Rede von Klaus Barthel (SPD) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 3: Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN.
Text
Rede von Klaus Barthel (SPD) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Worum geht es eigentlich heute in dieser Aktuellen
Stunde? Beim Lesen Ihrer Presseerklärung habe ich
mich gefragt: Was wollen Sie von den Grünen erreichen,
und passt das eigentlich zum Titel dieser Aktuellen
Stunde?
Wir wollen, dass die Bundesregierung endlich vor
dem Plenum des Deutschen Bundestags Auskunft
über die Pläne zum Börsengang der DB AG gibt.
Wozu eigentlich? Sie wissen doch schon alles. Sie sind
auch mit Ihrer Bewertung schon fertig. Herr Kuhn hat
geschrieben: „ein Skandal“! In der Presseerklärung heißt
es:
Mit dem bekannt gewordenen Gesetzentwurf der
Bundesregierung droht der Staat seinen Einfluss auf
das Schienennetz als Teil der öffentlichen
Daseinsvorsorge vollständig preiszugeben. Es geht um die
Kernfrage, ob die umwelt- und klimafreundliche
Bahn gestärkt wird oder ob das Schienennetz zum
Renditeobjekt wird
und daher Bahnstrecken im ländlichen Raum aus
Kostengründen stillgelegt werden.
Direkt danach ist aber von Wettbewerb und privater
Konkurrenz die Rede, man beklagt den Netzzustand und
die unterlassene Instandhaltung. Damit sind alle Ihre
Widersprüche und die Ihrer Freunde, die Sie argumentativ
unterstützen, benannt: Warum ist der Netzzustand so
schlecht? Sie sagen: Das Netz muss in staatlicher Hand
bleiben. Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu. Nur, war das
Netz bislang nicht staatlich? Wir tragen dafür
gemeinsam Verantwortung. Die entscheidende Frage ist also
nicht, ob das Netz staatlich ist oder nicht. Vielmehr geht
es um die Steuerungsfunktion. Hierfür muss eine Lösung
gefunden werden.
Klaus Barthel(Beifall des Abg. Peter Hettlich [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN] – Winfried Hermann
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es!)
Aber es genügt nicht, das Netz in öffentlichem Eigentum
zu belassen. Vielmehr geht es um die Kriterien, nach
denen dieses öffentliche Eigentum bewirtschaftet wird.
Genau dieses Problem lösen Sie mit Ihrem Ansatz, dem
Trennungsmodell, nicht.
(Zuruf des Abg. Dr. Anton Hofreiter [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN])
– Hören Sie doch einmal zu!
Was nutzt Ihnen eine noch so gute staatliche
Infrastruktur mit einem klimafreundlichen Verkehrssystem in
öffentlichem Eigentum, wenn nach
Wettbewerbsgesichtspunkten, nach privaten Gewinninteressen kein
Unternehmen Strecken im ländlichen Raum befahren will?
(Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP]: Herr
Barthel, das ist Unsinn!)
Wie wollen Sie denn das Problem lösen? Wenn das
Bahnnetz die Börsenreife verhindert, weil der
Netzzustand so schlecht ist, wollen Sie dann noch mehr
Staatsknete in das Netz stecken, damit die Wettbewerber der
Privatwirtschaft umso gewinnbringender auf dem Netz
fahren können?
(Fritz Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Blanker Unsinn, den Sie da reden!)
– Ich kann verstehen, dass Sie unruhig sind.
(Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP]: Ja, das
stimmt: über so viel Unsinn!)
Nach welchen Kriterien soll denn ein staatliches Netz
bewirtschaftet werden, das isoliert einer Vielzahl von
privaten Wettbewerbern gegenübersteht? Was hilft Ihnen
denn ein staatliches Netz, auf dem alle Kosten und
Lasten liegen und auf dem der Kampf der privaten
Wettbewerber um dieselben umsatzstarken Strecken stattfindet,
während die Nebenstrecken nur betrieben werden
können, wenn Sie zu den Trassenentgelten noch etwas
drauflegen?
(Beifall des Abg. Martin Burkert [SPD] – Dr.
Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Sie haben keine Ahnung!)
Ihre Kritik am Gesetzentwurf, eine rechtlich starke
Position des Bundes als Eigentümer der Infrastruktur sei
nicht gewollt, ist also unredlich. Wo ist denn die Stärke
dieses staatlichen Netzes, wenn Sie es vom Betrieb
abtrennen und den Betrieb allein dem privaten Wettbewerb
ausliefern? Alle Welt spricht davon, dass die
Verkehrsträger von Luft, Straße, Wasser und Schiene verzahnt
werden müssen, und zwar gerade im Interesse der
Schiene. Alle Welt spricht von der Globalisierung der
Verkehrssysteme. Was ist denn falsch daran – genau das
beklagen Sie –, wenn sich die Bahn auch auf der Straße,
in der Luft und bei den Schnittstellen zwischen den
Verkehrssystemen engagiert? Was ist denn falsch daran,
wenn sich die Bahn international aufstellt? Das kannman doch nicht allen Ernstes beklagen, wenn man etwas
von Verkehrspolitik im wirtschaftlichen Sinn versteht.
Man kann sicherlich viele Zweifel daran haben, ob
sich die Widersprüche zwischen privaten
Gewinninteressen und öffentlichen Interessen im Sinne des
Grundgesetzes mit einer Teilprivatisierung ausbalancieren lassen.
Die Erfahrungen, die wir in anderen Bereichen gemacht
haben, sind durchaus ambivalent. Aber eines muss allen
Trennungsfans, ob sie bei der FDP, der
Straßenverkehrslobby oder den Grünen sind, klar sein: Diese
Divergenz von Interessen und Mechanismen kann man
nicht auflösen, indem man den Staat das Netz im Sinne
des Gemeinwohls betreiben lässt, während man den
Fahrbetrieb nach privaten Gewinninteressen organisiert.
Wir werden sicherlich noch über vieles diskutieren
müssen. Aber eine Zerschlagung der Bahn als Ganzes,
als gemeinsames Verkehrssystem, bei dem Bestandteile
der Infrastruktur und der Fahrbetrieb miteinander
abgestimmt und verzahnt werden, ist mit uns nicht zu
machen, genauso wenig wie die Zerschlagung des internen
Arbeitsmarktes. Wir werden die Bahn nicht auf den Pfad
des Niedriglohnsektors schicken. Deswegen sind wir
sehr gespannt, liebe Kolleginnen und Kollegen von den
Grünen und von der FDP, wie Sie diesen Widerspruch
auflösen wollen, der in Ihrem Denkansatz steckt.
(Beifall bei der SPD – Horst Friedrich [
Bayreuth] [FDP]: Lesen Sie mal das
Regionalisierungsgesetz durch, bevor Sie einen solchen
Unsinn von sich geben!)