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Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2025 35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit?

dip / drucksache 10.10.2025 · WP 21 · 21/2200 · Unterrichtung · Original ↗

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Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2025 35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit? [Deutscher Bundestag Drucksache 21/2200 21. Wahlperiode 10.10.2025 Unterrichtung durch die Bundesregierung Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2025 35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit? Zugeleitet mit Schreiben der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland vom 10. Oktober 2025 gemäß Beschluss vom 28. Mai 2009 (Bundestagsdrucksache 16/13121). 3 Vorwort 35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit? von Elisabeth Kaiser, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Jahr feiern wir 35 Jahre Deutsche Einheit. Ost und West wachsen weiter zusammen. Gleich zeitig bleiben die Spuren der Teilung bis heute sichtbar – in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Zum Jubiläum präsentieren wir neue Perspektiven und lassen diejenigen zu Wort kommen, die damals noch nicht oder gerade erst geboren waren. Junge Menschen aus Ost und West schreiben darüber, was die Deutsche Einheit für sie bedeutet und welche Relevanz die Kategorien „Ost“ und „West“ heute noch haben. - - - - - - - - Das betrifft auch mich ganz persönlich. Die Zeit der Wiedervereinigung habe ich nicht bewusst erlebt, doch die Erzählungen meiner Eltern und Großeltern haben mich geprägt. Meine Generation hat ihr gesamtes Bildungs- und Berufsleben im vereinten Deutschland verbracht. Von Anfang an haben wir dieselben Fremdsprachen gelernt und dieselben Bildungszertifikate erworben wie unsere westdeutschen Altersgenossen. Im Fernsehen liefen „DuckTales“, die „Mini Playback Show“ und bald auch MTV. Unsere Kinderzimmer schmückten zu nächst „Medizini“- und später „Bravo“-Poster. Das war in Gera sicherlich nicht anders als in Aachen oder München. Später mussten sich die Jungs im Westen wie im Osten dann zwischen Bundeswehr oder Zivildienst entscheiden. Zum Studium gingen viele von uns an westdeutsche Universitäten oder ins Ausland. Ich selbst bin zum Studium im Os ten geblieben und habe auch viele westdeutsche Kommilitoninnen und Kommilitonen kennenge lernt. Kein Zweifel, wir Kinder der späten 1980er- und der 1990er sind die erste gesamtdeutsch sozi alisierte Generation. Trotzdem ist „der Osten“ für junge Menschen, die dort aufwachsen, bis heute weit mehr als eine Himmelsrichtung. Er ist ein Raum, der Identitäten prägt … … und Biografien beeinflusst. Das beschreiben die Autorinnen und Autoren dieses Berichts. Jana Faus und Simon Storks haben dazu geforscht (s. S. 50). Ein Ergebnis lautet: Viele junge Menschen, die aus dem Gebiet der alten Bundesrepublik stammen, können mit der Zuschreibung „west deutsch“ nichts anfangen – zumal wenn sie an der Küste oder in Alpennähe leben. Demgegen über identifizieren sich junge Ostdeutsche weit aus häufiger als „Ossis“. Außerdem sind junge Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 3 – 4 Menschen in Westdeutschland überwiegend der Meinung, es sei nicht länger relevant, ob man aus dem Westen oder dem Osten kommt. Zwei Drittel der Ost-Millennials sagen hingegen, dass das sehr wohl noch eine Rolle spielt. Dafür gibt es gute Gründe. Denn auch wenn junge Deutsche seit dreieinhalb Jahrzehnten in ein und demselben Land aufwachsen, unterscheiden sich die Rahmenbedingungen dieses Aufwachsens eben doch bis heute in gewichtigen Punkten. Das gilt ins besondere außerhalb der ostdeutschen Metropolen, also in Kleinstädten und ländlichen Regionen. Der Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung zeigt auf, dass in diesen Gegenden die öffentliche Da seinsvorsorge nicht mehr umfassend gesichert ist, dass die Menschen unterdurchschnittlich wenig verdienen und überdurchschnittlich oft auf Sozi alleistungen angewiesen sind. Auch sind die Ver mögen im Osten niedriger als im Westen. Hinzu kommt, dass die Alterung der Bevölkerung in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands weit voran geschritten ist. Der Anteil junger Menschen liegt hier weit unter dem Bundesdurchschnitt. Konkret gesprochen, bedeutet das: Junge Men schen treffen in der ostdeutschen Peripherie nur auf wenige Gleichaltrige. Die soziale Interaktion mit der Peer-Group wird außerhalb der Schulbe suchszeiten immer schwieriger, zumal der ÖPNV nur alle paar Stunden verkehrt. So verlagert sich der Austausch mit Gleichaltrigen weitgehend in den virtuellen Raum. Analoge Freizeitgestaltung findet demgegenüber viel öfter als im Westen in nerhalb der Familie statt. Oder auch in Vereinen und Klubs, die dann allerdings ebenfalls von der Eltern- oder Großelterngeneration geprägt werden. Oft fehlt also schlicht die kritische Masse an Ju gendlichen, die es eigentlich braucht, um sich von den älteren Generationen zu emanzipieren und vor Ort eigene Ideen und Projekte in die Tat umzusetzen. Wer sich selbst verwirklichen will, verlässt als Erwachsener häufig notgedrungen die ländliche Heimat und sucht ein neues Zuhause in den Metropolen. Dabei sollten junge Menschen auch auf dem Land Bedingungen vorfinden, die Lust aufs Bleiben ma chen. Kaum etwas entfacht so starke Bindungskraft wie enge Freundschaften vor Ort. Deshalb benöti gen Kinder und Jugendliche mehr Treffpunkte für Begegnung und Austausch mit Gleichaltrigen. Ge nauso wichtig ist eine ernst gemeinte Jugendbetei ligung. Denn nichts stärkt die Verbundenheit mit der eigenen Kommune nachhaltiger als die Erfah rung, mitreden und mitentscheiden zu dürfen. Junge Menschen müssen gehört werden Genau deshalb zeichnet der von mir geförderte Wettbewerb „machen!“ immer auch Projekte in der Kategorie „Junges Engagement“ aus. Mit dem Preisgeld können gemeinnützige Organisationen in ländlichen Regionen Ostdeutschlands kreative Projekte verwirklichen. Die jungen Preisträgerin nen und Preisträger beeindrucken mich sehr. Mit ihrem Engagement bereichern und beleben sie ih re Kommunen. Deswegen ist es mir wichtig, diesen Jugendlichen den Rücken zu stärken. Alle jungen Menschen, die mitmachen und mitgestalten wollen, sollten wir mit offenen Armen empfangen. Eine Herkunft aus Ostdeutschland bedeutet au ßerdem überdurchschnittlich oft ein Aufwachsen in Familien mit niedrigem Einkommen und wenig oder gar keinem Vermögen. Das prägt den Lebens weg vieler Ostdeutscher bis weit ins Erwachsenen alter hinein. In heiklen Lebensphasen, wie etwa bei einem Start in die berufliche Selbstständigkeit, beim - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 4 – 5 Wechsel des Studien- oder Ausbildungsfachs oder bei der Familiengründung, können sich Ostdeutsche viel seltener auf finanzielle Unterstützung durch die Eltern verlassen als Westdeutsche. Auch die Ressource „Vitamin B“ ist im Westen in höherem Maße vorhanden als im Osten. Bis heute sind Füh rungs positionen in Wirtschaft, Medien, Wissen schaft, Kultur oder Justizwesen überdurchschnitt lich häufig mit Westdeutschen besetzt. Selbst im Osten übrigens. - - - Ich möchte mein Amt als Staatsministerin für Ost deutschland, das seit dieser Legislaturperiode im Bundesfinanzministerium angesiedelt ist, dazu nutzen, die Angleichung der Lebensverhältnisse weiter voranzubringen. - Herkunft darf nicht über Lebenschancen entscheiden Wir müssen die Startbedingungen für junge Menschen aus weniger wohlhabenden Eltern häusern weiter verbessern und über neue Mög lichkeiten der Vermögensbildung diskutieren. Die geplante Frühstart-Rente ist ein Schritt in die richtige Richtung. Dies ist übrigens kein rein ostspezifisches Thema. Auch in Westdeutschland gibt es viel zu viele Familien, die trotz täglicher Anstrengungen in einer Armuts- und Schulden falle stecken. Das dürfen wir nicht hinnehmen. - - - Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit wird die Besetzung von gesellschaftlichen Führungsposi tionen sein. Hier hat die Bundesregierung in der vergangenen Legislaturperiode einen entschei denden Schritt unternommen und ein Konzept beschlossen, das den Anteil von Ostdeutschen in Führungspositionen des Bundes maßgeblich er höhen soll. Damit das Konzept auch in andere Bereiche Strahlkraft entfalten kann, müssen wir das - - - Thema auf der politischen Agenda halten und mit Fakten unterfüttern. Daher erheben wir jährlich die Herkunft der Führungskräfte in der Bundesver waltung. Ein weiteres Instrument ist der jährliche Elitenmonitor, der Daten in zwölf gesellschaftli chen Sektoren auswertet, Ursachen der Unterre präsentation erforscht und Handlungsoptionen entwickelt (s. S. 102 ff.). - - - - Elisabeth Kaiser, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland. Foto: BMWSB/Henning Schacht Auch hier gilt wieder, dass ein gerechter Zugang zu Führungspositionen kein exklusives Ost-Anliegen ist. Wenn es um die Besetzung von Spitzenpositio nen geht, müssen auch Frauen, „Arbeiterkinder“, Migrantinnen und Migranten oder Menschen mit Behinderungen besser berücksichtigt werden. Denn ohne Vielfalt in allen Bereichen des öffentlichen Lebens geht der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren. Wenn ganze Bevölkerungsgruppen nicht Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 5 – 6 angemessen repräsentiert sind, wenn ihre Pers pektiven und Probleme in den öffentlichen Debatten nicht vorkommen, dann leiden das Ver trauen in unsere Demokratie – und auch das Miteinander. Und ganz nebenbei: Diverse Teams sind oft einfach erfolgreicher. - - - - - - - - - - - - 35 Jahre Deutsche Einheit: Trotz der vielen Heraus forderungen hat Ostdeutschland insgesamt eine beeindruckende Entwicklung genommen. Die ostdeutsche Wirtschaft wächst bereits seit Jahren stärker als die westdeutsche. Viele Regionen im Osten haben sich als attraktive Standorte für For schung, Technologie und Start-ups etabliert. Die Arbeitslosigkeit ist auf niedrigem Niveau, und beim Ausbau erneuerbarer Energien oder der Verkehrsinfrastruktur nimmt Ostdeutschland inzwischen eine Vorreiterrolle ein. Milliardenin vestitionen des Bundes haben hierbei maßgeblich zur positiven Dynamik beigetragen. Hinzu kommt eine lebendige Kulturlandschaft, die dieses Jahr besonders in der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz sichtbar wird. Viele der spannendsten literarischen Werke der ver gangenen Jahre stammen aus der Feder junger ostdeutscher Autorinnen und Autoren. Einige von ihnen haben an diesem Bericht mitgewirkt. Diese positive Bilanz der letzten 35 Jahre wird in Ost wie West oft zu wenig gesehen. Höchste Zeit also, dass wir noch selbstbewusster über unsere Errungenschaften sprechen – und zugleich hart daran arbeiten, dass Ostdeutschland weiterhin auf Erfolgskurs bleibt. Dabei dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, dass es Regionen gibt, die Unter stützung brauchen, um an den positiven Entwick lungen besser zu partizipieren. Damit meine ich vor allem die strukturschwachen und vom demo grafischen Wandel besonders betroffenen Regionen. Klar ist: Der ländliche Raum kann auch mit Pfunden wuchern Etwa mit erneuerbaren Energien, neuen Konzepten zu Daseinsvorsorge und Tourismus. Diese Stärken müssen wir ausbauen und weitere Perspektiven, vor allem auch für junge Menschen, entwickeln. Genau darum geht es also im Jahr 35 als vereintes Deutschland: die besondere Situation des Ostens angemessen zu würdigen, die erfolgreichen Ent wicklungen ebenso wie die großen Herausforde rungen. Dafür sucht die junge Generation einen neuen Weg. Hören wir ihr zu, und nehmen wir ihre Sichtweisen als Anstoß, um mit allen Generationen ins Gespräch über die Zukunft unseres gemeinsa men Landes zu kommen. Mit herzlichen Grüßen Elisabeth Kaiser Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 6 – In den nachfolgenden Beiträgen im Teil A werden Schlaglichter gesetzt, wie Friedliche Revolution, Wiedervereinigung, Transformation und die seither vergangenen 35 Jahre Deutschland als Ganzes geformt haben. Für einen differenzierten Blick auf den heutigen Osten und auf das vereinte Deutschland stellen die Autorinnen und Autoren der Generation, die bereits im vereinten Deutschland aufgewachsen ist, ihre individuelle Sicht vor. Die Beiträge und Perspektiven spiegeln dabei nicht die Haltung der Bundesregierung wider. Zahlreiche im vorliegenden Bericht im Teil B genannte Maßnahmen werden von der Bundesregierung bereits umgesetzt und sind in ihren finanziellen Auswirkungen bereits im Bundeshaushalt 2025 und im geltenden Finanzplan abgebildet. Weitere Maßnahmen stehen, soweit der Bundeshaushalt betroffen ist, unter dem Vorbehalt der Finanzie rung und der Entscheidungen des Haushaltsgesetzgebers. Weder die laufenden noch künftige Haushaltsverhandlungen werden durch die Nennung im vorliegenden Bericht präjudiziert. Der von der Verfas sung vorgegebenen Zuständigkeit zwischen Bund und Ländern ist Rechnung zu tragen. Auch die Sozialversicherungssysteme werden durch diesen Bericht nicht präjudiziert. - - Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 7 – Inhalt Vorwort 3 Teil A: Deutschland heute 11 Aron Boks | Warum fragen junge Menschen heute nach Ost und West? Perspektive 1 12 Marie Eisenmann | Warum beziehen sich Menschen, die nach der deutschen Teilung geboren sind, auf Ost und West? Perspektive 2 16 Caspar de Boor | Ostbewusstsein und das DDR-Unbewusste 20 Clemens Böckmann | Weit weg ist die DDR – Perspektiven auf ein unbekanntes Land 24 Paula Fürstenberg | Zum Begriff der Einheit 28 Jakob Springfeld | Warum Rechtsextremismus (k)ein ostdeutsches Phänomen ist 32 Vanessa Beyer und Lisa Trebs | Aufgewachsen in der (K)Einheit – Die ostdeutsche Generation Z als Zuhörerin und Erzählerin 36. Interview mit Bürgermeister Albrecht und Bürgermeisterin Burth über Kommunalpolitik in Ost und West 40 @Wir_in_Ost_und_West – Bericht aus der Praxis eines Social Media Projekts zur deutsch-deutschen Geschichte 46 Jana Faus und Simon Storks | Im vereinten Deutschland geboren, noch immer nicht geeint? 48 Fotoserie: Stiller Wandel – Junge Perspektiven aus der östlichsten und westlichsten Region Deutschlands 55 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 8 – Teil B: Ausgewählte Vorhaben der Bundesregierung in der 21. Legislaturperiode mit Bezug zu aktuellen Herausforderungen in Ostdeutschland 71 Engagement und Ehrenamt in Ostdeutschland? – vielfältig und aktiv! 72 Ungenutztes Fachkräftepotenzial: Erwerbsbeteiligung von Frauen in Ost und West 76 Das Gesamtdeutsche Fördersystem für strukturschwache Regionen 80 Aufbaufortschritt des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation 85 Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 88 Kultur- und Erinnerungsförderung in Ostdeutschland 89 Fortschreibung des Bundeskonzepts „Ostdeutsche in Führungspositionen“ in der Bundesverwaltung 92 Teil C: Studien und Datenerhebungen 100 Aktuelle Ergebnisse aus dem Elitenmonitor 102 Ergebnisse aus dem Diversitäts-Survey 2024 108 Deutschland-Monitor 2025: Gesellschaftliche und politische Einstellungen: Kurzbericht „Wie veränderungsbereit ist Deutschland?“ 112 Literatur 134 Autorinnen und Autoren 135 Impressum 137 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 9 – Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 10 – 11 Teil A: Deutschland heute Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 11 – 12 Warum fragen junge Menschen heute nach Ost und West? Perspektive 1 von Aron Boks Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass ich aus dem Osten komme. Als ich vor fast zehn Jahren nach Berlin zog, stellte ich mich mit dem Anspruch eines Welt bürgers aus Wernigerode „near Hannover“ vor. Ich bin mehr als 20 Jahre lang mit dem Gedan ken aufgewachsen, dass nicht mehr zwischen Ost und West unterschieden werden sollte. Vor ein paar Jahren merkte ich aber, dass das so nicht funktioniert. - - - - - - Ich bin 1997 geboren und dachte, dass weder ich noch meine Familie mit der DDR und der Diktatur dort in Verbindung stünden. Schließlich redeten wir ja nie darüber. Das änderte sich erst im Dezem ber vor fünf Jahren, als mir meine Großmutter ein Gemälde von Willi Sitte zeigte. Einem der be rühmtesten Maler der DDR, dazu Funktionär, Mitglied im Zentralkomitee der SED und: der „Lieblingsonkel“ meiner Oma. Offenbar hatte die DDR viel mit meiner Familie zu tun gehabt. Und nicht nur das: Während meine Großmutter über ihre Kindheit, Jugend und ihre Arbeit damals sprach, wurde mir klar, dass sie sogar ziemlich gern in der DDR gelebt hatte. Als ich mit meiner Mutter über ihre Erfahrungen sprach, erfuhr ich von ihrer Zeit im Chor und von den Feiern im Club ihrer Schule und davon, wie toll der Gruppenzusammenhalt war. In der Schule fanden aber auch, wie überall in der DDR, Fahnenappelle statt, im Fach Staatsbürgerkunde wurde den Schülerinnen und Schülern beigebracht, den Sozialismus zu lieben und seine Feinde zu hassen. Im Wehrkundeunterricht lernten alle, wie man sich vor Gegnern schützt. Meine Mutter erzählte mir von Pionierlagern, in denen sie als kleines Kind die Verteidigung gegen die NATO üben musste. Wo ihr gesagt wurde, dass die Leute aus der Bundesrepublik, aber besonders die Amerikaner, sie im Ernstfall angreifen würden. Und sie erzählte mir, wie sie sich als Kind gefragt hatte, warum sie nicht überallhin reisen könne. Und von der Angst ihres Vaters, der ihr am Abend brottisch klargemacht hatte, solche Fragen niemals laut zu stellen. Ich wollte mehr über das Schulsystem erfahren, in dem sie aufgewachsen ist, und fand in den Un terlagen der SED-Kreisleitung von Wernigerode einen Redebeitrag von einem meiner ehemaligen Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 12 – 13 Lehrer vom Dezember 1989. Er hatte sich für eine „bessere DDR“ eingesetzt, „weil ich vor allem auch um unserer Kinder willen hoffe, dass uns die Vorzüge des Sozialismus erhalten bleiben“. Eine solche Perspektive war nach der Wende nie Thema bei mir in der Schule. Im Geschichtsun terricht wurden ausschließlich das Einparteien system, die Stasi und die Mauertoten behandelt. DDR-Alltag oder persönliche Erfahrungen der Lehrerinnen und Lehrer spielten nie eine Rolle. Wieso schien die DDR in meiner Schulzeit so fern? Schließlich haben meine Lehrerinnen und Lehrer das „Einheitlich Sozialistische Bildungs system“ nicht nur gelehrt, sondern wurden selbst von ihm erzogen. - - - - - - - „Ich frage mich, was diese Zeit mit dem Jetzt zu tun hat“, sagte ich an einem Abend zu meiner Mutter. „Wo um alles in der Welt soll da ein Zusammen hang sein?