Rede von Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/4736
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 5: Drucksache 16/4736 –.
Text
Rede von Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/4736
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Die Worte des Kollegen Müller habe ich
gerne gehört. Denn wir Grünen begrüßen das Vorhaben
einer EU-Bodenschutzrahmenrichtlinie und die Vorlage
einer Bodenschutzstrategie durch die EU-Kommission.
Das hat nicht nur umweltpolitische Gründe.
Ein europäischer Bodenschutzstandard ist auch
wirtschaftspolitisch sinnvoll; denn unsere deutschen
Unternehmen müssen das deutsche Bodenschutzrecht einhalten.
Das heißt, dass sie im Fall notwendiger
Altlastensanierungen häufig mit Kosten belastet werden. Wenn in
anderen EU-Mitgliedstaaten keine solchen Verpflichtungen
bestehen, dann profitieren die Unternehmen dort von
einem Ökodumping, welches deutsche Unternehmen im
Wettbewerb benachteiligt. Das kann nicht im Interesse
Deutschlands sein.
Vor diesem Hintergrund, Kollege Nüßlein, ist es
kurzsichtig, dass Unions-, SPD- und FDP-Politiker das
Projekt Bodenschutzrahmenrichtlinie in den letzten
Monaten vollständig abgelehnt haben. Jetzt höre ich hier
andere Töne, was mich, wie gesagt, sehr freut.
Besonders kurzsichtig ist es, dass Sie diese Ablehnung mit
dem Verweis auf das aus Ihrer Sicht ausreichende
deutsche Bodenschutzrecht begründen. Wie kann eine EU-
Regelung verzichtbar sein, nur weil Deutschland bereits
ein Bodenschutzgesetz hat?
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Die
Zuständigkeit, Frau Kollegin! Sie haben nicht
zugehört!)
Es geht doch darum, wie es um den Bodenschutz in
Europa steht.
(Michael Brand [CDU/CSU]: Sie wollen
immer draufsatteln!)
– Ja, ja, Sie wollen immer eins zu eins umsetzen; das
weiß ich.
Die EU-Kommission weist darauf hin, dass sich der
Zustand der Böden europaweit seit Jahren
verschlechtert: Die Flächenversiegelung konnte nicht eingedämmt
werden. Die Erosion durch Wasser betrifft 12 Prozent
der Böden. 45 Prozent weisen einen abnehmenden Ge-
Cornelia Behmhalt an Humus auf. Geschätzte 3,5 Millionen Hektar sind
kontaminiert. – Auch Deutschland hat trotz Bundes-
Bodenschutzgesetzes mit diesen Problemen zu kämpfen.
Bisher haben nur neun Mitgliedstaaten – das sagte
Kollege Müller schon – Maßnahmen zum Bodenschutz
ergriffen. Wer auch nur im Ansatz ein umweltpolitisches
Interesse hat, der kann nicht ernsthaft dagegen sein, dass
die restlichen Länder endlich nachziehen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich war positiv
überrascht, dass sich die FDP in ihrem Antrag zur
Verabschiedung einer Richtlinie bekennt. Sehr erfreut war ich
auch, dass die FDP es als im deutschen Interesse liegend
bewertet, wenn in allen EU-Staaten ein angemessenes
Bodenschutzrecht gilt, damit deutsche Unternehmen im
Standortwettbewerb keine Nachteile erleiden.
(Michael Brand [CDU/CSU]: Man wundert
sich über die Opposition!)
Aber zu früh gefreut: Die FDP hält über das deutsche
Bodenschutzrecht hinausgehende Anforderungen für
nicht erforderlich. Schlimmer noch: Der gesamte Antrag
macht klar, dass die FDP den EU-Bodenschutzstandard
deutlich unter das von der Kommission vorgeschlagene
Niveau senken will. Das ist mehr als bedauerlich.
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Sieben Jahre
lang haben Sie nichts zum Bodenschutz
gemacht, Frau Kollegin!)
Ist es denn so, dass Deutschland bereits alle Ziele
beim Bodenschutz erreicht hat? Nein. Ich als
Brandenburgerin kann ein Lied, ein Klagelied davon singen.
Altlasten werden noch lange Risiken für Menschen und
Umwelt sowie wirtschaftliche Hemmnisse bleiben. Oft
werden Flächen in Deutschland deswegen nicht recycelt,
weil Investoren nach wie vor die mit Altlasten
verbundenen Kosten scheuen.
(Michael Brand [CDU/CSU]: Jetzt wird mit
der Wirtschaft argumentiert!)
So wird weiter auf der grünen Wiese gebaut. Deswegen
müssen wir Flächenrecycling zukünftig attraktiver
machen.
Wir müssen dafür sorgen, dass Altlasten nicht nur zur
akuten Gefahrenabwehr, sondern systematisch beseitigt
werden, wohl wissend, dass es viel Geld kostet, sollten
wir diesen Punkt in unsere Bodenschutzstrategie
aufnehmen. Erfolgreiche Modellprojekte belegen, dass das
volkswirtschaftlich sinnvoll ist.
Wir Grüne plädieren dafür, die Richtlinie
ambitionierter auszugestalten. Vor allen Dingen ist es notwendig,
konkrete Zielvorgaben, also einen EU-
Bodenschutzstandard, festzulegen. Der fehlt im Entwurf bisher.
Dieser Mangel hätte zur Folge, dass allein die
Nationalstaaten festlegen, welche Ziele sie erreichen wollen. Dann
bliebe auch die Harmonisierung der
Wettbewerbsbedingungen Stückwerk. Hier muss dringend nachgebessert
werden. Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:
Frau Kollegin!