Protokoll der 111. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 111. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 10/111
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
111. Sitzung
Bonn, Donnerstag, den 13. Dezember 1984
Inhalt:
Erweiterung der Tagesordnung . 8245A, 8326 D
Absetzung der Punkte 14, 15 und 19 von der
Tagesordnung 8245 B, 8326 D
Bestimmung des Abg. Seiters als
stellvertretendes Mitglied im Gemeinsamen
Ausschuß 8245 B
Zur Geschäftsordnung
Seiters CDU/CSU 8245 B
Dr. Wernitz SPD 8246A
Wolfgramm (Göttingen) FDP 8246 C
Frau Nickels GRÜNE 8246 D
Entwurf eines Gesetzes zur Durchführung
einer Repräsentativstatistik über die
Bevölkerung und den Arbeitsmarkt —
Mikrozensus —
— Drucksache 10/2600 — 8247 D
Zweite und dritte Beratung des von der
Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes über eine
Ergänzungsabgabe zur Einkommensteuer und zur
Körperschaftsteuer
(Ergänzungsabgabengesetz)
— Drucksache 10/2460 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Finanzausschusses
— Drucksache 10/2619 —
Bericht des Haushaltsausschusses gemäß
§ 96 der Geschäftsordnung
— Drucksache 10/2620 —
Porzner SPD (zur GO) 8248 B
Seiters CDU/CSU (zur GO) 8248 C
Dr. Spöri SPD 8249 C
Jung (Lörrach) CDU/CSU 8251 B
Krizsan GRÜNE 8253 B
Gattermann FDP 8254 C
Dr. Stoltenberg, Bundesminister BMF . 8256 D
Namentliche Abstimmung 8258 A
Aktuelle Stunde betr. Giftgaskatastrophe
in Bhopal und mögliche Konsequenzen für
die chemische Produktion in der
Bundesrepublik Deutschland
Frau Dr. Vollmer GRÜNE 8259 D
Kroll-Schlüter CDU/CSU 8260 C
Brück SPD 8261 C
Dr.-Ing. Laermann FDP 8262 B
Frau Gottwald GRÜNE 8263A
Dr. Faltlhauser CDU/CSU 8264 A
Frau Blunck SPD 8265 B
Ertl FDP 8266 A
Dr. Lippold CDU/CSU 8267 B
Frau Dr. Hartenstein SPD 8268 B
Boroffka CDU/CSU 8269 A
Duve SPD 8270A
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE
GRÜNEN
Giftgaskatastrophe in Bhopal und mögli
-
che Konsequenzen für die chemische
Produktion in der Bundesrepublik
Deutschland
— Drucksache 10/2612 — 8271 A
Beratung der Großen Anfrage der
Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der
Fraktion DIE GRÜNEN
Verschuldung in der Landwirtschaft
— Drucksachen 10/1206, 10/2041 —
in Verbindung mit
Beratung der Großen Anfrage der
Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der
Fraktion DIE GRÜNEN
Ökologischer Landbau und die Zukunft
der Landwirtschaft in der Bundesrepublik
Deutschland
— Drucksachen 10/1207, 10/2042 —
in Verbindung mit
Beratung der Großen Anfrage der
Abgeordneten Sauter (Epfendorf), Paintner,
Susset, Freiherr von Schorlemer, Eigen,
Bredehorn, Austermann, Schartz (Trier),
Rode (Wietzen), Michels, Hornung, Dr.
Kunz (Weiden), Herkenrath, Fellner, Dr.
Rumpf, Brunner, Bayha, Scheu, Borchert,
Carstensen (Nordstrand), Freiherr Heere
-
man von Zuydtwyck, Dr. Meyer zu
Bentrup, Schmitz (Baesweiler), Stutzer, Graf
von Waldburg-Zeil, Ertl, Dr. Olderog, von
Schmude, Tillmann, Frau Fischer, Dr.
Freiherr Spies von Büllesheim, Dr. Götz,
Dr. Jobst, Frau Geiger, Eylmann, Frau
Roitzsch (Quickborn), Dr. Hornhues, Nelle,
Krey, Repnik, Höffkes, Hedrich, Sauer
(Stuttgart), Ganz (St. Wendel), Dr.
Schwörer, Lenzer, Ruf, Bohl, Dr. Unland, Jagoda,
Niegel, Biehle, Seesing, Seehofer, Jäger
(Wangen), Dr. Laufs, Dr. George, Deres,
Jung (Lörrach), Müller (Wadern), Weiß,
Graf Huyn, Bühler (Bruchsal), Magin,
Schemken, Frau Dempwolf, Berger, Dr.
Müller, Lowack, Dr. Hüsch, Dr.-Ing. Kansy
und der Fraktionen der CDU/CSU und
FDP
Perspektiven für den bäuerlichen
Familienbetrieb
— Drucksachen 10/1550 (neu), 10/2043 —
in Verbindung mit
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE
GRÜNEN
Förderung von Beratung im ökologischen
Landbau in Form eines Modells „Bauern
helfen Bauern" — Neue Formen eines
Modells bäuerlicher Selbsthilfe
— Drucksache 10/1216 —
in Verbindung mit
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zu dem
Entschließungsantrag der Fraktionen der
CDU/CSU und FDP zur Beratung des
Agrarberichts 1984 der Bundesregierung
Entschließungsantrag der Fraktion der
SPD zur Beratung des Agrarberichts 1984
der Bundesregierung
— Drucksachen 10/1188, 10/1190, 10/2173 —
in Verbindung mit
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zu dem
Antrag der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer
und der Fraktion DIE GRÜNEN
Einführung der offenen Deklaration
(Änderung der Futtermittelverordnung)
— Drucksachen 10/1053, 10/2205 —
in Verbindung mit
Erste Beratung des von den Abgeordneten
Susset, Sauter (Epfendorf), Eigen, Freiherr
von Schorlemer, Hornung, Brunner,
Schartz (Trier), Frau Will-Feld,
Stockhausen, Dr. Kunz (Weiden), Herkenrath,
Jagoda, Michels, Rode (Wietzen), Scheu, Nelle,
von Schmude, Doss, Hanz (Dahlen), Müller
(Wadern), Berger, Dr. Hupka, Dr. Czaja,
Schulze (Berlin) und der Fraktion der
CDU/CSU sowie der Abgeordneten
Paintner, Bredehorn, Dr. Rumpf und der
Fraktion der FDP eingebrachten Entwurfs
eines Fünften Gesetzes zur Änderung des
Weingesetzes
— Drucksache 10/2550 —
Sauter (Epfendorf) CDU/CSU 8272 A
Frau Dr. Vollmer GRÜNE 8274 C
Paintner FDP 8277 B
Müller (Schweinfurt) SPD 8279 D
Dr. Kunz (Weiden) CDU/CSU 8282 B
Schröder (Hannover) SPD 8285A
Bredehorn FDP 8288 C
Kiechle, Bundesminister BML 8291A
Immer (Altenkirchen) SPD 8294 B
Freiherr Heereman von Zuydtwyck CDU/
CSU 8296 D
Frau Weyel SPD 8299 C
Beratung des Antrags der Fraktion DIE
GRÜNEN
Maßnahmen gegen
Gesundheitsgefährdung und Umweltbelastung durch
Dioxine
— Drucksache 10/1579 —
Dr. Ehmke (Ettlingen) GRÜNE 8319 D
Frau Augustin CDU/CSU 8321 D
Frau Dr. Hartenstein SPD 8323 B
Eimer (Fürth) FDP 8325 A
Frau Karwatzki, Parl. Staatssekretär
BMJFG 8325 D
Beratung der Sammelübersicht 56 des
Petitionsausschusses über Anträge zu
Petitionen
— Drucksache 10/2356 —
Wartenberg (Berlin) SPD 8327 A
Schulze (Berlin) CDU/CSU 8328 A
Sauermilch GRÜNE 8329 A
Neuhausen FDP 8329 D
Beratung der Sammelübersicht 59 des
Petitionsausschusses über Anträge zu
Petitionen
— Drucksache 10/2552 — 8330 D
Beratung der Sammelübersichten 60 und
61 des Petitionsausschusses über Anträge
zu Petitionen
— Drucksachen 10/2617 und 10/2618 — . 8330 D
Zweite und Dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes über den Sozialplan im
Konkurs- und Vergleichsverfahren
— Drucksache 10/2129 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Rechtsausschusses
— Drucksache 10/2605 —
in Verbindung mit
Zweite und Dritte Beratung des von den
Abgeordneten Bachmaier, Buschfort,
Dreßler, Egert, Dr. Emmerlich, Fischer
(Osthofen), Glombig, Heyenn, Kirschner, Klein
(Dieburg), Dr. Kübler, Lambinus, Lutz,
Peter (Kassel), Reimann, Schmidt (München),
Schreiner, Schröder (Hannover), Dr.
Schwenk (Stade), Frau Steinhauer,
Stiegler, Urbaniak, Weinhofer, von der Wiesche,
Dr. de With und der Fraktion der SPD
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Änderung der Konkursordnung
— Drucksache 10/81 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Rechtsausschusses
— Drucksache 10/2605 —
Eylmann CDU/CSU 8331 B
Bachmaier SPD 8333 D
Engelhard, Bundesminister BMJ . . . 8336 A
Frau Reetz GRÜNE 8337 B
Kleinert (Hannover) FDP 8337 D
Urbaniak SPD 8338 B
Lowack CDU/CSU (Erklärung nach § 31
GO) 8339 B
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Schmude, Frau Steinhauer, Amling,
Büchner (Speyer), Klein (Dieburg),
Lambinus, Becker (Nienberge), Berschkeit,
Buckpesch, Buschfort, Dreßler, Esters, Fiebig,
Frau Fuchs (Köln), Heistermann, Dr. Holtz,
Frau Huber, Jaunich, Dr. Jens, Jung
(Düsseldorf), Dr. Klejdzinski, Kretkowski,
Liedtke, Lohmann (Witten), Frau
Matthäus-Maier, Meininghaus, Menzel, Dr.
Mertens (Bottrop), Dr. Müller-Emmert,
Müntefering, Dr. Nöbel, Dr. Penner, Poß,
Purps, Reschke, Reuschenbach, Sander,
Schanz, Schlatter, Schluckebier, Frau
Schmedt (Lengerich), Schmidt
(Wattenscheid), Schmitt (Wiesbaden), Schröer
(Mülheim), Steiner, Toetemeyer, Urbaniak,
Westphal, Wieczorek (Duiburg), Wiefel,
von der Wiesche, Wischnewski, Zeitler, Dr.
Ehmke (Bonn), Ibrügger, Bernrath und der
Fraktion der SPD
Olympische Sommerspiele 1992 im
Ruhrgebiet
— Drucksache 10/2019 —
Frau Steinhauer SPD 8340 B
Beckmann FDP 8341 D
Schwenninger GRÜNE 8343 B
Schwarz CDU/CSU 8344 D
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Jugend,
Familie und Gesundheit zu der Unterrichtung
durch die Bundesregierung
Bericht über Erfahrungen mit dem
Arzneimittelgesetz
— Drucksachen 9/1355, 10/358 Nr. 80,
10/2413 —
Frau Augustin CDU/CSU 8347 A
Egert SPD 8348 C
Frau Dr. Adam-Schwaetzer FDP . . . 8350 B
Frau Dr. Hickel GRÜNE 8351 B
Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Vierten Gesetzes zur Änderung der
Bundesärzteordnung
— Drucksache 10/1963 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Jugend, Familie und
Gesundheit
— Drucksache 10/2586 —
in Verbindung mit
Zweite und dritte Beratung des von den
Abgeordneten Jaunich, Frau Fuchs (Köln),
Egert, Lutz, Glombig, Hauck, Kirschner,
Dr. Vogel und der Fraktion der SPD
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Gewährleistung der Weiterbildung der
Hausärzte in der kassenärztlichen Versorgung
(Hausärzte-Weiterbildungsgesetz)
— Drucksache 10/1755 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung
— Drucksache 10/2604 —
Dr. Becker (Frankfurt) CDU/CSU . . . 8353 C
Delorme SPD 8355 B
Frau Dr. Adam-Schwaetzer FDP . . . 8358 B
Frau Dr. Bard GRÜNE 8359 D
Dr. Geißler, Bundesminister BMJFG . 8360 D
Erklärungen nach § 31 GO
Sielaff SPD 8363 C
Dr. Faltlhauser CDU/CSU 8364 A
Erste Beratung des von den Abgeordneten
Frau Dr. Däubler-Gmelin, Lutz, Frau Fuchs
(Köln), Bachmaier, Frau Blunck, Buschfort,
Catenhusen, Delorme, Dr. Diederich
(Berlin), Dreßler, Egert, Fiebig, Frau Fuchs
(Verl), Gilges, Glombig, Frau Dr.
Hartenstein, Hauck, Heyenn, Frau Huber, Immer
(Altenkirchen), Jaunich, Jung (Düsseldorf),
Kirschner, Dr. Kübler, Kuhlwein, Frau Dr.
Lepsius, Frau Luuk, Frau Dr. Martiny
-
Glotz, Frau Matthäus-Maier, Müller
(Düsseldorf), Frau Odendahl, Peter (Kassel),
Reimann, Frau Renger, Frau Schmedt
(Lengerich), Frau Schmidt (Nürnberg),
Schreiner, Sielaff, Frau Simonis, Frau Dr.
Skarpelis-Sperk, Dr. Soell, Frau
Steinhauer, Stiegler, Frau Terborg, Frau Dr. Timm,
Frau Traupe, Urbaniak, Weinhofer, Frau
Weyel, von der Wiesche, Frau Zutt, Dr.
Vogel und der Fraktion der SPD
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum Schutz
der Teilzeitbeschäftigten
— Drucksache 10/2559 —
Lutz SPD 8364 D
Frau Hürland CDU/CSU 8368 A
Hoss GRÜNE 8370 D
Cronenberg (Arnsberg) FDP 8372 A
Frau Dr. Däubler-Gmelin SPD 8374 A
Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes zur Bereinigung
wirtschaftsrechtlicher Vorschriften
— Drucksache 10/1790 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Wirtschaft
— Drucksache 10/2579 — 8374 B
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Verkehr
(14. Ausschuß)
zu dem Antrag der Abgeordneten Frau Dr.
Adam-Schwaetzer, Frau Dr. Bard, Bastian,
Baum, Frau Beck-Oberdorf, Bernrath,
Berschkeit, Burgmann, Daubertshäuser,
Drabiniok, Dr. Ehmke (Ettlingen), Fischer
(Frankfurt), Frau Fuchs (Köln), Gilges,
Frau Gottwald, Herterich, Frau Dr. Hickel,
Dr. Holtz, Horacek, Hoss, Ibrügger, Dr.
Jannsen, Frau Kelly, Kleinert (Marburg),
Kretkowski, Krizsan, Lennartz, Frau
Matthäus-Maier, Frau Nickels, Dr. Nöbel, Frau
Potthast, Frau Reetz, Reents, Frau Renger,
Sauermilch, Schily, Schlatter, Schneider
(Berlin), Frau Schoppe, Schwenninger,
Stratmann, Verheyen (Bielefeld), Vogt
(Kaiserslautern), Frau Dr. Vollmer, Vosen,
Wiefel, Wischnewski
S-Bahn Köln
in Verbindung mit
zu dem Antrag der Abgeordneten Milz,
Straßmeir, Schmitz (Baesweiler), Dr.
Möller, Müller (Wesseling), Müller
(Remscheid), Herkenrath, Krey, Braun, Louven,
Wimmer (Neuss), Lamers, Broll, Dr.
Daniels, Günther, Hauser (Krefeld), Dr.
Kronenberg, Dr. Hupka, Pesch, Wilz, Dr.
Pohlmeier, Schemken, Dr. Blank, Dr. Blens,
Hanz (Dahlen), Bühler (Bruchsal), Fischer
(Hamburg), Tillmann, Seesing, Dr. Pinger,
Weiß, Dr. Hüsch, Haungs, Nelle, Bohlsen,
Pfeffermann, Hoffie, Kohn, Paintner, Dr,
Weng und der Fraktionen der CDU/CSU
und FDP
S-Bahn im Kölner Raum
— Drucksachen 10/1376, 10/1724 (neu),
10/2573 — 8374 D
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zu der
Unterrichtung durch die Bundesregierung
Vorschlag für eine Verordnung des Rates
zur Einführung einer Beihilfe für die
Wanderhaltung von Schafen, Ziegen und
Rindern in Griechenland
Vorschlag für eine Verordnung des Rates
über die Verstärkung der Dienststellen für
Qualitätskontrollen bei
landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Griechenland
Vorschlag für eine Verordnung des Rates
zur Ermächtigung Griechenlands, eine
Beihilfe für den Transport von
Produktionsmitteln nach bestimmten Inseln zu
gewähren
— Drucksachen 10/1691 Nr. 12, 10/2534 — 8375B
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zu den
Unterrichtungen durch die Bundesregierung
Vorschlag für eine Verordnung (EWG) des
Rates über die Verwendung von
Isoglukose bei der Herstellung bestimmter
Erzeugnisse im Sinne von Artikel 31 der
Verordnung (EWG) Nr. 1785/81
Vorschlag einer Verordnung (EWG) des
Rates zur Änderung der Verordnung
(EWG) Nr. 1400/78 zur Festlegung von
Grundregeln für die Erstattung bei der
Erzeugung für in der chemischen Industrie
verwendeten Zucker
in Verbindung mit
Vorschlag einer Verordnung (EWG) des
Rates zur Festlegung der Grundregeln für
die Verwendung von Zucker bei der
Herstellung bestimmter Erzeugnisse der
chemischen Industrie im Sinne von Artikel 31
der Verordnung (EWG) Nr. 1785/81
— Drucksachen 10/1589 Nr. 1, 10/1589 Nr. 5,
10/2547 — 8375 C
Fragestunde
— Drucksache 10/2587 vom 7. Dezember
1984 —
Besetzung der Planstelle des
Unterabteilungsleiters V b — Krankenversicherung
— im Bundesministerium für Arbeit und
Sozialordnung mit einem der privaten
Krankenversicherung nahestehenden
Beamten
MdlAnfr 53 07.12.84 Drs 10/2587
Kirschner SPD
Antw PStSekr Höpfinger BMA 8302 A
ZusFr Kirschner SPD 8302 B
ZusFr Egert SPD 8302 C
ZusFr Dreßler SPD 8302 D
ZusFr Urbaniak SPD 8302 D
ZusFr Lutz SPD 8302 D
ZusFr Glombig SPD 8303 A
ZusFr Dr. Sperling SPD 8303 B
Kreditaufnahme der Rentenversicherung
im Dezember 1984
MdlAnfr 54 07.12.84 Drs 10/2587
Kirschner SPD
Antw PStSekr Höpfinger BMA 8303 B
ZusFr Kirschner SPD 8303 D
ZusFr Egert SPD 8304 A
ZusFr Urbaniak SPD 8304 A
ZusFr Dreßler SPD 8304 B
ZusFr Lutz SPD 8304 C
ZusFr Heyenn SPD 8304 D
ZusFr Glombig SPD 8305A
ZusFr Weinhofer SPD 8305 A
ZusFr Schreiner SPD 8305 B
ZusFr Reimann SPD 8305 C
Finanzielle Situation der
Rentenversicherung zwischen 1969 und 1982
MdlAnfr 55 07.12.84 Drs 10/2587
Stutzer CDU/CSU
Antw PStSekr Höpfinger BMA 8305 D
ZusFr Stutzer CDU/CSU 8306 B
ZusFr Weinhofer SPD 8306 C
ZusFr Kirschner SPD 8306 C
ZusFr Urbaniak SPD 8306 D
ZusFr Heyenn SPD 8307 A
ZusFr Reimann SPD 8307 B
ZusFr Egert SPD 8307 D
ZusFr Lutz SPD 8308A
ZusFr Kolb CDU/CSU 8308 A
ZusFr Dreßler SPD 8308 B
ZusFr Glombig SPD 8308 B
Entwicklung der Einkommen der Rentner
in den letzten Jahren
MdlAnfr 58 07.12.84 Drs 10/2587
Seehofer CDU/CSU
Antw PStSekr Höpfinger BMA 8308 C
ZusFr Seehofer CDU/CSU 8308 D
ZusFr Lutz SPD 8309 A
ZusFr Kirschner SPD 8309 B
ZusFr Egert SPD 8309 C
ZusFr Dreßler SPD 8309 C
ZusFr Heyenn SPD 8309 D
ZusFr Glombig SPD 8310A
ZusFr Frau Steinhauer SPD 8310C
ZusFr Kolb CDU/CSU 8310 D
ZusFr Möllemann FDP 8311A
ZusFr Dr. Penner SPD 8311 B
Auswirkung der Bevölkerungsentwicklung
auf das finanzielle Gleichgewicht der
gesetzlichen Rentenversicherung in der
zweiten Hälfte der 90er Jahre
MdlAnfr 60 07.12.84 Drs 10/2587
Keller CDU/CSU
Antw PStSekr Höpfinger BMA 8311B
ZusFr Keller CDU/CSU 8311C
ZusFr Egert SPD 8311 D
ZusFr Kolb CDU/CSU 8312A
ZusFr Frau Steinhauer SPD 8312 B
ZusFr Stutzer CDU/CSU 8312 C
ZusFr Heyenn SPD 8312 C
ZusFr Cronenberg (Arnsberg) FDP . . 8313A
ZusFr Lutz SPD 8313 B
ZusFr Kirschner SPD 8313 C
ZusFr Glombig SPD 8313 D
Maßnahmen zur Liquiditätssicherung in
der Rentenversicherung
MdlAnfr 61 07.12.84 Drs 10/2587
Kolb CDU/CSU
Antw PStSekr Höpfinger BMA 8314A
ZusFr Kolb CDU/CSU 8314 B
ZusFr Frau Steinhauer SPD 8314C
ZusFr Egert SPD 8314 D
ZusFr Heyenn SPD 8315A
ZusFr Kirschner SPD 8315 B
ZusFr Reimann SPD 8315 C
ZusFr Lutz SPD 8315 D
ZusFr Schreiner SPD 8316A
Verunsicherung der Beitragszahler und
Rentner durch Äußerungen über
Rentenzahlungen „auf Pump"
MdlAnfr 62 07.12.84 Drs 10/2587
Jagoda CDU/CSU
Antw PStSekr Höpfinger BMA 8316 B
ZusFr Jagoda CDU/CSU 8316 C
ZusFr Egert SPD 8317 B
ZusFr Stutzer CDU/CSU 8317 D
ZusFr Lutz SPD 8318A
ZusFr Glombig SPD 8318 B
ZusFr Schreiner SPD 8318 B
ZusFr Heyenn SPD 8318 C
ZusFr Kirschner SPD 8318 D
ZusFr Frau Hürland CDU/CSU 8319A
ZusFr Keller CDU/CSU 8319 B
Nächste Sitzung 8375 D
Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten . 8376*A
Anlage 2
Erklärung des Abg. Dr. Faltlhauser nach
§ 31 Abs. 1 GO zur Abstimmung über den
Entwurf eines Vierten Gesetzes zur
Änderung der Bundesärzteordnung
(Drucksachen 10/1963, 10/2586) 8376* B
111. Sitzung
Bonn, den 13. Dezember 1984
Beginn: 8.01 Uhr
Vizepräsident Stücklen: Die Sitzung ist eröffnet.
