Rede von Monika Knoche (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/95
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Monika Knoche (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/95
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Herren und
Damen! Die Linke hofft sehr, dass der Prozess der
Friedensbildung im Sudan vorankommt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Ihr könnt ja
zustimmen!)
UNMIS hat zweifelsfrei dazu beigetragen, das
Friedensabkommen im Südsudan zu sichern. Diese positive
Bilanz würdigen wir. Denn obgleich man sich für diese
Militärpräsenz auf Kapitel VI und VII der UN-Charta
bezieht, zeichnet sich diese Mission durch
Friedfertigkeit aus. Es wäre also töricht und, wie ich meine,
politisch fahrlässig, die deutsche Kriegsbeteiligung in
Jugoslawien oder die Tornadoeinsätze in Afghanistan nach
Kapitel VII in einem Atemzug mit der Mission im Sudan
zu nennen.
Deutsche Kriegsbeteiligungen sind und bleiben für uns
unannehmbar.
Im Sudan geht es aber um etwas anderes. Hier ist die
Frage zu beantworten, wie ein Umlenken von der
militärischen auf eine rein zivile Konfliktbearbeitung
erreicht werden kann. Wir Abgeordnete müssen genau
hinschauen, was das Land Sudan jetzt am dringlichsten
braucht. Ich denke, die Bevölkerung, die
Konfliktparteien müssen die Erfahrung machen, dass es sich lohnt,
Frieden zu schließen, in Frieden zu leben. Ihre
vordringlichsten Probleme sind nämlich das Landrecht, der
Zugang zu Wasser und zu Weideland und die
Wüstenbildung als Folge des Klimawandels. All das ist
beständiger Quell von Auseinandersetzungen. Wie die
Einnahmen aus dem Verkauf von Rohstoffen zwischen den
Volksgruppen aufgeteilt werden, beschwert ebenfalls
den Frieden und schürt Konflikte, auf die sich ethnische
und religiöse Konflikte aufsetzen.
„Frieden muss von innen wachsen“, sagt der
Evangelische Entwicklungsdienst, Frieden brauche
gesellschaftliche Beteiligung, gerade von jenen, die die
Zivilgesellschaft ausmachen. Das verweist meines Erachtens
darauf, dass das deutsche Engagement eine starke
Investition in den zivilen Friedensdienst sein muss.
Zwei Millionen Menschen waren von den
grauenvollen Zuständen im Sudan betroffen. 250 000 neue Flücht-linge sind zu versorgen. Es ist hochkompliziert, die
Rebellen auf eine konsistente Position zu einen und die
Integration der ehemaligen Kämpfer zu bewerkstelligen.
Das sind schon für sich genommen immense
Anforderungen. Hinzu kommt der Mangel an Schulen und
Gesundheitsversorgung. Wer sich all das vor Augen führt,
stellt fest: Zur Lösung dieser Aufgaben bedarf es ganz
anderer Kräfte. UNDP, UNHCR und UNFEM, das sind
die richtigen Adressen. Da kann es Sie, meine sehr
geehrten Herren und Damen, die Sie heute ein weiteres
Mal die Bereitstellung von de facto 38 von 75
Militärbeobachtern beschließen, doch eigentlich nicht
zufriedenstellen, dass sich der Beitrag Deutschlands auf ein zu
eng gefasstes Verständnis von Peacekeeping reduziert.
Zu UNMIS ist auch zu sagen: Wir sollten nicht
vergessen, dass eine lang andauernde Militärpräsenz
erhebliche negative Auswirkungen hat. Strukturen der
Fremdbestimmung und Abhängigkeit greifen Platz. Es
entwickelt sich eine an das Militär angedockte
Ökonomie. Korruption und die Ausbreitung von Prostitution
sind sozusagen die Kollateralschäden eines militärischen
Friedenseinsatzes.
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
Waren Sie eigentlich schon einmal im
Südsudan?)
Wenn Sie gestern Abend der entwicklungspolitischen
Debatte gefolgt wären, hätten Sie bestätigt bekommen,
dass das die tatsächlichen Auswirkungen der Präsenz
jeglichen Militärs sind.
Deshalb spreche ich mich gegen die Engführung aus,
UNMIS als Blauhelmeinsatz zu bewerten. Für uns geht
es darum, dass gefestigte zivile Strukturen entstehen.
Wir wollen dafür sorgen, dass die Bevölkerung über die
Wahlen im Jahre 2009 hinaus bis zum Referendum im
Jahre 2011 die gelebte Erfahrung macht, dass die
internationale Gemeinschaft all ihr Können darauf richtet, die
Ursachen der Konflikte zu bearbeiten. Hier muss
selbstverständlich auch China einbezogen werden; denn dieses
Land investiert angesichts der aufgeteilten Ölmärkte der
Welt in hochriskante Staaten. Die Frage des
Ressourcenzugangs ist auch eine Friedensfrage. Das müssen wir
immer im Blick behalten.
Das Land Sudan braucht zivile Infrastrukturarbeit,
Mediation und eine gerechte Verteilung der
Erdöleinnahmen.
Die Linke sagt: Es ist richtig, internationale
Polizeikräfte einzusetzen. Demobilisierung und der Schutz
ziviler Akteurinnen sind notwendig. Das kann Polizei
leisten. Aber bei 100 Millionen Euro für 10 000 Soldaten,
750 Militärbeobachter und 700 Polizisten haben wir
schon den Eindruck, dass es sich um ein Missverhältnis
handelt.
Ich gebe gerne zu: Die 38 deutschen Soldaten, die im
Rahmen von UNMIS eingesetzt werden, schaden einem
zivilen Auftrag nicht. Aber es stellen sich die Fragen:
Was nützt mehr? Was ist effektiver? Was ist nachhalti-
Monika Knocheger? Was ist besser? Welche Instrumente sind am
wirkungsvollsten, um Stabilität und Friedensgewinn zu
erzielen? Hier kommt die Linke zu einem anderen
Ergebnis als Sie. Denn die Annahme, dass Militär alles
Zivile auch leisten könne oder sogar zivile Schritte
ersetzen könne, ist falsch.
Nicht militärisch, auch nicht militärisch-zivil,
sondern zivil muss die Hilfe sein. Insofern sticht das
Argument nicht, ohne Militärpräsenz hätte es keinen
Friedensprozess gegeben. Niemand spricht sich generell
gegen Blauhelmeinsätze aus. Aber wir müssen darüber
diskutieren, worin der spezifisch deutsche
Friedensbeitrag besteht.
Nicht zuletzt möchte ich noch darauf hinweisen:
Vielleicht hat sich die ehemalige rot-grüne Regierung
erhofft, durch die Beteiligung an UNMIS bessere Chancen
auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu haben.
Diese Höhenflüge sind vorbei. Heute müssen wir uns
genau ansehen, welches Engagement Deutschland im
Sudan leistet. Wir Linken sind nicht der Meinung, dass die
Fortsetzung der Beteiligung Deutschlands an UNMIS
für den Frieden und für das innere Wachsen des Friedens
wirklich dienlich ist. Wir plädieren für einen
ausgeprägten zivilen und humanitären Beitrag und stimmen dem
Antrag der Regierung nicht zu.
(Beifall bei der LINKEN – Hartwig Fischer
[Göttingen] [CDU/CSU]: Das haben wir auch
nicht erwartet!)