Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2025 35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit?
Text
Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2025 35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit?
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2200
21. Wahlperiode 10.10.2025
Unterrichtung
durch die Bundesregierung
Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2025
35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit?
Zugeleitet mit Schreiben der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland vom 10. Oktober 2025 gemäß
Beschluss vom 28. Mai 2009 (Bundestagsdrucksache 16/13121).
3
Vorwort
35 Jahre:
Aufgewachsen in Einheit?
von Elisabeth Kaiser, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland
Liebe Leserinnen und Leser,
in diesem Jahr feiern wir 35 Jahre Deutsche Einheit.
Ost und West wachsen weiter zusammen. Gleich
zeitig bleiben die Spuren der Teilung bis heute
sichtbar – in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.
Zum Jubiläum präsentieren wir neue Perspektiven
und lassen diejenigen zu Wort kommen, die damals
noch nicht oder gerade erst geboren waren. Junge
Menschen aus Ost und West schreiben darüber, was
die Deutsche Einheit für sie bedeutet und welche
Relevanz die Kategorien „Ost“ und „West“ heute
noch haben.
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Das betrifft auch mich ganz persönlich. Die Zeit
der Wiedervereinigung habe ich nicht bewusst
erlebt, doch die Erzählungen meiner Eltern und
Großeltern haben mich geprägt. Meine Generation
hat ihr gesamtes Bildungs- und Berufsleben im
vereinten Deutschland verbracht. Von Anfang an
haben wir dieselben Fremdsprachen gelernt und
dieselben Bildungszertifikate erworben wie unsere
westdeutschen Altersgenossen. Im Fernsehen liefen
„DuckTales“, die „Mini Playback Show“ und bald
auch MTV. Unsere Kinderzimmer schmückten zu
nächst „Medizini“- und später „Bravo“-Poster. Das
war in Gera sicherlich nicht anders als in Aachen
oder München. Später mussten sich die Jungs im
Westen wie im Osten dann zwischen Bundeswehr
oder Zivildienst entscheiden. Zum Studium gingen
viele von uns an westdeutsche Universitäten oder
ins Ausland. Ich selbst bin zum Studium im Os
ten geblieben und habe auch viele westdeutsche
Kommilitoninnen und Kommilitonen kennenge
lernt. Kein Zweifel, wir Kinder der späten 1980er-
und der 1990er sind die erste gesamtdeutsch sozi
alisierte Generation.
Trotzdem ist „der Osten“ für junge Menschen,
die dort aufwachsen, bis heute weit mehr als eine
Himmelsrichtung.
Er ist ein Raum,
der Identitäten prägt …
… und Biografien beeinflusst. Das beschreiben die
Autorinnen und Autoren dieses Berichts. Jana
Faus und Simon Storks haben dazu geforscht (s. S.
50). Ein Ergebnis lautet: Viele junge Menschen,
die aus dem Gebiet der alten Bundesrepublik
stammen, können mit der Zuschreibung „west
deutsch“ nichts anfangen – zumal wenn sie an
der Küste oder in Alpennähe leben. Demgegen
über identifizieren sich junge Ostdeutsche weit
aus häufiger als „Ossis“. Außerdem sind junge
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 3 –
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Menschen in Westdeutschland überwiegend der
Meinung, es sei nicht länger relevant, ob man aus
dem Westen oder dem Osten kommt. Zwei Drittel
der Ost-Millennials sagen hingegen, dass das sehr
wohl noch eine Rolle spielt.
Dafür gibt es gute Gründe. Denn auch wenn junge
Deutsche seit dreieinhalb Jahrzehnten in ein und
demselben Land aufwachsen, unterscheiden sich
die Rahmenbedingungen dieses Aufwachsens eben
doch bis heute in gewichtigen Punkten. Das gilt ins
besondere außerhalb der ostdeutschen Metropolen,
also in Kleinstädten und ländlichen Regionen. Der
Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung zeigt
auf, dass in diesen Gegenden die öffentliche Da
seinsvorsorge nicht mehr umfassend gesichert ist,
dass die Menschen unterdurchschnittlich wenig
verdienen und überdurchschnittlich oft auf Sozi
alleistungen angewiesen sind. Auch sind die Ver
mögen im Osten niedriger als im Westen. Hinzu
kommt, dass die Alterung der Bevölkerung in den
ländlichen Regionen Ostdeutschlands weit voran
geschritten ist. Der Anteil junger Menschen liegt
hier weit unter dem Bundesdurchschnitt.
Konkret gesprochen, bedeutet das: Junge Men
schen treffen in der ostdeutschen Peripherie nur
auf wenige Gleichaltrige. Die soziale Interaktion
mit der Peer-Group wird außerhalb der Schulbe
suchszeiten immer schwieriger, zumal der ÖPNV
nur alle paar Stunden verkehrt. So verlagert sich
der Austausch mit Gleichaltrigen weitgehend in
den virtuellen Raum. Analoge Freizeitgestaltung
findet demgegenüber viel öfter als im Westen in
nerhalb der Familie statt. Oder auch in Vereinen
und Klubs, die dann allerdings ebenfalls von der
Eltern- oder Großelterngeneration geprägt werden.
Oft fehlt also schlicht die kritische Masse an Ju
gendlichen, die es eigentlich braucht, um sich
von den älteren Generationen zu emanzipieren
und vor Ort eigene Ideen und Projekte in die Tat
umzusetzen. Wer sich selbst verwirklichen will,
verlässt als Erwachsener häufig notgedrungen die
ländliche Heimat und sucht ein neues Zuhause
in den Metropolen.
Dabei sollten junge Menschen auch auf dem Land
Bedingungen vorfinden, die Lust aufs Bleiben ma
chen. Kaum etwas entfacht so starke Bindungskraft
wie enge Freundschaften vor Ort. Deshalb benöti
gen Kinder und Jugendliche mehr Treffpunkte für
Begegnung und Austausch mit Gleichaltrigen. Ge
nauso wichtig ist eine ernst gemeinte Jugendbetei
ligung. Denn nichts stärkt die Verbundenheit mit
der eigenen Kommune nachhaltiger als die Erfah
rung, mitreden und mitentscheiden zu dürfen.