Erstens. Nach einer interfraktionellen
Vereinbarung soll die heutige Tagesordnung um die
Zusatzpunkte Zweite und Dritte Beratung des von der
Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines
Ergänzungsabgabengesetzes, Drucksachen 10/2460,
10/2619, 10/2620, sowie Beratung des Antrags der
Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion
DIE GRÜNEN, Giftgaskatastrophe in Bhopal und
mögliche Konsequenzen für die chemische
Produktion in der Bundesrepublik Deutschland,
Drucksache 10/2612, erweitert werden.
Ich gehe davon aus, daß mit der Aufsetzung des
Entwurfs eines Ergänzungsabgabengesetzes
gleichzeitig von der Frist für den Beginn der Beratungen
abgewichen wird. — Ich sehe, daß das Haus damit
einverstanden ist. Es wird so verfahren.
Zweitens. Die Fraktion DIE GRÜNEN hat ihren
Antrag Formaldehyd-Bericht, Punkt 19 der
Tagesordnung, zurückgezogen.
Drittens. Die Fraktion der CDU/CSU benennt als
Nachfolger für den aus dem Gemeinsamen
Ausschuß nach Art. 53 a des Grundgesetzes
ausgeschiedenen Abgeordneten Straßmeir als
stellvertretendes Mitglied den Abgeordneten Seiters. Ist das
Haus damit einverstanden? — Ich sehe und höre
keinen Widerspruch. Es ist so beschlossen. Damit
ist der Abgeordnete Seiters als stellvertretendes
Mitglied des Gemeinsamen Ausschusses gewählt.
Vor Eintritt in die Tagesordnung: Die Fraktion
der CDU/CSU hat beantragt, die heutige
Tagesordnung um den Punkt Erste Beratung des von den
Fraktionen der CDU/CSU und FDP eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes zur Durchführung einer
Repräsentativstatistik über die Bevölkerung und
den Arbeitsmarkt — Mikrozensus —, Drucksache
10/2600, zu erweitern. Der Antrag ist rechtzeitig
eingegangen. Wird zu diesem Antrag das Wort zur
Geschäftsordnung gewünscht? — Bitte schön, Herr
Abgeordneter Seiters.
Seiters (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Namens der CDU/CSU-Fraktion
beantrage ich, den vom Herrn Präsidenten bereits
zitierten Gesetzentwurf auf die heutige
Tagesordnung zu setzen. Ich beantrage gleichzeitig, ihn ohne
Aussprache federführend an den Innenausschuß
und — mitberatend — an den Wirtschaftsausschuß,
an den Verkehrsausschuß, den Ausschuß für
Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, den Ausschuß
für Jugend, Familie und Gesundheit sowie an den
Haushaltsausschuß zu überweisen.
Zur Begründung darf ich daran erinnern, daß
Erhebungen über die Bevölkerung und den
Arbeitsmarkt in der Bundesrepublik Deutschland auf
Stichprobenbasis bereits seit 1957 durchgeführt
werden. Das geltende Mikrozensusgesetz sah die
Fortführung dieser Erhebungen auch in den Jahren
1983 bis 1990 vor. Mit Blick auf das Urteil des
Bundesverfassungsgerichts vom 15. Dezember 1983 sind
diese Erhebungen in den vergangenen zwei Jahren
allerdings nicht durchgeführt worden.
Nunmehr liegt der Entwurf für ein neues
Mikrozensusgesetz vor, das statistische Erhebungen auf
das unumgänglich notwendige Maß beschränkt und
sämtliche Anforderungen aus dem
Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts erfüllt. Zirka
600 000 Bürger, also 1 Prozent der Bevölkerung,
sollen für eine amtliche Statistik befragt werden, die
wichtige Daten zur wirtschaftlichen und sozialen
Lage der Familien, zum Arbeitsmarkt und zu den
Wohnverhältnissen liefert. Bund, Länder,
Gemeinden, die Bundesanstalt für Arbeit, die Industrie und
der Handel sind gleichermaßen dringend an diesen
Ergebnissen interessiert, für die eine Fülle
datenschutzrechtlicher Absicherungen besteht. Die
Erhebungen sollen im Frühjahr, spätestens aber im
Frühsommer durchgeführt werden. Im Blick auf die
parlamentarischen Beratungen im Bundestag und
im Bundesrat und mögliche
Sachverständigenanhörungen ist die Aufsetzung dieses Gesetzentwurfes
eilbedürftig.
Ich bedanke mich bei der sozialdemokratischen
Fraktion, daß sie der Aufsetzung dieses
Tagesordnungspunktes zugestimmt hat.
An die Adresse der Fraktion der GRÜNEN, die
der Aufsetzung dieses Tagesordnungspunktes
widersprechen,
(Burgmann [GRÜNE]: Sehr zu Recht!)
möchte ich sagen, daß ich Ihre Haltung in diesem
Punkte überhaupt nicht verstehen kann. Sie
werden umfassend Gelegenheit haben, sowohl im
Ausschuß wie bei der Sachverständigenanhörung wie
auch im Plenum, Ihre Meinung zu diesem
Gesetzentwurf kundzutun. Es ist für mich ein doch etwas
merkwürdiges Verfahren, allein schon die Beratung
und die Debatte über ein solches Thema verhindern
zu wollen. Das werden wir nicht zulassen.
Deswegen haben wir unseren heutigen Antrag gestellt.
Ich bitte Sie, unserem Anliegen zu entsprechen
und die Möglichkeit zur Beratung dieses
Gesetzentwurfes in den Ausschüssen und im Plenum des
Deutschen Bundestages zu geben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort zur
Geschäftsordnung hat der Herr Abgeordnete Dr. Wernitz.
Dr. Wernitz (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Es wurde eben schon gesagt, die
sozialdemokratische Bundestagsfraktion stimmt der
Aufsetzung des Mikrozensusgesetzentwurfs auf die
Tagesordnung und damit der Überweisung an den
Innenausschuß und an andere Ausschüsse zur
Mitberatung zu.
(Fellner [CDU/CSU]: Sehr gut!)
Es ist richtig, der Mikrozensus wurde im
Zusammenhang mit der Aussetzung der Volkszählung
1983 und mit dem Volkszählungsurteil 1983 und
1984 nicht mehr durchgeführt. Diese Aussetzung
hat zu einem Minus an wichtigem Datenbestand
geführt. Wir bewerten das Volkszählungsurteil —
das sei hier zur Begründung, weshalb wir
zustimmen, deutlich gesagt — nach den zwei Aspekten, die
man einbeziehen muß. Die Statistik wird in dem
Volkszählungsurteil eindeutig als wichtiges
Instrument für das staatliche Planungshandeln
untermauert und gestützt. Das muß man sehen. Das
bedeutet, daß am Sozialstaatsprinzip orientiertes
Handeln ohne aktuelle Daten nicht möglich ist. Das
ist aber nur der eine Aspekt. Der zweite Aspekt
besteht darin, daß wir darauf achten müssen, das
Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu
wahren. Der Mikrozensus 1985 soll im zweiten
Quartal 1985 laufen. Wenn wir mit beiden hier
stichwortartig genannten Vorgaben konstruktiv und
kritisch im Einklang bleiben wollen, dann müssen wir
die verbleibende Zeit nutzen.
Sozialdemokraten werden einem Mikrozensus
mit heißer Nadel gestrickt nicht zustimmen. Aber
weil wir die Vorgaben des Karlsruher Urteils ernst
nehmen, wollen wir den Zeitrahmen optimal
nutzen.
In einem Vorgespräch habe ich mich mit den
Obleuten darauf verständigt, daß wir eine öffentliche
Anhörung zum Mikrozensusgesetzentwurf am
25. Februar haben wollen. Dazu brauchen wir
hinreichend Vorbereitungszeit. Wir werden
selbstverständlich auch hier im Haus und nicht nur im
Rahmen der öffentlichen Anhörung alle Aspekte
gründlich prüfen hinsichtlich des Umfangs der
Datenerhebung, hinsichtlich der Sicherungsmaßnahmen
des Verfahrens. Nichts fällt unter den Tisch. Alles
muß auf den Tisch kommen. In diesem Sinne
werden wir an die Arbeit gehen.
Ich bitte alle, auch die GRÜNEN, diesem
Verfahren zuzustimmen, weil wir auf diese Weise eine
optimale Beratung des Mikrozensusgesetzes in
diesem Hause und eine gute Information der
Öffentlichkeit erreichen können. Wir stimmen der
Aufsetzung und der Überweisung auf die Tagesordnung
zu.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort zur
Geschäftsordnung hat der Abgeordnete Wolfgramm.
Wolfgramm (Göttingen) (FDP): Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir
haben im Frühjahr des nächsten Jahres auf Grund
einer EG-Verordnung eine Stichprobenerhebung
zur Frage „Arbeitskräfte in der Europäischen
Gemeinschaft". Diese Frage ist bei uns nicht zu
behandeln, wenn wir nicht die gesetzliche Grundlage
dafür gelegt haben, nämlich eben durch dieses Gesetz,
um das es im Augenblick geht. Es sind also nicht
nur die Fragen, daß wir seit zwei Jahren keine
verläßlichen stichprobenartig ermittelten Daten haben,
sondern es geht um ein EG-Gesetz, das wir nicht
vollziehen können, dem wir nicht nachkommen
können.
Im übrigen stellt sich die Frage an die GRÜNEN,
wenn Sie hier eine Fülle von Anfragen stellen,
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Und Forde
-
rungen!)
deren Beantwortung nur mit entsprechend
gesicherten statistischen Daten möglich ist, z. B.
„gesellschaftliche Kosten des Automobilverkehrs" oder
ähnliches, dann können Sie sich logischerweise der
Ermittlung solcher Daten nicht entziehen,
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und bei
Abgeordneten der SPD)
es sei denn, Sie wollen vorsätzlich oder absichtlich
verhindern, daß solche Daten ermittelt werden,
damit Ihre Anfragen auf der Basis alter ungesicherter
Daten beantwortet werden. Das können Sie ja
gleich hier vortragen, wie Sie das halten wollen.
(Zuruf der Abg. Frau Reetz [GRÜNE])
Im übrigen ist die Ermittlung von Daten, von
statistischem Material nicht ganz neu. Vor 1984 Jahren
haben wir das schon einmal erlebt, zu einer Zeit, als
Quirinius Landpfleger in Syrien war, hat Kaiser
Augustus ein Gebot ausgehen lassen, „daß alle Welt
sich schätzen lasse; und jedermann ging, daß er
sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt". Die
weitere Entwicklung ist bekannt.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU so
wie bei Abgeordneten der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat Frau
Abgeordnete Nickels.
Frau Nickels (GRÜNE): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Nach Art. 76 Grundgesetz werden
Gesetzesvorlagen beim Bundestag „durch die
Bundesregierung" oder „aus der Mitte des Bundestages"
eingebracht.
Vorlagen der Bundesregierung sind zunächst
dem Bundesrate zuzuleiten. Der Bundesrat ist
berechtigt, innerhalb von sechs Wochen zu
diesen Vorlagen Stellung zu nehmen.
— Sechs Wochen: Diese Frist ist uns wichtig!
Die Bundesregierung kann eine Vorlage, die sie
... als besonders eilbedürftig bezeichnet hat,
nach drei Wochen dem Bundestage zuleiten,
auch wenn die Stellungnahme des Bundesrates
noch nicht bei ihr eingegangen ist.
So weit zu Art. 76.
Man kann daraus folgendes schließen, und das ist
auch der Grund, warum wir der Aufsetzung nicht
zustimmen, Herr Seiters:
Die Bundesregierung bringt ihre Gesetze in aller
Regel über den Bundesrat ein. Sinn der Sache ist,
daß die Länder vor Einbringung des
Gesetzentwurfes in den Bundestag hierzu ihre Stellungnahme
abgeben. Das bedeutet, daß jedes einzelne Land den
Gesetzentwurf zur Stellungnahme bekommt, also
auch die von der Opposition regierten
Bundesländer. Für dieses uns vorliegende Gesetz bedeutet
das, weil es sich um den Mikrozensus handelt, also
auch um Fragen des Datenschutzes und der
Datensicherheit, daß die Länder ihre
Landesdatenschutzbeauftragten zwecks Stellungnahme automatisch
eingeschaltet hätten. Wenn nun die
Bundesregierung den ungewöhnlichen Weg beschreitet, nicht
als Bundesregierung, sondern als CDU/CSU- und
FDP-Fraktionen den Gesetzentwurf aus der Mitte
des Bundestages, nämlich als
Fraktionsgesetzentwurf einzubringen,
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Sowohl als
auch!)
so kürzt sie das Verfahren damit nicht nur gewaltig
ab, sondern hindert auch die
Länderdatenschutzbeauftragten daran, in dem üblicherweise
vorgeschalteten Verfahren der Stellungnahme des
Bundesrates ihre Gegenargumente vorzutragen.
Unglaublich ist dies für uns vor allen Dingen
deshalb, weil der Bundesregierung bekannt ist, daß die
Länderdatenschutzbeauftragten schwerwiegende
Argumente gegen den Gesetzentwurf haben.
(Beifall bei den GRÜNEN)
So hat sich der Landesdatenschutzbeauftragte des
Landes Hessen, Simitis, schon am Dienstag
vehement gegen das Mikrozensus-Gesetz
ausgesprochen. Darum müssen diese
Datenschutzbeauftragten gehört werden, da nach § 7 des Gesetzentwurfes
über den Mikrozensus die Statistischen Ämter der
Länder als Erhebungsstellen für den Mikrozensus
gelten. Die Länder sind also unmittelbar berührt.
Durch die jetzt gewählte Einbringungsform aus
der Mitte des Bundestages beschränkt sich das
Recht des Bundesrates darauf, nach Art. 77 nach
Abschluß des Gesetzgebungsverfahrens dem
Bundestag seine Zustimmung zu erteilen. Da im
Bundestag die Regierungsparteien bekanntlich die
Mehrheit haben, wird der Bundesrat dem wohl
auch zustimmen. Eine Stellungnahme zu dem
bereits beschlossenen Gesetz kann der Bundesrat
nicht mehr abgeben, es sei denn, er ruft den
Vermittlungsausschuß an, was aber wegen der
bekannten Mehrheiten auch sehr unwahrscheinlich ist.
Es handelt sich hierbei also in Wirklichkeit um
einen verkappten Regierungsentwurf. Dieser
Regierungsentwurf ist vom Innenministerium
ausgearbeitet worden und wurde vom Innenministerium
nach nochmaliger Überarbeitung des Vorentwurfes
des Innenministeriums in die endgültige Fassung
gebracht.
Hinzu kommt, daß er entgegen den
parlamentarischen Fristen über den Kopf der Opposition hinweg
auf die Tagesordnung gesetzt wird. Dies alles ist
auch noch auf dem Hintergrund zu sehen, daß es
sich praktisch um die Volkszählung — wenn auch
in verkleinerter Form — handelt, mit der ganzen
parlamentarischen, außerparlamentarischen und
gerichtlichen jüngeren Geschichte, die daran
hängt.
Herr Wolfgramm, zu Ihren Argumenten möchte
ich bemerken, daß die meisten EG-Länder und
außerdem auch Schweden bisher alle ihre wirklich
benötigten statistischen Daten per freiwilliger
Befragung mit den besten Erfolgen und ohne
Fehlerquote erhoben haben.
(Zuruf von der CDU/CSU: Wie sieht es
denn da aus?)
Zum Schluß ist mir noch wichtig, daß die
Bundesregierung mit dieser schnellen Einbringung ihre
ursprüngliche Argumentationslinie verlassen hat. Die
Bundesregierung hat sich bisher bei dem Versuch,
die Volkszählung durch Totalerhebung
durchzusetzen, immer darauf berufen, daß diese unbedingt
notwendig sei, um die Ergebnisse des Mikrozensus
hochrechnen zu können. Eine Totalerhebung sei
praktisch die Voraussetzung für die Brauchbarkeit
des Mikrozensus. Danach ist es unverständlich, daß
der Mikrozensus jetzt der Volkszählung
vorausgeschickt wird. Nach der eigenen Logik der
Bundesregierung wäre es sinnvoller, den Mikrozensus mit
dem Volkszählungsgesetz zusammen in einem
Paket zu beraten und in Kraft zu setzen. Die jetzt
gewählte Verfahrensweise hat noch nicht einmal
sachliche Gründe, wenn man einmal die
Argumentation der Bundesregierung unterstellt.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Vizepräsident Stücklen: Wir kommen zur
Abstimmung über den Geschäftsordnungsantrag der
Fraktion der CDU/CSU. Wer der Aufsetzung auf die
Tagesordnung zuzustimmen wünscht, den bitte ich um
das Handzeichen. — Gegenprobe! — Enthaltungen?
— Bei einer Anzahl von Enthaltungen mit großer
Mehrheit auf die Tagesordnung gesetzt.
Wir treten in die Tagesordnung ein. Ich rufe den
soeben aufgesetzten Zusatzpunkt auf:
Erste Beratung des von den Fraktionen der
CDU/CSU und FDP eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes zur Durchführung einer
Repräsentativstatistik über die Bevölkerung
und den Arbeitsmarkt — Mikrozensus —
— Drucksache 2600 —
Wird das Wort dazu gewünscht? — Das ist nicht
der Fall. Interfraktionell wird vorgeschlagen, den
Gesetzentwurf auf Drucksache 10/2600 an den
Innenausschuß — zur federführenden Beratung — ,
den Haushaltsausschuß, den Wirtschaftsausschuß,
den Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit,
den Verkehrsausschuß und den Ausschuß für
Raumordnung, Bauwesen und -Städtebau — zur
Mitberatung — zu überweisen. Gibt es noch weitere
Vorschläge zur Mitberatung? — Das ist nicht der
Fall. Da ich keine gegenteilige Meinung höre, ist die
Überweisung so beschlossen.
Ich rufe Zusatzpunkt 5 der Tagesordnung auf:
Zweite und dritte Beratung des von der
Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes über eine Ergänzungsabgabe zur
Einkommensteuer und zur
Körperschaftsteuer (Ergänzungsabgabengesetz — Erg
-
AbG)
— Drucksache 10/2460 —
a) Beschlußempfehlung und Bericht des
Finanzausschusses (7. Ausschuß)
— Drucksache 10/2619 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Jung (Lörrach)
Dr. Spöri
b) Bericht des Haushaltsausschusses (8.
Ausschuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung
— Drucksache 10/2620 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Carstens (Emstek)
Hoppe
Wieczorek (Duisburg)
Verheyen (Bielefeld)
Meine Damen und Herren, interfraktionell ist für
die Aussprache ein Beitrag bis zu 10 Minuten für
jede Fraktion vereinbart worden. Ist das Haus
damit einverstanden? — Es ist der Fall. Dann ist so
beschlossen.
Wird das Wort zur Berichterstattung gewünscht?
— Das ist nicht der Fall. Zur Geschäftsordnung hat
Herr Abgeordneter Porzner das Wort.
Porzner (SPD): Herr Präsident! Meine verehrten
Damen und Herren! Ich beantrage nach § 42
unserer Geschäftsordnung die Herbeirufung des Herrn
Bundeskanzlers, des Bundesfinanzministers, des
Sozialministers und des Familienministers.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Es ist unmöglich, daß wir diesen
Tagesordnungspunkt — nach der Vorgeschichte über Monate —
diskutieren, ohne daß die von mir soeben
genannten Mitglieder der Bundesregierung und der
Bundeskanzler anwesend sind.
(Krizsan [GRÜNE]: Recht haben Sie!)
Falls es Mißverständnisse gegeben haben sollte,
wann dieser Tagesordnungspunkt beraten werden
soll, kann ich nur sagen: Seit dem gestrigen frühen
Nachmittag ist unter den Fraktionen vereinbart,
daß dieser Tagesordnungspunkt jetzt um 8.15 Uhr
oder 8.20 Uhr beraten wird. Es kann also bei den
Beteiligten gar kein Mißverständnis aufgekommen
sein.
(Lebhafter Beifall bei der SPD und bei den
GRÜNEN)
Vizepräsident Stücklen: Zur Geschäftsordnung hat
das Wort der Herr Abgeordnete Seiters.
Seiters (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Die Fraktion der CDU/CSU
widerspricht diesem Antrag, nicht deswegen, weil wir der
Meinung wären, der Bundeskanzler wolle oder solle
an dieser Debatte nicht teilnehmen. Der
Bundeskanzler wird an dieser Debatte teilnehmen. Aber
Sie wissen selber ganz genau, Herr Kollege
Porzner, wenn Sie sich an die letzten Tage und auch an
die Stunden des gestrigen Tages erinnern — —
(Zuruf von der SPD)
— Nun hören Sie mir doch bitte einmal zu. Wir sind
nun wirklich gestern nachmittag nach unserer
Fraktionssitzung in Übereinstimmung verblieben,
daß dieser Punkt Ergänzungsabgabe auf Wunsch
der sozialdemokratischen Fraktion auf die
Tagesordnung — —
(Dr. Spöri [SPD]: Das ist doch selbstver
ständlich!)
— Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Wir
haben zugestimmt, daß dieser Gesetzentwurf auf
die Tagesordnung kommt, daß er Ihrem Wunsch
entsprechend heute morgen verhandelt wird und
daß wir in einer Debattenrunde darüber sprechen.
