Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2026 In Bewegung bleiben
Text
Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2026 In Bewegung bleiben
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8400
21. Wahlperiode 07.10.2026
Unterrichtung
durch die Bundesregierung
Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2026
In Bewegung bleiben
Zugeleitet mit Schreiben der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland vom 6. Oktober 2026 gemäß
Beschluss vom 28. Mai 2009 (Bundestagsdrucksache 16/13121).
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
INHALT
Einleitung
Worauf es ankommt 4
Teil A – Zuhören 12
„Das Glas ist halb voll!“ – Prominente im Gespräch 14
„Wandel kann man nicht aussitzen“ – Unternehmer im Gespräch 18
Zwei, die etwas bewegen – Engagierte im Gespräch 23
„Meinen Osten gebe ich nicht her“ – Studierende im Gespräch 28
Teil B – Handeln 34
Aufstiegschancen durch verbesserte Infrastruktur, Vermögensaufbau und Finanzbildung 38
Integrationspolitik als Gestaltungsaufgabe für zukünftige Entwicklung
und Fachkräftesicherung 41
Startups als Motor für Aufstieg und Chancengleichheit in Ostdeutschland 45
Innovationsförderung schafft neue berufliche Perspektiven in strukturschwachen Regionen 47
Recht erfahrbar machen, Vertrauen stärken, ostdeutsche Standorte entwickeln 49
Bildungschancen von Anfang an stärken 51
Aufstiegschancen durch Orientierung, Ausbildung und gute Arbeit 54
Schnelle Netze und digitale Verwaltung eröffnen Chancen in jeder Region 57
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Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 2 –
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Mobilität als Schlüssel für Bildung, Arbeit und gesellschaftlichen Aufstieg 59
Bildung und Beteiligung stärken Zukunftschancen im Strukturwandel 61
Damit Gesundheit den eigenen Weg ermöglicht 63
Bildungs- und Berufschancen verbessern – durch bezahlbares Wohnen und starke Quartiere 66
Kulturförderung in Ostdeutschland: Berufliche Perspektive durch kulturelle Stärke 68
Freiwilliges Engagement als tragende Säule des Gemeinwesens 75
Bekämpfung von Rassismus in Ostdeutschland 77
Teil C – Wissen 78
Deutschland-Monitor 2026 80
Elitenmonitor: Karrierechancen in Ostdeutschland stärken 105
Fortschreibung des Bundes konzepts „Ostdeutsche in Führungspositionen“
in der Bundesverwaltung – Daten 2026 111
Anhang 116
Impressum 121
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 3 –
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Liebe Leserinnen und Leser,
wir alle haben eigene Vorstellungen davon,
was ein gutes und selbstbestimmtes Leben
ausmacht. Ob sich diese Vorstellungen
verwirklichen lassen, hängt auch davon ab,
welche Möglichkeiten sich uns bieten: Ist eine
gute Schule in der Nähe? Unterstützen uns
Eltern und Lehrkräfte in unseren Ambitionen?
Finden wir anschließend einen
Ausbildungsoder Arbeitsplatz? Können wir mit unserem
Einkommen die Miete bezahlen, vielleicht
sogar Eigentum erwerben und gut für das
Alter vorsorgen?
Wir leben in einer Zeit der Ungewissheit: Kriege
und geopolitische Spannungen sind nach Europa
zurückgekehrt. Energiepreise und Inflation
machen das Leben spürbar teurer. Die
Transformation der Arbeitswelt, der Klimawandel
und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz
verändern, wie wir arbeiten und wirtschaften.
Und angesichts der demografischen Entwicklung
ringen viele Regionen um Fachkräfte,
Infrastruktur und Zukunftsperspektiven.
In einer pluralen Gesellschaft sind die
Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, größer
geworden – und zugleich sind sie nicht für alle
gleichermaßen erreichbar.
Viele Menschen erleben diese Widersprüche.
Sie sehen, was möglich ist, und fragen sich
zugleich, ob diese Möglichkeiten auch für
sie gelten. Sie wollen aufsteigen, sich etwas
aufbauen und ihren Kindern einen guten Weg
ermöglichen. Sie wollen, dass ihre Arbeit zählt.
Sie wollen sich engagieren, ohne das Gefühl
zu haben, damit allein zu sein. Gerade in den
momentanen Zeiten der großen
Veränderungen wollen sie aber auch das bereits Erreichte
bewahren, es nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.
Und sie erwarten zu Recht, dass Politik ihre
Lebenswirklichkeit kennt.
Zugleich sinkt das Vertrauen in politische
Institutionen. Manche Menschen haben
den Eindruck, dass ihre Erfahrungen nicht
ausreichend gesehen werden. Anderen gehen
die Veränderungen zu langsam oder auch zu
schnell voran. Wieder andere haben das Gefühl,
dass über sie statt mit ihnen gesprochen wird.
Die Antworten auf diese Entwicklungen liegen
im Diskurs und Engagement. Eine
demokratische Gesellschaft braucht Auseinandersetzung
und Beteiligung. Sie braucht Streit über den
richtigen Weg. Aber sie braucht ebenso die
Bereitschaft, zuzuhören und die Perspektive
des anderen auszuhalten. Wer nur noch urteilt,
bevor er zuhört, wird keine gemeinsamen
Lösungen finden.
Deshalb beginnt der diesjährige Bericht der
Ostbeauftragten mit Gesprächen.
WORAUF ES ANKOMMT
Einleitung
Elisabeth Kaiser, Staatsministerin und Beauftragte
der Bundesregierung für Ostdeutschland
Einleitung
4
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Zuhören, bevor wir urteilen
Im ersten Teil (Teil A) kommen Menschen
miteinander ins Gespräch, die unterschiedliche
Erfahrungen, Lebenswege und Perspektiven
mitbringen. Sie sprechen über Fragen, die für
die Zukunft unseres Landes entscheidend sind.
Zwei Menschen sprechen über Engagement als
Ausdruck gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Sie tauschen sich darüber aus, was Menschen
dazu bewegt, sich einzubringen, welche
Erfahrungen sie dabei machen und welche
Bedingungen es braucht, damit gemeinsames
Handeln vor Ort gelingt. Dabei geht es auch
um die Frage, wo Erwartungen auf Grenzen
stoßen und wie Vertrauen und Zusammenhalt
wachsen können.
Aus der Perspektive einer traditionsreichen
Branche und eines jungen, inzwischen stark
gewachsenen Technologieunternehmens geht
es um wirtschaftliche Impulse: Wie lässt sich
bestehende Stärke bewahren? Was brauchen
neue Unternehmen, um erfolgreich zu wachsen?
Welche Bedingungen ermöglichen Innovation
und Wachstum, gerade wenn Kapital knapp ist?
Zwei Studierende mit unterschiedlichen
Träumen und vielleicht auch
Ausgangsbedingungen sprechen über Chancen und
Möglichkeiten, über Pläne und Grenzen.
Darüber, wie viel Herkunft über den eigenen
Weg entscheidet – und wie viel man selbst in
der Hand hat.
Und zwei bekannte Persönlichkeiten tauschen
sich über Herkunft und Identität, über
Prägungen und Lebenswege, über Zugehörigkeit und
die Suche nach dem eigenen Ort aus.
Der Wert dieser Gespräche liegt darin, dass
Menschen einander zuhören. Dass Erfahrungen
nebeneinanderstehen dürfen, ohne sofort
abgewertet zu werden. Dass Unterschiede
sichtbar werden, ohne dass daraus zwangsläufig
Gegensätze entstehen.
Ich glaube, dass wir davon mehr brauchen.
Denn manchmal beginnt politische Veränderung
genau dort: wo Menschen einander zuhören
und nach Gemeinsamkeiten statt
Unterschieden suchen.
Handeln, wo Möglichkeiten
entstehen
Der zweite Teil (Teil B) des Berichts richtet den
Blick auf das staatliche Handeln. Die
Bundesregierung stellt dar, wie Politik Menschen
dabei unterstützen kann, ihren Weg zu gehen:
Welche Maßnahmen eröffnen Chancen? Wo
lassen sich Barrieren abbauen? Die Antworten
darauf gibt die Bundesregierung in ganz
unterschiedlichen Politikfeldern.
Der Bericht beleuchtet dabei bewusst auch
Maßnahmen, die als gesamtdeutsche Vorhaben
angelegt sind. Das ist kein Widerspruch zu
seinem besonderen Blick auf Ostdeutschland.
Im Gegenteil: Eine gesamtdeutsche Regelung
kann unterschiedliche Ausgangslagen
berücksichtigen, ohne Ostdeutschland zum Sonderfall
zu erklären. Entscheidend ist nicht, ob eine
Maßnahme ausdrücklich als „ostdeutsch“
bezeichnet wird, sondern welche Wirkung sie
unter unterschiedlichen Bedingungen entfaltet.
Gerade darin liegt ein wichtiger Schritt auf dem
Weg zu einer Politik, die ostdeutsche
Erfahrungen und besondere Ausgangsbedingungen
selbstverständlich mitdenkt. Entscheidend
ist, ob diese Maßnahmen bei den Menschen
ankommen und ob sie ihnen tatsächlich neue
Möglichkeiten eröffnen.
Um ein Beispiel zu nennen: Für viele
Ostdeutsche ist die gesetzliche Rentenversicherung
bis heute die wichtigste, oftmals einzige Säule
ihrer Alterssicherung. Sie beziehen im Alter ihr
Einkommen vor allem aus der gesetzlichen
Rente, in die sie über Jahrzehnte ihrer
Erwerbsarbeit eingezahlt haben. Betriebliche
Altersversorgung und private Vermögen spielen in
Ostdeutschland hingegen eine geringere Rolle.
Das ist eine Folge unterschiedlicher Erwerbs-
und Vermögensbiografien, die bis heute
nachwirken. Diese Unterschiede werden auch
Worauf es ankommt
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in den kommenden Jahren fortbestehen, denn
der Aufbau von Rentenanwartschaften – ob
in der gesetzlichen Rentenversicherung, über
betriebliche Vorsorge oder durch privates
Vermögen – vollzieht sich über lange Zeiträume.
Deshalb ist es wichtig, die gesetzliche
Rentenversicherung als erste Säule der Alterssicherung
zukunftsfest zu machen.
Zugleich können Maßnahmen zur stärkeren
Verbreitung einer betrieblichen
Altersversorgung und die ergänzenden Möglichkeiten der
kapitalgedeckten Vorsorge neue Chancen zur
Erhöhung der Altersversorgung eröffnen. Die
Frühstartrente soll Kindern und Jugendlichen
unabhängig von ihrem Wohnort frühzeitig den
Zugang zu kapitalgedeckter Vorsorge und erste
Schritte auf dem Kapitalmarkt ermöglichen.
Ihre Bedeutung dürfte dort besonders groß sein,
wo private Vermögen weniger verbreitet sind.
Das trifft auf Ostdeutschland in besonderem
Maße zu. In vier Jahrzehnten DDR gab es quasi
keinen privaten Vermögensaufbau. Bis heute
sind die Vermögen in Ostdeutschland deutlich
geringer als im Westen. Auch Erfahrungen mit
Kapitalmarkt und Aktienanlage sind weniger
verbreitet. Kleine Beträge, mit denen frühzeitig
Erfahrungen gesammelt und langfristig
Vermögen aufgebaut werden können, können
deshalb gerade in Ostdeutschland eine besondere
Wirkung entfalten.
Die Frühstartrente ist damit kein Ersatz für
die gesetzliche Rente. Sie ist eine ergänzende
Maßnahme, um frühzeitig private Vorsorge
und Vermögensaufbau zu ermöglichen. Das ist
eine konkrete Frage von Chancengerechtigkeit.
Es geht nicht darum, allen das gleiche Ergebnis
zu versprechen. Es geht darum, die
Voraussetzungen dafür zu verbessern, dass Menschen
selbst etwas mehr für sich tun können.
Dazu gehört auch Finanzbildung. Wer sicher
mit Geld umgehen, Risiken einschätzen und
langfristige Entscheidungen treffen kann, hat
mehr Möglichkeiten, sein eigenes Leben zu
gestalten. Finanzwissen darf kein Spezialwissen
für diejenigen sein, die ohnehin über die besten
Startbedingungen verfügen.
Der vorliegende Bericht zeigt, dass solche
Fragen nie isoliert betrachtet werden können.
Frühzeitige Bildung, berufliche Entwicklung,
wirtschaftliche Stärke, Infrastruktur und
finanzielle Sicherheit greifen ineinander.
Aufstieg entsteht selten durch eine einzige
Maßnahme. Er entsteht dort, wo Menschen
an entscheidenden Punkten ihres Lebens
Zugang zu Wissen, Unterstützung und
Möglichkeiten erhalten.
Arbeitsplätze sichern und Neues
möglich machen
Viele Menschen in Ostdeutschland werden
durch die Entwicklungen und Diskussionen
in zentralen Industriebranchen gerade wieder
mit Zukunftsfragen und auch Zukunftsängsten
konfrontiert. Sie verbinden mit ihrer Region
nicht abstrakte Standortdaten, sondern ihren
Arbeitsplatz, ihr Einkommen, ihre Familie und
ihre Lebensplanung. Wenn ein großer
Arbeitgeber schließt oder eine Branche unter Druck
gerät, verändert das deshalb weit mehr als eine
Statistik. Es verändert die Perspektive einer
ganzen Region.
Ostdeutschland verfügt neben einem starken
Mittelstand und Handwerk auch über starke
industrielle Kerne. Die Automobil- und die
Chemieindustrie sind dabei von
herausragender Bedeutung. Zugleich stehen diese
Branchen vor tiefgreifenden Veränderungen.
Dabei haben wir im Osten bereits in den letzten
Jahrzehnten eine ökonomische Transformation
bewältigt, die im Westen ihresgleichen sucht.
Die Menschen hier wissen, wie man sich neu
erfindet und wie Wandel geht. Längst ist
Ostdeutschland mit seiner Halbleiterindustrie,
seinen Investitionen in grüne Energien, seinen
innovativen Clustern und mit seiner modernen
Forschungslandschaft zu einem europäischen
Zentrum für Zukunftstechnologien geworden.
Ostdeutschland ist Aufstiegs- und nicht
Aufholregion.
Einleitung
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Wir haben alles, um unsere Zukunft so
gestalten zu können, dass Wertschöpfung und gute
Arbeit in den Regionen erhalten bleiben.
Im Rahmen meiner „Branchendialoge Ost“
als neuem Dialogformat mit Unternehmen
und weiteren Akteure, tausche ich mich
über die konkreten Herausforderungen aus,
transportiere die ostdeutschen Interessen und
arbeite gemeinsam mit der Bundesregierung
an konkreten Lösungen. Dieser Austausch
geht über die klassischen Industrien hinaus
und bezieht auch den breiten Mittelstand und
das Handwerk sowie junge Unternehmen und
Startups mit ein. Welche Arbeitsplätze sind
in welchem Maße gefährdet? Wo tun sich
neue Chancen auf und welche politischen
Entscheidungen brauchen wir dafür? Politik
kann wirtschaftliche Entwicklung nicht
verordnen. Aber sie kann Bedingungen schaffen,
unter denen Unternehmen investieren und
Beschäftigte sich weiterentwickeln können.
Unternehmen stehen dabei vor ganz
unterschiedlichen Herausforderungen: Ein
traditionsreiches Unternehmen und ein junges
Technologieunternehmen stehen vor
unterschiedlichen Aufgaben. Das eine muss
gewachsene Strukturen weiterentwickeln und in eine
veränderte wirtschaftliche Realität überführen.
Das andere muss aus einer neuen Idee ein
tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln und sich
am Markt erst etablieren. Beide brauchen dafür
verlässliche Rahmenbedingungen – aber nicht
immer dieselben.
Wirtschaftliches Wachstum entscheidet über
Lebenswege. Gute Arbeitsplätze sind deshalb
kein Selbstzweck, sondern die Basis für Mut,
Zuversicht und das Vertrauen in die Zukunft
der eigenen Region.
Lebendige Orte,
lebendige Demokratie
Zu den Bedingungen, unter denen Menschen
ihren Weg gehen, gehört auch der Ort, an dem
sie leben. Ein Ort ist mehr als die Summe seiner
Gebäude. Er braucht Arbeitsplätze, Wohnraum,
Schulen, ärztliche Versorgung und eine
erreichbare Verkehrsinfrastruktur. Er braucht Räume,
in denen Menschen einkaufen, sich begegnen
und gemeinsam etwas unternehmen können.
Und er braucht Menschen, die Verantwortung
übernehmen.
Deshalb müssen wir zum Beispiel die
demografische Entwicklung, da wir zum Glück alle
immer älter werden, früher in politische und
infrastrukturelle Entscheidungen einbeziehen.
Besonders wenn die Entwicklung so schnell
voranschreitet wie in Ostdeutschland.
Wir müssen uns fragen, was einen Ort attraktiv
macht. Wie können Innenstädte belebt werden?
Welchen Wohnraum braucht es? Welche
Infrastruktur brauchen Menschen tatsächlich? Wie
können wir Angebote so organisieren, dass
sie auch unter veränderten demografischen
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Bedingungen erreichbar bleiben? Wie können
wir Engagement fördern? Es geht darum, kluge
Entscheidungen zu treffen, die den Menschen
vor Ort ein gutes Leben ermöglichen. Darum ist
es mir wichtig, auch hier mit allen
Akteurinnen und Akteuren zusammenzukommen,
zuzuhören, wo die Herausforderungen liegen,
und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, wie
das Wohnen und die Mobilität der Zukunft
gestaltet werden können.
Politik kann Bedingungen schaffen, unter
denen Menschen bleiben, zurückkehren oder
neu hinzukommen können.
Demokratie braucht Menschen,
die etwas tun
Genauso wenig wie wirtschaftliche Stärke von
selbst entsteht, trägt sich eine demokratische
Gesellschaft von selbst. Demokratie bedeutet
nicht nur die Abstimmung am Wahltag. Sie
findet auch dort statt, wo Menschen einen
Verein gründen, ein Dorffest organisieren,
einen Jugendtreff erhalten, sich in einem
Bürgerentscheid einbringen, Kulturprogramme
aufstellen oder sich gegen Ausgrenzung und
Hass stellen.
Gerade in kleineren Städten und Gemeinden
übernehmen oft wenige Menschen sehr viel
Verantwortung. Sie halten Strukturen aufrecht,
die drohen wegzubrechen. Sie schaffen Orte der
Begegnung. Sie organisieren Hilfe. Sie machen
aus einem Wohnort eine Gemeinschaft.
Dieses Engagement verdient Unterstützung
und Anerkennung.
Der von mir ausgerichtete Wettbewerb
„machen!“ greift die besondere Situation in den
ostdeutschen Flächenländern auf, indem er
Engagement sichtbar macht, es würdigt und so
mehr Menschen für freiwilliges Engagement
sensibilisiert. Zugleich wird die Umsetzung von
Projektideen unbürokratisch unterstützt, die
den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken,
gerade dort, wo die Strukturen besonders
schwach ausgeprägt sind.
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Die mehr als 1.000 Bewerbungen zeigen jedes
Jahr, wie wichtig einfache und direkte
Unterstützung für bürgerschaftliches Engagement
ist. Aufgrund der großen Resonanz habe ich die
Preisgelder von anfänglich rund 400.000 Euro
auf mittlerweile über 830.000 Euro erhöht. Im
Herbst habe ich wieder die 100 besten Projekte
zur Preisverleihung nach Berlin eingeladen.
Dieser Termin ist weit mehr als eine
Preisverleihung. Der Wettbewerb zeigt sehr deutlich, wie
groß das Engagement in Ostdeutschland ist.
Für mich ist der Wettbewerb ein wichtiger
Teil meiner Arbeit. Er zeigt, was oft zu wenig
sichtbar ist: dass es in vielen kleinen Orten
Menschen gibt, die nicht darauf warten, dass
andere ihre Probleme lösen. Sie fangen selbst an.
Repräsentation ist eine Frage
des Vertrauens
Zur Demokratie gehört auch die Frage, wer in
der Position ist, an zentralen Stellen
mitzuentscheiden. Das beleuchtet der dritte Teil des
Berichts (Teil C), der einen Blick in die aktuellen
Erhebungen und die Forschung dazu wirft.
Ostdeutsche sind in den höchsten
Führungspositionen der Bundesverwaltung weiterhin
unterrepräsentiert, auch wenn der Trend
leicht positiv ist. Doch sie bringen vielfältigste
Kompetenzen, Berufserfahrungen und
Transformationswissen für die Zukunft mit. Es ist
unsere gemeinsame politische Aufgabe, die
Karrieremöglichkeiten und die
Fachkräfterekrutierung entsprechend weiterzuentwickeln
und so zu mehr Chancengleichheit sowie
breiterer Expertise beizutragen.
Deswegen müssen wir genau wissen, wie sich
die Lage entwickelt. Dieser Bericht legt neue
Zahlen zur Repräsentation Ostdeutscher in der
Bundesverwaltung vor und er zeigt Bewegung:
In den obersten und oberen Behörden und
Gerichten nimmt der ostdeutsche Anteil auf
den Führungsetagen weiter zu. Ein Anzeichen
dafür, dass die Maßnahmen der
Bundesregierung wirken. Um diese Entwicklung weiter zu
unterstützen, werden wir das Bundeskonzept
der Bundesregierung zur Steigerung des Anteils
an Ostdeutschen in Führungspositionen der
Bundesverwaltung fortschreiben.