Junge Menschen müssen
gehört werden
Genau deshalb zeichnet der von mir geförderte
Wettbewerb „machen!“ immer auch Projekte in
der Kategorie „Junges Engagement“ aus. Mit dem
Preisgeld können gemeinnützige Organisationen
in ländlichen Regionen Ostdeutschlands kreative
Projekte verwirklichen. Die jungen Preisträgerin
nen und Preisträger beeindrucken mich sehr. Mit
ihrem Engagement bereichern und beleben sie ih
re Kommunen. Deswegen ist es mir wichtig, diesen
Jugendlichen den Rücken zu stärken. Alle jungen
Menschen, die mitmachen und mitgestalten wollen,
sollten wir mit offenen Armen empfangen.
Eine Herkunft aus Ostdeutschland bedeutet au
ßerdem überdurchschnittlich oft ein Aufwachsen
in Familien mit niedrigem Einkommen und wenig
oder gar keinem Vermögen. Das prägt den Lebens
weg vieler Ostdeutscher bis weit ins Erwachsenen
alter hinein. In heiklen Lebensphasen, wie etwa bei
einem Start in die berufliche Selbstständigkeit, beim
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Wechsel des Studien- oder Ausbildungsfachs oder
bei der Familiengründung, können sich Ostdeutsche
viel seltener auf finanzielle Unterstützung durch
die Eltern verlassen als Westdeutsche. Auch die
Ressource „Vitamin B“ ist im Westen in höherem
Maße vorhanden als im Osten. Bis heute sind Füh
rungs positionen in Wirtschaft, Medien, Wissen
schaft, Kultur oder Justizwesen überdurchschnitt
lich häufig mit Westdeutschen besetzt. Selbst im
Osten übrigens.
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Ich möchte mein Amt als Staatsministerin für Ost
deutschland, das seit dieser Legislaturperiode im
Bundesfinanzministerium angesiedelt ist, dazu
nutzen, die Angleichung der Lebensverhältnisse
weiter voranzubringen.
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Herkunft darf nicht über
Lebenschancen entscheiden
Wir müssen die Startbedingungen für junge
Menschen aus weniger wohlhabenden Eltern
häusern weiter verbessern und über neue Mög
lichkeiten der Vermögensbildung diskutieren.
Die geplante Frühstart-Rente ist ein Schritt in die
richtige Richtung. Dies ist übrigens kein rein
ostspezifisches Thema. Auch in Westdeutschland
gibt es viel zu viele Familien, die trotz täglicher
Anstrengungen in einer Armuts- und Schulden
falle stecken. Das dürfen wir nicht hinnehmen.
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Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit wird die
Besetzung von gesellschaftlichen Führungsposi
tionen sein. Hier hat die Bundesregierung in der
vergangenen Legislaturperiode einen entschei
denden Schritt unternommen und ein Konzept
beschlossen, das den Anteil von Ostdeutschen in
Führungspositionen des Bundes maßgeblich er
höhen soll. Damit das Konzept auch in andere
Bereiche Strahlkraft entfalten kann, müssen wir das
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Thema auf der politischen Agenda halten und mit
Fakten unterfüttern. Daher erheben wir jährlich die
Herkunft der Führungskräfte in der Bundesver
waltung. Ein weiteres Instrument ist der jährliche
Elitenmonitor, der Daten in zwölf gesellschaftli
chen Sektoren auswertet, Ursachen der Unterre
präsentation erforscht und Handlungsoptionen
entwickelt (s. S. 102 ff.).
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Elisabeth Kaiser, Staatsministerin und
Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland.
Foto: BMWSB/Henning Schacht
Auch hier gilt wieder, dass ein gerechter Zugang zu
Führungspositionen kein exklusives Ost-Anliegen
ist. Wenn es um die Besetzung von Spitzenpositio
nen geht, müssen auch Frauen, „Arbeiterkinder“,
Migrantinnen und Migranten oder Menschen mit
Behinderungen besser berücksichtigt werden. Denn
ohne Vielfalt in allen Bereichen des öffentlichen
Lebens geht der gesellschaftliche Zusammenhalt
verloren. Wenn ganze Bevölkerungsgruppen nicht
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 5 –
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angemessen repräsentiert sind, wenn ihre Pers
pektiven und Probleme in den öffentlichen
Debatten nicht vorkommen, dann leiden das Ver
trauen in unsere Demokratie – und auch das
Miteinander. Und ganz nebenbei: Diverse Teams
sind oft einfach erfolgreicher.
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35 Jahre Deutsche Einheit: Trotz der vielen Heraus
forderungen hat Ostdeutschland insgesamt eine
beeindruckende Entwicklung genommen. Die
ostdeutsche Wirtschaft wächst bereits seit Jahren
stärker als die westdeutsche. Viele Regionen im
Osten haben sich als attraktive Standorte für For
schung, Technologie und Start-ups etabliert. Die
Arbeitslosigkeit ist auf niedrigem Niveau, und
beim Ausbau erneuerbarer Energien oder der
Verkehrsinfrastruktur nimmt Ostdeutschland
inzwischen eine Vorreiterrolle ein. Milliardenin
vestitionen des Bundes haben hierbei maßgeblich
zur positiven Dynamik beigetragen.
Hinzu kommt eine lebendige Kulturlandschaft,
die dieses Jahr besonders in der europäischen
Kulturhauptstadt Chemnitz sichtbar wird. Viele
der spannendsten literarischen Werke der ver
gangenen Jahre stammen aus der Feder junger
ostdeutscher Autorinnen und Autoren. Einige
von ihnen haben an diesem Bericht mitgewirkt.
Diese positive Bilanz der letzten 35 Jahre wird in
Ost wie West oft zu wenig gesehen. Höchste Zeit
also, dass wir noch selbstbewusster über unsere
Errungenschaften sprechen – und zugleich hart
daran arbeiten, dass Ostdeutschland weiterhin auf
Erfolgskurs bleibt. Dabei dürfen wir nicht aus dem
Blick verlieren, dass es Regionen gibt, die Unter
stützung brauchen, um an den positiven Entwick
lungen besser zu partizipieren. Damit meine ich
vor allem die strukturschwachen und vom demo
grafischen Wandel besonders betroffenen Regionen.