Und ich entnehme aus dem Nicken des Kollegen
Porzner, daß dieses alles bisher einvernehmlich
geschehen ist. Aber Sie wissen auch, daß noch bis zum
gestrigen Nachmittag, bis in die Abendstunden
praktisch die Frage der Aktuellen Stunde, wann sie
aufgesetzt werden sollte usw., mit gewissen
Fragezeichen versehen war. Das erklärt, warum um diese
Minute der Bundeskanzler noch nicht da ist. Er
wird aber gleich kommen. Und da das der Fall ist,
widersprechen wir Ihrem Antrag und bitten, ihn
abzulehnen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Stücklen: Weitere Wortmeldungen
zur Geschäftsordnung liegen nicht vor. Ich lasse
über den Antrag der SPD zur Geschäftsordnung
nach § 42, Herbeirufung von Mitgliedern der
Bundesregierung, abstimmen. Wer diesem Antrag
zuzustimmen wünscht, den bitte ich um ein
Handzeichen. — Danke. Gegenprobe! — Danke.
Enthaltungen? — Meine Damen und Herren, Sie wissen, daß
ein Abstimmungsergebnis nur bekanntgegeben
werden kann, wenn hier im Sitzungspräsidium
Übereinstimmung besteht. Dies ist nicht der Fall.
Ich versuche die einfachere Feststellung von
Mehrheiten mit dem Aufstehen. Dann kommt der
Hammelsprung. Darf ich bitten, wer diesem Antrag
zuzustimmen wünscht, sich vom Platz zu erheben.
— Danke. Gegenprobe! — Danke. Enthaltungen? —
Keine. Wie sieht es jetzt aus? — Meine sehr
verehrten Damen und Herren, ich darf zur Auszählung
bitten.
Wir treten in den Hammelsprung ein.
(Amling [CDU/CSU]: Es wird draußen
nicht geklingelt!)
— Meine Damen und Herren, es ist nicht geklingelt
worden. Es wird geklingelt. Ich darf alle
Abgeordneten, die sich an der Abstimmung beteiligen wollen,
bitten, den Plenarsaal zu verlassen. — Ich bitte die
Schriftführer, ihre Plätze an den drei Türen
einzunehmen — und zwar jeweils einen von der
Koalition und einen von der Opposition.
(Seiters [CDU/CSU]: Es ist noch nicht ge
-
klingelt worden!)
— Mir wird mitgeteilt, daß nicht zum
Hammelsprung geklingelt worden ist. Ich bitte deshalb um
Verständnis, wenn eine Verzögerung eintritt. Ich
bitte, unverzüglich das Signal zum Hammelsprung
zu geben. —
(Amling [CDU/CSU]: Herr Präsident, Sie
müssen zwei Schriftführer benennen! Wir
sind nur vier!)
— Herr Abgeordneter Seiters, ist an jeder Tür ein
Schriftführer aus den Reihen der CDU/CSU und
der FDP? — Ich bitte, mir Abgeordnete zu
benennen, die ich ad hoc zu Schriftführern ernennen
kann. Das gleiche gilt auch für die SPD und die
GRÜNEN. — Die von mir aus gesehen linke Tür ist
korrekt besetzt. Die mittlere Tür ist korrekt besetzt.
Was ist mit der rechten Tür? — Nein, nein, so geht
es nicht, wir brauchen noch einen Schriftführer von
der anderen Farbe. Frau Abgeordnete Geiger, bitte
an die rechte Tür. —
Ich bitte, die Türen zu schließen und auf das
Zeichen hin wieder zu öffnen, damit die Abstimmung
korrekt beginnen kann. — Ich bitte, die Türen zu
schließen; das ist in der Geschäftsordnung so
vorgesehen. Ich bitte die Schriftführer, mit der
Auszählung zu beginnen. —
(Voigt [Frankfurt] [SPD]: Der
Bundeskanzler stimmt gerade gegen seine eigene
Herbeirufung! — Dr. Vogel [SPD]: Diese Art
von Öffentlichkeitsarbeit ist unbezahlbar!)
Meine Damen und Herren, ich darf bei den
Schriftführern anfragen, ob sie den Eindruck
haben, daß sich noch weitere Abgeordnete an der
Abstimmung durch Hammelsprung beteiligen wollen.
Wenn dies nicht der Fall ist, bitte ich darum, die
Türen zu schließen. Oder besteht doch noch Bedarf?
— Bitte sehr.
Meine Damen und Herren, ich bitte, die Türen zu
schließen. Die Abstimmung mittels Hammelsprung
ist damit abgeschlossen. Ich bitte die Schriftführer,
mir die Zählergebnisse mitzuteilen.
Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, die
Plätze einzunehmen. — Über den
Geschäftsordnungsantrag nach § 42 der Geschäftsordnung wurde
mittels Hammelsprung abgestimmt. Das Ergebnis
lautet: Ja: 137; Nein: 203; Enthaltungen: keine.
Damit ist der Antrag abgelehnt. Im übrigen hat er sich,
wie ich mit meinem ungetrübten Auge feststellen
kann, zwischenzeitlich auch erledigt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der
Herr Abgeordnete Spöri. — Ich bitte, sich jetzt ganz
auf die Aussprache zu konzentrieren. Vielen Dank.
— Herr Abgeordneter Spöri, einen Augenblick
noch, bitte. Ich darf bitten, daß alle Abgeordneten,
die sich an der Aussprache beteiligen wollen — das
gilt sowohl für die rechte als auch für die linke Seite
—, ihre Plätze einnehmen. — Herr Abgeordneter
Spöri, Sie haben das Wort.
Dr. Spöri (SPD): Herr Präsident! Liebe
Kolleginnen und Kollegen! Guten Morgen, Herr
Bundeskanzler!
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU: Guten Morgen, Herr Spöri!)
Mit Entzücken haben wir festgestellt, daß Sie
soeben beim Hammelsprung durch die Nein-Tür
gelaufen sind und somit gegen Ihre eigene
Anwesenheit bei diesem wichtigen Thema gestimmt haben.
(Heiterkeit und Beifall hei der SPD und bei
Abgeordneten der GRÜNEN — Dr. Bötsch
[CDU/CSU]: Witzig!)
Aber, meine Damen und Herren, das nimmt mich
überhaupt nicht wunder: Das Null-Ergebnis der
gestrigen zweiten Koalitionsrunde in Sachen
Solidarbeitrag Besserverdienender ist ein einmaliges
Armutszeugnis der Führungskraft eines
Bundeskanzlers.
(Beifall bei der SPD und des Abg. Sauer
milch [GRÜNE])
Die Bundesregierung gibt heute ihr Versprechen
preis, zumindest mit einem Ersatz für die
Zwangsanleihe auch nur annähernd für soziale Symmetrie
in ihrer Finanzpolitik zu sorgen. Damit bricht der
Bundeskanzler sein vollmundiges Versprechen, für
einen anderen Solidarbeitrag als die
Zwangsanleihe zu sorgen, deren Scheitern er von vornherein
riskiert, wenn nicht gar erwartet hat.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sehr
wahr!)
Lassen Sie mich zunächst einmal etwas zum
Begriff der sozialen Symmetrie sagen, gerade weil er
von einem Teil der Koalition in den letzten Wochen
mit einer Aggressivität, j a mit Hohn und mit einer
geschauspielerten Empörung z. B. vom
Außenminister angegangen worden ist,
(Zuruf des Abg. Dr. George [CDU/CSU])
daß eigentlich auch einige in den Unionsreihen
über diesen Stil betroffen sein müßten. Das war
eine Kampagne, die mit Kampfparolen wie
„Neidsteuer" gespickt war, die unter totaler Verzerrung
der Ausgangslage der Öffentlichkeit vorgaukeln
wollte, es gehe darum, finanzpolitische
Gehässigkeit gegen höher Einkommensschichten mit einer
Strafabgabe auszutoben. Diejenigen Herren, die
aus der FDP — wie zunächst ein Herr Grünbeck,
der neue Bauchredner von Herrn Genscher, und
dann mit großem Lustgefühl Herr Genscher selbst
— diese Kampfparolen von der Neidsteuer
ausgaben, haben nicht nur vergessen machen wollen, daß
es sich hier um einen finanzpolitischen
Solidarbeitrag handelt, den untere und mittlere
Einkommensschichten schon längst in viel stärkerem Umfang
erbracht haben; nein, viel schlimmer ist eigentlich
die Tatsache, daß es hier bei diesen „Beschützern"
der deutschen Leistungsträger keinerlei Gespür
dafür gibt, daß finanzpolitische Opferparolen, die
Rentnern, Behinderten und Arbeitnehmerfamilien
schmerzhafte Milliardenverzichte abverlangt haben
— 70 Milliarden mindestens in der mittelfristigen
Finanzplanung —, völlig unglaubwürdig werden
müssen, wenn ausgerechnet gehobene
Einkommensschichten nicht entsprechend ihrer
Leistungsfähigkeit belastet werden.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
Wer so jeden ernsthaften Versuch der Annäherung
an ein sicher nicht präzise quantifizierbares
Gerechtigkeitsziel in der Finanzpolitik als Strafaktion
gegen die Leistungsträger in dieser Gesellschaft
umfälscht, treibt in Wahrheit ein ganz
durchtriebenes, gerissenes Privilegienspiel in seiner
Finanzpolitik.
(Beifall bei der SPD)
Ich muß Ihnen dazu sagen: Ich kann Herrn
Geißler in diesem Punkt nur zustimmen — das
passiert nicht oft —, wenn er noch am Wochenende
diese Phrasen als dummes Gerede der FDP über
die Neidsteuer bezeichnet hat — zitiert aus der
„Welt" vom letzten Montag —.
(Beifall bei der SPD)
Man kann die ganze Fragwürdigkeit der
Argumente gegen einen wirklichen Solidarbeitrag
Besserverdienender eigentlich nicht besser
formulieren, als Heribert Scharrenbroich, der
Hauptgeschäftsführer der Christlich-Demokratischen
Arbeitnehmerschaft, es getan hat. Ich zitiere wörtlich
aus einer Sendung des Südwestfunks am 26.
November 1984. Scharrenbroich sagt:
Ich meine auch, man sollte die Kirche im Dorf
lassen. Wenn jemand 140 000 DM
Jahreseinkommensteuer zahlt, wird dessen
Leistungswille dadurch, daß er jetzt im Jahr 7 000 DM
weniger Steuern zahlen muß, keineswegs
gefährdet.
Um diesen Grundgedanken handelt es sich bei der
Ergänzungsabgabe. Mit diesem von 1985 bis 1987
befristeten Solidarbeitrag von 5 % der Lohn- und
Einkommensteuer wird persönliche Leistung nicht
ernsthaft beeinträchtigt, sondern notwendiger
finanzieller Spielraum für dringende zusätzliche
Anstrengungen im Bereich privater und öffentlicher
Investitionen in Richtung auf mehr Umweltschutz
geschaffen. •
(Beifall bei der SPD)
Was die Behauptung anlangt, durch die
Ergänzungsabgabe als Belastung würden auf der
Aufkommenseite private Investitionen abgewürgt, so
möchte ich hier die Gegenthese formulieren: Eine
zeitlich auf drei Jahre eindeutig befristete
Ergänzungsabgabe wird in der Tendenz eher zu
zusätzlichen Investitionen führen, die vorgezogen werden,
um über höhere degressive Abschreibungen jetzt
diese Abgabe in den Unternehmen finanziell
aufzufangen, zumal ab 1988 anschließend ein niedrigerer
Steuertarif gilt. Da werden die Unternehmen ihre
zeitliche Gestaltungsmöglichkeit bei der
Einkommensgestaltung nutzen.
Meine Damen und Herren — zumindest von der
Union, von der CDU —, warum sollte in diesem
Haus ein gemeinsamer Beschluß über eine
Ergänzungsabgabe nicht möglich sein, wenn nicht nur die
Sozialausschüsse, sondern auch der Chef des
zweitstärksten CDU-Landesverbandes — Kurt
Biedenkopf — zur Finanzierung der Altlasten in der
Umwelt genau unseren Vorschlag einer
Ergänzungsabgabe unterstützt und erst letzte Woche in einem
Papier bekräftigt hat? Aber wir wissen ja, warum
diesem einfachen, verfassungsrechtlich
unproblematischen und wirtschaftspolitisch effektivsten
Weg eines Solidarbeitrags Besserverdienender bei
der Union nicht zugestimmt werden darf. Ich zitiere
dazu wörtlich ein nettes Bonbon aus der Bild-
Zeitung vom 26. November über die
Sympathisantenszene in der CDU zur Ergänzungsabgabe:
Es ist eine Zumutung für die FDP, wenn jetzt
einige schwarze Marxisten
— nicht etwa aus Afrika, sondern anscheinend in
Ihren Reihen —
in der CDU glauben uns eine
Neidhammelrepublik bescheren zu können.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Die Herrenmen
-
schen der Elite! — Dr. Vogel [SPD]: Die gei
stig-moralische Erneuerung!)
Natürlich glauben Herr Genscher und sein neuer
Bauchredner, Herr Grünbeck, der über die
sozialistische Wende tönt, nicht im Ernst daran, daß die
Ergänzungsabgabe wirtschaftspolitisch gefährlich
ist. Nein, 'diese Kampagne gegen eine ernsthafte
Alternative zur Zwangsanleihe war für Herrn
Genscher nur eine wunderbare Spielwiese, um das
innerhalb der Koalition fehlende
wirtschaftspolitische Profil der FDP in Abgrenzung zu CDU und
insbesondere auf Kosten von Finanzminister
Stoltenberg wieder etwas herauszuarbeiten. Und wenn
diese Aktion dann noch unter bayerischem
Flankenschutz gelaufen ist, dann hatte das bei dieser
wechselhaften Männerfreundschaft zwischen
Kanzleramt und München sicherlich nicht nur
fachpolitische Gründe.
(Beifall bei der SPD)
Meine Damen und Herren, was hier abläuft, ist
eine Kampagne, die sich an die Einkommenselite
unserer Gesellschaft richtet. Nichts gegen
leistungsorientierte Spitzeneinkommen, meine
Damen und Herren! Aber diese Kampagne soll doch
nur zeigen, wer in Geldfragen innerhalb der
Koalition einseitige Lobbyarbeit für Besserverdiener am
besten macht. Hier soll eine Luxus-FDP als Garant
dafür propagiert werden, daß sich „Leistung wieder
lohnt", wie es so schön ideologisch verbrämt wird.
Das Interessante und Entlarvende daran ist nur,
daß die finanzpolitische Pflege des
Leistungswillens erst bei über 50 000 bzw. 100 000 DM
Jahreseinkommen anfängt
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Sehr wahr!)
und die übrigen 90 % der Gesellschaft problemlos
bei den Sparoperationen belastet werden können.
(Beifall bei der SPD)
Die Facharbeiter bei Daimler oder VW sind
anscheinend keine Leistungsträger nach diesem
Begriffsschema, in dieser Vorstellungswelt der FDP.
(Beifall bei der SPD)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, nach all diesen
Täuschungsmanövern mit der Zwangsanleihe —
zunächst nicht rückzahlbar, dann rückzahlbar, dann
überhaupt nichts mehr — beantrage ich in der
Frage eines Solidarbeitrags Besserverdienender im
Zusammenhang mit dem von uns vorgelegten
Gesetzentwurf im Namen meiner Fraktion
namentliche Abstimmung. Niemand, der vielleicht den
Sozialausschüssen in der Union nahesteht, soll sich
mit der Ausrede an unbequemen Fragen im
Wahlkreis vorbeidrücken können, er habe keine Chance
gehabt, hier parlamentarisch für einen
Solidarbeitrag zu stimmen.
(Beifall bei der SPD)
Unser Angebot steht: Wer in der Koalition die
Lasten in der Finanzpolitik wirklich gerechter
verteilen will, hat heute die letzte Gelegenheit, die
Fehler in dieser Frage auszubügeln, indem er unserem
Gesetzentwurf doch noch zustimmt. Er ist der beste
Weg, Konsolidierung, soziale Symmetrie und
Beschäftigungspolitik in Einklang zu bringen.
Meine Damen und Herren von der Union, wenn
Sie diesem Gesetzentwurf nicht zustimmen,
beteiligen Sie sich an einer in der Geschichte der
Bundesrepublik einmaligen Kohl-Lüge.
Ich fordere den Bundeskanzler auf, hierzu
Stellung zu nehmen.
Herzlichen Dank.
(Anhaltender Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Jung (Lörrach).
(Dr. Vogel [SPD]: Der neue Bundeskanzler!
— Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Und der Bun
-
deskanzler?)
Jung (Lörrach) (CDU/CSU): Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Zunächst, Herr Dr. Spöri, möchte ich Sie freundlichst
bitten, auch dann, wenn Sie einen humorvollen
Beitrag bringen, Ihr logisches Denken nicht
auszuschalten. Der Herr Bundeskanzler hat vorhin beim
Hammelsprung nicht gegen seine Anwesenheit
gestimmt — sonst hätte er gar nicht zu kommen
brauchen —, sondern er hat dagegen gestimmt, daß Sie
ihn völlig unnötigerweise zitieren, da er schon da
war.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Spöri [SPD]: Mühsam ernährt sich das
Eichhörnchen!)
Im übrigen, meine Damen und Herren: Wir, die
Koalition der Mitte,
(Lachen bei der SPD)
die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, lassen uns von
niemandem ein schlechtes Gewissen einreden,
(Lebhafte Zurufe von der SPD)
weil wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine
Steuererhöhung als schädlich betrachten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Dafür gibt es einige sehr beachtenswerte Gründe.
Sie liegen erstens im rechtspolitischen Bereich,
zweitens aber auch und sehr wesentlich im
konjunkturpolitischen und sozialen Bereich.
(Zuruf des Abg. Dr. Spöri [SPD])
Ich komme zunächst zur rechtspolitischen Seite.
Meine Damen und Herren, ich glaube, auch der
einfachste Bürger hat begriffen, daß nach diesem
Urteil des Bundesverfassungsgerichts und nach
dessen Begründung eine Ergänzungsabgabe zum
jetzigen Zeitpunkt ohne eine dringende Notwendigkeit
ein Spiel mit dem Feuer wäre.
Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Jahn?
Jung (Lörrach) (CDU/CSU): Herr Präsident, ich
verneine. Das gilt für meine ganze Rede.
Vizepräsident Stücklen: Dies gilt für die ganze Zeit
der Ausführungen des Herrn Abgeordneten Jung.
Jung (Lörrach) (CDU/CSU): Eine
Ergänzungsabgabe zum jetzigen Zeitpunkt wäre ein Spiel mit
dem Feuer. Ich habe den Eindruck, als habe die
SPD eine insgeheime Leidenschaft dafür, wieder
einmal eine verfassungsmäßige Bauchlandung zu
machen, wie das oft während ihrer Regierungszeit
geschehen ist.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Spöri [SPD]: Ihr brecht die Verfassung!
— Weitere lebhafte Zurufe von der SPD —
Glocke des Präsidenten)
Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter Jung,
einen Augenblick. Darf ich um Ruhe bitten. Wir
haben nur Kurzbeiträge von zehn Minuten.
(Dr. Vogel [SPD]: Das können Sie ruhig
verlängern! Geben Sie dem Herrn zwanzig
Minuten!)
Jung (Lörrach) (CDU/CSU): Der wichtigste Grund
unserer Ablehnung liegt im konjunkturpolitischen
und sozialpolitischen Bereich. Es ist gar keine
Frage: Eine Ergänzungsabgabe hat dieselbe Wirkung
wie eine Erhöhung der Einkommen- und der
Lohnsteuer.
(Zuruf des Abg. Dr. Ehmke [Bonn] [SPD])
Das, meine Damen und Herren, wäre zum
gegenwärtigen Zeitpunkt für breite Schichten unserer
arbeitenden Bevölkerung unzumutbar.
(Dr. Spöri [SPD]: Was war denn mit der
Zwangsanleihe? — Weitere Zurufe von der
SPD)
Es sind immerhin die
wirtschaftswissenschaftlichen Institute der Bundesrepublik, die uns immer
wieder vorrechnen, daß ein bundesdeutscher
Arbeiter von jeder zusätzlich verdienten Mark nicht
einmal mehr 40 Pfennig auf die Hand bekommt. Mehr
als 60 Pfennig gehen weg für Steuern und
Sozialabgaben. Dies ist ein unsozialer Zustand.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Auf der anderen Seite unserer sozialen
Partnerschaft ist festzustellen, daß die Kapitaldecke der
bundesdeutschen Wirtschaft von Jahr zu Jahr
dünner geworden ist. Vor zehn oder zwölf Jahren
hatten wir noch eine Eigenkapitaldecke von 50 % zu
verzeichnen. Sie ist heute auf unter 20 %
zusammengeschmolzen.
(Dr. Vogel [SPD]: Warum haben Sie es
denn im Wahlprogramm versprochen? —
Zuruf des Abg. Dr. Spöri [SPD] — Weitere
Zurufe von der SPD)
Das ist ein wirtschaftlich schädlicher Zustand. So
kann und darf es nicht weitergehen.
Wir müssen dem Bürger das Geld in der Tasche
lassen und dürfen ihn nicht durch
Steuererhöhungen noch mehr schröpfen wollen.
(Dr. Spöri [SPD]: Sie haben es doch im
Wahlprogramm versprochen!)
Vor sieben Jahren — Herr Dr. Spöri, hören Sie
einmal zu —, im Jahre 1977, waren es 39 % der
Steuerzahler, die von der sogenannten
Steuerprogression erfaßt wurden.
(Dr. Spöri [SPD]: Das sind alles Nebelgra
-
naten! Reden Sie doch über die Zwangsan
leihe!)
Sie haben damals schon 76 % des
Gesamtaufkommens an der Lohn- und Einkommensteuer gezahlt.
Im Jahre 1979 war es die Hälfte der Steuerzahler;
sie haben damals 83 % des Steueraufkommens
gezahlt. Und heute zahlen 57 % der Steuerzahler in
der Progressionszone 92 % des gesamten
Aufkommens.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Alles Ab
lenkungsmanöver! Sie haben ein schlech
tes Gewissen!)
Ich betone noch einmal: Das ist ein unsozialer
Zustand.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Ihrer!
Sehr richtig!)
Wir werden diesen heimlichen Steuererhöhungen
in Milliardenhöhe pro Jahr den Kampf ansagen.
Das geht eben nicht mit Steuererhöhungen,
sondern nur mit Steuersenkungen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Bezieher der höheren Einkommen werden
jetzt schon überproportional belastet. Bereits ab
60 000 DM bzw. 120 000 DM Einkommen ist nach
dem jetzt geltenden Steuertarif jede zusätzlich
verdiente Mark mit mindestens 50 Pfennig
Einkommensteuer belastet. Rechnen Sie noch die
Sozialabgaben dazu; dann können Sie selber ausrechnen,
was von einer zusätzlich verdienten Mark noch
übrigbleibt.
