Rede von Oskar Lafontaine (DIE LINKE) – Drucksache 16/4845
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 28: Drucksache 16/4845 –.
Text
Rede von Oskar Lafontaine (DIE LINKE) – Drucksache 16/4845
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Wir haben in wenigen Tagen eine Wahl.
(Jörg van Essen [FDP]: Aha! Deshalb reden
Sie schon wieder!)
Vor Wahlen neigen die politischen Parteien zu einem
bestimmten Verhalten: Sie geben Versprechen ab.
(Lachen des Parl. Staatssekretärs Gerd
Andres)
Nun ist das mit Versprechen häufig so, meine Damen
und Herren, dass diejenigen, denen Versprechen gegeben
werden, diese im Gedächtnis behalten, diejenigen aber,
die die Versprechen abgeben, dazu neigen, die
Versprechen sehr schnell wieder zu vergessen.
So ist das auch vor dieser bremischen Wahl. Ich
beginne nicht bei der Erklärung der SPD, sondern mit
einem Plakat der CDU, das einem doch die Sprache
verschlägt.
Vor der Wahl plakatiert die CDU: Gegen Lohndumping –
für 7,50 Euro Mindesteinkommen.
(Beifall bei der LINKEN – Gitta Connemann
[CDU/CSU]: Mindesteinkommen, nicht
Mindestlohn!)
– Die besondere Schlauheit, die Sie auf dieses Plakat
gebracht zu haben meinen, besteht darin, dass Sie von
einem Mindesteinkommen pro Stunde sprechen. Wer
kann sich ein solch unsinniges Konstrukt überhaupt
erklären? Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn
Sie hier versuchen, mit „7,50 Euro pro Stunde“ die
Wählerinnen und Wähler in die Irre zu führen, dann ist das
dummer, dreister Wahlbetrug. Nichts anderes ist dazu zu
sagen.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Eine Milderung ergibt sich auch dann nicht, wenn
beispielsweise Ihr Spitzenkandidat in der Sprache nicht
sauber ist und noch immer von gesetzlichem
Mindestlohn spricht. Insofern sollten Sie hier mit sich zu Rate
gehen, inwieweit Sie sich nicht einfach einmal dazu
durchringen, den Wählerinnen und Wählern das zu
sagen, was Sie wirklich meinen.
Wir reden heute aber auch über eine Erklärung der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die mit einer
Unterschriftenaktion verbunden ist und die wir im Inhalt
natürlich in vollem Umfang unterstützen.
(Anton Schaaf [SPD]: Mach jetzt ein
Ausrufezeichen, dann reicht es ja!)
Oskar LafontaineIch lese einmal die wesentlichen Passagen vor:
Deutschland ist gemessen an der
gesamtwirtschaftlichen Leistung so reich wie nie zuvor.
Das stimmt wirklich.
Trotzdem arbeiten viele Menschen den ganzen Tag,
können aber sich und ihre Familien vom
erarbeiteten Lohn nicht ernähren. Armutslöhne sind
ungerecht und unsozial. Sie missachten die Leistung der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Das ist ein
Skandal.
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der LIN-
KEN: Recht haben die Sozialdemokraten!)
Wer voll arbeitet, muss davon leben können.
Deshalb werden wir Schluss machen mit dem
Lohndumping.
Wenn man solche Worte liest, dann denkt man doch:
Hier ist eine Truppe zusammengekommen, um ihren
Worten endlich Taten folgen zu lassen. Wir werden aber
sehen, dass auch hier Ihren Worten wieder keine Taten
folgen werden. Das ist eine Schande.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos] – Andrea Nahles
[SPD]: Das stimmt doch gar nicht! – Dr. Uwe
Küster [SPD]: Der hat es mit der Wahrheit
nicht so genau!)
In Deutschland diskutieren wir schon viele Jahre über
den gesetzlichen Mindestlohn. Das ist keine neue
Entwicklung. Spätestens seit dem Fall der Mauer sind
immer wieder Fälle hochgekommen, in denen in
Deutschland Hungerlöhne gezahlt worden sind. Ich erinnere
mich noch gut daran, dass 1990 Bauarbeiter hier für
1 DM pro Stunde beschäftigt worden sind. So lange
diskutieren wir das Thema schon! Es wird geschwätzt,
geschwätzt und geschwätzt, aber nichts geschieht.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Die Menschen werden in die Irre geführt. Das ist nun
wirklich empörend.
Die Begründung ist ganz einfach. Alle anderen
Staaten in Europa diskutieren seit vielen Jahren über dieses
Thema, und die meisten haben den Mindestlohn
eingeführt. Wenn Sie heute das „Handelsblatt“ lesen, meine
Damen und Herren, dann werden Sie dort finden, dass
der zuständige Kommissar der Europäischen
Gemeinschaft gesagt hat: Mindestlöhne kosten keine
Arbeitsplätze, sondern sie helfen, Arbeitsplätze aufzubauen. –
Nehmen Sie die Erfahrung in der Europäischen
Gemeinschaft doch einmal zur Kenntnis, und handeln Sie
danach!
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Das Plakat der CDU ist jetzt heruntergefallen. Es
verdient auch nichts anderes. Am besten sollte es von allen
Masten fallen, auf denen es aufgeklebt ist, damit diese
Irreführung im Wahlkampf keine Wirkung zeigt.(Beifall bei der LINKEN)
Nun sind wir natürlich gespannt, was die
Sozialdemokraten machen werden. Wir haben die Sorge, dass es so
sein wird wie immer in den letzten Jahren.
(Zuruf von der SPD: Auch unter Ihrem
Vorsitz! – Parl. Staatssekretärs Gerd Andres: Wer
hat uns verraten? …)
– „Wer hat uns verraten?“, tönt es hier auch noch von der
Regierungsbank. Verehrter Staatssekretär, dann sagen
Sie auch noch den zweiten Satz! Der stimmt nämlich,
wenn man die Menschen in Deutschland betrachtet, die
hier seit vielen Jahren zu Armutslöhnen arbeiten
müssen.
Es ist nicht so, dass Sie in den letzten Jahren nicht die
Möglichkeit gehabt hätten, daran etwas zu ändern.
Genauso wie andere Staaten hätten Sie den Mindestlohn in
Deutschland längst einführen können.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Die Wirklichkeit ist die: Wir haben hier im Deutschen
Bundestag eine Mehrheit zumindest für Schritte hin zu
einem Mindestlohn, was die Tarifverträge angeht und
was den gesetzlichen Mindestlohn angeht.
(Anton Schaaf [SPD]: Dazu braucht man eine
qualifizierte Mehrheit!)
Das Problem ist, dass das nicht geschieht, und zwar aus
reiner Koalitionstreue – oder wie immer Sie das
bezeichnen wollen –, obwohl man Ihnen um die Ohren schlägt,
Sie schadeten Deutschland. Das ist ein einmaliger
Sachverhalt. Sie schadeten Deutschland, habe ich vom
Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU gehört. Nein, Sie
schaden den Menschen, die zu Hungerlöhnen arbeiten, wenn
Sie nicht endlich wahrhaftig werden und dem
Mindestlohn zustimmen und damit Ihrer eigenen Erklärung
folgen. Wer der eigenen Erklärung nicht zustimmt, macht
sich lächerlich.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos] – Zuruf von der
SPD: Total unglaubwürdig!)
Relationen
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