Rede von Fritz Kuhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 3: Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN.
Text
Rede von Fritz Kuhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Das Bild, das mein Vorredner gebraucht hat, ist
interessant. Ich habe in meinem Leben allerdings gute
Erfahrungen damit gemacht, mir die Braut, bevor sie
geschmückt wird, genau anzuschauen.
(Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN)
Genau darum geht es auch in dieser Debatte, Herr
Kollege.
Ich will vorneweg sagen: Bei Ihrer Formulierung, wir
sollten Lobbyisten für das System Schiene sein, haben
Sie uns sicher auf Ihrer Seite. Aber bei der Frage, ob das
heißt, Lobbyist für die Deutsche Bahn AG zu sein, nicht.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie
des Abg. Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP])
Denn die Politik muss schauen, dass sie allen
Marktteilnehmern den Zugang zur Schiene ermöglicht.
Schauen wir uns die Braut einmal genau an: Wir
haben festgestellt – die Zahlen liegen vor; der
Investitionsbedarf kann auch von der Bahn nicht mehr verleugnet
werden –, dass die Schieneninfrastruktur in Deutschland
systematisch vernachlässigt worden ist, von 2001 bis
2005 um 1,5 Milliarden Euro. Übrigens kam dies im
Bundestag – im Jahr 2004 – und auch im Aufsichtsrat
der Bahn immer wieder zur Sprache. Das Interessante
war, dass das Verkehrsministerium nicht in der Lage
war, präzise Auskunft zu geben, ob dieser Vorwurf
stimmt oder nicht. Aber das Parlament hat an dieser
Stelle nicht versagt, wie Sie hier behauptet haben.
Worum geht es eigentlich? Wenn es nach Herrn
Mehdorn gegangen wäre, wäre die Bahn längst an der
Börse. Er hätte, so der Vorwurf, damit die Braut besseraussieht, den großen europäischen Wettbewerber
Deutsche Bahn gespielt und dafür das Netz verkommen
lassen. Das ist schon fast Betrug an künftigen Investoren,
wenn ich das einmal wirtschaftspolitisch hart sagen darf
und nicht in dieser Blümlessprache mit der Braut. Also
außen hui: der europäische Player, innen: das Netz
vernachlässigt. Jeder, der Bahn fährt, sieht, wie viele
Langsamfahrstrecken es gibt. So hat die Politik nicht
gewettet. Deswegen sage ich Ihnen: Das bisherige Modell
– dass die Bahn die Investitionsentscheidungen trifft –
hat versagt. Das Wichtigste, damit mehr Verkehr auf die
Schiene kommt, nämlich die Schiene, wurde
vernachlässigt; das halten wir hier einmal fest.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der FDP)
Genau deswegen wird – auch mit Ihrer Zustimmung –
ein Unterausschuss des Verkehrsausschusses
eingerichtet. Das ist der erste Punkt.
(Uwe Beckmeyer [SPD]: Wer hat das denn
beantragt, Herr Kollege? Das sollten Sie einmal
zur Kenntnis nehmen!)
Der zweite Punkt. Ich will die Debatte einmal in einen
anderen Zusammenhang einordnen; denn eines erstaunt
mich ziemlich: Wir diskutieren in Deutschland seit
Monaten zu Recht über Klimaschutzpolitik, wir reden über
das Auto und über Details von der Steckdose bis zum
Stand-by. Doch darüber, was die Deutsche Bahn und die
deutsche Schienenpolitik zur Verbesserung des
Klimaschutzes in Deutschland beitragen können, reden wir
viel zu wenig. Da sage ich Ihnen klipp und klar: Wenn
das Ziel sein soll, mehr Verkehr auf die Schiene zu
bringen, dann müssen die Schienen in Deutschland in
Ordnung sein.
(Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP]: Eine
gewisse logische Notwendigkeit!)
Dann braucht man Modelle, damit dies systematisch
geschieht. Das geht aber nicht – ich sage das an die
Adresse des Verkehrsministeriums gerichtet – mit einem
Modell, nach dem der Bund zwar de jure der Eigentümer
des Netzes wird,
(Klaus Barthel [SPD]: Was für ein Modell
haben Sie denn?)
aber de facto die Bahn ziemlich uneingeschränkt die
Kontrolle über das Netz inklusive der Trassenvergabe
haben wird. Das ist doch der springende Punkt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der FDP)
Nach dem neuen Modell kommt das Netz nicht mehr
an die Börse. Aber jeder, der bei der Bahn einsteigt,
weiß, dass es gut ausgefütterte Investitionsgarantien
gibt: 15 Jahre lang 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Damit
ist die Braut an der Stelle mehr wert, ohne dass
gesichert ist, dass auf der deutschen Schiene mehr passiert
und mehr Wettbewerb möglich ist.
Jetzt frage ich die Ordnungspolitiker, die hier im Saal
sind, und auch die Kollegin vom Wirtschaftsministerium:
Müssen wir eigentlich jeden Fehler, den wir bei Privatisie-
Fritz Kuhnrungen gemacht haben, zum Beispiel bei den
Stromnetzen, bei der Schiene wiederholen? Muss nicht langsam
klar sein, dass es bei einem natürlichen Monopol nicht so
sein darf, dass ein Wettbewerber es besitzt oder
wesentlich über es verfügt? Muss mit so etwas nicht aufgehört
werden, wenn man die Auffassung teilt, dass nur
effektiver Wettbewerb das Angebot verbessern kann und damit
mehr Verkehr auf die Schiene kommt? Ich frage alle in
diesem Haus: Warum sollten wir den Blödsinn, den wir in
der Energiepolitik gemacht haben, die strukturellen
ordnungspolitischen Fehlentscheidungen, im Falle des
hochkomplizierten Eigentumssicherungsmodells der Bahn
wiederholen? Ich sage klipp und klar: Wir halten das für
grottenfalsch. Deswegen appellieren wir an alle
Beteiligten, auch an die Wirtschaftspolitiker, über die
Konsequenzen genau nachzudenken. Sie wollen in diesem Jahr eine
Entscheidung treffen, mit der wir viele Jahre lang unter
ordnungspolitischen Gesichtspunkten wenig Freude
haben werden. Das, was Sie vorhaben, kann nach unserer
Überzeugung nicht funktionieren.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der FDP)
Wenn das Ziel sein soll, mehr Verkehr auf die Schiene
zu bringen, dann brauchen wir in Deutschland einen
besseren Zustand der Schiene, mehr Wettbewerb und einen
diskriminierungsfreien Zugang zur Schiene für alle
potenziellen Wettbewerber. Das bedeutet für mich ein
europäisches Bahnsystem; es geht nicht um die
Dominanz eines Wettbewerbers. Andernfalls schaffen wir es
nicht, genügend Verkehr auf die Schiene zu bringen. Das
ist aus klimaschutzpolitischen Gründen aber unbedingt
notwendig.
Ich danke Ihnen.