Klar ist:
Der ländliche Raum kann auch
mit Pfunden wuchern
Etwa mit erneuerbaren Energien, neuen Konzepten
zu Daseinsvorsorge und Tourismus. Diese Stärken
müssen wir ausbauen und weitere Perspektiven,
vor allem auch für junge Menschen, entwickeln.
Genau darum geht es also im Jahr 35 als vereintes
Deutschland: die besondere Situation des Ostens
angemessen zu würdigen, die erfolgreichen Ent
wicklungen ebenso wie die großen Herausforde
rungen. Dafür sucht die junge Generation einen
neuen Weg. Hören wir ihr zu, und nehmen wir ihre
Sichtweisen als Anstoß, um mit allen Generationen
ins Gespräch über die Zukunft unseres gemeinsa
men Landes zu kommen.
Mit herzlichen Grüßen
Elisabeth Kaiser
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 6 –
In den nachfolgenden Beiträgen im Teil A werden Schlaglichter gesetzt,
wie Friedliche Revolution, Wiedervereinigung, Transformation und die
seither vergangenen 35 Jahre Deutschland als Ganzes geformt haben. Für
einen differenzierten Blick auf den heutigen Osten und auf das vereinte
Deutschland stellen die Autorinnen und Autoren der Generation, die
bereits im vereinten Deutschland aufgewachsen ist, ihre individuelle
Sicht vor. Die Beiträge und Perspektiven spiegeln dabei nicht die Haltung
der Bundesregierung wider.
Zahlreiche im vorliegenden Bericht im Teil B genannte Maßnahmen
werden von der Bundesregierung bereits umgesetzt und sind in ihren
finanziellen Auswirkungen bereits im Bundeshaushalt 2025 und im
geltenden Finanzplan abgebildet. Weitere Maßnahmen stehen, soweit
der Bundeshaushalt betroffen ist, unter dem Vorbehalt der Finanzie
rung und der Entscheidungen des Haushaltsgesetzgebers. Weder die
laufenden noch künftige Haushaltsverhandlungen werden durch die
Nennung im vorliegenden Bericht präjudiziert. Der von der Verfas
sung vorgegebenen Zuständigkeit zwischen Bund und Ländern ist
Rechnung zu tragen. Auch die Sozialversicherungssysteme werden
durch diesen Bericht nicht präjudiziert.
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 7 –
Inhalt
Vorwort 3
Teil A: Deutschland heute 11
Aron Boks | Warum fragen junge Menschen heute nach Ost und West? Perspektive 1 12
Marie Eisenmann | Warum beziehen sich Menschen, die nach der deutschen Teilung
geboren sind, auf Ost und West? Perspektive 2 16
Caspar de Boor | Ostbewusstsein und das DDR-Unbewusste 20
Clemens Böckmann | Weit weg ist die DDR – Perspektiven auf ein unbekanntes Land 24
Paula Fürstenberg | Zum Begriff der Einheit 28
Jakob Springfeld | Warum Rechtsextremismus (k)ein ostdeutsches Phänomen ist 32
Vanessa Beyer und Lisa Trebs | Aufgewachsen in der (K)Einheit –
Die ostdeutsche Generation Z als Zuhörerin und Erzählerin 36.
Interview mit Bürgermeister Albrecht und Bürgermeisterin Burth über
Kommunalpolitik in Ost und West 40
@Wir_in_Ost_und_West – Bericht aus der Praxis eines Social Media Projekts
zur deutsch-deutschen Geschichte 46
Jana Faus und Simon Storks | Im vereinten Deutschland geboren,
noch immer nicht geeint? 48
Fotoserie: Stiller Wandel – Junge Perspektiven aus der östlichsten
und westlichsten Region Deutschlands 55
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Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 8 –
Teil B: Ausgewählte Vorhaben der Bundesregierung
in der 21. Legislaturperiode mit Bezug zu aktuellen
Herausforderungen in Ostdeutschland 71
Engagement und Ehrenamt in Ostdeutschland? – vielfältig und aktiv! 72
Ungenutztes Fachkräftepotenzial: Erwerbsbeteiligung von Frauen in Ost und West 76
Das Gesamtdeutsche Fördersystem für strukturschwache Regionen 80
Aufbaufortschritt des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit
und Europäische Transformation 85
Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 88
Kultur- und Erinnerungsförderung in Ostdeutschland 89
Fortschreibung des Bundeskonzepts „Ostdeutsche in Führungspositionen“
in der Bundesverwaltung 92
Teil C: Studien und Datenerhebungen 100
Aktuelle Ergebnisse aus dem Elitenmonitor 102
Ergebnisse aus dem Diversitäts-Survey 2024 108
Deutschland-Monitor 2025:
Gesellschaftliche und politische Einstellungen:
Kurzbericht „Wie veränderungsbereit ist Deutschland?“ 112
Literatur 134
Autorinnen und Autoren 135
Impressum 137
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 9 –
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 10 –
11
Teil A:
Deutschland heute
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 11 –
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Warum fragen junge Menschen
heute nach Ost und West?
Perspektive 1
von Aron Boks
Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass ich aus dem
Osten komme.
Als ich vor fast zehn Jahren nach Berlin zog,
stellte ich mich mit dem Anspruch eines Welt
bürgers aus Wernigerode „near Hannover“ vor.
Ich bin mehr als 20 Jahre lang mit dem Gedan
ken aufgewachsen, dass nicht mehr zwischen
Ost und West unterschieden werden sollte.
Vor ein paar Jahren merkte ich aber, dass das
so nicht funktioniert.
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Ich bin 1997 geboren und dachte, dass weder ich
noch meine Familie mit der DDR und der Diktatur
dort in Verbindung stünden. Schließlich redeten
wir ja nie darüber. Das änderte sich erst im Dezem
ber vor fünf Jahren, als mir meine Großmutter
ein Gemälde von Willi Sitte zeigte. Einem der be
rühmtesten Maler der DDR, dazu Funktionär,
Mitglied im Zentralkomitee der SED und: der
„Lieblingsonkel“ meiner Oma. Offenbar hatte die
DDR viel mit meiner Familie zu tun gehabt. Und
nicht nur das: Während meine Großmutter über
ihre Kindheit, Jugend und ihre Arbeit damals
sprach, wurde mir klar, dass sie sogar ziemlich
gern in der DDR gelebt hatte.
