Gewalt und andere Formen schwerwiegender Übergriffe an Schulen systematisch erfassen, untersuchen und durch geeignete Maßnahmen verhindern
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Gewalt und andere Formen schwerwiegender Übergriffe an Schulen systematisch erfassen, untersuchen und durch geeignete Maßnahmen verhindern
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4940
21. Wahlperiode 24.03.2026
Antrag
der Abgeordneten Dr. Götz Frömming, Martin Reichardt, Birgit Bessin, René
Bochmann, Gereon Bollmann, Marcus Bühl, Tobias Ebenberger, Jan Feser,
Nicole Höchst, Michael Kaufmann, Martina Kempf, Sebastian Maack, Johann
Martel, Matthias Moosdorf, Edgar Naujok, Kerstin Przygodda, Dr. Anna
Rathert, Lukas Rehm, Angela Rudzka, Beatrix von Storch, Otto Strauß,
Claudia Weiss, Christian Zaum, Alexander Arpaschi, Carsten Becker,
Dr. Christoph Birghan, Joachim Bloch, Dr. Michael Blos, Thomas Dietz, Udo
Theodor Hemmelgarn, Manuel Krauthausen, Arne Raue, Manfred Schiller,
Dr. Paul Schmidt, Bernd Schuhmann, Thomas Stephan, Martina Uhr, Sven
Wendorf, Ulrich von Zons und der Fraktion der AfD
Gewalt und andere Formen schwerwiegender Übergriffe an Schulen
systematisch erfassen, untersuchen und durch geeignete Maßnahmen
verhindern
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Gewalt unter Schülern und Gewalt gegen Lehrer ist ein seit vielen Jahren grassierendes
gesellschaftliches Problem, welches meist nur kurzzeitig Aufmerksamkeit erregt,
wenn es zu Bluttaten gekommen ist, wie bei der Messerattacke eines 17-jährigen
Kosovaren auf seine Lehrerin am 5. September 2025 in Essen.1 Jedoch handelt es sich um
ein Problem mit zuletzt wieder steigender Tendenz. So berichtet die Neue Osnabrücker
Zeitung (NOZ) unter Berufung auf Zahlen der Sicherheitsbehörden der Länder von
insgesamt 27.470 Gewaltdelikten an Schulen 20232 – ein Anstieg von 27 Prozent im
Vergleich zum Vorjahr.
Die Berliner Polizei registrierte 2021 insgesamt 1.133 sogenannte Rohheitsdelikte an
Berliner Schulen. 2022 waren es 2.344 entsprechende Taten und für 2023 musste eine
„erneute deutliche Steigerung der Fallzahlen“ verzeichnet werden.3 Diese Taten
werden von den Schulen oder der Polizei den Medien selten öffentlich gemacht.4
1 www.bild.de/regional/nordrhein-westfalen/essen-nrw-schueler-soll-lehrerin-in-denbauch-gestochen-haben-
68ba9e5e4b4cea1e73bab8f0
2 zitiert in: www.zeit.de/gesellschaft/schule/2024-09/gewaltdelikte-schulen-anstieg-2023
3 www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/03/berlin-polizeistatistik-gewalttaten-an-berliner-schulen nehmen-
zu.html
4 ebenda
Bundesweit 94.318 Straftaten in Schulen 2024, davon 743 Messerangriffe; 24.292
Straftaten bei schulischen Veranstaltungen, davon 284 mit einem Messer lautet nach
Angaben der Bundesregierung die aktuelle Bilanz.5
Einer Studie des Verbands Bildung und Erziehung aus dem Jahr 2022 zufolge
berichten rund zwei Drittel der befragten Schulleitungen von Fällen in den letzten 5 Jahren,
in denen Lehrkräfte beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden.6
In einer Folgeuntersuchung 2024 gaben 60 % der befragten Schulleitungen an, dass
Gewalt – egal, ob körperliche Gewalt, psychische Gewalt bzw. Formen des Mobbings
– an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren „eher zugenommen“ hat, während nur 4 %
eine Abnahme beobachtet haben. Betroffen sind besonders Haupt-, Real- und
Gesamtschulen.7
Gemäß dem „Deutschen Schulbarometer 2024“, einer repräsentativen Lehrerumfrage
im Auftrag der Robert Bosch Stiftung, berichten 47 % der Lehrer von Problemen mit
körperlicher oder psychischer Gewalt an ihrer Schule.8
Laut Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung „Gewaltbedingte
Unfälle in der Schüler-Unfallversicherung 2023“ haben sich im Jahr 2023 insgesamt
64.897 gewaltbedingte Schülerunfälle (Gewalt zwischen Schülern) an
allgemeinbildenden Schulen zugetragen. In dieser Erfassung sind lediglich gewaltbedingte Unfälle
unter Schülern berücksichtigt, die zu körperlichen Schäden führten.9 In einer
Folgeuntersuchung wurde zwar eine rückläufige Zahl „gewaltbedingter Unfälle“ registriert,
dennoch sehen 44 % der befragten Lehrkräfte eine Zunahme körperlicher Gewalt. Das
