Rede von Gitta Connemann (CDU/CSU) – Drucksache 16/4845
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 28: Drucksache 16/4845 –.
Text
Rede von Gitta Connemann (CDU/CSU) – Drucksache 16/4845
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Häufig
sind die, die laut schreien, heiser, wenn sie selbst
bekennen müssen: An diesen Spruch hat mich Ihre Tirade, die
Sie hier vorgetragen haben, wieder einmal in
eindrucksvoller Weise erinnert, Herr Kollege Lafontaine.
Da, wo Sie schon die Möglichkeit hatten, Verantwortung
zu übernehmen, haben Sie es nie getan;
(Lachen des Abg. Oskar Lafontaine
[DIE LINKE])
Gitta Connemannvielmehr sind Sie immer nach dem Motto verfahren: Auf
und davon, wenn es ernst wird!
(Beifall bei der CDU/CSU – Oskar Lafontaine
[DIE LINKE]: Wie alt sind Sie?)
Welchen Wert hat Arbeit tatsächlich? Diese Frage
habe ich Ihnen, meine Damen und Herren von der
Linken, hier in diesem Haus im Juni letzten Jahres gestellt.
Sie reklamierten damals für sich, die einzig wahre
Antwort zu kennen: 8 Euro sollten es sein. Nur einige
Monate vorher hatten Sie – wiederum mit Anspruch auf
Absolutheit – verlangt, es müssten mehr als 8 Euro sein.
Heute nun präsentieren Sie dem verblüfften Publikum
einen Antrag ganz ohne Angabe. Jetzt verlangen Sie
einen gesetzlichen Mindestlohn, der sich am Niveau
vergleichbarer europäischer Länder orientieren soll.
Welches Land mit uns vergleichbar sein soll, dazu
schweigen Sie.
(Oskar Lafontaine [DIE LINKE]: Das haben
wir schon zehnmal beantwortet!)
Dabei wäre eine Antwort auf diese Frage nach Ihrem
Antrag entscheidend; denn die gesetzlichen
Mindestlöhne in Europa reichen von 9,08 Euro in Luxemburg bis
zu 0,53 Euro in Bulgarien.
(Lachen bei der LINKEN – Werner Dreibus
[DIE LINKE]: Bulgarien ist sehr
vergleichbar!)
Welcher Vergleichsmaßstab soll nun gelten? Sie
beantworten diese Frage nicht. Die Arbeitslosenquote?
Dann wären wir bei Estland. Estland hat einen
Mindestlohn von 1,33 Euro. Das können Sie nicht wirklich
wollen. Dieses Beispiel zeigt aber auch die Beliebigkeit
Ihres Antrages. Es geht Ihnen nie um die Sache.
Ihre Politik gleicht einer Mogelpackung: Wenn man
die Schachtel auspackt, stellt man fest, dass nichts,
wirklich gar nichts darin ist.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Das Verwerfliche dabei ist, dass Sie mit jedem dieser
Pseudoanträge Angst schüren, und das bei einem Thema,
das die Menschen in diesem Land wirklich bewegt: die
Sorge um ihren Lebensunterhalt. Dieses Thema bewegt
Arbeitslose ebenso wie Arbeitnehmer. Gerade bei diesen
wächst doch die Angst, da sie sich zunehmend mit
Schlagwörtern wie „Hungerlöhne“ und „Armut“
konfrontiert sehen. Wer würde da keine Angst bekommen?
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]:
Schlagwörter? Realität ist das!)
Aber wie viele Arbeitnehmer sind tatsächlich
betroffen? Unser Bundesminister Franz Müntefering hat uns
gestern die Zahl genannt: Von den mehr als
26,4 Millionen sozialversicherungspflichtig
Beschäftigen in Deutschland sind es 500 000.
(Hans-Kurt Hill [DIE LINKE]: 500 000 zu
viel!)Diese Männer und Frauen arbeiten im sogenannten
Niedriglohnbereich. Sie arbeiten in Vollzeit und können
ihren Lebensunterhalt trotzdem nicht allein bestreiten.
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Dann tut doch einmal etwas dagegen!)
Wie können wir ihnen helfen? Als ein möglicher Weg
wird ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn
vorgeschlagen. In vielen Ländern Europas ist er bereits
Realität. Warum also nicht bei uns?
