Wissenschaftsstandort Deutschland stärken - Exzellenzstrategie evaluieren und reformieren - Den Bürokratieabbau jetzt umsetzen
Text
Wissenschaftsstandort Deutschland stärken - Exzellenzstrategie evaluieren und reformieren - Den Bürokratieabbau jetzt umsetzen
Antrag
der Abgeordneten Dr. Christoph Birghan, Nicole Höchst, Dr. Michael Kaufmann,
Adam Balten, Dr. Ingo Hahn, Andreas Mayer, Stefan Schröder, Sergej Minich,
Robin Jünger, Martin Reichardt, Dr. Paul Schmidt, René Bochmann, Sven
Wendorf, Maximilian Kneller, Alexander Arpaschi, Dr. Christina Baum, Carsten
Becker, Joachim Bloch, Dr. Michael Blos, Marcus Bühl, Thomas Dietz, Tobias
Ebenberger, Micha Fehre, Boris Gamanov, Alexis L. Giersch, Mirco Hanker, Udo
Theodor Hemmelgarn, Olaf Hilmer, Steffen Janich, Kurt Kleinschmidt, Heinrich
Koch, Dr. Maximilian Krah, Reinhard Mixl, Kerstin Przygodda, Dr. Rainer
Rothfuß, Georg Schroeter, Bernd Schuhmann, Dr. Daniel Zerbin, Kay-Uwe
Ziegler, Jörg Zirwes, Ulrich von Zons und der Fraktion der AfD
Wissenschaftsstandort Deutschland stärken – Exzellenzstrategie evaluieren
und reformieren – Den Bürokratieabbau jetzt umsetzen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die Exzellenzstrategie (ExStra) des Bundes und der Länder ist seit 2016 das zentrale
Instrument, um die Spitzenforschung an deutschen Universitäten international
wettbewerbsfähiger zu machen. Die Exzellenzstrategie fördert zwei getrennte, aber
miteinander verknüpfte Förderlinien: Zum einen Exzellenzcluster (thematisch fokussierte,
international wettbewerbsfähige Forschungsbereiche); zum anderen
Exzellenzuniversitäten (institutionelle Gesamtstrategie). Während mit Beginn der ersten Förderrunde
seit 2019 zehn Exzellenzuniversitäten und ein Exzellenzverbund ausgewählt wurden,
werden seit dem 1. Januar 2026 insgesamt 70 Exzellenzcluster an 43 Universitäten
gefördert. Das Gesamtbudget beider Förderlinien wurde seit Beginn dieses Jahres auf
687 Mio. Euro pro Jahr erhöht.1
Mit der Exzellenzstrategie sollen international sichtbare Leuchttürme geschaffen
werden, die langfristige Strahlkraft auf das gesamte Wissenschaftssystem entfalten. Seit
Bestehen der Strategie wird kritisiert, dass sie eine Konzentration an bereits
forschungsstarken Standorten begünstige, wohingegen kleineren, fachlich spezialisierten
Standorten wenig Aussicht auf Erfolg beschieden sei. Dadurch fielen nicht geförderte
Standorte und Fächer, trotz innovativer Ansätze und exzellenter Qualität, tendenziell
weiter zurück. Der Wettbewerb werde somit verzerrt: Große Standorte verfügten über
viele Drittmittel, entsprechend auch über eine höhere Publikationsquote, mehr
internationale Kooperationen und seien attraktiver für den wissenschaftlichen Nachwuchs.
1 www.exzellenzstrategie.de/was-ist-die-exstra/zahlen-und-fakten/ und www.gwk-bonn.de/themen/
foerderung-von-hochschulen/exzellenzstrategie-exzellenzinitiative; www.wissenschaftsrat.de/DE/
Aufgabenfelder/Wettbewerbliche_Begutachtungen/Exzellenzstrategie/exzellenzstrategie_node.html.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5760
21. Wahlperiode 05.05.2026
Darüber hinaus wird der hohe Mitteleinsatz für Bürokratie, die Ressourcenbindung
durch umfangreiche und langwierige Antragsverfahren bemängelt. Gefordert wird
immer wieder ein unabhängiges Monitoring des Verfahrens und die Klärung der Frage,
inwiefern die gesetzten Ziele erreicht und eine Langzeitwirkung der Strategie entfaltet
werden konnte.
Die Regierungskoalition hat sich darauf verständigt, die Exzellenzstrategie für eine
mögliche Förderperiode ab 2030 „grundlegend evaluieren“ zu wollen.2 Eine
Evaluation muss den Personal- und Ressourcenaufwand einerseits und die Auswahl- und
Begutachtungsverfahren andererseits adressieren, um die Effekte der Exzellenzstrategie
besser einschätzen und ggf. ziel- und passgenau Missstände beheben zu können.
Aufwand und Nutzen müssen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen und unser
Forschungsstandort Deutschland darf nicht durch bürokratische Hürden seine innovativen
Potenziale einbüßen.
