Kapazitäten und Struktur der Gartenbauwissenschaften in Deutschland
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Kapazitäten und Struktur der Gartenbauwissenschaften in Deutschland
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6435
21. Wahlperiode 11.06.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Karl Bär, Dr. Ophelia Nick, Dr. Zoe Mayer, Niklas Wagener,
Claudia Müller, Ayse Asar, Dr. Andrea Lübcke, Julia Schneider und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Kapazitäten und Struktur der Gartenbauwissenschaften in Deutschland
Die Gartenbauwissenschaften sind ein wichtiger Teil der Lösung bedeutender
gesellschaftlicher Probleme. Sie liefern wichtige Beiträge in den
Themengebieten Versorgungssicherheit mit hochwertigen Lebensmitteln, nachhaltige
Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen, Umsetzung des European
Green Deals, Förderung der Biodiversität, Klimaschutz oder Förderung der
Gesundheit. Dennoch ist seit vielen Jahren eine Erosion der
Gartenbauwissenschaften insbesondere an den Hochschulen zu beobachten. Ein deutliches
Negativbeispiel dafür ist der gartenbauwissenschaftliche Standort an der Leibniz-
Universität Hannover, über den der Wissenschaftsrat im Jahr 2006 noch
festgestellt hat, dass er die letzte breit aufgestellte und die bedeutendste
gartenbauwissenschaftliche Einrichtung in Deutschland sei (Wissenschaftsrat (2006):
Empfehlungen zur Entwicklung der Agrarwissenschaften in Deutschland im
Kontext benachbarter Fächer (Gartenbau-, Forst- und
Ernährungswissenschaften), Drucksache 7618-06, www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7618-
6.pdf, S. 193). Trotz dieser wissenschaftlichen Bedeutung wurden die
Studiengänge der Gartenbauwissenschaften an der Universität Hannover mittlerweile
eingestellt (Naturwissenschaftliche Fakultät der Leibniz Universität Hannover,
www.naturwissenschaften.uni-hannover.de/studium/studienangebot/pflanzenwi
ssenschaften/map-bsc#c3571). Ein weiteres Beispiel ist die drohende
Abwicklung der Forschungsstelle für gartenbauliche Kulturpflanzen an der
Fachhochschule Erfurt (Schreiben an den Ausschuss für Forschung, Technologie,
Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung vom 18. Mai 2026).
Der Wissenschaftsrat hat in seinem letzten Gutachten zu den Perspektiven der
Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften aus dem Jahr 2024 seine
große Sorge über diese Entwicklung in den Gartenbauwissenschaften zum
Ausdruck gebracht (Wissenschaftsrat (2024): Empfehlungen zur Entwicklung der
Agrarwissenschaften in Deutschland im Kontext benachbarter Fächer
(Gartenbau-, Forst- und Ernährungswissenschaften), Drucksache 7618-06,
www.wissenschaftsrat.de/download/2024/1956-24.pdf, S. 83).
Zum Kern der Gartenbauwissenschaften gehört einerseits die
Grundlagenforschung, andererseits praxisnahe, transdisziplinäre Forschung, die gemeinsam
mit Obstbauern oder Gemüsegärtnerinnen an konkreten Herausforderungen
arbeitet. So können beispielsweise in kleinen Schritten der Einsatz von Pestiziden
reduziert oder die Resilienz unserer Ernährungssysteme gegen die Folgen der
Klimakrise gestärkt werden. Die praxisnahe Ausrichtung der Forschung ist
zudem entscheidend für die Ausbildung dringend benötigter Fachkräfte. Trotz
ihrer Bedeutung für die Umwelt und das Gemeinwohl bleiben solche
partizipativen und transdisziplinären Forschungsansätze in der Förderung des Bundes
vergleichsweise unterrepräsentiert.
Im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD wurde das
Maßnahmenpaket Zukunft Gartenbau von der Bundesregierung aufgenommen. Teil dessen ist
der Erhalt und die Stärkung der finanziellen Unterstützung der
Gartenbauwissenschaften an Hochschulen und im Rahmen der Programmförderung des
Bundes.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hat sich die Anzahl der gartenbauwissenschaftlichen Professuren an
Universitäten und Hochschulen in den vergangenen 20 Jahren nach
Kenntnis der Bundesregierung entwickelt (bitte nach Hochschulstandort
und Bundesländern aufschlüsseln)?
2. Wie hat sich die Anzahl der Lehraufträge im Studiengang
Gartenbauwissenschaften an Universitäten und Hochschulen nach Kenntnis der
Bundesregierung in den vergangenen 20 Jahren entwickelt (bitte nach
Hochschulstandort und Bundesländern aufschlüsseln)?