Als ich mit meiner Mutter über ihre Erfahrungen
sprach, erfuhr ich von ihrer Zeit im Chor und
von den Feiern im Club ihrer Schule und davon,
wie toll der Gruppenzusammenhalt war. In der
Schule fanden aber auch, wie überall in der DDR,
Fahnenappelle statt, im Fach Staatsbürgerkunde
wurde den Schülerinnen und Schülern beigebracht,
den Sozialismus zu lieben und seine Feinde zu
hassen. Im Wehrkundeunterricht lernten alle, wie
man sich vor Gegnern schützt.
Meine Mutter erzählte mir von Pionierlagern, in
denen sie als kleines Kind die Verteidigung gegen
die NATO üben musste. Wo ihr gesagt wurde, dass
die Leute aus der Bundesrepublik, aber besonders
die Amerikaner, sie im Ernstfall angreifen würden.
Und sie erzählte mir, wie sie sich als Kind gefragt
hatte, warum sie nicht überallhin reisen könne.
Und von der Angst ihres Vaters, der ihr am Abend
brottisch klargemacht hatte, solche Fragen niemals
laut zu stellen.
Ich wollte mehr über das Schulsystem erfahren,
in dem sie aufgewachsen ist, und fand in den Un
terlagen der SED-Kreisleitung von Wernigerode
einen Redebeitrag von einem meiner ehemaligen
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 12 –
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Lehrer vom Dezember 1989. Er hatte sich für eine
„bessere DDR“ eingesetzt, „weil ich vor allem
auch um unserer Kinder willen hoffe, dass uns
die Vorzüge des Sozialismus erhalten bleiben“.
Eine solche Perspektive war nach der Wende nie
Thema bei mir in der Schule. Im Geschichtsun
terricht wurden ausschließlich das Einparteien
system, die Stasi und die Mauertoten behandelt.
DDR-Alltag oder persönliche Erfahrungen der
Lehrerinnen und Lehrer spielten nie eine Rolle.
Wieso schien die DDR in meiner Schulzeit so
fern? Schließlich haben meine Lehrerinnen und
Lehrer das „Einheitlich Sozialistische Bildungs
system“ nicht nur gelehrt, sondern wurden selbst
von ihm erzogen.
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„Ich frage mich, was diese
Zeit mit dem Jetzt zu tun hat“,
sagte ich an einem Abend
zu meiner Mutter.
„Wo um alles in der Welt soll da ein Zusammen
hang sein?“
„Na in dem, wie dich die DDR geprägt hat …“
„Ich will doch diesem Scheißsystem nicht noch
die Möglichkeit geben, über meine Persönlichkeit
zu bestimmen!“
Zu meiner Überraschung übergab mir meine
Mutter ein paar Monate später ihre sämtlichen
Tagebücher und Briefe, die sie in der Wendezeit
geschrieben hatte. Vermutlich hatte sie zunächst
so abgeblockt, weil sie sich für mich gewünscht
hatte, dass das System, das sie abgelehnt hatte,
mich nicht berühren könnte. Doch mit den Tage
büchern wurde sie neben meiner Großmutter
zu meiner wichtigsten Quelle, um mehr über die
DDR und den Umbruch zu erfahren.
Meine Eltern haben 1990 Abitur gemacht und
sind später nach Hannover gezogen. Für sie
begann die beste Zeit ihres Lebens, wie sie immer
sagen. Als ich allerdings mit ihnen über meine
Großeltern sprach, stellte sich heraus, dass die
Eltern meiner Mutter damals extreme Existenz
angst hatten und in der Familie meines Vaters
mehrere Männer arbeitslos wurden. Sein Vater,
den ich hauptsächlich still in Erinnerung habe,
ging mit 55 in den Vorruhestand.
Wenn ich heute mit anderen Menschen über die
DDR spreche, trete ich Erzähllawinen los. Die
meisten berichten dann von ihrem Betrieb, von
Brigadefeiern und anderen Sachen, die es oft
nicht mehr gibt. In manchen dieser Geschichten
existiert die DDR sogar ohne Repressionen und
Gewalt, dafür mit günstigen Mieten, kostenloser
Kinderbetreuung, Vollbeschäftigung und eman
zipierten Frauen.
Foto: Ken Yamamoto
Aron Boks
wurde 1997 in Wernigerode geboren. Er lebt als Schriftsteller und
Slam Poet in Berlin und schreibt unter anderem die taz-FUTURZWEI
-Kolumne „Stimme meiner Generation“. Nach einem Buch über seinen
Urgroßonkel Willi Sitte erschien 2025 sein neues Buch „Starkstromzeit.
Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt“.
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Wie kann es sein, dass Menschen so unterschied
lich über diese Zeit sprechen?
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Als ich mich für Ostdeutschland als Herkunftsort
zu interessieren beginne, wird das Thema medial
für ganz Deutschland immer interessanter. Aus
irgendeinem Grund scheinen die Leute hier we
niger Lust auf Demokratie zu haben, heißt es,
wenn Umfragen zeigen, wie viele Menschen im
Osten rechtsextrem wählen. Sie würden sich
nicht gesehen und abgehängt fühlen. Irgendwie
scheint der Osten anders zu sein.
Immer wieder ist das Gesprächsthema. So auch
bei einer Veranstaltungsreihe, die ich im Sommer
2024 gemeinsam mit dem PEN Berlin in 37
verschiedenen Orten in Sachsen, Thüringen und
Brandenburg organisiert habe. Als ich an einem
Abend nach einer Veranstaltung in Bautzen am
Tisch über meine Erfahrungen sprechen wollte,
schaute mich ein Gästepaar aus Mainz irritiert an:
„Aber das spielt doch für euch junge Leute keine
Rolle mehr!“ Und ein Ende 50-jähriger Freund aus
Bayern wurde noch etwas direkter:
„Ich kann das auch alles nicht
mehr hören! Was hast du denn
für ein Problem, Aron? Es betrifft
dich doch nicht!“
Vielleicht steckt in dieser Abwehrhaltung, die ich
ziemlich oft erlebt habe, eine gewisse Scham,
wie die Psychoanalytikerin Annette Simon es in
einem Buch über ostdeutsche Identitäten be
schreibt. Eine Scham, als Westler so lange nichts
vom „Zwillingsbruder“ im Osten mitbekommen
zu haben, sich auch nicht wirklich dafür interes
siert zu haben und nur vor und nach Landtags
wahlen zu merken, dass irgendwie irgendetwas
nicht stimmt und selbst die jungen Ossis nicht
mit dem Gejammer aufhören.
