Funktion des Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland abschaffen
Text
Funktion des Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland abschaffen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8394
21. Wahlperiode 06.10.2026
Antrag
der Abgeordneten Stephan Brandner, Peter Bohnhoff, Joachim Bloch, Alexander
Arpaschi, Carolin Bachmann, Adam Balten, Dr. Christoph Birghan, Dr. Michael
Blos, René Bochmann, Erhard Brucker, Boris Gamanov, Rainer Groß, Dr. Ingo
Hahn, Udo Theodor Hemmelgarn, Dr. Malte Kaufmann, Dr. Michael Kaufmann,
Rocco Kever, Kurt Kleinschmidt, Heinrich Koch, Achim Köhler, Knuth Meyer-
Soltau, Reinhard Mixl, Denis Pauli, Arne Raue, Dr. Rainer Rothfuß, Lars Schieske,
Martina Uhr, Sven Wendorf, Wolfgang Wiehle, Dr. Daniel Zerbin und der Fraktion
der AfD
Funktion des Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland abschaffen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse ist eine gesamtdeutsche
Aufgabe. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung bestehen regionale
Strukturunterschiede nicht ausschließlich zwischen Ost- und Westdeutschland,
sondern auch innerhalb einzelner Länder sowie zwischen städtischen und
ländlichen Räumen in ganz Deutschland.
Die Funktion der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland beruht
nicht auf einer eigenständigen gesetzlichen Grundlage, sondern auf einer
Organisationsentscheidung der Bundesregierung. Sie verfügt über keine eigenständige
fachliche Zuständigkeit, sondern soll im Wesentlichen koordinierende, beratende,
repräsentative und berichtende Aufgaben wahrnehmen.
Die Herausforderungen in den ostdeutschen Ländern, etwa bei wirtschaftlicher
Entwicklung, Demografie, Infrastruktur, Fachkräftesicherung, Digitalisierung,
Bildung, Forschung, innerer Sicherheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt,
fallen fachlich in die Zuständigkeit der jeweiligen Bundesministerien. Eine
gesonderte Beauftragtenstruktur führt zu zusätzlichen Koordinierungs- und
Berichtsebenen, ohne dass damit eigene Entscheidungskompetenzen verbunden
wären.
Eine fortdauernde Sonderstruktur für Ostdeutschland ist nicht mehr sachgerecht.
Sie kann dazu beitragen, eine dauerhafte regionale Sonderkategorie zu
verfestigen, statt gleichwertige Lebensverhältnisse als Aufgabe für alle
strukturschwachen Regionen in Deutschland zu begreifen.
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. die Funktion der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland
aufzuheben;
2. die bisher von der Beauftragten wahrgenommenen Aufgaben soweit
notwendig in die regulären Zuständigkeiten der fachlich betroffenen
Bundesministerien zu überführen;
3. die Geschäftsverteilung der Bundesregierung und die internen
Organisationsregelungen entsprechend anzupassen;
4. Doppelstrukturen, zusätzliche Berichtslinien und entbehrliche
Koordinierungsgremien abzubauen;
5. sicherzustellen, dass Anliegen der ostdeutschen Länder künftig im
Rahmen der regulären Bund-Länder-Zusammenarbeit sowie durch die
fachlich zuständigen Ressorts bearbeitet werden;
6. die bislang für die Funktion vorgesehenen Haushaltsmittel, Planstellen
und Stellenansätze einzusparen oder in konkrete fachpolitische
Maßnahmen zur Stärkung gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen
strukturschwachen Regionen umzuschichten.
