Rede von Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) – Drucksache 16/4845
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 28: Drucksache 16/4845 –.
Text
Rede von Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) – Drucksache 16/4845
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Steter Tropfen höhlt den Stein,
und stetes Debattieren schärft die Wahrnehmung von
Positionen. Deswegen bin ich froh, dass am Ende dieser
Sitzungswoche eines klar ist: Eine Fraktion in diesem
Haus möchte ohne Wenn und Aber die Einführung von
Mindestlöhnen,
und eine Fraktion in diesem Haus möchte ohne Wenn
und Aber, dass es keine Mindestlöhne gibt.
Wir glauben, dass sie beschäftigungsfeindlich sind und
die Beschäftigungschancen gerade von
geringqualifizierten Menschen in diesem Land reduziert.
(Werner Dreibus [DIE LINKE]: Glauben heißt
nicht wissen!)
Dazwischen gibt es ein mehr oder weniger großes
Geeiere. Das gilt auch für die Grünen, Frau Pothmer.
(Widerspruch beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN)
Ich hatte gestern in der Debatte leider nicht genügend
Zeit, Ihren Antrag zu würdigen.
Aber wenn man sich durchliest, was Sie da schreiben,
dann sieht man, dass auf Ihren Fahnen ähnlich wie bei
der Union steht, dass Sie den Mindestlohn wollen; aber
dem Kleingedruckten entnimmt man: Wasch mir den
Pelz, aber mach mich nicht nass!
Die Mindestlöhne, die eingeführt werden sollen, sollen
so nach Branchen und Regionen differenziert sein, dass
am Ende bei der Beschäftigung nichts passieren kann.
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Wie die Wirklichkeit, Herr Kolb!)
Aber das geht nicht. Einerseits glauben Sie, per
Mindestlohn in die Lohnfindung eingreifen zu müssen, womit
Sie den schlichten ökonomischen Grundsachverhalt
bestreiten, dass Löhne letztendlich die Produktivität
widerspiegeln müssen, andererseits wollen Sie die negativen
Auswirkungen des Mindestlohns verhindern. Ihr Antrag
führt dazu, dass nichts geschehen wird, und Sie hätten
ihn besser gelassen. Wenn Sie, Frau Pothmer,
geschwiegen hätten, wären Sie eine Philosophin geblieben. Das
haben Sie nicht getan.(Beifall bei der FDP – Zurufe von der SPD und
dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh!)
Bei der Union ist das etwas anders. Bei ihr deutet sich
seit gestern an, wohin die Reise geht. Man sperrt sich
nicht gegen eine Ausweitung des Entsendegesetzes. Ich
will doch noch eines zu dem anmerken, was Sie, Frau
Connemann, gesagt haben. Wenn ich das richtig verfolgt
habe, dann ist mittlerweile nicht mehr die Zustimmung
beider Tarifvertragsparteien zwingend erforderlich,
(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Laut unseres
Koalitionsvertrages schon!)
um das Entsendegesetz für eine Branche zur Anwendung
zu bringen, sondern der federführende Minister, Herr
Müntefering, kann auch gegen den Widerstand zum
Beispiel der Arbeitgeber in einer Branche einen Tarifvertrag
für allgemeinverbindlich erklären.
Ich sehe insgesamt die Gefahr, dass Zug um Zug, von
Branche zu Branche das Grundrecht der negativen
Koalitionsfreiheit abgeschafft wird. Das kann nicht sein.
Wir bekennen uns zur Tarifautonomie. Aber zur
Tarifautonomie gehört zwingend, dass ein Unternehmen
oder ein Arbeitnehmer sagen kann: Ich will nicht unter
diesen Tarifvertrag fallen. Für mich sollen andere,
abweichende Bedingungen gelten. – Deswegen sehe ich
die Tendenz, mit der Ausweitung des Entsendegesetzes
eine Lösung herbeizuführen, kritisch.
Gestern hat der Minister in der Debatte zwischen
einem Mindestlohn und einem Auffanglohn
unterschieden. Das läuft darauf hinaus, dass die Union einem
gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohn in
Deutschland in Höhe von 7,50 Euro nicht zustimmen wird, aber
– das ergibt sich auch aus der heutigen Berichterstattung
der Presse – am Ende ein Auffanglohn von circa 6 Euro
– Herr Brauksiepe lächelt dazu – auf dem Papier stehen
könnte.
(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Ich lache
über Sie!)
Dazu sage ich: Halb zog es sie, halb sanken sie hin. –
Die Union ist auf dem Weg, wieder einmal bei einer
zentralen arbeitsmarktpolitischen Frage einzuknicken. Das
sehen wir mit großer Sorge.
Ich will zum Schluss sagen: Es ist immer schön,
Deutschland mit dem europäischen Ausland zu
vergleichen. Es gibt aber gerade sieben Länder in einer
Spitzengruppe, deren Mindestlohn tatsächlich in etwa das
Niveau hat, das sich viele in diesem Hause für einen
deutschen Mindestlohn vorstellen, nämlich 7,50 Euro. In
14 weiteren europäischen Ländern gibt es zwar einen
Mindestlohn; der liegt aber unter 3,90 Euro in der
Stunde.
(Anton Schaaf [SPD]: Das sind keine
vergleichbaren Länder!)
Dr. Heinrich L. Kolb– Das sind aber Konkurrenten in einem gemeinsamen
Binnenmarkt, Herr Schaaf. Das können Sie nicht unter
den Tisch kehren. – Ich will auf Folgendes hinweisen:
Die Kombination, die entstehen würde, wenn man in
Deutschland auch noch einen gesetzlichen Mindestlohn
einführte, wäre in der Tat einmalig; denn wir haben mit
Hartz IV, ob man das gut findet oder nicht, faktisch
einen Mindestlohn in Deutschland.
(Anton Schaaf [SPD]: Was? – Andrea Nahles
[SPD]: Das ist ein Mindesteinkommen! Das ist
ein feiner Unterschied!)
Wir haben eine im Vergleich mit dem europäischen
Ausland überdurchschnittlich hohe
Arbeitsmarktregulierung, und wir würden noch ein Drittes oben draufsetzen.
Was in Großbritannien mit niedriger sozialer
Sicherheit funktioniert hat, wird in Deutschland genauso wenig
funktionieren, wie das in Frankreich der Fall gewesen
ist. Das sage ich Ihnen voraus. Deshalb – damit Sie das
noch einmal mit ins Wochenende nehmen können –: Die
FDP wankt nicht, sie steht!
Wir sind gegen Mindestlöhne, gegen gesetzliche und
tarifliche, auch gegen die Ausweitung des
Entsendegesetzes. Wir glauben, dass die Menschen in Deutschland
dann die besten Chancen auf mehr Arbeit haben, wenn
man den Tarifpartnern weiterhin das Recht auf
Lohnfindung lässt.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.