Der Elitenmonitor hat zudem Ergebnisse
wissenschaftlicher Untersuchungen zur
Repräsentation Ostdeutscher u. a. in Politik,
Verwaltung und Wirtschaft vorgelegt. Eine
Erkenntnis: Es braucht vielfältige Maßnahmen
auf unterschiedlichen Karrierestufen, um
den Zugang zu Top-Positionen zu öffnen.
Dieses Forschungsprojekt wird bis 2028 in
zweiter Auflage mit Bundesmitteln fortgesetzt
und weitere Daten und Empfehlungen liefern.
Das ist wichtig, denn Repräsentation ist mehr
als Symbolik. Menschen sollen sich in den
Institutionen, die über ihr Leben mitentscheiden,
wiederfinden. Das ist zugleich ein Beitrag, die
Akzeptanz für deren Entscheidungen zu steigern.
Die regelmäßige Erhebung schafft eine wichtige
empirische Grundlage. Auf die Wahrnehmung
und Bewertung von gesellschaftlicher Teilhabe
und Aufstiegschancen durch die Menschen in
Ost und West richtet der Deutschland-Monitor
seinen Blick.
Wissen, was Menschen bewegt
Im Schwerpunktthema des diesjährigen
Deutschland-Monitors wurde gefragt, wie
wichtig den Menschen gesellschaftlicher
Aufstieg ist, auch in Abgrenzung zu anderen
Wertvorstellungen, wie beispielsweise
Sicherheit oder Zeit für das private Leben. Was
bedeutet Aufstieg eigentlich für sie: Geht es
um Einkommen und Vermögen, um Bildung
und Beruf oder um Ansehen und Einfluss?
Welche Faktoren sollten Aufstieg
ermöglichen und welche Aspekte beeinflussen ihn
tatsächlich? Liegt persönliches Vorankommen
eher in der Verantwortung der Menschen
selbst oder in der des Staates? Und wie wird
die Möglichkeit eines gesellschaftlichen
Aufstiegs sowohl aktuell als auch mit Blick
in die Zukunft eingeschätzt?
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Der Deutschland-Monitor gibt diesbezüglich
tiefe Einblicke in die Einstellungen und
Erfahrungen der Menschen, die sich vielfach
kaum zwischen Ost und West unterscheiden.
Er zeigt, dass sozialer Aufstieg den Menschen
zwar wichtig, jedoch nur ein Ausschnitt
deutlich umfassenderer Vorstellungen vom
Leben ist. Gerade in der momentanen, von
Krisen geprägten Zeit messen die Menschen
auch Fragen der Stabilität und Sicherheit sowie
dem eigenen Privatleben eine große Bedeutung
bei. Dabei gilt überwiegend: Während die
Bürgerinnen und Bürger es vorrangig als ihre
eigene Aufgabe empfinden, die Chance auf
persönlichen gesellschaftlichen Aufstieg zu
ergreifen, sehen sie primär den Staat in der
Verantwortung, einen Schutz vor sozialem
Abstieg zu gewährleisten.
Für mich ist das ein klarer Appell an die
Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die
den Menschen die nötige Sicherheit geben, um
sich – ggf. auch mit einer gewissen
Risikobereitschaft – persönlich weiterzuentwickeln.
Wir dürfen es nicht tatenlos hinnehmen,
wenn zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger
meinen, dass kommende Generationen nicht
mehr in gleichem Maße vom gesellschaftlichen
Fortschritt profitieren können, wie es bislang
der Fall war. Mit Zukunftspessimismus und der
Sorge vor sozialem Abstieg wird es uns nicht
gelingen, dieses Land zu gestalten.
Laut Deutschland-Monitor haben die Menschen
zudem das Gefühl, dass Aufstiege in
Deutschland deutlich stärker von der Herkunft und
den persönlichen Beziehungen abhängen,
als dies nach ihrem Empfinden der Fall sein
sollte. Damit spiegeln sich die Erkenntnisse
des Elitenmonitors auch in der Wahrnehmung
der Menschen.
Zusammen ergeben diese Untersuchungen
ein genaueres Bild davon, wie Menschen ihre
Möglichkeiten wahrnehmen und wo sich
gesellschaftliche Unterschiede zeigen. Das ist
für politische Entscheidungen unverzichtbar.
Denn es macht einen Unterschied, ob wir
vermuten, was die Menschen bewegt, oder ob wir sie
fragen. Und es macht einen Unterschied, ob wir
politische Maßnahmen allein aus ihrer Absicht
heraus beurteilen oder auch danach, ob sie die
Menschen erreichen, für die sie gedacht sind.
Woher wir kommen, entscheidet
noch immer mit
Die Ergebnisse führen zu einer noch größeren
Frage: Wie stark bestimmt unsere Herkunft
noch immer unsere Möglichkeiten? Das gilt
für Bildungswege. Für berufliche Chancen.
Für Vermögen. Für Erbschaften. Und auch
für die Frage, ob Menschen gesellschaftlich
aufsteigen können. Hier sind die Unterschiede
zwischen Ost und West immer noch nicht
verschwunden. Sie zeigen sich vor allem in
Vermögen und Eigentum.
Vermögen wird häufig über Generationen
weitergegeben. Wer mit mehr beginnt, kann
Risiken leichter eingehen, Krisen besser
abfedern und seinen Kindern wiederum
andere Möglichkeiten eröffnen.
Ich bin überzeugt: Wer über
Chancengerechtigkeit spricht, darf über diese
Ausgangsbedingungen nicht hinwegsehen. Die Unterschiede
zwischen Ost und West müssen weiter abgebaut
werden, vor allem dürfen sie sich nicht noch
weiter verfestigen.
Ein Bericht als Kompass
Dieser Bericht kann nicht auf jede Frage eine
abschließende Antwort geben. Das muss er
auch nicht. Aber er soll Orientierung geben.
Er beginnt mit Menschen, die miteinander
sprechen. Er zeigt, wie staatliches Handeln an
unterschiedlichen Stellen im Lebensverlauf
ansetzt und welche Wirkung dies hat. Und
er fragt schließlich mit wissenschaftlichen
Instrumenten, wie Menschen ihre Chancen,
ihre Möglichkeiten und ihre gesellschaftliche
Stellung tatsächlich erleben.
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
In Bewegung bleiben. Der Titel dieses Berichts
beschreibt eine Haltung. Ost und West sind in
vielem zusammengewachsen,
Lebensverhältnisse haben sich verändert, neue
wirtschaftliche Perspektiven sind entstanden und viele
Unterschiede haben sich verringert. Zugleich
hat Ostdeutschland eigene Stärken entwickelt
und neue Wege eingeschlagen. In der
Entwicklung erneuerbarer Energien, bei
Zukunftstechnologien und in innovativen
Wirtschaftsregionen entstehen heute Perspektiven, die
weit über die eigene Region hinausweisen.
Ostdeutschland holt längst nicht mehr nur auf.
Wir sind weit gekommen und wir wissen, dass
der Weg noch weitergeht.
Nicht stehen bleiben heißt für mich, das
Erreichte anzuerkennen und die offenen
Fragen ernst zu nehmen. Es heißt, weiter an
den Bedingungen zu arbeiten, unter denen
Menschen ihr Leben selbst gestalten können.
Es geht darum, Möglichkeiten zu eröffnen,
wo sie fehlen, Hindernisse abzubauen, wo sie
Menschen ausbremsen, und das Vertrauen in
die eigene Zukunft zu stärken.
Zuhören. Handeln. Wissen.
Ich bin als Staatsministerin und Beauftragte
der Bundesregierung für Ostdeutschland
unterwegs in Regionen, die sehr
unterschiedlich sind. In großen Städten und kleinen
Gemeinden. In Unternehmen, die um ihre
Zukunft kämpfen, und bei Menschen, die neue
Ideen entwickeln. Bei Initiativen, die ihre Orte
zusammenhalten, und bei jungen Menschen,
die überlegen, wo und wie sie leben wollen. Und
dabei schlage ich bewusst auch immer wieder
die Brücke nach Westdeutschland. Denn wir
sind ein Land. Auch wenn mit mir bewusst eine
Person am Kabinettstisch sitzt, die die Stimme
Ostdeutschlands ist und dessen Interessen auf
Bundesebene vertritt.
Auf dem Weg durch unser Land begegnet
mir vieles: Lebensfreude und Sorgen,
Enttäuschung und Tatkraft, Ungeduld und Geduld.
Manchmal liegen diese Gefühle sogar bei ein
und derselben Person sehr nah beieinander.
Ich weiß, dass Ostdeutschland kein einheitlicher
Raum ist, und die Lebenswege der Menschen
sind es noch weniger. Aber die Frage nach
Anerkennung, nach Sicherheit, nach der eigenen
Zukunft und nach der Möglichkeit, etwas aus
dem eigenen Leben zu machen, treibt alle um.
Politische Maßnahmen können nicht jedem
Menschen den gleichen Weg ermöglichen.
Sie können aber dafür sorgen, dass Herkunft,
Wohnort und familiäre Ausgangsbedingungen
nicht zu unüberwindbaren Hindernissen
auf dem Lebensweg werden. Und sie können
Menschen die Gewissheit geben, dass sie mit
ihren Problemen nicht allein bleiben.
Darauf kommt es an.
Mit herzlichen Grüßen
Elisabeth Kaiser
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ZUHÖREN:
WIE MENSCHEN
IN DIE ZUKUNFT
SEHEN
Teil A – Zuhören
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ZUHÖREN:
WIE MENSCHEN
IN DIE ZUKUNFT
SEHEN
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„Du musst dorthin gehen, wo die
Bedingungen stimmen“
Herr Schulz, Sie wohnen seit eh und je in
Brandenburg. Herr Brambach, Sie sind vor
der Wende in den Westen gegangen. Was
braucht mehr Mut: zu gehen oder zu bleiben?
Axel Schulz: Das kann man gar nicht so sagen.
Als Henry Maske und ich 1989/90 Profis
wurden, kam ein großer TV-Sender auf uns zu und
wollte, dass wir alle ins Rheinland ziehen. Wir
haben uns einstimmig dagegen entschieden.
Warum sollten wir? In Frankfurt (Oder) hatten
wir perfekte Trainingsbedingungen. Und
da gab es nicht ständig ein Kamerateam, das
uns beim harten Sparring, wo man auch mal
umkippt, gefilmt hätte. Ich bin fünf Minuten
zum Training gefahren und hatte mein
gewohntes Umfeld. Am Ende musst du dorthin
gehen, wo die Bedingungen stimmen – und
wo du am meisten Spaß an der Sache hast.
Martin Brambach: Es kommt immer auf die
Lebenssituation an. Wenn du irgendwo in einer
strukturschwachen Region lebst und sagst: Hier
gibt es noch nicht das, was ich brauche, aber ich
baue mir hier selbst etwas auf – dann ist das
enorm mutig. Genauso kann es Mut erfordern,
die Heimat oder einen gut bezahlten Job
zu verlassen. Ich war jahrelang fest am
Burgtheater in Wien engagiert. Ein sicherer Hafen.
Da wegzugehen, um noch einmal Neues zu
wagen, hat auch Mut gekostet. Wichtig ist, dass
„DAS GLAS IST HALB VOLL!“
Den ehemaligen Profi-Boxer Axel Schulz (57 Jahre) und „Tatort“-Star Martin
Brambach (58 Jahre) verbindet eine einnehmende Kumpelhaftigkeit sowie die
ostdeutsche Herkunft – auch wenn ihre Lebenswege sie an unterschiedliche
Orte führten. Der eine blieb, der andere ging.
Axel Schulz ist seiner Heimat Brandenburg treu geblieben. Er lernte das
Boxen an der Sportschule in Frankfurt (Oder) und lebt noch heute dort.
Schulz gewann unter anderem WM- und EM-Medaillen als Amateur und
die Deutsche Profi-Meisterschaft 1992. Seine Brandenburger Herkunft ist
deutlich in seiner Sprache zu hören. Als „Berlinern“ würden es viele bezeichnen.
Der gebürtige Dresdner Martin Brambach lebt heute in Recklinghausen. Er
zog im Alter von sechs Jahren nach Ost-Berlin und verließ die DDR 1984 als
17-Jähriger. Brambach ist einer der renommiertesten Charakterdarsteller
des Landes und spielte in über 200 Filmen und Serien mit – darunter in den
oscarprämierten Kinofilmen „Das Leben der anderen“ und „Die Fälscher“.
Wenn er spricht, kommt jenes Sächsisch hervor, das man von ihm als
Kommissar Schnabel aus dem Dresdner „Tatort“ kennt.
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man jungen Menschen heute rät: Seid offen!
Man kann in Leipzig, Dresden oder Rostock
großartige Karrieren starten.
Wenn Sie beide heute durch „Ihre“ Städte in
Ostdeutschland laufen: Was bedeutet Heimat
für Sie?
Martin Brambach: Heimat ist für mich immer
mit konkreten Erlebnissen und Menschen
verbunden. Ich habe zwar in Dresden nur bis
zu meinem sechsten Lebensjahr gewohnt,
aber als ich später einen Reiseführer über
die Stadt schreiben durfte, habe ich mich
intensiv mit der Geschichte meines Vaters und
meiner Großeltern auseinandergesetzt. Richtig
heimisch fühle ich mich auch in Halle(Saale)
wo ich früher fast jede Ferien verbracht habe.
Axel Schulz: Bei mir sind es Fürstenwalde und
allen voran Frankfurt (Oder). Dahin bin ich
mit 13 Jahren auf die Kinder- und
Jugendsportschule gegangen, weil ich das Boxen geliebt
habe. Frankfurt ist landschaftlich mit den
Oderwiesen wunderschön, aber vor allem leben
dort meine Jungs. Kumpels, die ich seit über
40 Jahren kenne, die mit mir großgeworden
sind. Wenn ich mit denen joggen gehe oder im
Kraftraum trainiere und wir über alte Zeiten
quatschen, dann ist das Heimat pur für mich.
„Ich will und werde meinen Dialekt
nicht verstellen“
Gibt es eine spezifisch ostdeutsche Prägung
oder Charaktereigenschaft, die Ihnen auch
beim beruflichen Erfolg geholfen hat?
Axel Schulz: Bei mir war es eindeutig die
Disziplin. Meine Mutter hat früher immer zu
mir gesagt: Du kannst jetzt nicht einfach
aufhören, nur weil es mal hart ist. Ich habe ja als
kleiner Steppke mit Fußball angefangen, aber
das Hinterherrennen war nix für mich. Als ich
zum Boxen kam, war das Gute im Osten: Es
hat nichts gekostet. Meine Mama meinte dann:
Jetzt ziehst du das durch. Diese Haltung hat
mich durch die gesamte Schul- und
Leistungssportzeit getragen.
Martin Brambach: Ich würde von einer
gewissen Geerdetheit und Bescheidenheit sprechen.
Dass man immer noch einen klaren Blick auf
sich selbst hat und sich sagt: Hey, heb mal nicht
ab. In der DDR konnte man finanziell keine
großen Sprünge machen. Meine Eltern haben
Theater gemacht, da spielte Geld nicht die
zentrale Rolle. Wichtiger waren Zusammenhalt
und eine gewisse Demut vor den Dingen. Diese
Demut habe ich nie verloren. Ich sage mir bis
heute: Genieße das Glück, das du im Beruf hast,
denn es kann morgen schon wieder vorbei sein.
Sie sprechen beide mit einer wunderbaren
Sprachfärbung. Gab es in Ihrer Karriere
Momente, in denen Sie das Gefühl hatten,
Ihren Dialekt verstellen zu müssen?
Axel Schulz: Oh ja, das war bei mir, als ich
Profiboxer wurde. Der Fernsehsender, über den
ich vorhin schon gesprochen habe, wollte mich
zum Sprachunterricht schicken. Ich sollte
lernen, wie man sich gewählt ausdrückt. Ich habe
mich derart mit denen gestritten (lacht) … Ich
habe gesagt: Hallo, ich bin Boxer! Ich will und
werde meinen Dialekt nicht verstellen. Es war
mein riesiges Glück, dass ich mir das bewahrt
habe. Ich bin einfach so geblieben, wie ich bin.
Martin Brambach: Bei mir war das eine
Odyssee. Als ich von Dresden nach Berlin zog,
wurde ich wegen meines breiten Sächsisch
so gehänselt, dass ich mir schnell das Berlinern
angewöhnen musste. Erst viel später habe ich
im Schauspielerberuf gelernt, den sächsischen
Dialekt wieder bewusst einzusetzen. Allerdings
habe ich in den 1990er Jahren bei einer
„Polizeiruf“-Produktion in Halle (Saale) erlebt, dass
die Redaktion zu mir meinte: Herr Brambach,
bitte weniger Dialekt. Wir wollen, dass man
Sie auch in München versteht. Das Skurrile
ist ja: Bayerisch oder Rheinländisch darfst
du im Fernsehen oft sprechen. Bei Sächsisch
hieß es lange: Nee, das geht nicht. Umso froher
bin ich, dass ich heute bei meiner Rolle als
Kommissar Schnabel im Dresdner „Tatort“
mehr Freiheit habe.
Zuhören
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 15 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
„Eine bittere Lehrstunde
im Kapitalismus“
Blicken wir auf die Umbruchjahre nach 1990.
Wie wirkt diese Zeit nach?
Axel Schulz: Ich glaube, bei der älteren
Generation gibt es teilweise noch riesige Frustrationen.
Den Menschen, die heute um die 65, 70 oder
älter sind, wurde damals vieles genommen.
Frankfurt (Oder) zum Beispiel ist von früher
90.000 Einwohnerinnen und Einwohnern auf
knapp 58.000 geschrumpft. Die Jüngeren sind
nach Berlin oder sonst wo hingezogen. Die
Industrie ist weg, und die Älteren fühlen sich
in manchen Regionen schlicht alleingelassen.
Martin Brambach: Das war für viele Menschen
nach der Wende eine extrem bittere Lehrstunde
im Kapitalismus. Ganze Betriebe wurden
abgewickelt, oft aus Ahnungslosigkeit oder sogar
Kalkül, um Ostkonkurrenz vom Markt zu
nehmen. Meinen Verwandten in Halle (Saale)
wurden an der Haustür Kredite und Neuwagen
aufgequatscht. Dazu kam eine gesellschaftliche
Entwertung: Ganze Erwerbsbiografien standen
plötzlich unter dem Generalverdacht, nichts
wert gewesen zu sein oder beim Unrecht
mitgemacht zu haben. Dass Menschen, die ihr Leben
lang gearbeitet und Dinge aufgebaut haben, in
der öffentlichen Diskussion kaum mehr positiv
vorkamen, hat tiefe Narben hinterlassen.
„Tiefe Verbindung zwischen dem Pott
und dem Osten“
Wenn Sie beide heute durch Deutschland
reisen: Ist die oft zitierte „Mauer in den
Köpfen“ noch da, oder erleben wir längst
eine innere Einheit?
Axel Schulz: Für mich spielt Ost und West
überhaupt keine Rolle mehr. Auch für meine
Kinder, die sind jetzt 16 und 20, existiert dieses
Denken gar nicht. Die wissen manchmal gar
nicht, wovon ich rede, wenn ich erzähle, wie
es früher war. Ich habe meine Erfolge nach
1990 im vereinten Deutschland gefeiert. Ich
fühle mich schlicht als Gesamtdeutscher.
Martin Brambach: Die meisten Menschen, die
ich treffe, haben überhaupt keine
Berührungsängste mehr. Die Leute im Ruhrgebiet, wo
ich seit über 20 Jahren lebe, fragen mich ganz
neugierig: Mensch, Martin, ich war noch nie
in Dresden, was soll ich mir da angucken?
Andersrum genauso. Ich spüre zwischen dem
Ruhrpott und dem Osten sogar eine tiefe
Verbindung: Beide Regionen haben eine
industrielle Vergangenheit und eine Grundsolidarität.
Wenn dir im Pott jemand verspricht, er komme
um 18 Uhr zum Helfen, dann steht der
pünktlich da. Und bringt noch zwei Kumpels mit.
Dieses Füreinanderdasein kannte ich früher
genau so aus dem Osten.
Axel Schulz wurde 1968 im brandenburgischen Bad Saarow geboren.
Teil A
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 16 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
„Das Glas ist nicht halb leer,
sondern halb voll“
Was wünschen Sie sich mit Blick auf die
nächsten zehn, 20 Jahre für
Ostdeutschland – und welche Botschaft geben Sie der
Ost beauftragten der Bundesregierung mit auf
den Weg?
Axel Schulz: Mein größter Wunsch an die
Politik ist: Bitte hört auf, immer wieder
künstlich einen Keil zwischen Ost und West zu
treiben. Wir müssen gesamtdeutsch denken. Wenn
wir Standortentscheidungen treffen, müssen
Investoren und wirtschaftliche
Rahmenbedingungen entscheiden. Wir sind ein Land.
