Rede von Dorothée Menzner (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 3: Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN.
Text
Rede von Dorothée Menzner (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wir reden über den sehr kritischen Zustand unserer
Bahn. Es ist ein Skandal, wie die Deutsche Bahn AG
unser Schienennetz regelrecht hat verkommen lassen. Es
ist eben schon von Staatssekretär Großmann
angesprochen worden: Genau das war nicht das Ziel der
Bahnreform von 1994. Ziel war, mehr Verkehr auf die Schiene
zu bringen. Das ist in Teilen gelungen. Aber wie soll
noch mehr Verkehr auf die Schiene, wenn die Gleise
marode sind, wenn Weichen ausgebaut und Strecken
abgebaut werden?
Konnte sich die Bundesbahn einst rühmen, das
bestunterhaltene Gleisnetz der Welt zu besitzen, so
präsentiert sich das Netz der Deutschen Bahn heute vielerorts
auf einem sehr fraglichen Niveau. Ich sage: Das hat Me-thode. Die Koalition strebt an, Teile unserer Bahn an
Großinvestoren zu verhökern. Das Gleisnetz wird
vernachlässigt und Personal wird abgebaut oder
outgesourct, um die Bahnbilanz zu schönen und das
Unternehmen kapitalmarktfähiger zu machen.
Wir kennen die Liste der Kritiker; sie ist lang.
Verbände, Professoren und Bahnunternehmen warnen schon
seit geraumer Zeit. Erst jetzt gibt es eine Reaktion, und
zwar durch den Bericht des Bundesrechnungshofs. Er
scheint endlich einige wachgerüttelt zu haben. Dabei
kann jeder, der mit der Bahn reist, tagtäglich erleben,
wie der Zustand ist: Gleise gleichen vielerorts eher
Kräutergärten, und es gibt Verspätungen, die Nerven
rauben. Eine ganze Menge liegt im Argen. – Ich kann
Ihnen nicht ersparen, an dieser Stelle eine ganz kurze
Passage aus dem Bericht des Bundesrechnungshofes zu
zitieren. Als Hauptthema der Mängelschwerpunkte führen
die EBA-Stellen für das Jahr 2005 an – ich zitiere
wörtlich –:
Eine unzureichende Qualifikation des eingesetzten
Personals, ein zu geringer Personalbestand sowie
zu geringe Instandhaltungsbudgets ...
Deutlicher kann man meiner Ansicht nach nicht sagen,
dass hier zugunsten kurzfristiger Bilanzpolitik ein
Unternehmen kaputtgespart wird.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Das ist ungefähr so, als wenn wir unser Häuschen
verlottern ließen, die Renovierungskosten sparten und
sagten: Wenn das Ding ganz marode ist und komplett
saniert werden muss, zahlt das ja der Steuerzahler. – Ich
sage: Das ist ein Irrwitz.
(Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Das
machen wir aber seit 1989!)
Wenn die Bahn offensichtlich schon jetzt nicht in der
Lage ist, das Gleisnetz in einem gebotenen Zustand zu
halten, dann sollten wir alle uns gemeinsam fragen, ob
die Rechtsform der Aktiengesellschaft die geeignete ist
und ob das wirklich unser zukünftiger Partner für diese
Aufgabe sein soll.
Kolleginnen und Kollegen, ein direkter steuernder
Einfluss des Bundes auf Schienen, Energieanlagen,
Bahnhöfe und die Immobilien muss dringend
wiederhergestellt werden. Ich glaube, wir müssen nicht erst die
Erfahrungen machen, die England gemacht hat. Das waren
schlimme Erfahrungen, aus denen sie dann gelernt
haben. Vielleicht werden wir ja vorher klug.
Trotz allem legt uns das Verkehrsministerium jetzt
einen Gesetzentwurf in der denkbar aggressivsten Variante
vor. Herr Staatssekretär, mit dem Gesetz wird das
Wirtschaftsrecht auf den Kopf gestellt. Ihr Modell der
Eigentumssicherung begründet, wenn man den Entwurf genau
liest, ein Scheineigentum des Bundes. Mit diesem
Gesetz geben Sie jeglichen Einfluss auf die Infrastruktur
ab, und zwar an eine Aktiengesellschaft, die lieber
globaler Logistiker spielt, weltweit Logistikfirmen
zusammenkauft, Containerterminals in China baut und
neuerdings mit Germanwings im Flugverkehr kungelt, statt
Dorothée Menznersich um das hiesige Schienennetz und den Nah- und
Fernverkehr zu kümmern.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Ich kann das Ministerium nur auffordern: Halten Sie
inne! Mit dem Gesetz servieren Sie der DB AG die
Schieneninfrastruktur auf dem Silbertablett. Darüber
packen sie 37,5 Milliarden Euro in 15 Jahren als süße
Soße. Zusätzlich geben Sie noch das Stimmrecht des
Bundes ab. Damit es dann richtig mundet, wird auch
noch festgeschrieben, dass Sie im Zweifelsfall das
Schienennetz für weitere Milliarden als Leergut
zurücknehmen.
Wir haben ein Schienennetz mit einer Gesamtlänge
von 34 000 Kilometern. Wenn man genau rechnet, stellt
man fest, dass der Bahn für den Unterhalt der Strecke, je
nachdem, ob man die Neubau-, Ausbau- und
Trassengelder mitrechnet oder nicht, ungefähr 309 000 Euro je
Kilometer im Jahr zur Verfügung stehen. Ich finde, das ist
sehr viel Geld. Damit müssten die Aufgaben zu erfüllen
sein. In der Vergangenheit ist das nicht geschehen. Ich
möchte wissen, wo Sie den Optimismus hernehmen,
dass der Konzern seine Hausaufgaben zukünftig trotz
weniger Aufsicht erledigt. Das müssen Sie mir einmal
erklären. Ich rate dringend zu einer Denkpause und zu
einem Neuanfang.
Danke.
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)