(Dr. Spöri [SPD]: Er redet am Thema vor
bei!)
In der unteren Proportionalzone, bis 18 000 DM
bzw. 36 000 DM Einkommen, ist eine zusätzlich
verdiente Mark nur mit 22 Pfennig Lohnsteuer
belastet. Unser progressiver Einkommensteuertarif
beinhaltet also bereits seit Jahren einen
beachtlichen sozialen Ausgleich. Es ist einfach unrichtig zu
behaupten, die sogenannten Besserverdienenden
trügen nichts zur Sanierung der Staatskasse bei.
(Dr. Spöri [SPD]: Warum haben Sie die
Zwangsanleihe eingeführt?)
Ich wollte einmal sehen, wie unsere Kassenlage
aussähe, wenn es diese heimlichen
Steuererhöhungen in Milliardenhöhe nicht gäbe.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Spöri [SPD]: Warum haben Sie dann
den Solidarbeitrag versprochen?)
Ich sage es noch einmal: Eine steuerliche
Entlastung ist überfällig, und in der geplanten
Steuertarifreform werden wir ab 1986 vorrangig die
Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen und die
Familien mit Kindern entlasten. Wir werden mit
unserer Steuertarifreform im Jahre 1986 mit einem
Gesamtvolumen von 10,8 Milliarden DM in einer
ersten Stufe zunächst folgendes erreichen.
(Dr. Spöri [SPD]: Das ist eine totale Null-
Nummer!)
Rund 80 % — das sind 8,6 Milliarden DM — gelten
der Entlastung von Steuerpflichtigen mit einem zu
versteuernden Einkommen von 50 000 bis 100 000
DM.
(Dr. Spöri [SPD]: Die Diskussion führen
wir nächstes Jahr!)
Rund 70 % — das sind 7,6 Milliarden DM —
entfallen auf Familien mit Kindern — und das sind
lediglich 39 % der Steuerzahler.
(Huonker [SPD]: Sagen Sie einmal etwas
zur Sache! Ein Satz zur Sache!)
In der ersten Stufe, 1986, werden wir konkret
folgendes verwirklichen: erstens eine Verbesserung
der steuerlichen Kinderentlastung mit der
Anhebung des Kinderfreibetrages von 432 DM auf 2 484
DM unter Wegfall der Kinderadditive bei den
Versorgungsaufwendungen. Dieser spezielle
Familienentlastungsteil hat ein Volumen von 5 Milliarden
DM.
Zweitens wird es eine Anhebung des
Grundfreibetrages von 4 212 DM bzw. 8 424 DM für Ledige
und Verheiratete auf 4 536 DM bzw. 9 072 DM mit
einem Entlastungsvolumen von 2,1 Milliarden DM
geben. Drittens wird es einen Abschlag auf die
Senkung der Progression des Einkommensteuertarifs
um zusätzlich 9,2 Milliarden DM geben.
(Dr. Spöri [SPD]: Wo ist der Solidarbei
trag?)
Mit diesem neuen Einkommensteuertarif wird
eine deutliche und nachhaltige Abflachung des
leistungshemmenden Anstiegs der Grenzbelastung in
der Progressionszone erreicht. Damit verpassen wir
— das geben wir zu — dem Staat eine
Abmagerungskur. Der Staat muß sich wieder in seine viel
zu eng gewordene finanzpolitische Hose
hineinhungern.
(Zurufe von der SPD: Zur Tagesordnung!
— Zur Sache!)
Der Mittelstandsbauch im Steuertarif wird
abgemagert, und damit wird wiederum vornehmlich die
Familie mit Kindern entlastet.
(Vorsitz : Präsident Dr. Jenninger)
Auch der qualifizierte Mitarbeiter, auch der
Facharbeiter, natürlich auch der Handwerksmeister und
der Mittelständler sollen eine steuerliche
Entlastung erfahren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Mit dieser Politik, meine Damen und Herren,
bekämpfen wir wirkungsvoll die Arbeitslosigkeit.
(Zurufe von der SPD)
Wir sind davon überzeugt: Jede Mark, die wir im
Geldbeutel des Bürgers belassen,
(Dr. Spöri [SPD]: In der Diamantenbran
-
che!)
bleibt frei für private und geschäftliche
Investitionen, und sie allein sind der Schlüssel für den
wirtschaftlichen Aufschwung,
(Zurufe von der SPD)
für die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, für
Vollbeschäftigung und Wohlstand für alle.
Ich bin auch der Meinung, unsere Politik ist auch
für den einfachsten Bürger verständlich.
(Huonker [SPD]: Das ist wohl wahr, aber
unglaubwürdig, unsozial bis auf die Kno
chen!)
Sie ist nach dem Einmaleins sogar auf Heller und
Pfennig nachzurechnen. Ich habe den Eindruck,
daß die SPD volkswirtschaftliche
Milchmädchenrechnungen nach der Mengenlehre macht.
(Dr. Spöri [SPD]: Kein Wort zum Thema!)
Das sieht dann etwa so aus, Herr Dr. Spöri: Wenn
drei in einem Raum sind und vier hinausgehen,
dann muß einer wieder hinein, damit keiner mehr
drin ist.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU
und der FDP — Zuruf von der SPD: Schwa
cher Abgang!)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der
Abgeordnete Krizsan.
Krizsan (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Der Affentanz um den Ersatz für die
Investitionsabgabe ist nun vorbei. Herr Jung, das
war kein Spiel mit dem Feuer, das war sehr
schlecht inszeniertes Theater.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Am wildesten führte sich bei diesem Affentanz
die FDP auf. Sie schnitt besonders häßliche
Grimassen, um all die Menschen, die von geringen und
geringsten Einkommen leben müssen, zu
verhöhnen. Sie haben da merkwürdigerweise den Begriff
der „Neidsteuer" erfunden, und selbst der
„Rheinische Merkur" spricht abfällig von einem
Wählerpotential — ich zitiere —, „das auf die giftige Vokabel
,Neidsteuer` zustimmend reagiert". Diese Zeitung
bemerkt dazu weiter, daß sich Ihre Partei nun wohl
ganz auf eine Bevölkerungsschicht konzentriert, bei
der sich Ihre Haltung auch auszahlt. Die Betonung
liegt auf „auszahlen".
(Beifall bei den GRÜNEN — Frau Dr.
Däubler-Gmelin [SPD]: Diamantenhänd
ler!)
Sehr engagiert war bei diesem Theater auch die
CSU. Um hohe Einkommen zu verschonen, verfiel
sie schnell auf die Idee, statt dessen eine
Entlastung unterer Einkommen vorzuschlagen, weil ja
klar ist, daß dies aus haushaltspolitischen Gründen
nicht mehrheitsfähig wird und in der Tat mit einer
Konsolidierungspolitik und der Verteilung zu
Lasten dieser Konsolidierung, um die es hier geht,
nichts zu tun hat. Der CSU ging es also nur darum,
die Nichtbelastung von höheren Einkommen
irgendwie zu legitimieren und insbesondere aus dem
Zentrum der Diskussion herauszuhalten.
Am schwersten machte es sich die CDU, und zwar
deshalb weil sie auf der Suche nach einer
Scheinlösung war. Pro forma, nur pro forma, sollte eine
Mehrbelastung von Einkommen beschlossen
werden, de facto aber sollte ihre Wirtschaftsklientel
eher ent- als belastet werden.
(Dr. Rumpf [FDP]: Reden Sie doch mal von
den GRÜNEN!)
— Zur Haltung der GRÜNEN komme ich gleich
noch, Herr Kollege. Ganz ruhig bleiben! — Also
wurde überlegt, wie über Sonderabschreibungen
Hintertüren geöffnet werden könnten. Bei dieser
Hintertürsuche mußte die CDU natürlich
aufpassen, daß das Ganze nicht wieder vor dem
Verfassungsgericht landet, weil der Gleichheitsgrundsatz
durchbrochen wird. Die CDU nimmt bei diesem
Theater also die Rolle des großen Gauklers ein, des
Vorgauklers von Maßnahmen für soziale
Symmetrie.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Die GRÜNEN re
den vom Gaukler! Man höre und staune!)
Herr Jung, Sie haben gesagt, man müsse sich in
eine eng gewordene Kleidung hineinhungern.
(Zurufe von der SPD)
Ich möchte darauf hinweisen, wer hier wohl
hungern muß. In der „Frankfurter Rundschau" von
heute habe ich einen Satz dazu gefunden, den ich
Ihnen, Herr Jung, gerne mal zitieren möchte:
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Zynisch
und verächtlich!)
Über 170 Milliarden Mark sind nach bisher
nicht widerlegten wissenschaftlichen Berech
nungen den ohnehin schlechtergestellten
Bevölkerungsgruppen im Lande —
Arbeitnehmern, Kranken, Rentnern und Behinderten —
seit 1982 abgenommen worden. Der
unternehmerischen Wirtschaft wurden in der gleichen
Zeit etwa 35 Milliarden Mark zugeschoben.
Und da sollen die spärlichen 150 Millionen
Mark, die nun Stoltenberg als Folge der
zurückgezahlten Zwangsanleihe zusätzlich ...
ausgeben muß, ein „Solidaropfer" der
Abgabepflichtigen in den oberen Einkommensklassen sein?
(Dr. Kunz [Weiden] [CDU/CSU]: Seit wann
ist die „Frankfurter Rundschau" ein wis
-
senschaftliches Institut?)
— Das wurde hier zitiert, Herr Kollege.
Ich meine, wir werden uns demnächst an
Situationen gewöhnen müssen, die Herr Blüm skizziert
hat, daß nämlich am Schalter auf der einen Seite
der Rentner steht, der sich seine mickrigen 1,07 %
Rentenerhöhung abholt, und auf der anderen Seite
der Besserverdienende, der sich seine Rückzahlung
der Investitionshilfeabgabe holt.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
— Klatschen Sie nicht zu früh, Herr Roth. —
Vielleicht steht daneben auch der Abgeordnete, der sich
seine 3 %ige Diätenerhöhung abholt. So sehen die
Realitäten aus.
(Beifall bei den GRÜNEN — Jung [Lör
rach] [CDU/CSU]: Aber ihr nehmt sie doch
auch!)
Meine Fraktion, meine Damen und Herren —
jetzt komme ich zu unserem Vorschlag —, hält eine
Mehrbelastung von höheren Einkommen aus
verteilungspolitischen Gründen für unumgänglich und
auch haushaltspolitisch angezeigt. Wir haben vor
zwei Wochen hierzu den Vorschlag einer
Tarifänderung eingebracht, der die gleiche
Belastungswirkung wie der SPD-Vorschlag beinhaltete. Die
Tarifänderung hätte außer dem Vorteil, daß sie in allen
Punkten unserem Verfassungsrecht entspricht,
insbesondere auch den großen Vorteil gehabt, daß das
erhöhte Aufkommen nicht nur dem Bund — wie bei
der Ergänzungsabgabe —, sondern auch den
Ländern und anteilig auch den Gemeinden zugute
gekommen wäre. Natürlich fand auch dieser
Vorschlag der GRÜNEN keine Mehrheit.
Zu dem Vorschlag der SPD möchte ich sagen: Wir
halten daran zwei Punkte für mangelhaft. Die
Grenze der Abgabepflicht soll nur für Verheiratete
gegenüber Ledigen verdoppelt werden. Wir halten
es dagegen für erforderlich, auch für Zwei- oder
Mehrpersonenhaushalte von Alleinstehenden mit
Kindern die verdoppelte Grenze anzusetzen. Herr
Spöri hat gestern im Finanzausschuß darauf
überhaupt nicht reagiert.
(Huonker [SPD]: Natürlich! — Zurufe von
der SPD)
— Dieser Paragraph in Ihrem Antrag bezieht sich
nicht darauf, Herr Spöri. — Der zweite Punkt, den
ich eben schon ansprach, ist der, daß eine
Tariferhöhung auch Ländern und Gemeinden zugute kommt
und nicht nur dem Bund, der dieses Geld wieder
zentralistisch verwalten wird.
Trotz dieses schwerwiegenden Defizits stimmen
wir dem Gesetzentwurf der SPD zu einer
Ergänzungsabgabe zu, weil diese wenigstens einen
kleinen Schritt weg von der unsozialen Politik
bedeutet.
Danke schön.
(Beifall bei den GRÜNEN und bei Abgeord
neten der SPD)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der
Abgeordnete Gattermann.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Jetzt spricht die
Elite! — Duve [SPD]: Der Leistungsträger
des Hauses!)
Gattermann (FDP): — So ist es, Herr Professor.
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen
und Herren! Herr Kollege Spöri, Sie haben einen
zweiten Kollegen von mir als Bauchredner meines
Parteivorsitzenden bezeichnet. Das ist sprachlich
übrigens nicht sehr einfallsreich.
Ich glaube, es ist notwendig, daß ich Ihnen die
drei Grundsätze der Arbeit der FDP-Fraktion
verdeutliche.
(Oh-Rufe von der SPD)
Sie lauten: Erstens. Jeder redet für sich selbst.
Zweitens. Jeder hat seine eigene Meinung. Drittens.
Diese Meinung wird nicht immer von allen geteilt.
(Heiterkeit bei der FDP)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich
habe in der bisherigen Debatte noch relativ wenig
über den vorliegenden Gesetzentwurf gehört, über
den wir abstimmen sollen. Ich will versuchen, das
nachzuholen. Wir werden diesen Gesetzentwurf
schon deshalb ablehnen müssen — obwohl das
nicht der tragende Grund ist —, weil er in
Karlsruhe genauso auflaufen würde, wie es das
Investitionshilfegesetz getan hat.
(Krizsan [GRÜNE]: Nehmen Sie doch un
seren, Herr Gattermann!)
Ich will das nur ganz kurz erläutern. Nach der
fortentwickelten Rechtsprechung des
Bundesverfassungsgerichts kann eine Ergänzungsabgabe,
deren Aufkommen bekanntlich allein dem Bund
zufließt, nur dann erhoben werden, wenn eine nicht
vorhersehbare Bundesaufgabe zwingend erfüllt
werden muß, die anderweitig nicht finanziert
werden kann. Die Herstellung der sozialen Symmetrie,
was immer das sein mag — vielleicht fragen wir
Herrn Professor Schiller einmal, der diesen
schillernden Begriff erfunden hat —,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: So ein
Zynismus!)
oder die Abführung eines Solidarbeitrages zur
Sanierung des Bundeshaushalts oder auch die
Schaffung eines Bundesvermögens, unter welchem
schönen Titel auch immer, gehört nicht zu den
Fallgestaltungen, bei denen die Erhebung einer
Ergänzungsabgabe verfassungsrechtlich zulässig ist.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, wenn das so ist und man
in der Begründung Ihres Gesetzentwurfes vermißt,
daß sie wenigstens den Versuch machen, eine
verfassungsrechtlich tragfähige Begründung zu
liefern,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Unglaub
-
lich!)
dann kann es sich ja wohl nur um einen der
üblichen Schauanträge handeln, zu keinem anderen
Zwecke erfunden, als die Koalition vorzuführen,
weil sie ja angeblich so zerstritten ist. Meine
Damen und Herren, auf das Spiel lassen wir uns nicht
ein.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU — Zurufe von der SPD)
Meine Damen und Herren, wir lehnen diesen
Gesetzentwurf aber insbesondere aus wirtschafts- und
sozialpolitischen Gründen ab.
(Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD])
Die Strukturprobleme unserer Wirtschaft und die
Probleme des Arbeitsmarktes werden wir nur mit
dem Leistungswillen, der Leistungsbereitschaft und
der Risikobereitschaft unserer Bürger, der
Unternehmer und der Arbeitnehmer, lösen können.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU — Frau Dr. Däubler-Gmelin
[SPD]: Der Diamantenhändler!)
Das Gebot der Stunde sind Steuersenkungen und
nicht Steuererhöhungen.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU — Frau Dr. Däubler-Gmelin
[SPD]: Für die Reichen!)
Eine leistungsfördernde Steuersenkung in
beachtlichem Umfang wird dieses Hohe Haus im
Verlaufe des nächsten Jahres beschließen. Sie wird am
1. Januar 1986 und am 1. Januar 1988 in Kraft
treten. Die Bundesregierung wird den Gesetzentwurf
am 18. Dezember, also in wenigen Tagen,
verabschieden.
Entscheidungen über Mehrbelastungen jener
Männer und Frauen im Wirtschaftsprozeß — ich
möchte jetzt das Wort „Leistungsträger" vermeiden,
weil ich Ihnen zugebe, daß es Leistungsträger
natürlich nicht nur in der Wirtschaft gibt, sondern daß
es sie auch in allen übrigen Bereichen unseres
staatlichen Lebens gibt;
(Zurufe von der SPD)
ich will auch ungern diesen bürokratischen Begriff
„Bezieher gehobener und höherer Einkommen", wie
das so schön heißt, gebrauchen —
(Dr. Spöri [SPD]: Die FDP hat das doch
alles eingeführt! — Weitere Zurufe von der
SPD)
wären kontraproduktiv. Dabei spielt der Umfang
der Belastung nicht einmal eine entscheidende
Rolle. Ein großer Teil der Motivation zu Leistung und
Risikobereitschaft ist Psychologie. Deshalb kann es
auch keine Kompromisse geben über etwas mehr
Belastung und etwas Gegenrechnung.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Und Ret
ten des eigenen Geldbeutels — Zuruf des
Abg. Krizsan [GRÜNE])
Nun sagen Sie bitte nicht — und ich lege Wert
darauf, daß ich dies hier für meine Fraktion
deutlich sage — —
Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Westphal?
Gattermann (FDP): Danke. Bei der Kürze der Zeit,
Herr Kollege, ist das leider nicht möglich.
(Krizsan [GRÜNE]: Sie haben doch zehn
Minuten, Herr Gattermann!)
Meine Damen und Herren, nun sagen Sie bitte
nicht, diese meine Feststellungen seien ein Affront
gegen unseren Koalitionspartner CDU.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Gegen
die Arbeitslosen!)
Die Lösung, die die CDU gesucht hatte, zielte nicht
auf eine zusätzliche Schröpfung der ohnehin bis an
die Grenze des Erträglichen belasteten Bürger ab,
sondern nur auf eine Verschiebung eines Teils der
überfälligen Entlastung. Vor allen Dingen
versuchte die CDU aber auch den Zielkonflikt
zwischen einer Zusatzbesteuerung der
Besserverdiener und einer Belastung des Investitionsklimas
dadurch aufzulösen, daß die zusätzlichen Finanzmittel
für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für
Investitionen eingesetzt werden sollten. Für diesen
Vorschlag haben und hatten wir viel Verständnis.
Es gibt gute Gründe dafür, und es gibt gute Gründe
dagegen. Im Zuge des Abwägungsprozesses
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Haben
Sie den eigenen Geldbeutel geschont!)
haben wir diesen Vorschlag letztlich nicht für
vertretbar gehalten, weil er einerseits diesen
psychologischen Schaden verursacht hätte, von dem ich
gesprochen habe, und weil er andererseits von Ihnen
doch ohnehin nur als Alibi verketzert worden
wäre.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, für Sozialisten gibt es
diesen Zielkonflikt offenbar überhaupt nicht, wie
Ihr Gesetzentwurf zeigt. Ihr Gesetzentwurf vom
5. Oktober 1982 unternahm wenigstens noch den
Versuch, diesen Zielkonflikt aufzulösen. Aber
inzwischen gilt das alles wohl nicht mehr.
(Dr. Spöri [SPD]: Sie haben nicht zugehört
vorher!)
Offenbar hat die nicht definierbare soziale
Symmetrie für Sie einen höheren Stellenwert,
(Dr. Spöri [SPD]: Für Sie keinen!)
als Arbeitsplätze zu schaffen.
Es geht bei diesem Gesetzentwurf ja übrigens gar
nicht nur um eine Mehrbelastung der Reichen.
Wissen Sie überhaupt, wer Besserverdiener im Sinne
Ihrer Gesetzesdefinition ist?
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie per
-
sönlich!)
Es ist, wenn er alleinstehend ist, der Facharbeiter
in der Mineralölindustrie, es ist der
Montagefacharbeiter im Ausland,
(Beifall bei der FDP)
es ist der Angestellte in der
Investitionsgüterindustrie, es ist der Fernfahrer,
(Zurufe von der SPD)
der unter Hinnahme erheblicher persönlicher Opfer
in die Türkei fährt.
(Dr. Spöri [SPD]: Gehen Sie mal zu VW
oder Audi!)
Meine Damen und Herren, auch der Witwer mit
zwei Kindern ist alleinstehend im Sinne dieser
Gesetzesdefinition.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Der Herr
Gattermann wäre betroffen, nicht der
Fernfahrer!)
Im übrigen: Sie versuchen es immer wieder, aber
meine Partei läßt sich das Etikett des Unsozialen
nicht anheften.
(Beifall bei der FDP)
Auch wir nehmen für uns ein soziales Gewissen in
Anspruch.
Ich will Ihnen einmal etwas zu dem Kollegen
Grünbeck sagen, der ja als besonderes Exemplar
für diese unsoziale Haltung dargestellt wird. Erst
vor wenigen Tagen hat er mit seinem
Mittelständischen Unternehmen den Partnerschaftspreis für
hervorragende Vermögensbeteiligungsmodelle
bekommen.
(Beifall bei der FDP)
Als ich soeben mit ihm darüber sprach, sagte er:
Sag um Himmels willen nicht, ich hätte den Preis
gekriegt, den haben nämlich meine Mitarbeiter und
ich bekommen. — Das ist soziales Gewissen, wie
wir es interpretieren und wie wir es verstehen.
(Beifall bei der FDP — Dr. Spöri [SPD]:
Was hat das mit dem Thema zu tun?)
Meine Damen und Herren, sozial heißt für uns in
allererster Linie,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Den eige
nen Geldbeutel schonen!)
die Wirtschaft dauerhaft in Gang zu bringen, auf
das wir Arbeitsplätze bekommen; denn die
unsozialste Situation, die wir überhaupt in diesem
Lande haben, ist die viel zu hohe Zahl der
Arbeitslosen.
(Zurufe von der SPD)
Wir tun nichts, was dieses Ziel gemäß unserer
Konzeption beeinträchtigen könnte.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Und die
verhöhnen Sie auch noch!)