Martin Brambach: Ich wünsche mir ein viel
differenzierteres Bild in den Medien. Der Osten
wird öffentlich oft viel zu schnell auf
Populismus, AfD und Frustration reduziert. Dabei
ist Ostdeutschland so viel reicher: Es gibt dort
unglaubliche Innovationen und
zukunftsweisende Industrie wie die Chip-Produktion
in Dresden. Und eine riesige Lebensqualität:
Schaut euch nur die Seenlandschaften rund
um Leipzig an. Ich wünsche mir, dass die
Menschen im Osten mit mehr Stolz und
Selbstbewusstsein auf das blicken, was sie
geschafft haben. Manchmal muss man sich
schlicht sagen: Das Glas ist nicht halb leer,
sondern halb voll!
Und wir brauchen mehr Geschichten und
Gesichter aus dem Osten im Hauptprogramm.
Bezogen aufs Fernsehen ermitteln in Nordrhein -
Westfalen drei verschiedene „Tatort“-Teams.
Ich wünsche mir, dass auch in 20 Jahren noch
mindestens ein oder zwei starke „Tatorte“
aus dem Osten kommen. Denn Fiktion schafft
Identität – und genau die brauchen wir im
ganzen Land.
Seit 2016 spielt Martin Brambach den Kommissar Schnabel im
Dresdner „Tatort“.
Zuhören
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 17 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Wer das Gebäude 4310 der InfraLeuna in Leuna
nahe Halle (Saale) betritt, steht mitten im
historischen Fundament der mitteldeutschen
Industrie. Auf dem Flur zeigt ein
großformatiges Öl-Gemälde das Werksgelände in
seinen Anfängen vor mehr als 100 Jahren in
schönster Industrieromantik. Und eben dieses
Gebäude 4310 ist zu sehen. Es war eines der
ersten auf dem Areal. Heute hat InfraLeuna-
Geschäftsführer Dr. Christof Günther hier
sein Büro, in das er mit Nils Aldag, Mitgründer
des Unternehmens Sunfire, zum Gespräch
zusammenkommt.
Zwei markante Unternehmerbiografien mit
einem gemeinsamen Anliegen: wirtschaftliche
Zukunft in Ostdeutschland gestalten. Dr. Christof
Günther, gelernter Elektromaschinenbauer
aus Thüringen, der nach Studienstationen (in
Deutschland und den USA) und Promotion
in Mannheim seit 2012 als Geschäftsführer
die Infrastruktur des größten
Chemiestandorts Deutschlands verantwortet. Nils Aldag,
deutsch-französischer Unternehmer aus
Hessen, zog nach Stationen in Deutschland und
Lissabon nach Dresden, um Sunfire, das heute
weltweit führende Elektrolyse-Unternehmen
für grünen Wasserstoff, auszubauen – vom
Start-up zum erfolgreichen Technologieführer.
Was beide verbindet, ist der Anspruch,
wirtschaftliche Stärke zu sichern und
weiterzuentwickeln: durch Investitionen,
Nils Aldag ist Mitgründer und CEO der Sunfire SE
aus Dresden
„WANDEL KANN MAN NICHT AUSSITZEN“
Märkte verändern sich, Technologien entwickeln sich weiter, neue
Wettbewerber entstehen. Wie bleibt die ostdeutsche Wirtschaft dabei erfolgreich?
Darüber sprechen Dr. Christof Günther, Geschäftsführer der InfraLeuna GmbH,
und Nils Aldag, Mitgründer und CEO des Dresdner Elektrolyse-Unternehmens
Sunfire, in Leuna. Es geht um Investitionen und Innovationen, um neue
Märkte und darum, was Unternehmen brauchen, damit industrielle Stärke
erhalten bleibt und weiterwachsen kann.
Teil A
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 18 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Innovationen, das Erschließen neuer Märkte
und durch Entscheidungen, die Wertschöpfung
generieren und Arbeitsplätze in Deutschland
zukunftsfest machen.
„Mehr als ein Arbeitsplatz, das ist
industrielle Tradition“
Dr. Günther, Sie laufen täglich durch dieses
geschichtsträchtige Gebäude – was bedeutet
der Standort für Sie persönlich?
Christof Günther: Leuna hat die chemische
Industrie weltweit geprägt, mit
bahnbrechenden Verfahren, die hier entwickelt wurden und
nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Diese
Tradition wirkt sich auf die Menschen aus, die
hier arbeiten, man merkt ihnen an: Es ist mehr
als ein Arbeitsplatz, es ist Kompetenz und
Leidenschaft über Generationen hinweg. Von
dem Werk hängt der Wohlstand einer gesamten
Region ab. Dafür spüre ich eine starke
persönliche Verpflichtung.
Bei Ihnen ist die Ausgangslage eine andere,
Herr Aldag. Sie haben Sunfire nicht nur
gegründet, sondern auch erfolgreich gemacht.
Wie fühlt sich das im Unterschied an, wenn
Sie die lange Historie von Leuna hören?
Nils Aldag: Sunfire gibt es seit mittlerweile
16 Jahren. Wir sind der klassischen Startup-
Phase entwachsen und sind heute
Mittelständler. Der Altersdurchschnitt bei uns ist
zwar relativ niedrig mit 39 Jahren. Aber auch
bei uns entwickeln sich solche persönlichen
Geschichten. Ich habe an einem unserer
Standorte das erste Mal einen Vater erlebt,
dessen Sohn nun bei uns angefangen hat.
Unsere DNA ist stark von Dynamik und
Pioniergeist geprägt. Doch viele unserer Leute
haben vorher in Unternehmen gearbeitet,
die deutlich länger am Markt sind als wir.
Das vermischt sich immer mehr und schafft
eine sehr gereifte und offene Kultur.
Sie beide verbindet, dass Sie in Ostdeutschland
unternehmerisch tätig sind. Beobachten
Sie eine spezielle ostdeutsche Art, Wirtschaft
und Wandel anzugehen? Gibt es aus der ost -
deutschen Geschichte heraus ein
Transformations-Gen?
Christof Günther: Es gibt eine tiefe Prägung
durch den Strukturbruch der 1990er-Jahre.
Das war keine Transformation, sondern ein
abrupter Bruch. Alle, die diese Zeit überstanden
und ihren Arbeitsplatz in der Heimat behalten
haben, sind hochsensibel für erneute Krisen.
Und sie sind bereit, alles zu geben, damit die
Industrie funktioniert: Wandel kann man
nicht aussitzen, man muss ihn aktiv gestalten.
Transformations-Gen? Nein, mit Genetik hat
das nichts zu tun. Aber Resilienz und
Flexibilität kann man trainieren. Und was das angeht,
sind wir auf einem hohen Fitnesslevel.
Dr. Christof Günther ist seit 2012 Geschäftsführer
der InfraLeuna GmbH.
Zuhören
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 19 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Nils Aldag: Ich habe gelernt, dass es nicht die
eine ostdeutsche Identität gibt. Wenn ich auf
unser Team blicke, ist der Großteil der Leute
bei uns zu jung, um diesen Bruch direkt
miterlebt zu haben – über die Eltern und Familien
gibt es diese Erfahrungen dennoch. Und mit
Menschen aus 41 Ländern, die bei uns arbeiten,
verschwimmen Grenzen ohnehin. Ich stamme
ursprünglich aus Hessen und nehme diesen
Unterschied im Alltag gar nicht mehr so stark
wahr. Was man in der Region Dresden und
auch in Cottbus oder Freiberg deutlich sieht, ist
die hervorragende technische Ausbildung der
jungen Leute sowie eine sehr gesunde
Bodenständigkeit. Und der Wille, Dinge anzupacken.
Generell habe ich die Haltung und es ist meine
persönliche Erfahrung: Transformation ist
keine Frage der Herkunft, sondern vor allem
des Mindsets. Bei Sunfire sind Veränderung
und Innovation von Anfang an Teil unserer DNA.
Wir treten täglich an, um etwas zu verändern
und die Industrie klimaneutral zu machen.
„Abgehängter Osten“ und
internationale Anziehungskraft
In der öffentlichen Debatte wird
Ostdeutschland dennoch häufig negativ porträtiert.
Das Bild vom „abgehängten Osten“ hält sich
hartnäckig. Warum fällt es so schwer, dieses
Narrativ zu durchbrechen?
Nils Aldag: Ich persönlich kann den Begriff
des „abgehängten Ostens“ wirklich nicht mehr
hören. Ich finde das schlicht nicht gerecht.
Wahrnehmungen und Bilder verändern sich
immer langsamer als die Realität. Die Realität
in Sachsen: Wir haben riesige
Technologiecluster, Ansiedlungen wie Bosch und die Chipfabrik
TSMC und eine unglaubliche
Forschungslandschaft. Wenn internationale Investoren zu uns
kommen und die Dynamik sehen, hinterlässt
das enormen Eindruck. Wir müssen diese
positiven Geschichten einfach immer wieder
erzählen, statt in Pessimismus zu verfallen. Die
spannende Frage ist doch, welche Zukunft hier
gerade aufgebaut wird. In vielen
Schlüsseltechnologien spielt Ostdeutschland heute eine
Vorreiterrolle. Vor allem die Transformation
hin zu einer klimaneutralen und technologisch
führenden Industrie wird maßgeblich auch von
Ostdeutschland aus vorangetrieben.
Christof Günther: Man muss das sehr
differenziert sehen. In der Chemiebranche
erzielen wir im Osten eine Wertschöpfung,
die im weltweiten Spitzenfeld liegt. Dass
das Bruttoinlandsprodukt im Schnitt noch
unter dem des Westens liegt, hat viel mit
strukturellen Faktoren zu tun. Zum Beispiel
fehlen uns Unternehmenszentralen. Die
liegen oft im Westen und dort sitzen die höher
bezahlten Stellen. Was jedoch die operative
Leistung betrifft, stehen unsere Anlagen den
alten Bundes ländern in nichts nach. Im
Gegenteil, wir sind oft schlanker aufgestellt und
dadurch effizienter.
In der Privatisierungsphase der 1990er-Jahre
gab es keine westdeutschen Akteure, die hier
einsteigen wollten. Deshalb kamen
französische und andere internationale Investoren
nach Leuna. Heute haben wir Investoren aus
elf Ländern am Standort. Diese weltweit tätigen
Konzerne sehen, dass Leuna in vielen Punkten
Benchmark ist.
Krise, Energie und der Mut
zur Zukunftsfähigkeit
Die Industrie steht aktuell vor enormen
globalen Herausforderungen. Wie bewerten
Sie die gegenwärtigen Standortbedingungen?
Christof Günther: Wir befinden uns in der
energieintensiven Industrie und speziell in der
Chemie in einer tiefen Krise. Ein wesentlicher
Grund sind die Energiepreise in
Deutschland, die im internationalen Vergleich viel zu
hoch sind. Wenn Wettbewerber in den USA
für Erdgas nur einen Bruchteil zahlen, ist die
Produktion in Europa nicht wettbewerbsfähig.
Wir dürfen die industrielle Basis keinesfalls
wegbrechen lassen, denn sie ist die
Voraussetzung für die anstehende Transformation.
Wir behaupten uns mit Innovation: Wir haben
in Leuna das Energiesystem flexibilisiert und
nehmen in Kürze einen riesigen Elektroden-
Teil A
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Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 20 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Dampfkessel in Betrieb, um aus
überschüssigem Strom Hochdruckdampf zu erzeugen.
Das ist die erste Anlage dieser Art in Europa.
Zudem fließt bei uns gerade über eine Milliarde
Euro in Anlagen zur Verarbeitung
nachwachsender Rohstoffe.
Nils Aldag: Auch im Bereich Wasserstoff
müssen wir das Tempo hoch halten. Ich war vor
Kurzem in China. Was dort an erneuerbaren
Energien, Stromnetzen und
Wasserstoffprojekten entsteht, ist gewaltig. Wir müssen in
Europa zusehen, dass wir Energie langfristig
sauber und günstig bereitstellen und die Netze
ausbauen. Und wir dürfen uns nicht zu sehr
darüber beklagen, was in der Vergangenheit
falsch gelaufen ist, sondern müssen nach vorne
schauen. Mit Halbleitern, Wasserstoff und
modernen Industrien haben wir gerade hier
in Ostdeutschland echte Zukunftschancen.
Unternehmergeist und der Blick
nach vorn
Ein traditionsreicher Chemiepark und
ein junges Clean-Tech-Unternehmen –
was können Sie voneinander lernen?
Nils Aldag: Für ein jüngeres Unternehmen ist
es beeindruckend zu sehen, wie ein
traditionsreicher Standort wie Leuna alle Krisen und
Brüche der Geschichte überstanden hat und
sich unter harten Bedingungen so erfolgreich
behauptet. Dahinter stecken auch erprobte,
verlässliche Prozesse, die wir uns als Startup
mühsam aufbauen mussten. Und von einer
Unternehmerpersönlichkeit wie Herrn Günther
kann man im Austausch viel mitnehmen.
Christof Günther: Für uns in den etablierten
Strukturen ist diese Startup-Kultur von Herrn
Aldag ein Vorbild: diese Agilität, die schnellen
Entscheidungswege und das direkte Aufgreifen
von Trends. Bei uns legen wir großen Wert
darauf, dass Entscheidungen extrem schnell
getroffen werden. Wenn der Kunde spezielle
technische Anforderungen hat, passen wir
uns an. Dieses dynamische Element muss man
pflegen, egal wie groß ein Unternehmen wird.
Können Sie sich vorstellen, dass Ihr heutiges
Leben ohne die Wiedervereinigung möglich
gewesen wäre?
Christof Günther: (lacht) Nein, das kann ich
mir schlicht nicht vorstellen. Der Weg, den
ich gegangen bin, wäre nicht möglich gewesen:
Auslandsstudium, Promotion in Mannheim
und jetzt in der Verantwortung für einen so
bedeutenden Chemiestandort zu stehen.
Seit dem Tag, an dem die Mauer fiel, habe ich
Vollgas gegeben. Ich bin heilfroh, dass es so
gekommen ist.
Nils Aldag: Die Entscheidung, mit dem
Unternehmen nach Dresden zu gehen und dort
mit meiner Familie heimisch zu werden, war
vollkommen richtig. Meine Geschwister leben
mit ihren Familien in Leipzig, wir in Dresden.
Wenn man sieht, mit welchem Potenzial,
welcher Unterstützung und welchen
großartigen Leuten wir hier etwas aufbauen konnten,
sind wir einfach sehr dankbar, in diesem
Teil Deutschlands zu leben. Uns wäre definitiv
etwas Entscheidendes entgangen, wenn es
diese Entwicklung nicht gegeben hätte.
Zuhören
21
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 21 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Mit voller Kraft für Kinder und
Jugendliche: Diana Lapp (links)
und Hans Goldenbaum
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Heiße Luft flimmert über den
Eisenbahngleisen, die durch brandenburgische Felder führen.
Eine blaue Fahrraddraisine bahnt sich zügig
ihren Weg durch die Landschaft. Diana Lapp
und Hans Goldenbaum treten kraftvoll in die
Pedale. Zwei Menschen, die sich in
Ostdeutschland für Kinder und Jugendliche engagieren.
Lapp ehrenamtlich, Goldenbaum als
Mitarbeiter eines freien Trägers der Jugendhilfe. Beide
haben ihre ganz persönliche Sicht auf Fragen
des Engagements. Heute treffen sie erstmals
aufeinander, um darüber zu diskutieren, wie
es um das soziale Engagement in
Ostdeutschland steht.
Dass beide vom gleichen Schlag sind, merkt man
direkt: Sie duzen sich, reden und lachen viel.
Als Diana Lapp, 50, gekonnt von der Draisine
absteigt, strahlt sie trotz der Anstrengung über
das ganze Gesicht – ihre positive Art ist
ansteckend. Die gebürtige Thüringerin und Mutter
von vier Kindern arbeitet hauptberuflich in
der Pflege. In ihrem Heimatort Unterbreizbach
engagiert sie sich im traditionsreichen
Sportverein SV Kali Unterbreizbach. Hans Goldenbaum,
42, ist gebürtiger Ostberliner. Er lebt seit über
zwei Jahrzehnten in Halle (Saale), seiner
„zweiten Heimat“. Jetzt sitzt er in dem kleinen Ort
Am Mellensee, ca. eine Autostunde von Berlin
entfernt, Diana Lapp gegenüber.
„Jeder Einzelne kann
den Unterschied machen“
Frau Lapp, Sie sind nach mehreren Stationen
im In- und Ausland vor einigen Jahren in Ihr
Heimatdorf Unterbreizbach im Wartburgkreis
zurückgekehrt. Seitdem engagieren Sie sich
viele Stunden in der Woche ehrenamtlich.
Warum nutzen Sie Ihre Freizeit, um anderen
zu helfen?
Diana Lapp: Während und nach der Corona-
Pandemie gab es bei uns im Dorf wenig
Angebote für Kinder. Gemeinsam mit anderen
Müttern habe ich deshalb geschaut, welche
vorhandenen Strukturen wir nutzen können. 2022
entstand so innerhalb des Sportvereins der
Kali Kids Club mit Kinderturnangeboten. Zum
Start waren 25 Kinder dabei, heute sind es 110.
Dann die nächste Idee: Warum sollten wir die
gewachsenen Vereinsstrukturen nicht auch für
Kunst, Kultur und Begegnung nutzen? Heute
gestalten wir Angebote und
Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche genauso
wie für Erwachsene und ältere Menschen.
Das Schöne daran ist: Beteiligung beginnt für
mich nicht mit einem Formular, sondern mit
einer persönlichen Einladung. Jeder kann sich
mit seinen Fähigkeiten einbringen. Das sorgt
einfach für eine wahnsinnig gute Stimmung,
und genau das treibt mich an. Und ich merke,
dass Engagement ansteckend ist. Immer wieder
kommen Menschen auf mich zu und fragen,
wie sie sich einbringen können.
Diana Lapp und Hans Goldenbaum machen sich stark für Kinder und
Jugendliche in Ostdeutschland. Im Interview sprechen die beiden darüber,
was sie antreibt, welche Hürden sie dafür nehmen und was soziales
Engagement in Ost und West unterscheidet – sei es im Hauptberuf oder
im Ehrenamt.
ZWEI, DIE ETWAS BEWEGEN
Zuhören
23
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 23 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Hans Goldenbaum: An Dianas Geschichte
merkt man: Jeder Ehrenamtliche kann durch
gute Arbeit in einem Einzelfall tatsächlich den
Unterschied machen. Aber es ist doch unser
gesamtgesellschaftlicher, politischer Auftrag,
alle Kinder mitzunehmen. Das kann man auch,
aber nicht nur über Ehrenamtliche regeln.
Diana Lapp: Stimmt, aber ganz ehrlich: Ich
persönlich würde gar nicht wollen, dass das
andere übernehmen. Das tue ich auch gerne in
meiner Freizeit, weil es mich bereichert – selbst
wenn ich an manchen Abenden müde ins
Bett falle. Natürlich brauchen wir finanzielle
Unterstützung. Ohne Geld lassen sich viele gute
Ideen irgendwann nicht mehr umsetzen. Aber
der Funke für Engagement entsteht nicht durch
Geld, sondern durch Menschen, die Lust haben,
gemeinsam etwas zu machen. Entscheidend
ist, dass sie erleben: Meine Idee zählt, ich kann
mich einbringen und gemeinsam können wir
etwas bewegen. Damit daraus etwas
Dauerhaftes wachsen kann, braucht es aber auch die
entsprechenden Rahmenbedingungen.
„Im Osten fehlt es in der Fläche
also sowohl an Finanzkraft als auch
an Know-how.“
Herr Goldenbaum, häufig wird behauptet,
die Menschen im Osten würden sich weniger
stark sozial engagieren als Westdeutsche.
Ist da was dran?
Hans Goldenbaum: Nein, das kann man so
nicht sagen. Die Bereitschaft, sich zu
engagieren, ist im Osten und im Westen ungefähr
gleich groß. Den Unterschied machen eher
strukturelle Dinge.
Zum Beispiel?
Hans Goldenbaum: Meistens braucht man
einen Verein, um sich zu engagieren. Und
dieser Verein braucht Mitglieder und Mittel –
Vereinsräumlichkeiten, öffentliche Förderung
und auch private Spenden. Und da sehen wir
dann schon Ungleichheiten: Fast jede zweite
Kommune im Osten ist steuerschwach, im
Westen nur etwa jede achte. In Ostdeutschland
spenden ungefähr 35 Prozent der Bevölkerung,
in Westdeutschland sind es 45 Prozent. Und
was jeder Einzelne spendet, ist in
Westdeutschland ungleich höher als hier.
Woher kommt dieses Ungleichgewicht?
Hans Goldenbaum: Der zentrale Faktor ist
letztlich die Wende: 94 Prozent des
Betriebsvermögens der ehemaligen DDR und ein
großer Teil der Immobilien wurden nicht von
Ostdeutschen gekauft und übernommen –
die hatten schlicht gar keine Mittel. Seitdem
schleppt sich dieses Ungleichgewicht durch und
reproduziert sich über jede Generation. Ein
ostdeutscher Haushalt hat ein
Durchschnittsvermögen von 150.000 Euro, ein westdeutscher
von 350.000 Euro. Und wo nichts ist, kann
auch nichts vererbt und weitergegeben – oder
gespendet – werden.