Ich erinnere mich daran, diese Abwehrmechanis
men zu Beginn meines DDR-Interesses auch in
mir getragen zu haben, wenn Leute ernsthaft an
der Einheit rumnörgeln mussten. Ich fühlte keine
Scham damals, vielmehr ein Unbehagen, weil
mir viele Unterschiede und Erfahrungen erst
nach und nach bewusst wurden – dass Menschen
im Osten durchschnittlich weniger verdienen
und viel seltener in Führungspositionen sind,
dass viele wenig bis gar nichts erben und die
Generation vor mir schon in den 90er- und Nuller
jahren von ständiger rechtsextremer Gewalt
bedroht war.
Davon habe ich zu Hause nichts gehört, wenn
von der Zeit nach der Wende gesprochen wurde.
Vielleicht gab es in meiner Jugend zwischen
dem Nichtreden über die DDR und die Wende
zeit und dem westdeutschen Nichtbenennen
von Ost und West einen Zusammenhang. Eine
Art doppeltes Nichtreden über die DDR.
Heute sage ich jedenfalls bewusst, dass ich aus
dem Osten komme und die DDR etwas mit mir zu
tun hat. Die Menschen, die mich erzogen, unter
richtet oder mir das Tennis- und Theaterspielen
beigebracht haben, haben einen Großteil ihres
Lebens in einem komplett anderen System gelebt
– und wurden sicher davon geprägt. Es macht
also einen Unterschied, ob ich in einem ost- oder
westsozialisierten Umfeld aufgewachsen bin
oder nicht. Aber was bedeutet das für mich heute?
Ich habe noch keine Antwort darauf gefunden.
Aber ich glaube, dass es spannend wäre, wenn
sowohl junge Ost- als auch Westdeutsche über
die unterschiedlichen Erfahrungen ihrer Fami
lien und ihre gemeinsame Gegenwart sprächen.
Laut einer Untersuchung der Soziologen Steffen
Mau, Thomas Lux und Julian Heide nimmt das
Bewusstsein für Unterschiede zwischen Ost und
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West gegenwärtig bei jungen Westdeutschen ab,
während es bei jungen Ostdeutschen zunimmt.
Es scheint daher nicht so sinnvoll zu sein, darauf
zu warten, dass der Nachwendekinder-Dialog von
West beginnt.
Ich habe selbst kaum eine Ahnung, was es bedeutet,
seine Wurzeln in der alten Bundesrepublik zu
haben. Dafür habe ich eine Menge offener Fragen,
die sich an junge Westdeutsche richten, die ich
wie die Ostdeutschen auch als Nachwendekinder
ansprechen möchte:
Haben sich eure Großeltern mehr vor dem Teufel
oder vor den Kommunisten im Osten gefürchtet?
Wie haben die Leute im Westen überhaupt ihre
Gemeinschaft zusammengehalten ohne Sozialis
mus und Tauschgesellschaft? Lag das alles an der
Kirche? Redet ihr mit euren Eltern und Großel
tern über die alte Bundesrepublik, wenn es um die
Vergangenheit geht oder gleich über die Nazizeit?
Was bedeutete es für unsere Familienmitglieder,
in Staaten aufzuwachsen, die ihre Diktatur durch
Antifaschismus legitimiert und ihre Demokratie
durch eine Stunde null begonnen haben?
Ich glaube, dass es gut wäre,
darüber zu sprechen.
Wir haben vielleicht trotzdem ganz unter
schiedliche verinnerlichte Abwehrmechanis
men, die wir aus unserer unterschiedlichen
Prägung mit uns tragen, aber möglicherweise
fällt es uns leichter als unseren Eltern und
Großeltern, diese abzubauen. Damit hätten wir
als Nachwendekinder, die die Teilung nicht
erlebt haben, die Möglichkeit, gemeinsam zu
überlegen, was das eigentlich für eine Geschichte
über die „Deutsche Einheit“ ist, mit der wir auf
gewachsen sind.
Eine, in der eigentlich nur weiße Menschen mit
Deutschlandfahnen ab dem Mauerfall glücklich
darüber waren, zusammen zu sein, und in der die
Kategorien Ost und West der Vergangenheit
angehören. Das hatte mir die Schriftstellerin Paula
Fürstenberg in einem Gespräch verdeutlicht.
Und wieder haben nur Ossis miteinander geredet.
Wenn wir aber als Nachwendekinder aus Ost und
West gemeinsam unsere Fragen an die Vergan
genheit richten und uns über unsere Familien
geschichten austauschen, wird vielleicht deutlich,
dass diese uns erzählte Einheitsgeschichte so
nicht ganz aufgeht und anders erzählt werden
muss. Vielleicht auch in millionenfach unter
schiedlicher Ausführung. Nicht, um Schuld, Scham
oder Wut zu verteilen. Sondern um die Gegenwart
besser zu verstehen.
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Warum beziehen sich Menschen,
die nach der deutschen Teilung
geboren sind, auf Ost und West?
Perspektive 2
von Marie Eisenmann
Es hatte für mich keine Grenze gegeben, als ich
das erste Mal in den Osten fuhr. Durchfuhr eigent
lich, um vom Bodensee nach Berlin umzuziehen.
Mit AnnenMayKantereit im Radio und meiner
besten Freundin auf dem Fahrersitz. Wir wunder
ten uns ein wenig über die Straße, die Betonplatten
autobahn, die uns ab Thüringen mehr durchrüttel
te, als wir es von Autofahrten in Süddeutschland
gewohnt waren. Dass an den Landesgrenzen gro
ße Schilder die Überfahrt in die ostdeutschen
Bundesländer – erst Thüringen, dann Sachsen,
schließlich Brandenburg – ankündigten, inter
essierte uns wenig. Ich zog nach Ostberlin. Auch
das hatte keine Bedeutung für mich. Die Mauer
war ohnehin seit 29 Jahren gefallen, wieso hätte
ich mir darüber Gedanken machen sollen?
