Preisbindung verschreibungspflichtiger Arzneimittel, regulatorische Herausforderungen und möglicher Einfluss internationaler Plattformen auf die nationale und europäische Gesundheitspolitik
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Preisbindung verschreibungspflichtiger Arzneimittel, regulatorische Herausforderungen und möglicher Einfluss internationaler Plattformen auf die nationale und europäische Gesundheitspolitik
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/938
21. Wahlperiode 21.07.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Martin Sichert, Dr. Christina Baum, Carina Schießl, Claudia
Weiss, Kay-Uwe Ziegler, Thomas Dietz, Joachim Bloch, Tobias Ebenberger,
Nicole Hess, Dr. Christoph Birghan, Birgit Bessin, Kerstin Przygodda, Alexis L.
Giersch, Martina Kempf, Stefan Möller, Dr. Paul Schmidt, Gereon Bollmann,
Thomas Fetsch und der Fraktion der AfD
Preisbindung verschreibungspflichtiger Arzneimittel, regulatorische
Herausforderungen und möglicher Einfluss internationaler Plattformen auf die
nationale und europäische Gesundheitspolitik
Der deutsche Apothekenmarkt ist massiv durch die fortschreitende
Digitalisierung, die Expansion internationaler Versandapotheken wie DocMorris (ehemals
Zur Rose Group) und grundlegende Veränderungen auf europäischer und
nationaler Ebene herausgefordert. Die Preisbindung verschreibungspflichtiger
Arzneimittel ist zentral für eine diskriminierungsfreie, flächendeckende Versorgung
und ein Schutzmechanismus für deutsche Vor-Ort-Apotheken. Dies ist
Bundessache und ausdrücklich im Kompetenzbereich der Bundesregierung gemäß
Artikel 74 Absatz 1 Nummer 19 des Grundgesetzes (GG) i. V. m. § 1 der
Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) und § 1 des Apothekengesetzes (ApoG)
geregelt.
Gleichzeitig verfolgen internationale Plattformen, namentlich DocMorris, laut
Recherchen und Selbstauskünften eine intensive Digitalstrategie. Sie nehmen
gezielt regulatorische Vorgaben ins Visier, z. B. über die Nutzung eines
Franchisevertrages zur Erfüllung des Fremdbesitzverbots (§ 7 ApoG), die Nutzung
von Daten und die Einflussnahme auf digitalpolitische EU-Initiativen
(Europäischer Raum für Gesundheitsdaten [EHDS], Datenschutz-Grundverordnung
[DS-GVO]). DocMorris investiert laut EU-Transparenzregister jährlich bis zu
250 000 Euro in Lobbytätigkeiten auf EU-Ebene (www.lobbyfacts.eu/datacard/
doc-morris-nv?rid=900719114988-22). Am 6. Juli 2023 erhob DocMorris
formelle Beschwerde gegen das deutsche Rx-Bonusverbot und das E-Rezept-
Verfahren bei der EU-Kommission (www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detai
l/e-rezept/docmorris-eu-beschwerde-gegen-boniverbot-und-e-rezept-diskrimini
erung).
Justiziell steht die Frage der Preisbindung seit dem Urteil des Europäischen
Gerichtshofs (EuGH) vom 19. Oktober 2016 (C-148/15), das die deutsche
Preisbindung beim EU-Versand als unionsrechtswidrig wertet, im Rampenlicht (curi
a.europa.eu/juris/document/document.jsf?text=&docid=184671&pageIndex=0
&doclang=de&mode=lst&dir=&occ=first&part=1&cid=2324053). Neue
Urteile des Bundesgerichtshofs (BGH; insbesondere I ZR 91/23 und I ZR 46/24)
beeinflussen direkt die Plattformstrategien und das Apothekensystem (I ZR 91/23
[Skontiverbot] und I ZR 46/24 [Plattformgebühren]).
Für die Fragesteller bleibt weiterhin die Rolle von Lobbyakteuren und
ehemaligen Politikern offen, die gezielt politische Netzwerke nutzen und als Public-
Affairs-Berater fungieren.
All dies untermauert nach Auffassung der Fragesteller die
verfassungsrechtliche, politische und regulatorische Pflicht der Bundesregierung, diesen Markt
aktiv zu überwachen, transparent zu berichten und der fortschreitenden
Machtkonzentration internationaler Plattformen entgegenzuwirken.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie ist nach Auffassung der Bundesregierung vor dem Hintergrund ihrer
Kompetenz gemäß Artikel 74 Absatz 1 Nummer 19 GG die
kontinuierliche Überwachung der Preisbindung für verschreibungspflichtige
Arzneimittel und eine umfassende Information der Öffentlichkeit gewährleistet?
2. Welche aktuellen Kenntnisse liegen der Bundesregierung zur strategischen
Positionierung, Lobbytätigkeit (vgl. www.lobbyfacts.eu/datacard/doc-mor
ris-nv?rid=900719114988-22), zu juristischen Initiativen und zur
möglichen Einflussnahme von DocMorris bzw. der Zur Rose Group vor,
insbesondere im Hinblick auf deren Aktivitäten zur Veränderung des deutschen
Rechtsrahmens und auf Bezugsquellen aus Drittländern?
3. Hat sich die Bundesregierung zu den Folgen des EuGH-Urteils C-148/15
vom 19. Oktober 2016 (curia.europa.eu/juris/document/document.jsf?doci
d=184546) und der BGH-Urteile (z. B. I ZR 91/23) für die
Arzneimittelpreisbindung und die wohnortnahe Versorgung eine juristische
Einschätzung eingeholt, und wenn ja, wie lautet diese?
4. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit Januar 2023 zur
Information von Fachöffentlichkeit und Bevölkerung hinsichtlich des
regulatorischen Rahmens für die Preisbindung und Arzneimittelsicherheit ggf.
ergriffen?
5. Liegen der Bundesregierung Daten zu Gesprächen zwischen
Bundesbehörden und DocMorris bzw. der Zur Rose Group oder deren
Lobbyvertretungen seit Anfang 2023 vor (wenn ja, bitte einzeln nach Datum,
Teilnehmern, Anlass aufschlüsseln)?
6. Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung zu Beteiligungen von
DocMorris an EU-Konsultationen vor (EHDS, Verpackungsverordnung
[VerpackVO], Arzneimittelrecht, DS-GVO, grenzüberschreitende
Versorgung etc.)?
7. Hat sich die Bundesregierung zu den Risiken einer fortschreitenden
Plattformökonomie für die demokratische Steuerung der Gesundheitspolitik
(Stichwort Drehtüreffekt), insbesondere hinsichtlich Machtkonzentration
und politischer Einflussnahme auf Gesetzgebungsprozesse eine eigene
Positionierung erarbeitet, und wenn ja, wie lautet diese?
8. Plant die Bundesregierung Maßnahmen zur Stärkung der
Arzneimittelsicherheit und Transparenz, speziell zur Rückverfolgbarkeit und
Qualitätskontrolle bei Versandapotheken?
9. Welche Anforderungen stellt die Bundesregierung aktuell an
Rückverfolgbarkeit und Qualitätskontrolle von Arzneimitteln im Online- und
Versandhandel?
10. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung der Fragesteller, dass die
Marktmacht privater Plattformen wie DocMorris eine langfristige
Gefährdung für die wohnortnahe Arzneimittelversorgung darstellen kann, und
plant sie gesetzgeberische Maßnahmen, um diesem Trend
entgegenzuwirken?
11. Wie ist nach Ansicht der Bundesregierung sichergestellt, dass die
bestehenden Befugnisse der zuständigen Stellen zur Überwachung der
Preisbindung (§ 1 AMPreisV, § 1 ApoG) effektiv in die Gesamtstrategie der
Bundespolitik eingebunden sind und eine einheitliche Anwendung
gewährleistet wird?
12. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über den Einfluss
internationaler Investoren und Beteiligungsgesellschaften auf DocMorris bzw. der Zur
Rose Group im deutschen und EU-Apothekenmarkt vor (wenn ja, welche;
vgl. Angaben im Investor-Relations-Bereich von DocMorris auf www.doc
morris.com/investor-relations)?
13. Trifft die Bundesregierung Maßnahmen im Falle dokumentierter Verstöße
gegen die Preisbindung, insbesondere im grenzüberschreitenden
Onlinehandel, wenn ja, welche, und wie werden die Vorgaben des EuGH-Urteils
vom 19. Oktober 2016 (C-148/15, curia.europa.eu/juris/document/docume
nt.jsf?docid=184546) umgesetzt?
14. Liegen der Bundesregierung Studien oder Daten vor, die die
Auswirkungen der Digitalisierung und Marktkonzentration auf die
Versorgungssicherheit in ländlichen Regionen belegen, und wenn ja, welche?
15. Hat sich die Bundesregierung zu den Auswirkungen etwaiger
automatisierter Bestellsysteme und KI-basierter (KI = Künstliche Intelligenz)
Angebote internationaler Plattformen in Bezug auf Datenschutz,
Patientensouveränität und Arzneimittelsicherheit gemäß DS-GVO sowie laufende
EU-Digitalvorhaben (vgl. health.ec.europa.eu) eine Positionierung
erarbeitet, und wenn ja, wie lautet diese?
16. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. dazu vor, wie
Verbraucher über Unterschiede in der Preisbindung und zu abweichenden
Preisen bei ausländischen Versandapotheken gemäß EuGH-Urteil
C-148/15 informiert werden, und welche Informationsmaßnahmen
wurden seitens der Bundesregierung möglicherweise hierzu ergriffen?
17. Hat sich die Bundesregierung zu der Gefahr einer möglichen
Kommerzialisierung von Versorgungsdaten durch Plattformen wie DocMorris vor
dem Hintergrund von DS-GVO- und EHDS-Diskussionen (vgl. health.e
c.europa.eu) eine eigene Auffassung erarbeitet, und wenn ja, welche?
18. Besitzt die Bundesregierung Kenntnisse zu Kooperationsmodellen
zwischen deutschen Apotheken und internationalen Plattformen – etwa Doc-
Morris – insbesondere im Hinblick auf Datenschutz und wirtschaftliche
Auswirkungen, und wenn ja, welche (vgl. www.docmorris.com/investor-r
elations)?
19. Sind der Bundesregierung unter Berücksichtigung des EU-Lobbyregisters
(lobbyfacts.eu) Fälle bekannt, in denen Lobbyvertreter von
Plattformunternehmen wie DocMorris seit 2023 an Arbeitsgruppen, Anhörungen oder
Fachbeiratssitzungen des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG)
teilgenommen haben (wenn ja, bitte tabellarisch nach Datum, Teilnehmern,
Thema aufführen)?
Berlin, den 1. Juli 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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