Diana Lapp: Und dann kommt ja noch
hinzu, dass so viele gut gebildete, qualifizierte
Menschen in den Westen gegangen sind.
Hans Goldenbaum: Genau, unter der
westdeutschen Bevölkerung gibt es mehr Menschen
mit Abitur und Fachhochschulzugang,
darunter auch viele ehemalige Ostdeutsche.
Das sorgt dafür, dass dort mehr Menschen
spezifische Kompetenzen haben, zum Beispiel
um bestimmte Förderlogiken zu durchschauen
und Anträge zu schreiben. Im Osten fehlt es
in der Fläche also sowohl an Finanzkraft als
auch an Know-how. (Er schaut zu Diana Lapp
hinüber.) Umso bewundernswerter ist es, wenn
trotz dieser schlechten Ausgangsbedingungen
so ein Erfolg gelingt.
„Man muss viel Überzeugung
mitbringen, um diesen Job zu machen“
Diana Lapp: Wir fragen halt nicht: Warum geht
es uns so schlecht? Sondern: Was sind unsere
Stärken? Wie können wir die Leute beteiligen?
Wer aus dem Dorf kann gut malen oder tanzen,
wer ist ein guter Trainer? Dann ist erstmal egal,
ob wir Geld haben oder nicht.
Teil A
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Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 24 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Hans Goldenbaum (schmunzelt): Und wie man
mit nichts etwas auf die Beine stellt, darin sind
wir ja tatsächlich geübt.
Dianas Lapps Augen leuchten, während sie spricht.
Diana Lapp: Was mich als Ehrenamtliche am
meisten antreibt, ist doch, dass die Leute sich
freuen. Alle Kinder im Dorf kennen meinen
Namen. Viele rufen auch einfach an, wenn sie
etwas auf dem Herzen haben.
Hans Goldenbaum schaut nachdenklich.
Hans Goldenbaum: Man muss allerdings auch
viel Überzeugung mitbringen, um diesen Job
zu machen. Vielen Menschen gelingt die
Abgrenzung zwischen Privatleben und
sozialem Engagement nicht gut, weil sie immer
das Gefühl haben, noch mehr tun zu müssen.
Das sehe ich auch bei mir selbst.
„Machen statt meckern“
Gab es jemals einen Moment, in dem Sie ans
Aufgeben gedacht haben?
Hans Goldenbaum: Ich muss zugeben, dass
ich zuletzt manchmal diesen Gedanken hatte.
Zum einen sind Schulen und Jugendhilfe
vielerorts mit großen Herausforderungen
konfrontiert. Gerade im sozialen Bereich sind
die Unterstützungsbedarfe in den vergangenen
Jahren deutlich gewachsen. Gleichzeitig fehlen
vielerorts die notwendigen personellen und
finanziellen Spielräume, um diesen
Anforderungen angemessen zu begegnen. Ich denke,
dass diese Entwicklung auf politischer Ebene
nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie
verdient. Und zum anderen gibt es in einigen
ostdeutschen Kommunen nun sogar noch
politische Mehrheiten, die entscheiden,
Fördergelder verfallen zu lassen – aus Misstrauen
gegenüber Vereinen und Zivilgesellschaft. Das
ist einfach traurig und frustrierend, vor allem
für die Betroffenen.
Diana Lapp: Wenn man 30 Jahre in der Pflege
gearbeitet hat, geht es einem ähnlich.
Hans Goldenbaum: Und teilweise wird die
öffentliche Förderung von Prävention inzwischen
sogar grundsätzlich infrage gestellt. Das sind
Gründe, aus denen ich in den vergangenen
Jahren manchmal weniger motiviert zur Arbeit
gegangen bin.
Diana Lapp: Trotzdem bin ich zuversichtlich,
dass es irgendwie weitergeht. Es wird immer
den ein oder anderen geben, der die richtige
Richtung kennt – so wie uns auf der Draisine
die Schienen die Richtung vorgeben, an denen
wir uns orientieren können. Ich sehe das nicht
als Daueroptimismus, sondern als gesunde
Zuversicht. Machen statt meckern (lacht).
Auf einer Draisine geht es nur voran, wenn
man gemeinsam in die Pedale tritt. Gilt das
auch für Ihre Arbeit?
Diana Lapp: Ja, denn das ist quasi die
Grundweisheit für alles, was wir tun: Alleine
funktioniert es nicht. Und das Gespräch mit Hans
zeigt mir auch: Es wird an so vielen Fronten
gekämpft. Das macht mir Mut.
Hans Goldenbaum: Ich sehe da noch einen
anderen Zusammenhang. Denken wir mal
an die Infrastruktur, die Engagement braucht.
Ich würde also sagen: Wir sind gut
vorangekommen, weil die Draisine geölt war und
die Gleise in Schuss waren. Im sozialen Bereich
haben wir es oft schwer, weil gute
Rahmenbedingungen fehlen. Dianas Erzählungen
bestärken mich aber, weiterzumachen. Weiter
darüber zu sprechen, was es braucht, damit
Engagement entstehen kann. Und es ist
motivierend, andere Leute zu sehen, die auf
derselben Schiene fahren.
Zuhören
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 25 –
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orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Die Studierenden Luca Hahn und Alaska Krakor
engagieren sich beide im Studierendenrat
der Universität Leipzig. Heute sind sie zum
Fotoshooting gekommen: Luca (23 Jahre,
aus Hessen) studiert Sport auf Lehramt. Als
erfahrener Kletterer findet er mühelos die
richtigen Klettergriffe, die ihn Meter für Meter
in die Höhe führen. Alaska (25 Jahre, aus
Sachsen-Anhalt) steht zum ersten Mal an einer
Kletterwand und gibt trotzdem alles.
Dabei ist es wie im wahren Leben: Wege nach
oben sehen selten gleich aus. Insbesondere,
wenn der eine aus West- und die andere aus
Ostdeutschland stammt. Oder spielt das für
zwei, die im vereinten Deutschland geboren
wurden, gar keine Rolle? Genau darüber
sprechen die beiden miteinander. Auf dicken
Kletterhallen-Matten sitzen sie sich gegenüber.
Herkunft verschwindet nicht einfach
Ist euch aneinander West- oder Ostdeutsches
aufgefallen, als ihr euch kennengelernt habt?
Alaska: Ja, Luca, an dir ist mir schon aufgefallen,
dass du sehr westdeutsch sozialisiert bist.
Dein Akzent zum Beispiel. Ich habe mir meinen
ostdeutschen Akzent früh abtrainiert. Diese
Unbekümmertheit, mit der du zu deinem Akzent
stehst, fasziniert mich irgendwie.
Luca: (zieht die Knie an, überlegt kurz) Das höre
ich zum ersten Mal so direkt. Bei uns ist der
Dialekt auf dem Land schon breiter, aber in der
Stadt Gießen sprechen wir eigentlich keinen
Dialekt. Dachte ich zumindest.
Alaska: Hast du mal überlegt, wie du hier
ankommst? Als Wessi im Osten?
Luca: Ich habe hier erst angefangen, den
Unterschied Ost-West überhaupt wahrzunehmen.
Ich habe mich nie als „der Westdeutsche“
gesehen. Ich checke mittlerweile viel mehr
die Hintergründe.
Alaska: Bei der Wiedervereinigung wurde
Ostdeutschland ja nicht wirklich integriert,
sondern eher Westdeutschland dem Osten
übergestülpt – zumindest in der
Wahrnehmung vieler Menschen, die ich höre.
Da wurden ganze Biografien entwertet.
Luca: Das sehe ich genauso. Dieser Stempel
wurde aufgedrückt, und die Verletzung, die
daraus entstanden ist, ist nie richtig verarbeitet
worden. Ein Beispiel, das bei mir hängen
geblieben ist: Ein bekannter Tatort-Schauspieler
aus dem Osten hat mal erzählt, wie er kurz
nach der Wende in einer Talkshow Fragen
zu Kinder serien nicht beantworten konnte,
weil es westdeutsche Serien waren. Als ich
hierhergezogen bin, hätte ich der Moderator
dieser Show sein können.
„MEINEN OSTEN GEBE ICH NICHT HER“
Sommerliche Hitze hängt über Leipzig. In der Kletterhalle „No Limit“
steht die Luft schwer zwischen Beton, Chalk-Staub und frischem Schweiß.
Bis zu 16 Meter ragen die Wände in die Höhe. Einige Jugendliche und
manch ein drahtiger Herr im Rentenalter wollen heute die Wand im
Norden der Stadt bezwingen.
Teil A
28
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 28 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Zwei Studierende der Uni Leipzig
sprechen über Herkunft,
unterschiedliche Aufstiegschancen,
Sicherheitsnetze – und über die Frage, wie viel Ost
und West in ihrer Zukunft steckt.
Angeregtes Gespräch vor der Kletterwand:
Alaska Krakor (links) und Luca Horn
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orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Trotzdem frage ich mich manchmal, ob nicht
eher die soziale Bubble entscheidet als Ost oder
West. Ich kenne Leute aus Westdeutschland,
die ohne Vermögen, ohne Absicherung
aufgewachsen sind. Und ich kenne Ostdeutsche,
die ziemlich behütet groß geworden sind. Die
Startbedingungen haben oft mehr mit der
sozialen Herkunft zu tun als mit der
Himmelsrichtung, aus der man stammt.
Alaska: (zieht die Augenbrauen hoch) Das
stimmt schon, aber die Wahrscheinlichkeit,
in welche Bubble du hineingeboren wirst, ist
in Ostdeutschland eben strukturell anders
verteilt. Deshalb landen wir am Ende doch
wieder bei Ost und West. Ich habe neulich
gelesen, dass rund 80 Prozent der Studierenden
in Deutschland, die allein oder in WGs leben,
armutsbetroffen sind. Und im Osten ist das
besonders schlimm, weil das familiäre Umfeld
das oftmals nicht auffangen kann.
Und noch etwas ist mir wichtig: Ich bin nicht
stolz darauf, ostdeutsch zu sein, aber ich bin
ostdeutsch sozialisiert. Das ist für mich ein
Unterschied. Ich möchte nicht, dass diese
Herkunft ständig zur Erklärung für alles wird.
Aber sie verschwindet auch nicht einfach,
nur weil wir nach der Wiedervereinigung
geboren wurden.
Sicherheitsnetz und Angst vor
Abstürzen
In Ostdeutschland wird deutlich weniger
vererbt als im Westen, auch Wohneigentum
ist seltener. Merkt ihr diese unterschiedlichen
Sicherheitsnetze im Studierendenalltag?
Alaska: Total. Ich bekomme kein BAföG mehr,
meine Familie kann mich nicht viel
unterstützen. Für mich war auch früh klar:
Westdeutschland als Studienort kann ich mir kaum
leisten. Leipzig war fachlich mein Wunschort,
aber eben auch ein Ort, an dem ein Studium
für mich überhaupt realistisch schien. Und
ich ziehe wohl nach dem Studium erst einmal
zurück in mein Heimatdorf in der Nähe von
Magdeburg, um Geld zu sparen.
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Luca: (legt nachdenklich den Kopf in die Hand)
Bei mir ist das schon anders. Meine Eltern
unterstützen mich, das ist ein Privileg. Aber es
reicht nicht, damit ich einfach nur studieren
könnte – ich arbeite auch nebenher. Aber ich
weiß: Im Ernstfall würde ich aufgefangen
werden. Bei mir wird es nie so weit kommen,
dass ich zurück nach Gießen muss, weil es
anders nicht geht.
Alaska: Genau das ist der Unterschied. In
meinem Studiengang Theaterwissenschaft
bin ich eine von vielleicht drei Personen, von
denen ich weiß, dass sie ostdeutsch sind. Am
Rande eines meiner ersten Seminare wurde
über ostdeutsche Lebensrealitäten gesprochen,
als wohnten hier nur „dumme Ossis“. Fächer
ohne klares Berufsziel sind für viele einfach
zu unsicher. Sicherheit ist hier ökonomisch ein
anderes Thema, weil ganze Industriezweige
weggebrochen sind.
Luca: Ja, ich sehe schon, was für einen
Unterschied das im Alltag macht. Ich weiß, was für
ein Privileg ich habe im Vergleich zu dir. Und
ziehe vor deiner Leistung echt den Hut.
Alaska: Oft fehlt Studierenden aus dem Osten
nicht nur Geld, sondern auch das Wissen, das
andere ganz selbstverständlich von zu Hause
mitbringen. Wenn man die Erste oder der
Erste in der Familie an der Uni ist, erklärt
einem niemand, wie ein
Vorlesungsverzeichnis funktioniert oder was Credit Points sind.
Vielleicht ist das auch bei Studierenden aus
dem Westen so, aber in meinem Umfeld sehe
ich es vor allem bei Ostdeutschen.
Heimat, Träume und ein Camper
Wenn ihr an die nächsten zehn, 15 Jahre
denkt – was sind eure Zukunftsbilder?
Luca: Ich würde mir wünschen, dass ich
meinen Sport in Zukunft besser finanzieren kann.
Ein Riesentraum wäre für mich ein Camper,
mit dem ich hinfahren kann, wohin auch
immer ich will. Haus, Familie – daran denke ich
noch nicht. Ich könnte mir aktuell auch nicht
vorstellen, in eine Stadt zu ziehen, die nicht so
ist wie Leipzig. Bei Köln habe ich das gleiche
Gefühl, dort geht man hin und erfährt einfach
Liebe, egal wie man ist. Genau das will ich in
meinem Leben.
Alaska: (lacht kurz, dann leiser, streicht sich die
Haare zurück) Es tut fast weh, das zu hören –
nicht weil es falsch ist, sondern weil ich diesen
Luxus, so unbeschwert zu planen, ein bisschen
verloren habe.
Luca: Wobei ich auch nicht komplett frei
entscheiden kann. Nach dem Studium kommt
das Referendariat, und da weiß ich noch nicht,
wohin es mich verschlägt. Vielleicht werde
ich einer ostdeutschen Kleinstadt zugeteilt, in
der ich weder Freunde noch Familie habe. Das
wäre für mich dann doch unangenehm. Zu
einer westdeutschen Kleinstadt hätte ich direkt
einen stärkeren Bezug, selbst wenn ich dort
niemanden kenne.
Alaska: Ich begegne Ostdeutschland mit einer
Mischung aus Resignation und Vorfreude
auf das, was noch kommen kann. Für mich
fühlt sich der Osten manchmal an wie zwei
schmerzende Gegensätze in meiner Brust: als
Sehnsuchtsort, an dem ich unglaubliche
Solidarität erlebe. Und der Osten als Ort, an
dem ich als trans Person Angst haben muss.
Wie oft ich abends mit Freundinnen die Straße
runtergelaufen bin und plötzlich Menschen
vor uns standen, die mit unserer Art zu leben
nichts anfangen konnten.
Luca: Und obwohl du dich als trans Person
fürchten musst, bleibst du. Das finde ich stark.
Alaska: Ja. Weil hier halt auch die klügsten,
solidarischsten Menschen sind, die ich kenne.
Menschen, die dafür arbeiten, dass
Ostdeutschland nicht zu der Karikatur verkommt, die
man dem Osten so gerne überstülpt. Ich sehe
Teil A
32
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 32 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Ostdeutschland nicht als Wiege des Problems,
sondern als Wiege einer möglichen Lösung.
Deshalb gebe ich meinen Osten nicht her.
Der Osten als Raum für
Möglichkeiten
Was wünscht ihr euch – auch mit Blick
auf die Arbeit der Ostbeauftragten – für
die kommenden Jahre?
Alaska: Dass ostdeutsche Lebensrealitäten
ernst genommen werden – auch dann, wenn
sie nicht ins gängige Bild passen. Der
Unrechtsstaat war in der DDR real, das will ich nicht
kleinreden. Aber es gab auch Biografien voller
Hoffnung, die nach der Wiedervereinigung
einfach für ungültig erklärt wurden.
Ich glaube, dass Erfahrungen von Entwertung
und Überforderung Menschen politisch für
einfache populistische Ansprachen erreichbar
machen können. Wenn dann jemand kommt
und sagt: „Du bist ostdeutsch, und das ist gut
so – die anderen haben dir etwas
weggenommen“, kann das sehr wirksam sein. Nicht, weil
daraus zwangsläufig etwas folgt. Sondern
weil Menschen nach Anerkennung und einer
Erklärung für ihre Erfahrungen suchen. Gerade
deshalb wünsche ich mir, dass ostdeutsche
Biografien ohne negative Vorzeichen erzählt
werden dürfen.
Luca: Ich würde gern ergänzen: Man müsste die
positiven Seiten sichtbarer machen. Leipzig ist
längst kein Ort mehr, von dem man wegzieht,
weil im Westen alles besser ist. Im Gegenteil.
Darauf könnte man stolzer sein. Und ich würde
mir wünschen, dass sich dieser Spirit auch auf
andere Regionen überträgt.
Was gibt euch Hoffnung?
Luca: Dass Leipzig so wächst, wie es wächst.
Man muss aufpassen, das nicht mit einem
Dauertrend zu verwechseln. Wichtig wäre,
dass nicht nur Zugezogene wie ich kommen,
sondern dass Menschen, die von hier sind,
auch bleiben wollen und können.
Alaska: Und ich hoffe, dass Ostdeutschland
der Möglichkeitsraum wird, den ich in meinem
Kopf sehe. Dass meine Lebensrealität darin
stattfinden kann, ganz ohne Angst.
Was würdet ihr, wenn ihr Kinder hättet,
an Ost-Prägung weitergeben wollen?
Alaska: Ich würde ihnen mitgeben, dass
Ostdeutschland sehr viel diverser ist, als es oft
wahrgenommen wird. Dass das Bild vom
„hinterwäldlerischen Osten“ kein Naturzustand
ist, sondern das Ergebnis von Entscheidungen,
die andere getroffen haben.
Luca: (verschmitzter Blick zu Alaska) … und
dass man sich nicht für seinen Akzent
rechtfertigen muss.
Zuhören
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 33 –
V
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Teil B – Handeln
HANDELN:
WIE DER STAAT
CHANCEN
ERÖFFNET
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orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Kabinettstisch der Bundesregierung
V
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Dieser Teil des Berichtes der Ostbeauftragten
versammelt keine Gesamtschau aller
Maßnahmen der Bundesregierung für Ostdeutschland.
Es sind ausgewählte Beispiele aus den
Bundesministerien, die zeigen, wie staatliches Handeln
Menschen auf ihrem Lebensweg unterstützen
und ihre Chancen verbessern kann. Die
Beiträge beschreiben, welche Hürden die
Maßnahmen aufgreifen, welche Zielgruppen sie
erreichen und wie sie Bildungs-, Berufs- und
Entwicklung s möglichkeiten stärken.
Die Beiträge folgen der Zuständigkeit der
Bundesministerien, stehen jedoch für das Handeln
der gesamten Bundesregierung. Sie zeigen,
wie staatliches Handeln an unterschiedlichen
Stationen des Lebens ansetzt – von der frühen
Bildung über Ausbildung und Beruf bis hin zu
Mobilität, Gesundheit, Wohnen, Kultur oder
Digitalisierung.
Jedes Ressort betrachtet Aufstiegschancen
aus seinem jeweiligen Verantwortungsbereich.
Zusammengenommen entsteht ein
facettenreiches Bild davon, wie unter schiedliche
Politikbereiche ineinandergreifen und Menschen
in verschiedenen Lebens phasen unterstützt
werden. So wird sichtbar, dass
Aufstiegschancen nicht durch eine einzelne Maßnahme
entstehen, sondern dort, wo unterschiedliche
Instrumente zusammenwirken und Menschen
zum richtigen Zeitpunkt erreichen.
Ob Menschen ihre Ziele erreichen können, hängt von vielen Faktoren ab.
Persönlicher Einsatz ist dabei ebenso wichtig wie die Bedingungen, unter
denen Menschen ihren Weg gehen: der Zugang zu guter Bildung, zu
Ausbildung und Arbeit, zu bezahlbarem Wohnraum, zu Mobilität,
Gesundheitsversorgung oder digitaler Infrastruktur. Staatliches Handeln kann dazu
beitragen, Barrieren abzubauen und Chancen im Lebensverlauf zu verbessern.
Handeln
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 37 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Investitionen schaffen
Chancen vor Ort
Das Sondervermögen für Infrastruktur und
Klimaneutralität schafft die strukturellen
Voraussetzungen für gleichwertige
Lebensverhältnisse und mehr soziale Mobilität. Marode
Schulen, baufällige Verkehrsinfrastruktur oder
langsames Internet beeinträchtigen Chancen
oft schon in jungen Jahren. Besonders in
strukturschwachen Regionen – sowohl ländlich
als auch in bestimmten urbanen Räumen – sind
diese Defizite deutlich spürbar und verstärken
bestehende Ungleichheiten.
