die Bundesregierung bringt ihre Gesetze in aller Regel über den Bundesrat ein. Sinn der Sache ist, daß die Länder vor Einbringung des Gesetzentwurfes in den Bundestag hierzu ihre Stellungnahme abgeben. Das bedeutet, daß jedes einzelne Land den Gesetzentwurf zur Stellungnahme bekommt, also auch die von der Opposition regierten Bundesländer. Für dieses uns vorliegende Gesetz bedeutet das, weil es sich um den Mikrozensus handelt, also auch um Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit, daß die Länder ihre Landesdatenschutzbeauftragten zwecks Stellungnahme automatisch eingeschaltet hätten. Wenn nun die Bundesregierung den ungewöhnlichen Weg beschreitet, nicht als Bundesregierung, sondern als CDU/CSU- und FDP-Fraktionen den Gesetzentwurf aus der Mitte des Bundestages, nämlich als Fraktionsgesetzentwurf einzubringen, (Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Sowohl als auch!) so kürzt sie das Verfahren damit nicht nur gewaltig ab, sondern hindert auch die Länderdatenschutzbeauftragten daran, in dem üblicherweise vorgeschalteten Verfahren der Stellungnahme des Bundesrates ihre Gegenargumente vorzutragen. Unglaublich ist dies für uns vor allen Dingen deshalb, weil der Bundesregierung bekannt ist, daß die Länderdatenschutzbeauftragten schwerwiegende Argumente gegen den Gesetzentwurf haben. (Beifall bei den GRÜNEN) So hat sich der Landesdatenschutzbeauftragte des Landes Hessen, Simitis, schon am Dienstag vehement gegen das Mikrozensus-Gesetz ausgesprochen. Darum müssen diese Datenschutzbeauftragten gehört werden, da nach § 7 des Gesetzentwurfes über den Mikrozensus die Statistischen Ämter der Länder als Erhebungsstellen für den Mikrozensus gelten. Die Länder sind also unmittelbar berührt. Durch die jetzt gewählte Einbringungsform aus der Mitte des Bundestages beschränkt sich das Recht des Bundesrates darauf, nach Art. 77 nach Abschluß des Gesetzgebungsverfahrens dem Bundestag seine Zustimmung zu erteilen. Da im Bundestag die Regierungsparteien bekanntlich die Mehrheit haben, wird der Bundesrat dem wohl auch zustimmen. Eine Stellungnahme zu dem bereits beschlossenen Gesetz kann der Bundesrat nicht mehr abgeben, es sei denn, er ruft den Vermittlungsausschuß an, was aber wegen der bekannten Mehrheiten auch sehr unwahrscheinlich ist. Es handelt sich hierbei also in Wirklichkeit um einen verkappten Regierungsentwurf. Dieser Regierungsentwurf ist vom Innenministerium ausgearbeitet worden und wurde vom Innenministerium nach nochmaliger Überarbeitung des Vorentwurfes des Innenministeriums in die endgültige Fassung gebracht. Hinzu kommt, daß er entgegen den parlamentarischen Fristen über den Kopf der Opposition hinweg auf die Tagesordnung gesetzt wird. Dies alles ist auch noch auf dem Hintergrund zu sehen, daß es sich praktisch um die Volkszählung — wenn auch in verkleinerter Form — handelt, mit der ganzen parlamentarischen, außerparlamentarischen und gerichtlichen jüngeren Geschichte, die daran hängt. Herr Wolfgramm, zu Ihren Argumenten möchte ich bemerken, daß die meisten EG-Länder und außerdem auch Schweden bisher alle ihre wirklich benötigten statistischen Daten per freiwilliger Befragung mit den besten Erfolgen und ohne Fehlerquote erhoben haben. (Zuruf von der CDU/CSU: Wie sieht es denn da aus?) Zum Schluß ist mir noch wichtig, daß die Bundesregierung mit dieser schnellen Einbringung ihre ursprüngliche Argumentationslinie verlassen hat. Die Bundesregierung hat sich bisher bei dem Versuch, die Volkszählung durch Totalerhebung durchzusetzen, immer darauf berufen, daß diese unbedingt notwendig sei, um die Ergebnisse des Mikrozensus hochrechnen zu können. Eine Totalerhebung sei praktisch die Voraussetzung für die Brauchbarkeit des Mikrozensus. Danach ist es unverständlich, daß der Mikrozensus jetzt der Volkszählung vorausgeschickt wird. Nach der eigenen Logik der Bundesregierung wäre es sinnvoller, den Mikrozensus mit dem Volkszählungsgesetz zusammen in einem Paket zu beraten und in Kraft zu setzen. Die jetzt gewählte Verfahrensweise hat noch nicht einmal sachliche Gründe, wenn man einmal die Argumentation der Bundesregierung unterstellt. (Beifall bei den GRÜNEN) Vizepräsident Stücklen: Wir kommen zur Abstimmung über den Geschäftsordnungsantrag der Fraktion der CDU/CSU. Wer der Aufsetzung auf die Tagesordnung zuzustimmen wünscht, den bitte ich um das Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen? — Bei einer Anzahl von Enthaltungen mit großer Mehrheit auf die Tagesordnung gesetzt. Wir treten in die Tagesordnung ein. Ich rufe den soeben aufgesetzten Zusatzpunkt auf: Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und FDP eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Durchführung einer Repräsentativstatistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt — Mikrozensus — — Drucksache 2600 — Wird das Wort dazu gewünscht? — Das ist nicht der Fall. Interfraktionell wird vorgeschlagen, den Gesetzentwurf auf Drucksache 10/2600 an den Innenausschuß — zur federführenden Beratung — , den Haushaltsausschuß, den Wirtschaftsausschuß, den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit, den Verkehrsausschuß und den Ausschuß für Raumordnung, Bauwesen und -Städtebau — zur Mitberatung — zu überweisen. Gibt es noch weitere Vorschläge zur Mitberatung? — Das ist nicht der Fall. Da ich keine gegenteilige Meinung höre, ist die Überweisung so beschlossen. Ich rufe Zusatzpunkt 5 der Tagesordnung auf: Zweite und dritte Beratung des von der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über eine Ergänzungsabgabe zur Einkommensteuer und zur Körperschaftsteuer (Ergänzungsabgabengesetz — Erg - AbG) — Drucksache 10/2460 — a) Beschlußempfehlung und Bericht des Finanzausschusses (7. Ausschuß) — Drucksache 10/2619 — Berichterstatter: Abgeordnete Jung (Lörrach) Dr. Spöri b) Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung — Drucksache 10/2620 — Berichterstatter: Abgeordnete Carstens (Emstek) Hoppe Wieczorek (Duisburg) Verheyen (Bielefeld) Meine Damen und Herren, interfraktionell ist für die Aussprache ein Beitrag bis zu 10 Minuten für jede Fraktion vereinbart worden. Ist das Haus damit einverstanden? — Es ist der Fall. Dann ist so beschlossen. Wird das Wort zur Berichterstattung gewünscht? — Das ist nicht der Fall. Zur Geschäftsordnung hat Herr Abgeordneter Porzner das Wort. Porzner (SPD): Herr Präsident! Meine verehrten Damen und Herren! Ich beantrage nach § 42 unserer Geschäftsordnung die Herbeirufung des Herrn Bundeskanzlers, des Bundesfinanzministers, des Sozialministers und des Familienministers. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Es ist unmöglich, daß wir diesen Tagesordnungspunkt — nach der Vorgeschichte über Monate — diskutieren, ohne daß die von mir soeben genannten Mitglieder der Bundesregierung und der Bundeskanzler anwesend sind. (Krizsan [GRÜNE]: Recht haben Sie!) Falls es Mißverständnisse gegeben haben sollte, wann dieser Tagesordnungspunkt beraten werden soll, kann ich nur sagen: Seit dem gestrigen frühen Nachmittag ist unter den Fraktionen vereinbart, daß dieser Tagesordnungspunkt jetzt um 8.15 Uhr oder 8.20 Uhr beraten wird. Es kann also bei den Beteiligten gar kein Mißverständnis aufgekommen sein. (Lebhafter Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN) Vizepräsident Stücklen: Zur Geschäftsordnung hat das Wort der Herr Abgeordnete Seiters. Seiters (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Fraktion der CDU/CSU widerspricht diesem Antrag, nicht deswegen, weil wir der Meinung wären, der Bundeskanzler wolle oder solle an dieser Debatte nicht teilnehmen. Der Bundeskanzler wird an dieser Debatte teilnehmen. Aber Sie wissen selber ganz genau, Herr Kollege Porzner, wenn Sie sich an die letzten Tage und auch an die Stunden des gestrigen Tages erinnern — — (Zuruf von der SPD) — Nun hören Sie mir doch bitte einmal zu. Wir sind nun wirklich gestern nachmittag nach unserer Fraktionssitzung in Übereinstimmung verblieben, daß dieser Punkt Ergänzungsabgabe auf Wunsch der sozialdemokratischen Fraktion auf die Tagesordnung — — (Dr. Spöri [SPD]: Das ist doch selbstver ständlich!) — Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Wir haben zugestimmt, daß dieser Gesetzentwurf auf die Tagesordnung kommt, daß er Ihrem Wunsch entsprechend heute morgen verhandelt wird und daß wir in einer Debattenrunde darüber sprechen. Und ich entnehme aus dem Nicken des Kollegen Porzner, daß dieses alles bisher einvernehmlich geschehen ist. Aber Sie wissen auch, daß noch bis zum gestrigen Nachmittag, bis in die Abendstunden praktisch die Frage der Aktuellen Stunde, wann sie aufgesetzt werden sollte usw., mit gewissen Fragezeichen versehen war. Das erklärt, warum um diese Minute der Bundeskanzler noch nicht da ist. Er wird aber gleich kommen. Und da das der Fall ist, widersprechen wir Ihrem Antrag und bitten, ihn abzulehnen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsident Stücklen: Weitere Wortmeldungen zur Geschäftsordnung liegen nicht vor. Ich lasse über den Antrag der SPD zur Geschäftsordnung nach § 42, Herbeirufung von Mitgliedern der Bundesregierung, abstimmen. Wer diesem Antrag zuzustimmen wünscht, den bitte ich um ein Handzeichen. — Danke. Gegenprobe! — Danke. Enthaltungen? — Meine Damen und Herren, Sie wissen, daß ein Abstimmungsergebnis nur bekanntgegeben werden kann, wenn hier im Sitzungspräsidium Übereinstimmung besteht. Dies ist nicht der Fall. Ich versuche die einfachere Feststellung von Mehrheiten mit dem Aufstehen. Dann kommt der Hammelsprung. Darf ich bitten, wer diesem Antrag zuzustimmen wünscht, sich vom Platz zu erheben. — Danke. Gegenprobe! — Danke. Enthaltungen? — Keine. Wie sieht es jetzt aus? — Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich darf zur Auszählung bitten. Wir treten in den Hammelsprung ein. (Amling [CDU/CSU]: Es wird draußen nicht geklingelt!) — Meine Damen und Herren, es ist nicht geklingelt worden. Es wird geklingelt. Ich darf alle Abgeordneten, die sich an der Abstimmung beteiligen wollen, bitten, den Plenarsaal zu verlassen. — Ich bitte die Schriftführer, ihre Plätze an den drei Türen einzunehmen — und zwar jeweils einen von der Koalition und einen von der Opposition. (Seiters [CDU/CSU]: Es ist noch nicht ge - klingelt worden!) — Mir wird mitgeteilt, daß nicht zum Hammelsprung geklingelt worden ist. Ich bitte deshalb um Verständnis, wenn eine Verzögerung eintritt. Ich bitte, unverzüglich das Signal zum Hammelsprung zu geben. — (Amling [CDU/CSU]: Herr Präsident, Sie müssen zwei Schriftführer benennen! Wir sind nur vier!) — Herr Abgeordneter Seiters, ist an jeder Tür ein Schriftführer aus den Reihen der CDU/CSU und der FDP? — Ich bitte, mir Abgeordnete zu benennen, die ich ad hoc zu Schriftführern ernennen kann. Das gleiche gilt auch für die SPD und die GRÜNEN. — Die von mir aus gesehen linke Tür ist korrekt besetzt. Die mittlere Tür ist korrekt besetzt. Was ist mit der rechten Tür? — Nein, nein, so geht es nicht, wir brauchen noch einen Schriftführer von der anderen Farbe. Frau Abgeordnete Geiger, bitte an die rechte Tür. — Ich bitte, die Türen zu schließen und auf das Zeichen hin wieder zu öffnen, damit die Abstimmung korrekt beginnen kann. — Ich bitte, die Türen zu schließen; das ist in der Geschäftsordnung so vorgesehen. Ich bitte die Schriftführer, mit der Auszählung zu beginnen. — (Voigt [Frankfurt] [SPD]: Der Bundeskanzler stimmt gerade gegen seine eigene Herbeirufung! — Dr. Vogel [SPD]: Diese Art von Öffentlichkeitsarbeit ist unbezahlbar!) Meine Damen und Herren, ich darf bei den Schriftführern anfragen, ob sie den Eindruck haben, daß sich noch weitere Abgeordnete an der Abstimmung durch Hammelsprung beteiligen wollen. Wenn dies nicht der Fall ist, bitte ich darum, die Türen zu schließen. Oder besteht doch noch Bedarf? — Bitte sehr. Meine Damen und Herren, ich bitte, die Türen zu schließen. Die Abstimmung mittels Hammelsprung ist damit abgeschlossen. Ich bitte die Schriftführer, mir die Zählergebnisse mitzuteilen. Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, die Plätze einzunehmen. — Über den Geschäftsordnungsantrag nach § 42 der Geschäftsordnung wurde mittels Hammelsprung abgestimmt. Das Ergebnis lautet: Ja: 137; Nein: 203; Enthaltungen: keine. Damit ist der Antrag abgelehnt. Im übrigen hat er sich, wie ich mit meinem ungetrübten Auge feststellen kann, zwischenzeitlich auch erledigt. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Herr Abgeordnete Spöri. — Ich bitte, sich jetzt ganz auf die Aussprache zu konzentrieren. Vielen Dank. — Herr Abgeordneter Spöri, einen Augenblick noch, bitte. Ich darf bitten, daß alle Abgeordneten, die sich an der Aussprache beteiligen wollen — das gilt sowohl für die rechte als auch für die linke Seite —, ihre Plätze einnehmen. — Herr Abgeordneter Spöri, Sie haben das Wort. Dr. Spöri (SPD): Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Guten Morgen, Herr Bundeskanzler! (Beifall bei der SPD — Zurufe von der CDU/CSU: Guten Morgen, Herr Spöri!) Mit Entzücken haben wir festgestellt, daß Sie soeben beim Hammelsprung durch die Nein-Tür gelaufen sind und somit gegen Ihre eigene Anwesenheit bei diesem wichtigen Thema gestimmt haben. (Heiterkeit und Beifall hei der SPD und bei Abgeordneten der GRÜNEN — Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Witzig!) Aber, meine Damen und Herren, das nimmt mich überhaupt nicht wunder: Das Null-Ergebnis der gestrigen zweiten Koalitionsrunde in Sachen Solidarbeitrag Besserverdienender ist ein einmaliges Armutszeugnis der Führungskraft eines Bundeskanzlers. (Beifall bei der SPD und des Abg. Sauer milch [GRÜNE]) Die Bundesregierung gibt heute ihr Versprechen preis, zumindest mit einem Ersatz für die Zwangsanleihe auch nur annähernd für soziale Symmetrie in ihrer Finanzpolitik zu sorgen. Damit bricht der Bundeskanzler sein vollmundiges Versprechen, für einen anderen Solidarbeitrag als die Zwangsanleihe zu sorgen, deren Scheitern er von vornherein riskiert, wenn nicht gar erwartet hat. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sehr wahr!) Lassen Sie mich zunächst einmal etwas zum Begriff der sozialen Symmetrie sagen, gerade weil er von einem Teil der Koalition in den letzten Wochen mit einer Aggressivität, j a mit Hohn und mit einer geschauspielerten Empörung z. B. vom Außenminister angegangen worden ist, (Zuruf des Abg. Dr. George [CDU/CSU]) daß eigentlich auch einige in den Unionsreihen über diesen Stil betroffen sein müßten. Das war eine Kampagne, die mit Kampfparolen wie „Neidsteuer" gespickt war, die unter totaler Verzerrung der Ausgangslage der Öffentlichkeit vorgaukeln wollte, es gehe darum, finanzpolitische Gehässigkeit gegen höher Einkommensschichten mit einer Strafabgabe auszutoben. Diejenigen Herren, die aus der FDP — wie zunächst ein Herr Grünbeck, der neue Bauchredner von Herrn Genscher, und dann mit großem Lustgefühl Herr Genscher selbst — diese Kampfparolen von der Neidsteuer ausgaben, haben nicht nur vergessen machen wollen, daß es sich hier um einen finanzpolitischen Solidarbeitrag handelt, den untere und mittlere Einkommensschichten schon längst in viel stärkerem Umfang erbracht haben; nein, viel schlimmer ist eigentlich die Tatsache, daß es hier bei diesen „Beschützern" der deutschen Leistungsträger keinerlei Gespür dafür gibt, daß finanzpolitische Opferparolen, die Rentnern, Behinderten und Arbeitnehmerfamilien schmerzhafte Milliardenverzichte abverlangt haben — 70 Milliarden mindestens in der mittelfristigen Finanzplanung —, völlig unglaubwürdig werden müssen, wenn ausgerechnet gehobene Einkommensschichten nicht entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit belastet werden. (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten der GRÜNEN) Wer so jeden ernsthaften Versuch der Annäherung an ein sicher nicht präzise quantifizierbares Gerechtigkeitsziel in der Finanzpolitik als Strafaktion gegen die Leistungsträger in dieser Gesellschaft umfälscht, treibt in Wahrheit ein ganz durchtriebenes, gerissenes Privilegienspiel in seiner Finanzpolitik. (Beifall bei der SPD) Ich muß Ihnen dazu sagen: Ich kann Herrn Geißler in diesem Punkt nur zustimmen — das passiert nicht oft —, wenn er noch am Wochenende diese Phrasen als dummes Gerede der FDP über die Neidsteuer bezeichnet hat — zitiert aus der „Welt" vom letzten Montag —. (Beifall bei der SPD) Man kann die ganze Fragwürdigkeit der Argumente gegen einen wirklichen Solidarbeitrag Besserverdienender eigentlich nicht besser formulieren, als Heribert Scharrenbroich, der Hauptgeschäftsführer der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, es getan hat. Ich zitiere wörtlich aus einer Sendung des Südwestfunks am 26. November 1984. Scharrenbroich sagt: Ich meine auch, man sollte die Kirche im Dorf lassen. Wenn jemand 140 000 DM Jahreseinkommensteuer zahlt, wird dessen Leistungswille dadurch, daß er jetzt im Jahr 7 000 DM weniger Steuern zahlen muß, keineswegs gefährdet. Um diesen Grundgedanken handelt es sich bei der Ergänzungsabgabe. Mit diesem von 1985 bis 1987 befristeten Solidarbeitrag von 5 % der Lohn- und Einkommensteuer wird persönliche Leistung nicht ernsthaft beeinträchtigt, sondern notwendiger finanzieller Spielraum für dringende zusätzliche Anstrengungen im Bereich privater und öffentlicher Investitionen in Richtung auf mehr Umweltschutz geschaffen. • (Beifall bei der SPD) Was die Behauptung anlangt, durch die Ergänzungsabgabe als Belastung würden auf der Aufkommenseite private Investitionen abgewürgt, so möchte ich hier die Gegenthese formulieren: Eine zeitlich auf drei Jahre eindeutig befristete Ergänzungsabgabe wird in der Tendenz eher zu zusätzlichen Investitionen führen, die vorgezogen werden, um über höhere degressive Abschreibungen jetzt diese Abgabe in den Unternehmen finanziell aufzufangen, zumal ab 1988 anschließend ein niedrigerer Steuertarif gilt. Da werden die Unternehmen ihre zeitliche Gestaltungsmöglichkeit bei der Einkommensgestaltung nutzen. Meine Damen und Herren — zumindest von der Union, von der CDU —, warum sollte in diesem Haus ein gemeinsamer Beschluß über eine Ergänzungsabgabe nicht möglich sein, wenn nicht nur die Sozialausschüsse, sondern auch der Chef des zweitstärksten CDU-Landesverbandes — Kurt Biedenkopf — zur Finanzierung der Altlasten in der Umwelt genau unseren Vorschlag einer Ergänzungsabgabe unterstützt und erst letzte Woche in einem Papier bekräftigt hat? Aber wir wissen ja, warum diesem einfachen, verfassungsrechtlich unproblematischen und wirtschaftspolitisch effektivsten Weg eines Solidarbeitrags Besserverdienender bei der Union nicht zugestimmt werden darf. Ich zitiere dazu wörtlich ein nettes Bonbon aus der Bild- Zeitung vom 26. November über die Sympathisantenszene in der CDU zur Ergänzungsabgabe: Es ist eine Zumutung für die FDP, wenn jetzt einige schwarze Marxisten — nicht etwa aus Afrika, sondern anscheinend in Ihren Reihen — in der CDU glauben uns eine Neidhammelrepublik bescheren zu können. (Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Die Herrenmen - schen der Elite! — Dr. Vogel [SPD]: Die gei stig-moralische Erneuerung!) Natürlich glauben Herr Genscher und sein neuer Bauchredner, Herr Grünbeck, der über die sozialistische Wende tönt, nicht im Ernst daran, daß die Ergänzungsabgabe wirtschaftspolitisch gefährlich ist. Nein, 'diese Kampagne gegen eine ernsthafte Alternative zur Zwangsanleihe war für Herrn Genscher nur eine wunderbare Spielwiese, um das innerhalb der Koalition fehlende wirtschaftspolitische Profil der FDP in Abgrenzung zu CDU und insbesondere auf Kosten von Finanzminister Stoltenberg wieder etwas herauszuarbeiten. Und wenn diese Aktion dann noch unter bayerischem Flankenschutz gelaufen ist, dann hatte das bei dieser wechselhaften Männerfreundschaft zwischen Kanzleramt und München sicherlich nicht nur fachpolitische Gründe. (Beifall bei der SPD) Meine Damen und Herren, was hier abläuft, ist eine Kampagne, die sich an die Einkommenselite unserer Gesellschaft richtet. Nichts gegen leistungsorientierte Spitzeneinkommen, meine Damen und Herren! Aber diese Kampagne soll doch nur zeigen, wer in Geldfragen innerhalb der Koalition einseitige Lobbyarbeit für Besserverdiener am besten macht. Hier soll eine Luxus-FDP als Garant dafür propagiert werden, daß sich „Leistung wieder lohnt", wie es so schön ideologisch verbrämt wird. Das Interessante und Entlarvende daran ist nur, daß die finanzpolitische Pflege des Leistungswillens erst bei über 50 000 bzw. 100 000 DM Jahreseinkommen anfängt (Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Sehr wahr!) und die übrigen 90 % der Gesellschaft problemlos bei den Sparoperationen belastet werden können. (Beifall bei der SPD) Die Facharbeiter bei Daimler oder VW sind anscheinend keine Leistungsträger nach diesem Begriffsschema, in dieser Vorstellungswelt der FDP. (Beifall bei der SPD) Liebe Kolleginnen und Kollegen, nach all diesen Täuschungsmanövern mit der Zwangsanleihe — zunächst nicht rückzahlbar, dann rückzahlbar, dann überhaupt nichts mehr — beantrage ich in der Frage eines Solidarbeitrags Besserverdienender im Zusammenhang mit dem von uns vorgelegten Gesetzentwurf im Namen meiner Fraktion namentliche Abstimmung. Niemand, der vielleicht den Sozialausschüssen in der Union nahesteht, soll sich mit der Ausrede an unbequemen Fragen im Wahlkreis vorbeidrücken können, er habe keine Chance gehabt, hier parlamentarisch für einen Solidarbeitrag zu stimmen. (Beifall bei der SPD) Unser Angebot steht: Wer in der Koalition die Lasten in der Finanzpolitik wirklich gerechter verteilen will, hat heute die letzte Gelegenheit, die Fehler in dieser Frage auszubügeln, indem er unserem Gesetzentwurf doch noch zustimmt. Er ist der beste Weg, Konsolidierung, soziale Symmetrie und Beschäftigungspolitik in Einklang zu bringen. Meine Damen und Herren von der Union, wenn Sie diesem Gesetzentwurf nicht zustimmen, beteiligen Sie sich an einer in der Geschichte der Bundesrepublik einmaligen Kohl-Lüge. Ich fordere den Bundeskanzler auf, hierzu Stellung zu nehmen. Herzlichen Dank. (Anhaltender Beifall bei der SPD) Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Jung (Lörrach). (Dr. Vogel [SPD]: Der neue Bundeskanzler! — Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Und der Bun - deskanzler?) Jung (Lörrach) (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Zunächst, Herr Dr. Spöri, möchte ich Sie freundlichst bitten, auch dann, wenn Sie einen humorvollen Beitrag bringen, Ihr logisches Denken nicht auszuschalten. Der Herr Bundeskanzler hat vorhin beim Hammelsprung nicht gegen seine Anwesenheit gestimmt — sonst hätte er gar nicht zu kommen brauchen —, sondern er hat dagegen gestimmt, daß Sie ihn völlig unnötigerweise zitieren, da er schon da war. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Dr. Spöri [SPD]: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen!) Im übrigen, meine Damen und Herren: Wir, die Koalition der Mitte, (Lachen bei der SPD) die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, lassen uns von niemandem ein schlechtes Gewissen einreden, (Lebhafte Zurufe von der SPD) weil wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Steuererhöhung als schädlich betrachten. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zurufe von der SPD) Dafür gibt es einige sehr beachtenswerte Gründe. Sie liegen erstens im rechtspolitischen Bereich, zweitens aber auch und sehr wesentlich im konjunkturpolitischen und sozialen Bereich. (Zuruf des Abg. Dr. Spöri [SPD]) Ich komme zunächst zur rechtspolitischen Seite. Meine Damen und Herren, ich glaube, auch der einfachste Bürger hat begriffen, daß nach diesem Urteil des Bundesverfassungsgerichts und nach dessen Begründung eine Ergänzungsabgabe zum jetzigen Zeitpunkt ohne eine dringende Notwendigkeit ein Spiel mit dem Feuer wäre. Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Jahn? Jung (Lörrach) (CDU/CSU): Herr Präsident, ich verneine. Das gilt für meine ganze Rede. Vizepräsident Stücklen: Dies gilt für die ganze Zeit der Ausführungen des Herrn Abgeordneten Jung. Jung (Lörrach) (CDU/CSU): Eine Ergänzungsabgabe zum jetzigen Zeitpunkt wäre ein Spiel mit dem Feuer. Ich habe den Eindruck, als habe die SPD eine insgeheime Leidenschaft dafür, wieder einmal eine verfassungsmäßige Bauchlandung zu machen, wie das oft während ihrer Regierungszeit geschehen ist. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Dr. Spöri [SPD]: Ihr brecht die Verfassung! — Weitere lebhafte Zurufe von der SPD — Glocke des Präsidenten) Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter Jung, einen Augenblick. Darf ich um Ruhe bitten. Wir haben nur Kurzbeiträge von zehn Minuten. (Dr. Vogel [SPD]: Das können Sie ruhig verlängern! Geben Sie dem Herrn zwanzig Minuten!) Jung (Lörrach) (CDU/CSU): Der wichtigste Grund unserer Ablehnung liegt im konjunkturpolitischen und sozialpolitischen Bereich. Es ist gar keine Frage: Eine Ergänzungsabgabe hat dieselbe Wirkung wie eine Erhöhung der Einkommen- und der Lohnsteuer. (Zuruf des Abg. Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]) Das, meine Damen und Herren, wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt für breite Schichten unserer arbeitenden Bevölkerung unzumutbar. (Dr. Spöri [SPD]: Was war denn mit der Zwangsanleihe? — Weitere Zurufe von der SPD) Es sind immerhin die wirtschaftswissenschaftlichen Institute der Bundesrepublik, die uns immer wieder vorrechnen, daß ein bundesdeutscher Arbeiter von jeder zusätzlich verdienten Mark nicht einmal mehr 40 Pfennig auf die Hand bekommt. Mehr als 60 Pfennig gehen weg für Steuern und Sozialabgaben. Dies ist ein unsozialer Zustand. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Auf der anderen Seite unserer sozialen Partnerschaft ist festzustellen, daß die Kapitaldecke der bundesdeutschen Wirtschaft von Jahr zu Jahr dünner geworden ist. Vor zehn oder zwölf Jahren hatten wir noch eine Eigenkapitaldecke von 50 % zu verzeichnen. Sie ist heute auf unter 20 % zusammengeschmolzen. (Dr. Vogel [SPD]: Warum haben Sie es denn im Wahlprogramm versprochen? — Zuruf des Abg. Dr. Spöri [SPD] — Weitere Zurufe von der SPD) Das ist ein wirtschaftlich schädlicher Zustand. So kann und darf es nicht weitergehen. Wir müssen dem Bürger das Geld in der Tasche lassen und dürfen ihn nicht durch Steuererhöhungen noch mehr schröpfen wollen. (Dr. Spöri [SPD]: Sie haben es doch im Wahlprogramm versprochen!) Vor sieben Jahren — Herr Dr. Spöri, hören Sie einmal zu —, im Jahre 1977, waren es 39 % der Steuerzahler, die von der sogenannten Steuerprogression erfaßt wurden. (Dr. Spöri [SPD]: Das sind alles Nebelgra - naten! Reden Sie doch über die Zwangsan leihe!) Sie haben damals schon 76 % des Gesamtaufkommens an der Lohn- und Einkommensteuer gezahlt. Im Jahre 1979 war es die Hälfte der Steuerzahler; sie haben damals 83 % des Steueraufkommens gezahlt. Und heute zahlen 57 % der Steuerzahler in der Progressionszone 92 % des gesamten Aufkommens. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Alles Ab lenkungsmanöver! Sie haben ein schlech tes Gewissen!) Ich betone noch einmal: Das ist ein unsozialer Zustand. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Ihrer! Sehr richtig!) Wir werden diesen heimlichen Steuererhöhungen in Milliardenhöhe pro Jahr den Kampf ansagen. Das geht eben nicht mit Steuererhöhungen, sondern nur mit Steuersenkungen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Die Bezieher der höheren Einkommen werden jetzt schon überproportional belastet. Bereits ab 60 000 DM bzw. 120 000 DM Einkommen ist nach dem jetzt geltenden Steuertarif jede zusätzlich verdiente Mark mit mindestens 50 Pfennig Einkommensteuer belastet. Rechnen Sie noch die Sozialabgaben dazu; dann können Sie selber ausrechnen, was von einer zusätzlich verdienten Mark noch übrigbleibt. (Dr. Spöri [SPD]: Er redet am Thema vor bei!) In der unteren Proportionalzone, bis 18 000 DM bzw. 36 000 DM Einkommen, ist eine zusätzlich verdiente Mark nur mit 22 Pfennig Lohnsteuer belastet. Unser progressiver Einkommensteuertarif beinhaltet also bereits seit Jahren einen beachtlichen sozialen Ausgleich. Es ist einfach unrichtig zu behaupten, die sogenannten Besserverdienenden trügen nichts zur Sanierung der Staatskasse bei. (Dr. Spöri [SPD]: Warum haben Sie die Zwangsanleihe eingeführt?) Ich wollte einmal sehen, wie unsere Kassenlage aussähe, wenn es diese heimlichen Steuererhöhungen in Milliardenhöhe nicht gäbe. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Dr. Spöri [SPD]: Warum haben Sie dann den Solidarbeitrag versprochen?) Ich sage es noch einmal: Eine steuerliche Entlastung ist überfällig, und in der geplanten Steuertarifreform werden wir ab 1986 vorrangig die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen und die Familien mit Kindern entlasten. Wir werden mit unserer Steuertarifreform im Jahre 1986 mit einem Gesamtvolumen von 10,8 Milliarden DM in einer ersten Stufe zunächst folgendes erreichen. (Dr. Spöri [SPD]: Das ist eine totale Null- Nummer!) Rund 80 % — das sind 8,6 Milliarden DM — gelten der Entlastung von Steuerpflichtigen mit einem zu versteuernden Einkommen von 50 000 bis 100 000 DM. (Dr. Spöri [SPD]: Die Diskussion führen wir nächstes Jahr!) Rund 70 % — das sind 7,6 Milliarden DM — entfallen auf Familien mit Kindern — und das sind lediglich 39 % der Steuerzahler. (Huonker [SPD]: Sagen Sie einmal etwas zur Sache! Ein Satz zur Sache!) In der ersten Stufe, 1986, werden wir konkret folgendes verwirklichen: erstens eine Verbesserung der steuerlichen Kinderentlastung mit der Anhebung des Kinderfreibetrages von 432 DM auf 2 484 DM unter Wegfall der Kinderadditive bei den Versorgungsaufwendungen. Dieser spezielle Familienentlastungsteil hat ein Volumen von 5 Milliarden DM. Zweitens wird es eine Anhebung des Grundfreibetrages von 4 212 DM bzw. 8 424 DM für Ledige und Verheiratete auf 4 536 DM bzw. 9 072 DM mit einem Entlastungsvolumen von 2,1 Milliarden DM geben. Drittens wird es einen Abschlag auf die Senkung der Progression des Einkommensteuertarifs um zusätzlich 9,2 Milliarden DM geben. (Dr. Spöri [SPD]: Wo ist der Solidarbei trag?) Mit diesem neuen Einkommensteuertarif wird eine deutliche und nachhaltige Abflachung des leistungshemmenden Anstiegs der Grenzbelastung in der Progressionszone erreicht. Damit verpassen wir — das geben wir zu — dem Staat eine Abmagerungskur. Der Staat muß sich wieder in seine viel zu eng gewordene finanzpolitische Hose hineinhungern. (Zurufe von der SPD: Zur Tagesordnung! — Zur Sache!) Der Mittelstandsbauch im Steuertarif wird abgemagert, und damit wird wiederum vornehmlich die Familie mit Kindern entlastet. (Vorsitz : Präsident Dr. Jenninger) Auch der qualifizierte Mitarbeiter, auch der Facharbeiter, natürlich auch der Handwerksmeister und der Mittelständler sollen eine steuerliche Entlastung erfahren. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Mit dieser Politik, meine Damen und Herren, bekämpfen wir wirkungsvoll die Arbeitslosigkeit. (Zurufe von der SPD) Wir sind davon überzeugt: Jede Mark, die wir im Geldbeutel des Bürgers belassen, (Dr. Spöri [SPD]: In der Diamantenbran - che!) bleibt frei für private und geschäftliche Investitionen, und sie allein sind der Schlüssel für den wirtschaftlichen Aufschwung, (Zurufe von der SPD) für die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, für Vollbeschäftigung und Wohlstand für alle. Ich bin auch der Meinung, unsere Politik ist auch für den einfachsten Bürger verständlich. (Huonker [SPD]: Das ist wohl wahr, aber unglaubwürdig, unsozial bis auf die Kno chen!) Sie ist nach dem Einmaleins sogar auf Heller und Pfennig nachzurechnen. Ich habe den Eindruck, daß die SPD volkswirtschaftliche Milchmädchenrechnungen nach der Mengenlehre macht. (Dr. Spöri [SPD]: Kein Wort zum Thema!) Das sieht dann etwa so aus, Herr Dr. Spöri: Wenn drei in einem Raum sind und vier hinausgehen, dann muß einer wieder hinein, damit keiner mehr drin ist. (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zuruf von der SPD: Schwa cher Abgang!) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Abgeordnete Krizsan. Krizsan (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der Affentanz um den Ersatz für die Investitionsabgabe ist nun vorbei. Herr Jung, das war kein Spiel mit dem Feuer, das war sehr schlecht inszeniertes Theater. (Zurufe von der CDU/CSU) Am wildesten führte sich bei diesem Affentanz die FDP auf. Sie schnitt besonders häßliche Grimassen, um all die Menschen, die von geringen und geringsten Einkommen leben müssen, zu verhöhnen. Sie haben da merkwürdigerweise den Begriff der „Neidsteuer" erfunden, und selbst der „Rheinische Merkur" spricht abfällig von einem Wählerpotential — ich zitiere —, „das auf die giftige Vokabel ,Neidsteuer` zustimmend reagiert". Diese Zeitung bemerkt dazu weiter, daß sich Ihre Partei nun wohl ganz auf eine Bevölkerungsschicht konzentriert, bei der sich Ihre Haltung auch auszahlt. Die Betonung liegt auf „auszahlen". (Beifall bei den GRÜNEN — Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Diamantenhänd ler!) Sehr engagiert war bei diesem Theater auch die CSU. Um hohe Einkommen zu verschonen, verfiel sie schnell auf die Idee, statt dessen eine Entlastung unterer Einkommen vorzuschlagen, weil ja klar ist, daß dies aus haushaltspolitischen Gründen nicht mehrheitsfähig wird und in der Tat mit einer Konsolidierungspolitik und der Verteilung zu Lasten dieser Konsolidierung, um die es hier geht, nichts zu tun hat. Der CSU ging es also nur darum, die Nichtbelastung von höheren Einkommen irgendwie zu legitimieren und insbesondere aus dem Zentrum der Diskussion herauszuhalten. Am schwersten machte es sich die CDU, und zwar deshalb weil sie auf der Suche nach einer Scheinlösung war. Pro forma, nur pro forma, sollte eine Mehrbelastung von Einkommen beschlossen werden, de facto aber sollte ihre Wirtschaftsklientel eher ent- als belastet werden. (Dr. Rumpf [FDP]: Reden Sie doch mal von den GRÜNEN!) — Zur Haltung der GRÜNEN komme ich gleich noch, Herr Kollege. Ganz ruhig bleiben! — Also wurde überlegt, wie über Sonderabschreibungen Hintertüren geöffnet werden könnten. Bei dieser Hintertürsuche mußte die CDU natürlich aufpassen, daß das Ganze nicht wieder vor dem Verfassungsgericht landet, weil der Gleichheitsgrundsatz durchbrochen wird. Die CDU nimmt bei diesem Theater also die Rolle des großen Gauklers ein, des Vorgauklers von Maßnahmen für soziale Symmetrie. (Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Die GRÜNEN re den vom Gaukler! Man höre und staune!) Herr Jung, Sie haben gesagt, man müsse sich in eine eng gewordene Kleidung hineinhungern. (Zurufe von der SPD) Ich möchte darauf hinweisen, wer hier wohl hungern muß. In der „Frankfurter Rundschau" von heute habe ich einen Satz dazu gefunden, den ich Ihnen, Herr Jung, gerne mal zitieren möchte: (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Zynisch und verächtlich!) Über 170 Milliarden Mark sind nach bisher nicht widerlegten wissenschaftlichen Berech nungen den ohnehin schlechtergestellten Bevölkerungsgruppen im Lande — Arbeitnehmern, Kranken, Rentnern und Behinderten — seit 1982 abgenommen worden. Der unternehmerischen Wirtschaft wurden in der gleichen Zeit etwa 35 Milliarden Mark zugeschoben. Und da sollen die spärlichen 150 Millionen Mark, die nun Stoltenberg als Folge der zurückgezahlten Zwangsanleihe zusätzlich ... ausgeben muß, ein „Solidaropfer" der Abgabepflichtigen in den oberen Einkommensklassen sein? (Dr. Kunz [Weiden] [CDU/CSU]: Seit wann ist die „Frankfurter Rundschau" ein wis - senschaftliches Institut?) — Das wurde hier zitiert, Herr Kollege. Ich meine, wir werden uns demnächst an Situationen gewöhnen müssen, die Herr Blüm skizziert hat, daß nämlich am Schalter auf der einen Seite der Rentner steht, der sich seine mickrigen 1,07 % Rentenerhöhung abholt, und auf der anderen Seite der Besserverdienende, der sich seine Rückzahlung der Investitionshilfeabgabe holt. (Beifall bei Abgeordneten der SPD) — Klatschen Sie nicht zu früh, Herr Roth. — Vielleicht steht daneben auch der Abgeordnete, der sich seine 3 %ige Diätenerhöhung abholt. So sehen die Realitäten aus. (Beifall bei den GRÜNEN — Jung [Lör rach] [CDU/CSU]: Aber ihr nehmt sie doch auch!) Meine Fraktion, meine Damen und Herren — jetzt komme ich zu unserem Vorschlag —, hält eine Mehrbelastung von höheren Einkommen aus verteilungspolitischen Gründen für unumgänglich und auch haushaltspolitisch angezeigt. Wir haben vor zwei Wochen hierzu den Vorschlag einer Tarifänderung eingebracht, der die gleiche Belastungswirkung wie der SPD-Vorschlag beinhaltete. Die Tarifänderung hätte außer dem Vorteil, daß sie in allen Punkten unserem Verfassungsrecht entspricht, insbesondere auch den großen Vorteil gehabt, daß das erhöhte Aufkommen nicht nur dem Bund — wie bei der Ergänzungsabgabe —, sondern auch den Ländern und anteilig auch den Gemeinden zugute gekommen wäre. Natürlich fand auch dieser Vorschlag der GRÜNEN keine Mehrheit. Zu dem Vorschlag der SPD möchte ich sagen: Wir halten daran zwei Punkte für mangelhaft. Die Grenze der Abgabepflicht soll nur für Verheiratete gegenüber Ledigen verdoppelt werden. Wir halten es dagegen für erforderlich, auch für Zwei- oder Mehrpersonenhaushalte von Alleinstehenden mit Kindern die verdoppelte Grenze anzusetzen. Herr Spöri hat gestern im Finanzausschuß darauf überhaupt nicht reagiert. (Huonker [SPD]: Natürlich! — Zurufe von der SPD) — Dieser Paragraph in Ihrem Antrag bezieht sich nicht darauf, Herr Spöri. — Der zweite Punkt, den ich eben schon ansprach, ist der, daß eine Tariferhöhung auch Ländern und Gemeinden zugute kommt und nicht nur dem Bund, der dieses Geld wieder zentralistisch verwalten wird. Trotz dieses schwerwiegenden Defizits stimmen wir dem Gesetzentwurf der SPD zu einer Ergänzungsabgabe zu, weil diese wenigstens einen kleinen Schritt weg von der unsozialen Politik bedeutet. Danke schön. (Beifall bei den GRÜNEN und bei Abgeord neten der SPD) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Abgeordnete Gattermann. (Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Jetzt spricht die Elite! — Duve [SPD]: Der Leistungsträger des Hauses!) Gattermann (FDP): — So ist es, Herr Professor. Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Herr Kollege Spöri, Sie haben einen zweiten Kollegen von mir als Bauchredner meines Parteivorsitzenden bezeichnet. Das ist sprachlich übrigens nicht sehr einfallsreich. Ich glaube, es ist notwendig, daß ich Ihnen die drei Grundsätze der Arbeit der FDP-Fraktion verdeutliche. (Oh-Rufe von der SPD) Sie lauten: Erstens. Jeder redet für sich selbst. Zweitens. Jeder hat seine eigene Meinung. Drittens. Diese Meinung wird nicht immer von allen geteilt. (Heiterkeit bei der FDP) Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe in der bisherigen Debatte noch relativ wenig über den vorliegenden Gesetzentwurf gehört, über den wir abstimmen sollen. Ich will versuchen, das nachzuholen. Wir werden diesen Gesetzentwurf schon deshalb ablehnen müssen — obwohl das nicht der tragende Grund ist —, weil er in Karlsruhe genauso auflaufen würde, wie es das Investitionshilfegesetz getan hat. (Krizsan [GRÜNE]: Nehmen Sie doch un seren, Herr Gattermann!) Ich will das nur ganz kurz erläutern. Nach der fortentwickelten Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts kann eine Ergänzungsabgabe, deren Aufkommen bekanntlich allein dem Bund zufließt, nur dann erhoben werden, wenn eine nicht vorhersehbare Bundesaufgabe zwingend erfüllt werden muß, die anderweitig nicht finanziert werden kann. Die Herstellung der sozialen Symmetrie, was immer das sein mag — vielleicht fragen wir Herrn Professor Schiller einmal, der diesen schillernden Begriff erfunden hat —, (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: So ein Zynismus!) oder die Abführung eines Solidarbeitrages zur Sanierung des Bundeshaushalts oder auch die Schaffung eines Bundesvermögens, unter welchem schönen Titel auch immer, gehört nicht zu den Fallgestaltungen, bei denen die Erhebung einer Ergänzungsabgabe verfassungsrechtlich zulässig ist. (Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU/CSU) Meine Damen und Herren, wenn das so ist und man in der Begründung Ihres Gesetzentwurfes vermißt, daß sie wenigstens den Versuch machen, eine verfassungsrechtlich tragfähige Begründung zu liefern, (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Unglaub - lich!) dann kann es sich ja wohl nur um einen der üblichen Schauanträge handeln, zu keinem anderen Zwecke erfunden, als die Koalition vorzuführen, weil sie ja angeblich so zerstritten ist. Meine Damen und Herren, auf das Spiel lassen wir uns nicht ein. (Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU/CSU — Zurufe von der SPD) Meine Damen und Herren, wir lehnen diesen Gesetzentwurf aber insbesondere aus wirtschafts- und sozialpolitischen Gründen ab. (Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD]) Die Strukturprobleme unserer Wirtschaft und die Probleme des Arbeitsmarktes werden wir nur mit dem Leistungswillen, der Leistungsbereitschaft und der Risikobereitschaft unserer Bürger, der Unternehmer und der Arbeitnehmer, lösen können. (Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU/CSU — Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Der Diamantenhändler!) Das Gebot der Stunde sind Steuersenkungen und nicht Steuererhöhungen. (Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU/CSU — Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Für die Reichen!) Eine leistungsfördernde Steuersenkung in beachtlichem Umfang wird dieses Hohe Haus im Verlaufe des nächsten Jahres beschließen. Sie wird am 1. Januar 1986 und am 1. Januar 1988 in Kraft treten. Die Bundesregierung wird den Gesetzentwurf am 18. Dezember, also in wenigen Tagen, verabschieden. Entscheidungen über Mehrbelastungen jener Männer und Frauen im Wirtschaftsprozeß — ich möchte jetzt das Wort „Leistungsträger" vermeiden, weil ich Ihnen zugebe, daß es Leistungsträger natürlich nicht nur in der Wirtschaft gibt, sondern daß es sie auch in allen übrigen Bereichen unseres staatlichen Lebens gibt; (Zurufe von der SPD) ich will auch ungern diesen bürokratischen Begriff „Bezieher gehobener und höherer Einkommen", wie das so schön heißt, gebrauchen — (Dr. Spöri [SPD]: Die FDP hat das doch alles eingeführt! — Weitere Zurufe von der SPD) wären kontraproduktiv. Dabei spielt der Umfang der Belastung nicht einmal eine entscheidende Rolle. Ein großer Teil der Motivation zu Leistung und Risikobereitschaft ist Psychologie. Deshalb kann es auch keine Kompromisse geben über etwas mehr Belastung und etwas Gegenrechnung. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Und Ret ten des eigenen Geldbeutels — Zuruf des Abg. Krizsan [GRÜNE]) Nun sagen Sie bitte nicht — und ich lege Wert darauf, daß ich dies hier für meine Fraktion deutlich sage — — Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Westphal? Gattermann (FDP): Danke. Bei der Kürze der Zeit, Herr Kollege, ist das leider nicht möglich. (Krizsan [GRÜNE]: Sie haben doch zehn Minuten, Herr Gattermann!) Meine Damen und Herren, nun sagen Sie bitte nicht, diese meine Feststellungen seien ein Affront gegen unseren Koalitionspartner CDU. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Gegen die Arbeitslosen!) Die Lösung, die die CDU gesucht hatte, zielte nicht auf eine zusätzliche Schröpfung der ohnehin bis an die Grenze des Erträglichen belasteten Bürger ab, sondern nur auf eine Verschiebung eines Teils der überfälligen Entlastung. Vor allen Dingen versuchte die CDU aber auch den Zielkonflikt zwischen einer Zusatzbesteuerung der Besserverdiener und einer Belastung des Investitionsklimas dadurch aufzulösen, daß die zusätzlichen Finanzmittel für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Investitionen eingesetzt werden sollten. Für diesen Vorschlag haben und hatten wir viel Verständnis. Es gibt gute Gründe dafür, und es gibt gute Gründe dagegen. Im Zuge des Abwägungsprozesses (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Haben Sie den eigenen Geldbeutel geschont!) haben wir diesen Vorschlag letztlich nicht für vertretbar gehalten, weil er einerseits diesen psychologischen Schaden verursacht hätte, von dem ich gesprochen habe, und weil er andererseits von Ihnen doch ohnehin nur als Alibi verketzert worden wäre. (Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU/CSU) Meine Damen und Herren, für Sozialisten gibt es diesen Zielkonflikt offenbar überhaupt nicht, wie Ihr Gesetzentwurf zeigt. Ihr Gesetzentwurf vom 5. Oktober 1982 unternahm wenigstens noch den Versuch, diesen Zielkonflikt aufzulösen. Aber inzwischen gilt das alles wohl nicht mehr. (Dr. Spöri [SPD]: Sie haben nicht zugehört vorher!) Offenbar hat die nicht definierbare soziale Symmetrie für Sie einen höheren Stellenwert, (Dr. Spöri [SPD]: Für Sie keinen!) als Arbeitsplätze zu schaffen. Es geht bei diesem Gesetzentwurf ja übrigens gar nicht nur um eine Mehrbelastung der Reichen. Wissen Sie überhaupt, wer Besserverdiener im Sinne Ihrer Gesetzesdefinition ist? (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie per - sönlich!) Es ist, wenn er alleinstehend ist, der Facharbeiter in der Mineralölindustrie, es ist der Montagefacharbeiter im Ausland, (Beifall bei der FDP) es ist der Angestellte in der Investitionsgüterindustrie, es ist der Fernfahrer, (Zurufe von der SPD) der unter Hinnahme erheblicher persönlicher Opfer in die Türkei fährt. (Dr. Spöri [SPD]: Gehen Sie mal zu VW oder Audi!) Meine Damen und Herren, auch der Witwer mit zwei Kindern ist alleinstehend im Sinne dieser Gesetzesdefinition. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Der Herr Gattermann wäre betroffen, nicht der Fernfahrer!) Im übrigen: Sie versuchen es immer wieder, aber meine Partei läßt sich das Etikett des Unsozialen nicht anheften. (Beifall bei der FDP) Auch wir nehmen für uns ein soziales Gewissen in Anspruch. Ich will Ihnen einmal etwas zu dem Kollegen Grünbeck sagen, der ja als besonderes Exemplar für diese unsoziale Haltung dargestellt wird. Erst vor wenigen Tagen hat er mit seinem Mittelständischen Unternehmen den Partnerschaftspreis für hervorragende Vermögensbeteiligungsmodelle bekommen. (Beifall bei der FDP) Als ich soeben mit ihm darüber sprach, sagte er: Sag um Himmels willen nicht, ich hätte den Preis gekriegt, den haben nämlich meine Mitarbeiter und ich bekommen. — Das ist soziales Gewissen, wie wir es interpretieren und wie wir es verstehen. (Beifall bei der FDP — Dr. Spöri [SPD]: Was hat das mit dem Thema zu tun?) Meine Damen und Herren, sozial heißt für uns in allererster Linie, (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Den eige nen Geldbeutel schonen!) die Wirtschaft dauerhaft in Gang zu bringen, auf das wir Arbeitsplätze bekommen; denn die unsozialste Situation, die wir überhaupt in diesem Lande haben, ist die viel zu hohe Zahl der Arbeitslosen. (Zurufe von der SPD) Wir tun nichts, was dieses Ziel gemäß unserer Konzeption beeinträchtigen könnte. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Und die verhöhnen Sie auch noch!) Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluß. Die Koalitionsfraktionen haben sich nunmehr darauf geeinigt, daß die Steuerentlastung 1986 und 1988 kommt. Wenn Sie sich das einmal anschauen, dann werden Sie feststellen, daß dieser Stufenplan ausgewogen wie kein anderer ist. (Lachen bei der SPD und den GRÜNEN — Dr. Spöri [SPD]: Die FDP hat den Stufen plan doch dauernd angegriffen!) Das bedeutet nämlich, daß die Rückgabe heimlicher Steuererhöhungen an die Besserverdienenden, von denen Sie sprechen, erst nach sieben Jahren erfolgt. Erinnern Sie sich einmal an die Zeit, als wir noch zusammen regiert haben: (Zurufe von der SPD) Seit der Steuerreform 1975 hat es nie länger als zwei bis drei Jahre gedauert, bis wir diesen Vorgang vollzogen haben. Wir haben insbesondere den Besserverdienenden ganz bewußt sieben Jahre zugemutet. Das ist ein milliardenschwerer Solidarbeitrag zur Konsolidierung der öffentlichen Finanzen. (Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU/CSU — Dr. Spöri [SPD]: Die FDP war doch gegen den Stufenplan!) Meine Damen und Herren, glauben Sie nicht, daß wir unter Ihrer ständig erneuerten Kampagne von der Umverteilung von unten nach oben in die Defensive gehen würden! Wir wissen, daß wir eine erfolgreiche, eine gute, eine sozial ausgewogene Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik machen. (Huonker [SPD]: Das glauben Sie selber nicht!) Wir werden diese Politik vertreten, wir werden sie offensiv vertreten. Glauben Sie ja nicht, daß die Bürger in unserem Lande dies nicht erkennen würden. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Krizsan [GRÜNE]: O doch! — Weitere Zu rufe von den GRÜNEN und der SPD) Präsident Dr. Jenninger: Meine Damen und Herren, ich bitte die Damen und Herren Abgeordneten im hinteren Teil des Saales, entweder Platz zu nehmen oder den Saal zu verlassen. — Ich bitte, dieser Anweisung zu folgen! Ich erteile dem Herrn Bundesminister der Finanzen das Wort. Dr. Stoltenberg, Bundesminister der Finanzen: Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Haushaltsberatungen vor zwei Wochen haben uns ausführlich Gelegenheit gegeben, auch über die Initiative der sozialdemokratischen Fraktion unter dem Stichwort Ergänzungsabgabe hier zu diskutieren. Ich habe dazu Stellung genommen und will nur deshalb, weil es einer guten parlamentarischen Tradition entspricht, daß die Regierung sich an jeder Debatte beteiligt, hier noch einmal unsere wesentlichen Gesichtspunkte bekräftigen. Wir können dem Antrag der sozialdemokratischen Fraktion sowohl aus verfassungsrechtlichen wie aus wirtschafts- und steuerpolitischen Gründen nicht zustimmen. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts setzt neue Maßstäbe. Das gilt aber nicht nur für die Bundesregierung und die Mehrheit, es gilt auch für die Sozialdemokratische Partei. Dieses Urteil macht eindeutig klar, daß die Ergänzungsabgabe nur bei einer außergewöhnlichen finanziellen Notlage des Bundes in Betracht gezogen werden kann. Es stellt fest, daß soziale Gesichtspunkte — etwa der Gesichtspunkt der Verteilung von Lasten — nicht eine Rechtfertigung sein können, wenn der Bund sich sozusagen unabhängig von der Finanzsituation der Länder und Gemeinden eine solche zusätzliche Einnahme bewilligt. Leh kann, meine Damen und Herren, erneut mit großer Befriedigung feststellen, daß von einer außergewöhnlichen finanziellen Notsituation des Bundes nicht mehr die Rede sein kann. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir haben das Ziel der Konsolidierung noch nicht erreicht, wir brauchen noch Jahre, um die Staatsfinanzen wirklich zu sanieren. Aber wir haben ein gutes Zwischenergebnis erzielt. Da das auch von führenden — — (Conradi [SPD]: Sie haben die kleinen Leute ausgeplündert!) — Ich bin zur Zeit in einer verfassungsrechtlichen und finanzpolitischen Erörterung, Herr Kollege Conradi. Ich glaube nicht, daß durch die Art Ihrer Zwischenrufe die Klärung irgendwie gefördert wird. — Da auch führende Finanzpolitiker der Sozialdemokratischen Partei, etwa die sachkundigen Mitglieder des Bundesrates, dies feststellen, kann die SPD nicht ernsthaft jetzt noch von einer außergewöhnlichen finanziellen Notsituation sprechen. Zum zweiten würde die Erhebung der Ergänzungsabgabe nach unserer Überzeugung den jetzt gebotenen wirtschafts-, arbeitsmarkt- und steuerpolitischen Notwendigkeiten nicht gerecht. Wir haben in der Koalition Auffassungsunterschiede feststellen müssen. Daß Sie das erfreut, ist psychologisch verständlich; so groß sind die Freuden einer Opposition und vor allem dieser Opposition nicht, meine Damen und Herren der SPD. Wir haben Auffassungsunterschiede feststellen müssen zu dem Thema möglicher Folgerungen aus dem Wegfall der Investitionshilfeabgabe, das ist wahr. Aber wir haben in den gestrigen Erörterungen auch unser Einvernehmen in zwei besonders wichtigen Punkten bekräftigen können. Das eine ist die Absicht — Herr Kollege Gattermann hat das kurz erwähnt —, nunmehr mit den vereinbarten Grundelementen, Größenordnungen und Strukturen die Gesetzgebung zur Senkung der Einkommen- und Lohnsteuer einzuleiten und zügig zu verwirklichen. Mich erfüllt das mit besonderer Befriedigung. Es ist wichtig, daß die wesentlichen tragenden Punkte dieses Konzepts jetzt in der Öffentlichkeit eindeutig erkennbar werden, daß nunmehr Einvernehmen zwischen allen Partnern der Koalition besteht, daß diese Steuersenkung um über 20 Milliarden DM in zwei Stufen erfolgt und daß damit die andere vorrangige Aufgabe der Konsolidierung nicht in Frage gestellt wird. Ich begrüße es ausdrücklich, daß hier Klarheit besteht. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir haben uns zweitens darauf geeinigt, daß die Ergänzungsabgabe nicht dienlich ist und daß wir sie einvernehmlich ablehnen. Ich will aber noch einmal als letztes zu Ihren verteilungspolitischen Argumenten, Herr Kollege Spöri, und zu Ihren Angriffen folgendes sagen. Nach diesem jetzt einvernehmlich ohne Vorbehalt vereinbarten Konzept der Koalition werden in der ersten Stufe 1986 insbesondere Familien mit Kindern und die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen entlastet. Von der Gesamtentlastung 1986 von 11 Milliarden DM entfallen rund 80 %, 8,8 Milliarden DM, auf Steuerpflichtige mit einem zu versteuernden Einkommen von bis zu 50 000/100 000 DM und rund 70 % — das ist zum Teil dieselbe Gruppe —, 7,7 Milliarden DM, auf Familien mit Kindern, die lediglich 39 % der Steuerzahler ausmachen. Diese nachhaltigere Berücksichtigung der Eltern mit Kindern im Steuerrecht ist einer der großen sozialen Fortschritte in dem, was wir wollen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Das, meine Damen und Herren, ist für die Zukunft unserer Gesellschaft, unseres Volkes, für ein soziales und humanes Gesicht unserer Politik viel wichtiger als alles, was Sie hier für eine Ergänzungsabgabe angeführt haben. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Zynisch und peinlich! — Dr. Spöri [SPD]: Völlig am Thema vorbei!) Präsident Dr. Jenninger: Meine Damen und Herren, weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Ich schließe die Aussprache. Wir kommen zur Einzelberatung und Abstimmung. Der Ausschuß empfiehlt, diesen Gesetzentwurf abzulehnen. Die Fraktion der SPD verlangt gemäß § 52 unserer Geschäftsordnung namentliche Abstimmung. Ich rufe die Art. 1 bis 3, Einleitung und Überschrift des Gesetzentwurfs der SPD-Fraktion auf. Wer den aufgerufenen Vorschriften zuzustimmen wünscht, den bitte ich, die Abstimmungskarte mit „Ja", wer dagegenstimmen oder sich der Stimme enthalten will, den bitte ich, die entsprechende Abstimmungskarte in eine der hier vorn aufgestellten Urnen zu legen. Ich eröffne die namentliche Abstimmung. — Ist noch ein Mitglied des Hauses anwesend, das seine Stimme nicht abgegeben hat? — Es haben alle Abgeordneten ihre Stimme abgegeben. Ich schließe die Abstimmung und bitte die Schriftführer, mit der Auszählung zu beginnen. Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, Platz zu nehmen. — Ich gebe das von den Schriftführern ermittelte Ergebnis der namentlichen Abstimmung über die Art. 1 bis 3, Einleitung und Überschrift des von der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines Ergänzungsabgabengesetzes auf Drucksache 10/2460 bekannt. Von den vollstimmberechtigten Mitgliedern des Hauses haben 426 ihre Stimme abgegeben. Davon ungültige Stimmen: keine. Mit Ja haben 181, mit Nein haben 241 gestimmt; Enthaltungen: 4. 19 Berliner Abgeordnete haben ihre Stimme abgegeben. Davon ungültige Stimmen: keine. Mit Ja haben 8, mit Nein haben 11 gestimmt. Enthaltungen: keine. Endgültiges Ergebnis Abgegebene Stimmen 426 und 19 Berliner Abgeordnete; davon ja: 181 und 8 Berliner Abgeordnete nein: 241 und 11 Berliner Abgeordnete enthalten: 4 Ja SPD Amling Antretter Bachmaier Bahr Bamberg Becker (Nienberge) Bernrath Berschkeit Bindig Frau Blunck Brandt Brück Buckpesch Büchler (Hof) Dr. von Bülow Buschfort Catenhusen Collet Conradi Dr. Corterier Curdt Frau Dr. Däubler-Gmelin Daubertshäuser Delorme Dreßler Duve Dr. Ehmke (Bonn) Dr. Ehrenberg Dr. Emmerlich Dr. Enders Ewen Fiebig Fischer (Osthofen) Franke (Hannover) Frau Fuchs (Köln) Frau Fuchs (Verl) Gansel Gerstl (Passau) Gilges Glombig Grunenberg Dr. Haack Haar Haase (Fürth) Haehser Hansen (Hamburg) Frau Dr. Hartenstein Dr. Hauchler Hauck Heistermann Herterich Hettling Heyenn Hoffmann (Saarbrücken) Horn Frau Huber Huonker Immer (Altenkirchen) Jahn (Marburg) Jansen Jaunich Dr. Jens Jung (Düsseldorf) Junghans Jungmann Kastning Kiehm Kirschner Klein (Dieburg) Dr. Klejdzinski Klose Kolbow Kretkowski Dr. Kübler Kuhlwein Lambinus Lennartz Leonhart Frau Dr. Lepsius Liedtke Lohmann (Witten) Lutz Frau Dr. Martiny-Glotz Matthöfer Meininghaus Menzel Müller (Düsseldorf) Müller (Schweinfurt) Müntefering Nagel Neumann (Bramsche) Frau Odendahl Oostergetelo Paterna Pauli Dr. Penner Peter (Kassel) Pfuhl Porzner Poß Rapp (Göppingen) Rappe (Hildesheim) Reimann Reschke Reuter Rohde (Hannover) Roth Sander Schäfer (Offenburg) Schanz Dr. Scheer Schlaga Schluckebier Dr. Schmidt (Gellersen) Schmidt (München) Schmidt (Wattenscheid) Schmitt (Wiesbaden) Dr. Schmude Dr. Schöfberger Schreiner Schröer (Mülheim) Schulte (Unna) Dr. Schwenk (Stade) Sielaff Sieler Frau Simonis Frau Dr. Skarpelis-Sperk Dr. Soell Dr. Sperling Dr. Spöri Stahl (Kempen) Steiner Frau Steinhauer Stiegler Stockleben Dr. Struck Frau Terborg Tietjen Frau Dr. Timm Toetemeyer Frau Traupe Urbaniak Verheugen Vogelsang Voigt (Frankfurt) Vosen Waltemathe Walther Weinhofer Dr. Wernitz Westphal Frau Weyel Dr. Wieczorek Wiefel von der Wiesche Wimmer (Neuötting) Wischnewski Dr. de With Würtz Zander Zeitler Frau Zutt Berliner Abgeordnete Dr. Diederich (Berlin) Egert Heimann Löffler Dr. Mitzscherling Dr. Vogel Wartenberg (Berlin) DIE GRÜNEN Frau Dr. Bard Burgmann Drabiniok Dr. Ehmke (Ettlingen) Frau Gottwald Frau Dr. Hickel Horacek Hoss Dr. Jannsen Krizsan Frau Nickels Frau Potthast Reents Frau Reetz Sauermilch Schily Schwenninger Verheyen (Bielefeld) Frau Dr. Vollmer Berliner Abgeordneter Schneider (Berlin) Nein CDU/CSU Dr. Abelein Dr. Althammer Frau Augustin Austermann Bayha Dr. Becker (Frankfurt) Berger Biehle Dr. Blank Dr. Blüm Böhm (Melsungen) Dr. Bötsch Bohl Bohlsen Borchert Breuer Broll Brunner Bühler (Bruchsal) Dr. Bugl Carstens (Emstek) Carstensen (Nordstrand) Clemens Dr. Czaja Dr. Daniels Daweke Frau Dempwolf Deres Dörflinger Dr. Dollinger Doss Dr. Dregger Echternach Ehrbar Eigen Engelsberger Eylmann Dr. Faltlhauser Fellner Frau Fischer Fischer (Hamburg) Dr. Friedmann Ganz (St. Wendel) Frau Geiger Dr. Geißler Dr. von Geldern Dr. George Gerlach (Obernau) Gerstein Glos Dr. Göhner Götzer Hanz (Dahlen) Haungs Hauser (Esslingen) Hauser (Krefeld) Hedrich Freiherr Heereman von Zuydtwyck Frau Dr. Hellwig Helmrich Dr. Hennig Herkenrath Hinrichs Hinsken Höffkes Höpfinger Dr. Hoffacker Dr. Hornhues Hornung Frau Hürland Dr. Hüsch Dr. Hupka Graf Huyn Jäger (Wangen) Jagoda Dr. Jahn (Münster) Dr. Jenninger Dr. Jobst Jung (Lörrach) Dr.-Ing. Kansy Frau Karwatzki Keller Kiechle Klein (München) Dr. Köhler (Wolfsburg) Dr. Kohl Kolb Kraus Krey Kroll-Schlüter Dr. Kronenberg Dr. Kunz (Weiden) Lamers Dr. Lammert Dr. Langner Lattmann Dr. Laufs Lenzer Link (Diepholz) Link (Frankfurt) Linsmeier Lintner Dr. Lippold Löher Lohmann (Lüdenscheid) Louven Lowack Maaß Frau Männle Magin Marschewski Dr. Marx Dr. Mertes (Gerolstein) Metz Dr. Meyer zu Bentrup Michels Dr. Mikat Dr. Miltner Milz Dr. Möller Dr. Müller Müller (Remscheid) Müller (Wadern) Frau Dr. Neumeister Niegel Dr.-Ing. Oldenstädt Dr. Olderog Petersen Pfeffermann Pfeifer Pohlmann Dr. Pohlmeier Dr. Probst Rawe Reddemann Regenspurger Repnik Dr. Riesenhuber Rode (Wietzen) Frau Rönsch Frau Roitzsch (Quickborn) Dr. Rose Rossmanith Roth (Gießen) Rühe Ruf Sauer (Salzgitter) Sauer (Stuttgart) Saurin Sauter (Epfendorf) Sauter (Ichenhausen) Dr. Schäuble Schartz (Trier) Schemken Scheu Schlottmann Schmidbauer Schmitz (Baesweiler) von Schmude Dr. Schneider (Nürnberg) Freiherr von Schorlemer Dr. Schroeder (Freiburg) Schulhoff Dr. Schulte (Schwäbisch Gmünd) Schwarz Dr. Schwarz-Schilling Dr. Schwörer Seehofer Seesing Seiters Dr. Freiherr Spies von Büllesheim Spranger Dr. Sprung Dr. Stavenhagen Dr. Stercken Stockhausen Dr. Stoltenberg Strube Stücklen Susset Dr. Todenhöfer Uldall Dr. Unland Frau Verhülsdonk Vogel (Ennepetal) Dr. Voigt (Northeim) Dr. Voss Dr. Waffenschmidt Dr. Waigel Graf von Waldburg-Zeil Dr. Warnke Dr. Warrikoff Dr. von Wartenberg Weiß Werner Frau Dr. Wex Frau Will-Feld Frau Dr. Wilms Wilz Wimmer (Neuss) Windelen Frau Dr. Wisniewski Wissmann Dr. Wittmann Wittmann (Tännesberg) Dr. Wörner Würzbach Dr. Wulff Zierer Zink Berliner Abgeordnete Frau Berger (Berlin) Boroffka Buschbom Feilcke Dr. Hackel Kalisch Kittelmann Dr. h. c. Lorenz Schulze (Berlin) Straßmeir FDP Frau Dr. Adam- Schwaetzer Baum Beckmann Bredehorn Cronenberg (Arnsberg) Eimer (Fürth) Engelhard Ertl Gallus Gattermann Grünbeck Grüner Frau Dr. Hamm-Brücher Dr. Haussmann Dr. Hirsch Hoffie Kleinert (Hannover) Kohn Dr.