Versorgungsengpässe, Missbrauchspotenzial und daraus folgende Sicherheitsrisiken von Präparaten mit GLP-1-RA-Wirkstoffen sowie illegaler Handel und Rezeptfälschung
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Versorgungsengpässe, Missbrauchspotenzial und daraus folgende Sicherheitsrisiken von Präparaten mit GLP-1-RA-Wirkstoffen sowie illegaler Handel und Rezeptfälschung
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2351
21. Wahlperiode 21.10.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Nicole Hess, Martin Sichert, Dr. Christina Baum, Carina
Schießl, Claudia Weiss, Kay-Uwe Ziegler, Thomas Dietz, Joachim Bloch, Tobias
Ebenberger, Dr. Christoph Birghan, Birgit Bessin, Kerstin Przygodda, Alexis L.
Giersch, Martina Kempf, Stefan Möller, Dr. Paul Schmidt, Gereon Bollmann,
Thomas Fetsch und der Fraktion der AfD
Versorgungsengpässe, Missbrauchspotenzial und daraus folgende
Sicherheitsrisiken von Präparaten mit GLP-1-RA-Wirkstoffen sowie illegaler
Handel und Rezeptfälschung
Die auch als „Sättigungshormone“ bezeichneten Glucagon-like Peptide-1-
Rezeptoragonisten (kurz: GLP-1-RA oder GLP-1-Agonisten) wurden
ursprünglich für die Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt. Die bislang im
Wesentlichen hierfür genutzten Wirkstoffe dieser Gruppe, Semaglutid,
Liraglutid, Tirzepatid und Exenatid ahmen das körpereigene Hormon GLP-1 nach,
welches sowohl die Insulinausschüttung anregt bzw. den Blutzuckerspiegel
reguliert als auch die Magenentleerung verzögert und so ein anhaltendes
Sättigungsgefühl hervorruft. Zusätzlich erhält das Gehirn ein Sättigungssignal
(www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes_/diabetes_lexikon/glp-
1-rezeptor-agonisten).
Durch diese vielfältige Wirkweise bei der Zufuhr von GLP-1-RA ist nicht nur
eine wirksame Behandlung von Diabetes möglich, sondern es sinkt während
der Behandlungsdauer für gewöhnlich der Appetit, was in den meisten Fällen
zu einer Gewichtsabnahme führt. Verabreicht werden die Präparate mittels
Injektions-Pen, ähnlich wie bei der Verabreichung von Insulin (GLP-1-
Rezeptoragonist – DocCheck Flexikon, https://flexikon.doccheck.com/de/GLP-
1-Rezeptoragonist). Der Wirkstoff Tirzepatid wirkt als Dual-Analogon
zusätzlich als GIP-Agonist (GIP = glukoseabhängiges insulinotropes Peptid; www.ph
armazeutische-zeitung.de/tirzepatid-jetzt-auch-bei-adipositas-zugelassen-144
491/, https://flexikon.doccheck.com/de/Tirzepatid#cite_note-2).
Seit 2018 befindet sich Ozempic® mit dem Wirkstoff Semaglutid als
Antidiabetikum in Deutschland auf dem Markt. Es ist für Diabetiker (Typ 2) zugelassen
und wird für diese auch von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt.
Rybelsus® ist ebenfalls für die Behandlung von Diabetes zugelassen, Wegovy® von
demselben dänischen Hersteller, wie auch Mounjaro® mit dem Wirkstoff
Tirzepatid eines US-amerikanischen Herstellers und weitere sind erst seit etwa zwei
Jahren von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) als Mittel zur
Behandlung von Adipositas (krankhafte Fettleibigkeit) zugelassen (www.pharmaz
eutische-zeitung.de/was-heilberufler-und-patienten-gegen-lieferengpaesse-
tunkoennen-148304/seite/2/?cHash=c54822cc98f50652e5303693e88f54d7).
Mounjaro® ist sowohl für Diabetes Typ 2 wie auch zur Behandlung von
Adipositas zugelassen (www.pharmazeutische-zeitung.de/tirzepatid-jetzt-auch-
beiadipositas-zugelassen-144491/). Die Präparate sind verschreibungs- und
apothekenpflichtig, und die Adipositas-Therapie muss ärztlich begleitet werden
(www.ikk-classic.de/gesund-machen/leben/abnehmspritze).