Am zweiten Tag unseres neuen Lebens in Berlin
gingen wir zu Fuß von der Humboldt-Universität
in Mitte an der ehemaligen Berliner Mauer ent
lang bis zum Mauerpark in Prenzlauer Berg. Wir
überlegten uns, ob wir auf der West- oder Ost
seite entlangliefen, wechselten durch die Streben,
mit denen heute der Verlauf der Mauer angedeu
tet wird, auf die andere Seite. Hin und her, erst
West, dann Ost.
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In der Schule stand irgendwann ein Zeitzeuge
aus der DDR vor meiner Klasse, aber trotzdem
schrumpfte das vergangene Land für mich auf
wenige Seiten im Geschichtsbuch zusammen.
Und verließ es nicht. Ich wunderte mich über
meine Eltern, die von den „neuen“ Bundes
ländern sprachen. Die gleiche Verwunderung,
wenn sie in D-Mark umrechneten. Aus den
Jahren gekommene, abgelaufene Bezugsgrößen.
Ein seltsamer Reflex, am Alten festzuhalten. Das
spielt doch keine Rolle mehr, meinte ich. Ärgerte
mich manchmal sogar, weil ich dachte, die Kate
gorien Ost und West würden eine Distanz her
stellen, die es nicht mehr gab.
In meiner ersten Woche an der Uni lernte ich je
manden aus Dresden kennen. Wir freundeten uns
an. Sie bezeichnete sich als „Ossi“, ein Begriff, von
dem ich dachte, dass ihn niemand in unserem
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Alter mehr verwendet. Manchmal nannte sie mich
und andere von unseren Freunden sogar „Wessi“.
Ein paar Jahre später verliebte ich mich in einen
Ostdeutschen, der es aufregend fand, dass ich in
der Nähe der Berliner Mauer wohnte, sich aber
aufregte, weil es mir nichts bedeutete. Als er das
erste Mal meine Familie besuchte, erfuhr ich,
dass meine Oma mehrmals in die DDR gereist war,
sie sich dort verliebt hatte und beinahe „drüben“
geblieben wäre. Ich erfuhr, wieso meine Mutter
eine Brieffreundin in der DDR hatte („das war
damals chic“) und dass mein Vater bereute, am 9.
November 1989 nicht einfach spontan nach Ber
lin gefahren zu sein, um den Mauerfall zu feiern.
Mein Freund stellte ganz andere Fragen an meine
Familie als ich. Fragen, die Geschichten hervorhol
ten, die ich vielleicht nie gehört hätte.
Anders als meine Freundin aus Dresden bezeichne
te sich mein Freund nicht nur als „Ossi“, sondern
auch als Nachwendekind, um seine Perspektive auf
seine ostdeutsche Identität von der älterer Gene
rationen zu unterscheiden. Ende der 90er-Jahre
geboren, galt auch ich als „Nachwendekind“. Ich
kannte aber niemanden aus Westdeutschland, der
sich so bezeichnet hätte. Schließlich hatte sich in
westdeutschen Familien durch die Wende wenig
verändert, und sie war deswegen selten Thema
beim Abendessen.
Plötzlich war dieses Thema aber Teil meines
Lebens. Wolfgang Tiefensee, ehemaliger Beauf
tragter für die neuen Bundesländer, sagte zum
20-jährigen Jubiläum der Deutschen Einheit, dass
Ost-West-Paare ein Vorbild für das zusammen
wachsende Deutschland seien. Durch meine eigene
Ost-West-Beziehung wurde mir zum ersten Mal
deutlich, dass mein Freund und ich unterschiedlich
geprägt worden sind, obwohl ich dachte, dass das
nicht möglich wäre.
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Während mein Freund sich Fragen zu seiner (Ost-)
Identität stellte, sah ich nur blinde Flecken. Als
Literaturwissenschaftsstudentin näherte ich mich
der deutschen Geschichte literarisch und las Bücher
aus der DDR, als wären sie in einer Fremdsprache
geschrieben. Ständig musste ich mir unbekannte
Abkürzungen googeln, geschichtliche Ereignisse
nachschlagen. Mehr als ein Jahr lang las ich Bücher
von Sarah Kirsch, Stefan Heym und Christa Wolf,
die eine meiner Lieblingsautorinnen wurde.
Gleichzeitig bemerkte ich, dass ältere Leserinnen
und Leser – egal, ob sie aus Ost oder West kamen –
sich vor allem an ihrer Rolle in der DDR abarbei
teten. Es schien bei ihnen einen Drang zu geben,
sich selbst zur DDR positionieren zu müssen, wenn
man über Christa Wolfs Bücher sprach. Während
sie in der Vergangenheit herumrumstocherten,
fühlte sich Christa Wolfs Schreiben über den
Foto: Pia Dernick
Marie Eisenmann
wurde 1999 in Konstanz geboren. 2024 kuratierte sie die literarische
Veranstaltungsreihe „Geteilte(r) Meinung“ im Literaturhaus
Magdeburg. Derzeit ist sie Co-Host des „Nachwendekindertalks“ im
Podcast Mauerecho der taz Panter Stiftung. Sie studiert europäische
Literaturen im Master.
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Glauben an eine bessere Gesellschaft und das
Hadern mit ihrer eigenen Rolle für mich un
glaublich aktuell an.
Zeitgleich las ich westdeutsche Literatur von
Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann und Rolf Dieter
Brinkmann, die sich mit ganz anderen Fragen
auseinandersetzten. Ich hatte mir nie darüber
Gedanken gemacht, dass es in Deutschland vor
meiner Geburt nicht nur zwei verschiedene
Länder, sondern auch zwei verschiedene Systeme
gegeben hatte.
Plötzlich half es mir, mich als Westdeutsche zu
sehen, deren eigene Familiengeschichte westdeut
sche Motive aufwies: katholische Moralvorstel
lungen und traditionelle Geschlechterrollen. Einer
meiner Verwandten hatte in den 50er-Jahren bei
seinen Großeltern aufwachsen müssen, weil er als
uneheliches Kind auf die Welt gekommen war;
eine andere war von ihren Schwiegereltern dazu
gedrängt worden, ihren Ehemann zu verlassen,
weil sie keine Kinder bekommen konnte.