Meine Damen und Herren, ich komme zum
Schluß. Die Koalitionsfraktionen haben sich
nunmehr darauf geeinigt, daß die Steuerentlastung
1986 und 1988 kommt. Wenn Sie sich das einmal
anschauen, dann werden Sie feststellen, daß dieser
Stufenplan ausgewogen wie kein anderer ist.
(Lachen bei der SPD und den GRÜNEN —
Dr. Spöri [SPD]: Die FDP hat den Stufen
plan doch dauernd angegriffen!)
Das bedeutet nämlich, daß die Rückgabe heimlicher
Steuererhöhungen an die Besserverdienenden, von
denen Sie sprechen, erst nach sieben Jahren erfolgt.
Erinnern Sie sich einmal an die Zeit, als wir noch
zusammen regiert haben:
(Zurufe von der SPD)
Seit der Steuerreform 1975 hat es nie länger als
zwei bis drei Jahre gedauert, bis wir diesen
Vorgang vollzogen haben. Wir haben insbesondere den
Besserverdienenden ganz bewußt sieben Jahre
zugemutet. Das ist ein milliardenschwerer
Solidarbeitrag zur Konsolidierung der öffentlichen
Finanzen.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU — Dr. Spöri [SPD]: Die FDP
war doch gegen den Stufenplan!)
Meine Damen und Herren, glauben Sie nicht, daß
wir unter Ihrer ständig erneuerten Kampagne von
der Umverteilung von unten nach oben in die
Defensive gehen würden! Wir wissen, daß wir eine
erfolgreiche, eine gute, eine sozial ausgewogene
Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik machen.
(Huonker [SPD]: Das glauben Sie selber
nicht!)
Wir werden diese Politik vertreten, wir werden sie
offensiv vertreten. Glauben Sie ja nicht, daß die
Bürger in unserem Lande dies nicht erkennen
würden.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Krizsan [GRÜNE]: O doch! — Weitere Zu
rufe von den GRÜNEN und der SPD)
Präsident Dr. Jenninger: Meine Damen und
Herren, ich bitte die Damen und Herren Abgeordneten
im hinteren Teil des Saales, entweder Platz zu
nehmen oder den Saal zu verlassen. — Ich bitte, dieser
Anweisung zu folgen!
Ich erteile dem Herrn Bundesminister der
Finanzen das Wort.
Dr. Stoltenberg, Bundesminister der Finanzen:
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die
Haushaltsberatungen vor zwei Wochen haben uns
ausführlich Gelegenheit gegeben, auch über die
Initiative der sozialdemokratischen Fraktion unter
dem Stichwort Ergänzungsabgabe hier zu
diskutieren. Ich habe dazu Stellung genommen und will nur
deshalb, weil es einer guten parlamentarischen
Tradition entspricht, daß die Regierung sich an jeder
Debatte beteiligt, hier noch einmal unsere
wesentlichen Gesichtspunkte bekräftigen.
Wir können dem Antrag der
sozialdemokratischen Fraktion sowohl aus verfassungsrechtlichen
wie aus wirtschafts- und steuerpolitischen Gründen
nicht zustimmen. Das Urteil des
Bundesverfassungsgerichts setzt neue Maßstäbe. Das gilt aber
nicht nur für die Bundesregierung und die
Mehrheit, es gilt auch für die Sozialdemokratische Partei.
Dieses Urteil macht eindeutig klar, daß die
Ergänzungsabgabe nur bei einer außergewöhnlichen
finanziellen Notlage des Bundes in Betracht gezogen
werden kann. Es stellt fest, daß soziale
Gesichtspunkte — etwa der Gesichtspunkt der Verteilung
von Lasten — nicht eine Rechtfertigung sein
können, wenn der Bund sich sozusagen unabhängig
von der Finanzsituation der Länder und
Gemeinden eine solche zusätzliche Einnahme bewilligt. Leh
kann, meine Damen und Herren, erneut mit großer
Befriedigung feststellen, daß von einer
außergewöhnlichen finanziellen Notsituation des Bundes
nicht mehr die Rede sein kann.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir haben das Ziel der Konsolidierung noch nicht
erreicht, wir brauchen noch Jahre, um die
Staatsfinanzen wirklich zu sanieren. Aber wir haben ein
gutes Zwischenergebnis erzielt. Da das auch von
führenden — —
(Conradi [SPD]: Sie haben die kleinen
Leute ausgeplündert!)
— Ich bin zur Zeit in einer verfassungsrechtlichen
und finanzpolitischen Erörterung, Herr Kollege
Conradi. Ich glaube nicht, daß durch die Art Ihrer
Zwischenrufe die Klärung irgendwie gefördert
wird. — Da auch führende Finanzpolitiker der
Sozialdemokratischen Partei, etwa die sachkundigen
Mitglieder des Bundesrates, dies feststellen, kann
die SPD nicht ernsthaft jetzt noch von einer
außergewöhnlichen finanziellen Notsituation sprechen.
Zum zweiten würde die Erhebung der
Ergänzungsabgabe nach unserer Überzeugung den jetzt
gebotenen wirtschafts-, arbeitsmarkt- und
steuerpolitischen Notwendigkeiten nicht gerecht. Wir haben
in der Koalition Auffassungsunterschiede
feststellen müssen. Daß Sie das erfreut, ist psychologisch
verständlich; so groß sind die Freuden einer
Opposition und vor allem dieser Opposition nicht, meine
Damen und Herren der SPD. Wir haben
Auffassungsunterschiede feststellen müssen zu dem
Thema möglicher Folgerungen aus dem Wegfall der
Investitionshilfeabgabe, das ist wahr. Aber wir
haben in den gestrigen Erörterungen auch unser
Einvernehmen in zwei besonders wichtigen Punkten
bekräftigen können.
Das eine ist die Absicht — Herr Kollege
Gattermann hat das kurz erwähnt —, nunmehr mit den
vereinbarten Grundelementen, Größenordnungen
und Strukturen die Gesetzgebung zur Senkung der
Einkommen- und Lohnsteuer einzuleiten und zügig
zu verwirklichen. Mich erfüllt das mit besonderer
Befriedigung. Es ist wichtig, daß die wesentlichen
tragenden Punkte dieses Konzepts jetzt in der
Öffentlichkeit eindeutig erkennbar werden, daß
nunmehr Einvernehmen zwischen allen Partnern der
Koalition besteht, daß diese Steuersenkung um
über 20 Milliarden DM in zwei Stufen erfolgt und
daß damit die andere vorrangige Aufgabe der
Konsolidierung nicht in Frage gestellt wird. Ich begrüße
es ausdrücklich, daß hier Klarheit besteht.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir haben uns zweitens darauf geeinigt, daß die
Ergänzungsabgabe nicht dienlich ist und daß wir
sie einvernehmlich ablehnen.
Ich will aber noch einmal als letztes zu Ihren
verteilungspolitischen Argumenten, Herr Kollege
Spöri, und zu Ihren Angriffen folgendes sagen. Nach
diesem jetzt einvernehmlich ohne Vorbehalt
vereinbarten Konzept der Koalition werden in der ersten
Stufe 1986 insbesondere Familien mit Kindern und
die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen
entlastet. Von der Gesamtentlastung 1986 von 11
Milliarden DM entfallen rund 80 %, 8,8 Milliarden DM,
auf Steuerpflichtige mit einem zu versteuernden
Einkommen von bis zu 50 000/100 000 DM und rund
70 % — das ist zum Teil dieselbe Gruppe —, 7,7
Milliarden DM, auf Familien mit Kindern, die lediglich
39 % der Steuerzahler ausmachen. Diese
nachhaltigere Berücksichtigung der Eltern mit Kindern im
Steuerrecht ist einer der großen sozialen
Fortschritte in dem, was wir wollen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das, meine Damen und Herren, ist für die Zukunft
unserer Gesellschaft, unseres Volkes, für ein
soziales und humanes Gesicht unserer Politik viel
wichtiger als alles, was Sie hier für eine
Ergänzungsabgabe angeführt haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Zynisch
und peinlich! — Dr. Spöri [SPD]: Völlig am
Thema vorbei!)
Präsident Dr. Jenninger: Meine Damen und
Herren, weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Ich
schließe die Aussprache.
Wir kommen zur Einzelberatung und
Abstimmung. Der Ausschuß empfiehlt, diesen
Gesetzentwurf abzulehnen. Die Fraktion der SPD verlangt
gemäß § 52 unserer Geschäftsordnung namentliche
Abstimmung.
Ich rufe die Art. 1 bis 3, Einleitung und
Überschrift des Gesetzentwurfs der SPD-Fraktion auf.
Wer den aufgerufenen Vorschriften zuzustimmen
wünscht, den bitte ich, die Abstimmungskarte mit
„Ja", wer dagegenstimmen oder sich der Stimme
enthalten will, den bitte ich, die entsprechende
Abstimmungskarte in eine der hier vorn aufgestellten
Urnen zu legen. Ich eröffne die namentliche
Abstimmung. —
Ist noch ein Mitglied des Hauses anwesend, das
seine Stimme nicht abgegeben hat? — Es haben alle
Abgeordneten ihre Stimme abgegeben. Ich schließe
die Abstimmung und bitte die Schriftführer, mit der
Auszählung zu beginnen.
Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, Platz zu
nehmen. — Ich gebe das von den Schriftführern
ermittelte Ergebnis der namentlichen Abstimmung
über die Art. 1 bis 3, Einleitung und Überschrift des
von der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs
eines Ergänzungsabgabengesetzes auf Drucksache
10/2460 bekannt.
Von den vollstimmberechtigten Mitgliedern des
Hauses haben 426 ihre Stimme abgegeben. Davon
ungültige Stimmen: keine. Mit Ja haben 181, mit
Nein haben 241 gestimmt; Enthaltungen: 4.
19 Berliner Abgeordnete haben ihre Stimme
abgegeben. Davon ungültige Stimmen: keine. Mit Ja
haben 8, mit Nein haben 11 gestimmt.
Enthaltungen: keine.
Endgültiges Ergebnis
Abgegebene Stimmen 426 und 19 Berliner Abgeordnete;
davon
ja: 181 und 8 Berliner Abgeordnete
nein: 241 und 11 Berliner Abgeordnete
enthalten: 4
Ja
SPD
Amling
Antretter
Bachmaier
Bahr
Bamberg
Becker (Nienberge)
Bernrath
Berschkeit
Bindig
Frau Blunck
Brandt
Brück
Buckpesch
Büchler (Hof)
Dr. von Bülow
Buschfort
Catenhusen
Collet
Conradi
Dr. Corterier
Curdt
Frau Dr. Däubler-Gmelin
Daubertshäuser
Delorme
Dreßler
Duve
Dr. Ehmke (Bonn)
Dr. Ehrenberg
Dr. Emmerlich
Dr. Enders
Ewen
Fiebig
Fischer (Osthofen)
Franke (Hannover)
Frau Fuchs (Köln)
Frau Fuchs (Verl)
Gansel
Gerstl (Passau)
Gilges
Glombig
Grunenberg
Dr. Haack
Haar
Haase (Fürth)
Haehser
Hansen (Hamburg)
Frau Dr. Hartenstein
Dr. Hauchler
Hauck
Heistermann
Herterich
Hettling
Heyenn
Hoffmann (Saarbrücken)
Horn
Frau Huber
Huonker
Immer (Altenkirchen)
Jahn (Marburg)
Jansen
Jaunich
Dr. Jens
Jung (Düsseldorf)
Junghans
Jungmann
Kastning
Kiehm
Kirschner
Klein (Dieburg)
Dr. Klejdzinski
Klose
Kolbow
Kretkowski
Dr. Kübler
Kuhlwein
Lambinus
Lennartz
Leonhart
Frau Dr. Lepsius
Liedtke
Lohmann (Witten)
Lutz
Frau Dr. Martiny-Glotz
Matthöfer
Meininghaus
Menzel
Müller (Düsseldorf)
Müller (Schweinfurt)
Müntefering
Nagel
Neumann (Bramsche)
Frau Odendahl
Oostergetelo
Paterna
Pauli
Dr. Penner
Peter (Kassel)
Pfuhl
Porzner
Poß
Rapp (Göppingen)
Rappe (Hildesheim)
Reimann
Reschke
Reuter
Rohde (Hannover)
Roth
Sander
Schäfer (Offenburg)
Schanz
Dr. Scheer
Schlaga
Schluckebier
Dr. Schmidt (Gellersen)
Schmidt (München)
Schmidt (Wattenscheid)
Schmitt (Wiesbaden)
Dr. Schmude
Dr. Schöfberger
Schreiner
Schröer (Mülheim)
Schulte (Unna)
Dr. Schwenk (Stade)
Sielaff
Sieler
Frau Simonis
Frau Dr. Skarpelis-Sperk
Dr. Soell
Dr. Sperling
Dr. Spöri
Stahl (Kempen)
Steiner
Frau Steinhauer
Stiegler
Stockleben
Dr. Struck
Frau Terborg
Tietjen
Frau Dr. Timm
Toetemeyer
Frau Traupe
Urbaniak
Verheugen
Vogelsang
Voigt (Frankfurt)
Vosen
Waltemathe
Walther
Weinhofer
Dr. Wernitz
Westphal
Frau Weyel
Dr. Wieczorek
Wiefel
von der Wiesche
Wimmer (Neuötting)
Wischnewski
Dr. de With
Würtz
Zander
Zeitler
Frau Zutt
Berliner Abgeordnete
Dr. Diederich (Berlin)
Egert
Heimann
Löffler
Dr. Mitzscherling
Dr. Vogel
Wartenberg (Berlin)
DIE GRÜNEN
Frau Dr. Bard
Burgmann
Drabiniok
Dr. Ehmke (Ettlingen)
Frau Gottwald
Frau Dr. Hickel
Horacek
Hoss
Dr. Jannsen
Krizsan
Frau Nickels
Frau Potthast
Reents
Frau Reetz
Sauermilch
Schily
Schwenninger
Verheyen (Bielefeld)
Frau Dr. Vollmer
Berliner Abgeordneter
Schneider (Berlin)
Nein
CDU/CSU
Dr. Abelein
Dr. Althammer
Frau Augustin
Austermann
Bayha
Dr. Becker (Frankfurt)
Berger
Biehle
Dr. Blank
Dr. Blüm
Böhm (Melsungen)
Dr. Bötsch
Bohl
Bohlsen
Borchert
Breuer
Broll
Brunner
Bühler (Bruchsal)
Dr. Bugl
Carstens (Emstek)
Carstensen (Nordstrand)
Clemens
Dr. Czaja
Dr. Daniels
Daweke
Frau Dempwolf
Deres
Dörflinger
Dr. Dollinger
Doss
Dr. Dregger
Echternach
Ehrbar
Eigen
Engelsberger
Eylmann
Dr. Faltlhauser
Fellner
Frau Fischer
Fischer (Hamburg)
Dr. Friedmann
Ganz (St. Wendel)
Frau Geiger
Dr. Geißler
Dr. von Geldern
Dr. George
Gerlach (Obernau)
Gerstein
Glos
Dr. Göhner
Götzer
Hanz (Dahlen)
Haungs
Hauser (Esslingen)
Hauser (Krefeld)
Hedrich
Freiherr Heereman
von Zuydtwyck
Frau Dr. Hellwig
Helmrich
Dr. Hennig
Herkenrath
Hinrichs
Hinsken
Höffkes
Höpfinger
Dr. Hoffacker
Dr. Hornhues
Hornung
Frau Hürland
Dr. Hüsch
Dr. Hupka
Graf Huyn
Jäger (Wangen)
Jagoda
Dr. Jahn (Münster)
Dr. Jenninger
Dr. Jobst
Jung (Lörrach)
Dr.-Ing. Kansy
Frau Karwatzki
Keller
Kiechle
Klein (München)
Dr. Köhler (Wolfsburg)
Dr. Kohl
Kolb
Kraus
Krey
Kroll-Schlüter
Dr. Kronenberg
Dr. Kunz (Weiden)
Lamers
Dr. Lammert
Dr. Langner
Lattmann
Dr. Laufs
Lenzer
Link (Diepholz)
Link (Frankfurt)
Linsmeier
Lintner
Dr. Lippold
Löher
Lohmann (Lüdenscheid)
Louven
Lowack
Maaß
Frau Männle
Magin
Marschewski
Dr. Marx
Dr. Mertes (Gerolstein)
Metz
Dr. Meyer zu Bentrup
Michels
Dr. Mikat
Dr. Miltner
Milz
Dr. Möller
Dr. Müller
Müller (Remscheid)
Müller (Wadern)
Frau Dr. Neumeister
Niegel
Dr.-Ing. Oldenstädt
Dr. Olderog
Petersen
Pfeffermann
Pfeifer
Pohlmann
Dr. Pohlmeier
Dr. Probst
Rawe
Reddemann
Regenspurger
Repnik
Dr. Riesenhuber
Rode (Wietzen)
Frau Rönsch
Frau Roitzsch
(Quickborn)
Dr. Rose
Rossmanith
Roth (Gießen)
Rühe
Ruf
Sauer (Salzgitter)
Sauer (Stuttgart)
Saurin
Sauter (Epfendorf)
Sauter (Ichenhausen)
Dr. Schäuble
Schartz (Trier)
Schemken
Scheu
Schlottmann
Schmidbauer
Schmitz (Baesweiler)
von Schmude
Dr. Schneider (Nürnberg)
Freiherr von Schorlemer
Dr. Schroeder (Freiburg)
Schulhoff
Dr. Schulte
(Schwäbisch Gmünd)
Schwarz
Dr. Schwarz-Schilling
Dr. Schwörer
Seehofer
Seesing
Seiters
Dr. Freiherr
Spies von Büllesheim
Spranger
Dr. Sprung
Dr. Stavenhagen
Dr. Stercken
Stockhausen
Dr. Stoltenberg
Strube
Stücklen
Susset
Dr. Todenhöfer
Uldall
Dr. Unland
Frau Verhülsdonk
Vogel (Ennepetal)
Dr. Voigt (Northeim)
Dr. Voss
Dr. Waffenschmidt
Dr. Waigel
Graf von Waldburg-Zeil
Dr. Warnke
Dr. Warrikoff
Dr. von Wartenberg
Weiß
Werner
Frau Dr. Wex
Frau Will-Feld
Frau Dr. Wilms
Wilz
Wimmer (Neuss)
Windelen
Frau Dr. Wisniewski
Wissmann
Dr. Wittmann
Wittmann (Tännesberg)
Dr. Wörner
Würzbach
Dr. Wulff
Zierer
Zink
Berliner Abgeordnete
Frau Berger (Berlin)
Boroffka
Buschbom
Feilcke
Dr. Hackel
Kalisch
Kittelmann
Dr. h. c. Lorenz
Schulze (Berlin)
Straßmeir
FDP
Frau Dr. Adam-
Schwaetzer
Baum
Beckmann
Bredehorn
Cronenberg (Arnsberg)
Eimer (Fürth)
Engelhard
Ertl
Gallus
Gattermann
Grünbeck
Grüner
Frau Dr. Hamm-Brücher
Dr. Haussmann
Dr. Hirsch
Hoffie
Kleinert (Hannover)
Kohn
Dr.-Ing. Laermann
Dr. Graf Lambsdorff
Mischnick
Möllemann
Neuhausen
Paintner
Ronneburger
Dr. Rumpf
Schäfer (Mainz)
Dr. Solms
Dr. Weng
Wolfgramm (Göttingen)
Berliner Abgeordneter
Hoppe
fraktionslos
Voigt (Sonthofen)
Enthalten
CDU/CSU
Günther
Müller (Wesseling)
Schreiber
Stutzer
Meine Damen und Herren, damit ist das Gesetz
in zweiter Beratung abgelehnt. Folglich unterbleibt
nach § 83 Abs. 3 unserer Geschäftsordnung jede
weitere Beratung.
Ich rufe nunmehr den Zusatzpunkt 2 der
Tagesordnung auf:
Aktuelle Stunde
Giftgaskatastrophe in Bhopal und mögliche
Konsequenzen für die chemische Produktion
in der Bundesrepublik Deutschland
Meine Damen und Herren, die Fraktion DIE
GRÜNEN hat gemäß Nr. 1c der Anlage 5 unserer
Geschäftsordnung diese Aktuelle Stunde verlangt.
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die
Abgeordnete Frau Dr. Vollmer.
Frau Dr. Vollmer (GRÜNE): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Es gibt Ereignisse, die sind wie
eine Flammenschrift an der Wand. Von dieser Art
ist die todbringende Giftgaswolke, die über der
Firma Union Carbide Corporation lag und die
mindestens 3 000 Tote, Zehntausende von erblindeten
Menschen und 200 000 gesundheitsgeschädigte
Menschen zurückgelassen hat.
Diese Ereignisse und diese Flammenschrift
müssen aber nicht von Indien gedeutet werden. Sie
haben uns etwas zu sagen.
Das Schlimmste bei diesen Ereignissen fand ich,
daß die Menschen, wie man lesen konnte, als sie
von diesem Gift geblendet waren, auf die Fabrik
zugelaufen sein sollen in der Meinung, dort werde
etwas Gesundheitbringendes, vielleicht Arznei, für
sie zu finden sein.
Nichts kann, glaube ich, den ungeheueren
Hochmut unserer westlichen Zivilisation deutlicher
machen, mit dem wir meinen, den Ländern der Dritten
Welt die grüne Revolution und damit die
Bewältigung ihrer Hungerprobleme bringen zu können:
Arbeit, Brot und Fortschritt.
Die Firma Bayer war in diesen Unfall nicht direkt
verwickelt. Aber sie ist doch darin verwickelt, denn
sie ist der führende Pestizidhersteller der Welt.
Bhopal rückt immer näher. Die Geschichte der
chemischen Industrie ist voll von Katastrophen und
von fast eingetretenen Katastrophen. Wir hatten
Unglücksfälle bei BASF und Bayer, wir hatten sie
in Seveso, in Mexiko und zuletzt in Hamburg bei
der Firma Boehringer.
Dasselbe Giftgas, das in Indien diese Toten
verursacht hat, wird auch bei Bayer in Dormagen
produziert. Es wird produziert, verwendet oder gelagert in
folgenden Städten: Aachen, Bonn, Dortmund,
Duisburg, Köln, Krefeld, Minden, Mönchengladbach,
Recklinghausen, Soest und Wuppertal. Bhopal rückt
uns wirklich sehr nahe.