Die Kosten für eine Therapie zum Abnehmen für Adipositas-Patienten mit
diesen Präparaten werden nicht oder allenfalls in Ausnahmefällen von den
gesetzlichen Krankenkassen übernommen, müssen also vom Patienten in der Regel
selbst getragen werden (www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1
170/; www.krankenkassen.de/gesetzliche-krankenkassen/leistungen-gesetzlich
e-krankenkassen/gesetzlich-vorgeschriebene-leistungen/neue-leistungen/abneh
mespritzen/).
Im Rahmen einer (für gewöhnlich) 18-monatigen Therapie zur
Gewichtsabnahme verabreicht sich der Patient regelmäßig (nach vorgegebenem
Verabreichungsschema) selbst eine subkutane Injektion. Wichtig ist eine
behandlungsbegleitende, zusätzliche Beratung oder Therapie bezüglich Ernährung,
Lebensführung (z. B. Bewegung) oder Weiterem, um zu erreichen, dass schädliche
Nebenwirkungen vermieden werden und der medikamentöse
Behandlungserfolg langfristig bestehen bleibt – um also eine erneute Gewichtszunahme zu
verhindern. Im Falle der Adipositas-Behandlung kann eine ärztlich verordnete
Langzeitmedikation vonnöten sein (www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detai
l/pharmazie/abnehmmittel-so-rasch-nimmt-man-danach-wieder-zu/#).
Es besteht laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)
eine beschränkte Verfügbarkeit von Diabetesmedikamenten mit Wirkstoffen der
GLP-1-Rezeptor-Agonisten wegen weltweit erhöhter Nachfrage: „Nach den
dem BfArM vorliegenden Informationen resultiert das Problem aus einer
weltweit gestiegenen Nachfrage nach den in Rede stehenden Arzneimitteln und der
Annahme, dass diese vornehmlich aus der Anwendung bei Adipositas
resultiert“ (www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Arzneimittelinformationen/Lieferengpa
esse/glp.html, www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/pharmazie/
ozempicengpass-bis-ende-august/). Auch in den Medien findet man diesbezüglich
Berichte über massive Versorgungsprobleme für Diabetespatienten (www.focu
s.de/gesundheit/mounjaro-ozempic-wegovy-abnehmspritzen-im-check-ernaehr
ungsberaterin-warnt-vor-versteckten-gefahren_id_260722425.html).
Der Einsatz von Arzneimitteln mit GLP-1-RA ist meist mit verschiedenartigen
Nebenwirkungen verbunden, die unterschiedlich stark ausfallen können. Diese
können nach jetziger Erkenntnis Dehydrierung, Kopfschmerzen oder
Schwindel sein, den Verdauungstrakt betreffen oder krankhaften Verlust von
Muskelmasse und Muskelkraft (Sarkopenie) bewirken. Auch sollen Erkrankungen der
Bauchspeicheldrüse und Gallenblase auftreten können (www.ikk-classic.de/ges
und-machen/leben/abnehmspritze, www.geo.de/wissen/gesundheit/abnehmsprit
ze--klage-nach-schweren-nebenwirkungen-34387694.html). Studien und
Patientenbeschwerden in den USA weisen darauf hin, dass Magenlähmungen,
Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und Darmverschlüsse nicht auszuschließen
sind (www.focus.de/gesundheit/mounjaro-ozempic-wegovy-abnehmspritzen-i
m-check-ernaehrungsberaterin-warnt-vor-versteckten-gefahren_id_26072242
5.html).
Die US-Gesundheitsbehörde FDA weist auf ein potenzielles Risiko für
Schilddrüsen-C-Zell-Tumoren (medulläres Schilddrüsenkarzinom,
insbesondere bei MEN-2-Syndrom) hin (www.accessdata.fda.gov/drugsatfda_docs/label/2
020/209637s003lbl.pdf?utm_source=chatgpt.com). Die Langzeitwirkungen in
nichtdiabetischen Anwendergruppen sind bislang offenbar nicht vollständig
erforscht (https://ec.europa.eu/health/documents/community-register/2024/20240
321161962/anx_161962_en.pdf?utm_source=chatgpt.com).
In den vergangenen Monaten wurde in Medienberichten erklärt, dass durch
GLP-1-RA-Medikamente die Möglichkeit für bestimmte Augenerkrankung, bis
hin zur Erblindung, erhöht wird (www.independent.co.uk/news/health/ozempi
c-drug-semaglutide-lawsuit-blindness-b2754728.html, https://www.epochtime
s.de/vital/diabetesmedikament-erhoeht-gefahr-fuer-schwere-augenerkrankung-
bei-gefaehrdeten-patienten-a5214374.html).