Mit einem Investitionsvolumen von 500
Milliarden Euro über die nächsten zwölf Jahre
setzt der Staat hier gezielt an. Die Mittel fließen
u. a. in die Bildungs- und
Betreuungsinfrastruktur, die Modernisierung von Schulen und
Kitas, in den Ausbau digitaler Netze, in eine
verlässliche Mobilität sowie in eine
leistungsfähige Energieinfrastruktur. Für den Alltag
bedeutet das konkrete Verbesserungen: bessere
Lernbedingungen, stabilere
Internetverbindungen und eine resiliente Energieversorgung.
Gleichzeitig wird der Übergang zur
Klimaneutralität aktiv gestaltet. Davon profitieren
alle Bürgerinnen und Bürger, besonders
Familien, Auszubildende und Pendlerinnen
und Pendler, deren Alltag unmittelbar von
funktionierender Infrastruktur abhängt.
Bessere Mobilität kann dabei unterstützen, die
eigenen Ziele zu erreichen. 100 Milliarden
Euro des Sondervermögens erhalten direkt die
Länder – für Investitionen in ihre Infrastruktur
und die der Kommunen. Die Kommunen
tragen im Alltag die Hauptverantwortung für
eine funktionierende Infrastruktur und den
gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dies ist ein
Beitrag für gleichwertige Lebensverhältnisse
vor Ort. Zusätzlich wird die Bundesregierung
mit dem Länder- und
Kommunalentlastungsgesetz Länder und Kommunen um weitere
vier Milliarden Euro entlasten.
Die Qualität der öffentlichen Infrastruktur
ist ein zentraler Standortfaktor und
wesentlich für die Wettbewerbsfähigkeit und die
Wachstums aussichten der Wirtschaft. Gerade
AUFSTIEGSCHANCEN DURCH
VERBESSERTE INFRASTRUKTUR,
VERMÖGENSAUFBAU UND
FINANZBILDUNG
Finanzielle Chancen entstehen nicht erst mit dem ersten Gehalt. Sie entwickeln
sich über viele Jahre – geprägt durch das Umfeld, in dem Menschen
aufwachsen, die Möglichkeiten, die ihnen offenstehen, und die Entscheidungen,
die sie im Laufe ihres Lebens treffen. Die Bundesregierung setzt an
verschiedenen Stationen dieses Lebenswegs an. Ziel ist es, gute Rahmenbedingungen
zu schaffen, finanzielle Perspektiven zu eröffnen und Menschen dabei zu
unterstützen, ihre Möglichkeiten zu nutzen.
Bundesministerium der Finanzen
Teil B
38
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 38 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
für Beschäftigte in Branchen im Wandel
entstehen dadurch neue Perspektiven. Zukunftsfähige
Technologien und nachhaltige
Wirtschaftszweige eröffnen neue Arbeitsfelder und sichern
langfristig Beschäftigung. So entstehen neue
Aufstiegspfade in einer Wirtschaft, die sowohl
leistungsfähig als auch krisenfest ist.
Früher Vermögensaufbau eröffnet
finanzielle Perspektiven
Ein zentraler Ansatzpunkt ist der
Vermögensaufbau junger Menschen zur Altersvorsorge,
der bislang stark von den finanziellen
Startbedingungen und Möglichkeiten der Eltern
abhängt. Wer in einem Haushalt mit Vermögen
aufwächst, profitiert oft früh von Sparanlagen,
Kapitalmarktteilhabe und vererbten Vermögen,
während andere ohne diese Unterstützung
starten. Diese Ungleichheit setzt sich über
Jahrzehnte fort und wirkt sich direkt auf die
finanzielle Sicherheit im Alter aus. Mit der
Einführung der sogenannten Frühstartrente und
der Schaffung eines geförderten individuellen
Altersvorsorgedepots wird dieser
Mechanismus gezielt durchbrochen. Perspektivisch
erhalten alle Kinder und Jugendlichen zwischen
sechs und 18 Jahren monatlich eine staatliche
Förderung in Höhe von zehn Euro, die in einem
persönlichen Altersvorsorgedepot angelegt
werden. Dadurch erhalten erstmals alle Kinder
und Jugendlichen einen frühen Zugang zur
kapitalgedeckten Vorsorge – unabhängig davon,
ob ihre Eltern selbst sparen können oder nicht.
Die Wirkung entfaltet sich dabei nicht nur
langfristig im Alter, sondern bereits in der
Gegenwart, indem junge Menschen und ihre
Eltern die Möglichkeiten des Kapitalmarktes
kennenlernen. Eltern können das Depot
unkompliziert eröffnen und durch freiwillige
Zuzahlungen ergänzen. Aber auch ohne ihr
Zutun profitieren Kinder von der
Frühstartrentenförderung im Rahmen einer staatlichen
kollektiven Anlage. So wird verhindert, dass
ausgerechnet jene leer ausgehen, die ohnehin
schlechtere Startbedingungen haben. Die
Frühstartrente ist so konzipiert, dass sie nahtlos in
die geförderte private Altersvorsorge übergeht.
Handeln
39
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 39 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Mit der Reform wird die private Altersvorsorge
unter anderem durch das Altersvorsorgedepot
einfacher, kostengünstiger und renditestärker
ausgestaltet, sodass mehr Menschen tatsächlich
teilnehmen können. Besonders für Familien
sowie Personen mit kleinen und mittleren
Einkommen entsteht damit eine realistische
Perspektive für private Altersvorsorge.
Perspektivisch stärkt dies nicht nur die individuelle
Sicherheit, sondern auch die gesellschaftliche
Teilhabe – weil finanzielle Abhängigkeiten
reduziert werden.
Sicher mit Geld umgehen – bessere
Selbstbestimmung bei finanziellen
Entscheidungen
Finanzielle Möglichkeiten sind dann am größten,
wenn Informationen verständlich, leicht
zugänglich und alltagsnah sind. Genau hier
setzt die geplante Finanzbildungsstrategie
des Bundes an. Sie soll dazu beitragen, dass
Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen
angemessene und verantwortungsvolle
Finanzentscheidungen treffen können – etwa bei
Fragen zur Altersvorsorge, zum Sparen oder
zum Umgang mit Krediten. So können mehr
Menschen die Chancen nutzen, die ihnen
offenstehen. Dabei richtet sie sich
grundsätzlich an die gesamte Bevölkerung, legt jedoch
insbesondere einen Fokus auf Menschen mit
sozioökonomischen Herausforderungen, junge
und ältere Menschen, Frauen sowie
Erwerbstätige. Finanzbildung soll dort ansetzen, wo
sie im Alltag gebraucht wird – verständlich,
lebensnah und praxisorientiert. Ob beim
Abschluss eines Vertrags, beim Sparen oder bei
der Altersvorsorge: Ziel ist es, Menschen dabei
zu unterstützen, ihre finanziellen
Möglichkeiten selbstbewusst und passend zu ihrer
persönlichen Lebenssituation zu nutzen. Je früher
Menschen Orientierung und Unterstützung
erhalten, desto leichter können sie finanzielle
Chancen für sich nutzen – unabhängig davon,
mit welchen Voraussetzungen sie starten.
Gemeinsam wirken die Maßnahmen
über den gesamten Lebensverlauf
In ihrer Gesamtheit zeigen die Maßnahmen ein
konsistentes Verständnis von
Chancengerechtigkeit. Sie greifen ineinander: Frühe finanzielle
Unterstützung schafft erste
Vermögensgrundlagen, Bildung befähigt zur eigenständigen
Nutzung dieser Möglichkeiten, und eine
moderne Infrastruktur sorgt dafür, dass individuelle
Potenziale tatsächlich entfaltet werden können.
Der Staat agiert dabei nicht nur als Unterstützer,
sondern als aktiver Gestalter, der gezielt dort
eingreift, wo Marktmechanismen allein keine
fairen Ausgangsbedingungen schaffen.
Damit wird auch eine zentrale politische
Erkenntnis sichtbar: Soziale Mobilität ist kein
Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis
langfristiger, aufeinander abgestimmter Maßnahmen.
Wer früh ansetzt, strukturelle Hürden abbaut
und gleichzeitig in die Zukunftsfähigkeit des
Landes investiert, schafft nicht nur individuelle
Perspektiven, sondern stärkt auch das
Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates.
Teil B
40
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 40 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Das jüngste Jahresgutachten des Sachverständigenrats für Integration und
Migration (2026)1 wie auch das Integrationsmonitoring der Länder (2025)2
machen darauf aufmerksam, dass sich aufgrund unterschiedlicher
Migrationsprozesse und Zuzugskohorten die Bevölkerungsstrukturen innerhalb
Deutschlands – und hier insbesondere zwischen den westdeutschen und den
ostdeutschen Ländern – deutlich unterscheiden. So ist der Anteil der
Bevölkerung mit Migrationsgeschichte an der Gesamtbevölkerung in den
ostdeutschen Ländern mit durchschnittlich 11,7 Prozent erheblich geringer als im
Westen (hier durchschnittlich 33,6 Prozent3). Dies führt zu unterschiedlichen
Rahmenbedingungen für das Ankommen, die Teilhabe und die Entwicklung
beruflicher Perspektiven von Menschen mit Migrationsgeschichte.
1 Sachverständigenrat für Integration und Migration 2026: Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der
Einwanderungsgesellschaft. Jahresgutachten 2026, Berlin, S. 38 ff.
2 Länderoffene Arbeitsgruppe „Indikatorenentwicklung und Monitoring“ der IntMK 2025: Achter Bericht zum
Integrationsmonitoring der Länder. Berichtsjahre 2021–2023 und Bund-Länder-Integrationsbarometer 2024, Wiesbaden, S. 4.
3 Sachverständigenrat (s. Fn. 1), S. 38.
4 a. a. O.
Ungleiche Verteilung von
Zugewanderten und ihren Nachkommen an der
Wohn bevölkerung in Deutschland
Insgesamt 25,2 Millionen Menschen haben in
Deutschland laut Mikrozensus 2024 einen
Migrationshintergrund – das ist fast jede dritte
Person (30,4 Prozent). Zugleich verteilt sich die
Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund
regional höchst unterschiedlich. 94,3 Prozent
lebten 2024 in den westdeutschen
Bundesländern und Berlin (dagegen nur 85,2 Prozent
der Gesamtbevölkerung); in den ostdeutschen
Flächenländern lebten dagegen im
Durchschnitt nur 5,7 Prozent aller Personen mit
Migrationshintergrund (gegenüber 14,8 Prozent
der Gesamtbevölkerung).
Die höchsten Anteile von Eingewanderten
und ihren Nachkommen verzeichneten 2024
die Stadtstaaten Bremen (45,1 Prozent),
Hamburg (40,1 Prozent) und Berlin (40,6
Prozent), gefolgt von den Flächenländern Hessen
(38,5 Prozent), Baden-Württemberg (37,9
Prozent) und Nordrhein-Westfalen (35,4 Prozent).
In den ostdeutschen Bundesländern liegt der
Anteil an Personen mit Migrationshintergrund
zwischen 10,7 Prozent in Mecklenburg-
Vorpommern und rund 12 Prozent in Sachsen,
Sachsen-Anhalt und Brandenburg deutlich
niedriger.4
INTEGRATIONSPOLITIK ALS
GESTALTUNGSAUFGABE FÜR
ZUKÜNFTIGE ENTWICKLUNG
UND FACHKRÄFTESICHERUNG
Bundesministerium des Innern
Handeln
41
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 41 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Abb. A.5 Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund in den Bundesländern 2024
Quelle: Mikrozensus, Statistisches Bundesamt 2025p; Darstellung: SVR
bis 30 Prozent 30 Prozent und mehrbis 20 Prozent
22,2 %
26,0 %
40,1 %
45,1 %
40,6 %
11,2 %
12,1 %
10,7 %
12,0 %
12,1 %
38,5 %
30,1 %
35,4 %
37,9 %
28,5 %
30,5 %
Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund
in den Bundesländern 2024
Quelle: Mikrozensus, Statistisches Bundesamt 2025p; Darstellung SVR
Abbildung 1: SVR-Jahresgutachten 2026, S. 39
Teil B
42
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 42 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Jüngere und stärker durch
Fluchtmigration geprägte
Zuwanderungsgeschichte in Ostdeutschland
Für die gesellschaftlich und politisch
besonders starke Aufladung des Migrationsthemas
in Ostdeutschland ist es möglicherweise
nicht unerheblich, wie sich Zuzugsprofile und
Zuzugsmotive in West und Ost unterscheiden:
Die Zuwanderung nach Westdeutschland
durch im Ausland geborene Personen (1.
Generation) vollzog sich in mehreren Phasen:
zunächst von 1956 bis 1989 durch den Zuzug
von Gastarbeitern, anschließend von 1990
bis 1999 insbesondere durch die Aufnahme
von Spätaussiedlern sowie von Flüchtlingen
infolge der Balkankriege und von 2000 bis
2014 zunehmend im Zuge der
Arbeitnehmerfreizügigkeit nach der EU-Osterweiterung.
Inzwischen ist mit deren jeweiligen
Nachkommen eine zweite und dritte Generation weit
überwiegend in Westdeutschland ansässig,
wodurch sich über die Zeit gewachsene
soziale Netzwerke, institutionelle – und auch
lebensweltlich-alltägliche – Erfahrungen
und Routinen bei Zugängen zu Bildung und
Beschäftigung entwickelt haben.
Demgegenüber ist das Migrationsgeschehen
in Ostdeutschland noch relativ jung und vor
allem durch die fluchtbedingte Zuwanderung
seit 2015 geprägt. So sind 72,2 Prozent der
dortigen Bevölkerung mit
Migrationshintergrund selbst zugewandert (1. Generation),
wobei ein vergleichsweise großer Anteil aller
(Neu-)Zugewanderten aus den
Hauptherkunftsländern von Asylsuchenden, d. h.
Syrien und Afghanistan sowie seit 2022 aus
der Ukraine, kommt. Damit bestehen andere
Unterstützungsbedarfe als in Regionen mit
länger etablierten
Einwanderungsgeschichten – insbesondere beim Erwerb der deutschen
Sprache, bei Bildungswegen und beim Zugang
zum Arbeitsmarkt. Der Sachverständigenrat
für Integration und Migration macht mit
nachstehender Tabelle den weit
überproportionalen Anstieg der Bevölkerung mit –
fluchtbedingtem – Migrationshintergrund in den
ostdeutschen Flächenstaaten in dem Jahrzehnt
zwischen 2013 und 2024 deutlich:
2013 (in Tausend) 2024 (in Tausend)
Anstieg zwischen
2013 und 2024
Nordrhein-Westfalen 4.442 6.302 41,9 %
Baden-Württemberg 2.968 4.246 43,1 %
Bayern 2.598 4.020 54,7 %
Hessen 1.684 2.399 42,5 %
Niedersachsen 1.402 2.058 46,8 %
Berlin 905 1.484 64,0 %
Rheinland-Pfalz 827 1.232 49,0 %
Hamburg 508 739 45,5 %
Schleswig-Holstein 354 645 82,2 %
Sachsen 192 484 152,1 %
Bremen 187 313 67,4 %
Saarland 173 287 65,9 %
Brandenburg 125 301 140,8 %
Sachsen-Anhalt 98 236 140,8 %
Thüringen 90 251 178,9 %
Mecklenburg-Vorpommern 72 167 131,9 %
Deutschland 16.624 25.164 51,4 %
Anmerkung: Aufgrund von Rundungen kann die Zahl in der Kategorie „Deutschland“ von der Summe der 16 Bundesländer abweichen.
Quelle: Mikrozensus, Statistisches Bundesamt 2025p; Darstellung SVR
Abbildung 2: SVR-Jahresgutachten 2026, S. 40
Bevölkerung mit Migrationshintergrund in den Bundesländern 2013 und 2024
Handeln
43
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 43 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Maßnahmen der Bundesregierung
Migrationswende:
Die Asylerstanträge gehen gegenwärtig deutlich
zurück. Zu den Faktoren des Rückgangs zählen
die von der Bundesregierung im Rahmen
ihrer neu ausgerichteten Migrationspolitik mit
einem klaren Fokus auf Ordnung und Kontrolle
bei Wahrung der Humanität ergriffenen
Maßnahmen wie z.B. die Anordnung von
intensivierten Grenzkontrollen an allen deutschen
landseitigen Binnengrenzen, die Aussetzung
des Familiennachzugs zu subsidiär
Schutzberechtigten, die Abschaffung der Möglichkeit
einer Einbürgerung nach nur drei Jahren bei
besonderen Integrationsleistungen sowie die
Gesetze zur rechtlichen Umsetzung der Reform
des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems
(GEAS). Ein weiterer Faktor für das
Zugangsgeschehen im deutschen Asylsystem ist der sehr
deutlich zurückgegangene Zuzug von syrischen
Staatsangehörigen, der auf die aktuelle Lage in
Syrien zurückzuführen ist.
Integrationspolitik:
Die Bundesregierung fördert Teilhabe- und
Aufstiegschancen durch verschiedene
bundesweite Integrationsmaßnahmen und leistet
damit – neben landesgeförderten und
kommunalen Angeboten – einen Beitrag zur
Integrationsinfrastruktur in den ostdeutschen
Flächenländern. Bei der Mittelzumessung
werden zugleich regionale Unterschiede
und Bedarfe berücksichtigt. Dies zeigt sich
beispielsweise in der bedarfsgerechten
Verteilung der Kapazitäten der
bundesgeförderten Migrationsberatung für erwachsene
Zugewanderte (MBE).
Über den konkreten Beitrag der MBE für die
Menschen vor Ort in Ostdeutschland spricht
ein Praxisbeispiel aus der Stadt Leipzig (siehe
https://www.migrationsberatung.org/de/
einblicke/spotlight-leipzig-interview-stadt).
Hier findet eine besonders gute und enge
Zusammenarbeit zwischen den MBE-
Beratungsstellen und der Kommune statt. Ein
wesentlicher Mehrwert der MBE-Beratungsstellen ist
die Einzelfallberatung von (Neu-)
Zugewanderten in allen Fragen des täglichen Lebens. Diese
unterstützt ein schnelles Selbstständigwerden
und ein besseres Zurechtfinden im Umgang mit
Behörden in östlichen Bundesländern.
Darüber hinaus dient die „Strukturförderung
von Migrantenorganisationen“ der
Bundesregierung der Professionalisierung von
bundesweit aktiven Dachverbänden von
Migrantenorganisationen, um diese in ihrer Rolle als
Dachverband und Ansprechpartner für Politik,
Verwaltung und Zivilgesellschaft in der
Integrationsarbeit zu stärken. Ziel ist die Schaffung
nachhaltiger organisatorischer Voraussetzungen
für eine wirksame Verbandsarbeit.
So wird seit Dezember 2017 der „Dachverband
der Migrant*innenorganisationen in
Ostdeutschland – DaMOst e. V.“ gefördert. Durch
die Strukturförderung konnten die
Gründung des Verbandes sowie die Erlangung
der Gemeinnützigkeit begleitet und damit
wesentliche Grundlagen für den Aufbau einer
tragfähigen Verbandsstruktur geschaffen
werden. Der Verband verfügt aktuell über
fünf Mitgliedsorganisationen in Sachsen-
Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern,
Thüringen und Brandenburg. Gemeinsam
decken diese ein breites Spektrum an
Beratungs-, Teilhabe-, Antirassismus- und
Integrationsangeboten ab. Darüber hinaus engagiert
sich DaMOst e. V. in der Interessen vertretung,
der Vernetzung sowie der Qualifizierung seiner
Mitgliedsorganisationen und bietet weitere
unterstützende Dienstleistungen an. Die
hierdurch gestärkte Verbandsarbeit trägt zur
nachhaltigen Festigung des
zivilgesellschaftlichen Engagements und der
Vereinsstrukturen in Ostdeutschland bei. Sie unterstützt
dabei, Zugewanderte besser zu erreichen, sie
über bestehende Bildungs-, Beratungs- und
Beteiligungsmöglichkeiten zu informieren
und ihnen Wege zur aktiven Mitwirkung vor
Ort zu eröffnen.
Teil B
44
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 44 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
STARTUPS ALS MOTOR FÜR
AUFSTIEG UND CHANCENGLEICHHEIT
IN OSTDEUTSCHLAND
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
Gründungen als Weg zu
Teilhabe und Aufstieg
Startups und Scaleups sind ein wichtiger
Motor für wirtschaftlichen Aufstieg, Innovation
und gesellschaftliche Teilhabe. Gerade in
Ostdeutschland können sie neue Perspektiven
schaffen und den Strukturwandel aktiv
gestalten. Insbesondere Gründerinnen sehen
Unternehmertum als Weg zu mehr
Selbstbestimmung, wirtschaftlicher Teilhabe und
beruflicher Verwirklichung (iit: Startup.
Gründerin. Ostdeutsch. 2025). Viele Frauen gründen
zudem mit dem Ziel, ihre Region wirtschaftlich
zu stärken. Damit werden Startups zu einem
Instrument für mehr Chancengleichheit.