3. Wie hat sich die Anzahl der Studierenden an Universitäten und
Hochschulen, differenziert nach Einschreibungen und erfolgreichen Abschlüssen
nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen 20 Jahren
entwickelt (bitte nach Hochschulstandort und Bundesländern aufschlüsseln)?
4. Welchen Bedarf an Gartenbauabsolventen und Absolventinnen und
Absolventen im Bereich Weinbau/Oenologie sieht die Bundesregierung in
Deutschland bis 2035?
5. Mit wie vielen Gartenbauabsolventinnen und Gartenbauabsolventen und
Absolventinnen und Absolventen im Bereich Weinbau/Oenologie rechnet
die Bundesregierung jährlich bis 2035?
6. Was plant die Bundesregierung, um der Erosion der
Gartenbauwissenschaften entgegenzuwirken?
7. Welche Maßnahmen sind aus Sicht der Bundesregierung dazu geeignet,
um gemäß der im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD
verankerten Umsetzung des „Maßnahmenpakets Zukunft Gartenbau“ die
universitäre Verankerung und überregionale Vernetzung der
Gartenbauwissenschaften gemeinsam mit den Ländern umzusetzen?
8. Verfolgt die Bundesregierung das Ziel aus dem Maßnahmenpaket, den
Erhalt zweier universitärer Standorte zu sichern, und wenn ja, mit welchen
Maßnahmen, und in welchem Zeitrahmen?
9. Plant die Bundesregierung ein Engagement zum Aufbau oder Stärkung
der universitären Standorte, zum Beispiel auf Grundlage des Artikel 91b
des Grundgesetzes, wie skizziert im Maßnahmenpaket Zukunft
Gartenbau, und wenn ja, wann?
10. Wie viele Gesprächstermine hat die Bundesregierung bisher mit den
zuständigen Landesministerien zur Umsetzung des Maßnahmenpakets
geführt?
11. Gibt es von Landesregierungen konkrete Angebote an den Bund,
gemeinsam konkrete Maßnahmen zum Erhalt oder der Verbesserung der
gartenbaulichen Forschung und Lehre in Deutschland, und wenn ja, welche?
12. Wie hat sich die institutionelle Förderung der Gartenbauwissenschaften an
außeruniversitären Forschungseinrichtungen durch den Bund in den
vergangenen 20 Jahren entwickelt?
13. Wie hat sie die Programmförderung des Bundes für die
Gartenbauwissenschaften in den vergangenen 20 Jahren entwickelt (bitte nach
federführenden Ressorts aufschlüsseln)?
14. Welche Fördermöglichkeiten im Bereich Gartenbauwissenschaften
wurden im Rahmen der „Hightech Agenda Deutschland“ geschaffen?
15. Wie hat sich die Ressortforschung des Bundes im Bereich der
Gartenbauwissenschaften in den vergangenen 20 Jahren entwickelt, und welche
inhaltlichen Schwerpunkte wurden dabei gesetzt (bitte nach federführenden
Ressorts aufschlüsseln)?
16. Wie hoch sieht die Bundesregierung den finanziellen Bedarf in den
kommenden zehn Jahren zur Unterstützung der universitären
gartenbauwissenschaftlichen Lehre und Forschung?
17. Wie sieht der konkrete Zeitplan der Bundesregierung – unterteilt nach den
wichtigsten Meilensteinen – für die Stärkung der
Gartenbauwissenschaften unter Berücksichtigung der einzubeziehenden Bundes- und
Landesministerien und Bundes- und Landesgremien aus?
18. Plant die Bundesregierung eine Neugestaltung bzw. einen Ausbau der
Förderung partizipativer und transdisziplinärer Forschungsansätze, um die
Vielfalt von praxisnahen Forschungsaktivitäten jenseits der aktuellen
Kriterien für Exzellenz besser abzubilden?
19. Wie unterstützt die Bundesregierung die internationale Sicherbarkeit und
Kooperation deutscher Forschungsstandorte im Wein- und Gartenbau?
20. Inwieweit sieht die Bundesregierung Forschungsbedarf im Weinbau, um
die Anpassung an den Klimawandel ohne Ertragsverluste sicherzustellen?
21. Wie plant die Bundesregierung die zukünftige Förderung so
auszugestalten, dass der Wissenstransfer zwischen Hochschulen und
landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Betrieben ausgebaut wird?
Berlin, den 8. Juni 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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