“ „Na in dem, wie dich die DDR geprägt hat …“ „Ich will doch diesem Scheißsystem nicht noch die Möglichkeit geben, über meine Persönlichkeit zu bestimmen!“ Zu meiner Überraschung übergab mir meine Mutter ein paar Monate später ihre sämtlichen Tagebücher und Briefe, die sie in der Wendezeit geschrieben hatte. Vermutlich hatte sie zunächst so abgeblockt, weil sie sich für mich gewünscht hatte, dass das System, das sie abgelehnt hatte, mich nicht berühren könnte. Doch mit den Tage büchern wurde sie neben meiner Großmutter zu meiner wichtigsten Quelle, um mehr über die DDR und den Umbruch zu erfahren. Meine Eltern haben 1990 Abitur gemacht und sind später nach Hannover gezogen. Für sie begann die beste Zeit ihres Lebens, wie sie immer sagen. Als ich allerdings mit ihnen über meine Großeltern sprach, stellte sich heraus, dass die Eltern meiner Mutter damals extreme Existenz angst hatten und in der Familie meines Vaters mehrere Männer arbeitslos wurden. Sein Vater, den ich hauptsächlich still in Erinnerung habe, ging mit 55 in den Vorruhestand. Wenn ich heute mit anderen Menschen über die DDR spreche, trete ich Erzähllawinen los. Die meisten berichten dann von ihrem Betrieb, von Brigadefeiern und anderen Sachen, die es oft nicht mehr gibt. In manchen dieser Geschichten existiert die DDR sogar ohne Repressionen und Gewalt, dafür mit günstigen Mieten, kostenloser Kinderbetreuung, Vollbeschäftigung und eman zipierten Frauen. Foto: Ken Yamamoto Aron Boks wurde 1997 in Wernigerode geboren. Er lebt als Schriftsteller und Slam Poet in Berlin und schreibt unter anderem die taz-FUTURZWEI -Kolumne „Stimme meiner Generation“. Nach einem Buch über seinen Urgroßonkel Willi Sitte erschien 2025 sein neues Buch „Starkstromzeit. Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt“. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 13 – 14 Wie kann es sein, dass Menschen so unterschied lich über diese Zeit sprechen? - - - - - - - - - - Als ich mich für Ostdeutschland als Herkunftsort zu interessieren beginne, wird das Thema medial für ganz Deutschland immer interessanter. Aus irgendeinem Grund scheinen die Leute hier we niger Lust auf Demokratie zu haben, heißt es, wenn Umfragen zeigen, wie viele Menschen im Osten rechtsextrem wählen. Sie würden sich nicht gesehen und abgehängt fühlen. Irgendwie scheint der Osten anders zu sein. Immer wieder ist das Gesprächsthema. So auch bei einer Veranstaltungsreihe, die ich im Sommer 2024 gemeinsam mit dem PEN Berlin in 37 verschiedenen Orten in Sachsen, Thüringen und Brandenburg organisiert habe. Als ich an einem Abend nach einer Veranstaltung in Bautzen am Tisch über meine Erfahrungen sprechen wollte, schaute mich ein Gästepaar aus Mainz irritiert an: „Aber das spielt doch für euch junge Leute keine Rolle mehr!“ Und ein Ende 50-jähriger Freund aus Bayern wurde noch etwas direkter: „Ich kann das auch alles nicht mehr hören! Was hast du denn für ein Problem, Aron? Es betrifft dich doch nicht!“ Vielleicht steckt in dieser Abwehrhaltung, die ich ziemlich oft erlebt habe, eine gewisse Scham, wie die Psychoanalytikerin Annette Simon es in einem Buch über ostdeutsche Identitäten be schreibt. Eine Scham, als Westler so lange nichts vom „Zwillingsbruder“ im Osten mitbekommen zu haben, sich auch nicht wirklich dafür interes siert zu haben und nur vor und nach Landtags wahlen zu merken, dass irgendwie irgendetwas nicht stimmt und selbst die jungen Ossis nicht mit dem Gejammer aufhören. Ich erinnere mich daran, diese Abwehrmechanis men zu Beginn meines DDR-Interesses auch in mir getragen zu haben, wenn Leute ernsthaft an der Einheit rumnörgeln mussten. Ich fühlte keine Scham damals, vielmehr ein Unbehagen, weil mir viele Unterschiede und Erfahrungen erst nach und nach bewusst wurden – dass Menschen im Osten durchschnittlich weniger verdienen und viel seltener in Führungspositionen sind, dass viele wenig bis gar nichts erben und die Generation vor mir schon in den 90er- und Nuller jahren von ständiger rechtsextremer Gewalt bedroht war. Davon habe ich zu Hause nichts gehört, wenn von der Zeit nach der Wende gesprochen wurde. Vielleicht gab es in meiner Jugend zwischen dem Nichtreden über die DDR und die Wende zeit und dem westdeutschen Nichtbenennen von Ost und West einen Zusammenhang. Eine Art doppeltes Nichtreden über die DDR. Heute sage ich jedenfalls bewusst, dass ich aus dem Osten komme und die DDR etwas mit mir zu tun hat. Die Menschen, die mich erzogen, unter richtet oder mir das Tennis- und Theaterspielen beigebracht haben, haben einen Großteil ihres Lebens in einem komplett anderen System gelebt – und wurden sicher davon geprägt. Es macht also einen Unterschied, ob ich in einem ost- oder westsozialisierten Umfeld aufgewachsen bin oder nicht. Aber was bedeutet das für mich heute? Ich habe noch keine Antwort darauf gefunden. Aber ich glaube, dass es spannend wäre, wenn sowohl junge Ost- als auch Westdeutsche über die unterschiedlichen Erfahrungen ihrer Fami lien und ihre gemeinsame Gegenwart sprächen. Laut einer Untersuchung der Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Julian Heide nimmt das Bewusstsein für Unterschiede zwischen Ost und Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 14 – 15 West gegenwärtig bei jungen Westdeutschen ab, während es bei jungen Ostdeutschen zunimmt. Es scheint daher nicht so sinnvoll zu sein, darauf zu warten, dass der Nachwendekinder-Dialog von West beginnt. Ich habe selbst kaum eine Ahnung, was es bedeutet, seine Wurzeln in der alten Bundesrepublik zu haben. Dafür habe ich eine Menge offener Fragen, die sich an junge Westdeutsche richten, die ich wie die Ostdeutschen auch als Nachwendekinder ansprechen möchte: Haben sich eure Großeltern mehr vor dem Teufel oder vor den Kommunisten im Osten gefürchtet? Wie haben die Leute im Westen überhaupt ihre Gemeinschaft zusammengehalten ohne Sozialis mus und Tauschgesellschaft? Lag das alles an der Kirche? Redet ihr mit euren Eltern und Großel tern über die alte Bundesrepublik, wenn es um die Vergangenheit geht oder gleich über die Nazizeit? Was bedeutete es für unsere Familienmitglieder, in Staaten aufzuwachsen, die ihre Diktatur durch Antifaschismus legitimiert und ihre Demokratie durch eine Stunde null begonnen haben? Ich glaube, dass es gut wäre, darüber zu sprechen. Wir haben vielleicht trotzdem ganz unter schiedliche verinnerlichte Abwehrmechanis men, die wir aus unserer unterschiedlichen Prägung mit uns tragen, aber möglicherweise fällt es uns leichter als unseren Eltern und Großeltern, diese abzubauen. Damit hätten wir als Nachwendekinder, die die Teilung nicht erlebt haben, die Möglichkeit, gemeinsam zu überlegen, was das eigentlich für eine Geschichte über die „Deutsche Einheit“ ist, mit der wir auf gewachsen sind. Eine, in der eigentlich nur weiße Menschen mit Deutschlandfahnen ab dem Mauerfall glücklich darüber waren, zusammen zu sein, und in der die Kategorien Ost und West der Vergangenheit angehören. Das hatte mir die Schriftstellerin Paula Fürstenberg in einem Gespräch verdeutlicht. Und wieder haben nur Ossis miteinander geredet. Wenn wir aber als Nachwendekinder aus Ost und West gemeinsam unsere Fragen an die Vergan genheit richten und uns über unsere Familien geschichten austauschen, wird vielleicht deutlich, dass diese uns erzählte Einheitsgeschichte so nicht ganz aufgeht und anders erzählt werden muss. Vielleicht auch in millionenfach unter schiedlicher Ausführung. Nicht, um Schuld, Scham oder Wut zu verteilen. Sondern um die Gegenwart besser zu verstehen. - - - - - - - - Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 15 – 16 Warum beziehen sich Menschen, die nach der deutschen Teilung geboren sind, auf Ost und West? Perspektive 2 von Marie Eisenmann Es hatte für mich keine Grenze gegeben, als ich das erste Mal in den Osten fuhr. Durchfuhr eigent lich, um vom Bodensee nach Berlin umzuziehen. Mit AnnenMayKantereit im Radio und meiner besten Freundin auf dem Fahrersitz. Wir wunder ten uns ein wenig über die Straße, die Betonplatten autobahn, die uns ab Thüringen mehr durchrüttel te, als wir es von Autofahrten in Süddeutschland gewohnt waren. Dass an den Landesgrenzen gro ße Schilder die Überfahrt in die ostdeutschen Bundesländer – erst Thüringen, dann Sachsen, schließlich Brandenburg – ankündigten, inter essierte uns wenig. Ich zog nach Ostberlin. Auch das hatte keine Bedeutung für mich. Die Mauer war ohnehin seit 29 Jahren gefallen, wieso hätte ich mir darüber Gedanken machen sollen? Am zweiten Tag unseres neuen Lebens in Berlin gingen wir zu Fuß von der Humboldt-Universität in Mitte an der ehemaligen Berliner Mauer ent lang bis zum Mauerpark in Prenzlauer Berg. Wir überlegten uns, ob wir auf der West- oder Ost seite entlangliefen, wechselten durch die Streben, mit denen heute der Verlauf der Mauer angedeu tet wird, auf die andere Seite. Hin und her, erst West, dann Ost. - - - - - - - - - - - - - In der Schule stand irgendwann ein Zeitzeuge aus der DDR vor meiner Klasse, aber trotzdem schrumpfte das vergangene Land für mich auf wenige Seiten im Geschichtsbuch zusammen. Und verließ es nicht. Ich wunderte mich über meine Eltern, die von den „neuen“ Bundes ländern sprachen. Die gleiche Verwunderung, wenn sie in D-Mark umrechneten. Aus den Jahren gekommene, abgelaufene Bezugsgrößen. Ein seltsamer Reflex, am Alten festzuhalten. Das spielt doch keine Rolle mehr, meinte ich. Ärgerte mich manchmal sogar, weil ich dachte, die Kate gorien Ost und West würden eine Distanz her stellen, die es nicht mehr gab. In meiner ersten Woche an der Uni lernte ich je manden aus Dresden kennen. Wir freundeten uns an. Sie bezeichnete sich als „Ossi“, ein Begriff, von dem ich dachte, dass ihn niemand in unserem Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 16 – 17 Alter mehr verwendet. Manchmal nannte sie mich und andere von unseren Freunden sogar „Wessi“. Ein paar Jahre später verliebte ich mich in einen Ostdeutschen, der es aufregend fand, dass ich in der Nähe der Berliner Mauer wohnte, sich aber aufregte, weil es mir nichts bedeutete. Als er das erste Mal meine Familie besuchte, erfuhr ich, dass meine Oma mehrmals in die DDR gereist war, sie sich dort verliebt hatte und beinahe „drüben“ geblieben wäre. Ich erfuhr, wieso meine Mutter eine Brieffreundin in der DDR hatte („das war damals chic“) und dass mein Vater bereute, am 9. November 1989 nicht einfach spontan nach Ber lin gefahren zu sein, um den Mauerfall zu feiern. Mein Freund stellte ganz andere Fragen an meine Familie als ich. Fragen, die Geschichten hervorhol ten, die ich vielleicht nie gehört hätte. Anders als meine Freundin aus Dresden bezeichne te sich mein Freund nicht nur als „Ossi“, sondern auch als Nachwendekind, um seine Perspektive auf seine ostdeutsche Identität von der älterer Gene rationen zu unterscheiden. Ende der 90er-Jahre geboren, galt auch ich als „Nachwendekind“. Ich kannte aber niemanden aus Westdeutschland, der sich so bezeichnet hätte. Schließlich hatte sich in westdeutschen Familien durch die Wende wenig verändert, und sie war deswegen selten Thema beim Abendessen. Plötzlich war dieses Thema aber Teil meines Lebens. Wolfgang Tiefensee, ehemaliger Beauf tragter für die neuen Bundesländer, sagte zum 20-jährigen Jubiläum der Deutschen Einheit, dass Ost-West-Paare ein Vorbild für das zusammen wachsende Deutschland seien. Durch meine eigene Ost-West-Beziehung wurde mir zum ersten Mal deutlich, dass mein Freund und ich unterschiedlich geprägt worden sind, obwohl ich dachte, dass das nicht möglich wäre. - - - - - - - Während mein Freund sich Fragen zu seiner (Ost-) Identität stellte, sah ich nur blinde Flecken. Als Literaturwissenschaftsstudentin näherte ich mich der deutschen Geschichte literarisch und las Bücher aus der DDR, als wären sie in einer Fremdsprache geschrieben. Ständig musste ich mir unbekannte Abkürzungen googeln, geschichtliche Ereignisse nachschlagen. Mehr als ein Jahr lang las ich Bücher von Sarah Kirsch, Stefan Heym und Christa Wolf, die eine meiner Lieblingsautorinnen wurde. Gleichzeitig bemerkte ich, dass ältere Leserinnen und Leser – egal, ob sie aus Ost oder West kamen – sich vor allem an ihrer Rolle in der DDR abarbei teten. Es schien bei ihnen einen Drang zu geben, sich selbst zur DDR positionieren zu müssen, wenn man über Christa Wolfs Bücher sprach. Während sie in der Vergangenheit herumrumstocherten, fühlte sich Christa Wolfs Schreiben über den Foto: Pia Dernick Marie Eisenmann wurde 1999 in Konstanz geboren. 2024 kuratierte sie die literarische Veranstaltungsreihe „Geteilte(r) Meinung“ im Literaturhaus Magdeburg. Derzeit ist sie Co-Host des „Nachwendekindertalks“ im Podcast Mauerecho der taz Panter Stiftung. Sie studiert europäische Literaturen im Master. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 17 – 18 Glauben an eine bessere Gesellschaft und das Hadern mit ihrer eigenen Rolle für mich un glaublich aktuell an. Zeitgleich las ich westdeutsche Literatur von Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann und Rolf Dieter Brinkmann, die sich mit ganz anderen Fragen auseinandersetzten. Ich hatte mir nie darüber Gedanken gemacht, dass es in Deutschland vor meiner Geburt nicht nur zwei verschiedene Länder, sondern auch zwei verschiedene Systeme gegeben hatte. Plötzlich half es mir, mich als Westdeutsche zu sehen, deren eigene Familiengeschichte westdeut sche Motive aufwies: katholische Moralvorstel lungen und traditionelle Geschlechterrollen. Einer meiner Verwandten hatte in den 50er-Jahren bei seinen Großeltern aufwachsen müssen, weil er als uneheliches Kind auf die Welt gekommen war; eine andere war von ihren Schwiegereltern dazu gedrängt worden, ihren Ehemann zu verlassen, weil sie keine Kinder bekommen konnte. Die Allgegenwärtigkeit von Kreuzen und Gottes diensten in meiner eigenen Kindheit nahm ich damals hin, ohne sie zu hinterfragen. Für mich war das alles selbstverständlich, bis ich Jahre später begriff, dass im Osten nicht alle getauft waren, nicht alle Schülerinnen und Schüler in den Reli gionsunterricht mussten. Ich fuhr jetzt selbst öfter in den Osten. Im ver gangenen Jahr begleitete ich den PEN Berlin auf eine Veranstaltungsreihe zum Thema Meinungs freiheit nach Sachsen, Thüringen und Branden burg. Kurz vor den Landtagswahlen veranstaltete die Schriftstellervereinigung in den drei Bundes ländern Podiumsdiskussionen, bei denen auch das Publikum zu Wort kommen sollte. Es wurde über den Ukrainekrieg, die Medien und den Osten gestritten. Immer wieder standen Menschen aus dem Publikum auf, deren Lebens geschichte fast aus ihnen herausplatzte. So viele Menschen, die von ihren Niederlagen oder ihren Errungenschaften nach der Wende erzählten, um entweder auf die Ungerechtigkeit der Wieder vereinigung hinzuweisen oder Anerkennung für ihre Leistung einzufordern. Manche schienen eigentlich sagen zu wollen: „Jetzt schaut doch endlich hin!“ - - - - - - - - - - - - - - Die meisten meiner westdeutschen Freundinnen und Freunde machen diese Erfahrung nicht. Ihnen geht es wie mir, sie machen sich erst Gedan ken über den Osten, wenn er in den Nachrichten auftaucht. Ein seltsamer Kontrast: so viel Erzähl drang und trotzdem so wenige Geschichten, die es über die Mauer schaffen, die eigentlich gar nicht mehr steht. Die fehlende Auseinandersetzung, der Zwang zum „Das spielt doch alles keine Rolle mehr“ derer, die eigentlich zuhören könnten, wirkt im Gegensatz manchmal gewaltvoll gegenüber den Menschen, die sprechen. Je mehr Geschichten ich über die Zeit höre, desto ignoranter wirkt die Annahme, dass ein ganzer Systemwechsel in einem Teil des Landes abgehakt sein soll. Während ich diesen Text schreibe, sitze ich im Zeitungslesesaal der Staatsbibliothek zu Berlin. Hier könnte ich heute nicht sitzen, wäre die Mauer nicht vor mehr als 35 Jahren gefallen. Ich hätte nicht an der Humboldt-Universität stu diert, wäre nicht nach Ostberlin gezogen, wäre nicht entspannt am Mauerstreifen spazieren gegangen, wäre vielleicht überhaupt nicht nach Berlin gegangen, dieser westlichen Insel inmitten eines sozialistischen Systems. Ich hätte manche Menschen nie kennengelernt, wäre nicht mit meinem Freund zusammen und würde diesen Text nicht schreiben. Ich bin ein westdeutsches Nachwendekind. Aber spielt die Kategorie „westdeutsch“ für meine Identität eine Rolle? Nach wie vor entsteht kaum Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 18 – 19 eine emotionale Regung, wenn ich mich selbst so bezeichne. Sie ist eher eine Hilfskonstruktion, um mich in der Gegenwart zu verorten. Eine Brille, die ich mir aufsetze, um die Umrisse des Jetzt besser zu erkennen. Noch mehr erlaubt sie mir, Fragen zu stellen und zuzuhören. Die Ge schichten derer, die von damals erzählen und damit viel über das Heute verraten. - Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 19 – 20 Ostbewusstsein und das DDR-Unbewusste von Caspar de Boor Schiefe Töne in der Debatte Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Kakofonie politischer Verweise auf die Zeit der deutsch-deutschen Teilung nicht leiser geworden: Die Journalistin Valerie Schönian fordert für die Generation, die den Mauerfall nicht mehr erlebt hat, ein ausgeprägtes „Ostbewusstsein“. Sie verband dies in ihrem 2020 erschienenen gleichnamigen Buch mit vagen politischen Forderungen, deren Konnex vor allem darin bestand, die DDR-Vergan genheit weniger kritisch zu sehen. Der Germanist Dirk Oschmann beschreibt das Ost-West-Verhältnis 2022 mit dem Vokabular postkolonialistischer Theorien. Die Comedian Hazel Brugger trägt 2025 im Interview mit Gregor Gysi ein T-Shirt, das mit dem Satz „Ich war noch nie in Westdeutschland“ bedruckt ist. Auch wenn diese Beiträge, die das Ostbewusstsein und die Kritik an „dem Westen“ forcieren sollen, nicht immer inhaltlich überzeugen mögen, so ist doch der politische Einfluss dieser „seismografi schen“ Debatte für die politische Stimmung in Gesamtdeutschland kaum zu unterschätzen. Populistische Strömungen schlagen ihr politi