Rede von Dr. Rainer Stinner (FDP) – Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3.
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 17 a bis 17 c: Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3..
Text
Rede von Dr. Rainer Stinner (FDP) – Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Einige
von den Kollegen, die heute Abend hier sitzen, wissen es
vielleicht, die Kollegen, die nicht hier sind, das
Bundestagspräsidium und die Öffentlichkeit wissen es
sicherlich nicht: Im Kosovo stehen wir bezüglich der
europäischen Außen- und Sicherheitspolitik vor einer Situation,
gegenüber der das, was wir bei der Raketendiskussion
erlebt haben, Peanuts sind. Uns stehen erhebliche
Gefahren bevor, auf die ich hinweisen möchte. Deshalb rede
ich in dieser Debatte.
Angesichts der dramatischen Situation im Kosovo
– ich werde gleich sagen, warum ich das so sehe – bin
ich erstaunt, dass die Debatte über das Kosovo, wenn wir
schon einmal darüber sprechen, an den Rand der
Tagesordnung geschoben wird und ich mir als Einziger die
Freiheit nehme, dazu zu reden. Ich finde das sehr
bedenklich, sehr bedeutsam und sehr interessant.
Die Anträge, über die wir heute diskutieren, spiegeln
die Dramatik nicht wider; sie sind einige Tage alt. Der
Antrag der Linken besagt im Prinzip, dass alles so
weitergeht wie bisher. Es wird bis zum Sankt-Nimmerleins-
Tag weiterverhandelt, dann werden wir alle schwarz sein
und wissen genau, dass die beiden Seiten auch in
120 Jahren keine einvernehmliche Lösung zustande
bringen werden.
Unser Antrag ist auch schon etwas älter. Wir sagen:
zügig verhandeln und Ende 2006 bzw. jetzt Anfang 2007
zum Ende kommen. Unser Antrag liegt voll auf der
Linie von Herrn Ahtisaari. Wir haben ihn schon
geschrieben, bevor Herr Ahtisaari seine zeitlichen Vorstellungen
vorgebracht hat. Wir liegen voll auf seiner Linie. Wir
meinen nämlich, dass weiteres Verhandeln nichts bringt.
Die internationale Gemeinschaft hat die Aufgabe, jetzt
zu entscheiden, damit der Status endlich definiert wird
und wir im Kosovo weiterkommen.
(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Michael
Brand [CDU/CSU])Der Antrag der Grünen fasst vieles Richtige und
vieles Wichtige zusammen.
(Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Da haben Sie recht!)
Aber, sehr verehrte Frau Kollegin, er hat einen
Riesenhaken. Es wird nämlich vorgeschlagen, dass wir
unmittelbar mit SAA-Verhandlungen beginnen. Das halte ich
angesichts der völlig unklaren Situation im Kosovo im
Augenblick für völlig unmöglich, weil wir gar nicht
wissen, wie es in der nächsten Woche aussieht.
Die Anträge, die uns vorliegen, spiegeln also die
aktuelle Gefahr nicht wider. Die Gefahr ist nämlich: Der
Sicherheitsrat findet zu keiner gemeinsamen Resolution,
das Kosovo erklärt sich für unabhängig, die USA
erkennen dies an, einige europäische Länder machen mit,
andere europäische Länder machen nicht mit.
(Michael Brand [CDU/CSU]: Aber das ist
doch keine Gefahr!)
Damit würde ein weiteres Mal bewiesen, dass die
Europäische Union in außen- und sicherheitspolitischen
Fragen völlig zerstritten, nicht handlungsfähig ist. Doch die
Region, über die wir sprechen, ist bedeutsam; denn das
ist unsere Region, das ist nicht weit weg, das ist mitten
in Europa. So etwas hätte dramatische Folgen.
(Jörg Tauss [SPD]: Russland haben Sie gar
nicht erwähnt!)
– Russland könnte ich auch noch erwähnen; ich kann die
halbe Stunde ja ausnutzen, wenn die Präsidentin es
erlaubt.
Meine Damen und Herren, ohne
Sicherheitsratsresolution gibt es auch keine europäische Mission im
Kosovo; das hat Solana in den letzten Tagen noch einmal
sehr deutlich klargemacht. Das heißt, es gibt dann keine
Ablösung der Resolution 1244, sondern es bleibt bei
dieser Resolution. Damit sind UNMIK und KFOR
verpflichtet, bei Verstößen gegen die Resolution 1244
einzuschreiten. Das kann zu der absurden Situation führen,
dass, wenn das Kosovo sich einseitig für unabhängig
erklärt und die Amerikaner und einige Europäer dies
anerkennen, die Soldaten ebendieser Länder, die den Kosovo
anerkennen, also gegen die Resolution 1244 verstoßen,
im Auftrage von KFOR und UNMIK gegen die
Unabhängigkeit vorgehen müssten, die kosovarische
Regierung und vielleicht sogar die Botschafter festnehmen
müssten. Auch wenn ich jetzt ein bisschen übertreibe:
Das ist eine kafkaeske Situation, die wir unter allen
Umständen vermeiden müssen.
(Jörg Tauss [SPD]: Machen Sie einen
Vorschlag!)
Ich frage die Bundesregierung, ob sie die Dramatik
der Situation erkannt hat und was sie zu tun gedenkt,
damit es nicht dazu kommt. Denn tatsächlich hat Russland
in der Kontaktgruppe angedeutet, dass man einer
solchen UN-Resolution eventuell nicht zustimmen wird.
Dr. Rainer StinnerDann wird genau die Situation eintreten, die ich
aufgezeichnet habe. Ich frage, ob die Bundesregierung, auch
im Rahmen ihrer EU-Präsidentschaft, die Gefahr
erkennt, die eine europäische Sicherheitspolitik mit sich
bringen würde, die das nicht verhindert. So etwas hätte
die Spaltung der Europäischen Union zur Folge.
Wir alle wissen: Korruption und organisierte
Kriminalität sind im Kosovo ein Riesenproblem. Wir
kennen viele Studien, auch neuere Studien, die sehr deutlich
darauf hinweisen, dass dieses Problem völlig ungelöst
ist. Wenn ich mir dann vorstelle, dass es keine
internationale Präsenz im Kosovo mehr gäbe, dass der Kosovo
gezwungen würde, solche Dinge alleine zu regeln, dann
wäre das eine Horrorvision. Damit wäre für den Kosovo
der Weg nach Europa meines Erachtens versperrt. Wir
haben ihm aber in Thessaloniki die europäische
Perspektive eröffnet, und an dieser Perspektive wollen wir
arbeiten. Deshalb ist nach meinem Dafürhalten eine
europäische Präsenz, eine internationale Präsenz im Kosovo
unbedingt notwendig. Ich fordere die Bundesregierung
auf, alles dafür zu tun, damit das erreicht werden kann.
Schönen Dank und einen schönen Abend.