Berlin, den 6. Oktober 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Begründung
Die Funktion der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland ist nicht mehr erforderlich. Die
Wiedervereinigung liegt mehr als drei Jahrzehnte zurück. Die neuen Bundesländer sind integraler Bestandteil der
Bundesrepublik Deutschland. Die besonderen Herausforderungen einzelner Regionen lassen sich heute nicht mehr
allein entlang der früheren innerdeutschen Grenze beschreiben. Strukturschwäche, Abwanderung, demografischer
Wandel, Fachkräftemangel, unzureichende Verkehrsanbindung oder wirtschaftliche Transformationsprozesse
betreffen zahlreiche Regionen in ganz Deutschland. Diese Herausforderungen sind von den jeweils zuständigen
Fachressorts zu bearbeiten. Eine regionale Sonderbeauftragtenstruktur ist dafür nicht notwendig oder sogar
hinderlich.
Der sogenannte Ostbeauftragte besitzt keine eigene Fachzuständigkeit und keine eigenständigen
Durchgriffsrechte gegenüber den Ressorts. Die Tätigkeit besteht vor allem in Koordinierung, Kommunikation,
Repräsentation und Berichterstattung. Diese Aufgaben können durch die zuständigen Bundesministerien sowie im Rahmen
der bestehenden Bund-Länder-Gremien besser wahrgenommen werden.
Der frühere Kanzleramtsminister Thomas de Maizière machte bereits im Oktober 2025 deutlich, dass das Amt
des Ostbeauftragten heute überflüssig sei. Er betonte, dass der Ostbeauftragte selbst keine Lösungen anbiete,
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
sondern nur auf Probleme aufmerksam machen könne (https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesell-
schaft/wiedervereinigung-einheit-de-maiziere-ostbeauftragter-unnoetig-100.html). CDU-Politiker Müller
betonte, er möchte den Ostbeauftragten zwar abschaffen aber dafür einen neuen Beauftragten für strukturschwache
Regionen einführen (https://www.tagesspiegel.de/politik/kurz-vor-tag-der-einheit-unionsfraktionsvize-will-ost-
beauftragten-abschaffen-und-durch-neues-amt-ersetzen-14393081.html).
Der Präsident des IWH-Halle machte deutlich, dass eine dauerhafte Sonderbeauftragtenstruktur das Bild einer
fortbestehenden ostdeutschen Benachteiligung verfestige, statt Selbstständigkeit, wirtschaftliche Stärke und
Normalisierung zu betonen (https://www.tagesspiegel.de/berlin/diskussion-fuhrt-in-die-irre-iwh-chef-entwicklung-
im-osten-wird-zu-oft-problematisiert-15317363.html).
Besondere Bedeutung kommt zudem dem Argument zu, dass die fortbestehende Sonderbehandlung
Ostdeutschlands von vielen Menschen, die in den neuen Bundesländern leben, dort geboren oder aufgewachsen sind, nicht
als Anerkennung, sondern als bevormundend und herabsetzend wahrgenommen wird. Die Vorstellung, für „die
Ostdeutschen“ müsse innerhalb der Bundesregierung eine besondere Beauftragtenstruktur vorgehalten werden,
vermittelt den Eindruck, Ostdeutschland sei auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ein
politischer Sonderfall, der einer besonderen Fürsprache bedürfe. Dies wird dem gewachsenen Selbstverständnis vieler
Ostdeutscher nicht gerecht. Gerade bei jüngeren Ostdeutschen hat sich in den vergangenen Jahren ein neues
Selbstbewusstsein herausgebildet. Unter Begriffen wie „Oststolz“ und „Osttrotz“ wird eine Haltung beschrieben,
die die eigene Herkunft, regionale Prägungen, biografische Erfahrungen, kulturelle Eigenheiten und Symbole
nicht als Defizit begreift, sondern selbstbewusst als Teil der eigenen Identität annimmt. Diese Haltung ist nicht