Die Allgegenwärtigkeit von Kreuzen und Gottes
diensten in meiner eigenen Kindheit nahm ich
damals hin, ohne sie zu hinterfragen. Für mich
war das alles selbstverständlich, bis ich Jahre später
begriff, dass im Osten nicht alle getauft waren,
nicht alle Schülerinnen und Schüler in den Reli
gionsunterricht mussten.
Ich fuhr jetzt selbst öfter in den Osten. Im ver
gangenen Jahr begleitete ich den PEN Berlin auf
eine Veranstaltungsreihe zum Thema Meinungs
freiheit nach Sachsen, Thüringen und Branden
burg. Kurz vor den Landtagswahlen veranstaltete
die Schriftstellervereinigung in den drei Bundes
ländern Podiumsdiskussionen, bei denen auch
das Publikum zu Wort kommen sollte.
Es wurde über den Ukrainekrieg, die Medien und
den Osten gestritten. Immer wieder standen
Menschen aus dem Publikum auf, deren Lebens
geschichte fast aus ihnen herausplatzte. So viele
Menschen, die von ihren Niederlagen oder ihren
Errungenschaften nach der Wende erzählten,
um entweder auf die Ungerechtigkeit der Wieder
vereinigung hinzuweisen oder Anerkennung
für ihre Leistung einzufordern. Manche schienen
eigentlich sagen zu wollen: „Jetzt schaut doch
endlich hin!“
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Die meisten meiner westdeutschen Freundinnen
und Freunde machen diese Erfahrung nicht.
Ihnen geht es wie mir, sie machen sich erst Gedan
ken über den Osten, wenn er in den Nachrichten
auftaucht. Ein seltsamer Kontrast: so viel Erzähl
drang und trotzdem so wenige Geschichten, die es
über die Mauer schaffen, die eigentlich gar nicht
mehr steht. Die fehlende Auseinandersetzung,
der Zwang zum „Das spielt doch alles keine Rolle
mehr“ derer, die eigentlich zuhören könnten, wirkt
im Gegensatz manchmal gewaltvoll gegenüber
den Menschen, die sprechen. Je mehr Geschichten
ich über die Zeit höre, desto ignoranter wirkt
die Annahme, dass ein ganzer Systemwechsel in
einem Teil des Landes abgehakt sein soll.
Während ich diesen Text schreibe, sitze ich im
Zeitungslesesaal der Staatsbibliothek zu Berlin.
Hier könnte ich heute nicht sitzen, wäre die
Mauer nicht vor mehr als 35 Jahren gefallen. Ich
hätte nicht an der Humboldt-Universität stu
diert, wäre nicht nach Ostberlin gezogen, wäre
nicht entspannt am Mauerstreifen spazieren
gegangen, wäre vielleicht überhaupt nicht nach
Berlin gegangen, dieser westlichen Insel inmitten
eines sozialistischen Systems. Ich hätte manche
Menschen nie kennengelernt, wäre nicht mit
meinem Freund zusammen und würde diesen
Text nicht schreiben. Ich bin ein westdeutsches
Nachwendekind.
Aber spielt die Kategorie „westdeutsch“ für meine
Identität eine Rolle? Nach wie vor entsteht kaum
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eine emotionale Regung, wenn ich mich selbst
so bezeichne. Sie ist eher eine Hilfskonstruktion,
um mich in der Gegenwart zu verorten. Eine
Brille, die ich mir aufsetze, um die Umrisse des
Jetzt besser zu erkennen. Noch mehr erlaubt sie
mir, Fragen zu stellen und zuzuhören. Die Ge
schichten derer, die von damals erzählen und damit
viel über das Heute verraten.
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Ostbewusstsein und das
DDR-Unbewusste
von Caspar de Boor
Schiefe Töne in der Debatte
Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die
Kakofonie politischer Verweise auf die Zeit der
deutsch-deutschen Teilung nicht leiser geworden:
Die Journalistin Valerie Schönian fordert für die
Generation, die den Mauerfall nicht mehr erlebt
hat, ein ausgeprägtes „Ostbewusstsein“. Sie verband
dies in ihrem 2020 erschienenen gleichnamigen
Buch mit vagen politischen Forderungen, deren
Konnex vor allem darin bestand, die DDR-Vergan
genheit weniger kritisch zu sehen.
Der Germanist Dirk Oschmann beschreibt das
Ost-West-Verhältnis 2022 mit dem Vokabular
postkolonialistischer Theorien. Die Comedian
Hazel Brugger trägt 2025 im Interview mit
Gregor Gysi ein T-Shirt, das mit dem Satz „Ich
war noch nie in Westdeutschland“ bedruckt ist.
Auch wenn diese Beiträge, die das Ostbewusstsein
und die Kritik an „dem Westen“ forcieren sollen,
nicht immer inhaltlich überzeugen mögen, so ist
doch der politische Einfluss dieser „seismografi
schen“ Debatte für die politische Stimmung in
Gesamtdeutschland kaum zu unterschätzen.
Populistische Strömungen schlagen ihr politi
sches Kapital bei der jüngeren Generation dabei
nicht nur aus einer privat von Eltern und Groß
eltern weitergegebenen Erinnerung an die „gute
alte Zeit“ in der DDR, sondern aus einem konst
ruierten „Ostbewusstsein“ der Jetztzeit, das sie
politisch auch für die Nachwendegeneration zu
nutzen wissen.
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Dass dieses Ostbewusstsein konstruiert ist, sieht
man daran, wie leichtfertig sich geradezu gegen
sätzliche politische Positionen darauf stützen
können: Die ostdeutsch geprägte FDP-Politikerin
Katja Adler warnt vor einer „Rolle rückwärts DDR“
und benutzt dabei die DDR-Zeit als Schablone für
gegenwärtige gesellschaftliche Debatten. Dies tut
die BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht aber
genauso, wenn sie eine aus ihrer Sicht eingeengte
Meinungsfreiheit der Jetztzeit mit der DDR-Zensur
in ihrer Vergangenheit vergleicht.
Zugleich wird oft positiv auf ein gegenwärtiges
Ostbewusstsein rekurriert, teilweise mit nostal
gischen Verweisen auf die Zeit vor 1990, welche
die jungen Adressatinnen und Adressaten dieser
Nostalgie nicht mehr selbst erlebt haben. Als ein
momentan in den Umfragen erfolgreiches Bei
spiel mag der AfD-Politiker Björn Höcke dienen,
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der vor einer Rückkehr in die DDR-Diktatur zwar
warnt, zugleich aber einige Vorteile der ost
deutschen Vergangenheit beschwört: „Simson
statt Lastenfahrrad“.
