Apotheken stärken - Arzneimittelversorgung verbessern
Text
Apotheken stärken - Arzneimittelversorgung verbessern
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/3829
21. Wahlperiode 27.01.2026
Antrag
der Abgeordneten Ates Gürpinar, Nicole Gohlke, Dr. Michael Arndt,
Desiree Becker, Jorrit Bosch, Anne-Mieke Bremer, Maik Brückner, Mandy
Eißing, Katrin Fey, Kathrin Gebel, Christian Görke, Mareike Hermeier,
Maren Kaminski, Cansin Köktürk, Ina Latendorf, Sonja Lemke, Stella
Merendino, Sören Pellmann, Zada Salihović, David Schliesing, Evelyn Schötz,
Julia-Christina Stange, Donata Vogtschmidt, Sarah Vollath und der Fraktion
Die Linke
Apotheken stärken – Arzneimittelversorgung verbessern
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Öffentliche Apotheken sind ein unverzichtbarer Teil des Gesundheitssystems. Denn
eine gute Arzneimittelversorgung kann große gesundheitliche, aber auch
volkswirtschaftliche Folgeschäden abwenden, die durch falsche, übermäßige oder fehlende
Anwendung von Arzneimitteln entstehen.
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) und Fehlmedikationen sind für eine
Vielzahl von Gesundheitsschäden verantwortlich. Viele davon wären vermeidbar.
Schätzungen gehen davon aus, dass UAW die Ursache für 5 bis 10 Prozent der
Patient*innen in Notaufnahmen (die meisten nahmen 7 oder mehr Arzneimittel ein) und
bis zu 58.000 Todesfälle in Deutschland jährlich sind.
Vor diesem Hintergrund ist es zentral, dass sich Apotheker*innen und
pharmazeutische Assistent*innen auf ihren gesetzlichen Versorgungsauftrag konzentrieren
können. Doch gegenwärtig sind die Apotheken bei der Arzneimittelabgabe verpflichtet,
einen langen Katalog von Kriterien zu beachten, um eine möglichst kostengünstige
Bedienung der Verordnung zu gewährleisten. Diese bürokratischen Auflagen sind in
den vergangenen Jahren massiv angestiegen, während die Vergütung pro Packung real
deutlich gesunken ist.
Weder solche gesundheitsökonomischen noch primär betriebswirtschaftliche
Erwägungen sollten Apotheker*innen von ihrem Versorgungsauftrag abhalten. Die
Wirtschaftlichkeit der Arzneimittel sollte in der Arzneimittelpreisbildung gewährleistet
werden. Weder die verschreibenden Ärzt*innen noch die Apotheken sollten viel ihrer
Zeit darauf verwenden, die günstigsten Präparate auszuwählen. Auch das Management
von Lieferengpässen bindet in Apotheken enorm viel Personal, nicht zuletzt weil auch
dann vielfältige Vorgaben mit ökonomischem Hintergrund beachtet werden müssen.
Apotheker*innen und pharmazeutische Assistent*innen müssen eine zentrale Instanz
zur Vermeidung von UAW und Medikationsfehlern sein. Wichtig ist es dabei vor
allem, Polymedikation (5 oder mehr Arzneimittel) zu reduzieren oder als Teil des
Medikationsmanagements besser zu überwachen. Um neue Kompetenzen ausfüllen zu
können, braucht es auch eine deutliche Erhöhung der packungsbezogenen Vergütung.
Diese ist auch notwendig, um die im Vergleich niedrigen Gehälter von Apotheken-
Angestellten deutlich erhöhen und dem Fachkräftemangel bei Apotheken
entgegenwirken zu können.
Das Modellprojekt ARMIN (Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen) hat gezeigt,
dass in der Praxis die Module Medikationsmanagement, Wirkstoffverordnung und der
Medikationskatalog ineinandergreifen können und ein interdisziplinäres
Medikationsmanagement geeignet ist, Folgeschäden abzuwenden.