Die Antwort ist einfach: In diesen Ländern herrschen
vollkommen andere soziale und wirtschaftliche
Grundbedingungen. Nehmen wir zum Beispiel das vielzitierte
Großbritannien: Dort ist ein Mindestlohn von
7,36 Euro festgelegt. Es wird angeführt, dass die
Beschäftigung dort zugenommen hat, selbst in den
Branchen, in denen es einen Mindestlohn gibt. Das mag
stimmen, aber die dortigen Bedingungen sind mit unseren
eben nicht vergleichbar:
Erstens. Es gibt in Großbritannien nur einen
minimalen gesetzlichen Kündigungsschutz. Den will hier wohl
niemand, unsere Fraktion jedenfalls nicht.
Zweitens. Die britischen Arbeitnehmer arbeiten im
Durchschnitt einen Monat länger im Jahr als die
deutschen. Auch das wird hier keiner wollen.
Drittens. Es gibt dort – anders als bei uns – nur eine
verschwindend geringe soziale Absicherung. Wollen Sie
diese Bedingungen wirklich um den Preis des
gesetzlichen Mindestlohnes auf Deutschland übertragen?
Werfen wir einen Blick auf das angebliche
Vorbildland Frankreich. Dort gibt es einen Mindestlohn von
8,27 Euro.
Dort herrscht aber auch eine Jugendarbeitslosigkeit, die
um 50 Prozent höher als bei uns in Deutschland ist.
Diese Jugendlichen haben keinerlei Chance, auf dem
Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Wollen Sie das wirklich auch
in Deutschland um den Preis des gesetzlichen
Mindestlohnes?
Diese Beispiele zeigen: Man kann Äpfel nicht mit
Birnen vergleichen.
(Beifall bei der CDU/CSU – Frank Spieth
[DIE LINKE]: Dem kann man nur
zustimmen!)
Betrachten wir also die soziale Marktwirtschaft, in
der wir leben. Dazu passt eines sicherlich nicht:
Lohnwucher. Er ist schlichtweg unanständig, sittenwidrig,
strafbar.
Es gibt ihn. Aber jemand, der schon heute ein Gesetz
bricht, wird sich niemals einem gesetzlichen
Mindestlohn beugen. Dies zeigen die Erfahrungen aus der
Baubranche: Wer das Arbeitnehmer-Entsendegesetz
unterlaufen will, tut dies auch – durch falsche Angaben zur
Arbeitszeit, Scheinselbstständigkeit, Schwarzarbeit.
Gitta ConnemannDen Behörden gelingt es nur teilweise, diese
schwarzen Schafe zu finden. Wir haben häufig das Problem:
Wo kein Kläger, da kein Richter. Hier sollten wir als
Gesetzgeber prüfen, ob eine Definition der
Sittenwidrigkeit den Arbeitnehmern nicht aus diesem Dilemma
helfen kann.
(Frank Spieth [DIE LINKE]: Wer das
Arbeitnehmer-Entsendegesetz unterläuft, begeht eine
kriminelle Tag, wird aber behandelt, als wäre
es ein Verkehrsdelikt!)
Lohnwucher ist aber nicht mit Niedriglöhnen zu
verwechseln. Jeder von uns kennt die Beispiele. Eines der
bekanntesten: Eine Friseurin in Thüringen erhält im
ersten Gesellenjahr 3,82 Euro die Stunde –
(Jörg Tauss [SPD]: Das ist zu wenig! – Frank
Spieth [DIE LINKE]: Wissen Sie, wann das
zum letzten Mal angepasst wurde?)
Tariflohn; von der Gewerkschaft abgesegnet. Kann diese
Frau damit eine Familie ernähren?
Sicher nicht. Hilft ihr der gesetzliche Mindestlohn?
Sicher nicht. Die Befürworter zeichnen folgendes Idyll:
Der Saloninhaber wird verpflichtet, 7,50 Euro zu zahlen;
er erhöht die Preise, und der Verbraucher zahlt diese mit
Freude. – Idyll, aber nicht Wirklichkeit. Dies zeigt: Die
Kunden wollen und können manchmal auch nicht mehr
zahlen. Deshalb müssen die Betriebe sparsam sein,
deshalb reicht für diese Arbeitnehmer der Lohn kaum zum
Leben, deshalb müssen sie selbst wieder auf jeden Cent
achten usw.