sches Kapital bei der jüngeren Generation dabei nicht nur aus einer privat von Eltern und Groß eltern weitergegebenen Erinnerung an die „gute alte Zeit“ in der DDR, sondern aus einem konst ruierten „Ostbewusstsein“ der Jetztzeit, das sie politisch auch für die Nachwendegeneration zu nutzen wissen. - - - - - - - - Dass dieses Ostbewusstsein konstruiert ist, sieht man daran, wie leichtfertig sich geradezu gegen sätzliche politische Positionen darauf stützen können: Die ostdeutsch geprägte FDP-Politikerin Katja Adler warnt vor einer „Rolle rückwärts DDR“ und benutzt dabei die DDR-Zeit als Schablone für gegenwärtige gesellschaftliche Debatten. Dies tut die BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht aber genauso, wenn sie eine aus ihrer Sicht eingeengte Meinungsfreiheit der Jetztzeit mit der DDR-Zensur in ihrer Vergangenheit vergleicht. Zugleich wird oft positiv auf ein gegenwärtiges Ostbewusstsein rekurriert, teilweise mit nostal gischen Verweisen auf die Zeit vor 1990, welche die jungen Adressatinnen und Adressaten dieser Nostalgie nicht mehr selbst erlebt haben. Als ein momentan in den Umfragen erfolgreiches Bei spiel mag der AfD-Politiker Björn Höcke dienen, Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 20 – 21 der vor einer Rückkehr in die DDR-Diktatur zwar warnt, zugleich aber einige Vorteile der ost deutschen Vergangenheit beschwört: „Simson statt Lastenfahrrad“. Persönliche Erfahrungen Als ostdeutsches Nachwendekind aus Mecklen burg musste ich die schiefe Debatte über das konstruierte Ostbewusstsein am eigenen Leib erfahren. Während meines Studiums in Leipzig wurde mir meine Ostidentität abgesprochen, weil ich keinen sächsischen Dialekt sprach. Studieren de gingen davon aus, dass ich nicht „ostdeutsch“ sei, weil ich es, anders als sie, nicht sofort erwähn te. Ausgerechnet westdeutsche Studierende re klamierte die ostdeutsche Identität aber für sich, z. B. in der Gruppierung „Aufbruch Ost“. Offen sichtlich kann man in der Gen Z eine ostdeutsche Identität mühelos auch als im Westen sozialisier ter Mensch annehmen. Die Jahre, die ich in Westdeutschland verbrachte, waren anders: Kommilitoninnen und Kommili tonen lösten durch ihren betrunkenen Gesang der Internationalen ein Störgefühl in mir aus, weil sie ignorierten, dass dieses Lied für mich mit dem DDR-Regime und seiner Ideologie kontaminiert ist. Rechtsextreme Strömungen wurden mir gegenüber noch vor wenigen Jahren als ein vor - - - - - - - - - - - - - allem „ostdeutsches“ Problem verkauft. Und ehe malige Klassenkameradinnen und -kameraden, die in Westdeutschland leben, thematisieren ihr Ostbewusstsein so selten, dass es geradezu im umgekehrten proportionalen Verhältnis zu der Häufigkeit steht, mit der westdeutsche Studie rende in Leipzig sich auf dieses berufen. Seit einigen Jahren lebe ich in Schleswig-Holstein. Ich arbeite als Pastor für die evangelisch-lutheri sche Nordkirche. Diese Nordkirche ist eine der wenigen größeren Institutionen, die auf ihrem Ge biet Ost- und Westdeutschland umfassen. Für mich als – zumindest den biografischen Stationen nach – „Ost-West-Ost-West-Deutscher“ war das einer der Gründe, mich dort zu bewerben. Bei meinen gleichaltrigen Kolleginnen und Kolle gen im westdeutschen Teil der Nordkirche erlebe ich das anders: Entweder wird von vornherein ausgeschlossen, in den „Osten“ zu gehen. Oder es wird ignoriert, dass die Unterschiede zwischen den Gebieten selbst in ihrer fusionierten Form weiterhin von Bedeutung sein könnten. Foto: Marco Heinen - Caspar de Boor Caspar de Boor (*1994) wuchs in Mecklenburg auf. Er studierte in Göttingen, Strasbourg und Leipzig Theologie. Er arbeitet als Pastor in Heiligenhafen (SH). Er ist Mitglied bei Aktion Sühne zeichen Friedensdienste und veröffentlichte mehrere Essays für die Deutsche Gesellschaft e. V. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 21 – 22 Das „DDR-Unbewusstsein“ Ich möchte deswegen von einem regelrechten „DDR-Unbewusstsein“ sprechen: Wird in den neuen Bundesländern das Ostbewusstsein zwar fleißig konstruiert, wird die Wichtigkeit der DDR-Geschichte oft ignoriert. Dies macht es den Generationen, die keine Zeitzeuginnen und -zeugen sind, noch schwerer, davon zu erfahren. Von meinem jetzigen Tätigkeitsort in Ostholstein kenne ich viele Beispiele: Der Klaustorfer Turm war einst Überwachungsstützpunkt im Kalten Krieg. Heute ist er eine touristische Aussichts plattform. Auf dem Zeltplatz Wulfener Hals auf der Insel Fehmarn landete 1988 eine Flüchtlings familie aus der DDR mit einem Schlauchboot an. Heute bucht man sich dort einen Golfkurs oder geht surfen. Erst in den Familiengeschichten, die mir als Pastor persönlich erzählt werden, zeigt sich unter der sichtbaren schleswig-holsteinischen Identität bis weilen eine durch die DDR oder durch die Teilung geprägte Biografie, die aber ins kollektiv Unbe wusste verschoben ist: Migration und zerrissene Familien, Gefahren des Kalten Kriegs oder Durch suchungen an der Grenze bestimmten die Lebens geschichten vor 1990. Von solch einem „DDR-Unbewusstsein“ kann man selbst in Ostdeutschland sprechen. Denn wenn dort eine nostalgische Identität konstruiert werden soll, geht es viel zu selten um eine tatsächliche Erinnerung an die DDR-Geschichte. Literarische Ausnahmen bilden die Regel: Ines Geipel schreibt über ihren Bruder, Anne Rabe über gewaltvolle Pädagogik. Bettina Wilpert stürzt sich in Recher chen zu DDR-Jugendheimen, Lutz Seiler widmet sich den Ostseefluchten. Die Themen, die bei der Aufarbeitung der unbe wussten DDR-Geschichte auftauchen, zeigen dabei ihre eigentliche Brisanz für die Jetztzeit. Dass Mi gration kein neues, sondern ein altes, weit ver breitetes Phänomen ist, genauso wie die schwe bend-schwelende Kriegsgefahr, muss immer wieder ins Bewusstsein gebracht werden, damit aus hitzigen nüchterne Debatten werden können. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Aufgabe, die Zeit der DDR aufzuarbeiten, ist eine Aufgabe politischer Bildung. Gerade in mei ner Generation, die keine direkten biografischen Erinnerungen an die Zeit des Kalten Kriegs mehr hat, muss die Realität der Vergangenheit studiert werden, um nicht in unrealistische, konstruierte Identitäten abzurutschen, die diesen politischen Realitätssinn längst verloren haben. Dies gilt umso mehr, weil die Rede vom „Unbe wussten“ impliziert, dass sich ansonsten die Spuren der Vergangenheit in den Nachwendege nerationen anders Bahn brechen könnten: in „Ostdeutschland“, indem man sich dort von den gesellschaftlichen, demokratisch-offenen Debatten in eine Parallelwelt abkapselt, in der die wichtigs ten Probleme Lastenräder darstellen sollen oder Menschen das Grundrecht zur Flucht verwehrt wird, von dem doch so viele ostdeutsche Menschen einst profitiert haben. In „Westdeutschland“, indem dort die seismografischen Schwingungen nicht wahrgenommen werden, die auf die erdbeben gleichen Gefahren hinweisen, mit der unser ge meinschaftliches Zusammenleben bedroht ist. „Säkularisierte“ Gesellschaften Von dorther, wo die Jugendweihe statt der Konfir mation den Standard bildet, kostete es mich einige Überwindung, das Theologiestudium zu beginnen. Wie in der politischen Debatte ist „der Osten“ nämlich auch für die religiöse Entwicklung Seis mograf: Die Säkularisierung ist in Mecklenburg- Vorpommern deutlich weiter fortgeschritten als in Schleswig-Holstein. Doch Westdeutschland holt auf. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 22 – 23 Könnte es etwa sein, dass die ausbleibenden Lerneffekte in Sachen Religiosität und Politik mit einander zusammenhängen? Die Parallele ist verblüffend: Der Wegfall von religiöser Bindung findet parallel zum Wegfall der Bedeutung gesellschaftlicher Öffentlichkeit statt, die wiede rum erhitzte und populistische Debatten begünstigt. Und in beiden Fällen ist genau dieser Prozess in dem Gebiet der ehemaligen DDR durch die geschichtlichen Bedingungen weiter fortgeschritten, aber dennoch vergleichbar. - - - - An meinem jetzigen Arbeitsort in Heiligenhafen gibt es z. B. mehrere aktive Vereine. Eine solche lebendige Vereinsstruktur ist mir aus Mecklen burg unbekannt. Anfang Juni 2025 war ich zum „Gildefest“ eingeladen: Nach einer Rede gegen Radikalisierung, Rassismus und Realitätsverlust wurde erst die Deutschland-, dann die Schleswig- Holstein-Hymne angestimmt. Obwohl ich weder schleswig-holsteinisch noch patriotisch gesinnt bin, berührte mich dieser Versuch, Beheimatung und „Einwurzelung“ bei gleichzeitiger Wahrung des offenen Gemeinsinns herzustellen. Doch die „Gilde“ hat, wie viele andere Vereine und die Kirche, ein Problem, weiter relevant zu bleiben. Egal, was man von ihrem Traditionalismus hält: Durch diese Entwicklung, diese „Säkularisierung“ könnte eine Gesellschaft entstehen, in der eine gemeinschaftsstiftende Öffentlichkeit vor Ort nicht mehr existiert. In der DDR wurde der Versuch unternommen, diese ganz bewusst zu zerstören, um den Zentralismus und die Eingriffsmöglichkeit des Staates zu stützen. Heute verfällt sie von ganz allein. Der Bewusstwerdung von Geschichte, also eine Reflexion über den je eigenen Standort und die bürgerliche Verantwortung angesichts all der Herausforderungen im Großen und Kleinen, wird nicht über die Konstruktion eines Ostbewusst seins begegnet werden können. Doch die Bewusstma chung der DDR-Geschichte als eine lokale und regionale politische Bildungsaufgabe könnte den gemeinschaftsstiftenden Realitätssinn schaffen, dessen unsere Gesellschaft dringend bedarf. Oder, um es auf eine Formel zu bringen: Es geht um Bewusstwerdung von Geschichte und Identität statt konstruiertem Ostbewusstsein. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 23 – 24 Weit weg ist die DDR – Perspektiven auf ein unbekanntes Land von Clemens Böckmann Vor mir auf dem Tisch liegt ein vier Wochen altes Baby. Es hat zwei Arme und zwei Beine, kann noch nicht wirklich gucken. Liegen, Trinken und Ver dauen sind große, kaum zu bewältigende Aufgaben. Gerade ist das Kind voll und ganz damit beschäftigt, die Wirkung der Schwerkraft zu erfahren. Dass Dinge und Menschen auch weiterhin existieren, wenn es sie nicht mehr sehen kann, weiß dieses Kind noch nicht. Die Wirklichkeit ist das Unmit telbare. Von der DDR hat dieses Kind noch nicht einmal gehört. - - - - - - - - - - - Und doch ist die Vergangenheit immer schon da. Obwohl das Kind auf dem Gebiet der ehemaligen DDR geboren wurde, sind keinerlei offensichtliche Spuren der Geschichte an ihm zu finden. Langsam und Stück für Stück jedoch werden sich die unter schiedlichsten Ebenen der Geschichte auch in die sen Menschen unsichtbar einarbeiten. Die DDR, ein vergangener Staat, ist 35 Jahre nach ihrem Ende noch immer weit mehr als nur eine Erzäh lung. Das ist eine der wesentlichen Erfahrungen, die auch dieses Kind in seinem Leben machen wird. Das Wissen über die Geschichte wird ihm helfen, die Gegenwart besser zu verstehen und Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft zu ent wickeln. Im Umgang mit den Menschen in seiner näheren und weiteren Umgebung wird ihm das Wissen über die Geschichte helfen. Es wird die Interaktionen nicht reibungsloser, einfacher oder unkomplizierter machen. Doch je mehr Wissen auch dieses Kind anhäuft über eine – dann gemein sam geteilte – Geschichte, desto sorgsamer kann es das eigene Handeln reflektieren, Gesten, Ge danken und Ausdrücke seiner Umgebung einord nen und bewerten. 1989, während ich als Baby auf einem Teppich in Nordrhein-Westfalen das Krabbeln lernte, zwang der Protest weiter Teile der DDR-Bevöl kerung die Regierung des Landes, die Grenzen zu öffnen. Grundlegende Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse sollten darauf folgen. Während im Osten Deutschlands ein Jahrzehnt beispielloser Umbrüche begann, hat ten die Ereignisse auf meine Wirklichkeit kaum Einfluss. Es waren mediale Beobachtungen, in Fernsehen, Zeitung oder Radio, die nur bedingt bis in die eigene Wirklichkeit vordrangen. In den Familien im Westen blieb die Auflösung der Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 24 – 25 DDR daher oftmals unerzählt. Sofern es keine eigenen oder biografischen Bezüge zur DDR gab, war diese für viele in Westdeutschland ein Nicht-Ort. Selbst in meiner Schulzeit in Nord westdeutschland tauchte die DDR höchstens als Randerscheinung auf: Als peripherer Bereich der Geschichte markiert, war man in der alten Bundes republik gewillt, das 20. Jahrhundert als vereinig tes Deutschland abzuschließen. Erzählungen zur DDR hätten immer auch Fragen zu den Ursachen für die Teilung Deutschlands und dem Versuch einer anderen Form der Gesellschaft aufgewor fen. Gerade auch die Umbrüche von 1989/90 zu thematisieren, hätte eines hohes Maßes an Diffe renzierung bedurft. Notwendigerweise wäre es dabei auch um die selbstkritische Hinterfragung der eigenen Rolle gegangen. So jedoch blieb die DDR lange Zeit auch für mich unbesetzt, eine große, unbekannte freie Fläche jenseits des eige nen Horizonts – Zuschreibungen, die grundsätz lich mein Interesse und meine Neugier wecken, nicht selten aber auch getragen werden von Pro jektionen und fehlerhaften Vorannahmen. Für viele Menschen in den neuen Bundesländern blieb in der folgenden Zeit die DDR als Ort der ei genen Kindheit und Jugend positiv besetzt. Einige hielten sie weiterhin als politische Utopie hoch, als vorgebliches Gegenmodell zum nationalsozia listischen Deutschland und zur kapitalistischen Bundesrepublik. Andere sahen in ihr ein weiteres Schreckgespenst des 20. Jahrhunderts. Egal, welche Erfahrungen die Menschen mit ihr bis heute ver binden, bleibt die DDR in beiden Teilen der Repu blik Referenz-, Projektions- und Reibungsfläche. Ob in der Architektur, in Rollenbildern, in der Verteilung von Vermögen oder der Verbreitung von Vereinen: Die DDR und ihre Nachwirkungen prägen bis heute fast alle Bereiche unserer Gesell schaft. Die Ambivalenzen, Widersprüche und Viel fältigkeit sind enorm – vorausgesetzt, man war und ist gewillt, diese zu sehen. - - - - - - - - - - - - - - - - Wie von der DDR erzählen Bei Lesungen aus meinem Roman „Was du kriegen kannst“ wurde ich im vergangenen Jahr häufig gefragt, warum ich mich für das Thema DDR entschieden habe. Ich hatte mich vor der Arbeit an dem Roman wenig mit der DDR beschäftigt. Es war mehr Zufall, dass mir die Geschichte einer Sexarbeiterin im Auftrag der Staatssicherheit zu getragen wurde. Je mehr ich mich mit dieser Figur beschäftigte, desto mehr bemerkte ich meine eigenen Leerstellen, Wissenslücken, Vorurteile und Projektionen. Plötzlich war ich auf eine Figur aufmerksam geworden, die es mir ermög lichte, unterschiedliche Zugänge zur Geschichte und ihren Folgen zu finden. Dabei spannte sich der Bogen von einer kommunistisch geprägten Familiengeschichte im Erzgebirge über den Foto: Carolin Haentjes Clemens Böckmann ist Autor, Herausgeber und Filmemacher. 2024 erschien sein Roman „Was du kriegen kannst“, 2025 das Buch „Aus Fassungslosigkeit – Thomas Harlans Täterliteratur“. Im kommenden Jahr erscheint seine Recherche „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 25 – 26 Aufbruch und die Sehnsüchte einer jungen Frau in kleinbürgerlichen Verhältnissen hin zu einer Figur, die gefangen ist zwischen Staatssicherheit und Alkoholmissbrauch. Schließlich begann ich an dem Text zu arbeiten. Ein autobiografischer Zugang war mir durch Geburtsort und -zeit verwehrt. Würde ich jedoch immer nur davon erzählen, was ich selbst erlebt habe, bliebe mein Wortschatz klein und meine Vorstellungen von der Welt erdrückend eng. Als Kind der späten 1980er-Jahre musste ich mir die Welt der 1960er- und 1970er-Jahre – nicht nur im Erzgebirge – lesend erschließen. Es war mein Glück, dass viele Menschen bereit waren, mir ihre Erfahrungen dieser Jahre zu schildern. Vor Ort auch die Menschen nach ihren Lebenserinnerun gen und den Bedeutungen der Ortschaften zu befragen, war Türöffner und Last zugleich. Egal, wie meine Erzählung am Ende strukturiert sein würde, die Erinnerungen meiner Gesprächs partnerinnen und Gesprächspartner würden darin verzerrt erscheinen. Meine Erzählungen würden die Ortschaften in jedem Fall umarbei ten und nicht für jede oder jeden wiedererkenn bar werden lassen. Die erzählte DDR des Buches würde keinen Ersatz anbieten können für einen untergegangenen Staat, verloren gegangene Orte der Kindheit oder gar rechtsstaatliche Entschädi gung. Ich konnte und musste also die Gegenwart und die Bearbeitung von Erinnerung und Ge schichte zum Thema das Buches machen. Die Figu ren im Roman tauschen sich darüber aus, wie sie mit ihren Geschichten umgehen wollen, welche Erwartungen sie haben und wo Erzählungen ins trumentalisiert werden für eigene Bedürfnisse. Verkaufte die Hauptfigur ehemals ihre Beobach tungen und Erlebnisse an die Stasi, ist es im Roman der Ich-Erzähler, der sein Interesse an den aufre genden Geschichten der Prostituierten der Stasi geltend macht. Wie weit Geschichte(n), Erfahrun gen und Erlebnisse ausgeschlachtet, ausgestellt oder emphatisch beschrieben werden können, blieb immerzu Herausforderung beim Schrei ben des Romans. Vergangenheit und Gegenwart waren hier nie voneinander zu trennende Ein heiten. So arbeitete ich mich an den unterschiedlich en Ebenen der Zeit und ihren Verschränkungen ab. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Je länger ich am Roman schrieb, desto mehr wurde mir bewusst, wie weit die Geschichte reicht und wie sie ganz unmittelbar meine Wirklichkeit tan giert. Gleichzeitig war mein Blick auf die Ereignis se und Geschichten anfänglich ein distanzierter. Ich musste mir die Nähe zur Geschichte erarbei ten. Dabei spielten natürlich meine Erfahrungen, Prägungen und (Un-)Wissen(-heiten) eine Rolle. Die Distanz machte aber immer wieder auch Möglichkeiten zum Perspektivwechsel auf. „Viel leicht“, sagte eine meiner Gesprächspartnerinnen, „hat eben dieser zeitliche Abstand es erst möglich gemacht, über die Dinge so zu schreiben und zu sprechen.