Die Schlüssel zur Reduktion von Fehlmedikationen sind mehr Kompetenzen, mehr
Kooperation mit den verschreibenden Ärzt*innen und Pflegeeinrichtungen, mehr
neue, auch aufsuchende Versorgungskonzepte sowie die Einbindung in regionale
Gesundheitsnetzwerke. Versorgungsformen wie der Versandhandel, die dazu immanent
nicht in der Lage sind, und Regelungen, welche die Apotheken anderweitig binden,
gehören dagegen auf den Prüfstand.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, einen Gesetzentwurf
vorzulegen, der
1. die packungsbezogene Vergütung auf 9,50 Euro anhebt; für die Zukunft ist eine
regelbasierte, turnusmäßige Anpassung (z. B. anhand der Grundlohnsumme, der
Lohnkosten oder anhand des realen Abgabeaufwands mithilfe von
Kalkulationsapotheken) festzulegen;
2. die Kompetenzen der öffentlichen Apotheken erheblich ausweitet mit dem Ziel,
die Folgen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Fehlmedikation zu
verringern und zum Beispiel auch aktiver an der Vermeidung antimikrobieller
Resistenzen mitzuwirken;
3. öffentlichen Apotheken auch neue Aufgaben bei Prävention und
Gesundheitsförderung eröffnet; so könnten sie bei entsprechender Qualifikation weitere
Impfungen und Früherkennungstests übernehmen; als niedrigschwelliger Zugang ins
deutsche Gesundheitssystem können sie zudem Gate-Opener-Funktionen erfüllen
für Menschen, die heute mit großen Zugangsbarrieren zu kämpfen haben;
4. Rabattverträge und die Importklausel im SGB V abschafft, zugunsten einer
kollektivvertraglichen, nachgeschärften Festbetragsregelung für angemessene,
niedrige Generikapreise;
5. den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln lediglich den Präsenz-
Apotheken ermöglicht und nur dann, wenn die Versorgung anders nicht
gewährleistet werden kann;
6. endlich wirksame Schritte zur Vermeidung von Arzneimittel-Lieferengpässen
unternimmt (vgl. Antrag der Fraktion Die Linke „Engpässe bei Arzneimitteln
wirksam bekämpfen“ auf Bundestagsdrucksache 20/6899 vom 23.05.2023);
wenn Lieferengpässe vorliegen, müssen Apotheken alle Möglichkeiten erhalten,
die Patient*innen mit therapeutisch gleichartigen Arzneimitteln zu versorgen;
7. für öffentliche Apotheken den Betrieb durch approbierte Pharmazeut*innen
sicherstellt und eine Personalbemessung von pharmazeutischem Personal vorsieht,
welche die Zahl der abgegebenen rezeptpflichtigen Arzneimittel berücksichtigt;
8. die neuen Aufgabenaufteilungen aus dem Modellprojekt ARMIN in die
Regelversorgung überführt.
Berlin, den 27. Januar 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- authored ← Anne-Mieke Bremer (Antrag)
- authored ← Ates Gürpinar (Antrag)
- authored ← Cansin Köktürk (Antrag)
- authored ← Christian Görke (Antrag)
- authored ← David Schliesing (Antrag)
- authored ← Desiree Becker (Antrag)
- authored ← Donata Vogtschmidt (Antrag)
- authored ← Evelyn Schötz (Antrag)
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Ina Latendorf (Antrag)
- authored ← Jorrit Bosch (Antrag)
- authored ← Julia-Christina Stange (Antrag)
- authored ← Kathrin Gebel (Antrag)
- authored ← Katrin Fey (Antrag)
- authored ← Maik Brückner (Antrag)
- authored ← Mandy Eißing (Antrag)
- authored ← Mareike Hermeier (Antrag)
- authored ← Maren Kaminski (Antrag)
- authored ← Michael Arndt (Antrag)
- authored ← Nicole Gohlke (Antrag)
- authored ← Sarah Vollath (Antrag)
- authored ← Sonja Lemke (Antrag)
- authored ← Sören Pellmann (Antrag)
- authored ← Stella Merendino (Antrag)
- authored ← Zada Salihovic (Antrag)
- part_of_vorgang → Apotheken stärken - Arzneimittelversorgung verbessern (Antrag)