Werden diese Mittel ohne ärztliche Verschreibung und Aufsicht eigenständig
zugeführt, kann es zu gesundheitlichen Schäden kommen. Menschen, die weder
unter Adiposität noch Diabetes leiden, beschaffen sich diese Mittel nicht selten
ohne ärztliche Verschreibung, in manchen Fällen über den Internet-
Schwarzmarkt, weil sie hoffen, auf einfache Weise eine angestrebte Idealfigur
zu bekommen. Durch Prominente und Influencer angefacht, entwickelt sich so
eine zunehmende Nachfrage nach diesen Medikamenten mit GLP-1-RA-
Wirkstoff als „Lifestyle-Mittel“ (www.geo.de/wissen/gesundheit/abnehmspritz
e--klage-nach-schweren-nebenwirkungen-34387694.html). Aus Sicht der
Fragesteller ist durch diese Entwicklung von einer Verschärfung bezüglich der
insgesamt bereits fragilen Versorgungssituation auszugehen. Vor allem das
Diabetesmedikament Ozempic® wird so über Internet-Handelsportale als Mittel
zum Abnehmen vertrieben. Dieses Phänomen führt einerseits zur Verknappung
der Wirkstoffe für indizierte Behandlungen und kann andererseits bei
eigenständiger Verabreichung behandlungsbedürftige Gesundheitsschäden
hervorrufen.
Sowohl mittels gefälschter Rezepte wie auch gefälschter Medikamente
verdienen international agierende Kriminelle an dem Bestreben zahlreicher
Konsumenten, die mithilfe der namhaften Arzneimittel schlank werden wollen (www.
who.int/news/item/29-01-2024-shortages-impacting-access-to-glucagon-like-pe
ptide-1-receptor-agonist-products--increasing-the-potential-for-falsified-vers
ions; www.br.de/nachrichten/bayern/wegovy-ozempic-und-co-abnehm-hype-ru
ft-kriminelle-auf-den-plan,UljoJjA).
Hinzu kommen im Ausland ansässige Internet-Portalbetreiber, die es
ermöglichen, die Mittel ohne ärztliche Konsultation oder Verschreibung, nach dem
Ausfüllen von Fragen in einem Internet-Formular, zu bestellen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Ist der Bundesregierung bekannt, inwieweit die Versorgung von
Diabetespatienten mit den genannten Mitteln gefährdet ist, und unternimmt die
Bundesregierung ggf. Bemühungen, um sicherzustellen, dass die
genannten Wirkstoffe in ausreichendem Maße für Diabetesbehandlung zur
Verfügung stehen und Engpässe für Arzneimittel mit GLP-1-RA-Wirkstoff
vermieden werden (bitte nach Wirkstoff und Medikament aufschlüsseln)?
2. In welchem Zeitraum gingen und gehen Meldungen zu Lieferengpässen
für Ozempic® und andere Medikamente mit Wirkstoffen aus der Gruppe
der GLP-1-RA beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
oder bei anderen Stellen ein, wann erfolgte die letzte Meldung, und wie ist
die Prognose in Bezug auf die künftige Versorgung?
3. Welche Maßnahmen wurden ggf. ergriffen oder sind geplant, um
langfristig die Forschung, Produktion und sichere Versorgung mit GLP-1-RA-
basierten Arzneimitteln von chronisch Kranken in Deutschland zu
gewährleisten?
4. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der
ärztlichen Verordnungen des Präparates Ozempic® seit der Zulassung
entwickelt (bitte nach Jahren getrennt aufschlüsseln)?
5. Wird oder wurde in Deutschland oder nach Kenntnis der Bundesregierung
international mit deutschen Steuergeldern finanzierte bzw. geförderte
Forschung zu GLP-1-RA und ihrer Anwendung betrieben (wenn ja, bitte die
Projekte und die jeweilige Fördersumme nennen)?
6. Welche Maßnahmen werden ggf. ergriffen, um zu verhindern, dass in
Deutschland Mittel mit den genannten Wirkstoffen – GLP-1-RA, GIP-
RA – ohne ärztliche Verschreibung in den Umlauf geraten und von
Menschen ohne ärztliche Beratung eigenmächtig genutzt werden?