“ Damit, so erklärte sie weiter, wäre eine Offenheit erreicht, die es möglich machte, sensibel, aber ehrlich über die Ereignisse und ihre Wir kungen zu sprechen. Am Ende ist mit „Was du kriegen kannst“ ein Buch entstanden, das eine junge Frau durch die DDR begleitet. Nicht ein moralisches Werturteil aus sicherer Distanz sollte dieses Buch werden, sondern die emphatische Annäherung an eine ambivalente Figur, die in den Widersprüchen ihrer Gegenwart unterschiedliche Wege sucht. Nicht die Aburteilung als Täterin oder Opfer sollte das Ergebnis sein, sondern der Versuch, auch komplexe Erzählungen aushalten zu können. Das wäre die Grundlage eines gemeinsamen Er innerns: ein wertschätzender Umgang miteinan der, um auch Worte und Sprache zu finden für die unangenehmen und schwierigen Stellen. Das Buch kann im besten Fall Teil einer gemeinsamen Erzählung der DDR werden. Es kann nicht andere Erzählungen ersetzen. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 26 – Mittlerweile bin ich Mitte 30. Aus dem krabbeln den Baby von 1989 ist ein erwachsener Mann geworden. Meine Wirklichkeit ist nicht mehr nur das Unmittelbare, sondern die Kontinuität unterschiedlichster Beziehungen und die Viel falt diverser Erfahrungswelten. Längst wächst die zweite Generation nach dem Ende der DDR auf. Stärker noch als zuvor stellt sich für sie die Frage nach der Auseinandersetzung mit deren Geschichte. Immer häufiger entdecken junge Leute den Osten als ausschließenden Identitäts marker. Völkische und antidemokratische Kräfte haben in den neuen Bundesländern ungebremst starken Zuwachs. Das Wissen über die DDR und ihre Kontinuitäten verblasst. Gleichzeitig schei nen Prägungsmuster ungebrochen durch. In vielen Familien durchkreuzen sich mittler weile die Erfahrungen von Ost und West. Die DDR nicht zu erzählen, ist auch für die Zukunft un vorstellbar. Vielmehr gilt es, die DDR zu erzählen als einen integralen Bestandteil eines gemein samen Erfahrungshorizonts und einer gemeinsa men Zukunft. Dies bleibt Aufgabe dieser und kommender Generationen. - - - - - - - Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 27 – 28 Zum Begriff der Einheit von Paula Fürstenberg Wir brauchen die Einheit nicht Dieser Gedanke begleitet mich schon seit 2017, ganze acht Jahre. Es ist ein unerhörter Gedanke, denn dass Ost und West zu einer Einheit zusam menwachsen sollen, ist, seit ich denken kann, eine unwidersprochene gesellschaftliche Zielsetzung. Ich bin 1987 in Potsdam geboren, im Nachwen deosten aufgewachsen und vom Glauben an die sogenannte innere Einheit abgefallen, ich bin eine verblühte Landschaft. - - - - - - - - - - - - - - Wenn ich sage, dass wir die Einheit nicht brau chen, dann meine ich ausdrücklich nicht die politische Einheit, also die schlichte Tatsache, dass die zwei deutschen Staaten, die es bis 1990 gab, jetzt ein Staat sind. Die politische Einheit ist vollzogen, und ich kenne niemanden, der das rückgängig machen möchte. Es gibt einzelne Ostdeutsche, insbesondere der älteren Generati onen, die trotz allem überzeugte Sozialistinnen oder Sozialisten geblieben sind, aber selbst die wollen den Sozialismus nicht in Form der SED- Diktatur zurück. Es gibt auch vereinzelte West deutsche, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie insgeheim ihre alte Bundesrepublik lieber wieder für sich allein hätten, aber auch die haben das so nie laut gesagt. Die einzige, die je die poli tische Forderung erhoben hat, die Mauer wieder aufzubauen, ist die Satirepartei Die Partei. Ange sichts dessen ist es absurd, wie oft ich beteuern muss, dass ich die DDR nicht zurückwill. Aber auch Phantomschmerzen sind echte Schmerzen, also schreibe ich es hier lieber noch mal hin: Ich will die DDR auf keinen Fall zurück. Seit zehn Jahren spreche und schreibe ich über den Osten, aber mir kommen die Worte abhan den. Eins nach dem anderen erscheinen sie mir plötzlich fragwürdig. 1 Innere Einheit Wenn ich sage, dass wir die Einheit nicht brau chen, dann meine ich die sogenannte innere Einheit – die mentale, geistige, emotionale Seite der Einheit, das angestrebte Zusammengehörig keitsgefühl. Ich halte die innere Einheit für ein Phantom, die Soziologinnen Sandra Matthäus und Daniel Kubiak nennen es die Einheitsfikti on: „Gemeint ist damit die Vorstellung, dass der politischen Einheit eine kulturelle Einheitlich keit entspricht und entsprechen muss.“ 2017 sagte die Direktorin der Bundesstiftung zur Auf arbeitung der SED-Diktatur, Anna Kaminsky: „Die innere Einheit kommt nicht von heute auf morgen, aber sie kommt.“ Ich bin anderer Mei nung. Die innere Einheit kommt nicht, und wir brauchen sie auch nicht. Das Problem liegt im Wort selbst: Einheit ist zu eng verwandt mit Einheitlichkeit, Einigkeit und Homogenität. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 28 – 29 Die numerische erste Silbe passt nicht zu dem Land, in dem wir leben. Die ganze Idee ist inner halb einer pluralistischen Gesellschaft hinfällig. - - - - - - - - - - - 2 Einheitstaumel Am 3. Oktober 1990 sind beim Festakt am Bran denburger Tor zwischen vielen Deutschland fahnen auch etliche Reichsflaggen zu sehen, und in der Nacht prügeln sich 1.500 Neonazis durchs frisch vereinte Deutschland. Angegriffen werden Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter, Men schen of Colour, Linke und Hausbesetzerinnen und Hausbesetzer. Die Einheit ist der Startschuss für eine Eskalation rechter Gewalt, die jene Jahre prägt, in denen ich aufwachse. Für manche verläuft die friedliche Revolution in den ihr fol genden Baseballschlägerjahren also gar nicht so friedlich, wie es der Begriff nahelegt. Es ist auch eine Geschichte des Versagens von Polizei und Justiz, die die Bedrohten nicht schützen, während sie die Nazis oft gewähren und straffrei davon kommen lassen. Das Nichteingreifen der Ord nungskräfte ist im Herbst 1989 ein großes Glück und danach eine andauernde Schande. Und der 3. Oktober bleibt ein gefährliches Datum für alle, die rechter Gewalt ausgesetzt sind. Die An griffe werden als Einzelfälle betrachtet, die im Einheitstaumel passiert seien. Taumel bedeutet laut Duden a) Schwindel(-gefühl); b) rauschhafter Gemütszustand, innere Erregung, Begeisterung, Überschwang. Die gute Stimmung möchte man sich nicht von den Nazis ruinieren lassen, die also lediglich etwas einheitsduselig sind. Ganz nach dem Motto: Im Rausch der Deutschen Ein heit kann einem schon mal eine rechte Parole aus dem Mund oder ein Baseballschläger in die Hand rutschen. Der Politiker Klaus Landowsky beschreibt die 90er als euphorische Entwicklung in einer patriotischen Stimmung. Und er sagt auch, wer nicht mitgemeint war: „Natürlich gab es Prioritäten. Die patriotische Aufgabe war: Integration des Ostens, nicht die der zugewan derten Arbeitnehmer.“ Es war von Anfang an klar, wer von der Einheitsparty ausgeladen ist. 3 Wiedervereinigung Was ist mit wieder eigentlich gemeint, an welche historische Wirklichkeit knüpft es an? Auch wenn damit auf Bismarcks deutsche Einigung angespielt werden sollte, auch wenn es anders gemeint war: Das Wort ruft auch den Faschismus als Epoche direkt vor der deutschen Teilung auf. Deshalb ent scheide ich, nur noch von Vereinigung zu sprechen. Ich streiche das wieder, weil es mir zuwider ist. Foto: Jonas Ludwig Walter Paula Fürstenberg, geboren 1987 in Potsdam, ist Schriftstellerin und beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit der Nachwendegeneration und ihrer Ost-Sozialisie rung. Ihre Romane „Familie der geflügelten Tiger“ (2016) und „Welt alltage“ (2024) erschienen im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch. Sie lebt in Berlin. - - Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 29 – 30 4 Einheitssprache - - - - - - - - - - - - - - Und dann beschwert sich eine Frau im Publikum, dass die Moderatorin von den neuen Bundeslän dern spricht, sie fragt: Wie lange sollen wir noch die Neuen sein? Die Moderatorin erklärt sich, sie wolle nicht von dem Osten im Singular sprechen, als seien die Ostdeutschen eine homogene Gruppe, und die neuen Bundesländer seien immerhin ein Plural. Ich finde, dass beide recht haben, und überlege, ob Ostdeutschland eine Lösung sein könnte. Aber dann fällt mir ein, dass die Rechten es geschafft haben, Ostdeutschland zur Chiffre für Rechtsextremismus zu machen. „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“, grölen sie im Fußballstadion. Sie kleben es in Fraktur auf ihre Autos und täto wieren es in ihre Nacken. Weil das von allen Va rianten die schlechteste wäre, lasse ich die Moderatorin und die Frau im Publikum allein mit dem Problem und sage nichts. Uns fehlen die Worte, wir bekommen nicht mal eine un problematische geografische Bestimmung hin. 5 Endlich wieder homogen Im „Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland“ steht in allen Auflagen von 1992 bis 2005 im Artikel zur Wie dervereinigung Folgendes: „Wahrscheinlich braucht es eine ganze Generation, bis Deutsch land wieder eine vergleichsweise homogene staatsbürgerliche Gesellschaft sein wird.“ Wieder. Homogen. Könnte es sein, dass das mit der Deut schen Einheit genau so gemeint war? Schon in ihrer Geburtsstunde hat sie völkisch-homogene Phantasien beflügelt, als sich die Losung von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ verschob. Und das wird immer weiter festgeschrieben, wenn Forsa allherbstlich fragt, ob die Deutschen denn nun zu einem Volk zusammengewachsen sind. Was, wenn das alles nicht bedauernswerter Bei wuchs, sondern im Kern der gängigen Worte angelegt war? Dann habe auch ich, Jugend in linken Subkulturen hin oder her, den Kern dieser Worte jahrzehntelang ausgepflanzt. Dann pflanzen alle, die die Worte in den Mund nehmen, diesen Kern immer weiter aus. 6 Deutsche Einheit Die Deutsche Einheit ist als vieles erzählt worden. In den allherbstlichen Reden zu den Jubiläen von Mauerfall und Einheit ist sie eine Erfolgsgeschich te, in der der Kalte Krieg friedlich beendet wird und die Demokratie über die Diktatur siegt. In den Erzählungen der damaligen Erwerbsbevölkerung ist sie eine Geschichte der sozialen Abstiege, die im Jobcenter spielt. In den Erzählungen der damals Jüngeren ist sie eine Geschichte der so gewonnenen wie zerronnenen Freiräume, die auf Brachen, in Techno-Kellern und besetzten Häusern spielt und die entweder mit Räumung oder mit Mietvertrag und Brandschutzauflagen endet. In den Erzählungen von Westdeutschen ist sie ein ewiges Fragezeichen, wieso die Ostdeutschen trotz Asphaltierung ihrer Innenstädte so unzufrieden sind. Aber jetzt ist 2025, eine rechtsextreme Partei ist stärkste Kraft in allen fünf ostdeutschen Flächenländern und bundesweit auf Platz zwei. Die Zahlen rechter Gewalt steigen stetig. Von hier sieht es so aus, als wäre die vereinte Bundesrepublik der dritte gescheiterte Versuch, nach dem Nationalsozialismus einen antifaschis tischen Staat einzurichten, der diesen Namen ver dient. Von hier sieht es so aus, als wäre es Zeit, die Deutsche Einheit als das zu erzählen, was sie eben auch ist: eine Geschichte des Wiedererstarkens des Faschismus in Deutschland. Und es ist mir wirk lich egal, wie gut unsere Gründe dafür sind, dass es so weit kommen konnte. Als verblühte Landschaft interessiere ich mich nicht für Rechtfertigungen. Es geht darum, ein fundamentales Scheitern anzu erkennen. Es geht darum, eine verpasste Chance zu betrauern. Denn wir hätten es Einigung, Ver einigung oder Neuvereinigung nennen können, Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 30 – aber wir nannten es Wiedervereinigung. Wir hät ten es Deutsche Vielfalt nennen können, aber wir nannten es Deutsche Einheit. Forsa könnte jeden Herbst fragen, wie es um die 1989 errungene Demo kratie steht, aber Forsa fragt jeden Herbst, ob wir zu einem Volk zusammengewachsen sind. Steffen Mau schreibt, es kam zu einer „Unternutzung des demokratischen Potenzials der friedlichen Protestbe wegung“ und zu einer „Übernutzung des nationalen Potenzials“. Wegen dieses nationalistischen, völki schen und letztlich rechtsextremen Potenzials in den Worten verschlägt es mir die Sprache. Rechte Grup pierungen haben es verdammt leicht, die Erinne rung an 1989/90 für ihre Zwecke zu beanspruchen. Und all dem haben wir, die wir für eine demokrati sche und pluralistische Gesellschaft einstehen, nicht mal wehrhafte Worte entgegenzusetzen. - - - - - - - - Das Scheitern anzuerkennen, ist deprimierend, aber notwendig – um den Kern der Worte nicht immer weiter auszupflanzen und um neue Narra tive zu finden, die die Vereinigung antifaschistisch und pluralistisch erinnern und weiterdenken. Und wenn ich als Schriftstellerin eines gelernt habe, dann, dass Worte zwar wirkmächtig, aber auch ersetzbar sind. „Nie wieder ist jetzt“, stand Anfang 2024 bei den größten Demos seit dem Mauerfall auf vielen Plakaten. In diesem Sinne wünsche ich mir eine Nie-wieder-Vereinigung. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 31 – 32 wenn Influencerinnen und Influencer, Podcasterinnen und Podcaster oder Politikerinnen und Politiker einen wichtigen Punkt ausblenden: Die extreme Rechte ist im gesamten Bundesgebiet auf dem Vormarsch, und die Normalisierung des Neonazismus ist schon seit Langem ein gesamtdeutsches Problem, selbstverständlich auch in der bayerischen Landeshauptstadt München. Häufig ist es so: Hören meine Mitmenschen aus anderen Regionen dieses Landes das Wort Zwickau, denken sie (berechtigterweise) häufig an Neonazis, rechte Gewalt oder an das Untertauchen des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) in meiner Heimatstadt. Hören die gleichen Mitmenschen dann das Wort München, schießen ihnen Weißwürste, Oktoberfest oder der FC Bayern in den Kopf. Das ist natürlich nicht nur deren Problem, sondern auch das von klischeehafter Berichterstattung, von Vorurteilen und von staubigem Schubladendenken. Vor allem aber ist es völlig absurd, schließlich steht München für vieles Gute, war aber auch schon häufiger Schauplatz rechtsextremer Gewalt: 2001 ermordeten die Neonazis vom NSU den Gemüsehändler Habil Kiliç, 2005 den Einzelhändler Theodoros Boulgarides. 2016 tötete ein rechtsradikaler 18-Jähriger neun Menschen am und im Olympia-Einkaufszentrum. Als Aktivist und Autor für Demokratie, Klimagerechtigkeit und Antidiskriminierung fahre ich seit mittlerweile über zwei Jahren zu Lesungen und Diskussionsrunden durch ganz Deutschland. Weil ich mich nicht nur in meiner eigenen poli tischen Blase bewegen will, diskutiere ich häufig mit Schülerinnen und Schülern, in Kirchgemeinden oder auch mal mit Angehörigen der Bundeswehr. Vor wenigen Monaten war ich zu Lesungen in München – in einem Literaturhaus und in Schulen. Wie immer habe ich über meine Jugend im sächsischen Zwickau, meine wechselseitige Beziehung zu diesem Stück Erde, Neonazismus und Möglichkeiten zur Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft referiert. Im Anschluss an eine dieser Veranstaltungen war ich etwas erschrocken. Erschrocken darüber, wie sehr mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn es um die Krise der Demokratie geht. Eine Gruppe Jugendlicher kam auf mich zu, bedankte sich und zeigte sich erleichtert: „Wir in München leben wirklich in einer heilen demokratischen Welt! Das, was in Sachsen passiert, schockiert uns sehr.“ Zunächst habe ich mich für die Gesprächsaufnahme bedankt, und dennoch hat ihre Aussage wieder diese Bauchschmerzen in mir ausgelöst. Diese Bauchschmerzen, die ich immer dann spüre, Warum Rechtsextremismus (k)ein ostdeutsches Phänomen ist von Jakob Springfeld Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 32 – 33 Was ich mit diesen Anekdoten ganz sicher nicht bewirken möchte? Dass wir Ossis jetzt plump auf Wessis zeigen und die Vorgänge im Osten kleinre den. Bei meinen Schullesungen in Ostdeutschland sind Betroffene von Queerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen von Dis kriminierung noch immer präsenter als in West deutschland. Vor wenigen Wochen brach Gelächter aus, als ich in einer Schule in Sachsen-Anhalt die Biografie eines vom NSU ermordeten Menschen vorgelesen habe. So was Drastisches ist mir in Westdeutschland noch nie begegnet. Mir sind an dieser Stelle drei Punkte besonders wichtig: - - - - - - - - - - - - - Erstens: Alltagsrassismus, Normalisierung von neonazistischen Gruppierungen und die Zustim mung zu extrem-rechtem Gedankengut1 sind im Osten weiter fortgeschritten als im Westen. Die beschriebenen Phänomene finden sich aber im gesamten Bundesgebiet. Zweitens: Auch wenn die Lage in Bezug auf demo kratiefeindliche Einstellungen in Westdeutschland entspannter ist, ist das keinesfalls ein Garant oder gar ein Automatismus dafür, dass das auch so bleibt. Wer sich das nicht bewusst macht, handelt fahr lässig, zeigt einseitig auf den Osten und sieht im Zweifel den Wald vor lauter Bäumen nicht. Viele Neonazis, die nach der Wiedervereinigung in den Osten gezogen sind und dort in Regionen wesent lichen Einfluss auf die Gesellschaft gewonnen ha ben, werden ihr „Erfolgsmodell Ostdeutschland“ heute auf den Westen übertragen wollen – wenn sie nicht schon voll dabei sind. Drittens: Sie sind schon voll dabei. Extrem-rechte Jugendgruppen schießen in Ost- und Westdeutsch land aus dem Boden2, die Mobilisierungen gegen Christopher Street Days nehmen überall zu3, und ne ben dem Ost-West-Gefälle spielen vor allem Unter schiede zwischen Stadt und Land4 eine große Rolle. Was mir in der Debatte über „den“ Osten dann aber vor allem zu kurz kommt? Der stärkere (aber gesamtdeutsche) Rechtsextremismus in Ost deutschland hat Ursachen: Wenn im Osten noch immer weniger verdient wird als in Westdeutsch land, wenn Ostdeutsche weniger erben und nicht so oft in Spitzenpositionen vertreten sind, dann macht das was mit der Bevölkerung. Etwas, das auch an meiner Generation – ich bin 23 Jahre alt – nicht vorbeigeht und eine (von vielen) Ursachen für den Aufstieg der Extremrechten darstellt. Foto: CocoVillosa Jakob Springfeld ist ein Aktivist aus Zwickau. Er engagiert sich für einen solidarischen Osten und erhielt die Theodor-Heuss-Medaille für sein Demokratie- Engagement. Am 31. Januar 2025 erschien sein Buch „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert – Warum das Erstarken der Rechten eine Bedrohung für uns alle ist“. 