Rede von Andrea Nahles (SPD) – Drucksache 16/4845
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 28: Drucksache 16/4845 –.
Text
Rede von Andrea Nahles (SPD) – Drucksache 16/4845
Nein, zurzeit nicht.
(Anton Schaaf [SPD]: Die wird sowieso nicht
weiterhelfen!)
Herr Pofalla sagte gestern hier im Plenum: Keiner
will Lohndumping zu menschenunwürdigen
Bedingungen. – Wir haben also eine Gemeinsamkeit, was den
Regelungsbedarf angeht. Ich sage aber auch ganz klar:Wenn dem so ist, muss man es am Ende des Tages auch
regeln wollen, und zwar konkret.
Ich wünsche der CDU/CSU noch ein bisschen mehr
Mut, um mit uns in den nächsten Wochen die konkreten
Schritte zu machen.
Was tun Sie? Sie haben einen schönen Gag gemacht.
Die Frage ist nur: Was nützt es den Menschen am Ende
des Tages? Wenig.
(Lachen bei Abgeordneten der LINKEN –
Gerd Andres, Parl. Staatssekretär: Nichts! –
Frank Spieth [DIE LINKE]: Ihr braucht nur
mitzustimmen!)
Ich sage Ihnen ganz offen: Ihnen geht es um die
Schlagzeilen im „Neuen Deutschland“ zum 1. Mai. Uns geht es
darum, dass wir die Branchen, bei denen das dringend
nötig ist, mit einem Mindestlohn versehen. Wir haben
auch eine Mehrheit dafür.
(Frank Spieth [DIE LINKE]: Das hat man
gestern gesehen: nicht viel!)
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen unseren
Fraktionen.
Sie sagten, dass wir hier Gespensterdebatten führen.
Dazu sage ich Ihnen: Ich bin der Ghostbuster!
(Beifall bei Abgeordneten der SPD –
Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Pippi
Langstrumpf! Mache mir die Welt, so wie sie mir
gefällt!)
Ich werde Ihnen jetzt noch einmal klarmachen, worüber
wir hier diskutieren. Sie wollten doch die Gespenster
vertreiben!
Erster Punkt. Welchen Anteil vom Lohn zahlen die
Arbeitgeber, die davon profitieren, dass Menschen billig
für sie arbeiten, die damit Gewinne machen, und
welchen Anteil vom Lohn zahlt der Staat in diesem
Niedriglohnbereich? Das wollen wir erst einmal klären. Die
SPD sagt klipp und klar: Es muss doch wohl
ordnungspolitisch korrigiert werden, wenn die Löhne so niedrig
sind, dass der Staat ständig Staatslohn drauflegen muss,
obwohl die Arbeitgeber aufgrund der niedrigen Löhne
höhere Gewinne machen. Das kann doch nicht richtig
sein. Das ist das erste Problem, das gelöst werden muss.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN – Frank Spieth [DIE LINKE]:
Der Steuerzahler zahlt!)
Der zweite Punkt. Es geht um fairen Wettbewerb.
Das sage ich auch in Richtung FDP.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Lassen Sie doch
einmal eine faire Zwischenfrage zu!)
Mich hat ein Unternehmer angeschrieben, der ein
tarifgebundenes Dienstleistungsunternehmen in der
Textilbranche mit 1 400 Mitarbeitern betreibt. Sie bezahlen
Andrea Nahles9 Euro pro Stunde. Dieser Unternehmer schrieb mir:
Mein persönliches Ziel ist es, die Ausgangsbedingungen
für alle Unternehmen der Branche vergleichbar zu
machen und dafür zu sorgen, dass zumindest ansatzweise
faire Löhne gezahlt werden. Ein Mindestlohn wäre
hierfür meines Erachtens ein sehr gutes Instrument. – Diese
Zuschrift ist kein Einzelfall. An diesen Zuschriften von
ehrlichen, vernünftigen und fairen Arbeitgebern merken
wir, dass wir Rückenwind für unsere Position
bekommen. Auf der Seite dieser Arbeitgeber stehen wir und
fordern einen Mindestlohn.
Letzter Punkt. Es geht um die Menschen, die
Menschenwürde. Was ist es eigentlich für eine Botschaft,
wenn ich für meine Schufterei, für das, was ich den
ganzen Tag leisten muss, am Ende des Tages 4 Euro pro
Stunde mit nach Hause nehme? Das entwertet doch mein
ganzes Selbst. Das entwertet die Menschen. Sie haben
ursprünglich die Bereitschaft, zu arbeiten und sich nicht
zu Hause hinzusetzen, um auf den nächsten Scheck vom
Sozialamt oder wie das heute genannt wird – die Leute
sagen immer noch Sozialamt dazu – zu warten. Die
Frage ist doch: Was ist meine Arbeit wert? Deswegen
freue ich mich, dass der DGB sagt: Ihr verdient mehr.
Deswegen keine Sorge, Frau Pothmer, es wird einen
Mindestlohn geben.
Vielen Dank.