Rede von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/4845
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 28: Drucksache 16/4845 –.
Text
Rede von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/4845
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr
Kolb, Sie haben recht, wenn Sie unsere Vorschläge als
differenziert bezeichnen. Sie sind deswegen so
differenziert, weil die Wirklichkeit so differenziert ist. Herr
Kolb, leider ist die Welt nicht so einfach, wie es uns die
FDP immer wieder weismachen möchte. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wir diskutieren in diesem Parlament seit ungefähr
15 Monaten über die Einführung eines gesetzlichen
Mindestlohns.
(Oskar Lafontaine [DIE LINKE]: Seit
20 Jahren!)
Ich habe zunehmend das Gefühl, dass diese Diskussion
zu einer Gespensterdebatte wird.
(Beifall des Abg. Oskar Lafontaine [DIE
LINKE])
Wenn ich mir die Debatten von gestern und heute
ansehe, muss ich sagen: Ganz offensichtlich sind die
Verhandlungen gescheitert. Das sollten Sie den Menschen
nun öffentlich sagen. Monatelang haben Sie versucht,
den Eindruck zu erwecken, als kämen Sie sich inhaltlich
nahe. Das Einzige, worauf Sie sich verständigen
konnten, ist, wann der nächstmögliche Verzögerungstermin
bekannt zu geben ist. Inhaltlich hat sich aber leider
nichts getan.
Das hat auch etwas damit zu tun, dass Ihre Konzepte in
der Arbeitsmarktpolitik genauso weit auseinanderliegen,
wie sie in der Gesundheitspolitik auseinandergelegen
haben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen
Mindesteinkommen und Mindestlohn. Die Union will den
Staat mithilfe des Kombilohns dazu verpflichten, Teile
der Löhne zugunsten der Unternehmer zu übernehmen.
(Frank Spieth [DIE LINKE]: Es sind die
Steuerzahler, die das bezahlen müssen!)
– Genau, es sind die Steuerzahler, die das bezahlen. –
Die SPD sagt – wie ich finde: vollkommen zu Recht –,
dass das in einer Marktwirtschaft Aufgabe der
Unternehmer sein soll und auch bleiben soll.
Was sich dahinter verbirgt, sind grundlegende
Unterschiede bei der Auffassung darüber, welche Aufgaben
der Staat und welche der Markt hat.
(Anton Schaaf [SPD]: Das ist aber nichts
Neues!)
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte
der Wahrheit ist leider, dass sich die Koalitionspartner in
dieser Koalition gegenseitig nicht das Schwarze unter
dem Fingernagel gönnen. Liebe Kolleginnen und
Kollegen von der SPD, euer Koalitionspartner, die CDU/CSU,
hat nur das Ziel, dass die Sozialdemokraten am 1. Mai
mit leeren Händen dastehen. Das Drama ist, dass die
Union dieses Ziel leider erreicht hat. Ich sage „leider“
nicht aus tiefempfundenem Mitleid mit euch. Sicherlich
tut ihr mir ein bisschen leid.
Brigitte Pothmer(Zurufe von der FDP: Oh! – Ute Kumpf
[SPD]: Muss nicht sein!)
Das wirkliche Drama ist aber, dass die Betroffenen für
Hungerlöhne arbeiten müssen. Ich frage mich
inzwischen, welches eigentlich das Ziel dieser Koalition der
großen Möglichkeiten ist. Gibt es überhaupt noch eine
Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen und den
Erfordernissen der Zeit? Ist das Handeln noch
zukunftsorientiert oder geht es nur noch um Programme, die
eigene Klientel und Parteimitglieder, Wahltermine sowie
Auftritte zum 1. Mai? Was Sie hier aufführen, ist nicht
Politik als Kunst der Staatsführung, sondern Politik als
Kunst, die Menschen an der Nase herumzuführen. Damit
sollten Sie jetzt aufhören.
Ich danke Ihnen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der LINKEN)