Potenziale nutzen,
Hürden überwinden
Ostdeutschland verfügt über exzellente
Hochschulen, starke Forschungseinrichtungen und
wachsende Gründungsnetzwerke. Dennoch
fehlt vielerorts die kritische Masse an
Investoren, Geschäftskunden und
Unternehmensnetzwerken. Besonders der Zugang zu Risikokapital
bleibt eine Hürde für viele Gründerinnen
und Gründer. Potenziale hingegen entstehen
vor allem im DeepTech-Bereich, wo
wissenschaftliche Spitzenleistungen in marktfähige
Innovationen übersetzt werden. Dass daraus
zunehmend erfolgreiche
Wachstumsunternehmen entstehen, belegt auch der Ostdeutsche
Wirtschaftspreis VORSPRUNG: Unter den
Preisträgern befinden sich insbesondere
wachstumsorientierte
Technologieunternehmen aus den Bereichen Klimatechnologie,
Biotechnologie, Quantentechnologie und
Kreislaufwirtschaft.
Neue Ökosysteme schaffen
neues Potenzial
Um diese Potenziale zu heben, sind in den
vergangenen Jahren leistungsfähige
Innovationsökosysteme entstanden. Das SpinLab
in Leipzig, das Startup Labor Schwedt, BoOst
Startup Factory für Sachsen und Thüringen
oder der Optics-Standort Jena zeigen, wie
gezielte Förderung neue Gründungsdynamiken
erzeugt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die
de:hub Initiative des Bundes (BMWE und
BMDS). Die de:hubs in Halle, Leipzig, Dresden,
Potsdam, Rostock und Jena vernetzen Startups
und Scaleups mit Forschung, Mittelstand und
Industrie und schaffen so die Voraussetzungen
für Wachstum, Innovation und regionale
Wertschöpfung, insbesondere durch
Acceleration- und Venture-Clienting-Programme.
Mit der Startup- und Scaleup-Strategie wird
die Bundesregierung diese und viele andere
Ökosysteme weiter stärken.
Startup-Ökosystem stärkt
Chancengleichheit
Der Aufstieg Ostdeutschlands als
Innovationsstandort ist das Ergebnis gezielter
Strukturentwicklung. Gründung und Innovation sind nicht
nur Chance, sondern Antrieb einer ganzen
Generation. Deshalb ist der Auf- und Ausbau
des hiesigen Startup-Ökosystems nicht nur
eine wirtschaftliche, sondern auch eine gesell-
Handeln
45
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 45 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
schaftspolitische Aufgabe. Starke Netzwerke,
bessere Finanzierungsmöglichkeiten und die
gezielte Förderung von Gründerinnen und
Gründern leisten einen wichtigen Beitrag zu
mehr Chancengleichheit.
Aufstieg gelingt im Osten nicht trotz seiner
Geschichte, sondern mit ihr – dann, wenn die
Erfahrungen des Wandels in Innovationskraft
und unternehmerischen Mut übersetzt werden
Unternehmensnachfolgen bieten
Chancen und machen den
Mittelstand zukunftsfest
Neben Neugründungen sind auch
Nachfolgegründungen für die gesamtwirtschaftliche
Entwicklung von zentraler Bedeutung. Denn
erfolgreiche Unternehmensnachfolgen machen
den Mittelstand zukunftsfest und sichern
damit auch Arbeitsplätze. Insbesondere im
ländlichen Raum sind sie auch
strukturpolitisch wichtig. Gerade in
Ostdeutschland ist das Thema Betriebsübergabe ganz
aktuell von erheblicher Relevanz, da die
erste Unternehmergeneration zunehmend
das Ruhestandsalter erreicht. Aus Sicht der
Übernehmenden bietet eine Nachfolge einen
Weg in die Selbstständigkeit mit
unternehmerischen Chancen einerseits und der Sicherheit
bewährter Strukturen mit eingespielten Teams
und bestehendem Kundenstamm andererseits.
Neben familieninternen Nachfolgen gewinnen
dabei auch Übernahmen durch Mitarbeitende
sowie Externe zunehmend an Bedeutung.
Die Rahmenbedingungen für
Unternehmensnachfolgen zu verbessern, ist permanentes Ziel
der Mittelstandspolitik von Bund und Ländern.
Die Bundesregierung unterstützt das
Zustandekommen erfolgreicher
Unternehmensnachfolge beispielsweise mit der gemeinsam von KfW
und Bundesministerium für Wirtschaft und
Energie betriebenen kostenfreien bundesweiten
Unternehmensnachfolgebörse nexxt-change,
die 2026 umfassend modernisiert werden wird
und den ERP-/KfW-Förderkrediten wie zum
Beispiel dem im November 2024 eingeführten
ERP-Förderkredit Gründung und Nachfolge.
Darüber hinaus sind die IHK- und
Handwerksorganisationen, (Bürgschafts-, Förder-)
Banken und Sparkassen sowie die
steuerberatenden Berufe zentrale Multiplikatoren, die
den Nachfolgeprozess flankieren und weitere
Unterstützungsleistungen anbieten.
Teil B
46
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 46 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
INNOVATIONSFÖRDERUNG SCHAFFT
NEUE BERUFLICHE PERSPEKTIVEN IN
STRUKTURSCHWACHEN REGIONEN
Strukturschwache Regionen weisen eine
kleinteiligere, weniger forschungsintensive
Unternehmenslandschaft auf – verbunden mit einem
geringeren Angebot an qualifizierten, gut
entlohnten Arbeitsplätzen. Für Beschäftigte
vor Ort begrenzt dies berufliche
Entwicklungsmöglichkeiten und wirtschaftliche Teilhabe.
Mit der Programmfamilie „Innovation &
Strukturwandel“ (I&S) unterstützte die
Bundesregierung im Berichtszeitraum regionale
Innovationsbündnisse in strukturschwachen
Regionen dabei, neue wirtschaftliche
Perspektiven vor Ort zu entwickeln. Gefördert wurden
themenoffene Kooperationen von kleinen und
mittleren Unternehmen, Startups, Hochschulen,
Forschungseinrichtungen und
zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren. Damit stärkte
die Programmfamilie regionale
Innovationsökosysteme. Die Fördermittel kamen dabei
nahezu vollständig in den strukturschwachen
Regionen an. Rund 80 Prozent der Mittel zum
Setzen wirtschaftlicher Impulse verblieben in
der jeweils geförderten Region. Damit
verbesserte I&S im Berichtszeitraum die
Voraussetzungen, dass Beschäftigte und Fachkräfte auch
in strukturschwachen Regionen qualifizierte
Tätigkeiten finden konnten.
Durch ein breites Innovationsverständnis,
das über technologische Innovationen hinaus
ausdrücklich soziale und organisationale
Innovationen einschließt, förderte I&S neue
Lösungen für alltägliche Herausforderungen in
den Regionen – etwa in den Bereichen
Zusammenleben, Lernen oder Arbeitsorganisation.
Die Erfahrungen mit I&S zeigen, dass
Innovationsförderung ein wichtiger Baustein sein
kann, um regionale Wertschöpfung zu stärken
und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten
vor Ort zu verbessern.
Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt
Handeln
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 47 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Teil B
48
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 48 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
RECHT ERFAHRBAR MACHEN,
VERTRAUEN STÄRKEN, OSTDEUTSCHE
STANDORTE ENTWICKELN
Mit ihren Angeboten schafft die Stiftung
Forum Recht neue Zugänge zu Fragen des
Rechts und der Rechtsstaatlichkeit. Sie
entwickelt Formate, in denen Menschen sich zu
ihren Erfahrungen mit Recht austauschen und
sich mit der Bedeutung rechtsstaatlicher
Verfahren auseinandersetzen können. Die Stiftung
richtet sich an alle Menschen in Deutschland.
Besonders wichtig ist dabei, auch diejenigen zu
erreichen, die staatlichen Institutionen
skeptisch gegenüberstehen. Eine freiheitlich-
demokratische Gesellschaft ist darauf angewiesen,
dass Bürgerinnen und Bürger den Rechtsstaat
verstehen und ihm vertrauen können. In
ihrem Programm setzt die Stiftung deshalb
auf konkrete Bezüge zum Alltag der Menschen.
Die Wanderausstellung „Recht – Spielregeln
des Alltags“ zeigt beispielsweise, wie rechtliche
Fragen Menschen in ganz unterschiedlichen
Lebenssituationen betreffen – vom Umgang
mit den Folgen eines Verkehrsunfalls über
die Grenzen der Meinungsfreiheit in sozialen
Medien bis zu den rechtlichen Folgen einer
Trennung von Eltern. Die Stiftung macht
ihre Themen in Karlsruhe und Leipzig sowie
mobil in ganz Deutschland und im virtuellen
Raum zugänglich. Die geplanten Neubauten in
beiden Städten sollen als öffentliche Foren und
lebendige Veranstaltungsorte wirken.
Auch die Erleichterung der Durchsetzung von
Ansprüchen wegen verfolgungsbedingter
gesundheitlicher Beeinträchtigungen von
Opfern der SED-Diktatur setzt an einer
Zugangshürde an. Personen, die in der
ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone
und der ehemaligen DDR politisch verfolgt
wurden, hatten in der Vergangenheit bei der
Durchsetzung solcher Ansprüche in der Praxis
Schwierigkeiten. Maßnahmen staatlicher
politischer Verfolgung wurden häufig nicht
oder nicht wahrheitsgemäß dokumentiert.
Gesundheitliche Schädigungen als Folge
solcher Maßnahmen treten oft erst viele Jahre
später auf. Dadurch entstehen für Betroffene
Beweisschwierigkeiten.
Durch Änderung des Verordnungsrechts
werden Personen, die von Freiheitsentziehung,
von Leben unter haftähnlichen Bedingungen
Die Stiftung Forum Recht, die erleichterte Durchsetzung von
Entschädigungsansprüchen für Opfer der SED-Diktatur und die Eröffnung des siebten
Strafsenats des Bundesgerichtshofs in Leipzig verfolgen unterschiedliche
Ansätze, zielen aber auf eine gemeinsame Voraussetzung für
gesellschaftliche Teilhabe: Menschen müssen ihre Rechte kennen, wahrnehmen und auf
die Durchsetzung staatlicher Regeln vertrauen können. Gerade bei
unterschiedlichen Ausgangsbedingungen entscheidet der Zugang zu Recht und
Rechtsstaatlichkeit darüber mit, ob Menschen ihre Chancen nutzen und
Anerkennung erfahren können.
Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Handeln
49
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 49 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
und von Zwangsarbeit betroffen waren, künftig
bessergestellt. Für bestimmte Fallgruppen wird
ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der
Verfolgung und gesundheitlichen
Beeinträchtigungen vermutet. Dadurch wird die
Antragstellung vereinfacht und ein praxistauglicheres
Verfahren geschaffen. Betroffene müssen in
vielen Fällen keine aufwendigen Nachweise
mehr erbringen und erhalten leichter Zugang
zu den ihnen zustehenden Leistungen der
Sozialen Entschädigung. Damit verbunden
ist nicht nur eine finanzielle Unterstützung,
sondern auch die staatliche Anerkennung
erlittenen Unrechts.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der
Stärkung des Justizstandorts Ostdeutschland.
Mit der Einrichtung des siebten Strafsenats
des Bundesgerichtshofs in Leipzig wird der
Standort als Teil der höchstrichterlichen
Rechtsprechung weiter ausgebaut. Die Strafsenate
des Bundesgerichtshofs sichern die rechtliche
Kontrolle strafgerichtlicher Entscheidungen
und tragen zur Einheitlichkeit der
Rechtsprechung bei. Mit dem neuen Senat können
weitere Bundesrichterinnen und -richter ihre
Tätigkeit an einem ostdeutschen Justizstandort
ausüben, es werden dort zusätzliche
höchstrichterliche Karrieren ermöglicht.
Die Präsenz des Bundesgerichtshofs in Leipzig
ist zudem öffentlich sichtbar und stärkt die
Wahrnehmung der Stadt als Standort für Recht
und Justiz, an dem auch bereits das
Bundesverwaltungsgericht angesiedelt ist. Zusammen
mit dem Leipziger Standort der Stiftung Forum
Recht ist Leipzig ein Ort, an dem
Rechtsstaatlichkeit nicht nur institutionell verankert ist,
sondern auch im Alltag erkennbar wird.
Die Bundesregierung leistet mit seinen
Vorhaben einen Beitrag dazu, Vertrauen in den
Rechtsstaat zu sichern, durch eine Präsenz von
Institutionen des Rechtsstaats in allen
Regionen historische Ungleichheiten abzubauen und
damit auch ostdeutsche Standorte langfristig
zu stärken.
Teil B
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 50 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
BILDUNGSCHANCEN
VON ANFANG AN STÄRKEN
Frühkindliche Bildung als Schlüssel
für bessere Startchancen
Bereits in der frühen Kindheit werden wichtige
Grundlagen für den weiteren Bildungsweg
gelegt. Eine gute Betreuung und frühe
Förderung sollen Kindern ermöglichen, ihre Stärken
zu entwickeln und unabhängig von ihrer
familiären Ausgangslage gute
Startbedingungen zu erhalten. Frühkindliche Bildung und
Betreuung schaffen bessere Voraussetzungen
für erfolgreiche Bildungsbiografien und stärken
die Chancengerechtigkeit. Zugleich verbessern
gute Betreuungsangebote die Vereinbarkeit
von Familie und Beruf und können damit
auch die Einkommenssituation von Familien
unterstützen.
Auch wenn sich die Qualität der
Kindertagesbetreuung seit dem Inkrafttreten des Kita-
Qualitäts- und -Teilhabeverbesserungsgesetzes
(KiQuTG) im Jahr 2019 bundesweit verbessert
hat, bestehen zwischen den Ländern weiterhin
Unterschiede in zentralen Qualitätsbereichen,
etwa beim Personal-Kind-Schlüssel. Zugleich
zeigt sich: Der Bildungsweg von Kindern wird
in Deutschland nach wie vor stark durch die
Lebensumstände ihrer Familien geprägt.
Im Jahr 2024 nutzten 37,4 Prozent der unter
Dreijährigen und 91,6 Prozent der Kinder
zwischen drei und unter sechs Jahren ein
Angebot der Kindertagesbetreuung. Rund
83 Prozent der rund zwei Milliarden Euro
Bundesmittel, die den Ländern im Rahmen des
KiQuTG im Jahr 2024 zur Verfügung standen,
flossen in Maßnahmen zur
Qualitätsentwicklung, etwa zur Stärkung der Fachberatung,
für zusätzliche Leitungsressourcen oder
zur Verbesserung der Praxisanleitung. Rund
17 Prozent wurden eingesetzt, um Eltern bei
den Beiträgen zu entlasten.
Die Bundesregierung will diesen Weg
weitergehen und die Qualität der frühen Bildung
langfristig stärken. Dazu plant sie, das Kita-
Qualitäts- und Teilhabeverbesserungsgesetz
durch ein KiTa-Startchancen- und -
Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) abzulösen. Im
SCQEG sollen eine verpflichtende Sprach- und
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ob Kinder und junge Menschen ihre Fähigkeiten entfalten und ihren eigenen
Weg gehen können, hängt noch immer stark davon ab, mit welchen
Voraussetzungen sie aufwachsen. Frühkindliche Bildung, Schule, Ausbildung und
der Schritt in ein eigenständiges Leben sind entscheidende Stationen, an
denen sich Chancen eröffnen können, aber auch Unterschiede verfestigen.
Deshalb setzt der Bund an verschiedenen Punkten im Lebensverlauf an:
Er verbessert die Qualität der Kindertagesbetreuung, unterstützt Schulen mit
besonderen Herausforderungen, begleitet junge Menschen beim Übergang in
die Ausbildung und hilft dort, wo der Weg in die Eigenständigkeit besondere
Unterstützung erfordert.
Handeln
51
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 51 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Entwicklungsstanderhebung spätestens bei
Vierjährigen und anschließende
Fördermaßnahmen bei ermitteltem Förderbedarf der
Kinder geregelt werden. Kitas mit einem
erhöhten Anteil von Kindern in herausfordernden
Lebenslagen sollen zielgerichtet unterstützt
werden. Damit verbessert die Bundesregierung
gezielt die Bildungs- und Entwicklungschancen
von Kindern und erleichtert den Übergang in
die Schule.
Schulen dort stärken, wo
Unterstützung besonders gebraucht wird
Auch nach dem Übergang in die Schule
entscheidet sich, ob Kinder ihre Fähigkeiten
weiterentwickeln und ihre Bildungsziele
erreichen können. Nationale und internationale
Bildungsstudien wie der IQB-Bildungstrend
und PISA zeigen, dass der Zusammenhang
zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg
in Deutschland weiterhin stark ausgeprägt
ist. Gleichzeitig werden sinkende
Kompetenzniveaus von Schülerinnen und Schülern
insgesamt festgestellt. Das Startchancen- Programm
setzt deshalb gezielt dort an, wo die
Ausgangslagen besonders herausfordernd sind.
Deutschlandweit werden mit dem Programm
rund 4.000 Schulen mit einem hohen Anteil
sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler
unterstützt. Mit über 560 geförderten Schulen
befinden sich rund 14 Prozent der
Startchancen-Schulen in ostdeutschen Bundesländern.
Die Länder wählen die Schulen anhand
verschiedener Indikatoren aus und
berücksichtigen dabei insbesondere soziale Risikolagen.
Ein Schwerpunkt liegt auf Grundschulen, weil
in den ersten Schuljahren wichtige Grundlagen
für spätere Bildungswege entstehen.
Startchancen-Schulen erhalten zusätzliche
Unterstützung, um ihre Schülerinnen und
Schüler gezielt zu fördern. Dazu gehören
zusätzliches pädagogisches Personal, eine
stärkere Zusammenarbeit mit Akteuren im
Umfeld der Schule, etwa Vereinen oder
Bibliotheken, sowie Fortbildungen und Materialien
für einen hochwertigen Fachunterricht. Im
Mittelpunkt stehen die jungen Menschen selbst:
Sie sollen ihre Potenziale entfalten, ihre Stärken
entdecken und bessere Voraussetzungen
erhalten, ihre Bildungsbiografien erfolgreich
zu gestalten.
Ein besonderer Fokus liegt daher auf der
Stärkung grundlegender Kompetenzen wie
Lesen, Schreiben und Rechnen. Ziel ist es, den
Anteil der Schülerinnen und Schüler an
Startchancen-Schulen, die die Mindeststandards
in Mathematik und Deutsch verfehlen, bis
zum Ende der Programmlaufzeit zu halbieren.
Mit einer Laufzeit von zehn Jahren und einem
Volumen von rund 20 Milliarden Euro hat das
Programm das Potenzial, langfristige
Veränderungsprozesse im Bildungssystem anzustoßen
und nachhaltig zu verankern.
Junge Menschen beim Einstieg in
Beruf und Ausbildung begleiten
Mit dem Ende der Schulzeit beginnt für viele
junge Menschen eine neue Herausforderung:
die Entscheidung für einen beruflichen Weg
und der Einstieg in Ausbildung. Nicht allen
gelingt dieser Übergang ohne Unterstützung.
Manche kennen ihre Möglichkeiten nicht
ausreichend, andere brauchen Hilfe dabei, ihre
Stärken zu erkennen, einen passenden
Ausbildungsweg zu finden oder Schwierigkeiten
während der Ausbildung zu überwinden.
Hier setzt die Initiative Bildungsketten an.
Sie begleitet Schülerinnen und Schüler bereits
ab der Sekundarstufe I, insbesondere wenn
sie beim Übergang von Schule in Ausbildung
besondere Unterstützung benötigen. Durch
Potenzialanalysen, praxisnahe
Berufsorientierung und individuelle Begleitung erhalten
junge Menschen Orientierung und Sicherheit
bei ihren nächsten Schritten. Sie können eigene
Fähigkeiten besser einschätzen, Berufsfelder
kennenlernen und Entscheidungen auf einer
verlässlicheren Grundlage treffen. Dadurch
steigen ihre Chancen auf einen erfolgreichen
Berufsabschluss und einen stabilen Einstieg
ins≈Erwerbsleben.
Teil B
52
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 52 –
V
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Die Initiative richtet sich insbesondere an
Jugendliche mit erschwerten Startbedingungen,
Unterstützungsbedarf beim Übergang von
der Schule in den Beruf sowie einem erhöhten
Risiko, keinen Ausbildungsplatz zu finden oder
eine Ausbildung vorzeitig abzubrechen. Die
Erfahrungen aus der Initiative zeigen zugleich,
dass erfolgreiche Übergänge nicht allein von
einzelnen Angeboten abhängen. Entscheidend
ist, dass Schulen, Länder, Bundesagentur für
Arbeit und weitere Partner ihre Unterstützung
aufeinander abstimmen und junge Menschen
frühzeitig erreichen. Ein zentrales Merkmal der
Initiative ist, dass mit jedem Land eine eigene
Vereinbarung, ausgehend von den spezifischen
Rahmenbedingungen und Herausforderungen
vor Ort, abgeschlossen wird. So gelingt es, auch
regionale Besonderheiten der Länder in den
jeweiligen Vereinbarungen zu adressieren.
Eigenständigkeit ermöglichen und
Teilhabe sichern
Für manche jungen Menschen ist der Weg in
ein selbstbestimmtes Leben mit zusätzlichen
Hürden verbunden. Sie benötigen
Unterstützung nicht nur bei Bildung und Beruf, sondern
auch bei Fragen des Wohnens, der finanziellen
Absicherung oder der Bewältigung ihres Alltags.