1 https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/autoritarismus-deutschland-studie-100.html#:~:text=31%2C1%20Prozent%20der%20 Befragten,auf%2044%2C3%20Prozent%20gestiegen 2 https://www.zeit.de/2025/17/deutsche-jugend-voran-rechtsextremismus-jugendliche-gewalt-chats 3 https://cemas.io/publikationen/neue-generation-neonazis-mobilisierung-gegen-csd-veranstaltungen/cemas_-_2024-11_-_research_ paper_-_neue_generation_neonazis.pdf 4 https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/studie-afd-waehler-100.html Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 33 – 34 - - - - - - - - - - - - - - - - - Meine Eltern sind beide zu DDR-Zeiten geboren und aufgewachsen. Meine Mama in Dresden, mein Papa in Mosel bei Zwickau. Sie waren und sind in der evangelischen Kirche aktiv und fanden die DDR schon immer blöd. Sogar die Arbeitslosig keit meines Papas nach der Wiedervereinigung hat keinen bleibenden Frust hinterlassen – zu groß die Dankbarkeit, endlich frei reden, frei reisen und frei wählen zu dürfen. Diese grundsätzliche Dankbarkeit, die freiheitlichen Privilegien nutzen zu können, und dass das eben nicht selbstver ständlich ist, wurden an mich weitergegeben und prägen bis heute, bei aller Kritik, meinen Blick auf diese Gesellschaft. In Familien, in denen die Elterngeneration ange passter an die DDR-Diktatur gelebt hat, sieht das ganz anders aus. Wer die Kinderbetreuung, die geringe soziale Ungleichheit oder die Vollbeschäf tigung der DDR lobt oder diesen (meiner Meinung nach in der Tat positiven) Aspekten nostalgischbeschönigend hinterhertrauert, war wahrschein lich kein Systemgegner oder politisch Verfolgter. Ganz unabhängig davon, dass ich das kurzsichtig und diktaturverherrlichend finde, hat auch das Auswirkungen auf meine Generation. Wo Eltern ihren Kindern von Abstiegserfahrungen während des massiven Transformationsprozesses nach der Wiedervereinigung erzählen – also von Arbeits losigkeit, Umbruch und Familiendramen –, dort entsteht in erneut umbrüchigen Zeiten, geprägt von multiplen Krisen, Angst. Angst davor, dass Ossis, ob jung oder alt, wieder einmal absteigen könnten und während der zeitgleich stattfinden den Transformation auf der Verliererseite stehen. Für mich ist klar, dass beide Perspektiven wahrge nommen werden müssen: Natürlich gibt es ein zelne Dinge, die in der DDR (für die Angepassten) gut gewesen sind. Wer dabei aber unausgesprochen lässt, dass die DDR eine autoritäre Diktatur ge wesen ist, unter der viele Menschen gelitten haben, der hilft nicht der demokratischen Sache, sondern nährt den Boden für heutige Autoritäre. Natürlich müssen wir über Ost-West-Ungleichheiten spre chen. Wir müssen darüber sprechen, dass diese Ungleichheiten viel zu selten angegangen werden, darüber, dass der Osten im Bundestags-Wahl kampf kaum thematisiert wurde. All das darf aber niemals zur Legitimation von Neonazismus, Demokratiefeindlichkeit oder stumpfem Wessi- Hass führen. Bei Lesungen im Westen werde ich häufig gefragt: „Warum redest du überhaupt noch über Ost- und Westdeutschland? Was spielt das für eine Rolle für deine Generation?“ Meistens antworte ich: „Na, weil die Wiedervereinigung für Ossis viel mehr verändert hat als für euch! Und weil das die Leute betroffen macht. Es sät während heutigen Trans formationsprozessen ein Grundmisstrauen, das auch vor meinen Freundinnen und Freunden nicht haltmacht.“ Ich rede nicht über Ost- und West deutschland, weil ich das so toll finde, sondern weil ich die Hoffnung habe, dass dieses Sprechen eines Tages dazu führt, nicht mehr darüber sprechen zu müssen! Nur wenn wir Demokratinnen und Demokraten über „Ostdeutschland“ sprechen, verhindern wir eine Vereinnahmung dieses Begrif fes durch Antidemokraten. - Wenn junge Neonazis „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“ schreien, würde ich manchmal gern noch lauter „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“ zurückrufen. Warum? Natürlich sehe ich mich in erster Linie als Europä er und Mensch, aber wenn Neonazis den Flecken Erde, den ich meine Heimat nenne, vereinnah men wollen, dann kann ich doch nicht einfach so dabei zusehen. Ich bin auch Ossi, und ich bin kein Neonazi. Denke ich aber an die jungen Leute, denen ich im Schulkontext begegne, dann wird mir wirklich angst und bange. So oft wurde ich in letzter Zeit von Lehrkräften als eine Art Feuerlö scher kontaktiert: „Bring mal unsere Neonazi-Kids Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 34 – davon ab, Neonazis zu sein!“ Danach folgen Be richte über Hakenkreuze in Schulbänken, Hitler grüße oder rechte Gewalt. Warum mir das oft zu kurz greift? - - - Die Idee, mich als Feuerlöscher zu buchen, ist kein langfristiger Ansatz. In der Zeit, in der ich einen Neonazi davon überzeugen kann, kein Neonazi mehr zu sein, kann ich im besten Falle mit zehn Willigen eine Antidiskriminierungs- AG gründen, einen Protest organisieren oder ein Dutzend Nichtwählende zur Wahl animieren. Denn auch wenn wir über junge Neonazis spre chen, ist mir die Diskussion oft zu platt. Wenn Medien über „die“ Neonazi-Jugend im Osten sprechen, dann nehmen das die Kaderschmieden dankend an und sagen: „Ja, wenn du jung und ostdeutsch bist, dann musst du auch Neonazi sein!“ Unter diesen Umständen fällt es mir schwer, mich „ostdeutsch“ zu nennen, obwohl das eigentlich nichts Schlimmes sein sollte. Neonazis erweisen mit ihrem Verständnis von „Ostdeutschland“ den demokratischen Ossis einen Bärendienst, denn jeder neonazistische Ossi unterfüttert die klischeehafte Erzählung über „den“ extrem-rechten Osten mit Tatsachen, die mein Unwohlsein, mein mulmiges Gefühl immer weiter stärken. Nur sollten im Jahr 2025 vielleicht auch mal langsam einige Wessis ein mulmiges Gefühl bekommen. Nur weil sie zufällig in (West-)Deutschland geboren sind, sind sie nicht frei von Rassismus, Antisemitismus und Co. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 35 – 36 Aufgewachsen in der (K)Einheit – Die ostdeutsche Generation Z als Zuhörerin und Erzählerin von Vanessa Beyer und Lisa Trebs Woran denken wir, wenn wir uns eine ostdeutsche Person vorstellen? Weiß, männlich, rückwärtsgewandt und abgehängt? Dieses stereotype Bild hält sich hartnäckig – auch mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung. Das zeigt eine Datenanalyse der Produktionsfirma Hoferichter & Jacobs in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig. Sie ließen mehrere Hundert Millionen Presseartikel seit 1990 untersuchen und zeigten auf, was auch wir bereits spürten: Ostdeutschland wird medial überwiegend negativ dargestellt, als Abweichung von einer Norm, als Krisenregion, geprägt von Demokratiezweifeln und Machtlosigkeit. Begriffe wie vielseitig, soli darisch oder demokratisch kamen selten vor. Doch diese anderen Narrative gibt es! Und es gibt Menschen wie uns, Vanessa Beyer und Lisa Trebs, die vermutlich nicht ins gängige Bild passen. Wir sind im Osten aufgewachsen – jung, weiblich und mit Blick nach vorn. Sind wir gemeint, wenn Ost deutsche als politikverdrossen oder rückständig beschrieben werden? Was bedeutet die ostdeutsche Identität für uns, wir, die die DDR und Wende nur aus Erzählungen kennen? Diese Fragen haben uns lange beschäftigt. Zu oft fehlten unsere Erfahrungen in der öffentlichen Debatte, zu selten hörten wir junge Menschen sprechen. Deshalb haben wir im Jahr 2022 die Se riendoku „(K)Einheit – Wie die Gen Z über den Osten denkt“ gestartet. Wir porträtieren zehn junge Menschen zwischen 18 und 26 Jahren, zeigen ihre Lebensrealitäten fernab gängiger Klischees und ihren Blick auf das vereinte Deutschland, ihre Herkunft und fragen nach Zukunftsperspektiven. - - - - Wir zeigen Stimmen, wie die von Mazlum, der erzählt, wie es ist, als nicht weißer Ostdeutscher aufzuwachsen und den erzgebirgischen Dialekt auch in seiner neuen Wahlheimat Mannheim nicht ablegen zu wollen. Marie fragt sich, ob sie nach dem Studium zurück nach Brandenburg geht, weil Veränderung für sie vor Ort beginnt. Und Hoang wünscht sich, dass Chemnitz für die dortige Techno-Szene bekannt wird. Diese Seriendoku ist eine Einladung, Ostdeutsch land durch die Augen einer neuen Generation zu erleben – lebendig, widersprüchlich, erzählenswert. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 36 – 37 Zuhören, reden, weiterdenken Schnell wurde klar: Eine Seriendoku allein reicht nicht. Das Thema bewegt – und viele in unserer Generation haben Redebedarf. Deshalb organisieren wir mit unserer Initiative (K)Einheit Workshops, Filmgespräche und Diskussionsrunden, ehrenamt lich und oft generationenübergreifend. Unsere Veranstaltungen sind meist offen für alle – und oft kommen dabei verschiedene Generationen ins Gespräch. Ältere fragen uns dann: Warum be schäftigt das die Jugend noch? Das hat doch nichts mehr mit euch zu tun! – Als wäre das Thema längst abgehakt. Doch fast alle Nachwendegeborenen haben eine Meinung dazu. Das Thema ist bis heute präsent, weil es uns in Familien, in der Schule, in Medien und im politischen Alltag begegnet. Die Deutsche Einheit wurde von relativ wenigen Menschen in der Bürgerbewegung der DDR her beigeführt und ist vielen passiert. Aber was sie mit den Menschen gemacht hat, wurde anscheinend zu oft übergangen. Gerade ältere Generationen erzählen uns von Brüchen in ihrer Biografie – wirtschaftlichen Verlusten, persönlichen Enttäu schungen und emotionalen Verletzungen nach der Wende. Bei vielen unserer Veranstaltungen entstehen daraus sehr persönliche Gespräche. Jüngere Teilnehmende erkennen darin Zusammen hänge mit heutigen Erfahrungen. Manchmal sind die Workshops die ersten Augenblicke, in denen sie die Verknüpfungen verstehen lernen und Worte dafür finden. Sie spüren: Vieles wurde nie richtig ausgesprochen. Die Erzählungen, die wir kennen, lassen oft keinen Platz für Ambivalenzen – für all das, was gleichzeitig mit der Wende passiert ist: Aufbruch und Abschied, Erfolg und Verlust, Neu anfang und Unsicherheit. - - - - - - - - Auch die Generation Z braucht Raum für ihre Er fahrungen: Viele junge Menschen im Osten fühlen sich mit dem Ort verbunden, an dem sie aufge wachsen sind – mit ihrer Gemeinde oder ihrer Region, mit Dialekten, kulinarischen Traditionen und kulturellen Besonderheiten. Und sie erleben, Vanessa Beyer, geb. 1997, aufgewachsen bei Leipzig, Beraterin für politische Kommunikation und öffentliche Beteiligung. Co-Gründerin der Initiative (K)Einheit und Co-Leitung von „Generationsgeschichten: Grenzen überwinden, Identität(en) gestalten“ für die Kulturhaupt stadt Europas – Chemnitz 2025. - - Lisa Trebs, geb. 1997, aufgewachsen bei Leipzig, Referentin in der Entwicklungs politik. Co-Gründerin der Initiative (K)Einheit und Co-Leitung von „Generationsgeschichten: Grenzen überwinden, Identität(en) gestalten“ für die Kulturhauptstadt Europas – Chemnitz 2025. Foto 1: CocoVillow; Foto 2: Anika Dollmeyer & VNG 1 2 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 37 – 38 wie genau das in überregionalen medialen Dis kursen, aber auch persönlichen Begegnungen mit Gleichaltrigen belächelt oder abgewertet wird. Gleichzeitig fühlen sich viele entfremdet, wenn in ihrem Umfeld rechte bis rechtsextreme Positio nen normaler werden. Das führt zu einem Gefühl innerer Zerrissenheit. - - - - - - - - - - - - - - - Als (K)Einheit nehmen wir diese Emotionen ernst. Doch oft fehlen reale Räume, in denen sie ihren Platz finden. Unsere Formate sind Werkstätten für ehrliche Gespräche – auch wenn es emotional wird und gegensätzliche Positionen aufeinandertreffen. Wir reden weiter über das, was war, und das, was sein kann. Wir setzen uns für die Vermittlung von Emotionen in Räumen ein, in denen Platz für Span nungen, Gleichzeitigkeiten und Widersprüche ist. Identität(en) – alle, keine und dazwischen Wir gehören zu einer Generation, die mehrheit lich europäisch denkt, sich einmischt und de mokratisch engagiert. Viele von uns leben ihre ostdeutsche Identität bewusst – oft anders als frühere Generationen, die ihr Ostdeutschsein bewusst nicht zur Sprache brachten. Und diese Identität gehört nicht denen, die sie für politische Zwecke missbrauchen wollen. Populisten und extreme Parteien versuchen, ostdeutsche Identität für ihre Zwecke zu verein nahmen. Sie füllen sie mit Angst, Ausschluss und alten sowie neuen Feindbildern. Wir setzen da gegen: Identität, die in Begegnungen, Erfahrungen und Geschichten entsteht – offen, vielfältig und widersprüchlich. Und sie ist hybrid, schließt an dere Identitäten nicht aus: Sammy aus Sachsen beschreibt sein politisches Engagement für Demokratie als Teil seiner ost deutschen Identität. Mazlum bezeichnet sich als Sachse mit Migrationshintergrund, verbunden mit seiner erzgebirgischen Heimatstadt, auch wenn er inzwischen woanders lebt. Für Lea ist Heimat verknüpft mit Kindheitserinnerungen an nachbar schaftliche Schrebergärten, Spirelli mit Jagdwurst und „Kling Klang“, aber auch mit dem Erstarken rechter Haltungen. Und Hoang fühlt sich nicht ostdeutsch, hat aber ein Verständnis für die Er fahrungen seiner Eltern als Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter in der DDR und wie wenig diese Biografien gesehen wurden. Diese Geschich ten zeigen: Identität ist nicht festgelegt. Sie entsteht im Alltag – durch Sprache, Musik, Architektur, Nachbarschaft, Familie. Sie verändert sich, ist nicht eindeutig, ist vielschichtig. Wo steht diese Generation Z im Ostdiskurs? Die Generation Z erlebt die Emotionalität und versteht die sachliche Analyse. Anders als frühere Generationen verspüren viele von uns nicht mehr das unmittelbare Gefühl von „Der Westen hat uns alles genommen“. Stattdessen schauen wir analy tisch auf strukturelle Unterschiede: wirtschaftliche Disparitäten, fehlende Repräsentation, schwächere Infrastruktur. Und wir schauen auf gewachsene Strukturen von Macht, die wir besprechbar machen wollen. Was uns trifft, ist das Schweigen darüber. Die Leerstelle im Diskurs. Die Unsichtbarkeit von vielfältigen ostdeutschen Erfahrungen. Wenn die dritte Generation Ost sich eine besondere Transformationskompetenz zuschreibt, sehen wir bei unserer Generation eine klare Erzählkompetenz. Wir erklären nicht, wie die DDR war oder Treuhand ablief. Wir erzählen, wie wir heute Ostdeutschland erleben. Erinnerung ist keine Ostalgie mit der Sehnsucht nach einer Zeit, die wir nie kennenge lernt haben. Für uns ist sie der Versuch, die Gegen wart zu verstehen und daraus Zukunft zu gestalten. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 38 – 39 Wir verstehen uns als Teil einer gesamtdeutschen Erzählung. Ostdeutsche Herausforderungen betref fen das ganze Land. Wenn Misstrauen wächst und rechte Narrative an Boden gewinnen, geht es um mehr als um regionale Probleme – es geht um un sere gemeinsame Zukunft. Zusammenhalt entsteht nicht von allein. Es braucht Anerkennung, Vielfalt und das Gespräch darüber, was uns verbindet. Des halb suchen wir den Austausch – auch mit west deutschen Gesprächspartnerinnen und -partnern. - - - - - - - - - - - - - - - Wir sehen Ostdeutschland nicht als Abweichung von der Norm. Für uns ist der Osten Teil eines europäischen Raums. Das zeigt unser aktuelles Projekt „Generationsgeschichten – Grenzen überwinden, Identität(en) gestalten“, das wir für die Kulturhauptstadt Europas – Chemnitz 2025 umsetzen. Gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern aus Polen und Tschechien und Akteu rinnen und Akteuren aus Thalheim, Zwickau und Chemnitz fragen wir: Wie erinnern sich Ge sellschaften an den Sozialismus? Und wie gehen junge Menschen mit den spürbaren Folgen des Systemwandels um? Dabei entstehen lebendige Aushandlungsprozesse über Begriffe wie Heimat, Zugehörigkeit, Enttäu schung und Verantwortung. Unser Ziel ist ein ge meinsames Verständnis von Gegenwart und Zu kunft – lokal verwurzelt und europäisch vernetzt. Der Blick nach vorn: Generation Z(ukunft) Wir blicken kritisch auf Vergangenheit und Gegenwart – und gestalten die Zukunft aktiv: in Ostdeutschland, in Deutschland, in Europa. Dabei begleiten wir junge Menschen, ihre Pers pektiven sichtbar zu machen. Gemeinsam mit ihnen entwickeln wir konkrete Zukunftsbilder. Wir sprechen über demokratische Teilhabe, kulturelle und soziale Zugehörigkeit, über Mo bilität und Bleibeperspektiven. Unsere Räume stehen jungen Menschen offen, auch abseits der Großstädte. Denn Zukunft ent steht nicht nur in Berlin oder Leipzig, sondern auch in Zwickau, Gera oder Oberbösa. Sie zeigt sich vor Ort beim Wunsch nach Volleyballspielen mit Alt und Jung am Sonntag oder in überregio nalen Diskussionen über politische Bildung. Sie beginnt lokal – und reicht weit darüber hinaus. Unser Ziel für die kommenden Jahre: Perspektiven schaffen im Osten und dabei immer das größere Ganze im Blick behalten. Wir stehen für einen reflektierten, zukunftsoffenen Umgang mit ost deutscher Erfahrung. Für einen Osten, der Unter schiede aushält, Verantwortung übernimmt und neue Geschichten zulässt. (K)Einheit ist unsere Stimme. Wir laden ein zum Zuhören, Mitdenken, Mitmachen. Denn neue Perspektiven entstehen nur im Dialog – im Streit, im Zweifel, im Gespräch vor Ort. Für ein Land, das alle Geschichten miteinander teilt. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 39 – 40 Was treibt junge Bürgermeister in Ost und West um? Die Kommune ist die politische Einheit, die den Alltag der Menschen prägt. In den Gemeinden werden aus abstrakten Regeln von europäischer, nationaler und Landesebene sehr konkrete Straßen, Kita-Plätze und ÖPNV-Anbindungen. Zugleich sind die Bürgermeister im direkten Austausch mit den Menschen – eben „vor Ort“. Sie wissen, was funktioniert und was nicht, was die Menschen bewegt und was aufregt. Zwei der jüngsten Bürgermeister aus ländlichen Gemeinden berichten aus Ost und West. Warum sind Sie so jung Bürgermeister geworden, und wie lief das ab? Lena Burth: Ich war in der Finanzverwaltung als Betriebsprüferin tätig. Bei einer Veranstaltung in Ludwigsburg habe ich „Bürgermeisterin“ als Berufsbild kennengelernt und mir gedacht, das kann ich mir vorstellen, das traue ich mir zu. Bei der Bürgermeisterwahl waren insgesamt sechs Bewerber, davon übrigens vier Frauen. Ich bin als freie Kandidatin angetreten mit der Unterstützung von Familie und Freunden: Die Bilder für die Flyer hat eine Freundin von mir gemacht, die Hobbyfotografin ist. Gestaltet hat sie der Dirigent meines Musikvereins, und ver teilt habe ich sie selber. Patrick Albrecht: Ich habe eine Ausbildung ge macht zum Verwaltungsfachangestellten und dann 2022 noch ein Studium angefangen zum Diplom-Verwaltungswirt. Eines Abends saß ich in Gotha, dort ist mein Studienort, mit meinem Kommilitonen am WG-Tisch, und wir haben ge grübelt: Wer könnte sich bei der Bürgermeister wahl in unserem Ort aufstellen lassen? Von da an reifte der Gedanke, selbst anzutreten. Ich war und bin parteilos. Das heißt, ich brauchte 80 Unterstützerunterschriften, um mich aufstellen lassen zu können. Für diese Unterschriften bin ich von Tür zu Tür gegangen. Und viele Unter schriften bekam man nur, wenn man sich auch ordentlich unterhielt: Ich saß da an so manchem Küchentisch bei den Bürgerinnen und Bürgern. Sie haben mir Anregungen mit auf den Weg ge geben, was sie gerne in der Stadt anders hätten. Die Tagespresse hat dann jedem der vier Bewerber die Möglichkeit gegeben, ein Porträt von sich zu veröffentlichen. Außerdem gab es eine Podiums veranstaltung – also alles ganz fair. Ein bisschen unsportlicher wurde es bei der Stichwahl. Mein Konkurrent hat einen Flyer veröffentlicht, in wel chem er – so interpretiere ich es – ausdrücken wollte, wenn man noch studiert, kann man nicht vernünftig Bürgermeister sein. - - - - - - - - Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 40 – 41 Wenden wir den Vorwurf ins Positive: Was machen Sie beide als unter 35-Jährige anders als ältere Bürgermeisterinnen und Bürgermeister? Burth: Ich glaube, das Alter ist nicht entscheidend, jeder Bürgermeister bringt so oder so seinen eige nen Stil mit. Da ich vom Finanzamt komme als Betriebsprüferin, liegt mir zum Beispiel der Kom munalhaushalt sehr, sehr am Herzen. Albrecht: Ich denke, was uns von älteren Kollegen unterscheidet, ist der Zugang zu den Medien. Ich habe zum Beispiel nach der Wahl direkt einen WhatsApp- und einen Instagram-Kanal eröffnet, über den ich einfach die Bürgerinnen und Bürger mitnehme. Über das, was halt so tagesaktuell in der Stadt passiert, wo ich auch das Feedback be komme. Die Menschen, die hier wohnen, wollen mitgenommen werden. Burth: Die Transparenz von Politik und der direkte Austausch sind zusammen ein wichtiger Punkt. Das sehe ich auch so. Was wir jetzt neu machen werden dieses Jahr, ist eine Gemeinde-App. Aber das heißt, Sie haben keine Themen, mit de nen Sie als junge Bürgermeisterin und Bürger meister angetreten sind, sondern Sie regeln das, was in Ihrem Ort zu regeln ist? - - - - - - - Burth: Ja, und anders geht es auch nicht. Unsere Haushaltslage ist sehr prekär. Wir haben in diesem Jahr gerade mal die schwarze Null hinbekommen. Ich glaube aber nicht, dass wir im nächsten Jahr noch einen ausgeglichenen Haushalt haben wer den. Und so wird uns der Gestaltungsspielraum genommen; eigentlich haben wir nur noch das Geld für unsere Pflichtaufgaben. Albrecht: Das hast du schön gesagt. Das ist hier bei uns genauso. Das ist eigentlich ganz schlimm. Was sind denn die drei zentralen Themen Ihrer Gemeinde, die Sie regeln müssen? Burth: Das größte Thema ist der Investitions rückstau. Ostrach ist eine der flächengrößten Gemeinden in Baden-Württemberg. Wir sind relativ zersiedelt in 29 Teilorte. Dafür reicht das 1 Patrick Albrecht Mein Name ist Patrick Albrecht, ich bin 24 Jahre alt und lebe schon immer in der ländlichen Kleinstadt Gößnitz am Rande von Thüringen. Nach meinem Abitur verschlug es mich in die öffentliche Verwaltung, machte hier eine Ausbildung, danach ein Studium und seit 2024 bin ich Bürgermeister dieser idyllischen Stadt. Lena Burth Abschluss des Bachelor of Laws sowie die Laufbahnprüfung des gehobenen Dienstes an der Hochschule für öffentliche Verwaltung Ludwigsburg. Von 2018–2023 tätig als Landesfinanzbeamtin, zuletzt in der Funktion als Betriebsprüferin. Seit 2023 Bürgermeisterin der Gemeinde Ostrach. Foto 1: Sandra Tetzner Fotodesign; Foto 2: Ingo Rack 2 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 41 – 42 Geld aber nicht. Meine Straßen sind einfach absolut desolat. Was uns jetzt noch zusätzlich Sorgen macht, ist das Thema Breitband. Wir kriegen zwar die Bundesförderung, allerdings hat sich die Förderkulisse geändert, sodass wir trotzdem eigenes Geld investieren müssen, damit unsere Bürgerinnen und Bürger über haupt einen Glasfaseranschluss haben, und unsere Bürgerinnen und Bürger müssen auch einen Eigenanteil zahlen. Und so geht es weiter über das Feuerwehrhaus, dessen Brandschutz nicht mehr ausreicht, zur Ganztagesbetreuung an Grundschulen. Das ist eine Bundesvorgabe. Dafür müssen wir anbauen an unsere Schule. Das ist einerseits ein gutes Projekt, aber anderer seits haben wir genügend andere Investitionen, die wir für den Erhalt der Schule aufbringen müssten – in unsere Sporthalle regnet es rein. Also viele Aufgaben, aber wenig Geld. Und bei Ihnen, Herr Albrecht? Albrecht: Das ist bei uns genauso. Ich war vor Kurzem bei einer Fachtagung, wo auch die Thüringer Aufbaubank dabei war. Die haben selber gesagt, seit Jahren haben wir eine nega tive Investitionsrate. Das heißt, wir leben auf Verschleiß. Wir können nicht mehr investieren, weil wir kein Geld haben. Wenn man dann ins Auge fasst, das Ganze mit Krediten zu finanzie ren, dann muss man schauen, ob die Rücklage der Gemeinde überhaupt passt, damit wir kredit würdig sind. Was wir zum Glück nicht haben, ist die Herausforderung mit der Ganztagsbetreuung. Hier im Osten gab es die sogenannten Horte an den Grundschulen früher schon. Ich möchte außerdem noch das Thema Fach kräftemangel in der Verwaltung unterstreichen. Jedes Jahr überlegen sich Bund oder Land, dass sie noch ein paar Aufgaben an die Kommunen abgeben wollen. Wir hier in der Kommunalver waltung wissen gar nicht mehr, mit welchen Personalressourcen wir das stemmen sollen. Und das wird auch noch verstärkt, wenn größere Ge meinden bei uns einfach in der Lage sind, höhere Gehälter, höhere Entgeltgruppen zu zahlen. - - - - - - - - Burth: Ja! Wir haben fast ein Dreivierteljahr eine Erzieherin für unseren Kindergarten gesucht. Themen, die medial eine große Rolle spielen, wie die Aufnahme von Flüchtlingen, sind bei Ihnen nicht wichtig? Burth: Doch, das war meine allererste Aufgabe, als ich frisch gewählt worden bin. Da hat es direkt vom Landratsamt geheißen, Sie müssen mehr Flüchtlinge aufnehmen. Aber bei uns war alles voll. Wir hatten dann mehrere Krisensitzungen im Gemeinderat. Am Ende konnten wir die Aufgabe lösen. Wir haben eine Immobilie gekauft, weil wir zur Integration nicht beitragen, wenn wir Container irgendwo aufstellen. Die Bürger waren am Anfang nicht begeistert, aber ich würde sagen, die Flüchtlinge haben sich ganz gut integriert. Albrecht: Ich hatte das Problem nicht. Als der Ukrainekrieg losging, hat der Landkreis die Flüchtlinge untergebracht. Viele wurden auch privat aufgenommen. Ansonsten wäre die Einstellung auch vermutlich in der Gemeinde ähnlich wie bei Frau Burth, dass da erst mal eine große Skepsis da wäre. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 42 – 43 Nehmen Sie eine Polarisierung in der Gesellschaft wahr? In Deutschland allgemein und in Ihrer Gemeinde im Speziellen? Und welche Themen sind es dann, wenn es so was gibt bei Ihnen? Burth: Also was wir feststellen, ist, dass es grund sätzlich weniger Gemeinschaftsbewusstsein bei den Bürgerinnen und Bürgern gibt. Wir haben zum Beispiel einen Badesee bei uns mit einer Lie gewiese und haben dafür auch einen Parkplatz unbürokratisch ausgewiesen, weil wir diesen schönen Ort für viele sichern wollten. Aber es funktioniert leider nicht: Besucher parken in der landwirtschaftlichen Fläche, weil sie vielleicht fünf Meter weniger laufen wollen, es wird wild Müll abgelagert, und Stand-up-Paddler nehmen häufig keine Rücksicht auf die Badegäste. Das ist schade; es könnte da draußen so schön sein, wenn jeder einfach ein bisschen Rücksicht auf die anderen nimmt. - - - - - - - - Albrecht: Wir haben hier die Polarisierung im Osten, ganz typisch, wie es allseits bekannt ist. Es werden immer krassere Meinungen zur Landesoder Bundespolitik vertreten. Aktuell bestimmend ist der Ukrainekrieg, mit dem wir gar nicht so viel zu tun haben als Gemeinde, aber der hier im mer wieder Thema ist. Ein großes Thema, mit dem wir als Gemeinde wirklich zu tun haben, sind die Energiepreise: sei es das Gas bei uns oder aber auch, dass die Sprit preise durch die CO2-Abgaben immer weiter stei gen. Das ist hier auf dem Land ein ganz großes Problem. Durch diese gestiegenen Energiepreise steigen zum Beispiel auch die Baukosten im All gemeinen. Personalkosten steigen immer weiter. Es bringt uns als Gemeinde auch immer wieder Probleme, und ich sitze als Gemeinde eigentlich im gleichen Boot wie die Bürger. Und wie ist der Ton in der Politik bei Ihnen in der Ratsversammlung? Gibt es da eine Polarisierung zwischen den Fraktionen? Albrecht: Bei uns lebt der Stadtrat nicht von den großen Parteien, wie sie bekannt sind aus Bundesoder Landespolitik. Bei uns lebt der Stadtrat von Bürgerinitiativen. Da sehen sich die wenigsten als Bestandteil einer Partei. Burth: Wir haben drei verschiedene Listen, CDU, SPD und Freie Wähler. Aber ich würde jetzt sagen, alle drei Listen, auch wenn sie einen Parteinamen tragen, machen bei uns keine Parteipolitik. Es gibt auch keinen Fraktionszwang wie in Bundesoder Landespolitik. Sie sind beide aufgrund Ihres Alters im ver einten Deutschland aufgewachsen. Nehmen Sie Ost und West noch persönlich als relevante Unterscheidung wahr? Und wie ist es bei Ihnen in der Gemeinde? - Burth: Ich habe für mich nie einen Unterschied gemacht, ob jemand aus dem Osten oder Westen kommt. Aber bei mir in der Gemeinde hätte ich jetzt doch einen Punkt: Kindergartengebühren. Da schauen unsere Bürgerinnen und Bürger immer neidisch in Richtung Osten, weil wir die Gebühren regelmäßig erhöhen müssen. Vorgese hen ist, dass eigentlich 20 Prozent der tatsächlichen Kosten für die Kita-Betreuung von den Eltern gezahlt werden müssen. Bei uns in der Gemeinde tragen die Eltern ca. 11 bis 12 Prozent der Kosten, und wir müssen die auch regelmäßig erhöhen. Aufgrund der Tariferhöhungen haben wir allein letztes Jahr die Beiträge um fast 12 Prozent erhöhen müssen. Im U3-Bereich für Kinder in der Ganzta gesbetreuung zahlen die Eltern 639 Euro und im Ü3-Bereich aktuell 381 Euro. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 43 – 44 Das ist viel Geld, und da kommt dann schon auch die Aussage: „Hier müssen die Eltern Kita- Gebühren zahlen, während sich im Osten die Länder darum kümmern – mit unserem Geld aus dem Länderfinanzausgleich.“ - - - - - - - - - Albrecht: Bei uns zahlen die Eltern tatsächlich auch. Wir haben Gebühren von ca. 350 Euro pro Monat. Bei uns sind nur die letzten beiden Jahre kostenlos. Wir wollen ja noch wissen, was Herr Albrecht über Ost und West denkt und ob das in seiner Gemeinde noch ein Punkt ist. Albrecht: In den Köpfen der Älteren gibt es diese Trennung häufig noch, das kriege ich dann auf Geburtstagsfeiern oder größeren Festen immer mal zu hören. Oft sind hier unterschiedliche Ge hälter der ausschlaggebende Punkt. Und umge kehrt nehme ich so ein Jugend-Ding wahr, dass die Jugendlichen von hier stolz darauf sind, Ossi zu sein. Das verstehe ich nicht, denn rein vom Leben her, finde ich, gibt es heute keinen Unterschied mehr. Ich sage das bewusst, weil ich es früher selbst anders erlebt habe: Als ich 2019 mit meiner Aus bildung angefangen habe, hat der Tarifvertrag im öffentlichen Dienst noch zwischen Ost und West unterschieden, trotz 30 Jahre Mauerfall. Jetzt, da Sie sich gegenseitig ein bisschen zugehört haben: Nehmen Sie eher wahr, dass Sie in einem Team sind, weil Sie beide eher kleine ländliche Gemeinden vertreten? Oder haben Sie eher Unterschiede zwischen Ost und West gesehen? Burth: Ich glaube, wir kämpfen mit den gleichen Problemen, oder? Albrecht: Spätestens als ich das mit den Straßen gehört habe, dachte ich: ja! Ich dachte immer, im Westen sind die Straßen aus Gold, wie ich es von den Älteren gehört habe. Aber ich glaube inzwischen, dass die Gemeinde straßen dort genauso schlecht sind wie bei uns. Burth: Aus meiner Sicht ist nicht der Unterschied Ost-West entscheidend, sondern der zwischen Stadt und Land. Ostrach ist eine der ländlichsten Gemeinden in ganz Baden-Württemberg. Wir fah ren eine Stunde in jede Richtung, bevor man über haupt die Autobahn sieht. Der Bus, der einmal stündlich fährt, bindet mir auch nur 2 von 29 Teil orten an. Ein Drittel unserer Kommune hat über haupt gar kein Handy-Netz. Also wir sind tatsäch lich sehr abgehängt hier im ländlichen Raum. Albrecht: Dem kann ich mich anschließen. Stadt – Land ist der zentrale Gegensatz in Deutschland. Unsere Lage ist da allerdings besser: Wir haben überall Handy-Empfang, sind schon gut ans Glasfasernetz angeschlossen, und eine Autobahn haben wir auch in zehn Minuten Entfernung. Wenn Sie sich eine Sache wünschen können für die Zukunft Ihrer Gemeinde, was würden Sie sich wünschen, damit Sie Ihre Themen regeln können? Burth: Mehr Gestaltungsspielraum. Sowohl finanziell als auch bürokratisch. Albrecht: Ich wünsche mir einfach wieder eine vernünftige finanzielle Mittelausstattung. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 44 – Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 45 – 46 - - - - - @Wir_in_Ost_und_West Bericht aus der Praxis eines Social-Media- Projekts zur deutsch-deutschen Geschichte Zu Instagram: @wir_in_ost_und_west 2024 und 2025 sind wichtige Jubiläumsjahre der deutschen Geschichte: 75 Jahre Grundgesetz, 35 Jahre Friedliche Revolution, 35 Jahre Vereini gung. Für viele junge Menschen klingen diese Daten aber wie Kapitelüberschriften in einem Geschichtsbuch – weit weg vom eigenen Alltag. Gleichzeitig ist die Wahrnehmung von „Ost“ und „West“ nach wie vor präsent: in Wahlanalysen, Medien oder Klischees – erlernte Zuschreibungen wirken fort; Abgrenzungen nach alten Mustern kommen sogar neu hinzu. Hier setzt @wir_in_ost_und_west auf Instagram an. Das Bildungsprojekt will Jugendliche zur Beschäftigung mit der deutsch-deutschen Ge schichte anregen, Klischees hinterfragen und dadurch politische Teilhabe und Medienkompe tenz stärken. Es wird von der Eduversum GmbH in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur umgesetzt. Gefördert wird das Projekt durch die Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland. Der Kanal erreicht junge Menschen dort, wo sie sich oft bewegen – in den sozialen Medien. In fo-Postings, Reels und Memes wecken das Inter esse an Geschichte, regen zur Auseinandersetzung mit der DDR und der Bundesrepublik an, zeigen Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 46 – 47 Gemeinsamkeiten und regionale Unter schiede. Niedrigschwellige, lebensweltnahe Wissensver mittlung und Austausch sollen das gegenseitige Verständnis auf Augenhöhe und das Verständnis von kollektiver Identitätsbildung stärken – auch durch Kontroversen und Diskussionen. Eduversum: Post @wir_in_ost_und_west Hinter den Kulissen von @wir_in_ost_und_west Der Kanal @wir_in_ost_und_west ist das Herz stück des Projekts. Dort wird historisch-politi sches Wissen faktenbasiert, lebensweltnah und diskussionsoffen vermittelt. Zentral ist zudem der Austausch mit der Community: Kommenta re, Abstimmungen und Fragerunden binden die Follower aktiv ein. - - - - - - - - - - - - - - - Ein Peer-to-Peer-Ansatz sorgt für Authenti zität: Zwei junge Frauen aus Ost- bzw. West deutschland moderieren den Kanal, bringen ihre Perspektiven ein und eröffnen Denkan stöße. Sie sprechen die Sprache der Communi ty und stellen Fragen, um Fakten im Kontext zu präsentieren. Dies reflektiert, dass deutsch deutsche Geschichte bis heute vor allem privat „am Küchentisch“ vermittelt wird. Der quellen basiert, multiperspektivisch und visuell mit authentischem Bildmaterial arbeitende Kanal knüpft deshalb an diese Situation an. Die Inhalte bewegen sich zwischen histori schen Ereignissen, heutigen Lebensrealitäten und jugendlichen Interessen. Der Kanal beleuchtet regionale Vielfalt, fragt alltagsge schichtlich nach Konsum und Arbeitswelten, vergleicht politische Strukturen und Erin nerungskulturen, zieht protestgeschichtliche Linien von Friedensgebeten und Montags demos bis Fridays for Future und thematisiert die Einwanderungs- und Transformationser fahrungen. Jahrestage, Trends und Community- Impulse fließen dabei als Anlässe kontinuierlich ein. So entsteht ein wachsender Mix aus Fakten und Debatten. Foto: Eduversum GmbH Eduversum Das Team: Janina Franke (rechts), Frauke Hagemann (Mitte), Minalde Wagner (links) und Frederic Zauels (nicht im Bild). Die Bundesstiftung Aufarbeitung unterstützt mit ihrer fachlichen Expertise und ihrem Netzwerk. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 47 – 48 Im vereinten Deutschland geboren, noch immer nicht geeint? von Jana Faus und Simon Storks 36 Jahre sind eine lange Zeit. Vor 36 Jahren fiel die Berliner Mauer. Vor 36 Jahren stand Bobby McFerrin mit „Don’t Worry, Be Happy“ zehn Wochen in den deutschen Charts, dicht gefolgt von David Hasselhoff mit „Looking For Freedom“. Westdeutsche trugen Nylon-Trainingsanzüge in Neonfarben und Karottenjeans mit bunten Oversize-Shirts, das Stadtbild war geprägt von Poppern und Punks. Es war 1989, und am Jahresende kamen – aus westdeutscher Perspektive – plötzlich die „Ossis“ dazu. Ein Jahr später wurde Deutschland „wieder vereinigt“ – passiv formuliert, als sei das Land schlicht erweitert worden, zurückgekehrt zur Normalität. Viel änderte sich für Westdeutsche zunächst nicht. Der passive Terminus „Wieder vereinigung“ verrät einiges über ihre Perspektive. Nicht einmal neue innerdeutsche Urlaubsziele kamen für einige hinzu. Daten von 2019 zeigen: Jede und jeder sechste Westdeutsche war noch nie im Osten der Bundesrepublik. Den Ostdeut schen kann man diesen Vorwurf nicht machen: Jede und jeder Zweite besuchte über zehnmal den Westen der Republik (Ehni et al. 2019). Das Interesse vieler Westdeutscher am Osten hält sich bis heute in engen Grenzen. In den letzten Jahren haben wir uns in mehreren qualitativen wie quantitativen Studien mit der Frage nach dem Stand der Deutschen Einheit beschäftigt. Eine dieser Studien zeigt: 46 Prozent der West deutschen stimmen zu, dass Westdeutsche sich bis heute wenig für Ostdeutschland interessieren (Faus et al. 2020). - - - - - - - - Aus ostdeutscher Sicht war es alles andere als ein passives „Wiedervereinigtwerden“. Es war eine tiefgreifende Veränderung, für viele eine biografi sche Zäsur, die in friedlichen Zeiten ihresgleichen sucht. Während in der alten Bundesrepublik der Neuaufbau der Demokratie nach dem National sozialismus im engen zeitlichen Zusammenhang stand mit wirtschaftlichem Aufschwung und Wohl standversprechen, ging dieser in Ostdeutsch land nach 1989 in vielen Fällen Hand in Hand mit Frustration, Enttäuschungen und Arbeitslosigkeit (Mau 2024). Schmerzhaft sind bis heute viele per sönliche Erfahrungen, etwa mit den Ergebnissen der von der letzten DDR-Regierung eingesetzten Treuhand, die häufig mit den Erwartungen an die von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ kollidierten. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 48 – 49 Ostdeutsche sprechen hier im grammatikalischen Aktiv: Sie sprechen vom Mauerfall, den sie selbst herbeigeführt haben. Doch bis heute vermissen sie Anerkennung dafür, dass dieser Umbruch friedlich verlief: 71 Prozent der Ostdeutschen stimmen dem zu (Faus et al. 2020). Noch heute sind reale Unterschiede in Vermögen, Renten und Löhnen zwischen Ost und West deut lich sichtbar. Sie sind gut dokumentiert. Dieser Text aber widmet sich dem subjektiven Erleben. - - - - - Mehr als die Hälfte der Deutschen kennen das geteilte Deutschland nicht mehr Laut Daten der Deutschen Rentenversicherung liegt die durchschnittliche Zahl der Versicherungs jahre pro Person inklusive Kindererziehungszeiten bei rund 41 Jahren (Deutsche Rentenversicherung 2024). Die Vereinigung liegt mittlerweile also fast ein ganzes Erwerbsleben zurück. Wer 1990 junger Erwachsener war, ist heute im Großelternalter. Viele, die damals schon im Rentenalter waren, leben nicht mehr. Die zur Zeit der Vereinigung Geborenen sind heute Anfang bis Mitte 30, stehen im Berufs leben und sind im durchschnittlichen Alter für das erste eigene Kind. Sie kennen das geteilte Deutschland nicht mehr aus dem eigenen un mittelbaren Erleben – weder emotional noch erfahrungsbasiert. Sollte sich in dieser Genera tion also nicht alles angeglichen haben? Nicht ganz. Zwar verwischen sich Unterschiede über Generationen, doch Erfahrungen werden über Sozialisation „vererbt“, Stereotype wirken weiter. Jana Faus ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin sowie Gründerin und Geschäftsfüh rerin der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research. Sie forscht seit mehr als 20 Jahren zu politischen und gesellschaftlichen Themen in Asien, Australien und Deutschland und ist Autorin zahl reicher Publikationen zu gesellschaftlichen Themen in Deutschland. - - Simon Storks (Soziologe M. A.) ist Senior-Berater bei der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research. In mehreren Studien für die Otto Brenner Stiftung ist er der Frage nach dem Stand der Deutschen Einheit nachgegangen – mit speziellem Fokus auf die Nachwendegeneration. Foto 1 und 2: Urban Ruths/pollytix 1 2 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 49 – 50 „Ossis sind faul“ Ein junger Westdeutscher der Nachwendegene ration sagte in einer unserer Studien: „Mein bester Freund kommt aus dem Osten, und ich habe da nie einen Hehl draus gemacht“ (Faus et al. 2020). Was als Zeichen von Offenheit gemeint ist, zeigt, dass Herkunft noch immer markiert wird. Implizit: „Ossis“ sind anders – der „Wessi“ schaut gerne mal auf sie herab. - - In einer Studie (Faus/Storks 2019) wurden Menschen aus der Nachwendegeneration gebeten, Ostdeutsche mit einem Wort zu be schreiben. Während Ostdeutsche sich als bodenständiger, menschlicher, fleißiger sehen, schreiben Westdeutsche ihnen Attribute wie rassistischer, dümmer und auch fauler zu. Diese Vorurteile sind präsent. Es ist die alte westdeutsche Erzählung des faulen Ossis, die hier fortwirkt. Mit einem Wort: Im Vergleich zu Westdeutschen sind Ostdeutsche viel ... West 13 % weiß nicht/keine Angabe 1 % keine Unterschiede Ost 7 % weiß nicht/keine Angabe 20 % keine UnterschiedeBasis: alle Wahlberechtigten zwischen 18 und 29 Jahren. Quelle: Faus/Storks 2019 Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 50 – 51 Mit einem Wort: Im Vergleich zu Ostdeutschen sind Westdeutsche viel ... West 19 % weiß nicht/keine Angabe 6 % keine Unterschiede Ost 13 % weiß nicht/keine Angabe 4 % keine UnterschiedeBasis: alle Wahlberechtigten zwischen 18 und 29 Jahren. „Wessis sind arrogant“ Auch in die andere Richtung gibt es Stereotype. Das wohl gängigste: „Wessis sind arrogant.“ Ein Ostdeutscher der Nachwendegeneration sagte: „Man merkt das auch bei sich selber manchmal, wenn man irgendwo ist, dass man sagt: „Oh, typi scher Wessi.“ […] Dieses Abgehobene, vielleicht Arrogante. Teilweise haben die auch ein anderes Einkommen als wir. Also ich finde, dass man das immer noch merkt“ (Faus et al. 2020). In der oben genannten Ein-Wort-Abfrage beschreiben West deutsche sich als disziplinierter, freundlicher. Ostdeutsche hingegen charakterisieren die West deutschen als arroganter, eingebildeter. Sich selbst beschreiben Ostdeutsche hingegen als bescheide ner, bodenständig und ärmer – sie definieren sich demnach häufig über ihre finanzielle Situation. Auch Westdeutsche begegnen als Stereotype: „Ich habe Freunde, die, als sie in den Osten gezogen sind, beschimpft worden sind als reiche Wessis“ (Storks et al. 2023). - - - - Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 51 – 52 - - - - - - - - - - - Identität: Ost und West Zumindest „Ost“ lebt in der Nachwendegeneration weiter. Es ist dabei nicht nur ein geografisches Label, sondern Identitätsschicht – wobei das Spek trum dabei von der bewussten Identifikation mit Ostdeutschland bis hin zum Genervtsein von eben dieser Identifikation mit Ostdeutschland reicht1. Auch drei Jahrzehnte nach der Vereinigung iden tifizierten sich Ostdeutsche als ostdeutsch, ohne dass es dazu eine westdeutsche Entsprechung gibt. Man versteht sich dort z. B. als süd- oder nord deutsch. In getrennten Gruppendiskussionen nur mit west- bzw. ostdeutscher Nachwendege neration fällt auf: Westdeutsche messen ihrer gemeinsamen westdeutschen Herkunft kaum Bedeutung bei. Ostdeutsche hingegen merken sofort: „Wir sind hier die Ossi-Gruppe.“ Und emp finden das als Stigmatisierung (Storks et al. 2023). Sind es also die Erzählungen der Eltern, die fort wirken? Müsste man nicht denken, dass Eltern solch eine Zäsur weitergeben – ihre Verletzungen, Brüche, Hoffnungen? Und doch: Nur 47 Prozent der jungen Ostdeutschen haben mit ihrer Familie über die Vereinigung gesprochen. In Westdeutsch land sind es gar nur 28 Prozent (Storks / Faus 2019). Entscheidend ist aber nicht nur, ob, sondern auch wie gesprochen wurde. Unsere Studie von 2019 zeigt: In Westdeutschland wurde seltener darüber gesprochen, aber wenn, dann mit 22 Prozent deutlich häufiger positiv als negativ (6 Prozent). In Ostdeutschland geben 31 Prozent an, eine positive Erzählung der Zeit der Vereinigung er halten zu haben, 16 Prozent eine negative. Bemerkenswert dabei: Kinder von Eltern, die sich eher als „Wendeverliererinnen“ oder „Wendever lierer“ sehen, berichten am häufigsten von Gesprä chen über diese Zeit – und haben deutlich häufiger ein negatives Narrativ vermittelt bekommen. Da sich im Osten deutlich mehr junge Menschen als Kinder von „Wendeverliererinnen und -verlierern“ einordnen als im Westen (21 vs. 11 Prozent), erklärt dies mit, warum Ostdeutsche im Schnitt negativer darüber sprechen (Faus/Storks 2019). Und nun? Wie kann ein gemeinsames Selbstverständnis entstehen, das die Erfahrungen aus Ost und West zusammenführt? Zeit allein scheint nicht aus zureichen. Was es braucht, sind Begegnungen, Gespräche, das bewusste Interesse füreinander. Nur wenn wir zuhören, ohne vorschnell zu werten, entsteht ein Raum für Verständnis. Und wenn wir reden – miteinander, nicht übereinander. Die einen blicken zurück auf Jahre des Umbruchs, des Verlusts und der Neuorientierung. Die anderen auf im Vergleich relative Stabilität, Organisation und Verantwortung im Wandel. Beide Perspektiven tragen zum deutschen Erinnerungsraum bei – und beide verlangen nach Anerkennung. Eine geteilte Erzählung lässt sich nicht erzwingen. Aber sie kann wachsen, wenn wir Differenz nicht als Gegensatz, sondern als Teil eines größeren Ganzen begreifen. Wenn das Bekenntnis „Ich bin ostdeutsch“ nicht mehr als Trennlinie, sondern als gleichwertige Stimme verstanden wird. Wenn 1 Siehe weiterführend dazu: Storks et al. 2023. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 52 – 53 westdeutsche Selbstverständlichkeiten hinter fragt werden dürfen, ohne dass daraus sofort ein Konflikt erwächst. - - - - Nach 35 Jahren ist eines sicher: Die Vereinigung ist nicht abgeschlossen, nur weil sie in Geschichts büchern steht. Sie ist ein Prozess. Und der beginnt immer wieder von vorn – im Alltag, im Gespräch, im gegenseitigen Respekt. Dabei sind ost- und westdeutsch nicht die einzi gen bestimmenden Kategorien. Zum vereinten Deutschland als Einwanderungsland und plurale moderne Gesellschaft gehören u. a. auch migran tische Perspektiven.2 2 Siehe dazu: Foroutan 2021. Literatur Deutsche Rentenversicherung (2024). Statistikband Rente 2023. Berlin: DRV. Ehni, E.; Riesewieck, F. & Heinrich, R. (2019). ARD – DeutschlandTREND November 2019. Berlin: infratest dimap. Faus, J.; Hartl, M. & Unzicker, K. (2020). 30 Jahre deutsche Einheit: Gesellschaftlicher Zusammenhalt im vereinten Deutschland. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. Faus, R.; Storks, S. (2019). Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?: OBS-Studie zur ersten Nachwendegeneration. Frankfurt am Main: Otto Brenner Stiftung. Foroutan, N. (2021). Die postmigrantische Gesellschaft: ein Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld: transcript Verlag. Mau, S. (2024). Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt. Berlin: Suhrkamp. Storks, S., Faus, R., & Faus, J. (2023). Auf der Suche nach Halt. Frankfurt am Main: Otto Brenner Stiftung. . Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 53 – 54 „Bärwalder See“: Annika Thomas, 24, Niesky Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 54 – 55 Fotoserie: Stiller Wandel Junge Perspektiven aus der östlichsten und westlichsten Region Deutschlands Deutschland ist das Land zwischen Aachen und Görlitz. 630 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der westlichsten und der östlichsten Stadt. Auf den ersten Blick scheint mehr zwischen diesen beiden Städten zu liegen als nur die geografische Distanz. So betrug das mittlere Bruttomonatsge halt in der Städteregion Aachen 2023 3.667 Euro; im Landkreis Görlitz waren es nur 2.820 Euro. Das Durchschnittsalter im Landkreis Görlitz be trug 2023 49,7 Jahre, in der Städteregion Aachen waren es 42,5 Jahre. Doch beide Orte sind einge bettet in traditionsreiche Industrie- und Energie regionen. Sie sind Teil des Rheinischen beziehungs weise des Lausitzer Reviers und versorgen seit dem 19. Jahrhundert einen großen Teil unseres Landes mit Strom. - - - - - - - - - - - Sowohl das Rheinische Revier von Aachen bis zum Rhein-Erft-Kreis als auch das Lausitzer Revier mit sächsischer Oberlausitz und brandenburgischer Niederlausitz stehen mitten im Strukturwandel, wenn auch mit unterschiedlichen Ausgangsbe dingungen. Gut bezahlte Jobs in der Kohleverstro mung werden bis 2038 kontinuierlich abgebaut – oder wurden bereits seit 1990 abgebaut. Beide Regionen erlebten und erleben einen stillen Wandel, der nicht von heute auf morgen passiert. Er kann sehr schmerzhaft sein, bietet jedoch auch viele Chancen. Unter der Trägerschaft des sächsischen Kulturver eins Löbaulebt und der WeltenTausch-Initiative konnten junge Menschen – bis 25 Jahre – aus bei den Strukturwandelregionen zum Motto „Stiller Wandel – 35 Jahre Deutsche Einheit“ Fotografien einsenden und ihre Perspektive auf ihre jeweilige Heimatregion teilen. Aus über 130 Einsendungen hat dann eine Jury, bestehend aus jungen Men schen aus dem Rheinischen und Lausitzer Revier, eine Auswahl getroffen und eine Ausstellung kuratiert, die gemeinsam mit der Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund in Berlin präsen tiert wird. Ein Auszug dieser Ausstellung findet sich in diesem Bericht wieder. Es wurden sieben Bilder pro Region ausgewählt, die hier paarweise gegenübergestellt sind und durch die Jugendjury kommentiert wurden. Autoren und Jurymitglieder (alphabetisch) Rheinisches Revier: Paul Bank, Leon Bardhi, Lena Blomberg, Ida Görlitz, Nikolas Thörner, Robin Wolff Lausitzer Revier: Selin Ceylan, Richard Fiedler, Max Hilse, Evi Hoffmann, Annalena Liebner, Hanna Müller Projektleitung: Max Hilse Das Projekt wurde unterstützt durch Zukunftswege Ost, „Vereint für Demokratie“ von ProjectTogether und die Palm-Stiftung. Die Ausstellung findet im Oktober/November 2025 in Kooperation mit der Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund in Berlin statt. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 55 – 56 Tagebau Hambach: Samuel Buch, 24, Elsdorf Im Westen der Republik frisst sich der Tagebau Hambach weiter in den Boden. Alles ist groß: die Kräne, die Löcher, die Versprechen. Was bleibt, ist eine Landschaft ohne Plan: bereit für Renaturierung, Innovationspark oder einfach für das nächste Luftbild. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 56 – 57 Im Osten: gleiche Braunkohle, gleicher Bagger, weniger Schlagzeilen. Das Kraftwerk Boxberg wird 2038 als letztes deutsches Kohlekraftwerk vom Netz gehen. Unsere Regionen haben jahrzehntelang das Licht am Leuchten gehalten, über 20 Prozent des deutschen Stroms kamen aus dem Rheinischen Revier oder dem Lausitzer Revier. Garzweiler, Hambach, Lausitz, Reichwalde: riesige Löcher, verschwundene Dörfer, Bagger, größer als Häuser. Unsere Eltern haben hier geschuftet, unsere Großeltern ganze Orte verlassen, weil der Strom eben irgendwoher kommen musste. Als junger Mensch wächst man in diesen Landschaften auf und fühlt sich manchmal genauso leer geräumt. Ob Hambach oder Nochten: Die Fragen sind dieselben. Was bleibt, wenn die Bagger weiterziehen? Was kommt, wenn nichts geplant ist? Wer entscheidet über den Boden, auf dem ich wohne, und über das Leben, das ich in meinem Zuhause haben kann? Diese Orte sind Zuhause, kein Projekt. Zukunft wächst nicht aus der Grube. Zukunft wächst aus Vertrauen. Tagebau Reichwalde: Fanny Wolff, 23, Brandenburg an der Havel, aufgewachsen in Rietschen Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 57 – 58 Aussichtspunkt Terra Nova: Samuel Buch, 24, Elsdorf Auf dem Schwarz-Weiß-Bild ist nicht etwa ein Strand mit Sonnenschirmen und Liegen, sondern die Abbruchkante des Tagebaus Hambach zu sehen. In der Lausitz gibt es diese Strände tatsächlich. Viele ehemalige Tagebaue wurden bereits renaturiert und geflutet und haben sich zu Naherholungsgebieten und touristischen Anlaufpunkten entwickelt. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Barwälder See – siehe Seite 60. 1992 wurde der Tagebau kurz vor dem geplanten Abriss der Gemeinde Klitten stillgelegt. 1997 wurde mit der Flutung des Tagebaus begonnen, 2009 wurde sie abgeschlossen. Entstanden ist der größte See Sachsens, der mit 13 Quadratkilometern ein beliebter Badesee geworden ist. Jährlich findet an seinem Strand eines der größten Festivals der Region statt. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 58 – 59 Cottbuser Ostsee: Finn Weinert, 19, Cottbus -Zu sehen ist auf dem Bild oben der Cottbuser Ostsee, ca. 10 Monate vor dem Ende der Flutung. Ende 2024 hatte er sei nen finalen Wasserpegel erreicht. Bis der See zum Baden zugelassen wird, wird es allerdings noch bis 2030 dauern. Ab dann soll übrigens auch der Tagebau Hambach geflutet werden. Voraussichtlich 2070 wird das abgeschlossen sein. Renaturierung und Strukturwandel allgemein sind Aufgaben für Generationen. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 59 – 60 Ruine bei Aachen: Hanne Undorf, 24, Städteregion Aachen Lost Places. Grau. Zurückgelassen. Verfallen. Auf dem ersten Bild, aufgenommen in einer ehema ligen belgischen Kaserne in der Nähe Aachens, steht prominent in schwarzen Versalien: „VERBO DEN TE ROKEN“ („Rauchverbot“) – doch nicht nur darum kümmert sich hier wohl keiner mehr. Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt die Überreste eines vermutlich ehemals stattlichen alten Stadthauses in der Oberlausitzer Stadt Zittau. Die Ruine steht mitten im Zentrum. Diese Anarchie, die von Lost Places ausgeht, ein „Dem-Wandel-Trotzen“ und gleich zeitig „sich selbst(ständig) verwandeln“, zeigt nicht nur das gesprayte „A“ als Symbol der Anarchie. Beide Bilder zeigen, dass Veränderung immer unge plant und auch chaotisch erfolgt und dass sie Lü cken lässt. 1988 hatte Zittau über 38.000 Einwohner, 2024 waren es mit Eingemeindungen noch 25.000 Einwohner. Andere Orte wie Weißwasser oder Ho yerswerda hat es noch schlimmer getroffen. An vielen Stellen gibt es prächtige Gebäude, aber zu wenige Menschen, um sie zu bewohnen. - - - - - - Die vielen aktuellen Strukturwandelmaßnahmen gibt es, um einen erneuten Strukturbruch wie in den 90er-Jahren zu verhindern. Der Wandel heute ist langsamer, und die Schritte zum Ausgleich er folgen für viele Menschen still und unscheinbar. Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 60 – 61 So hat sich z. B. Zittau in den letzten Jahren mit An siedlungen von Forschungsinstituten im Umfeld der Hochschule Zittau/Görlitz zu einem echten Forschungsstandort entwickelt. In Görlitz wird gerade mit dem Deutschen Zentrum für Astrophy sik ein Großforschungszentrum aufgebaut, das in - - - Zukunft Arbeitsplätze für Menschen schaffen wird, die bislang nicht in Erwägung gezogen haben, in die Oberlausitz zu gehen oder zurückzukehren. Orte im Rheinischen Revier waren von einer solchen Abwanderung bisher nicht so stark betroffen, zu nah liegen dazu die Ballungszentren Köln und Aa chen. Ruine in Zittau: Jakob Gasse, 17, Dürrhennersdorf Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 61 – 62 Einer der ersten deutschsprachigen Dichter, Andreas Gryphius, schrieb schon 1637 in seinem bekannten Sonett „Es ist alles eitel“: „Wo itzund Städte stehn / wird eine Wiesen seyn.