Nehmen wir das Werk in Dormagen, in dem
dieses Methylisocyanat produziert wird. Fast täglich
fliegen Tiefflieger über dieses Werk und nehmen
die Schornsteine als Ziel, um zwischen ihnen hin
-
durchzufliegen. Alle 14 Tage geht ein Phosgen-
Transport von Leverkusen nach Wuppertal auf
einem Tieflader über die Autobahn A 3 und die
Autobahn A 46. Die A 46 ist die Autobahn mit der
größten Unfallquote in der Bundesrepublik.
In dieser Situation haben wir eine
Doppelstrategie. Die chemische Industrie kann von diesen
Geschäften nicht lassen. Und wir versuchen
gleichzeitig, uns vor den schlimmsten Folgen zu behüten.
Das gibt folgende Handlungsweisen: Für uns
führt es zu zunehmend verstärkten Auflagen. Aber
die Pestizid-Exporte in die Länder der Dritten Welt
gehen ungehindert weiter. Dorthin werden auch
Mittel exportiert, die bei uns verboten sind.
Bei uns gibt es einige technische
Sicherheitsauflagen. Die Firma Bayer hatte ja gleich am nächsten
Tag Gelegenheit, das in der Fernsehsendung
darzustellen. Aber die Länder der Dritten Welt kriegen
Technologieexporte, die gerade am Punkt der
Sicherheit abgerüstet sind, um Kosten zu sparen. Und
dann wird die Bevölkerung dort noch verhöhnt und
es wird gesagt, sie habe nicht das Know-how, damit
umzugehen, und nicht die deutsche Sorgfalt. Dabei
ist das, was ihr fehlt, nicht Wissen, sondern
wirtschaftliche Macht; und die haben wir.
Die Pestizidproduktion ist immer mit der
Produktion von chemischen Kampfstoffen für militärische
Zwecke verbunden gewesen. Pestizidsubstanzen
sind ursprünglich als Form der chemischen Waffen
entwickelt worden. Und umgekehrt sind diese für
chemische Waffen entwickelten Substanzen immer
als Pestizide eingesetzt worden. So ist es gar kein
Wunder, daß jetzt C-Waffen-Experten nach Bhopal
gefahren sind, um das Unglück dort zu untersuchen,
und daß die Bevölkerung im Umkreis von 4 km
evakuiert werden soll.
(Frau Gottwald [GRÜNE]: Makaber!)
Unsere Forderungen sind: Es darf keinen Export
von Agrargiften geben, die bei uns verboten sind.
Präsident Dr. Jenninger: Frau Abgeordnete, Ihre
Redezeit ist abgelaufen. Bitte kommen Sie zum
Schluß.
Frau Dr. Vollmer (GRÜNE): Es darf keinen Export
von Technologien geben, die unter unserem
Sicherheitsstandard liegen. Wir fordern die Bekanntgabe
aller Standorte dieser Produktionsstätten in
unserem Land. Wir fordern dieses Parlament auf, eine
Parlamentarierdelegation nach Bhopal zu schicken,
die sich vor Ort von der brutalen Realität dieses
Unglücks überzeugt.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Präsident Dr. Jenninger: Frau Abgeordnete, ich
muß Sie bitten, zum Schluß zu kommen. Ihre
Redezeit ist abgelaufen. Ich bitte um Verständnis: Wir
haben eine Debatte mit Fünf-Minuten-Beiträgen,
und daran müssen sich alle halten.
Das Wort hat Herr Abgeordneter Kroll-Schlüter.
Kroll-Schlüter (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Trauer und
Entsetzen waren die Reaktion aller Deutschen auf das,
was sich in den vergangenen Tagen in der
indischen Stadt Bhopal ereignet hat. Ein Grund für
diese Aktuelle Stunde, die ich begrüße, ist, daß wir
alle hier im Bundestag der indischen Bevölkerung
zeigen wollen, daß wir eben nicht teilnahmslos an
dem Tod und dem Leiden der indischen Bürger
vorbeischauen. Ahnungslose Menschen wurden in der
Unglücksnacht von einer Gaswolke heimgesucht.
Sie alle können unserer Trauer, unserer Solidarität
und auch unseres Mitgefühls sicher sein.
Das Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht ganz
sichtbar. Es wird erst in einigen Wochen in vollem
Umfang sichtbar werden. Was tatsächlich geschah,
muß noch zuverlässig geklärt werden. Was wir dazu
— ohne Anmaßung — beitragen können, soll gern
und, wenn möglich, gemeinsam geschehen. Auch
die indische Regierung ist bis jetzt nicht in der
Lage, uns eine umfassende Auskunft zu geben.
Folgendes läßt sich jedoch schon sagen.
Methylisocyanat, das als Zwischenprodukt für die
Herstellung von Schädlingsbekämpfungsmitteln verwandt
wird, ist in die Luft und damit in die Umgebung des
Chemiewerks in Bhopal ausgetreten. Phosgen, als
gefährlicher Kampfstoff aus dem Ersten Weltkrieg
bekannt, war möglicherweise mit dabei. Alle
Sicherheitsmaßnahmen, die in einer vorgesehenen
Neutralisierung mit Atzsoda bestanden, haben kläglich
versagt. Die todbringende Giftgaswolke wurde
nicht aufgehalten.
So stellt sich uns in diesen Tagen in diesem
Zusammenhang die Frage: Könnte ein solches
Unglück auch in unserem Land geschehen? Wären
ähnliche Folgen für das Leben und das Wohl
unserer Bevölkerung denkbar?
Störfälle in der Industrie, ganz besonders in der
chemischen Industrie sind nie zu hundert Prozent
auszuschließen. Nach dem Erkenntnisstand von
Wissenschaft und Technik ist ein solches, durch das
Austreten von Methylisocyanat hervorgerufenes
Unglück in der Bundesrepublik — es ist in den
vergangenen Tagen sehr schwer gewesen, persönlich
den Unfall im ganzen Umfang und in der ganzen
Tiefe zu erkennen; aber darum haben wir uns
sorgfältig bemüht; das möchte ich ausdrücklich, aber
auch ehrlichen Gewissens sagen — fast gänzlich
unmöglich. Die deutschen Störfallverordnungen
stellen ganz andere Forderungen an die Sicherheit
chemischer Anlagen, als es in Indien der Fall ist.
(Frau Dr. Hickel [GRÜNE]: Das ist zy
-
nisch!)
— Ich bitte Sie! Ich glaube, was Sie da geäußert
haben, war etwas deplaziert, Frau Kollegin.
(Frau Dr. Hickel [GRÜNE]: Nicht das, was
Sie gesagt haben, sondern die Tatsache ist
zynisch!)
Bayer Leverkusen als der einzige Hersteller
dieses Stoffes in der Bundesrepublik Deutschland
benutzt zudem ein anderes Herstellungsverfahren,
welches das Gefahrenpotential erheblich
verringert. Aus der Phosgenkomponente in Bhopal wird
irrtümlich darauf geschlossen, daß diese auch bei
dem Bayer-Verfahren vorhanden sei. Das ist aber
nicht der Fall. Denn das Bayer-Verfahren basiert
auf den Komponenten Dimethyl-Harnstoff plus
Diphenylkarbonat. Somit gibt es bei dem Bayer-
Verfahren kein Phosgen und kein Chlorid. Auch die
Lagerung des Stoffes kommt anders als in Indien
ohne Druck aus. Sollte trotzdem einmal — Sie
mögen erkennen, wie sehr wir uns damit befaßt haben
— der unwahrscheinliche Fall auftreten, daß ein
Lagerbehälter leck ist, so treten sofort und
unmittelbar die unterschiedlichsten
Sicherheitsvorkehrungen in Gang. Durch ein ausgefeiltes
Überwachungssystem werden in Störfällen sofort und
unmittelbar Gegenmaßnahmen eingeleitet.
Diese Sicherheitssysteme werden in
regelmäßigen Abständen vom TÜV überprüft. Der TÜV hat in
diesen Tagen erklärt, daß nach menschlichem
Ermessen ein solches Unglück in der Bundesrepublik
Deutschland nicht möglich sei. Ich zitiere dies auch
deshalb, weil der TÜV j a langjährige Erfahrungen
hat und wir seinem Urteil Vertrauen schenken
können.
Im übrigen habe ich gehört — ich weiß es nicht
genau —, daß deutsche Firmen zum Aufbau dieser
Anlage in Bhopal ein Angebot abgegeben haben
sollen, aber nicht zum Zuge kamen wegen der höheren
Sicherheitsbestimmungen und Auflagen. Auch das
müßte noch einmal sozusagen im internationalen
Zusammenhang geprüft werden.
Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter, Ihre
Redezeit ist abgelaufen. Ich bitte Sie, Ihre Rede zu
beenden.
Kroll -Schlüter (CDU/CSU): Deshalb meine ich,
Sorgfalt ist am Platze; Mitverantwortung soweit es
möglich ist; keine unnütze Kampagne von Haß,
auch nicht gegen unsere amerikanischen Freunde.
Wir werden mit ihnen gemeinsam mit dafür Sorge
tragen, daß so etwas nicht wieder vorkommt.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von den GRÜNEN)
Präsident Dr. Jenninger: Meine Damen und
Herren, lassen Sie mich eine Bemerkung machen. Es
ist für das Sitzungspräsidium immer sehr
unerfreulich, Kolleginnen und Kollegen, wenn sie sprechen,
an die vereinbarte oder festgelegte Redezeit zu
erinnern. Wir haben ja aus diesem Grunde die
Signale am Rednerpult angebracht.
Ich bitte alle, die jetzt in der Aktuellen Stunde
sprechen, ihre Redezeit darauf einzurichten, daß sie
die fünf Minuten einhalten.
Das Wort hat Herr Abgeordneter Brück.
Brück (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! In der vergangenen Woche haben wir über
den Hunger und den Hungertod in Äthiopien
diskutiert. Wir haben diskutiert über die schrecklichen
Folgen einer Naturkatastrophe, verursacht durch das
ausbleiben des Regens. Dabei ist auch gefragt worden
— es waren Fragen des bohrenden Zweifels —, ob
nicht nur Klimaveränderungen Ursache für die
Naturkatastrophe in Äthiopien waren, sondern ob hier
nicht auch falsches Handeln von Menschen eine
Rolle gespielt hat. Wir haben uns gefragt, ob die
äthiopische Regierung die richtige Politik betrieben
hat, ob die Menschen dort nicht selbst ihre Umwelt
zerstört, ja gar durch Übernutzung im wahrsten
Sinne des Wortes verwüstet haben.
Heute diskutieren wir über eine
Industriekatastrophe in Indien, über die größte
Industriekatastrophe in der Geschichte. Heute gibt es keinen
Zweifel, ob hier nicht falsches menschliches
Handeln im Spiel war. Es ist so. Nicht die Natur hat
schuld an dieser Katastrophe; Menschen tragen die
Schuld.
Deshalb, so glaube ich, reicht es nicht, wenn wir
hier nur Betroffenheit und Mitgefühl ausdrücken.
Nein, wir müssen heute Fragen stellen, Fragen
auch an uns. Die größte Industriekatastrophe der
Geschichte hat sich nicht in einem Industrieland
ereignet, sondern sie hat sich in einem
Entwicklungsland ereignet. Schon gibt es Stimmen in der
Öffentlichkeit, auch in der deutschen Presse, die
sehr einfache Antworten auf die Fragen haben. Sie
sagen: Die können das einfach nicht, also darf man
solche Werke nicht in Entwicklungsländern
errichten.
Eine solche Schlußfolgerung zu ziehen wäre
ebenso falsch wie die Schlußfolgerung: Es ist Sache
der Entwicklungsländer, darüber zu entscheiden,
welche Investitionen sie haben wollen und welche
Sicherheitsvorschriften bei ihnen gelten müssen.
Wir tragen hier Verantwortung. Wir sind
verpflichtet, die Erfahrungen, die wir in unserer
industriellen Entwicklung gemacht haben,
weiterzugeben. Oder wollen wir, daß man uns, den
Industrienationen, eines Tages vorwirft, wir hätten in
Entwicklungsländern nicht nur deshalb investiert, weil es
dort niedrigere Löhne, billigere Rohstoffe,
schwache Gewerkschaften oder was immer gebe, sondern
auch deshalb, weil wir das Risiko ausgelagert
haben? Das wäre dann eine neue Spielart des
Kolonialismus.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Ich habe nie die Auffassung vertreten, daß alles,
was bei uns in den Industrieländern gut und teuer
ist, auch für die Entwicklungsländer gut sei, weil es
eben für sie oft zu teuer ist. Aber wir müssen auf
der anderen Seite auch eindeutig sagen: Was in den
Sicherheitsstandards zu schlecht für uns ist, ist
auch zu schlecht für die Entwicklungsländer,
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
auch wenn es billig ist. Deshalb müssen überall
dieselben Sicherheitsstandards gelten.
Deshalb müssen wir uns unser
Außenwirtschaftsgesetz ansehen, ob wir es nicht ändern, ob
wir nicht entsprechende Vorschriften machen
müssen. Ich verstehe auch nicht, warum wir noch
länger darüber diskutieren, ob es gestattet sein soll,
Pestizide zu exportieren, die bei uns verboten sind.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Ich frage auch die Kolleginnen und Kollegen der
CDU/CSU und der FDP, ob sie nicht noch einmal
darüber nachdenken wollen, unserem Antrag
zuzustimmen — den wir gestellt hatten —, auch die
Medikamente für den Export zu verbieten, die bei
uns verboten sind;
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
denn die Frage, die wir uns stellen müssen, ist doch,
ob da nicht eine neue Zeitbombe tickt, von deren
Auswirkungen wir noch nichts wissen, so wie wir ja
auch nicht wissen, was noch in Bhopal geschieht.
Vielleicht werden noch viel mehr Menschen
sterben, weil der Boden dort vergiftet ist. Das sollte uns
alle warnen.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Professor Laermann.
Dr. -Ing. Laermann (FDP): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Ich glaube, wir dürfen einmütig
feststellen, daß die Folgen des Unfalls im
Chemiewerk Bhopal in Indien schrecklich sind, daß wir die
Opfer in höchstem Maße bedauern, daß wir das
beklagenswert finden, was dort geschehen ist. Das
gilt um so mehr, als dieses Land auch immer wieder
von Naturkatastrophen heimgesucht wird, die
unzählige Opfer fordern. Ich möchte von hier aus
unser Mitgefühl, unser Mitempfinden und unsere
Trauer über die Unfallopfer dort zum Ausdruck
bringen.
Eine Analyse und Bewertung dieses Unfalls von
hier aus und jetzt, zu diesem Zeitpunkt, erscheint
mir allerdings nicht möglich, da belastbare
Ergebnisse der Untersuchung über Ursachen,
Versäumnisse und Fehler nicht vorliegen.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Aber es war
doch ein Chemiekonzern!)
So können in bezug auf die Katastrophe in Indien
zunächst nur eine Reihe von Fragen gestellt
werden: Welcher Art war das Produktionsverfahren,
war die Konzeption der Anlage? Welche
Sicherheitsmaßnahmen waren vorgesehen? Welcher Art
und Qualität war die Überwachung? Wie wurden die
Sicherheitsvorschriften — wenn welche vorhanden
waren — eingehalten?
(Zuruf von den GRÜNEN: Gar nicht!)
Wie zuverlässig, wie qualifiziert war das Personal?
Waren sich auch die für Reparatur und Wartung
eingesetzten Arbeitskräfte über das Risiko, über
das Risikopotential im klaren? Waren sie darüber
informiert, waren sie sich ihrer Verantwortung
bewußt?
Inwieweit treffen z. B. Informationen zu, daß
Sicherheitsvorkehrungen technischer und
administrativer Art ebenso wie
Katastrophenschutzmaßnahmen seitens der zuständigen Administration
nicht für erforderlich gehalten wurden? Wurde das
Ausmaß der Katastrophe auch dadurch so
schrecklich, weil zugelassen wurde, daß sich die Slums, die
Wohnviertel der Ärmsten um das Chemiewerk
herum ausdehnen konnten?
Es gibt also viele Fragen, viele Unklarheiten.
(Zuruf von den GRÜNEN)
— Sie sind ja immer im Besitz der höheren
Weisheit, der höheren Erkenntnis. Ich möchte erst
einmal wissen, was da geschehen ist, wie die
Zusammenhänge eigentlich aussehen.
Für mich aber sind in dieser Aktuellen Stunde
zwei Fragen entscheidend. Erstens. Sind solche
Gefährdungspotentiale auch bei uns vorhanden? Ich
muß sagen, daß nach meiner bisherigen Erkenntnis
unsere Schutzvorschriften, unsere
Schutzmaßnahmen, unsere Sicherheitsauflagen, unsere
Transportbestimmungen, die Produktionsverfahren — ich
denke an die Störfallverordnung — einen solchen
Unfall hier nicht befürchten lassen.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Das ist das
St.-Florians-Prinzip!)
Wir haben andere Produktionsverfahren: nur in
seltenen Fällen noch Phosgen; in diesem Bereich
überhaupt nicht. Und dort, wo es angewandt wird,
handelt es sich um geschlossene Systeme, um kleinste
Mengen, und dort gibt es nur kurze
Zwischenlagerzeiten.
Frau Kollegin Vollmer, hier dürfen Sie natürlich
nicht die Labors mitrechnen und sagen, überall dort
werde dieses Zeug gelagert. Das ist natürlich auch
eine unehrliche und eine demagogische
Feststellung.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Das war von
Herrn Minister Farthmann!)
Die zweite Frage, die ich stellen muß: Welche
Konsequenzen können oder müssen sich aus den
jüngsten Ereignissen für die internationale
Kooperation ergeben? Sind die Partner, sind die
Empfängerländer bereit, unsere hohen
Sicherheitsstandards und Sicherheitsanforderungen zu
akzeptieren, sind sie von der Notwendigkeit zu überzeugen,
gegen ihre Beurteilungsmaßstäbe, unter Hintan
-
stellung von Wirtschafts- und Prestigeaspekten
stärker auf Sicherheit und Umweltschutz zu
setzen?
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Die Opfer
sind also selbst schuld! — Weitere Zurufe
von den GRÜNEN)
Ich bin der Auffassung, daß sich beim Export von
Industrieanlagen und der Errichtung von
technischen Anlagen insbesondere die Regierungen
dieser Länder zur Übernahme und Einhaltung unserer
hochentwickelten Sicherheitsstandards
verpflichten müßten.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Mein Gott,
welch ein Humbug!)
Das heißt aber andererseits, daß die Bemühungen
um internationale Harmonisierung von
Umweltschutz und Sicherheitsmaßnahmen intensiviert
werden müssen. Ich füge hinzu: nicht auf
niedrigstem, sondern auf höchstem Niveau.
Ich persönlich habe noch eine weitere
Konsequenz hier anzumerken, die gezogen werden müßte,
daß wir nämlich in unseren Bereichen, wo auch
immer, in allen technischen Bereichen die
Sicherheitsforschung, die Bestimmung von
Risikobereichen, generell und am Arbeitsplatz, Risikoanalysen,
Reduzierung des Gefahrenpotentials hier
vorantreiben, weiter verstärken und intensivieren müssen.
Das sind für mich hier und heute die konkreten
Schlußfolgerungen, die wir aus den bedauerlichen
und beklagenswerten Vorgängen ziehen müssen.
Danke schön.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat die
Abgeordnete Frau Gottwald.
Frau Gottwald (GRÜNE): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Die Giftgaskatastrophe in
Bhopal, wie das entsetzliche Ereignis in Indien genannt
wird, ist nicht nur trauriger Anlaß, um über
Konsequenzen der chemischen Produktion bei uns zu
reden, die Giftgaskatastrophe ist vielmehr Beispiel
dafür, daß solche Unfälle ganz besonders in den
Entwicklungsländern keinesfalls Katastrophen im
Sinne von unvermeidlichen Naturereignissen oder
Unfällen sind, die völlig unerwartet und
überraschend eintreten. Bhopal ist die häufig
unvermeidbare Konsequenz brutalster
Unternehmensstrategien multinationaler Konzerne,
(Beifall bei den GRÜNEN)
wo die Logik des Profits die Interessen der
betroffenen Menschen völlig negiert.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß ähnliche Unfälle
auch hier bei uns passieren; aber es ist kein Zufall,
daß Unfälle in dem Ausmaß gerade die
Bevölkerung in den Entwicklungsländern treffen. Konzerne
wie Union Carbide arbeiten auf der Basis folgender
Strategien: Aus Gift mach' Geld, wo es sich am
meisten lohnt und wo mit dem geringsten Widerstand
zu rechnen ist.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Es ist das kalkulierte Risiko, in Dollars
ausgedrückt, das Tausende von Menschen in Bhopal das
Leben gekostet hat, sie blind gemacht hat, sie für
kommende Generationen vergiftet hat.
Bereits 1982 verfaßten Mitarbeiter des Konzerns
eine Sicherheitsstudie mit dem Ergebnis, daß
schwerwiegende Sicherheitsmängel zu verzeichnen
seien. Was passierte? Nichts. Zwei Jahre später flog
die Fabrik in die Luft. Kommentar des
Vorstandsvorsitzenden Warren Anderson, persönlich fühle er
sich nicht schuldig. Die Firma zahlt ein paar
Milliönchen an die Hinterbliebenen, und die Sache ist
erledigt. So wird es gemacht. Traurigerweise sind
die Toten in der Dritten Welt auch noch billiger als
bei uns.
Union Carbide ist ein Beispiel für die gängige
Praxis internationaler Chemiekonzerne, die auf
dem Rücket' der Armut der Dritten Welt ihre
drekkigen Geschäfte machen, im wahrsten Sinne des
Wortes.
(Ertl [FDP]: Und Sie machen Geschäfte mit
den Toten!)
Sie nutzen die wirtschaftliche Schwäche der
Entwicklungsländer, die ihrerseits alles tun, um ein
günstiges Investitionsklima zu schaffen: keine
Umweltauflagen, keine Sicherheitsbestimmungen,
keine Sozialleistungen, keine gewerkschaftliche
Organisierung usw. Dies ist der Grund für die
lohnende Produktionsauslagerung in die Dritte Welt.
Es ist die uneingeschränkte Entfaltungsmöglichkeit
westlicher Kapitale auf der Basis brutalster
Ausbeutungsverhältnisse, die nicht nur den
arbeitenden Menschen das Blut aussaugt, sondern sie auch
oft zu Tode befördert.
Ja, Arbeitsplätze stellen diese ausländischen
Konzerne in Entwicklungsländern in der Tat.