Das Programm „JUGEND STÄRKEN: Brücken
in die Eigenständigkeit“ (JUST BEst) richtet
sich an junge Menschen im Alter von 14 bis
einschließlich 26 Jahren, die Unterstützung
benötigen, weil sie noch nicht in der Lage sind,
ihr Leben eigenständig zu führen, oder weil sie
von Wohnungslosigkeit bedroht bzw. betroffen
sind. Dazu gehören insbesondere Care Leaver
und sogenannte entkoppelte junge Menschen.
Die Projekte begleiten junge Menschen in
prekären Lebenssituationen dabei, wieder eigene
Perspektiven zu entwickeln und konkrete
nächste Schritte zu gehen. Sie unterstützen bei
der Gestaltung des Alltags, beim Aufbau einer
Tagesstruktur, bei Fragen rund um Wohnen,
Finanzen und Gesundheit sowie beim Einstieg
in Ausbildung und Beruf. Ziel ist es, dass junge
Menschen ihr Leben zunehmend selbst in
die Hand nehmen können und
gesellschaftliche Teilhabe erreichen. Dafür braucht es
auch starke Strukturen vor Ort: Jugendämter,
Jobcenter und Arbeitsagenturen müssen eng
zusammenarbeiten, damit Hilfen dort
ankommen, wo sie gebraucht werden.
Aufstiegschancen entstehen nicht durch eine
einzelne Maßnahme an einem einzelnen Punkt.
Sie entstehen, wenn Menschen zu den
entscheidenden Zeitpunkten Unterstützung erhalten,
ihre Fähigkeiten entwickeln können und die
Möglichkeit bekommen, ihre eigenen Ziele zu
verfolgen. Mit seinen Maßnahmen schafft der
Bund gemeinsam mit Ländern und Kommunen
bessere Voraussetzungen dafür, dass Herkunft
und schwierige Startbedingungen weniger über
den weiteren Lebensweg entscheiden.
KI-generiert
Handeln
53
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 53 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
AUFSTIEGSCHANCEN DURCH
ORIENTIERUNG, AUSBILDUNG UND
GUTE ARBEIT
Den passenden Berufsweg finden
Angebote der Berufsorientierung helfen dabei,
unterschiedliche Ausgangsbedingungen für
den Zugang zu Informationen über Berufe
und damit verbundene Ausbildungswege
auszugleichen. Sie adressieren grundsätzlich alle
Menschen, je nach Lebenssituation zunächst
vorrangig beim Übergang von der Schule
in den Beruf, aber auch wiederholt im Laufe
des Lebens.
Berufsorientierung hilft jungen Menschen
dabei, herauszufinden, welcher Beruf zu ihren
Interessen und Stärken passt. Gleichzeitig
eröffnet sie Einblicke in Ausbildungswege,
Berufsbilder und Entwicklungsmöglichkeiten,
die im persönlichen Umfeld oft nicht bekannt
sind. Wer verschiedene Berufe kennenlernen
und praktische Erfahrungen sammeln kann,
entwickelt leichter eine realistische Vorstellung
von den eigenen Möglichkeiten. Das erleichtert
den Übergang von der Schule in Ausbildung
oder Studium und erhöht die Chance auf einen
erfolgreichen Berufsabschluss.
Die Alltagsrelevanz von Berufsorientierung als
Ausgangspunkt für eine Berufswahl und einen
erfolgreichen Berufsabschluss bezieht sich auf
zentrale individuelle Lebensbereiche,
insbesondere finanzielle Unabhängigkeit, persönliche
Identität und soziale Integration.
Berufsorientierung bietet zudem eine
Grundlage für lebenslanges Lernen und kann ein
Prozess sein, der dabei hilft, sich an
Veränderungen, z. B. durch persönliche Lebensphasen
und neue Rahmenbedingungen, anzupassen.
Berufsorientierung macht neue Tätigkeitsfelder
sichtbar und bietet damit Möglichkeiten, auf
den Wandel von Industrie, Energie und
traditionellen Wirtschaftsbereichen zu reagieren.
Übergeordnet kann Berufsorientierung einen
Beitrag dazu leisten, (junge) Menschen in ihrer
Region (z. B. Ostdeutschland) zu halten, indem
frühzeitig auch regionale Aspekte und damit
verbundene Chancen Bestandteil von
beruflicher Orientierung sind.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Berufliche Aufstiegschancen entstehen nicht erst mit dem Berufseinstieg.
Sie entwickeln sich bereits vor und entlang des gesamten Erwerbslebens –
von der ersten beruflichen Orientierung über den erfolgreichen
Ausbildungsabschluss bis hin zur Weiterentwicklung im Beruf. Mit ihren Maßnahmen
unterstützt die Bundesregierung Menschen dabei, ihren beruflichen Weg
selbstbestimmt zu gestalten, und Unternehmen dabei, gute
Entwicklungsperspektiven zu schaffen.
Teil B
54
Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 54 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Erkenntnisse aus der Berufsorientierung
liefern zentrale Ansatzpunkte für
arbeitsmarktpolitische Steuerungsmaßnahmen,
insbesondere hinsichtlich Qualifikationslücken,
regionaler Fachkräftesituation und sozialer
Teilhabe. Auf Basis ermittelter Bedarfe sollten
zielgerichtete Förderungen und
Bildungsangebote entwickelt werden.
Ausbildung erfolgreich ermöglichen
Um allen jungen Menschen ohne
Berufsabschluss den Zugang zu einer
vollqualifizierenden, möglichst betrieblichen Ausbildung
zu ermöglichen, wurde mit dem Aus- und
Weiterbildungsgesetz im Jahr 2024 eine
Ausbildungsgarantie eingeführt. Sie umfasst
verschiedene Beratungs- und
Unterstützungsangebote, angefangen bei der beruflichen
Orientierung und Beratung, bis zu Hilfen
bei der Aufnahme und für den erfolgreichen
Abschluss einer Berufsausbildung.
Nicht jeder Ausbildungsweg verläuft
geradlinig. Die Ausbildungsgarantie unterstützt
junge Menschen dabei, trotz Schwierigkeiten
oder Umwegen einen Ausbildungsplatz zu
finden und ihre Ausbildung erfolgreich
abzuschließen. Das mit der
Ausbildungsgarantie angestrebte Ziel einer abgeschlossenen
Berufsausbildung ist ein zentraler Faktor
für die Beschäftigungsfähigkeit, das selbst
erwirtschaftete Einkommen und die soziale
Teilhabe im Alltag. Sie erhöht die Chancen auf
stabile Arbeitsverhältnisse und ist
Ausgangspunkt für berufliche Weiterentwicklung.
Eine abgeschlossene Berufsausbildung erhöht
zudem die beruflichen Aufstiegschancen
signifikant, da sie sowohl fachliche Grundlagen
als auch betriebliche Sozialkompetenzen
vermittelt. Sie ist in der Regel eine Voraussetzung
für die Besetzung von Fach- und
Führungspositionen. In vielen Unternehmen führt die
Ausbildung zu verkürzten Beförderungszyklen
und höherer Vergütungsentwicklung. Ein
erfolgreicher Ausbildungsabschluss schafft
Sicherheit, stärkt das Vertrauen in die eigenen
Fähigkeiten und eröffnet neue berufliche
Entwicklungsmöglichkeiten. Die
Ausbildungsgarantie stellt in ihrem Gesamtkonzept ein
zentrales Steuerungsinstrument
arbeitsmarktpolitischer Beratungs- und Förderinstrumente
dar. Darüber hinaus können Ableitungen zum
Erfolg einzelner Elemente als Indikator für die
Wirksamkeit von Bildungs-, Arbeitsmarkt- und
Integrationsangeboten dienen.
Die Transformation von Wirtschaft
und Arbeitswelt stellt insbesondere
kleine und mittlere Unternehmen
(KMU) vor erhebliche
Herausforderungen
Digitalisierung, Fachkräftemangel und
demografischer Wandel verändern Arbeitsprozesse
und Qualifikationsanforderungen nachhaltig.
In Ostdeutschland wirken diese Entwicklungen
vor dem Hintergrund der von kleinen und
mittelständischen Unternehmen geprägten
Wirtschaftsstruktur und regional unterschiedlicher
wirtschaftlicher Voraussetzungen besonders
stark. Die Programme !nitiative Neue Qualität
der Arbeit (INQA)-Coaching und
Zukunftszentren unterstützen Unternehmen, die häufig
keine Personalabteilungen haben, die
Herausforderungen aktiv anzugehen. Sie stärken die
Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben, fördern
die Entwicklung beruflicher Kompetenzen
der Beschäftigten und eröffnen neue Aufstiegs-
und Entwicklungsperspektiven.
Unternehmen und Beschäftigte
gemeinsam fit für den Wandel
machen
Die von der Bundesregierung gemeinsam mit
der Europäischen Union geförderten
Zukunftszentren richten sich an kleine und mittlere
Unternehmen (KMU) und deren
Beschäftigte. Mit Standorten in allen ostdeutschen
Bundesländern werden niedrigschwellige und
regionalspezifische Unterstützungsangebote
geschaffen. Unternehmen erhalten Beratung
und Begleitung bei Zukunftsfragen wie dem
Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI), bei der
Fachkräftesicherung oder bei der Gestaltung
Handeln
55
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 55 –
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
von Veränderungsprozessen. Dadurch können
bestehende strukturelle Nachteile abgebaut
und die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe
gestärkt werden.
Auch für die Beschäftigten entstehen dadurch
neue Chancen. Die Zukunftszentren fördern
ihre Beteiligung an betrieblichen
Veränderungen und vermitteln neue Kompetenzen,
insbesondere im Umgang mit KI, digitalen
Technologien und modernen Arbeitsweisen.
Diese Qualifikationen verbessern ihre
beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und
erhöhen ihre Möglichkeiten, auch in einem
sich wandelnden Arbeitsmarkt erfolgreich
zu bleiben.
Die Wirkung zeigt sich auch unmittelbar im
Alltag der Menschen: Beschäftigte erleben
Veränderungen nicht nur als Herausforderung,
sondern können sie aktiv mitgestalten und
ihre Erfahrungen einbringen. Gleichzeitig
werden Unternehmen in die Lage versetzt,
Arbeits plätze nachhaltig zu sichern und neue
Perspektiven zu schaffen. Insbesondere in
strukturschwächeren Regionen tragen die
Zukunftszentren dazu bei, Zukunftschancen
vor Ort zu erhalten und
Abwanderungstendenzen entgegenzuwirken.
Die Erfahrungen der Zukunftszentren zeigen,
dass erfolgreiche Transformation neben
technologischen Veränderungen auch die
aktive Beteiligung der Beschäftigten erfordert.
Hier setzt das von der Bundesregierung
initiierte ESF-Plus-geförderte Programm
INQA-Coaching an.
Veränderungen gemeinsam gestalten
Auch das von der Bundesregierung initiierte
und vom Europäischen Sozialfonds (ESF Plus)
geförderte Programm INQA-Coaching
unterstützt KMU dabei, digitale und
organisatorische Veränderungen gemeinsam mit ihren
Beschäftigten zu gestalten. Das Programm
adressiert insbesondere die Herausforderung,
notwendige Veränderungsprozesse trotz
begrenzter Ressourcen strukturiert
umzusetzen. Gemeinsam mit einem professionellen
Coach gehen Unternehmen unabhängig von
der Branche den Wandel gemeinsam mit den
Beschäftigten aktiv an und gestalten ihn mit.
Bis zu zwölf Coaching-Tage werden gefördert,
80 Prozent der Kosten übernommen. Wie bei
den Zukunftszentren profitieren vor allem
Unternehmen in ländlichen Regionen von der
aufsuchenden Beratung.
Im Rahmen des Coachings werden
betriebliche Herausforderungen u. a. in den Bereichen
Digitalisierung, Führung, Zusammenarbeit,
Kommunikation oder Personalentwicklung
bearbeitet. Kennzeichnend ist der
beteiligungsorientierte Ansatz: Beschäftigte wirken
aktiv an der Entwicklung von Lösungen mit
und bringen ihre Erfahrungen und
Perspektiven ein.
Dadurch entstehen konkrete Aufstiegschancen.
Beschäftigte erweitern ihre digitalen, fachlichen
sowie sozialen Kompetenzen und stärken ihre
Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und
Veränderungen mitzugestalten. Dies verbessert
ihre beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten
und ihre langfristige Beschäftigungs fähigkeit
in einer sich verändernden Arbeitswelt. Die
Alltagsrelevanz zeigt sich dadurch insbesondere in
einer höheren Bereitschaft zu Veränderungen.
Davon profitieren auch die Beschäftigten:
Moderne Arbeitsstrukturen schaffen bessere
Möglichkeiten, neue Aufgaben zu übernehmen,
Verantwortung zu tragen und sich beruflich
weiterzuentwickeln. Die Erfahrungen aus dem
INQA-Coaching zeigen, dass die Verbindung
von Digitalisierung, Organisationsentwicklung
und Beschäftigtenbeteiligung ein wirksamer
Ansatz zur Fachkräftesicherung und zur
Verbesserung beruflicher
Entwicklungsperspektiven ist.
Damit leistet das Programm einen wichtigen
Beitrag zur Zukunftsfähigkeit von KMU und
zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung
Ostdeutschlands.
Teil B
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Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 56 –
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orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
SCHNELLE NETZE UND DIGITALE
VERWALTUNG ERÖFFNEN CHANCEN
IN JEDER REGION
Wo Menschen leben, soll nicht darüber entscheiden, welche Bildungs-, Berufs-
und Teilhabechancen sie haben. Mit dem Ausbau digitaler Infrastruktur und
der Digitalisierung zentraler Verwaltungsleistungen schafft die
Bundesregierung Voraussetzungen dafür, dass Menschen und Unternehmen in allen
Regionen Deutschlands die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen können.
Leistungsfähige Gigabit- und
Mobilfunknetze schaffen neue
Perspektiven für Bildung, Arbeit
und Wirtschaft
Der Glasfaserausbau in Deutschland macht
spürbare Fortschritte. Ende 2025 haben
erstmals knapp 50 Prozent der Haushalte Zugang
zu einem Anschluss bis ins Gebäude (FTTB)
oder in die Wohnung (FTTH) oder können
diesen kurzfristig herstellen lassen. Die
Verfügbarkeit von Glasfaseranschlüssen (FTTB/H)
in Privathaushalten liegt in den ostdeutschen
Ländern teilweise unter dem Bundesschnitt.
Bund 48,91 %
Brandenburg 46,24 %
Mecklenburg-Vorpommern 49,36 %
Sachsen 36,76 %
Sachsen-Anhalt 48,74 %
Thüringen 26,48 %
Quelle: Breitbandatlas der Bundesnetzagentur,
Datenstand 12/2025
Die Flächenverfügbarkeit des neuesten
Mobilfunkstandards 5G liegt hingegen überwiegend
über dem Bundesschnitt.
Bund 95,29 %
Brandenburg 96,21 %
Mecklenburg-Vorpommern 96,84 %
Sachsen 97,31 %
Sachsen-Anhalt 95,77 %
Thüringen 93,68 %
Quelle: Mobilfunkmonitoring der Bundesnetzagentur,
Datenstand 12/2025
Mit der Gigabitförderung investiert die
Bundesregierung in eine leistungsfähige digitale
Infrastruktur. Sie ermöglicht Schülerinnen
und Schülern digitales Lernen, Beschäftigten
mobiles Arbeiten und Unternehmen den
Einsatz moderner digitaler Anwendungen.
Gerade in ländlichen und strukturschwächeren
Regionen verbessert dies die Voraussetzungen,
Ausbildung, Beruf und unternehmerische
Vorhaben vor Ort erfolgreich zu gestalten.
Seit 2015 wurden in den ostdeutschen
Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung
Handeln
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Bundesländern rund 6,5 Milliarden Euro an
Bundesfördermitteln für den Breitbandausbau
bewilligt. Dadurch werden voraussichtlich
rund 1,8 Millionen Anschlüsse geschaffen.
Allein die im Jahr 2025 bewilligten Projekte
erschließen rund 93.000 Privatadressen,
7.400 Unternehmen sowie zahlreiche Schulen
und Krankenhäuser.
Digitale Verwaltungsleistungen
erleichtern den Zugang zum Staat
Mit dem Programm „Flächendeckung digitale
Verwaltungsleistungen“ schafft die
Bundesregierung die Voraussetzungen dafür, dass
zentrale Verwaltungsleistungen bis in die
kleinste Kommune digital verfügbar werden.
Bürgerinnen und Bürger können Anträge
einfacher, schneller und unabhängig von
Öffnungszeiten stellen. In ländlichen Regionen
entfallen lange Anfahrtswege, in Städten
können Wartezeiten für Behördentermine
reduziert werden. Das erleichtert den Zugang
zu staatlichen Leistungen und entlastet
die Menschen im Alltag. Fünf Bundesländer
nehmen bereits am Programm teil, darunter
Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.
1 EfA-Onlinedienste, auch EfA-Leistungen genannt, sind digitale Verwaltungsdienste, die ein Bundesland zentral entwickelt
und allen anderen zur Nachnutzung bereitstellt.
Die beiden ostdeutschen Bundesländer sind
im Juli mit dem Programm gestartet und
binden nun innerhalb der nächsten neun
Monate jeweils fünf ausgewählte EfA-Dienste1
an, um diese für alle Bürgerinnen und Bürger
ihres jeweiligen Landes verfügbar zu machen.
Thüringen bindet dabei die EfA-Dienste
Wohngeld, Anerkennung ausländischer
Berufsqualifikationen,
Schwerbehindertenausweis, Eheschließung und Ummeldung an.
Mecklenburg -Vorpommern hat sich für eine
Anbindung der EfA-Dienste Bauvorbescheid
und -genehmigung, Grundsicherung im Alter
und bei Erwerbsminderung, Ummeldung,
Unterhaltsvorschuss und Wohngeld
entschieden. So soll der Zugang zu staatlichen
Leistungen unabhängig vom Wohnort erleichtert und
der Nachweisaufwand reduziert werden.
Beide Maßnahmen tragen dazu bei, dass digitale
Angebote für Bildung, Arbeit, Wirtschaft und
Verwaltung unabhängig vom Wohnort besser
erreichbar sind. Sie verbessern die
Voraussetzungen dafür, dass Menschen ihre Chancen
überall in Deutschland nutzen können.
Teil B
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Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 58 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
MOBILITÄT ALS SCHLÜSSEL
FÜR BILDUNG, ARBEIT UND
GESELLSCHAFTLICHEN AUFSTIEG
Mobilität ist eine wesentliche Voraussetzung
für gesellschaftliche Teilhabe, wirtschaftliche
Entwicklung und individuelle
Aufstiegschancen. Staatliches Handeln trägt dazu bei,
bestehende Barrieren abzubauen,
Erreichbarkeit zu verbessern und faire Chancen im
gesamten Bundesgebiet zu stärken. Dies gilt
insbesondere dort, wo ungleiche
infrastrukturelle oder räumliche Ausgangsbedingungen
persönliche Entwicklungsmöglichkeiten
begrenzen und von den Betroffenen nicht aus
eigener Kraft überwunden werden können.
Denn Mobilität entscheidet im Alltag häufig
darüber, ob Menschen Bildungsangebote,
Ausbildungsplätze oder Arbeitsmöglichkeiten
tatsächlich erreichen können. Seit der
Wiedervereinigung wurden erhebliche Fortschritte
bei der verkehrlichen Angleichung zwischen
Ost- und Westdeutschland erzielt. Besonders
sichtbar wird dies an den Verkehrsprojekten
Deutsche Einheit. Mit 17 Großprojekten in den
Bereichen Schiene, Straße und Wasserstraße
wurden zentrale infrastrukturelle Defizite in
Ostdeutschland systematisch abgebaut. Ein
Großteil dieser Vorhaben ist inzwischen
abgeschlossen. Die Investitionen haben die
Anbindung ostdeutscher Regionen an wirtschaftliche
Zentren nachhaltig verbessert, Reisezeiten
verkürzt und die Standortattraktivität gestärkt.
Damit wurde eine zentrale Grundlage für
gleichwertigere Lebensverhältnisse und weitere
wirtschaftliche Entwicklung geschaffen.
Auch im Mobilitätsverhalten zeigt sich die
Annäherung der Lebensverhältnisse. Nach
den Ergebnissen der Studie „Mobilität in
Deutschland 2023“ ist der Anteil der täglich
mobilen Menschen in Ost- und
Westdeutschland inzwischen gleich hoch. Zugleich wird
deutlich, dass bestehende Unterschiede heute
vielfach weniger auf die frühere Teilung
Deutschlands zurückzuführen sind, sondern
stärker durch siedlungsstrukturelle
Bedingungen, Stadt-Land-Unterschiede und die
Entfernung zu wirtschaftlichen Zentren
geprägt werden. Dies verweist auf erreichte
Fortschritte, macht aber zugleich deutlich,
dass faire Chancen weiterhin von guten
Mobilitätsangeboten vor Ort abhängen. Gerade in
ländlichen Räumen können Entfernungen und
eingeschränkte Verkehrsangebote darüber
entscheiden, ob Menschen Zugang zu Ausbildung,
Arbeit oder gesellschaftlicher Teilhabe haben.