-Ing. Laermann Dr. Graf Lambsdorff Mischnick Möllemann Neuhausen Paintner Ronneburger Dr. Rumpf Schäfer (Mainz) Dr. Solms Dr. Weng Wolfgramm (Göttingen) Berliner Abgeordneter Hoppe fraktionslos Voigt (Sonthofen) Enthalten CDU/CSU Günther Müller (Wesseling) Schreiber Stutzer Meine Damen und Herren, damit ist das Gesetz in zweiter Beratung abgelehnt. Folglich unterbleibt nach § 83 Abs. 3 unserer Geschäftsordnung jede weitere Beratung. Ich rufe nunmehr den Zusatzpunkt 2 der Tagesordnung auf: Aktuelle Stunde Giftgaskatastrophe in Bhopal und mögliche Konsequenzen für die chemische Produktion in der Bundesrepublik Deutschland Meine Damen und Herren, die Fraktion DIE GRÜNEN hat gemäß Nr. 1c der Anlage 5 unserer Geschäftsordnung diese Aktuelle Stunde verlangt. Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Abgeordnete Frau Dr. Vollmer. Frau Dr. Vollmer (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es gibt Ereignisse, die sind wie eine Flammenschrift an der Wand. Von dieser Art ist die todbringende Giftgaswolke, die über der Firma Union Carbide Corporation lag und die mindestens 3 000 Tote, Zehntausende von erblindeten Menschen und 200 000 gesundheitsgeschädigte Menschen zurückgelassen hat. Diese Ereignisse und diese Flammenschrift müssen aber nicht von Indien gedeutet werden. Sie haben uns etwas zu sagen. Das Schlimmste bei diesen Ereignissen fand ich, daß die Menschen, wie man lesen konnte, als sie von diesem Gift geblendet waren, auf die Fabrik zugelaufen sein sollen in der Meinung, dort werde etwas Gesundheitbringendes, vielleicht Arznei, für sie zu finden sein. Nichts kann, glaube ich, den ungeheueren Hochmut unserer westlichen Zivilisation deutlicher machen, mit dem wir meinen, den Ländern der Dritten Welt die grüne Revolution und damit die Bewältigung ihrer Hungerprobleme bringen zu können: Arbeit, Brot und Fortschritt. Die Firma Bayer war in diesen Unfall nicht direkt verwickelt. Aber sie ist doch darin verwickelt, denn sie ist der führende Pestizidhersteller der Welt. Bhopal rückt immer näher. Die Geschichte der chemischen Industrie ist voll von Katastrophen und von fast eingetretenen Katastrophen. Wir hatten Unglücksfälle bei BASF und Bayer, wir hatten sie in Seveso, in Mexiko und zuletzt in Hamburg bei der Firma Boehringer. Dasselbe Giftgas, das in Indien diese Toten verursacht hat, wird auch bei Bayer in Dormagen produziert. Es wird produziert, verwendet oder gelagert in folgenden Städten: Aachen, Bonn, Dortmund, Duisburg, Köln, Krefeld, Minden, Mönchengladbach, Recklinghausen, Soest und Wuppertal. Bhopal rückt uns wirklich sehr nahe. Nehmen wir das Werk in Dormagen, in dem dieses Methylisocyanat produziert wird. Fast täglich fliegen Tiefflieger über dieses Werk und nehmen die Schornsteine als Ziel, um zwischen ihnen hin - durchzufliegen. Alle 14 Tage geht ein Phosgen- Transport von Leverkusen nach Wuppertal auf einem Tieflader über die Autobahn A 3 und die Autobahn A 46. Die A 46 ist die Autobahn mit der größten Unfallquote in der Bundesrepublik. In dieser Situation haben wir eine Doppelstrategie. Die chemische Industrie kann von diesen Geschäften nicht lassen. Und wir versuchen gleichzeitig, uns vor den schlimmsten Folgen zu behüten. Das gibt folgende Handlungsweisen: Für uns führt es zu zunehmend verstärkten Auflagen. Aber die Pestizid-Exporte in die Länder der Dritten Welt gehen ungehindert weiter. Dorthin werden auch Mittel exportiert, die bei uns verboten sind. Bei uns gibt es einige technische Sicherheitsauflagen. Die Firma Bayer hatte ja gleich am nächsten Tag Gelegenheit, das in der Fernsehsendung darzustellen. Aber die Länder der Dritten Welt kriegen Technologieexporte, die gerade am Punkt der Sicherheit abgerüstet sind, um Kosten zu sparen. Und dann wird die Bevölkerung dort noch verhöhnt und es wird gesagt, sie habe nicht das Know-how, damit umzugehen, und nicht die deutsche Sorgfalt. Dabei ist das, was ihr fehlt, nicht Wissen, sondern wirtschaftliche Macht; und die haben wir. Die Pestizidproduktion ist immer mit der Produktion von chemischen Kampfstoffen für militärische Zwecke verbunden gewesen. Pestizidsubstanzen sind ursprünglich als Form der chemischen Waffen entwickelt worden. Und umgekehrt sind diese für chemische Waffen entwickelten Substanzen immer als Pestizide eingesetzt worden. So ist es gar kein Wunder, daß jetzt C-Waffen-Experten nach Bhopal gefahren sind, um das Unglück dort zu untersuchen, und daß die Bevölkerung im Umkreis von 4 km evakuiert werden soll. (Frau Gottwald [GRÜNE]: Makaber!) Unsere Forderungen sind: Es darf keinen Export von Agrargiften geben, die bei uns verboten sind. Präsident Dr. Jenninger: Frau Abgeordnete, Ihre Redezeit ist abgelaufen. Bitte kommen Sie zum Schluß. Frau Dr. Vollmer (GRÜNE): Es darf keinen Export von Technologien geben, die unter unserem Sicherheitsstandard liegen. Wir fordern die Bekanntgabe aller Standorte dieser Produktionsstätten in unserem Land. Wir fordern dieses Parlament auf, eine Parlamentarierdelegation nach Bhopal zu schicken, die sich vor Ort von der brutalen Realität dieses Unglücks überzeugt. (Beifall bei den GRÜNEN) Präsident Dr. Jenninger: Frau Abgeordnete, ich muß Sie bitten, zum Schluß zu kommen. Ihre Redezeit ist abgelaufen. Ich bitte um Verständnis: Wir haben eine Debatte mit Fünf-Minuten-Beiträgen, und daran müssen sich alle halten. Das Wort hat Herr Abgeordneter Kroll-Schlüter. Kroll-Schlüter (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Trauer und Entsetzen waren die Reaktion aller Deutschen auf das, was sich in den vergangenen Tagen in der indischen Stadt Bhopal ereignet hat. Ein Grund für diese Aktuelle Stunde, die ich begrüße, ist, daß wir alle hier im Bundestag der indischen Bevölkerung zeigen wollen, daß wir eben nicht teilnahmslos an dem Tod und dem Leiden der indischen Bürger vorbeischauen. Ahnungslose Menschen wurden in der Unglücksnacht von einer Gaswolke heimgesucht. Sie alle können unserer Trauer, unserer Solidarität und auch unseres Mitgefühls sicher sein. Das Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht ganz sichtbar. Es wird erst in einigen Wochen in vollem Umfang sichtbar werden. Was tatsächlich geschah, muß noch zuverlässig geklärt werden. Was wir dazu — ohne Anmaßung — beitragen können, soll gern und, wenn möglich, gemeinsam geschehen. Auch die indische Regierung ist bis jetzt nicht in der Lage, uns eine umfassende Auskunft zu geben. Folgendes läßt sich jedoch schon sagen. Methylisocyanat, das als Zwischenprodukt für die Herstellung von Schädlingsbekämpfungsmitteln verwandt wird, ist in die Luft und damit in die Umgebung des Chemiewerks in Bhopal ausgetreten. Phosgen, als gefährlicher Kampfstoff aus dem Ersten Weltkrieg bekannt, war möglicherweise mit dabei. Alle Sicherheitsmaßnahmen, die in einer vorgesehenen Neutralisierung mit Atzsoda bestanden, haben kläglich versagt. Die todbringende Giftgaswolke wurde nicht aufgehalten. So stellt sich uns in diesen Tagen in diesem Zusammenhang die Frage: Könnte ein solches Unglück auch in unserem Land geschehen? Wären ähnliche Folgen für das Leben und das Wohl unserer Bevölkerung denkbar? Störfälle in der Industrie, ganz besonders in der chemischen Industrie sind nie zu hundert Prozent auszuschließen. Nach dem Erkenntnisstand von Wissenschaft und Technik ist ein solches, durch das Austreten von Methylisocyanat hervorgerufenes Unglück in der Bundesrepublik — es ist in den vergangenen Tagen sehr schwer gewesen, persönlich den Unfall im ganzen Umfang und in der ganzen Tiefe zu erkennen; aber darum haben wir uns sorgfältig bemüht; das möchte ich ausdrücklich, aber auch ehrlichen Gewissens sagen — fast gänzlich unmöglich. Die deutschen Störfallverordnungen stellen ganz andere Forderungen an die Sicherheit chemischer Anlagen, als es in Indien der Fall ist. (Frau Dr. Hickel [GRÜNE]: Das ist zy - nisch!) — Ich bitte Sie! Ich glaube, was Sie da geäußert haben, war etwas deplaziert, Frau Kollegin. (Frau Dr. Hickel [GRÜNE]: Nicht das, was Sie gesagt haben, sondern die Tatsache ist zynisch!) Bayer Leverkusen als der einzige Hersteller dieses Stoffes in der Bundesrepublik Deutschland benutzt zudem ein anderes Herstellungsverfahren, welches das Gefahrenpotential erheblich verringert. Aus der Phosgenkomponente in Bhopal wird irrtümlich darauf geschlossen, daß diese auch bei dem Bayer-Verfahren vorhanden sei. Das ist aber nicht der Fall. Denn das Bayer-Verfahren basiert auf den Komponenten Dimethyl-Harnstoff plus Diphenylkarbonat. Somit gibt es bei dem Bayer- Verfahren kein Phosgen und kein Chlorid. Auch die Lagerung des Stoffes kommt anders als in Indien ohne Druck aus. Sollte trotzdem einmal — Sie mögen erkennen, wie sehr wir uns damit befaßt haben — der unwahrscheinliche Fall auftreten, daß ein Lagerbehälter leck ist, so treten sofort und unmittelbar die unterschiedlichsten Sicherheitsvorkehrungen in Gang. Durch ein ausgefeiltes Überwachungssystem werden in Störfällen sofort und unmittelbar Gegenmaßnahmen eingeleitet. Diese Sicherheitssysteme werden in regelmäßigen Abständen vom TÜV überprüft. Der TÜV hat in diesen Tagen erklärt, daß nach menschlichem Ermessen ein solches Unglück in der Bundesrepublik Deutschland nicht möglich sei. Ich zitiere dies auch deshalb, weil der TÜV j a langjährige Erfahrungen hat und wir seinem Urteil Vertrauen schenken können. Im übrigen habe ich gehört — ich weiß es nicht genau —, daß deutsche Firmen zum Aufbau dieser Anlage in Bhopal ein Angebot abgegeben haben sollen, aber nicht zum Zuge kamen wegen der höheren Sicherheitsbestimmungen und Auflagen. Auch das müßte noch einmal sozusagen im internationalen Zusammenhang geprüft werden. Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter, Ihre Redezeit ist abgelaufen. Ich bitte Sie, Ihre Rede zu beenden. Kroll -Schlüter (CDU/CSU): Deshalb meine ich, Sorgfalt ist am Platze; Mitverantwortung soweit es möglich ist; keine unnütze Kampagne von Haß, auch nicht gegen unsere amerikanischen Freunde. Wir werden mit ihnen gemeinsam mit dafür Sorge tragen, daß so etwas nicht wieder vorkommt. Herzlichen Dank. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zurufe von den GRÜNEN) Präsident Dr. Jenninger: Meine Damen und Herren, lassen Sie mich eine Bemerkung machen. Es ist für das Sitzungspräsidium immer sehr unerfreulich, Kolleginnen und Kollegen, wenn sie sprechen, an die vereinbarte oder festgelegte Redezeit zu erinnern. Wir haben ja aus diesem Grunde die Signale am Rednerpult angebracht. Ich bitte alle, die jetzt in der Aktuellen Stunde sprechen, ihre Redezeit darauf einzurichten, daß sie die fünf Minuten einhalten. Das Wort hat Herr Abgeordneter Brück. Brück (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In der vergangenen Woche haben wir über den Hunger und den Hungertod in Äthiopien diskutiert. Wir haben diskutiert über die schrecklichen Folgen einer Naturkatastrophe, verursacht durch das ausbleiben des Regens. Dabei ist auch gefragt worden — es waren Fragen des bohrenden Zweifels —, ob nicht nur Klimaveränderungen Ursache für die Naturkatastrophe in Äthiopien waren, sondern ob hier nicht auch falsches Handeln von Menschen eine Rolle gespielt hat. Wir haben uns gefragt, ob die äthiopische Regierung die richtige Politik betrieben hat, ob die Menschen dort nicht selbst ihre Umwelt zerstört, ja gar durch Übernutzung im wahrsten Sinne des Wortes verwüstet haben. Heute diskutieren wir über eine Industriekatastrophe in Indien, über die größte Industriekatastrophe in der Geschichte. Heute gibt es keinen Zweifel, ob hier nicht falsches menschliches Handeln im Spiel war. Es ist so. Nicht die Natur hat schuld an dieser Katastrophe; Menschen tragen die Schuld. Deshalb, so glaube ich, reicht es nicht, wenn wir hier nur Betroffenheit und Mitgefühl ausdrücken. Nein, wir müssen heute Fragen stellen, Fragen auch an uns. Die größte Industriekatastrophe der Geschichte hat sich nicht in einem Industrieland ereignet, sondern sie hat sich in einem Entwicklungsland ereignet. Schon gibt es Stimmen in der Öffentlichkeit, auch in der deutschen Presse, die sehr einfache Antworten auf die Fragen haben. Sie sagen: Die können das einfach nicht, also darf man solche Werke nicht in Entwicklungsländern errichten. Eine solche Schlußfolgerung zu ziehen wäre ebenso falsch wie die Schlußfolgerung: Es ist Sache der Entwicklungsländer, darüber zu entscheiden, welche Investitionen sie haben wollen und welche Sicherheitsvorschriften bei ihnen gelten müssen. Wir tragen hier Verantwortung. Wir sind verpflichtet, die Erfahrungen, die wir in unserer industriellen Entwicklung gemacht haben, weiterzugeben. Oder wollen wir, daß man uns, den Industrienationen, eines Tages vorwirft, wir hätten in Entwicklungsländern nicht nur deshalb investiert, weil es dort niedrigere Löhne, billigere Rohstoffe, schwache Gewerkschaften oder was immer gebe, sondern auch deshalb, weil wir das Risiko ausgelagert haben? Das wäre dann eine neue Spielart des Kolonialismus. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Ich habe nie die Auffassung vertreten, daß alles, was bei uns in den Industrieländern gut und teuer ist, auch für die Entwicklungsländer gut sei, weil es eben für sie oft zu teuer ist. Aber wir müssen auf der anderen Seite auch eindeutig sagen: Was in den Sicherheitsstandards zu schlecht für uns ist, ist auch zu schlecht für die Entwicklungsländer, (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) auch wenn es billig ist. Deshalb müssen überall dieselben Sicherheitsstandards gelten. Deshalb müssen wir uns unser Außenwirtschaftsgesetz ansehen, ob wir es nicht ändern, ob wir nicht entsprechende Vorschriften machen müssen. Ich verstehe auch nicht, warum wir noch länger darüber diskutieren, ob es gestattet sein soll, Pestizide zu exportieren, die bei uns verboten sind. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Ich frage auch die Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU und der FDP, ob sie nicht noch einmal darüber nachdenken wollen, unserem Antrag zuzustimmen — den wir gestellt hatten —, auch die Medikamente für den Export zu verbieten, die bei uns verboten sind; (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) denn die Frage, die wir uns stellen müssen, ist doch, ob da nicht eine neue Zeitbombe tickt, von deren Auswirkungen wir noch nichts wissen, so wie wir ja auch nicht wissen, was noch in Bhopal geschieht. Vielleicht werden noch viel mehr Menschen sterben, weil der Boden dort vergiftet ist. Das sollte uns alle warnen. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Professor Laermann. Dr. -Ing. Laermann (FDP): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich glaube, wir dürfen einmütig feststellen, daß die Folgen des Unfalls im Chemiewerk Bhopal in Indien schrecklich sind, daß wir die Opfer in höchstem Maße bedauern, daß wir das beklagenswert finden, was dort geschehen ist. Das gilt um so mehr, als dieses Land auch immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wird, die unzählige Opfer fordern. Ich möchte von hier aus unser Mitgefühl, unser Mitempfinden und unsere Trauer über die Unfallopfer dort zum Ausdruck bringen. Eine Analyse und Bewertung dieses Unfalls von hier aus und jetzt, zu diesem Zeitpunkt, erscheint mir allerdings nicht möglich, da belastbare Ergebnisse der Untersuchung über Ursachen, Versäumnisse und Fehler nicht vorliegen. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Aber es war doch ein Chemiekonzern!) So können in bezug auf die Katastrophe in Indien zunächst nur eine Reihe von Fragen gestellt werden: Welcher Art war das Produktionsverfahren, war die Konzeption der Anlage? Welche Sicherheitsmaßnahmen waren vorgesehen? Welcher Art und Qualität war die Überwachung? Wie wurden die Sicherheitsvorschriften — wenn welche vorhanden waren — eingehalten? (Zuruf von den GRÜNEN: Gar nicht!) Wie zuverlässig, wie qualifiziert war das Personal? Waren sich auch die für Reparatur und Wartung eingesetzten Arbeitskräfte über das Risiko, über das Risikopotential im klaren? Waren sie darüber informiert, waren sie sich ihrer Verantwortung bewußt? Inwieweit treffen z. B. Informationen zu, daß Sicherheitsvorkehrungen technischer und administrativer Art ebenso wie Katastrophenschutzmaßnahmen seitens der zuständigen Administration nicht für erforderlich gehalten wurden? Wurde das Ausmaß der Katastrophe auch dadurch so schrecklich, weil zugelassen wurde, daß sich die Slums, die Wohnviertel der Ärmsten um das Chemiewerk herum ausdehnen konnten? Es gibt also viele Fragen, viele Unklarheiten. (Zuruf von den GRÜNEN) — Sie sind ja immer im Besitz der höheren Weisheit, der höheren Erkenntnis. Ich möchte erst einmal wissen, was da geschehen ist, wie die Zusammenhänge eigentlich aussehen. Für mich aber sind in dieser Aktuellen Stunde zwei Fragen entscheidend. Erstens. Sind solche Gefährdungspotentiale auch bei uns vorhanden? Ich muß sagen, daß nach meiner bisherigen Erkenntnis unsere Schutzvorschriften, unsere Schutzmaßnahmen, unsere Sicherheitsauflagen, unsere Transportbestimmungen, die Produktionsverfahren — ich denke an die Störfallverordnung — einen solchen Unfall hier nicht befürchten lassen. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Das ist das St.-Florians-Prinzip!) Wir haben andere Produktionsverfahren: nur in seltenen Fällen noch Phosgen; in diesem Bereich überhaupt nicht. Und dort, wo es angewandt wird, handelt es sich um geschlossene Systeme, um kleinste Mengen, und dort gibt es nur kurze Zwischenlagerzeiten. Frau Kollegin Vollmer, hier dürfen Sie natürlich nicht die Labors mitrechnen und sagen, überall dort werde dieses Zeug gelagert. Das ist natürlich auch eine unehrliche und eine demagogische Feststellung. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Das war von Herrn Minister Farthmann!) Die zweite Frage, die ich stellen muß: Welche Konsequenzen können oder müssen sich aus den jüngsten Ereignissen für die internationale Kooperation ergeben? Sind die Partner, sind die Empfängerländer bereit, unsere hohen Sicherheitsstandards und Sicherheitsanforderungen zu akzeptieren, sind sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, gegen ihre Beurteilungsmaßstäbe, unter Hintan - stellung von Wirtschafts- und Prestigeaspekten stärker auf Sicherheit und Umweltschutz zu setzen? (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Die Opfer sind also selbst schuld! — Weitere Zurufe von den GRÜNEN) Ich bin der Auffassung, daß sich beim Export von Industrieanlagen und der Errichtung von technischen Anlagen insbesondere die Regierungen dieser Länder zur Übernahme und Einhaltung unserer hochentwickelten Sicherheitsstandards verpflichten müßten. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Mein Gott, welch ein Humbug!) Das heißt aber andererseits, daß die Bemühungen um internationale Harmonisierung von Umweltschutz und Sicherheitsmaßnahmen intensiviert werden müssen. Ich füge hinzu: nicht auf niedrigstem, sondern auf höchstem Niveau. Ich persönlich habe noch eine weitere Konsequenz hier anzumerken, die gezogen werden müßte, daß wir nämlich in unseren Bereichen, wo auch immer, in allen technischen Bereichen die Sicherheitsforschung, die Bestimmung von Risikobereichen, generell und am Arbeitsplatz, Risikoanalysen, Reduzierung des Gefahrenpotentials hier vorantreiben, weiter verstärken und intensivieren müssen. Das sind für mich hier und heute die konkreten Schlußfolgerungen, die wir aus den bedauerlichen und beklagenswerten Vorgängen ziehen müssen. Danke schön. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat die Abgeordnete Frau Gottwald. Frau Gottwald (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Giftgaskatastrophe in Bhopal, wie das entsetzliche Ereignis in Indien genannt wird, ist nicht nur trauriger Anlaß, um über Konsequenzen der chemischen Produktion bei uns zu reden, die Giftgaskatastrophe ist vielmehr Beispiel dafür, daß solche Unfälle ganz besonders in den Entwicklungsländern keinesfalls Katastrophen im Sinne von unvermeidlichen Naturereignissen oder Unfällen sind, die völlig unerwartet und überraschend eintreten. Bhopal ist die häufig unvermeidbare Konsequenz brutalster Unternehmensstrategien multinationaler Konzerne, (Beifall bei den GRÜNEN) wo die Logik des Profits die Interessen der betroffenen Menschen völlig negiert. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ähnliche Unfälle auch hier bei uns passieren; aber es ist kein Zufall, daß Unfälle in dem Ausmaß gerade die Bevölkerung in den Entwicklungsländern treffen. Konzerne wie Union Carbide arbeiten auf der Basis folgender Strategien: Aus Gift mach' Geld, wo es sich am meisten lohnt und wo mit dem geringsten Widerstand zu rechnen ist. (Beifall bei den GRÜNEN) Es ist das kalkulierte Risiko, in Dollars ausgedrückt, das Tausende von Menschen in Bhopal das Leben gekostet hat, sie blind gemacht hat, sie für kommende Generationen vergiftet hat. Bereits 1982 verfaßten Mitarbeiter des Konzerns eine Sicherheitsstudie mit dem Ergebnis, daß schwerwiegende Sicherheitsmängel zu verzeichnen seien. Was passierte? Nichts. Zwei Jahre später flog die Fabrik in die Luft. Kommentar des Vorstandsvorsitzenden Warren Anderson, persönlich fühle er sich nicht schuldig. Die Firma zahlt ein paar Milliönchen an die Hinterbliebenen, und die Sache ist erledigt. So wird es gemacht. Traurigerweise sind die Toten in der Dritten Welt auch noch billiger als bei uns. Union Carbide ist ein Beispiel für die gängige Praxis internationaler Chemiekonzerne, die auf dem Rücket' der Armut der Dritten Welt ihre drekkigen Geschäfte machen, im wahrsten Sinne des Wortes. (Ertl [FDP]: Und Sie machen Geschäfte mit den Toten!) Sie nutzen die wirtschaftliche Schwäche der Entwicklungsländer, die ihrerseits alles tun, um ein günstiges Investitionsklima zu schaffen: keine Umweltauflagen, keine Sicherheitsbestimmungen, keine Sozialleistungen, keine gewerkschaftliche Organisierung usw. Dies ist der Grund für die lohnende Produktionsauslagerung in die Dritte Welt. Es ist die uneingeschränkte Entfaltungsmöglichkeit westlicher Kapitale auf der Basis brutalster Ausbeutungsverhältnisse, die nicht nur den arbeitenden Menschen das Blut aussaugt, sondern sie auch oft zu Tode befördert. Ja, Arbeitsplätze stellen diese ausländischen Konzerne in Entwicklungsländern in der Tat. Dieses Argument ist ja wohl Ihr Steckenpferd. Nur muß man sich auch fragen, was für Arbeitsplätze das sind. Das Beispiel Bhopal dürfte die Frage beantworten. Das Geschäft mit dem Gift ist etwas, was hier zu wenig kontrolliert wird, in den Entwicklungsländern fast gar nicht. Deswegen ist es dort auch besonders lukrativ. Westliche Konzerne verkaufen toxische Stoffe in die Dritte Welt, die hier verboten sind. Es gibt Pestizidwerbung auf Hochglanzbroschüren, die dem Bauer in Asien, Afrika und Lateinamerika vorgaukeln, mit diesem Wundermittel könne er seine Armut überwinden. Die Konsequenz ist, der Bauer verschuldet sich noch mehr, die Erde wird vergiftet, der Bauer wird vergiftet, die Konzerne werden fetter und fetter. Die zweite Variante lautet: Chemiekonzerne produzieren die toxischen Stoffe in den Entwicklungsländern, da es billiger ist, da es in den Industrieländern oft verboten ist. Man spart den Transport und auch die Konsequenzen dieser gefährlichen Produktion für die Industrieländer. Damit spart man sich auch die politische Diskussion hier darüber. Union Carbide ist ein Beispiel für diese Agrargiftproduzenten. Bayer, Hoechst und Schering sind ein anderes. Die bundesdeutschen Chemieriesen exportieren jährlich rund 50 000 Tonnen Pestizide in die Dritte Welt. Eine ebenso große Menge wird von ihnen in den Entwicklungsländern produziert, unter ähnlichen Bedingungen wie jetzt in Indien. (Gattermann [FDP]: Wissen Sie eigentlich, daß 51 % dem indischen Staat gehören?) Häufig handelt es sich um Gifte, deren Produktion und Vertrieb hier verboten sind. Sie, meine Herren, sollten aufhören, ständig das Hohelied der freien Marktwirtschaft, das Hohelied des freien Unternehmertums zu singen. Sie sollen sich lieber um die Opfer dieses Liedes kümmern. Wir fordern, daß der Export von hier verbotenen Stoffen verboten wird. Wir fordern, daß auch die Produktionsauslagerung von zu produzierenden Stoffen, die hier verboten sind, ebenfalls verboten wird. Wir fordern von der Bundesregierung, daß sie dahin gehend die notwendigen Schritte unternimmt. Ich danke Ihnen. (Beifall bei den GRÜNEN) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Dr. Faltlhauser. Dr. Faltlhauser (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich bin erschüttert und auch angewidert von der Kaltschnäuzigkeit, mit der die GRÜNEN — das hat Frau Gottwald hier bewiesen — menschliches Leid und Tod zu ihren politischen Geschäften mißbrauchen wollen. Mißbrauch für ihre Ideologie ist das! (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Weg von der sachlichen Beurteilung, nur auf die von Ihnen vorgegebenen ideologischen Vorurteile stellen Sie ab. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Ich bin auch erschüttert, aber von Ihnen, mein Herr!) Ich glaube, Sie hätten Anlaß genug, nach einem derartigen Unfall die Dinge etwas sachlicher zu beurteilen. (Schäfer [Offenburg] [SPD]: Unappetit - lich!) Das, was wir hier gerade in der letzten Rede miterlebt haben, war unappetitlich und ideologisch und nicht zur Sache. Ich bedaure, daß das hier im Bundestag geschehen ist. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Nach Unfällen gibt es immer eine öffentliche Reaktion in drei Stufen: (Frau Dr. Vollmer [Grüne]: Was sind Sie für ein sanfter Mensch!) zunächst Trauer und Erschütterung, dann Suche nach den Ursachen, dann Forderung nach einer Verschärfung der Vorschriften. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Wo sind die Menschen und die Opfer bei Ihrem Ge dankengang?) Ich glaube, es ist angebracht, auch bei uns zu fragen, inwieweit in Deutschland die Normen ausreichen, einen derartigen Unfall bei uns in der Bundesrepublik Deutschland zu verhindern. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll ten etwas zu den Opfern sagen!) Ich glaube, daß die GRÜNEN in ihrem Antrag eine etwas schnelle Antwort gegeben haben. Sie sagten nämlich, daß die Vorschriften nicht ausreichen, daß weiter verschärft, verboten und reglementiert werden sollte. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll ten doch etwas zu den Opfern sagen und zu den Menschen, Herr Kollege!) — Gehören Sie zu den GRÜNEN, Frau Kollegin? Vielleicht schon fast. Ich halte es dagegen für angebracht, daß in unserem Lande deutlichgemacht wird, (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll ten doch etwas zu den Menschen und zu den Opfern sagen, Herr Faltlhauser!) daß es eine tief gestaffelte Reihe von Gesetzen und Vorschriften bereits gibt, (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sagen Sie jetzt etwas zu den Opfern?!) die für einen derartigen Vorfall geschaffen sind: (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sagen Sie etwas zu den Menschen!) Gewerbeordnung, Bundes-Immissionschutzgesetz, spezielle Vorschriften für genehmigungsbedürftige Anlagen, (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll ten etwas zu den Opfern sagen, Herr Faltl hauser!) Detailregelungen für überwachungsbedürftige Anlagen, Vorschriften der Berufsgenossenschaften, Gesetz über technische Arbeitsmittel, Arbeitsstättenverordnung, Druckbehälterverordnung, Störfallverordnung mit einer Reihe von Verwaltungsvorschriften usw. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Wo sind Ihre Ausführungen zu den Opfern?) Meine Damen und Herren, ich glaube, wir sollten den Bürgern draußen auch einmal sagen, daß der Gesetzgeber in diesem Land weitgehend und detailliert für derartige Fälle vorgesorgt hat und daß wir eine gute Verwaltung haben, die derartige Dinge im Detail langfristig vorausgedacht und geregelt hat. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Und dann fühlen Sie sich schön sicher!) Wir haben uns in diesem Staat vielleicht ein bißchen zu sehr daran gewöhnt, die Unzufriedenheit mit allen bestehenden Zuständen zur Regel zu machen. Ich glaube, daß dieser konkrete Fall zeigt, daß in unserem Land vorausschauend gehandelt wird. Wir haben keinen Grund zur Selbstzufriedenheit; da haben wir für die Dritte Welt weiß Gott zu viel Verantwortung. Aber es besteht kein Anlaß, Frau Vollmer und Frau Gottwald, die Bürger in diesem Land angesichts der bestehenden Vorschriften unnötig zu ängstigen. Das hielte ich für verantwortungslos. Wir sollten den Bürgern aber auch sagen: Wenn man eine Perfektionierung der Sicherheit will, immer mehr, dann gibt es nun einmal mehr Vorschriften. Ich glaube, daß dieser Fall zeigt, daß der Preis der Sicherheit auch mehr Bürokratie ist. Auch mit diesem Zwiespalt müssen wir leben. (Duve [SPD]: Sie nutzen dieses Thema auch für jeden Dreck! — Weitere Zurufe von der SPD) Ich meine, zum einen haben wir ein Defizit im Katastrophenschutz. Das war immer eine Berührungsangst der SPD. Sie wollten die Katastrophenmedi - zin in diesem Hause nicht näher behandelt wissen. Es ist dankenswert, daß die Ärztekammer hierzu immer wieder Kurse durchgeführt hat. (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Was ist mit den Opfern, Herr Faltlhauser?) Ich glaube, daß in der Fünften Approbationsordnung, die uns jetzt bevorsteht, sinnvollerweise festgelegt ist, (Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll - ten etwas zu den Opfern sagen!) daß für Katastrophenfälle entsprechende Lehrplan vorgaben vorhanden sind. Ich hoffe, daß diese Katastrophe auch zur Entkrampfung der Debatte über Katastrophenmedizin beitragen kann. Ich würde vorschlagen, daß vorrangig eine Medizinerdelegation nach Indien reist, damit wir unsere Erfahrungen dort vor Ort übermitteln können, und wir sollten die indische Regierung einladen, daß Opfer nach Deutschland kommen, damit sie entsprechend den positiven Erfahrungen bei giftgasverletzten iranischen Soldaten hier behandelt werden können. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Sie begreifen gar nicht, daß wir etwas zu lernen haben!) Das ist eine konkretere, schnellere Handhabe, als wenn Parlamentarierdelegationen reisen, die vielleicht nur wiederum Wind auf ihre ideologische Mühlen brauchen. (Beifall bei der CDU/CSU — Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Kein Wort zu den Opfern, kein Wort zu den Menschen! Pein lich, Herr Faltlhauser!) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat die Abgeordnete Frau Blunck. Frau Blunck (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr Dr. Faltlhauser, wir sollten Ihre ideologische Kaltschnäuzigkeit, die Sie hier an den Tag gelegt haben, möglichst schnell vergessen. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Die Giftgaskatastrophe in Indien hat schlaglichtartig oder, wenn Sie so wollen, explosionsartig die Problematik der Anwendung der modernen Chemie in den Ländern der Dritten Welt deutlich gemacht: Kriminell leichtfertiger Umgang bei der Produktion, fehlende Schutzvorschriften, ein noch nicht ausreichend entwickeltes Umweltbewußtsein haben fast zwangsläufig zu den entsetzlichen Ereignissen von Bhopal geführt. Erst mußten Tausende von Menschen sterben, Zigtausende von Menschen schwere und schwerste Verletzungen erleiden — die ökologischen Auswirkungen sind zur Zeit noch gar nicht abzuschätzen —, bis wir in den reichen Industrieländern uns Gedanken über die Verlagerung besonders risikoreicher Chemieanlagen in die Armenhäuser dieser Welt machen. Es geht nicht darum, die Entwicklungsländer vom technologischen Fortschritt auszugrenzen. Aber wenn wir schon gefährliche Produktionsanlagen exportieren und uns sehr wohl bekannt ist, daß dort nur schlecht ausgebildetes Personal zur Verfügung steht und auch sonst nur mangelhafte Kontrollmöglichkeiten bestehen, dann darf dies nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Erzielung eines möglichst hohen Profits geschehen. (Beifall bei der SPD) Hier muß erst recht die Forderung nach besonders scharfen Sicherheitsvorkehrungen erhoben werden. Zumindest aber sollten diese den gleichen Standards entsprechen, die die exportierenden Unternehmen in ihren eigenen Ländern beachten müssen. Sicher, das ist auch eine Frage von Moral, aber wenn diese schon im tagtäglichen Wirtschaftsleben nicht oberste Richtschnur des Handelns ist, dann werden vielleicht die riesigen Schadensersatzforderungen, mit denen jetzt der amerikanische Konzern Union Carbide überzogen wird, die Herren in den Vorstandsetagen der einschlägigen Industrie zur Einsicht bringen, daß sich auch in den Ländern der Dritten Welt die Beachtung elementarer Schutzvorkehrungen sogar dann noch rechnet, wenn diese Schutzvorschriften in den entsprechenden Entwicklungsländern nicht obligatorisch sind. Eine Katastrophe noch weit schlimmeren Ausmaßes als jetzt in Bhopal sehe ich langfristig durch den ungehemmten Export von Pflanzenschutzmitteln auf uns zukommen. Pflanzenschutzmittel — einige bei uns wegen ihrer erwiesenen Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt anwendungsbeschränkt, andere bei uns nicht zugelassen — werden förmlich in die Länder der Dritten Welt gepumpt, und die deutsche chemische Industrie liegt hierbei an der Spitze. Was unter dem Deckmantel der Sicherung von Nahrungsmittelproduktion an Tausenden von Tonnen von Pestiziden und Insektiziden auf Baumwoll- und Reisplantagen, über Bananen-, Tabak- und Obstpflanzungen ausgebracht wird, hat die Hungersnöte und die Fehl- und Mangelernährung nicht beseitigen können. Hierfür sind ganz andere Gründe vorhanden. (Beifall bei der SPD — Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Haben sie aber mit verursacht!) Es hat aber sehr wohl dazu beigetragen, daß gewachsene wirtschaftliche Strukturen zugunsten von Monokulturen zerstört und alternative Anbaumethoden, die ohne Agrargifte auskommen, bekämpft wurden. Es wäre nun unredlich, nur den Entwicklungsländern die Verantwortung für diese bedrohlichen Importe zuzuschieben. Sicherlich, manche Länder könnten hier etwas mehr Eigenständigkeit zeigen. Wichtiger dürfte aber wohl sein, daß sich die eigentlichen Urheber, die Industriestaaten, zu ihrer Verantwortung bekennen. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Für uns heißt das ganz konkret, daß wir eine Exportverbot für alle in der Bundesrepublik nicht zugelassenen bzw. verbotenen Pflanzenbehandlungsmittel erlassen. Wenn denn Lehren aus den tragischen Ereignissen in Indien gezogen werden sollen, dann haben alle Parteien dieses Hauses bei der anstehenden Novellierung des Pflanzenbehandlungsgesetzes die Möglichkeit, dieses Exportverbot zu beschließen. Dazu lade ich alle ganz herzlich ein. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat Herr Abgeordneter Ertl. Ertl (FDP): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es ist bitter, wenn mit einem so traurigen Ereignis ideologische Haßgesänge in einem anderen Parlament abgesandt werden. Ich sage das an die Adresse der GRÜNEN und auch an die Adresse von Frau Blunck. Ich habe nicht notiert, wie oft Profit verteufelt wurde. Sie, die Herren GRÜNEN, leben ja auch vom Profit. Sie existieren doch nur vom Profit. (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU) Hier sind Bemerkungen zu multinationalen Unternehmen gemacht worden. Deshalb möchte ich schlichtweg der Wahrheit zuliebe einige Bemerkungen machen. Es ist Demagogie, es ist unwahr, wenn Union Carbide im selben Zusammenhang mit BASF, BAYER und Schering genannt wird. Ich weise das zurück, (Zurufe von den GRÜNEN) und zwar auch angesichts unserer eigenen Sicherheitsbestimmungen in diesem Lande, die nicht nur für die Werke hier, sondern auch für die im Ausland gelten. (Anhaltende Zurufe von den GRÜNEN) — Wer brüllt, zeigt, daß er es mehr im Hals als im Hirn hat. (Beifall von der FDP — Frau Gottwald [GRÜNE]: Was produziert denn BASF in Peru, Thailand und Malaysia? — Weitere Zurufe von den GRÜNEN) Das gehört allerdings in die Kategorie der Zoologie, und dafür habe ich bei den GRÜNEN Verständnis. (Duve [SPD]: Das ist der Sprecher der Freien Demokraten zu diesem Thema! Das ist erbärmlich!) — Herr Duve, es ist zwar Ihr gutes Recht, und es entspricht Ihrem Benimm, daß Sie hier ununterbrochen Werturteile abgeben, aber das steht Ihnen nicht zu, weder von Ihrer geistigen noch von Ihrer moralischen Qualität her. (Beifall bei der FDP — Duve [SPD]: Was haben Sie denn gemacht? — Schäfer [Of - fenburg] [SPD]: Auch Sie sprechen gegen sich selbst!) Zweitens. Wer so, wie Sie das hier soeben getan haben, über die Anwendung von Pestiziden spricht, der muß den Menschen in der Dritten Welt — vor allem dort, wo tropische Früchte angebaut werden und wo es spezifische tropische Schädlinge gibt — auch eine Antwort geben, wie sie in Zukunft ernten sollen, z. B. Reis (Zurufe von den GRÜNEN) — wissen Sie, ich bin ja sehr für Zwischenrufe, aber ich möchte Sie gern sachkundig machen, denn das würde Ihnen nicht schaden —, (Frau Dr. Hickel [GRÜNE]: Ach die liebe Zeit!) der muß ihnen sagen, wie er mit der Tsetsefliege fertig wird, (Sehr gut! bei der FDP) der muß ihnen das sagen, oder er muß den Vietnamesen und so vielen, die vom Reis leben, sagen: Es müssen noch mehr sterben, als es jetzt leider schon der Fall ist. (Beifall bei der FDP — Zurufe von den GRÜNEN) Das heißt: Dieser Komplex ist viel zu vielschichtig, als daß man ihn in fünf Minuten behandeln könnte. Ich wollte deshalb nur diesen Punkt anschneiden. Lassen Sie mich aber noch einen dritten Punkt nennen. Wir alle haben Lehren aus dieser Katastrophe zu ziehen. Aber manches, was wir gemacht haben, war richtig, z. B. integrierter Pflanzenschutz, z. B. Resistenzzüchtung und z. B. Entwicklung von Pestiziden, die unschädlich sind. Alles ist heute nicht nur entwickelt, sondern zum Teil auch schon auf dem Markt. Daraus gilt es, in internationaler Zusammenarbeit die Schlußfolgerungen zu ziehen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Dies ist wesentlicher als Exportgebote und -ver bote. (Schäfer [Offenburg] [SPD]: Das hat Frau Blunck doch gesagt! — Brück [SPD]: Jetzt werden Sie endlich sachlich!) — Ich bedanke mich für die Qualifikation, Herr Brück. Das ist mir immer so sympathisch bei euch. Das ist so eure sozialistische Toleranz; die kenne ich. (Brück [SPD]: Ich habe gesagt, jetzt wer den Sie endlich sachlich!) — Nein, ich werde so sachlich, wie Sie es waren. Ich muß sagen, ich habe mich zutiefst geärgert, wie polemisch das war und wie Sie Geschäfte mit der „Habgier" gemacht haben, auch Frau Blunck. Das ist Ihr Stil. (Zuruf von der CDU/CSU: Ein ekelhafter Stil!) Ich habe sehr aufmerksam zugehört. (Zurufe von den GRÜNEN) — Ihnen nehme ich es nicht übel; Sie sind ja außen - vor. Sie haben hier einen Freibrief dafür, daß Sie ständig unterbrechen. Ich muß zum Ende kommen. Ich ziehe eine ganz andere Schlußfolgerung. Wir müssen nicht nur bezüglich der Produktion von Pestiziden international zusammenarbeiten, sondern wir müssen auch bezüglich der Menschen zusammenarbeiten. Wir müssen wirtschaftlich und agrarwirtschaftlich zusammenarbeiten und dabei unsere hohen Standards von Wissenschaft, Technik und Wissen in der Dritten Welt einsetzen. (Frau Blunck [SPD]: Und Alternativen!) — Und Alternativen, das bestreite ich gar nicht. Nur muß ich Ihnen sagen, Ihre Alternative, Frau Blunck, ist vollkommen falsch. Mit Exportverbot vermehren Sie den Hunger in der Welt. (Zurufe von der SPD) — Dann lesen Sie doch das Protokoll nach. Dann muß ich ja keine Ohren gehabt haben. Es tut mir furchtbar leid, wenn Sie es nicht gesagt hätten, hätte ich nicht darauf geantwortet. Es ist schlimm, etwas zu behaupten und dann zu sagen, man habe es nicht gesagt. (Zurufe von der SPD) — Ich antworte ja nur, verehrter Herr Vogel. Ich lasse nicht zu, daß in dieser Form hier diskutiert wird, weil zur Politik immer noch die Sache gehört. Ich habe mal gelernt, Wissen ist Macht. Aber ich habe mich daran gewöhnt, daß es in diesem Hause Stil ist, daß Ignoranz es macht. Ich bin immer noch mehr für die Sache und das Wissen. Ich bedanke mich dafür, daß Sie mir zugehört haben. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Dr. Lippold. Dr. Lippold (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der tausendfache Tod, das unendliche Leid ungezählter Kinder, Frauen und Männer in der indischen Stadt Bhopal, deren Schicksal wir mit tiefer Anteilnahme und Erschütterung verfolgen, mahnt uns zur Selbstprüfung. Unser gemeinsames Ziel muß sein, solche Unglücke, solche Katastrophen vorbeugend zu vermeiden. Wir wissen, daß es eine absolute Sicherheit nicht gibt. Dies verpflichtet uns dazu, in unserem Land Vorsorge zu treffen, aber nicht nur in unserem Land, sondern auch anderen Ländern zu helfen, daß sie Katastrophen in dieser Form nicht erleben müssen, daß solche Katastrophen vermieden werden. Wir müssen ihnen dazu die Hand reichen. (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD) Wir müssen aber auch Verständnis dafür wecken, daß sie selbst dies tun wollen. Denn wir können ihnen dies nicht aufzwingen. Wir müssen dafür werben. Wir müssen aber auch in anderer Hinsicht bedenken, daß wir mit Sicherheit hier im Pflanzenschutzmittelbereich produzieren müssen, um dem Hunger und dem Elend in der Dritten Welt abzuhelfen. Wir können die Dinge nicht einfach einseitig betrachten. Wir wissen, dal3 ohne diese Produktion viele Menschen verhungern würden. Wir können für unser Land heute davon sprechen, daß wir viel für die sicherheitstechnische Vorsorge getan haben. Wir sagen das ohne Selbstzufriedenheit, weil dies die Leistung aller Regierungen ist, auch der vorangegangenen. Wir sagen aber auch, daß dies geleistet wird durch die Bürger unseres Landes, durch Arbeiter und Angestellte in den Betrieben, in den Arbeitsschutzinstitutionen, in den Gesundheitsdiensten, im Gewerbeaufsichtsamt und im Technischen Überwachungsverein. Die können wir nicht in einem so schlechten Licht dastehen lassen, wie dies, meine Damen und Herren von den GRÜNEN, durch Ihre Verlautbarungen hier offensichtlich der Fall ist. (Zurufe von den GRÜNEN) Hier wird von einer Vielzahl von Menschen verantwortungsvolle Arbeit geleistet. Das sollten Sie nicht einfach in Abrede stellen. (Beifall bei der CDU/CSU) Das sind die Leute, die das umsetzen, was wir hier politisch beschließen. Wir können deshalb sagen, daß für unser Land kein Grund zur Panik, kein Grund zur Angst besteht. Wir alle sollten der Versuchung widerstehen, zur Panikmache Anlaß zu geben, um daraus politischen Profit, um daraus politisch Kapital zu schlagen. Ich muß ganz ehrlich sagen, ich verstehe nicht, wie man sich in dieser Form mit der Trauer, mit der Betroffenheit anderer hinstellen kann. Das geht insbesondere in Ihre Richtung, wo man ganz einfach mit niederen Instinkten politisch Kapital schlagen will. (Frau Gottwald [GRÜNE]: Sagen Sie doch mal etwas zu den Ursachen! Wie kommt es denn zu den Katastrophen?) Ich sage noch einmal ganz deutlich — und unterstreiche das, was der Kollege Faltlhauser gesagt hat —, wir haben eine Vielzahl von Vorschriften und haben mit der Störfallverordnung gerade für den Umgang mit gefährlichen Gütern Sicherheitsvorkehrungen geschaffen. Es muß dargelegt werden, was alles für den Umgang mit gefährlichen Gütern getan wird, wie mögliche Störfälle verhindert werden können. Dabei wird alles berücksichtigt, bis hin zu Katastrophen wie Erdbeben, Hochwasser usw. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Fühlen Sie sich sicher, wenn in Indien die Menschen sterben?) Man muß ganz einfach sehen, daß dies mehr ist, als in jedem anderen Land der Welt getan wird. Auch für europäische Verhältnisse tun wir wesentlich mehr. Die Gleichstellung der deutschen Unternehmen mit Unternehmen in der Dritten Welt ist einfach nicht haltbar. Sie können doch nicht mit vergleichbaren Vorfällen aus unserem Land argumentieren. (Frau Gottwald [GRÜNE]: Alles Lüge!) Das ist doch der Punkt. Wenn Sie trotzdem die Arbeiter und Angestellten unseres Landes mit anderen gleichsetzen, ist das nicht verantwortungsvoll. Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie mich deutlich machen: Wir haben Vorschriften, die darauf abstellen, daß, selbst wenn ein Sicherungskreis in einem Unternehmen nicht standhält, andere Sicherheitsregelungen greifen. Darüber hinaus ist zusätzlich Vorsorge getroffen. Ich glaube, wir können sagen: Wir haben nicht erst auf Grund solcher Vorfälle, sondern schon seit Jahrzehnten sehr viel getan. Wir sollten dies allerdings nicht zum Anlaß nehmen, uns selbstzufrieden zurückzulehnen, sondern wir sollten gemeinsam daran arbeiten, diesen hohen Sicherheitsstandard nicht nur zu halten, sondern fortzuentwickeln. Und wir sollten, wie gesagt, daran arbeiten, daß dies in Zukunft auch für die Länder der Dritten Welt zutrifft, damit sich solche Unfälle nicht wiederholen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat die Frau Abgeordnete Dr. Hartenstein. Frau Dr. Hartenstein (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wenn diese Aktuelle Stunde einen Sinn haben soll, dann darf sie sich nicht in Klagen und Anklagen erschöpfen; (Zustimmung bei der CDU/CSU) aber sie darf auch nicht zu Verniedlichungs- und Ablenkungsmanövern führen, Herr Kollege Faltlhauser, (Beifall bei der SPD) und auch nicht zu parteipolitischem Hickhack. (Freiherr von Schorlemer [CDU/CSU]: Sehr gut!) Was Sie, Herr Kollege Ertl, hier vorgetragen haben, war, meine ich, liberalem Niveau nicht ganz adäquat. (Beifall bei der SPD) Eine solche Behandlung der Problematik verbietet einfach das Leid von vielen Tausenden von Opfern. Wir müssen uns vielmehr fragen: Was kann geschehen und was muß geschehen, damit sich ein so entsetzliches Unglück nicht wiederholt? Eine Bemerkung vorweg: Wenn es zutrifft, daß ein bereits vor zwei Jahren erstellter Bericht schwere Bedenken gegen das Werk Bhopal wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen erhoben hat, dann ist es doch ein ungeheuerlicher Skandal, daß weder die Werksleitung von Union Carbide noch die indischen Behörden sich veranlaßt gefühlt haben, schleunigst diese Mängel zu beheben. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Vor diesem Hintergrund, meine Damen und Her - ren, wirkt das Gerangel um die Entschädigungsmil liarden geradezu zynisch; denn keine Million Dollar, und auch keine Milliarde Dollar, bringt einem erblindeten Kind sein Augenlicht zurück — von den Toten ganz zu schweigen. (Zustimmung bei den GRÜNEN) Was sind die Konsequenzen? Unsere Bürger stellen vor allem zwei Fragen: Erstens. Wie sicher sind die Anlagen in unserem Land? Zweitens. Müssen wir unbedingt mit solchem Teufelszeug umgehen? (Frau Dr. Hickel [GRÜNE]: Genau!) Beide Fragen sind berechtigt. Auch in der Bundesrepublik wird, wie schon gesagt wurde, Phosgen produziert, verwendet, gelagert, transportiert. Weil wir das Gefahrenpotential kennen und weil wir wissen, daß die Bevölkerung ein Recht auf Schutz hat, hat die sozialliberale Bundesregierung 1980 eine Störfallverordnung erlassen, und zwar gegen den heftigsten Widerstand der Industrie. Das muß man hier einmal deutlich sagen. Darin wurden für Neuanlagen und für Altanlagen Sicherheitsanalysen gefordert. Es wurde eine Meldepflicht eingeführt. Es wurde eine ständige Überprüfung bei der Produktion von ca. 140 gefährlichen Stoffen vorgeschrieben, darunter Phosgen. Heute müssen wir die Bundesregierung fragen: Sind die Sicherheitsanalysen überall durchgeführt worden? Wo gibt es Vollzugsdefizite? Ist die Überwachung gewährleistet? Sind die Gewerbeaufsichtsämter in der Lage, sowohl von ihrer personellen Ausstattung als auch von der Sachkunde her, ihren Kontrollpflichten nachzukommen? (Beifall bei der SPD) Ist die Bevölkerung in der Umgebung solcher Anlagen hinreichend unterrichtet, auch über das nötige Verhalten in einem eventuellen Katastrophenfall? Wir fordern die Bundesregierung auf, Herr Staatssekretär Spranger, umgehend einen Bericht darüber zu erstellen, ob und wieweit die Störfallverordnung verwirklicht wurde, und diesen Bericht den zuständigen Ausschüssen unverzüglich zuzuleiten. (Beifall bei der SPD) Ein Letztes: Bhopal ist, ebenso wie Seveso, ein schreckliches Signal — nicht nur dafür, daß uns die Chemie überall einholt. An diesem Punkt zeigt sich auch wieder einmal, daß der Markt eben nicht alles richtet. Meine Damen und Herren, das „freie Spiel der Kräfte" kann zerstörerisch sein, gerade in diesem Bereich, aber nicht nur da. Deshalb muß man ihm Zügel anlegen, um so kürzere, je gefährlicher die Produkte sind, mit denen hantiert wird. Profitgier darf nicht die Oberhand behalten. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Ich hoffe, daß wir noch lernfähig genug sind, um endlich zu begreifen, daß wir nicht weiter gegen die Natur produzieren und handeln dürfen. Wir handeln damit auch gegen uns selber. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Eine vernünftige Politik muß dafür sorgen, daß im mer weniger schädliche Produkte hergestellt und verwendet werden und daß sie durch umweltfreundliche und gesundheitsschonende Produkte ersetzt werden. Schaffen wir doch die Rahmenbedingungen dafür, daß das stattfinden kann, was wir „die ökologische Modernisierung der Volkswirtschaft" nennen; dann haben wir etwas aus Bhopal gelernt, und dann kommen wir auch dem Frieden mit der Natur näher. Danke schön. (Beifall bei der SPD) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Boroffka. Boroffka (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Vorab, Frau Kollegin Hartenstein: Für den Vollzug der Störfallverordnung sind, wie Sie wissen, die Bundesländer zuständig, nicht die Bundesregierung. Die kann dort Informationen abfordern und dann den Bericht erstatten. Das sage ich nur, damit die Kompetenzen klar sind und damit hier auch auf diesem Gebiet nichts verwischt wird. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Gut preu - ßisch!) Meine Damen und Herren, Trauer und Mitgefühl mit den Opfern der Katastrophe in Bhopal sollten die Grundlage unserer Debatte sein. (Zuruf von den GRÜNEN: Nein!) Aber was hier an giftgrüner Polemik benutzt wurde, (Frau Gottwald [GRÜNE]: Das hat mit Po lemik nichts zu tun!) um eigene ideologische Ziele voranzutreiben, ist von einer Unerträglichkeit, (Weitere Zurufe von den GRÜNEN) bei der ich mich mühsam zurückhalten muß, nicht noch deutlicher zu werden. (Zustimmung bei der CDU/CSU — Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Sie brauchen uns keine Schonung aufzuerlegen! Wir können das gut aushalten! — Weitere Zurufe von den GRÜNEN) Deshalb will ich in aller Ruhe auf einen anderen Aspekt dieser Katastrophe eingehen. Meine Damen und Herren, der jährliche Pro-Kopf- Energieverbrauch beträgt in Indien rund 315 kg Steinkohleneinheiten; das ist weniger als der Durchschnitt aller Entwicklungsländer. Dort, in Indien, leben zur Zeit 730 Millionen Menschen; um die Jahrtausendwende werden es über eine Milliarde sein. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Haben Sie Angst?) Bei diesem Zuwachs der Bevölkerung wird sich — schon beim heutigen Standard des Pro-Kopf- Verbrauchs — der Gesamtenergiebedarf des Landes um 50 % erhöhen. Zur Zeit werden in den knapp 600 000 Dörfern über 80 % des Energiebedarfs durch Holz und landwirtschaftliche Abfälle gedeckt. (Frau Gottwald [GRÜNE]: Was wollen Sie damit eigentlich sagen? Worauf wollen Sie eigentlich hinaus? — Gegenruf von der CDU/CSU: Hören Sie doch einmal zu!) Wenn die Bevölkerung — bei sich verringerndem Waldbestand, bei nicht mehr nachwachsendem Holz — so weiterwächst, hat dieses Land überhaupt keine andere Chance, als sich durch Industrie, durch Technik und Wissenschaft zu entwickeln, damit wenigstens die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt werden können, damit Hunger und Elend langsam aufhören. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Widerspruch bei den GRÜNEN) Meine Damen und Herren, dieses Land ist gerade durch Wissenschaft, durch Technik an die Grenze der Selbsterhaltung im Nahrungsmittelbereich gekommen, gerade an die Grenze, an der sich die Menschen mit Nahrungsmitteln selber erhalten können, (Unruhe bei den GRÜNEN) und dies durch Wissenschaft und Technik, etwa durch Hochleistungsreissorten. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: So viel Unver stand!) Der Herr Kollege Ertl hat schon darauf hingewiesen, und ich wiederhole es: Mit diesen Reissorten gibt es zwei bis drei Ernten pro Jahr. Nur dadurch, daß Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt werden, ist dieser Ernteertrag überhaupt möglich. Weltweit würden wir übrigens 35 % des Ernteertrags vernichten lassen, wenn wir solche Mittel nicht einsetzen. Das wäre ein Schaden von 40 Milliarden DM. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Primitivstes Kolonialisten — Einmaleins ist das! — Wei terer Zuruf von den GRÜNEN: Sie schei nen nicht viel Verstand zu haben! — Frau Gottwald [GRÜNE]: Gut, daß Sie nur fünf Minuten haben! — Gegenrufe von der CDU/CSU) Meine Damen und Herren, eines will ich noch hinzufügen: Wir haben 150 Jahre industrieller Entwicklung gebraucht, um unseren Sicherheitsstandard, den ich nicht noch einmal beschreiben will, weil andere Kollegen schon darauf eingegangen sind, zu erreichen. Ich gebe zu, daß aus diesem Standard die Verpflichtung erwächst, dies auch anderen Ländern nahezubringen. Nur, meine Damen und Herren, es gibt woanders ein anderes Lebensgefühl, andere Einstellungen zum Risiko; da gibt es Nationalbewußtsein, Prestigebewußtsein u. ä. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Sie meinen, das sind alles Wilde, ja?) Dies können wir doch nicht einfach ignorieren. (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Unterentwik kelte Wilde sind das, ja?) Lassen Sie mich noch etwas hinzufügen: Bei uns hat sich der Sicherheitsstandard übrigens auch durch das demokratische System der Offenlegung entwickelt. Ich erinnere daran, daß beispielsweise in Mexiko eine Nachrichtensperre verhängt worden ist, daß in den sozialistischen Staaten bei ähnlichen Vorkommnissen überhaupt keine Meldung erscheint. Ich meine, wir sollten hier einmal darüber nachdenken, daß auch so etwas zu Schwierigkeiten führt, weil die Verhältnisse woanders eben anders sind. Ich will mit einem Satz, mit einer persönlichen Bemerkung schließen: Als Chemiker verwahre ich mich im Namen aller Mitarbeiter der chemischen Industrie Deutschlands (Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Jetzt wird mir einiges klar, jetzt wird mir endlich einiges klar!) gegen die unverschämten Anwürfe der GRÜNEN. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Abgeordnete Duve. (Dr. Blank [CDU/CSU]: Jetzt kommt der Oberzensor der Nation!) Duve (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich glaube, es ist angebracht, die deutschen Chemiker vor Herrn Boroffka wieder einmal in Schutz zu nehmen, (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) der mit seiner Berufsrepräsentanz hier schon manches Unheilvolle gesagt hat. Herr Boroffka und Herr Ertl, Sie beide haben — ganz sachlich jetzt — den Zielkonflikt, das Problem und die Widersprüche, die niemand von uns hier im Hause — weder die GRÜNEN noch wir, noch Sie — lösen kann, überhaupt nicht angesprochen. Sie haben gesagt, das Land müsse eben dann, wenn die Flora kaputt ist, immer weiter industrialisiert werden. In diesem Konflikt befindet sich Indien seit 100 Jahren. Indien ist das elftgrößte Industrieland der Welt. Die indischen Regierenden und Industriellen tragen hier eine Verantwortung, aber wir auch. Wir tragen sie auch mit, (Beifall bei der SPD) und wir müssen uns dieser Verantwortung stellen. Bei keiner der großen Heimsuchungen in der Dritten Welt, die wir in den letzten Wochen und Monaten diskutiert haben, sind wir so direkt beteiligt wie hier. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Natürlich tragen die Manager von Union Carbide diese Verantwortung nicht allein. (Boroffka [CDU/CSU]: Waren da überhaupt welche dabei? — Zuruf der Abg. Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]) Wir nennen ja Weltmarkt und erfolgreiche Weltfirmen, was sich in den letzten Jahren zu einem bedrohlichen Netz von lukrativen Ausflaggungen in Billiglohnländer, in Billigumweltländer, in Billig - kontrolländer und in Billigstandardländer verknüpft hat. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Das steckt oft hinter dem Wort „weltweite Verknüpfung einer Firma", und es geht jetzt darum, zu fragen: Was können wir dagegen tun? Ich bin der Meinung, daß wir in der OECD mit dem, was die OECD bisher an Chemikalienkontrolle versucht hat, eine Grundlage hätten, dies auf Ausrüstungen, Anlagen und vor allem auf Tochterfirmen auszuweiten. Ich bin der Auffassung, daß alle Chemiefirmen aus dem Bereich der OECD zunächst einmal zu einer Selbstverpflichtung, einem Verhaltenskodex kommen müssen, daß ihre Standards, die sie in der OECD haben, bei exportierten Anlagen in der Welt gelten. (Boroffka [CDU/CSU]: Aber Indien gehört doch nicht zur OECD!) 90 % aller Eigentümer von chemischen Industrieanlagen befinden sich in OECD-Ländern. 90 % aller Produkte aus den 60 000 chemischen Stoffen werden von der Industrie in den OECD-Ländern produziert oder verantwortet. Insofern hat die OECD hier eine Verantwortung. Sie haben recht, wenn Sie sagen, daß die Inder das nicht wollen. Aber wer drückt denn die Standards in der Dritten Welt? Das sind die Exporteure von Anlagen, von Tochterfirmen, die manchmal ganz anders heißen als die Mutterfirma. (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Aber das eigentliche Problem steckt doch hier. Wenn Sie sich den dicken Band Störfälle, den das Umweltbundesamt veröffentlicht hat, mit den Tausenden untersuchten Störfällen, chemischen Störfällen seit 1949 nehmen, dann werden Sie sehen, daß bei keinem einzigen Störfall eine Firma genannt ist. Das heißt: Auch wir sind hinsichtlich der Verflechtungen und der Verantwortlichkeiten ziemlich blind. Das muß offengelegt werden. (Beifall bei der SPD) Ich will, weil ich nur noch eine Minute habe, zu einem letzten Punkt kommen. Die Angleichung der Standards und die Kontrolle dieser Standards sind ja doch nur — Frau Vollmer und andere haben hier darauf hingewiesen — ein Weg. Es geht nicht nur auf dem chemisch-industriellen Weg. Wenn wir hier bei uns sehr interessante Diskussionen über ökologische Landwirtschaft führen, Herr Ertl — heute wird hierüber j a noch diskutiert —, dann müssen wir auch in dieser Frage Diskussionspartner der Dritten Welt werden (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) und sagen: Da gibt es auch einen anderen Weg als den, den Herr Boroffka hier genannt hat, die tote Natur und den chemisch-industriellen Komplex, der die Menschen dann noch künstlich ernährt. (Zurufe von der CDU/CSU) Sie haben das zwar nicht gefordert, aber Sie haben das als einzige Aussicht dargestellt. Das ist nicht die einzige Aussicht! (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN) Wir diskutieren bei uns über ökologische Alternativen, und das wäre — damit will ich schließen — auch in Indien sinnvoll. Ich danke für die Aufmerksamkeit. (Beifall bei der SPD) Präsident Dr. Jenninger: Die Aktuelle Stunde ist beendet. Ich rufe den Zusatzpunkt 6 der Tagesordnung auf: Beratung des Antrags der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜ- NEN Giftgaskatastrophe in Bhopal und mögliche Konsequenzen für die chemische Produktion in der Bundesrepublik Deutschland — Drucksache 10/2612 — Das Wort wird nicht gewünscht. Interfraktionell wird vorgeschlagen, den Antrag der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN auf Drucksache 10/2612 zu überweisen zur federführenden Beratung an den Innenausschuß und zur Mitberatung an den Auswärtigen Ausschuß, den Ausschuß für Wirtschaft, den Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, den Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung, den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit und den Ausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Gibt es andere Vorschläge? — Das ist nicht der Fall. Die Überweisung ist so beschlossen. Ich rufe die Tagesordnungspunkte 2 bis 8 auf: 2. Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN Verschuldung in der Landwirtschaft — Drucksachen 10/1206, 10/2041 — 3. Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜNEN Ökologischer Landbau und die Zukunft der Landwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland — Drucksachen 10/1207, 10/2042 — 4. Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Sauter (Epfendorf), Painter, Susset, Freiherr von Schorlemer, Eigen, Bredehorn, Austermann, Schartz (Trier), Rode (Wietzen), Michels, Hornung, Dr. Kunz (Weiden), Herkenrath, Fellner, Dr. Rumpf, Brunner, Bayha, Scheu, Borchert, Carstensen (Nordstrand), Freiherr Heereman von Zuydtwyck, Dr. Meyer zu Bentrup, Schmitz (Baesweiler), Stutzer, Graf von Waldburg-Zeil, Ertl, Dr. Olderog, von Schmude, Tillmann, Frau Fischer, Dr. Freiherr Spiess von Büllesheim, Dr. Götz, Dr. Jobst, Frau Geiger, Eylmann, Frau Roitzsch (Quickborn), Dr. Hornhues, Nelle, Krey, Repnik, Höffkes, Hedrich, Sauer (Stuttgart), Ganz (St. Wendel), Dr. Sch

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