Dieses Argument ist ja wohl Ihr Steckenpferd. Nur
muß man sich auch fragen, was für Arbeitsplätze
das sind. Das Beispiel Bhopal dürfte die Frage
beantworten.
Das Geschäft mit dem Gift ist etwas, was hier zu
wenig kontrolliert wird, in den
Entwicklungsländern fast gar nicht. Deswegen ist es dort auch
besonders lukrativ. Westliche Konzerne verkaufen
toxische Stoffe in die Dritte Welt, die hier verboten
sind. Es gibt Pestizidwerbung auf
Hochglanzbroschüren, die dem Bauer in Asien, Afrika und
Lateinamerika vorgaukeln, mit diesem Wundermittel
könne er seine Armut überwinden. Die Konsequenz
ist, der Bauer verschuldet sich noch mehr, die Erde
wird vergiftet, der Bauer wird vergiftet, die
Konzerne werden fetter und fetter.
Die zweite Variante lautet: Chemiekonzerne
produzieren die toxischen Stoffe in den
Entwicklungsländern, da es billiger ist, da es in den
Industrieländern oft verboten ist. Man spart den Transport und
auch die Konsequenzen dieser gefährlichen
Produktion für die Industrieländer. Damit spart man
sich auch die politische Diskussion hier darüber.
Union Carbide ist ein Beispiel für diese
Agrargiftproduzenten. Bayer, Hoechst und Schering sind ein
anderes. Die bundesdeutschen Chemieriesen
exportieren jährlich rund 50 000 Tonnen Pestizide in die
Dritte Welt. Eine ebenso große Menge wird von
ihnen in den Entwicklungsländern produziert,
unter ähnlichen Bedingungen wie jetzt in Indien.
(Gattermann [FDP]: Wissen Sie eigentlich,
daß 51 % dem indischen Staat gehören?)
Häufig handelt es sich um Gifte, deren Produktion
und Vertrieb hier verboten sind.
Sie, meine Herren, sollten aufhören, ständig das
Hohelied der freien Marktwirtschaft, das Hohelied
des freien Unternehmertums zu singen. Sie sollen
sich lieber um die Opfer dieses Liedes kümmern.
Wir fordern, daß der Export von hier verbotenen
Stoffen verboten wird. Wir fordern, daß auch die
Produktionsauslagerung von zu produzierenden
Stoffen, die hier verboten sind, ebenfalls verboten
wird. Wir fordern von der Bundesregierung, daß sie
dahin gehend die notwendigen Schritte
unternimmt.
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Dr. Faltlhauser.
Dr. Faltlhauser (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Ich bin erschüttert und auch
angewidert von der Kaltschnäuzigkeit, mit der die
GRÜNEN — das hat Frau Gottwald hier bewiesen
— menschliches Leid und Tod zu ihren politischen
Geschäften mißbrauchen wollen. Mißbrauch für
ihre Ideologie ist das!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Weg von der sachlichen Beurteilung, nur auf die
von Ihnen vorgegebenen ideologischen Vorurteile
stellen Sie ab.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Ich bin auch
erschüttert, aber von Ihnen, mein Herr!)
Ich glaube, Sie hätten Anlaß genug, nach einem
derartigen Unfall die Dinge etwas sachlicher zu
beurteilen.
(Schäfer [Offenburg] [SPD]: Unappetit
-
lich!)
Das, was wir hier gerade in der letzten Rede
miterlebt haben, war unappetitlich und ideologisch und
nicht zur Sache. Ich bedaure, daß das hier im
Bundestag geschehen ist.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Nach Unfällen gibt es immer eine öffentliche
Reaktion in drei Stufen:
(Frau Dr. Vollmer [Grüne]: Was sind Sie
für ein sanfter Mensch!)
zunächst Trauer und Erschütterung, dann Suche
nach den Ursachen, dann Forderung nach einer
Verschärfung der Vorschriften.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Wo sind
die Menschen und die Opfer bei Ihrem Ge
dankengang?)
Ich glaube, es ist angebracht, auch bei uns zu
fragen, inwieweit in Deutschland die Normen
ausreichen, einen derartigen Unfall bei uns in der
Bundesrepublik Deutschland zu verhindern.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll
ten etwas zu den Opfern sagen!)
Ich glaube, daß die GRÜNEN in ihrem Antrag eine
etwas schnelle Antwort gegeben haben. Sie sagten
nämlich, daß die Vorschriften nicht ausreichen, daß
weiter verschärft, verboten und reglementiert
werden sollte.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll
ten doch etwas zu den Opfern sagen und zu
den Menschen, Herr Kollege!)
— Gehören Sie zu den GRÜNEN, Frau Kollegin?
Vielleicht schon fast.
Ich halte es dagegen für angebracht, daß in
unserem Lande deutlichgemacht wird,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll
ten doch etwas zu den Menschen und zu
den Opfern sagen, Herr Faltlhauser!)
daß es eine tief gestaffelte Reihe von Gesetzen und
Vorschriften bereits gibt,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sagen
Sie jetzt etwas zu den Opfern?!)
die für einen derartigen Vorfall geschaffen sind:
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sagen
Sie etwas zu den Menschen!)
Gewerbeordnung, Bundes-Immissionschutzgesetz,
spezielle Vorschriften für genehmigungsbedürftige
Anlagen,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll
ten etwas zu den Opfern sagen, Herr Faltl
hauser!)
Detailregelungen für überwachungsbedürftige
Anlagen, Vorschriften der Berufsgenossenschaften,
Gesetz über technische Arbeitsmittel,
Arbeitsstättenverordnung, Druckbehälterverordnung,
Störfallverordnung mit einer Reihe von
Verwaltungsvorschriften usw.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Wo sind
Ihre Ausführungen zu den Opfern?)
Meine Damen und Herren, ich glaube, wir sollten
den Bürgern draußen auch einmal sagen, daß der
Gesetzgeber in diesem Land weitgehend und
detailliert für derartige Fälle vorgesorgt hat und daß wir
eine gute Verwaltung haben, die derartige Dinge im
Detail langfristig vorausgedacht und geregelt hat.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Und dann
fühlen Sie sich schön sicher!)
Wir haben uns in diesem Staat vielleicht ein
bißchen zu sehr daran gewöhnt, die Unzufriedenheit
mit allen bestehenden Zuständen zur Regel zu
machen.
Ich glaube, daß dieser konkrete Fall zeigt, daß in
unserem Land vorausschauend gehandelt wird. Wir
haben keinen Grund zur Selbstzufriedenheit; da
haben wir für die Dritte Welt weiß Gott zu viel
Verantwortung. Aber es besteht kein Anlaß, Frau Vollmer
und Frau Gottwald, die Bürger in diesem Land
angesichts der bestehenden Vorschriften unnötig zu
ängstigen. Das hielte ich für verantwortungslos.
Wir sollten den Bürgern aber auch sagen: Wenn
man eine Perfektionierung der Sicherheit will,
immer mehr, dann gibt es nun einmal mehr
Vorschriften. Ich glaube, daß dieser Fall zeigt, daß der Preis
der Sicherheit auch mehr Bürokratie ist. Auch mit
diesem Zwiespalt müssen wir leben.
(Duve [SPD]: Sie nutzen dieses Thema
auch für jeden Dreck! — Weitere Zurufe
von der SPD)
Ich meine, zum einen haben wir ein Defizit im
Katastrophenschutz. Das war immer eine
Berührungsangst der SPD. Sie wollten die Katastrophenmedi -
zin in diesem Hause nicht näher behandelt wissen.
Es ist dankenswert, daß die Ärztekammer hierzu
immer wieder Kurse durchgeführt hat.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Was ist
mit den Opfern, Herr Faltlhauser?)
Ich glaube, daß in der Fünften
Approbationsordnung, die uns jetzt bevorsteht, sinnvollerweise
festgelegt ist,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie woll
-
ten etwas zu den Opfern sagen!)
daß für Katastrophenfälle entsprechende Lehrplan
vorgaben vorhanden sind.
Ich hoffe, daß diese Katastrophe auch zur
Entkrampfung der Debatte über Katastrophenmedizin
beitragen kann. Ich würde vorschlagen, daß
vorrangig eine Medizinerdelegation nach Indien reist,
damit wir unsere Erfahrungen dort vor Ort
übermitteln können, und wir sollten die indische Regierung
einladen, daß Opfer nach Deutschland kommen,
damit sie entsprechend den positiven Erfahrungen bei
giftgasverletzten iranischen Soldaten hier
behandelt werden können.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Sie begreifen
gar nicht, daß wir etwas zu lernen haben!)
Das ist eine konkretere, schnellere Handhabe, als
wenn Parlamentarierdelegationen reisen, die
vielleicht nur wiederum Wind auf ihre ideologische
Mühlen brauchen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Frau Dr.
Däubler-Gmelin [SPD]: Kein Wort zu den
Opfern, kein Wort zu den Menschen! Pein
lich, Herr Faltlhauser!)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat die
Abgeordnete Frau Blunck.
Frau Blunck (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Herr Dr. Faltlhauser, wir sollten Ihre
ideologische Kaltschnäuzigkeit, die Sie hier an den
Tag gelegt haben, möglichst schnell vergessen.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Die Giftgaskatastrophe in Indien hat
schlaglichtartig oder, wenn Sie so wollen, explosionsartig die
Problematik der Anwendung der modernen Chemie
in den Ländern der Dritten Welt deutlich gemacht:
Kriminell leichtfertiger Umgang bei der
Produktion, fehlende Schutzvorschriften, ein noch nicht
ausreichend entwickeltes Umweltbewußtsein haben
fast zwangsläufig zu den entsetzlichen Ereignissen
von Bhopal geführt. Erst mußten Tausende von
Menschen sterben, Zigtausende von Menschen
schwere und schwerste Verletzungen erleiden —
die ökologischen Auswirkungen sind zur Zeit noch
gar nicht abzuschätzen —, bis wir in den reichen
Industrieländern uns Gedanken über die
Verlagerung besonders risikoreicher Chemieanlagen in die
Armenhäuser dieser Welt machen. Es geht nicht
darum, die Entwicklungsländer vom
technologischen Fortschritt auszugrenzen. Aber wenn wir
schon gefährliche Produktionsanlagen exportieren
und uns sehr wohl bekannt ist, daß dort nur
schlecht ausgebildetes Personal zur Verfügung
steht und auch sonst nur mangelhafte
Kontrollmöglichkeiten bestehen, dann darf dies nicht
ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Erzielung
eines möglichst hohen Profits geschehen.
(Beifall bei der SPD)
Hier muß erst recht die Forderung nach besonders
scharfen Sicherheitsvorkehrungen erhoben
werden. Zumindest aber sollten diese den gleichen
Standards entsprechen, die die exportierenden
Unternehmen in ihren eigenen Ländern beachten
müssen. Sicher, das ist auch eine Frage von Moral,
aber wenn diese schon im tagtäglichen
Wirtschaftsleben nicht oberste Richtschnur des Handelns ist,
dann werden vielleicht die riesigen
Schadensersatzforderungen, mit denen jetzt der amerikanische
Konzern Union Carbide überzogen wird, die Herren
in den Vorstandsetagen der einschlägigen Industrie
zur Einsicht bringen, daß sich auch in den Ländern
der Dritten Welt die Beachtung elementarer
Schutzvorkehrungen sogar dann noch rechnet,
wenn diese Schutzvorschriften in den
entsprechenden Entwicklungsländern nicht obligatorisch sind.
Eine Katastrophe noch weit schlimmeren
Ausmaßes als jetzt in Bhopal sehe ich langfristig durch
den ungehemmten Export von
Pflanzenschutzmitteln auf uns zukommen. Pflanzenschutzmittel —
einige bei uns wegen ihrer erwiesenen Gefährlichkeit
für Mensch und Umwelt anwendungsbeschränkt,
andere bei uns nicht zugelassen — werden förmlich
in die Länder der Dritten Welt gepumpt, und die
deutsche chemische Industrie liegt hierbei an der
Spitze. Was unter dem Deckmantel der Sicherung
von Nahrungsmittelproduktion an Tausenden von
Tonnen von Pestiziden und Insektiziden auf
Baumwoll- und Reisplantagen, über Bananen-, Tabak-
und Obstpflanzungen ausgebracht wird, hat die
Hungersnöte und die Fehl- und Mangelernährung
nicht beseitigen können. Hierfür sind ganz andere
Gründe vorhanden.
(Beifall bei der SPD — Frau Dr. Vollmer
[GRÜNE]: Haben sie aber mit verursacht!)
Es hat aber sehr wohl dazu beigetragen, daß
gewachsene wirtschaftliche Strukturen zugunsten
von Monokulturen zerstört und alternative
Anbaumethoden, die ohne Agrargifte auskommen,
bekämpft wurden. Es wäre nun unredlich, nur den
Entwicklungsländern die Verantwortung für diese
bedrohlichen Importe zuzuschieben. Sicherlich,
manche Länder könnten hier etwas mehr
Eigenständigkeit zeigen. Wichtiger dürfte aber wohl sein,
daß sich die eigentlichen Urheber, die
Industriestaaten, zu ihrer Verantwortung bekennen.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Für uns heißt das ganz konkret, daß wir eine
Exportverbot für alle in der Bundesrepublik nicht
zugelassenen bzw. verbotenen
Pflanzenbehandlungsmittel erlassen. Wenn denn Lehren aus den
tragischen Ereignissen in Indien gezogen werden sollen,
dann haben alle Parteien dieses Hauses bei der
anstehenden Novellierung des
Pflanzenbehandlungsgesetzes die Möglichkeit, dieses Exportverbot
zu beschließen. Dazu lade ich alle ganz herzlich
ein.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Ertl.
Ertl (FDP): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Es ist bitter, wenn mit einem so traurigen
Ereignis ideologische Haßgesänge in einem
anderen Parlament abgesandt werden. Ich sage das an
die Adresse der GRÜNEN und auch an die Adresse
von Frau Blunck. Ich habe nicht notiert, wie oft
Profit verteufelt wurde. Sie, die Herren GRÜNEN,
leben ja auch vom Profit. Sie existieren doch nur vom
Profit.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Hier sind Bemerkungen zu multinationalen
Unternehmen gemacht worden. Deshalb möchte ich
schlichtweg der Wahrheit zuliebe einige
Bemerkungen machen. Es ist Demagogie, es ist unwahr, wenn
Union Carbide im selben Zusammenhang mit
BASF, BAYER und Schering genannt wird. Ich
weise das zurück,
(Zurufe von den GRÜNEN)
und zwar auch angesichts unserer eigenen
Sicherheitsbestimmungen in diesem Lande, die nicht nur
für die Werke hier, sondern auch für die im Ausland
gelten.
(Anhaltende Zurufe von den GRÜNEN)
— Wer brüllt, zeigt, daß er es mehr im Hals als im
Hirn hat.
(Beifall von der FDP — Frau Gottwald
[GRÜNE]: Was produziert denn BASF in
Peru, Thailand und Malaysia? — Weitere
Zurufe von den GRÜNEN)
Das gehört allerdings in die Kategorie der Zoologie,
und dafür habe ich bei den GRÜNEN Verständnis.
(Duve [SPD]: Das ist der Sprecher der
Freien Demokraten zu diesem Thema! Das
ist erbärmlich!)
— Herr Duve, es ist zwar Ihr gutes Recht, und es
entspricht Ihrem Benimm, daß Sie hier
ununterbrochen Werturteile abgeben, aber das steht Ihnen
nicht zu, weder von Ihrer geistigen noch von Ihrer
moralischen Qualität her.
(Beifall bei der FDP — Duve [SPD]: Was
haben Sie denn gemacht? — Schäfer [Of
-
fenburg] [SPD]: Auch Sie sprechen gegen
sich selbst!)
Zweitens. Wer so, wie Sie das hier soeben getan
haben, über die Anwendung von Pestiziden spricht,
der muß den Menschen in der Dritten Welt — vor
allem dort, wo tropische Früchte angebaut werden
und wo es spezifische tropische Schädlinge gibt —
auch eine Antwort geben, wie sie in Zukunft ernten
sollen, z. B. Reis
(Zurufe von den GRÜNEN)
— wissen Sie, ich bin ja sehr für Zwischenrufe, aber
ich möchte Sie gern sachkundig machen, denn das
würde Ihnen nicht schaden —,
(Frau Dr. Hickel [GRÜNE]: Ach die liebe
Zeit!)
der muß ihnen sagen, wie er mit der Tsetsefliege
fertig wird,
(Sehr gut! bei der FDP)
der muß ihnen das sagen, oder er muß den
Vietnamesen und so vielen, die vom Reis leben, sagen: Es
müssen noch mehr sterben, als es jetzt leider schon
der Fall ist.
(Beifall bei der FDP — Zurufe von den
GRÜNEN)
Das heißt: Dieser Komplex ist viel zu vielschichtig,
als daß man ihn in fünf Minuten behandeln könnte.
Ich wollte deshalb nur diesen Punkt anschneiden.
Lassen Sie mich aber noch einen dritten Punkt
nennen. Wir alle haben Lehren aus dieser
Katastrophe zu ziehen. Aber manches, was wir gemacht
haben, war richtig, z. B. integrierter Pflanzenschutz,
z. B. Resistenzzüchtung und z. B. Entwicklung von
Pestiziden, die unschädlich sind. Alles ist heute
nicht nur entwickelt, sondern zum Teil auch schon
auf dem Markt. Daraus gilt es, in internationaler
Zusammenarbeit die Schlußfolgerungen zu ziehen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Dies ist wesentlicher als Exportgebote und -ver
bote.
(Schäfer [Offenburg] [SPD]: Das hat Frau
Blunck doch gesagt! — Brück [SPD]: Jetzt
werden Sie endlich sachlich!)
— Ich bedanke mich für die Qualifikation, Herr
Brück. Das ist mir immer so sympathisch bei euch.
Das ist so eure sozialistische Toleranz; die kenne
ich.
(Brück [SPD]: Ich habe gesagt, jetzt wer
den Sie endlich sachlich!)
— Nein, ich werde so sachlich, wie Sie es waren. Ich
muß sagen, ich habe mich zutiefst geärgert, wie
polemisch das war und wie Sie Geschäfte mit der
„Habgier" gemacht haben, auch Frau Blunck. Das
ist Ihr Stil.
(Zuruf von der CDU/CSU: Ein ekelhafter
Stil!)
Ich habe sehr aufmerksam zugehört.
(Zurufe von den GRÜNEN)
— Ihnen nehme ich es nicht übel; Sie sind ja außen
-
vor. Sie haben hier einen Freibrief dafür, daß Sie
ständig unterbrechen.
Ich muß zum Ende kommen. Ich ziehe eine ganz
andere Schlußfolgerung. Wir müssen nicht nur
bezüglich der Produktion von Pestiziden international
zusammenarbeiten, sondern wir müssen auch
bezüglich der Menschen zusammenarbeiten. Wir
müssen wirtschaftlich und agrarwirtschaftlich
zusammenarbeiten und dabei unsere hohen Standards
von Wissenschaft, Technik und Wissen in der
Dritten Welt einsetzen.
(Frau Blunck [SPD]: Und Alternativen!)
— Und Alternativen, das bestreite ich gar nicht. Nur
muß ich Ihnen sagen, Ihre Alternative, Frau Blunck,
ist vollkommen falsch. Mit Exportverbot vermehren
Sie den Hunger in der Welt.
(Zurufe von der SPD)
— Dann lesen Sie doch das Protokoll nach. Dann
muß ich ja keine Ohren gehabt haben. Es tut mir
furchtbar leid, wenn Sie es nicht gesagt hätten,
hätte ich nicht darauf geantwortet. Es ist schlimm,
etwas zu behaupten und dann zu sagen, man habe
es nicht gesagt.
(Zurufe von der SPD)
— Ich antworte ja nur, verehrter Herr Vogel.
Ich lasse nicht zu, daß in dieser Form hier
diskutiert wird, weil zur Politik immer noch die Sache
gehört. Ich habe mal gelernt, Wissen ist Macht.
Aber ich habe mich daran gewöhnt, daß es in
diesem Hause Stil ist, daß Ignoranz es macht. Ich bin
immer noch mehr für die Sache und das Wissen. Ich
bedanke mich dafür, daß Sie mir zugehört haben.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Dr. Lippold.
Dr. Lippold (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
sehr geehrten Damen und Herren! Der
tausendfache Tod, das unendliche Leid ungezählter Kinder,
Frauen und Männer in der indischen Stadt Bhopal,
deren Schicksal wir mit tiefer Anteilnahme und
Erschütterung verfolgen, mahnt uns zur
Selbstprüfung. Unser gemeinsames Ziel muß sein, solche
Unglücke, solche Katastrophen vorbeugend zu
vermeiden.
Wir wissen, daß es eine absolute Sicherheit nicht
gibt. Dies verpflichtet uns dazu, in unserem Land
Vorsorge zu treffen, aber nicht nur in unserem
Land, sondern auch anderen Ländern zu helfen, daß
sie Katastrophen in dieser Form nicht erleben
müssen, daß solche Katastrophen vermieden werden.
Wir müssen ihnen dazu die Hand reichen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Wir müssen aber auch Verständnis dafür wecken,
daß sie selbst dies tun wollen. Denn wir können
ihnen dies nicht aufzwingen. Wir müssen dafür
werben.
Wir müssen aber auch in anderer Hinsicht
bedenken, daß wir mit Sicherheit hier im
Pflanzenschutzmittelbereich produzieren müssen, um dem Hunger
und dem Elend in der Dritten Welt abzuhelfen. Wir
können die Dinge nicht einfach einseitig
betrachten. Wir wissen, dal3 ohne diese Produktion viele
Menschen verhungern würden. Wir können für
unser Land heute davon sprechen, daß wir viel für die
sicherheitstechnische Vorsorge getan haben. Wir
sagen das ohne Selbstzufriedenheit, weil dies die
Leistung aller Regierungen ist, auch der
vorangegangenen. Wir sagen aber auch, daß dies geleistet
wird durch die Bürger unseres Landes, durch
Arbeiter und Angestellte in den Betrieben, in den
Arbeitsschutzinstitutionen, in den
Gesundheitsdiensten, im Gewerbeaufsichtsamt und im Technischen
Überwachungsverein. Die können wir nicht in
einem so schlechten Licht dastehen lassen, wie dies,
meine Damen und Herren von den GRÜNEN, durch
Ihre Verlautbarungen hier offensichtlich der Fall
ist.