Ausdruck von Abgrenzung gegenüber dem übrigen Deutschland, sondern Ausdruck von Normalität: Ostdeutsche
Identität ist nicht länger erklärungsbedürftig und steht nicht unter dem Vorzeichen eines dauerhaften Nachhol-,
Defizit- oder Betreuungsbedarfs. Die Existenz einer besonderen Ostbeauftragten steht zu diesem
Selbstverständnis in einem Spannungsverhältnis. Sie hält institutionell an der Vorstellung fest, Ostdeutschland bedürfe einer
besonderen politischen Vertretung innerhalb der Bundesregierung. Dadurch wird eine Unterscheidung
fortgeschrieben, die viele Angehörige insbesondere der jüngeren Generation gerade überwinden wollen. Wer
ostdeutsche Lebensleistungen, Umbruchserfahrungen und regionale Identitäten ernst nimmt, darf Ostdeutsche nicht
dauerhaft als Sondergruppe behandeln, sondern muss sie als gleichberechtigten und selbstverständlichen Teil der
Bundesrepublik begreifen. Ostdeutsche wollen nicht über Fürsprache, Sonderzuständigkeiten oder symbolische
Stellvertretung definiert werden. Sie erwarten vielmehr selbstverständlich gleiche Chancen, leistungsfähige
Infrastruktur, wirtschaftliche Entwicklung, Sicherheit, gute Bildung und funktionierende staatliche Strukturen —
also politische Antworten, die für alle Regionen Deutschlands relevant sind. Diese Aufgaben fallen in die
Zuständigkeit der Fachressorts und bedürfen keiner gesonderten Beauftragtenstruktur. Die Abschaffung der Funktion
der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland bedeutet daher nicht, ostdeutsche Belange
geringzuschätzen. Im Gegenteil: Sie trägt dem Selbstbewusstsein ostdeutscher Bürger Rechnung.
Die Aufhebung der Funktion dient auch der Verwaltungsvereinfachung. Sie vermeidet Doppelzuständigkeiten,
reduziert zusätzliche Abstimmungs- und Berichtsebenen und stärkt die Verantwortlichkeit der Fachressorts.
Zugleich wird vermieden, Ostdeutschland dauerhaft als Sonderfall innerhalb der Bundesrepublik zu behandeln.
Gleichwertige Lebensverhältnisse müssen als gesamtdeutsche Aufgabe verstanden werden. Förder- und
Strukturpolitik sollte sich an objektiven Kriterien wie Wirtschaftskraft, Arbeitsmarkt, Demografie, Infrastruktur und
kommunaler Leistungsfähigkeit orientieren, nicht an einer pauschalen Ost-West-Kategorisierung.
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Relationen
- authored ← Achim Köhler (Antrag)
- authored ← Adam Balten (Antrag)
- authored ← Alexander Arpaschi (Antrag)
- authored ← Arne Raue (Antrag)
- authored ← Boris Gamanov (Antrag)
- authored ← Carolin Bachmann (Antrag)
- authored ← Christoph Birghan (Antrag)
- authored ← Daniel Zerbin (Antrag)
- authored ← Denis Pauli (Antrag)
- authored ← Erhard Brucker (Antrag)
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Heinrich Koch (Antrag)
- authored ← Ingo Hahn (Antrag)
- authored ← Joachim Bloch (Antrag)
- authored ← Knuth Meyer-Soltau (Antrag)
- authored ← Kurt Kleinschmidt (Antrag)
- authored ← Lars Schieske (Antrag)
- authored ← Malte Kaufmann (Antrag)
- authored ← Martina Uhr (Antrag)
- authored ← Michael Blos (Antrag)
- authored ← Michael Kaufmann (Antrag)
- authored ← Peter Bohnhof (Antrag)
- authored ← Rainer Groß (Antrag)
- authored ← Rainer Rothfuß (Antrag)
- authored ← Reinhard Mixl (Antrag)
- authored ← René Bochmann (Antrag)
- authored ← Rocco Kever (Antrag)
- authored ← Stephan Brandner (Antrag)
- authored ← Sven Wendorf (Antrag)
- authored ← Udo Theodor Hemmelgarn (Antrag)
- authored ← Wolfgang Wiehle (Antrag)
- part_of_vorgang → Funktion des Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland abschaffen (Antrag)