(Frank Spieth [DIE LINKE]: So wird
Schwarzarbeit gefördert!)
Das ist die Wirklichkeit. Dazu gehört übrigens auch
die Erkenntnis: Löhne sind Preise für Arbeit. Löhne
orientieren sich an der Produktivität, nicht an der
Sicherung des Lebensunterhalts.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Dirk
Niebel [FDP]: Bisher kein einziges Mal
Applaus von der SPD!)
Letztere ist Aufgabe des Sozialsystems.
Diese Erkenntnis mag kalt, theoretisch,
wissenschaftlich klingen. Aber sie bleibt wahr. Nachfrage und
Angebot bestimmen den Preis, Herr Kollege Lafontaine. Wir
können uns eben nicht wie Pippi Langstrumpf die Welt
machen, wie sie uns gefällt;
(Oskar Lafontaine [DIE LINKE]: Aber auch
nicht wie Pippi Blaustrumpf!)
zwei mal drei macht eben nicht vier, Herr Kollege
Lafontaine.
Wer seinen Lohn nicht erwirtschaftet, wird arbeitslos.
Wer also gesetzliche Mindestlöhne fordert, nimmt in
Kauf, die Arbeitslosigkeit zu zementieren.(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP – Widerspruch bei der LINKEN)
Das ist das zentrale Problem unserer Gesellschaft: die
immer noch zu hohe Arbeitslosigkeit. Ihre Bekämpfung
muss unser oberstes Ziel sein. Die Einführung von
gesetzlichen flächendeckenden Mindestlöhnen wäre dabei
eine Hürde.
Es ist deshalb klug, die Lohnfrage dort zu lassen, wo
sie hingehört: in den Tarifverhandlungen.
Ich persönlich glaube, dass die Tarifvertragsparteien
den Markt am besten kennen. Die Tarifautonomie hat
sich bewährt.
(Oskar Lafontaine [DIE LINKE]: Vor allen
Dingen bei den 50 Prozent, die keinen Vertrag
haben!)
Nur dort, wo Gewerkschaften und Arbeitgeber
gemeinsam feststellen, dass sie über einen Niedriglohn nicht
hinauskommen, ist der Staat gefordert. Hier muss er,
müssen wir ein – das betone ich, Herr Kollege Lafontaine –
Mindesteinkommen sichern.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der FDP)
Mindestlohn und Mindesteinkommen sind nicht zu
verwechseln. Wenn Sie es mir nicht glauben, schauen Sie in
den Bericht des Sachverständigenrates. Aber
Wissenschaft liegt Ihnen offensichtlich nicht nahe.
Ein zu geringes Vollzeitarbeitseinkommen muss
aufgestockt werden, damit der Satz gilt: Wer hart arbeitet,
muss ein anständiges Auskommen haben. – Nur dort
darf der Staat eingreifen zugunsten der Arbeitnehmer,
wie im Falle des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes
zugunsten der Arbeitgeber. Die Voraussetzungen für
dessen mögliche Ausweitung sind übrigens im
Koalitionsvertrag klug und klar beschrieben: Erstens bedarf es
einer sozialen Verwerfung, zweitens einer
Entsendeproblematik, drittens eines Tarifgefüges und viertens der
Zustimmung von Arbeitgebern und Gewerkschaften.
Der Koalitionsvertrag achtet also die Tarifautonomie
und damit das Grundgesetz. Die Väter dieses Gesetzes
verzichteten übrigens bewusst darauf, einen
angemessenen Lohn staatlich definieren zu wollen. Der
Sozialdemokrat Carlo Schmid
(Dirk Niebel [FDP]: War der wirklich in der SPD?
Erhard war ja auch nicht in der CDU!)
begründete dies wie folgt – ich zitiere –:
Es ist gut, dass die Bundesrepublik darauf
verzichtet, hierbei durch staatlichen Zwang einzugreifen.
Wir liefen sonst Gefahr, dass das, was am besten
dem Austrag durch die unmittelbar Betroffenen
überlassen bleibt, unter dem Anschein der
Objektivität zum Gegenstand eines Machtanspruchs jener
würde, deren Interessen das Ohr der jeweiligen
Parlamentsmehrheit finden.
Auch heute ist diesen Worten nichts hinzuzufügen.
Vielen Dank.
Gitta Connemann(Beifall bei der CDU/CSU)
Relationen
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