Vor diesem Hintergrund setzt die
Bundesregierung gezielt bei alltagsrelevanten
Hemmnissen an. Mit der Reform der
Fahrschulausbildung wird der Erwerb des Führerscheins
einfacher und bezahlbarer gestaltet, ohne
Abstriche bei den Sicherheitsstandards zu
machen. Digitale Lernmöglichkeiten,
flexiblere Ausbildungsbestandteile und ergänzende
Übungsmöglichkeiten erleichtern
insbesondere jungen Menschen in ländlichen Räumen
den Zugang zu individueller Mobilität.
Zugleich stärkt das Deutschland ticket die
Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs durch ein
einfaches, bundesweit gültiges Tarifsystem.
Davon profitieren insbesondere Pendlerinnen
und Pendler sowie Menschen in ländlichen
Regionen, in denen trotz der längeren Wege
und der weiterhin großen Bedeutung des Autos
Bundesministerium für Verkehr
Handeln
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 59 –
V
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
für die individuelle Mobilität diese dennoch
bezahlbar und verlässlich verfügbar sein muss,
um Ausbildung, Arbeit und Daseinsvorsorge
zu erreichen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem
Abbau von Zugangsbarrieren. Barrierefreie
Bahnhöfe, der Ausbau eines attraktiven
öffentlichen Verkehrs, Investitionen in
Rad- und Fußverkehr sowie der Ausbau der
Ladeinfrastruktur verbessern die
Erreichbarkeit zentraler Lebensorte für Menschen mit
Behinderungen, ältere Menschen, Familien
sowie einkommensschwächere Haushalte.
Gerade in Ostdeutschland leisten diese
Maßnahmen einen wichtigen Beitrag dazu, trotz
der älter werdenden Bevölkerung Teilhabe
verlässlicher zu ermöglichen und
unterschiedliche Startbedingungen abzumildern. In
den Kohleregionen unterstützen zusätzliche
Investitionen des Bundes in die
Verkehrsinfrastruktur darüber hinaus den
Strukturwandel, stärken die regionale Attraktivität und
eröffnen neue Perspektiven für Beschäftigung,
Innovation und wirtschaftliche Entwicklung.
Damit werden nicht nur Verkehrsangebote
verbessert, sondern auch strukturelle Nachteile
ausgeglichen, die Menschen aufgrund ihres
Wohnorts, ihrer Mobilitätseinschränkung
oder ihrer finanziellen Möglichkeiten an der
Nutzung von Chancen hindern können.
Ziel der Bundesregierung ist es, die
infrastrukturellen und ordnungspolitischen
Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Mobilität – in
Ostdeutschland wie im gesamten
Bundesgebiet – bezahlbar, bedarfsgerecht, barrierefrei
und verlässlich zugänglich ist. Nur wenn
Aufstieg nicht an strukturellen Hindernissen
scheitert, kann das Ziel fair verteilter Chancen
und weiterer innerer Einheit Deutschlands
dauerhaft erreicht werden.
KI-bearbeitet
Teil B
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Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 60 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
BILDUNG UND BETEILIGUNG STÄRKEN
ZUKUNFTSCHANCEN IM STRUKTUR-
WANDEL
Der ökologische und wirtschaftliche Wandel
eröffnet neue Chancen, stellt aber zugleich neue
Anforderungen an Qualifikation, Beteiligung
und Zukunftskompetenzen. Damit möglichst
viele Menschen diese Chancen nutzen können,
müssen Bildungsangebote früh ansetzen,
unterschiedliche Startbedingungen
berücksichtigen und praktische Erfahrungen
ermöglichen. Die Bundesregierung unterstützt
deshalb Maßnahmen, die junge Menschen
und Fachkräfte gezielt auf die Anforderungen
einer nachhaltigen Wirtschafts- und
Arbeitswelt vorbereiten, sie an der Gestaltung des
Strukturwandels beteiligen und den Zugang
zu zukunftsrelevantem Wissen unabhängig
von Herkunft oder Wohnort verbessern.
Ein Schwerpunkt liegt auf der beruflichen
Bildung. So werden beispielsweise im
Dachdeckerhandwerk das Ausbildungspersonal
überbetrieblicher Bildungsstätten sowie
Lehrkräfte an Berufsschulen im Bereich
Solargründächer weitergebildet. Der gewählte
Train-the-Trainer-Ansatz ermöglicht es, die
erworbenen Kenntnisse unmittelbar an
Auszubildende aus einer Vielzahl von Betrieben
weiterzugeben und das Thema Dachbegrünung
in Kombination mit Photovoltaik dauerhaft
in die Ausbildung zu integrieren. Dadurch
erwerben angehende Fachkräfte Kompetenzen
in einem wachsenden Tätigkeitsfeld des
natürlichen Klimaschutzes und der
Klimaanpassung. Dies verbessert ihre Qualifikation und
eröffnet zusätzliche berufliche Perspektiven
in Zukunftsbranchen.
Aufstiegschancen entstehen jedoch nicht allein
durch fachliche Qualifizierung. Gerade in
den ostdeutschen Strukturwandelregionen
ist es wichtig, junge Menschen frühzeitig an
Veränderungsprozessen zu beteiligen und
ihnen Möglichkeiten zu eröffnen, ihre Region
aktiv mitzugestalten. Das Vorhaben „Revier-
UPGRADE 2.0“ in Cottbus und Halle richtet
sich an junge Menschen zwischen 14 und
27 Jahren, die bislang häufig nur eingeschränkt
an Beteiligungsprozessen teilhaben oder nur
begrenzten Zugang zu institutionellen
Netzwerken haben. Über Bildungs-, Beteiligungs-
und Empowermentformate erwerben sie
Kompetenzen in Projektarbeit,
Kommunikation, Teamarbeit und demokratischer
Mitgestaltung. Gleichzeitig entstehen in Kooperation
mit Schulen, Jugendzentren, Kommunen
und lokalen Initiativen niedrigschwellige
Beteiligungsangebote, die den Strukturwandel
konkret erfahrbar machen. Junge Menschen
erleben, dass ihre Ideen Gehör finden und sie
Veränderungen aktiv mitgestalten können.
Dies stärkt ihre Selbstwirksamkeit, regionale
Bindung und Fähigkeiten, die sowohl für
Bildungs- und Berufswege als auch für
gesellschaftliches Engagement von Bedeutung sind.
Ergänzend vermittelt das Pädagogische
Zentrum für Natur und Umwelt in Cottbus
(PZNU) Kindern, Jugendlichen und weiteren
Zielgruppen praxisnahes Wissen zu Umwelt,
Ernährung und Nachhaltigkeit. Das Angebot
richtet sich bewusst auch an Menschen,
die aufgrund ihrer sozialen oder regionalen
Ausgangslage bislang nur begrenzten Zugang
Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz,
Naturschutz und nukleare Sicherheit
Handeln
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 61 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
zu entsprechenden Bildungsangeboten haben.
Durch praktische Lernangebote – etwa zu
nachhaltigem Konsum, Klimaanpassung oder
Ressourcenschutz – werden
Zukunftskompetenzen vermittelt, die in einer nachhaltigen
Wirtschafts- und Arbeitswelt zunehmend
gefragt sind. Kinder und Jugendliche
entwickeln Problemlösungsfähigkeit,
Verantwortungsbewusstsein und Teamfähigkeit
und lernen frühzeitig Berufsfelder in den
Bereichen Umwelt, Energie, Landwirtschaft,
Handwerk, Verwaltung oder Bildung kennen.
Die Verbindung von praktischem Lernen und
beruflicher Orientierung stärkt Motivation,
Selbstwirksamkeit und Zukunftsvertrauen.
Die Maßnahmen setzen an unterschiedlichen
Punkten des Lebensverlaufs an und
verfolgen ein gemeinsames Ziel: Sie vermitteln
Kompetenzen, die für den ökologischen
und wirtschaftlichen Wandel zunehmend
an Bedeutung gewinnen, eröffnen Zugänge
zu Bildung und Beteiligung und stärken
die Fähigkeit, den eigenen Bildungs- und
Berufsweg aktiv zu gestalten. Dabei werden
insbesondere junge Menschen in den
ostdeutschen Strukturwandelregionen erreicht
sowie Personengruppen, die aufgrund ihrer
sozialen oder regionalen Ausgangsbedingungen
bislang geringere Zugänge zu entsprechenden
Angeboten haben. Die Erfahrungen aus den
Projekten liefern zugleich Erkenntnisse dazu,
wie berufliche Qualifizierung, Bildung für
nachhaltige Entwicklung und
Beteiligungsformate so gestaltet werden können, dass sie
den Strukturwandel wirksam begleiten und
individuelle Entwicklungschancen verbessern.
KI-generiert
Teil B
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Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 62 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
DAMIT GESUNDHEIT DEN EIGENEN
WEG ERMÖGLICHT
Gute Gesundheitsversorgung schafft
gleiche Chancen – insbesondere in
ländlichen Regionen
Damit in Deutschland auch künftig eine
qualitativ hochwertige, flächendeckende und
bedarfsgerechte Krankenhausversorgung
gewährleistet werden kann, hat die
Bundesregierung umfangreiche Maßnahmen zur
Verbesserung der Versorgungsqualität und
Weiterentwicklung der Vergütungsstrukturen
auf den Weg gebracht. Mit der Einführung
einer Vorhaltevergütung wird die Finanzierung
bedarfsnotwendiger Krankenhäuser künftig
stärker unabhängig von der tatsächlichen
Leistungserbringung abgesichert. Gleichzeitig
wurden durch bundeseinheitlich definierte
Leistungsgruppen erstmals Qualitätskriterien
als Mindestanforderungen für
Krankenhausleistungen festgelegt.
Die besonderen Herausforderungen ländlicher
und strukturschwächerer Regionen auch in
Ostdeutschland wurden dabei durch
verschiedene Maßnahmen berücksichtigt: Die Zuschläge
für bedarfsnotwendige Krankenhäuser wurden
erhöht, die Sicherstellungszuschläge erhalten
und den Ländern zusätzliche Möglichkeiten
eröffnet, die stationäre Versorgung vor Ort zu
sichern. Mit dem
Krankenhausreformanpassungsgesetz wurde die Krankenhausreform
fortentwickelt und eine angemessene
Übergangszeit für die Planung und Umsetzung
der erforderlichen Strukturveränderungen
vorgesehen.
Ergänzend wird durch den
Krankenhaustransformationsfonds die notwendige
Transformation der Krankenhauslandschaft unterstützt.
Förderfähig sind u. a. die Umstrukturierung
bestehender Krankenhausstandorte in
sektorenübergreifende Versorgungseinrich-
Bundesministerium für Gesundheit
Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, Bildungs-, Berufs- und
Entwicklungschancen wahrnehmen zu können. Eine verlässliche
Gesundheitsversorgung, attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten im
Gesundheitswesen und in der Pflege sowie innovative Forschung stärken nicht nur die
Lebensqualität, sondern verbessern auch die individuellen Aufstiegschancen
von Menschen. Dies gilt insbesondere für Regionen, die vom demografischen
Wandel, Fachkräftemangel oder langen Wegen zur medizinischen
Versorgung geprägt sind. Die Maßnahmen der Bundesregierung setzen daher an
verschiedenen Herausforderungen und Lebenslagen an. Alle Maßnahmen
tragen dazu bei, individuelle Entwicklungsmöglichkeiten zu erweitern und
die Attraktivität ostdeutscher Regionen nachhaltig zu stärken.
Handeln
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 63 –
V
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
tungen sowie die Bildung telemedizinischer
Netzwerke, regionaler Krankenhausverbünde
oder integrierter Notfallstrukturen. Gerade
in Ostdeutschland leisten diese Investitionen
einen wichtigen Beitrag, um trotz
demografischen Wandels, Fachkräftemangels und großer
Entfernungen eine hochwertige Versorgung
sicherzustellen.
Eine verlässliche, wohnortnahe
Gesundheitsversorgung verbessert zugleich die
Voraussetzungen für individuelle Aufstiegschancen.
Sie erleichtert Familien den Verbleib in ihrer
Region, schafft Planungssicherheit für
Beschäftigte und Unternehmen und erhöht
die Attraktivität ländlicher Räume als
Wohn- und Arbeitsort.
Attraktive Pflegeberufe eröffnen
berufliche
Entwicklungsmöglichkeiten
Mit dem Gesetz zur Befugniserweiterung und
Entbürokratisierung in der Pflege wurden
Pflegefachpersonen zur eigenverantwortlichen
Heilkundeausübung in einem definierten
Rahmen befugt. Gleichzeitig werden
bürokratische Prozesse reduziert und Pflegebedürftige,
Angehörige sowie Pflegeeinrichtungen von
vermeidbaren Aufwänden entlastet. Darüber
hinaus werden regionale Pflegenetzwerke
und innovative gemeinschaftliche
Wohnformen gestärkt.
Die Reform verbessert nicht nur die pflegerische
Versorgung, sondern eröffnet
Pflegefachpersonen neue berufliche Entwicklungsperspektiven
und steigert die Attraktivität des Pflegeberufs.
Gleichzeitig erleichtern vereinfachte Verfahren
und die Förderung des Ausbaus regionaler
Versorgungsstrukturen perspektivisch die
Situation von pflegebedürftigen Menschen
und ihren An- und Zugehörigen. Davon
profitieren gerade Regionen Ostdeutschlands, die
besonders stark vom demografischen Wandel
betroffen sind.
Forschung und Innovation schaffen
hochwertige Arbeitsplätze in
Ostdeutschland
Neben einer leistungsfähigen Versorgung
tragen auch Forschungseinrichtungen dazu
bei, langfristige Entwicklungsperspektiven
in Ostdeutschland zu schaffen.
Der Standort Wernigerode des Robert Koch-
Instituts beschäftigt rund 80 Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter in den Bereichen bakterielle
Infektionserreger, Antibiotikaresistenzen
und Krankenhaushygiene. Gemeinsam mit
nationalen Referenzzentren und
Konsiliarlaboren unterstützt der Standort den Öffentlichen
Gesundheitsdienst und die medizinische
Versorgung durch Forschung, Diagnostik und
Beratung. Zugleich leistet der Standort einen
Beitrag dazu, hochqualifizierte und attraktive
Arbeitsplätze dauerhaft in Ostdeutschland
zu sichern.
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Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 64 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Mit dem Zentrum für Künstliche Intelligenz in
der Public Health-Forschung (ZKI-PH) in
Wildau existiert darüber hinaus ein
Innovationsstandort für moderne Gesundheitsforschung.
Dort werden Bioinformatik, digitale
Epidemiologie, Datenanalyse und Künstliche Intelligenz
miteinander verbunden. Die Förderung aus
Mitteln des Infrastrukturaufbaus in den
Kohleregionen unterstützt zugleich den
Strukturwandel in besonders betroffenen Regionen. Das
Zentrum entwickelt innovative Lösungen für
die Gesundheitsversorgung und bietet bezahlte
Promotionsstellen sowie
Qualifizierungsmöglichkeiten für wissenschaftlichen Nachwuchs.
Damit entstehen neue berufliche Perspektiven
für hochqualifizierte Fachkräfte in
Ostdeutschland und zusätzliche Impulse für regionale
Wertschöpfung und Innovation.
Teilhabe stärkt individuelle
Entwicklungsmöglichkeiten
Gesundheitliche Chancengleichheit umfasst
auch soziale Teilhabe. Im Modellprojekt
„Fit und verbunden gegen Einsamkeit (FIVE)“
entwickeln das Bundesministerium für
Gesundheit und das Bundesministerium für
Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen
Sportbund Maßnahmen zur Prävention und
Bewältigung von Einsamkeit. Über
niedrigschwellige Bewegungs- und Sportangebote
sollen Menschen aller Altersgruppen mit
erhöhtem Risiko für Einsamkeit erreicht
werden. Wesentlicher Schwerpunkt ist der
Aufbau nachhaltiger lokaler Netzwerke.
Ein Projektstandort ist der Landkreis Bautzen.
Dort richtet sich das Angebot an ältere
Menschen, Alleinerziehende, Menschen mit
Behinderungen, Kinder und Jugendliche sowie
Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.
Zielgruppenspezifische Bewegungs- und
Sportangebote schaffen neue Zugänge zur
Begegnung und stärken die gesellschaftliche
Teilhabe. Für Menschen mit
Zuwanderungsgeschichte fördert dies den Spracherwerb
und die Integration. Ältere Menschen und
Menschen mit Behinderungen gewinnen an
Mobilität und Selbstwirksamkeit. Insgesamt
verbessert das Projekt die Voraussetzungen
für soziale Chancengleichheit. Die
gewonnenen Erkenntnisse bieten zudem
wichtige Hinweise für die Übertragbarkeit auf
vergleichbare Regionen in Ostdeutschland.
Handeln
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/8400– 65 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
BILDUNGS- UND BERUFSCHANCEN
VERBESSERN – DURCH BEZAHLBARES
WOHNEN UND STARKE QUARTIERE
Bezahlbarer Wohnraum als
Grundlage für Bildungswege
Der Beginn eines Studiums oder einer
Ausbildung steht häufig im unmittelbaren
Zusammenhang mit der Suche nach einem
Wohnheimplatz, einem WG-Zimmer oder der
ersten eigenen Wohnung. Die Verfügbarkeit
von bezahlbarem Wohnraum entscheidet
dabei mit über die Wahl des Studienfachs
oder des Ausbildungsbetriebs und kann damit
den weiteren Lebenslauf beeinflussen.
Gerade junge Menschen stellt die
Wohnungssuche vor große Herausforderungen. Studierende
und Auszubildende, die sich am Markt nicht
angemessen mit bezahlbarem Wohnraum
versorgen können, sollen mit dem
Sonderprogramm Junges Wohnen im Rahmen des
Sozialen Wohnungsbaus durch die gezielte
Schaffung von Wohnheimplätzen und kleinen
Wohnungen unterstützt werden. Bezahlbarer
Wohnraum während des Studiums oder der
Berufsausbildung erhöht die Chance auf einen
erfolgreichen Bildungsabschluss in der
Regelausbildungszeit.
Mit mehr Wohnheimplätzen schafft die
Bundesregierung Wohnsicherheit in der
Ausbildungsphase. Diese Wohnheimplätze sind speziell
Auszubildenden und Studierenden gewidmet.
Bei Auszubildenden wollen zwar nur rund
30 Prozent aus dem Elternhaus ausziehen.
Dieses Drittel ist aber wegen wenig Platz und
Ruhe zu Hause besonders darauf angewiesen,
eigenständig wohnen zu können, um das
Ausbildungsziel zu erreichen.
Die Bundesregierung trägt mit unterschiedlichen Maßnahmen dazu bei,
dass Menschen bessere Chancen auf Bildung, Ausbildung und Beschäftigung
erhalten. Dazu gehören u. a. der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum in
entscheidenden Lebensphasen wie auch arbeitsmarktorientierte Beratungs- und
Qualifizierungsmaßnahmen im Quartier, durch die Menschen beim Einstieg
in Ausbildung und Arbeit unterstützt werden.
Während das Programm Junges Wohnen den Zugang zu Bildung und
Ausbildung durch bezahlbaren Wohnraum erleichtert, setzt BIWAQ an einer
späteren Stelle des Lebenswegs an: Es unterstützt Menschen in Quartieren
mit sozialen Herausforderungen dabei, ihre Chancen auf Ausbildung,
Beschäftigung und gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern.
Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen
Teil B
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Drucksache 21/8400 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 66 –
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Aufgrund der positiven Resonanz des
Sonderprogramms seit seinem Start in 2023 sollen
die Bundesmittel dafür ab 2027 von derzeit
jährlich 500 Millionen Euro auf eine Milliarde
Euro verdoppelt werden. Im Jahr 2025 wurden
in Ostdeutschland (einschließlich Berlin)
rund 2.250 Wohnheimplätze gefördert und
damit rund ein Drittel aller deutschlandweit
geförderten Maßnahmen, darunter rund ein
Drittel an Wohnheimplätzen für Auszubildende.
Damit engagieren sich die ostdeutschen
Bundesländer in ganz besonderem Maße in
diesem Segment des Sozialen Wohnungsbaus.
Mit dem Sonderprogramm verbessert der Bund
die Startbedingungen einer Vielzahl junger
Menschen und erhöht zugleich die Attraktivität
von Universitätsstandorten wie Leipzig, Jena,
Rostock oder Halle. Dies kann langfristig auch
die Fachkräftesituation und wirtschaftliche
Entwicklung in den ostdeutschen Bundesländern
verbessern.
ESF-Plus-Bundesprogramm „Bildung,
Wirtschaft, Arbeit im Quartier –
BIWAQ“ als Grundlage für bessere
Teilhabe am Arbeitsmarkt
Die Angebote aus den BIWAQ-Projekten
sollen insbesondere Menschen, die von Armut
bedroht bzw. betroffen sind,
Geringqualifizierte, (Langzeit-)Arbeitslose sowie Menschen mit
Migrationshintergrund oder aus
marginalisierten Gruppen anspre
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
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