“ Viele blicken mit ähnlicher Skepsis auf den Strukturwandel. Abriss, Leerstand und Rückbau bestimmen allzu oft das Bild und prägen die öffentliche Wahr nehmung. Doch es gibt auch eine andere Realität. - - - Westwärts ragt das Universitätsklinikum Aachen als technoider Gigant: 257 Meter Sichtbeton, fast so lang wie die „Titanic“, 1985 in Betrieb gegangen, zuvor Europas größte Baustelle. Erschaffen auf grüner Wiese. Rasterfassaden, Leitungsstränge und Versorgungstürme stehen offen wie ein Schaltplan. Als anachronistisches Monument des In dustriezeitalters thront der Bau am Rande der Stadt und wirft einen futuristischen Schatten auf den benachbar ten Universitätscampus Melaten. Riese mitten in der Natur: Meliksah Uzeirovski, 19, Städteregion Aachen Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 62 – 63 Neues Muskauer Schloss: Fanny Wolff, 23, Brandenburg an der Havel, aufgewachsen in Rietschen Auch die Türme des Neuen Muskauer Schlosses im Weltkulturerbe Fürst-Pückler-Park beherrschen ihre Umgebung. Das Schloss besticht ebenso mit Symmetrie und klaren geometrischen Formen. Das führt jedoch zu einem ganz anderen Erscheinungsbild. Das Schloss in seiner heutigen Form ist jünger als die Aachener Uniklinik. Das Neue Schloss bestand nach dem verheerenden Brand 1945 lange als rußgeschwärzte Ruine. Erst nach 1990 begann die Restauration. 2013 fand sie ihren Abschluss. Die beiden abgebildeten Gebäude zeugen von menschlicher Gestaltungskraft, die aus Wiesen Krankenhäuser und aus überwucherten Ruinen wieder Schlösser macht. Strukturwandel ist mehr als Verlust. Er bietet die konkrete Chance, Räume neu zu denken. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 63 – 64 Platz der Deutschen Einheit Neuss: Alexandra Ottensmann, 17, Neuss Da wächst zusammen, was zusammengehört – oder? Die Wikipedia-Liste zum „Platz der Deutschen Einheit“ enthält 14 Einträge. Den Platz in Neuss im Rheinischen Revier hat bisher noch niemand ergänzt. Plätze wie diese gibt es von Braunschweig bis Wiesbaden, außerdem in drei ostdeutschen Städten. Besonders prunkvoll sind sie meist nicht. Die Orte, an denen die Schilder auf dem anderen Bild verkauft werden, sind nicht auf Wikipedia zu finden. Aber es kann wohl davon ausgegangen werden, dass sie überdurch schnittlich häufig da auftreten, wo es die Einheits-Plätze unterdurchschnittlich häufig gibt, nämlich in der ostdeutschen Provinz. - - Was macht man mit einem Land, in dem solche Fotos entstehen? Zusammenschweißen ist jedenfalls nicht so einfach. In einer Umfrage von 2023 identifizierten sich 18 Prozent der Westdeutschen als west deutsch, 40 Prozent der Ostdeutschen als ostdeutsch (Infratest Dimap). 61 Prozent der jungen ostdeutschen Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 64 – 65 Generation denken, dass Ost-West-Konflikte existieren (MDR). Wie sollte es auch bei so viel Ährenkranz- Romantik anders sein? 2019 gaben Ostdeutsche in einer Umfrage an, durchschnittlich 68-mal seit 1989 den Westen besucht zu haben, die Westdeutschen waren 17-mal im Osten. 17 Prozent der Westdeutschen waren sogar noch nie dort (WDR). Verkaufsstand auf einem Fest in der Lausitz: Nicoleta Zavidei, 21, NRW, aufgewachsen in Weißwasser Die genannten Umfragen und Bilder verdeutlichen unser Empfinden: Im Westen ist das Verhältnis zur Deutschen Einheit pflichtbewusst, aber gleichgültig. Im Osten scheint das lange positive Gefühl zur Ein heit in den Hintergrund zu treten, und gerade bei vielen jungen Menschen scheint ein neues Ostbewusstsein zu entstehen. Auch die Mitglieder der Jugendjury aus der Lausitz empfinden sich als ostdeutsch. Bedenklich wird es allerdings, wenn aus einem starken Gefühl für das Eigene eine Ablehnung für das Andere und die Einheit wird. - Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 65 – 66 „Schneller, weiter, höher“: Niklas Hartmann, 23, Rhein-Neuss-Kreis Deutschland ist das Land zwischen Aachen und Görlitz, doch wer vom einen zum anderen Ende fahren möchte, hat es schwer. Umstieg in Frank furt oder Köln, manchmal führt der Weg sogar über Berlin. Es gibt nur wenige Ost-West-Bahn verbindungen. Ist das ein Resultat des geringen Interesses füreinander oder sogar die Ursache? Wer weiß. - - - Mobilität bestimmt auch das Leben vor Ort. Die Lau sitz ist seit über 170 Jahren stolze Eisenbahnregion. Davon zeugen auch viele stattliche Bahnhöfe, die leider zum Teil verfallen sind. So wie der in Löbau, - der auf dem Foto rechts zu sehen ist. In Cottbus wurde ein neues ICE-Instandhaltungswerk als Strukturwandelprojekt angesiedelt – mit etwa einer Milliarde Euro Investitionsvolumen. Gerade für uns als junge Menschen, aber auch für Pendler, ist es für die Lebensqualität entscheidend, wie lange es bis zur nächsten Großstadt dauert. Durch weite Teile des Rheinischen Reviers rauscht die S-Bahn Rhein-Ruhr. Die Städteregion Aachen plant derzeit den Bau einer Regiotram. Auch in der Oberlausitz wurde in den letzten Jahren konti nuierlich die Taktung nach Dresden erhöht. Von Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 66 – 67 ländlichen Orten in der Lausitz ist die Anbindung zu regionalen Zentren wie Görlitz, Bautzen oder Cottbus aber oft schwierig, ganz zu schweigen von Metropolen wie Berlin oder Dresden. Mobilität heißt für viele junge Menschen in länd lichen Räumen oft: erst Moped, im Osten meist Simson, und später Auto. Öffentliche Alternativen fehlen oft oder sind unzuverlässig. Besonders spürbar wird das dort, wo Bahnstrecken bis heute nicht elektrifiziert sind, wie zwischen Dresden und Görlitz. Hier fahren bis heute ausschließlich Dieselloks, wodurch der Anschluss an den Fern verkehr ausbleibt. Trotz des langjährigen Engage ments von Kommunen und Ländern bleibt eine verbindliche Zusage des Bundes aus. Eine gute Mobilitätsanbindung ist Gelingensbedingung für Strukturwandel. Es ist Zeit für einen Ausbau. Wenn nicht jetzt in Zeiten von Sondervermögen, wann dann? - - - Bahnhof Löbau: Max Ullmann, 21, Dresden, aufgewachsen in Löbau Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 67 – 68 Boxen: Aghayev Uzeyir, 16, Aachen Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 68 – 69 Jugendliche, kämpfend – nicht nur im Sport, son dern gegen: Erwartungen, Perspektivlosigkeit, strukturelle Leere. Boxen in Aachen, Camping in Demitz-Thumitz. Ein Rückzug aus dem Alltag, ein selbst geschaffener Raum in einem Land, das zu selten welchen bietet. - - - - - - - Beide Fotos zeigen junge Menschen, die nicht abge hängt sind, sondern gehalten werden. Von ihren Freunden, ihren Orten, ihren Ideen. Was jungen Menschen in den beiden Strukturwandelregionen oft fehlt, ist nicht Haltung, sondern Teilhabe. Wenn man das wichtigste Ziel von Strukturwandel in wenigen Worten ausdrücken will, dann bedeu tet es, eine Region so zu gestalten, dass junge Men schen in der Region bleiben oder nach Ausbildung und Studium zurückkommen. Dafür braucht es die richtige Arbeit vor Ort. Ein lebenswertes Umfeld mit kulturellen Angeboten und Orten der Begegnung. Vor allem braucht es andere junge Menschen, mit denen man sich gut versteht. Auf diesen Gelingensbedingungen sollte der Fokus bei der Entwicklung der Regionen liegen, denn nur wenn es genug junge Menschen gibt, hat eine Regi on in Zukunft ausreichend Arbeitskräfte in Pflege und Industrie, neue Ideen für Unternehmen, enga gierte Menschen in Vereinen und eine Perspektive. Für diese Zukunft müssen wir in unseren Regio nen gemeinsam kämpfen und dürfen dabei den Optimismus nicht verlieren. Nur wenn wir davon ausgehen, dass das Beste noch kommt, dass die Regionen vor Sonnenaufgang am Anfang des Tages und nicht kurz vor der Nacht stehen, kann man die Zukunft gestalten. Wir stehen vor Sonnenaufgang, der Tag ist noch unverbraucht, und wir können ihn gemeinsam gestalten, ganz egal, ob in der westlichsten oder östlichsten Region Deutschlands. Campingausflug: Alexander Natusch, 16, Bautzen Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 69 – Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 70 – 71 Teil B: Ausgewählte Vorhaben der Bundesregierung in der 21. Legislaturperiode mit Bezug zu aktuellen Herausforderungen in Ostdeutschland Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 71 – 72 Engagement und Ehrenamt in Ostdeutschland? Vielfältig und aktiv! Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Bürgerschaftliches und ehren amtliches Engagement stärkt den gesellschaftli chen Zusammenhalt und fördert soziale Teilhabe – Engagierte sind stärker mit ihrer Gemeinschaft verbunden und besser vernetzt. Besonders in Ost deutschland liegt der Fokus vielfach auf gemein schaftsbildenden Aktivitäten wie Sport, Kultur, Freizeit und Umweltschutz. Zwar ist die Quote zivilgesellschaftlich engagierter Menschen in Ost deutschland mit rund 37 Prozent etwas geringer als im Westen (40,4 Prozent) 1, jedoch nähern sich die Engagementzahlen durch den starken Anstieg im Osten seit der Deutschen Einheit zunehmend an. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Obwohl die urbanen Zentren wachsen, ist der Osten Deutschlands weiterhin ländlich und struktur schwach geprägt. Hier braucht es mehr Mitstrei terinnen und Mitstreiter für Engagement und Ehrenamt. Denn auch wenn das Engagement in ländlichen Räumen in Deutschland mit 41,6 Pro zent der Bevölkerung tendenziell höher liegt als in städtischen Regionen (38,8 Prozent), gilt dies nicht für eher ländliche Räume mit einer weniger guten sozioökonomischen Lage (30 Prozent) sowie für sehr ländliche (35 Prozent) Räume mit einer weni ger guten soziökonomischen Lage. 2 Also insbeson dere für Dörfer und Städte in Ostdeutschland. In diesen ländlichen Regionen Ostdeutschlands treffen Engagierte oft auf spezifische Herausfor derungen: Es fehlt an finanziellen Mitteln und gesellschaftlicher Anerkennung. Junge Menschen wandern ab. Die im Vergleich zu Westdeutsch land schwächeren Strukturen der Engagement förderung erschweren zusätzlich die Koordination und Mobilisierung ehrenamtlicher Arbeit. Gleichzeitig sind in Ostdeutschland Kooperationen zwischen Unternehmen und zivilgesellschaft lichen Organisationen besonders verbreitet. Es gibt pro Kopf mehr Vereine als in Westdeutsch land, und informelle Formen von freiwilligem Engagement nehmen zu. Allerdings ist es wichtig, auch solche gesellschaftlichen Gruppen für ein Engagement zu gewinnen, die derzeit häufig noch an strukturellen Barrieren scheitern. Bessere Zugän ge, etwa für Menschen mit geringem Einkommen, niedriger formaler Bildung oder mit Einwande rungsgeschichte sind entscheidend für die Nach wuchsgewinnung fürs Ehrenamt. Neben institu tioneller Förderung können hier vor allem lokale Anlaufstellen einen wirkungsvollen Beitrag leisten. 1 Freiwilligensurvey 2019. 2 Tuuli-Marja Kleiner und Luise Burkhardt (2021): https://www.diw.de/de/diw_01.c.824080.de/publikationen/wochenberichte/2021_35_1/ ehrenamtliches_engagement_soziale_gruppen_insbesondere_in_sehr_laendlichen_raeumen_unterschiedlich_stark_beteiligt.html Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 72 – 73 Studie „Kommunale Engagementförderung“ im Auftrag der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt3 Was wird untersucht? Wie sind die Rahmenbedingungen und Entwicklungen des bürgerschaftlichen Engagements auf kommunaler Ebene in den 16 Bundesländern? Zentrale Befunde In Westdeutschland gibt es eine lange Tradition bürgerschaftlichen Engagements. In Ostdeutsch land sind historisch bedingt weniger Strukturen vorhanden, doch die Entwicklung ist positiv. Die Bedeutung von Engagementförderung ist bundesweit vergleichbar – Kommunen spielen eine zentrale Rolle. - - - - - - - - - - - Wie die Studie „Kommunale Engagementförderung“ zeigt, erkennen viele Kommunen den Wert des Ehrenamts. Zentrale Informations- und Beratungsangebote sind hilfreich, ersetzen aber nicht das lokale Wissen. Denn viele Herausforderungen lassen sich nur mit Kenntnis der konkre ten Situation und Ansprechpersonen vor Ort bewältigen. Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehren amt (DSEE) unterstützt Menschen und ihre Orga nisationen bundesweit mit vielfältigen Angeboten. Sie gibt dem bürgerschaftlichen Engagement und Ehrenamt Impulse und bietet konkrete Hilfestel lungen bei Fragen des ehrenamtlichen Alltags. Damit trägt die DSEE zu einer aktiven Zivilge sellschaft bei und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Durch ihren Sitz im mecklenburgischen Neustrelitz sind die Stiftung und ihre Mitarbeiter besonders für die Herausforde rungen des ostdeutschen Ehrenamts sensibilisiert. Die DSEE unterstützt Engagement und Ehrenamt in Ostdeutschland Ihren Auftrag erfüllt die Stiftung u. a. durch die Umsetzung von Förderprogrammen sowie der Förderung wissenschaftlicher Forschungsvor ha ben. Bis 2024 hat die DSEE rund 13.100 Förderan träge mit einem Volumen von rund 120 Millionen Euro bewilligt. 80 Prozent dieser Mittel flossen in strukturschwache und ländliche Räume. Davon waren rund 4.750 Projekte mit einem Fördervolu men von 52 Millionen Euro in Ostdeutschland (mit Berlin) angesiedelt. Die Zahl der bewilligten Anträge aus Ostdeutschland nimmt dabei stetig zu und hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt. 3 Hanna Kribbel und Ralph Richter (2024): Kommunale Engagementförderung. Eine bundesweite Untersuchung kommunaler Unterstützungs strukturen für Engagement und Ehrenamt. Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Neustrelitz. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 73 – 74 Gemeinsam mit ihren Programmpartnern, dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement und dem Thünen-Institut für Regionalentwicklung e. V., hat die DSEE das Programm „EngagiertesLand“ ins Leben gerufen. Es unterstützt lokale Gemein schaften in strukturschwachen ländlichen Ge bieten bei der Förderung von bürgerschaftlichem Engagement., Ehrenamt und Beteiligung vor Ort. Im Jahr 2025 sind bundesweit 93 Engagement- Netzwerke Teil des Programms, 57 davon in Ost deutschland. Weitere Synergien entstehen bei der Zusammenarbeit mit dem Programm „Neu landgewinner“ des Thünen-Instituts für Regional entwicklung e. V. und des Neuland gewinnen e. V., etwa durch Kooperationen bei Veranstaltungen oder die Vernetzung der Akteure. Darüber hinaus beteiligt sich die Stiftung am Aufbau der Gemein schaftsinitiative Zukunftswege Ost – einem Bünd nis bundesweit tätiger Stiftungen zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements und des de mokratischen Miteinanders in Ostdeutschland. Im Modellvorhaben „Regionale Engagementzent ren stärken – Engagierte und Ehrenamtliche vor Ort gewinnen“ fördert die DSEE mit dem Sächsi schen Staatsministerium für Soziales und gesell schaftlichen Zusammenhalt (SMS) seit 2024 den Auf- und Ausbau von zehn engagementunterstüt zenden Strukturen in strukturschwachen oder ländlichen Räumen Sachsens. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Auch kleine Impulse können eine große Wirkung erzielen Gerade in strukturschwachen und ländlichen Regionen stellen bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt eine tragende Säule eines lebendi gen Gemeinwesens dar. Das Mikroförderprogramm für strukturschwache und ländliche Räume ist eines der wirkungsvollsten Angebote der DSEE. Gemeinnützige Organisationen, die ein Projekt dort durchführen, können hier Förderung bis zu 1.500 Euro erhalten. Ziel ist es, Engagierte bei der Ausübung ihres bürgerschaftlichen Engagements oder Ehrenamts mit einem niedrigschwelligen Angebot zu unterstützen. Bis 2024 wurden über dieses Programm rund 7.500 Projekte gefördert, davon 2.900 aus Ostdeutschland. Gerade in Regionen mit wenigen Anlaufstellen sind die niedrigschwelligen Beratungsangebote der DSEE besonders gefragt. Engagierte in Ost deutschland (ohne Berlin) nutzen sie zu 63 Prozent häufiger als Westdeutsche. Die Themen ähneln sich jedoch in Ost und West: Bürokratie, Recht und Steuern betreffen Engagierte überall. Best Practice: „KommA – Kommunale Allianzen gegen Rassismus“ Ein weiteres Beispiel für die Stärkung des Ehren amts in Ostdeutschland ist das von der Beauftrag ten der Bundesregierung für Migration, Flücht linge und Integration, zugleich Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus, geförderte Projekt „KommA – Kommunale Allianzen und Strategien gegen Rassismus und Hass“. In mehre ren ostdeutschen Modellkommunen – darunter Jena, Görlitz und Wismar, in den Landkreisen Mit telsachsen und Vorpommern-Greifswald – unter stützt das Projekt kommunale Verwaltungen so wie ehrenamtlich Engagierte beim Aufbau von Allianzen gegen Rassismus und Diskriminierung. Besonders hervorzuheben ist die gezielte Ansprache und Unterstützung ehrenamtlicher Bürgermeis terinnen und Bürgermeister, die in Ostdeutschland vielerorts zentrale Verantwortung tragen. Durch Schulungen, Bedarfsabfragen und Handreichungen werden sie im Umgang mit Anfeindungen gestärkt und erhalten praxisnahe Hilfestellungen. Ergän zend schafft das Projekt Räume für Vernetzung und kollegialen Austausch, etwa durch digitale Plattformformate und regionale Workshops. Da mit trägt „KommA“ nicht nur zum Schutz und zur Stärkung von Ehrenamtlichen bei, sondern entwi ckelt auch nachhaltige Strukturen für kommunal es Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 74 – 75 Engagement und gesellschaftlichen Zusammen halt in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands. Engagement im Osten wertschätzen und anerkennen Der Wettbewerb „machen!“ der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland fand 2025 zum sechsten Mal statt – und bereits zum dritten Mal in Kooperation mit der DSEE. Über 1.100 Projektideen wurden 2025 eingereicht – ein Plus von über 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ins gesamt wurden 834.000 Euro an Preisgeldern ver geben. Ausgezeichnet werden Projekte aus ländli chen Regionen Ostdeutschlands. Die Zahlen zeigen es: Der Engagement-Wettbewerb „machen!“ ist ein erfolgreiches Format zur Unterstützung des bürger schaftlichen Engagements. Auch der bundesweite Deutsche Engagementpreis macht ehrenamtliches Engagement sichtbar. Hier kamen im letzten Jahr 18,6 Prozent der Nominierten aus Ostdeutschland. Das zeigt, wie stark das ostdeutsche Ehrenamt mitt lerweile ist. Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu schützen, ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Mit dem Ziel, einen Beitrag zu dieser gesamtgesell schaftlichen Aufgabe zu leisten und das Engage ment in Ostdeutschland zu stärken, haben sich mehrere Stiftungen auf Initiative der ZEIT Stiftung Bucerius, Cellex Stiftung, Freudenberg Stiftung und dem Bundesverband Deutscher Stiftungen zusammengeschlossen. Ihr Fonds Zukunftswege Ost (ZWO) fördert unbürokratisch mit privaten Mitteln Vereine, zivilgesellscha

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