7. Verfügt die Bundesregierung über Kenntnisse bezüglich aufgetretener
unerwünschter Arzneimittelwirkungen durch die Verabreichung von
Arzneimitteln mit Wirkstoffen aus der Gruppe der GLP-1-RA, insbesondere die
oben genannten, welche häufigen und schwerwiegenden Wechsel- oder
Nebenwirkungen oder neueren Erkenntnisse zu Kontraindikationen sind
dokumentiert, und wie haben sich die Pharmakovigilanzmeldungen seit
2020 entwickelt (bitte nach Jahr aufschlüsseln)?
8. Verfügt die Bundesregierung über Kenntnisse bezüglich unerwünschter
Arzneimittelwirkungen oder über Gesundheitsschäden infolge von nicht
ärztlich begleiteter Selbstmedikation mit Präparaten, die Wirkstoffe aus
der Gruppe der GLP-1-RA enthalten (wenn ja, welche)?
9. Erachtet es die Bundesregierung als notwendig, öffentliche Aufklärung
über die Gefahren von eigenmächtiger Anwendung (ohne Verordnung)
von Arzneimitteln mit GLP-1-RA-Wirkstoffen zu betreiben und vor einer
„Life-Stile-Anwendung“ zu warnen?
10. Sieht die Bundesregierung einen Handlungsbedarf bezüglich des Internet-
Vertriebs von GLP-1-RA-basierten Arzneimitteln aus dem Ausland, wenn
bei der Bestellung (über Internetplattformen) kein ärztliches Rezept einer
deutschen Praxis vonnöten ist und Patienten selbst vor der Bestellung
lediglich einen Online-Fragebogen ausfüllen müssen, man also davon
ausgehen muss, dass in diesen Fällen keine zureichende ärztliche Betreuung
stattfindet?
11. Ist der Bundesregierung bekannt, in welchem Umfang GLP-1-RA-basierte
Medikamente, insbesondere Ozempic®, seit 2018 über digitale
Handelsplattformen vertrieben werden, ohne eine ärztliche Konsultation, und
wenn ja, ist eine Zunahme dieser Vertriebsform festzustellen (bitte nach
Jahr und Anzahl aufschlüsseln)?
12. Wurden seit 2018 Arzneimittel mit einem Wirkstoff aus der Gruppe der
GLP-1-RA bei der Einfuhr nach Deutschland durch den Zoll festgestellt,
die den Anforderungen nach dem Arzneimittelgesetz (AMG) nicht
entsprachen bzw. deren Dokumentation für die Einfuhr unzureichend,
fehlerhaft oder absichtlich irreführend waren oder fälschlicherweise als solche
Präparate deklariert waren (Arzneimittelfälschungen; und wenn ja, bitte
nach Jahren getrennt aufführen, in welcher Anzahl und aus welchen
Staaten der Versand erfolgte)?
13. Plant die Bundesregierung Maßnahmen zur wirksameren Regulierung der
Online-Verschreibung von Arzneimitteln mit Wirkstoffen aus der Gruppe
der GLP-1-RA, analog zur beabsichtigten Regelung der Verschreibung
von Medizinalcannabis (www.deutsche-apotheker-zeitung.de/ews/artikel/
2025/05/26/warken-will-online-rezepte-fuer-medizinalcannabis-einschrae
nken)?
14. Richtet die Bundesregierung ihr Augenmerk auf die Herstellung und den
illegalen Handel mit Arzneimitteln, die GLP-1-RA-Arzneimitteln
nachahmen, und welche Maßnahmen werden hiergegen ggf. ergriffen?
15. Hat die Bundesregierung Kenntnis davon, in wie vielen Fällen in
deutschen Apotheken Rezepte für Medikamente mit GLP-1-RA-Wirkstoffen
als Fälschungen erkannt wurden?
16. Hat die Bundesregierung Kenntnis davon, in wie vielen Fällen deutschen
Apotheken Schäden durch gefälschte Rezepte für GLP-1-RA-
Medikamente entstanden sind und auf welche Höhe sich die
Gesamtschadenssumme beläuft?
17. Gibt es Maßnahmen der Bundesregierung, um Apotheken allgemein bei
der Erkennung von gefälschten Rezepten zu unterstützen, und wenn ja,
welche Maßnahmen sind dies?
18. Sind der Bundesregierung Fälschungen von Digitalrezepten bekannt?
Berlin, den 30. September 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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