Spektrum von Gewalt ist aber viel umfangreicher und fängt deutlich vor der
körperlichen Auseinandersetzung an – mit Beleidigungen, Mobbing, Bedrohungen oder
Belästigungen, sei es im Klassenraum, auf dem Schulhof, auf dem Schulweg oder in den
sozialen Medien. 56 % der befragten Lehrkräfte sehen eine Zunahme psychischer
Gewalt unter Schülern.10
Ausweislich der Antworten der Bundesregierung zu den Kleinen Anfragen
– der Abgeordneten Peter Heidt, Katja Suding, Grigorios Aggelidis, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der FDP – Drucksache 19/28195 – vom 21.04.2021,
– der Abgeordneten Dr. Götz Frömming, Gereon Bollmann, Jürgen Braun, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der AfD – Drucksache 20/59 – vom 29.11.2021,
– der Abgeordneten Thomas Seitz, Corinna Miazga und der Fraktion der AfD –
Drucksache 20/5742 – vom 09.03.2023,
– der Abgeordneten Dr. Götz Frömming, Nicole Höchst, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion der AfD – Drucksache 20/11224 – vom 13.05.2024
• äußert sich die Bundesregierung mit Hinweis auf die Länderzuständigkeit nicht,
inwieweit es bei unterhalb der Schwelle der in der Polizeilichen Kriminalstatistik
(PKS) erfassten schwer beeinträchtigenden Vorfällen an deutschen Schulen einen
Informationsmangel gibt,
• strebt die Bundesregierung bisher keine gemeinsamen Projekte mit den Ländern
an, um schwer beeinträchtigende Vorfälle unterhalb der PKS-Schwelle zu
erfassen,
5 Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der AfD Bundestagsfraktion (Bundestagsdrucksache
21/904)
6 www.vbe.de/fileadmin/user_upload/VBE/Service/Meinungsumfragen/2022-11-11_DSLK_Bericht.pdf
7 www.vbe.de/fileadmin/user_upload/VBE/Service/Meinungsumfragen/2025-01-24_forsa-Bericht_Deutsch-
land_Gewalt_an_Schule_u_gegen_Lehrkraefte.pdf
8 https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/lehrerumfrage-zeigt-gewaltprobleme-an-vielen-schulen/
9 https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/4986
10 https://forum.dguv.de/ausgabe/1-2025/artikel/gewalt-unter-schuelerinnen-und-schuelern-ergebnisse-ei
nerumfrage-unter-lehrkraeften
• fördert die Bundesregierung derzeit keine Untersuchungen zur
Ursachenforschung von Gewalt an Schulen und hat darüber auch keine Erkenntnisse,
• verweist die Bundesregierung in Hinblick auf Gewaltprävention auf das seit 2002
Bund-Länder-finanzierte Programm Polizeiliche Kriminalprävention (ProPK) und
auf Melde- und Unterstützungssysteme in den Ländern bei konkreten
Gewaltvorfällen gegen Lehrer gemäß Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) vom
6. Dezember 2018,
• weist die Bundesregierung insbesondere auf Antisemitismusprävention und
demokratiestärkende Themen als aktuelle Schwerpunkte des ProPK hin.
Somit verfügt die Bundesregierung über kein klares Lagebild, betreibt keine
Ursachenforschung und verweist auf Präventions- und Nachsorgeprogramme, die ausweislich
der steigenden Zahlen an Gewaltvorfällen an Schulen offenkundig nicht ausreichend
wirksam sind.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung daher auf,
1. in Zusammenarbeit des Bundes und der Länder im Rahmen ihrer Zuständigkeiten
ein Programm aufzulegen, das sich an das ProPK anlehnt, mit dessen Hilfe ein
umfassendes Lagebild der schwer beeinträchtigenden Vorfälle an Schulen auch
unterhalb der Schwelle der in der PKS erfassten Straftaten erstellt wird;
2. in Zusammenarbeit mit den Ländern sozialwissenschaftliche Studien zu fördern,
die sich dezidiert mit der Ursachenforschung verschiedener Formen von Gewalt
an Schulen befassen und wissenschaftlich erforschen, welche Gewaltformen mit
welchen Faktoren unter welchen Konstellationen vermehrt auftreten;
3. in dem Design der sozialwissenschaftlichen Studien die Untersuchung des
möglichen Zusammenhangs von Migration und Gewalt an Schulen vorzusehen;
4. in Zusammenarbeit mit den Ländern auf Grundlage der in den
sozialwissenschaftlichen Studien identifizierten Schwerpunkte und Ursachen Handlungskonzepte
zu erarbeiten sowie entsprechende konkrete Maßnahmen gegen Gewalt an
Schulen folgen zu lassen.
Berlin, den 24. März 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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