Dass hier Handlungsbedarf besteht, zeigen aktuelle Zahlen, wonach sich das
wissenschaftliche und künstlerische Personal an deutschen Hochschulen in den Jahren 2015
bis 2024 von 56 % auf 52 % verringert hat. Gestiegen ist hingegen im selben Zeitraum
der Anteil von Personal in der Verwaltung, Technik und sonstigen
Funktionsbereichen.3 Trotz sinkender bzw. stagnierender Studentenzahlen ist das Studienangebot in
den Jahren 2019 bis 2024 im Schnitt pro Jahr um rund 500 zusätzliche Angebote
gewachsen; in absoluten Zahlen sind das 2.620 neue Studienangebote innerhalb von fünf
Jahren.4 Diese Entwicklung ist aus Sicht der Antragsteller nicht allein Ausdruck
wissenschaftlicher Ausdifferenzierung, sondern ein Indikator für akademischen
Wildwuchs, der in der Konsequenz eine qualitätsbasierte Evaluation und eine
wissenschaftlich fundierte Mittelzuwendung verunmöglicht.
Deshalb ist insbesondere bei der Exzellenzstrategie auf Profilbildung und
Schwerpunktsetzungen hinzuwirken. Diese Schwerpunkte sollen ergebnisoffen sein und nicht
politischer Opportunität folgen. Politische, industrielle und institutionelle (vgl.
beispielsweise rund um das Thema funding bias) Interessenlagen im Zusammenhang mit
einer Antragstellung sind bei der Evaluation und Neuausrichtung der
Exzellenzstrategie zu reflektieren. Dies auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich seit
Etablierung der Exzellenzinitiative und nachfolgend der Exzellenzstrategie seit rund 20
Jahren eine Pfadabhängigkeit etabliert zu haben scheint, bei der – ganz im Sinne des
Matthäus-Effekts – die kleinen gegenüber den großen Spielern ggf. das Nachsehen
haben.
Entsprechend sollte zum Beispiel die Forschung, sofern diese aus wissenschaftlicher
Sicht erfolgversprechend erscheint, an modernen Formen der Kernenergienutzung
ermöglicht werden. Ideologisch motivierte bzw. normative Forschung – also eine
Forschung, die das Ergebnis, das zu Beweisende, bereits in Fragestellung und These
vorwegnimmt bzw. zugrunde legt – ist als wissenschaftsfeindlich abzulehnen. Einem
solch wissenschaftsfeindlichen Wildwuchs, insbesondere in den Geistes- und
Sozialwissenschaften, sollte daher das Privileg staatlicher Forschungsförderung nicht
gewährt werden. Da die Exzellenzstrategie aus Steuermitteln finanziert wird, ist künftig
eine frei zugängliche Datenbank aufzubauen, in der systematisch
Forschungsleistungen, Forschungsinput und -output miteinander verknüpft werden.
Die Exzellenzstrategie ist ein zentrales Instrumentarium, das den
Wissenschaftsstandort Deutschland stärkt. Um eine adäquate Förderung von Spitzenleistungen weiterhin
zu ermöglichen, ist es allerdings dringend erforderlich, die Exzellenzstrategie
weiterzuentwickeln.
2 Vgl. https://koalitionsvertrag.org/section/exzellenzstrategie (letzter Abruf am 16.03.2026).
3 Vgl. www-genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/21341/details und www.e-fi.de/fileadmin/
Assets/Gutachten/2026/EFI_Gutachten_2026_27126.pdf, S. 76.
4 Vgl. www.che.de/download/studiengaenge-2024/?wpdmdl=32257&refresh=698dec15814db1770908693
und www.che.de/2024/23-000-studienangebote-rekordwert-trotz-sinkender-studierendenzahlen/.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
folgende Maßnahmen zu ergreifen:
1. Bis Ende 2026 ein Evaluationskonzept der Exzellenzstrategie vorzulegen.
2. Bis Ende 2026 ein Konzept vorzulegen, wie die Kosten für Bürokratie reduziert
werden und durch welche spezifischen Maßnahmen welche Kosten eingespart
werden können.
3. Auf der Grundlage dieses Konzeptes soll ein konsequenter Rückbau der
Bürokratie erfolgen.
4. Das Antragsverfahren zu überarbeiten und im Umfang so anzupassen, dass
dadurch Kosten, institutioneller sowie personeller Aufwand reduziert werden
können.
5. Bei der Exzellenzstrategie Profilbildung und Schwerpunksetzungen
vorzunehmen, um Qualitätseffekte zu erzeugen und Vergleichbarkeit bei der
Wirkungsmessung zu gewährleisten.
6. Ein Konzept vorzulegen, wie auch kleinere und fachlich hoch spezialisierte
Hochschulen von dem Wettbewerb im Rahmen der Exzellenzstrategie profitieren
können.
7. Die Exzellenzstrategie so weiterzuentwickeln, dass keine wissenschaftlichen
Moden und Trends prämiert werden, sondern ausschließlich ernsthafte und innovative
Ansätze Chancen auf Förderung haben.
8. Im Auswahlverfahren der Exzellenzstrategie ist eine wissenschaftliche
Begutachtung so zu implementieren, dass Anträge, die nicht höchsten wissenschaftlichen
Standards genügen, erkannt werden und keine Aussicht auf Förderung haben.
9. Eine landesweite, frei zugängliche Datenbank aufzubauen, in der systematisch
Forschungsleistungen wie Publikationen und weitere Leistungen erfasst werden.
In der Datenbank sollen Forschungsinput und -output miteinander verknüpft
werden, sodass Förderungen, Fördermittelgeber und Förderkennzeichnungen der
jeweiligen Projekte einsehbar und durchsuchbar sind.
Berlin, den 5. Mai 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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