(Zurufe von den GRÜNEN)
Hier wird von einer Vielzahl von Menschen
verantwortungsvolle Arbeit geleistet. Das sollten Sie nicht
einfach in Abrede stellen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Das sind die Leute, die das umsetzen, was wir hier
politisch beschließen.
Wir können deshalb sagen, daß für unser Land
kein Grund zur Panik, kein Grund zur Angst
besteht. Wir alle sollten der Versuchung widerstehen,
zur Panikmache Anlaß zu geben, um daraus
politischen Profit, um daraus politisch Kapital zu
schlagen. Ich muß ganz ehrlich sagen, ich verstehe nicht,
wie man sich in dieser Form mit der Trauer, mit der
Betroffenheit anderer hinstellen kann. Das geht
insbesondere in Ihre Richtung, wo man ganz
einfach mit niederen Instinkten politisch Kapital
schlagen will.
(Frau Gottwald [GRÜNE]: Sagen Sie doch
mal etwas zu den Ursachen! Wie kommt es
denn zu den Katastrophen?)
Ich sage noch einmal ganz deutlich — und
unterstreiche das, was der Kollege Faltlhauser gesagt
hat —, wir haben eine Vielzahl von Vorschriften
und haben mit der Störfallverordnung gerade für
den Umgang mit gefährlichen Gütern
Sicherheitsvorkehrungen geschaffen. Es muß dargelegt
werden, was alles für den Umgang mit gefährlichen
Gütern getan wird, wie mögliche Störfälle
verhindert werden können. Dabei wird alles
berücksichtigt, bis hin zu Katastrophen wie Erdbeben,
Hochwasser usw.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Fühlen Sie
sich sicher, wenn in Indien die Menschen
sterben?)
Man muß ganz einfach sehen, daß dies mehr ist, als
in jedem anderen Land der Welt getan wird. Auch
für europäische Verhältnisse tun wir wesentlich
mehr.
Die Gleichstellung der deutschen Unternehmen
mit Unternehmen in der Dritten Welt ist einfach
nicht haltbar. Sie können doch nicht mit
vergleichbaren Vorfällen aus unserem Land argumentieren.
(Frau Gottwald [GRÜNE]: Alles Lüge!)
Das ist doch der Punkt. Wenn Sie trotzdem die
Arbeiter und Angestellten unseres Landes mit
anderen gleichsetzen, ist das nicht
verantwortungsvoll.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen
Sie mich deutlich machen: Wir haben Vorschriften,
die darauf abstellen, daß, selbst wenn ein
Sicherungskreis in einem Unternehmen nicht standhält,
andere Sicherheitsregelungen greifen. Darüber
hinaus ist zusätzlich Vorsorge getroffen. Ich glaube,
wir können sagen: Wir haben nicht erst auf Grund
solcher Vorfälle, sondern schon seit Jahrzehnten
sehr viel getan. Wir sollten dies allerdings nicht
zum Anlaß nehmen, uns selbstzufrieden
zurückzulehnen, sondern wir sollten gemeinsam daran
arbeiten, diesen hohen Sicherheitsstandard nicht nur zu
halten, sondern fortzuentwickeln. Und wir sollten,
wie gesagt, daran arbeiten, daß dies in Zukunft
auch für die Länder der Dritten Welt zutrifft, damit
sich solche Unfälle nicht wiederholen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat die Frau
Abgeordnete Dr. Hartenstein.
Frau Dr. Hartenstein (SPD): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Wenn diese Aktuelle Stunde
einen Sinn haben soll, dann darf sie sich nicht in
Klagen und Anklagen erschöpfen;
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
aber sie darf auch nicht zu Verniedlichungs- und
Ablenkungsmanövern führen, Herr Kollege
Faltlhauser,
(Beifall bei der SPD)
und auch nicht zu parteipolitischem Hickhack.
(Freiherr von Schorlemer [CDU/CSU]:
Sehr gut!)
Was Sie, Herr Kollege Ertl, hier vorgetragen haben,
war, meine ich, liberalem Niveau nicht ganz
adäquat.
(Beifall bei der SPD)
Eine solche Behandlung der Problematik verbietet
einfach das Leid von vielen Tausenden von Opfern.
Wir müssen uns vielmehr fragen: Was kann
geschehen und was muß geschehen, damit sich ein so
entsetzliches Unglück nicht wiederholt?
Eine Bemerkung vorweg: Wenn es zutrifft, daß
ein bereits vor zwei Jahren erstellter Bericht
schwere Bedenken gegen das Werk Bhopal wegen
mangelnder Sicherheitsvorkehrungen erhoben hat,
dann ist es doch ein ungeheuerlicher Skandal, daß
weder die Werksleitung von Union Carbide noch die
indischen Behörden sich veranlaßt gefühlt haben,
schleunigst diese Mängel zu beheben.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Vor diesem Hintergrund, meine Damen und Her
-
ren, wirkt das Gerangel um die Entschädigungsmil
liarden geradezu zynisch; denn keine Million
Dollar, und auch keine Milliarde Dollar, bringt einem
erblindeten Kind sein Augenlicht zurück — von den
Toten ganz zu schweigen.
(Zustimmung bei den GRÜNEN)
Was sind die Konsequenzen? Unsere Bürger
stellen vor allem zwei Fragen: Erstens. Wie sicher sind
die Anlagen in unserem Land? Zweitens. Müssen
wir unbedingt mit solchem Teufelszeug umgehen?
(Frau Dr. Hickel [GRÜNE]: Genau!)
Beide Fragen sind berechtigt. Auch in der
Bundesrepublik wird, wie schon gesagt wurde, Phosgen
produziert, verwendet, gelagert, transportiert. Weil
wir das Gefahrenpotential kennen und weil wir
wissen, daß die Bevölkerung ein Recht auf Schutz hat,
hat die sozialliberale Bundesregierung 1980 eine
Störfallverordnung erlassen, und zwar gegen den
heftigsten Widerstand der Industrie. Das muß man
hier einmal deutlich sagen. Darin wurden für
Neuanlagen und für Altanlagen Sicherheitsanalysen
gefordert. Es wurde eine Meldepflicht eingeführt. Es
wurde eine ständige Überprüfung bei der
Produktion von ca. 140 gefährlichen Stoffen
vorgeschrieben, darunter Phosgen.
Heute müssen wir die Bundesregierung fragen:
Sind die Sicherheitsanalysen überall durchgeführt
worden? Wo gibt es Vollzugsdefizite? Ist die
Überwachung gewährleistet? Sind die
Gewerbeaufsichtsämter in der Lage, sowohl von ihrer personellen
Ausstattung als auch von der Sachkunde her, ihren
Kontrollpflichten nachzukommen?
(Beifall bei der SPD)
Ist die Bevölkerung in der Umgebung solcher
Anlagen hinreichend unterrichtet, auch über das nötige
Verhalten in einem eventuellen Katastrophenfall?
Wir fordern die Bundesregierung auf, Herr
Staatssekretär Spranger, umgehend einen Bericht
darüber zu erstellen, ob und wieweit die
Störfallverordnung verwirklicht wurde, und diesen Bericht
den zuständigen Ausschüssen unverzüglich
zuzuleiten.
(Beifall bei der SPD)
Ein Letztes: Bhopal ist, ebenso wie Seveso, ein
schreckliches Signal — nicht nur dafür, daß uns die
Chemie überall einholt. An diesem Punkt zeigt sich
auch wieder einmal, daß der Markt eben nicht alles
richtet. Meine Damen und Herren, das „freie Spiel
der Kräfte" kann zerstörerisch sein, gerade in
diesem Bereich, aber nicht nur da. Deshalb muß man
ihm Zügel anlegen, um so kürzere, je gefährlicher
die Produkte sind, mit denen hantiert wird.
Profitgier darf nicht die Oberhand behalten.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Ich hoffe, daß wir noch lernfähig genug sind, um
endlich zu begreifen, daß wir nicht weiter gegen die
Natur produzieren und handeln dürfen. Wir
handeln damit auch gegen uns selber.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Eine vernünftige Politik muß dafür sorgen, daß im
mer weniger schädliche Produkte hergestellt und
verwendet werden und daß sie durch
umweltfreundliche und gesundheitsschonende Produkte
ersetzt werden. Schaffen wir doch die
Rahmenbedingungen dafür, daß das stattfinden kann, was wir
„die ökologische Modernisierung der
Volkswirtschaft" nennen; dann haben wir etwas aus Bhopal
gelernt, und dann kommen wir auch dem Frieden
mit der Natur näher.
Danke schön.
(Beifall bei der SPD)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Boroffka.
Boroffka (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Vorab, Frau Kollegin
Hartenstein: Für den Vollzug der
Störfallverordnung sind, wie Sie wissen, die Bundesländer
zuständig, nicht die Bundesregierung. Die kann dort
Informationen abfordern und dann den Bericht
erstatten. Das sage ich nur, damit die Kompetenzen klar
sind und damit hier auch auf diesem Gebiet nichts
verwischt wird.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Gut preu
-
ßisch!)
Meine Damen und Herren, Trauer und Mitgefühl
mit den Opfern der Katastrophe in Bhopal sollten
die Grundlage unserer Debatte sein.
(Zuruf von den GRÜNEN: Nein!)
Aber was hier an giftgrüner Polemik benutzt
wurde,
(Frau Gottwald [GRÜNE]: Das hat mit Po
lemik nichts zu tun!)
um eigene ideologische Ziele voranzutreiben, ist
von einer Unerträglichkeit,
(Weitere Zurufe von den GRÜNEN)
bei der ich mich mühsam zurückhalten muß, nicht
noch deutlicher zu werden.
(Zustimmung bei der CDU/CSU — Frau
Dr. Vollmer [GRÜNE]: Sie brauchen uns
keine Schonung aufzuerlegen! Wir können
das gut aushalten! — Weitere Zurufe von
den GRÜNEN)
Deshalb will ich in aller Ruhe auf einen anderen
Aspekt dieser Katastrophe eingehen. Meine Damen
und Herren, der jährliche Pro-Kopf-
Energieverbrauch beträgt in Indien rund 315 kg
Steinkohleneinheiten; das ist weniger als der Durchschnitt aller
Entwicklungsländer. Dort, in Indien, leben zur Zeit
730 Millionen Menschen; um die Jahrtausendwende
werden es über eine Milliarde sein.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Haben Sie
Angst?)
Bei diesem Zuwachs der Bevölkerung wird sich —
schon beim heutigen Standard des Pro-Kopf-
Verbrauchs — der Gesamtenergiebedarf des Landes
um 50 % erhöhen.
Zur Zeit werden in den knapp 600 000 Dörfern
über 80 % des Energiebedarfs durch Holz und
landwirtschaftliche Abfälle gedeckt.
(Frau Gottwald [GRÜNE]: Was wollen Sie
damit eigentlich sagen? Worauf wollen Sie
eigentlich hinaus? — Gegenruf von der
CDU/CSU: Hören Sie doch einmal zu!)
Wenn die Bevölkerung — bei sich verringerndem
Waldbestand, bei nicht mehr nachwachsendem
Holz — so weiterwächst, hat dieses Land überhaupt
keine andere Chance, als sich durch Industrie,
durch Technik und Wissenschaft zu entwickeln,
damit wenigstens die Grundbedürfnisse der
Menschen befriedigt werden können, damit Hunger und
Elend langsam aufhören.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Widerspruch bei den GRÜNEN)
Meine Damen und Herren, dieses Land ist gerade
durch Wissenschaft, durch Technik an die Grenze
der Selbsterhaltung im Nahrungsmittelbereich
gekommen, gerade an die Grenze, an der sich die
Menschen mit Nahrungsmitteln selber erhalten
können,
(Unruhe bei den GRÜNEN)
und dies durch Wissenschaft und Technik, etwa
durch Hochleistungsreissorten.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: So viel Unver
stand!)
Der Herr Kollege Ertl hat schon darauf
hingewiesen, und ich wiederhole es: Mit diesen Reissorten
gibt es zwei bis drei Ernten pro Jahr. Nur dadurch,
daß Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt
werden, ist dieser Ernteertrag überhaupt möglich.
Weltweit würden wir übrigens 35 % des Ernteertrags
vernichten lassen, wenn wir solche Mittel nicht
einsetzen. Das wäre ein Schaden von 40
Milliarden DM.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Primitivstes
Kolonialisten — Einmaleins ist das! — Wei
terer Zuruf von den GRÜNEN: Sie schei
nen nicht viel Verstand zu haben! — Frau
Gottwald [GRÜNE]: Gut, daß Sie nur fünf
Minuten haben! — Gegenrufe von der
CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, eines will ich noch
hinzufügen: Wir haben 150 Jahre industrieller
Entwicklung gebraucht, um unseren
Sicherheitsstandard, den ich nicht noch einmal beschreiben will,
weil andere Kollegen schon darauf eingegangen
sind, zu erreichen. Ich gebe zu, daß aus diesem
Standard die Verpflichtung erwächst, dies auch
anderen Ländern nahezubringen. Nur, meine Damen
und Herren, es gibt woanders ein anderes
Lebensgefühl, andere Einstellungen zum Risiko; da gibt es
Nationalbewußtsein, Prestigebewußtsein u. ä.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Sie meinen,
das sind alles Wilde, ja?)
Dies können wir doch nicht einfach ignorieren.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Unterentwik
kelte Wilde sind das, ja?)
Lassen Sie mich noch etwas hinzufügen: Bei uns
hat sich der Sicherheitsstandard übrigens auch
durch das demokratische System der Offenlegung
entwickelt. Ich erinnere daran, daß beispielsweise
in Mexiko eine Nachrichtensperre verhängt worden
ist, daß in den sozialistischen Staaten bei ähnlichen
Vorkommnissen überhaupt keine Meldung
erscheint. Ich meine, wir sollten hier einmal darüber
nachdenken, daß auch so etwas zu Schwierigkeiten
führt, weil die Verhältnisse woanders eben anders
sind.
Ich will mit einem Satz, mit einer persönlichen
Bemerkung schließen: Als Chemiker verwahre ich
mich im Namen aller Mitarbeiter der chemischen
Industrie Deutschlands
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Jetzt wird mir
einiges klar, jetzt wird mir endlich einiges
klar!)
gegen die unverschämten Anwürfe der GRÜNEN.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der
Abgeordnete Duve.
(Dr. Blank [CDU/CSU]: Jetzt kommt der
Oberzensor der Nation!)
Duve (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Ich glaube, es ist angebracht, die deutschen
Chemiker vor Herrn Boroffka wieder einmal in
Schutz zu nehmen,
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
der mit seiner Berufsrepräsentanz hier schon
manches Unheilvolle gesagt hat.
Herr Boroffka und Herr Ertl, Sie beide haben —
ganz sachlich jetzt — den Zielkonflikt, das Problem
und die Widersprüche, die niemand von uns hier im
Hause — weder die GRÜNEN noch wir, noch Sie —
lösen kann, überhaupt nicht angesprochen. Sie
haben gesagt, das Land müsse eben dann, wenn die
Flora kaputt ist, immer weiter industrialisiert
werden. In diesem Konflikt befindet sich Indien seit 100
Jahren. Indien ist das elftgrößte Industrieland der
Welt. Die indischen Regierenden und Industriellen
tragen hier eine Verantwortung, aber wir auch. Wir
tragen sie auch mit,
(Beifall bei der SPD)
und wir müssen uns dieser Verantwortung stellen.
Bei keiner der großen Heimsuchungen in der
Dritten Welt, die wir in den letzten Wochen und
Monaten diskutiert haben, sind wir so direkt beteiligt wie
hier.
Ich will das an einem Beispiel deutlich machen:
Natürlich tragen die Manager von Union Carbide
diese Verantwortung nicht allein.
(Boroffka [CDU/CSU]: Waren da überhaupt
welche dabei? — Zuruf der Abg. Frau Dr.
Vollmer [GRÜNE])
Wir nennen ja Weltmarkt und erfolgreiche
Weltfirmen, was sich in den letzten Jahren zu einem
bedrohlichen Netz von lukrativen Ausflaggungen in
Billiglohnländer, in Billigumweltländer, in Billig
-
kontrolländer und in Billigstandardländer
verknüpft hat.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Das steckt oft hinter dem Wort „weltweite
Verknüpfung einer Firma", und es geht jetzt darum, zu
fragen: Was können wir dagegen tun?
Ich bin der Meinung, daß wir in der OECD mit
dem, was die OECD bisher an
Chemikalienkontrolle versucht hat, eine Grundlage hätten, dies auf
Ausrüstungen, Anlagen und vor allem auf
Tochterfirmen auszuweiten. Ich bin der Auffassung, daß
alle Chemiefirmen aus dem Bereich der OECD
zunächst einmal zu einer Selbstverpflichtung, einem
Verhaltenskodex kommen müssen, daß ihre
Standards, die sie in der OECD haben, bei exportierten
Anlagen in der Welt gelten.
(Boroffka [CDU/CSU]: Aber Indien gehört
doch nicht zur OECD!)
90 % aller Eigentümer von chemischen
Industrieanlagen befinden sich in OECD-Ländern. 90 % aller
Produkte aus den 60 000 chemischen Stoffen
werden von der Industrie in den OECD-Ländern
produziert oder verantwortet. Insofern hat die OECD hier
eine Verantwortung.
Sie haben recht, wenn Sie sagen, daß die Inder
das nicht wollen. Aber wer drückt denn die
Standards in der Dritten Welt? Das sind die Exporteure
von Anlagen, von Tochterfirmen, die manchmal
ganz anders heißen als die Mutterfirma.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Aber das eigentliche Problem steckt doch hier.
Wenn Sie sich den dicken Band Störfälle, den das
Umweltbundesamt veröffentlicht hat, mit den
Tausenden untersuchten Störfällen, chemischen
Störfällen seit 1949 nehmen, dann werden Sie sehen,
daß bei keinem einzigen Störfall eine Firma
genannt ist. Das heißt: Auch wir sind hinsichtlich der
Verflechtungen und der Verantwortlichkeiten
ziemlich blind. Das muß offengelegt werden.
(Beifall bei der SPD)
Ich will, weil ich nur noch eine Minute habe, zu
einem letzten Punkt kommen. Die Angleichung der
Standards und die Kontrolle dieser Standards sind
ja doch nur — Frau Vollmer und andere haben hier
darauf hingewiesen — ein Weg. Es geht nicht nur
auf dem chemisch-industriellen Weg. Wenn wir hier
bei uns sehr interessante Diskussionen über
ökologische Landwirtschaft führen, Herr Ertl — heute
wird hierüber j a noch diskutiert —, dann müssen
wir auch in dieser Frage Diskussionspartner der
Dritten Welt werden
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
und sagen: Da gibt es auch einen anderen Weg als
den, den Herr Boroffka hier genannt hat, die tote
Natur und den chemisch-industriellen Komplex, der
die Menschen dann noch künstlich ernährt.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Sie haben das zwar nicht gefordert, aber Sie haben
das als einzige Aussicht dargestellt. Das ist nicht
die einzige Aussicht!
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Wir diskutieren bei uns über ökologische
Alternativen, und das wäre — damit will ich schließen —
auch in Indien sinnvoll.
Ich danke für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der SPD)
Präsident Dr. Jenninger: Die Aktuelle Stunde ist
beendet.
Ich rufe den Zusatzpunkt 6 der Tagesordnung
auf:
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜ-
NEN
Giftgaskatastrophe in Bhopal und mögliche
Konsequenzen für die chemische Produktion
in der Bundesrepublik Deutschland
— Drucksache 10/2612 —
Das Wort wird nicht gewünscht.
Interfraktionell wird vorgeschlagen, den Antrag
der Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der
Fraktion DIE GRÜNEN auf Drucksache 10/2612 zu
überweisen zur federführenden Beratung an den
Innenausschuß und zur Mitberatung an den Auswärtigen
Ausschuß, den Ausschuß für Wirtschaft, den
Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten,
den Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung, den
Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit und
den Ausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Gibt es andere Vorschläge? — Das ist nicht der Fall.
Die Überweisung ist so beschlossen.
Ich rufe die Tagesordnungspunkte 2 bis 8 auf:
2. Beratung der Großen Anfrage der
Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE
GRÜNEN
Verschuldung in der Landwirtschaft
— Drucksachen 10/1206, 10/2041 —
3. Beratung der Großen Anfrage der
Abgeordneten Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE
GRÜNEN
Ökologischer Landbau und die Zukunft der
Landwirtschaft in der Bundesrepublik
Deutschland
— Drucksachen 10/1207, 10/2042 —
4. Beratung der Großen Anfrage der
Abgeordneten Sauter (Epfendorf), Painter, Susset,
Freiherr von Schorlemer, Eigen, Bredehorn,
Austermann, Schartz (Trier), Rode (Wietzen),
Michels, Hornung, Dr. Kunz (Weiden),
Herkenrath, Fellner, Dr. Rumpf, Brunner, Bayha,
Scheu, Borchert, Carstensen (Nordstrand),
Freiherr Heereman von Zuydtwyck, Dr.
Meyer zu Bentrup, Schmitz (Baesweiler),
Stutzer, Graf von Waldburg-Zeil, Ertl, Dr.
Olderog, von Schmude, Tillmann, Frau Fischer,
Dr. Freiherr Spiess von Büllesheim, Dr. Götz,
Dr. Jobst, Frau Geiger, Eylmann, Frau
Roitzsch (Quickborn), Dr. Hornhues, Nelle,
Krey, Repnik, Höffkes, Hedrich, Sauer
(Stuttgart), Ganz (St. Wendel), Dr. Sch
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Antrag auf Herbeirufung des Bundeskanzlers, des Bundesministers der Finanzen, des Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung, und des Bund (Antrag zur Geschäftsordnung)
- part_of_vorgang → Bericht über Erfahrungen mit dem Arzneimittelgesetz (G-SIG: 10000568)
- part_of_vorgang → Einführung der offenen Deklaration (Änderung der Futtermittelverordnung) (G-SIG: 10001068)
- part_of_vorgang → Gesetz über eine Ergänzungsabgabe zur Einkommensteuer und zur Körperschaftsteuer (Ergänzungsabgabegesetz - ErgAbG) (G-SIG: 10020317) (2. Beratung)
- part_of_vorgang → Gesetz zur Änderung der Konkursordnung (G-SIG: 10020046)
- part_of_vorgang → Gesetz zur Bereinigung wirtschaftsrechtlicher Vorschriften (G-SIG: 10020187)
- spoke_in ← Konrad Porzner (Zur Geschäftsordnung BT)
- spoke_in ← Rudolf Seiters (Zur Geschäftsordnung BT)