Persönliche Erfahrungen
Als ostdeutsches Nachwendekind aus Mecklen
burg musste ich die schiefe Debatte über das
konstruierte Ostbewusstsein am eigenen Leib
erfahren. Während meines Studiums in Leipzig
wurde mir meine Ostidentität abgesprochen, weil
ich keinen sächsischen Dialekt sprach. Studieren
de gingen davon aus, dass ich nicht „ostdeutsch“
sei, weil ich es, anders als sie, nicht sofort erwähn
te. Ausgerechnet westdeutsche Studierende re
klamierte die ostdeutsche Identität aber für sich,
z. B. in der Gruppierung „Aufbruch Ost“. Offen
sichtlich kann man in der Gen Z eine ostdeutsche
Identität mühelos auch als im Westen sozialisier
ter Mensch annehmen.
Die Jahre, die ich in Westdeutschland verbrachte,
waren anders: Kommilitoninnen und Kommili
tonen lösten durch ihren betrunkenen Gesang
der Internationalen ein Störgefühl in mir aus, weil
sie ignorierten, dass dieses Lied für mich mit dem
DDR-Regime und seiner Ideologie kontaminiert
ist. Rechtsextreme Strömungen wurden mir
gegenüber noch vor wenigen Jahren als ein vor
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allem „ostdeutsches“ Problem verkauft. Und ehe
malige Klassenkameradinnen und -kameraden,
die in Westdeutschland leben, thematisieren ihr
Ostbewusstsein so selten, dass es geradezu im
umgekehrten proportionalen Verhältnis zu der
Häufigkeit steht, mit der westdeutsche Studie
rende in Leipzig sich auf dieses berufen.
Seit einigen Jahren lebe ich in Schleswig-Holstein.
Ich arbeite als Pastor für die evangelisch-lutheri
sche Nordkirche. Diese Nordkirche ist eine der
wenigen größeren Institutionen, die auf ihrem Ge
biet Ost- und Westdeutschland umfassen.
Für mich als – zumindest den biografischen
Stationen nach – „Ost-West-Ost-West-Deutscher“
war das einer der Gründe, mich dort zu bewerben.
Bei meinen gleichaltrigen Kolleginnen und Kolle
gen im westdeutschen Teil der Nordkirche erlebe
ich das anders: Entweder wird von vornherein
ausgeschlossen, in den „Osten“ zu gehen. Oder
es wird ignoriert, dass die Unterschiede zwischen
den Gebieten selbst in ihrer fusionierten Form
weiterhin von Bedeutung sein könnten.
Foto: Marco Heinen
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Caspar de Boor
Caspar de Boor (*1994) wuchs in Mecklenburg auf. Er studierte
in Göttingen, Strasbourg und Leipzig Theologie. Er arbeitet als
Pastor in Heiligenhafen (SH). Er ist Mitglied bei Aktion Sühne
zeichen Friedensdienste und veröffentlichte mehrere Essays für
die Deutsche Gesellschaft e. V.
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Das „DDR-Unbewusstsein“
Ich möchte deswegen von einem regelrechten
„DDR-Unbewusstsein“ sprechen: Wird in den
neuen Bundesländern das Ostbewusstsein zwar
fleißig konstruiert, wird die Wichtigkeit der
DDR-Geschichte oft ignoriert. Dies macht es den
Generationen, die keine Zeitzeuginnen und
-zeugen sind, noch schwerer, davon zu erfahren.
Von meinem jetzigen Tätigkeitsort in Ostholstein
kenne ich viele Beispiele: Der Klaustorfer Turm
war einst Überwachungsstützpunkt im Kalten
Krieg. Heute ist er eine touristische Aussichts
plattform. Auf dem Zeltplatz Wulfener Hals auf
der Insel Fehmarn landete 1988 eine Flüchtlings
familie aus der DDR mit einem Schlauchboot
an. Heute bucht man sich dort einen Golfkurs
oder geht surfen.
Erst in den Familiengeschichten, die mir als Pastor
persönlich erzählt werden, zeigt sich unter der
sichtbaren schleswig-holsteinischen Identität bis
weilen eine durch die DDR oder durch die Teilung
geprägte Biografie, die aber ins kollektiv Unbe
wusste verschoben ist: Migration und zerrissene
Familien, Gefahren des Kalten Kriegs oder Durch
suchungen an der Grenze bestimmten die Lebens
geschichten vor 1990.
Von solch einem „DDR-Unbewusstsein“ kann man
selbst in Ostdeutschland sprechen. Denn wenn
dort eine nostalgische Identität konstruiert werden
soll, geht es viel zu selten um eine tatsächliche
Erinnerung an die DDR-Geschichte. Literarische
Ausnahmen bilden die Regel: Ines Geipel schreibt
über ihren Bruder, Anne Rabe über gewaltvolle
Pädagogik. Bettina Wilpert stürzt sich in Recher
chen zu DDR-Jugendheimen, Lutz Seiler widmet
sich den Ostseefluchten.
Die Themen, die bei der Aufarbeitung der unbe
wussten DDR-Geschichte auftauchen, zeigen dabei
ihre eigentliche Brisanz für die Jetztzeit. Dass Mi
gration kein neues, sondern ein altes, weit ver
breitetes Phänomen ist, genauso wie die schwe
bend-schwelende Kriegsgefahr, muss immer
wieder ins Bewusstsein gebracht werden, damit
aus hitzigen nüchterne Debatten werden können.
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Die Aufgabe, die Zeit der DDR aufzuarbeiten, ist
eine Aufgabe politischer Bildung. Gerade in mei
ner Generation, die keine direkten biografischen
Erinnerungen an die Zeit des Kalten Kriegs mehr
hat, muss die Realität der Vergangenheit studiert
werden, um nicht in unrealistische, konstruierte
Identitäten abzurutschen, die diesen politischen
Realitätssinn längst verloren haben.
Dies gilt umso mehr, weil die Rede vom „Unbe
wussten“ impliziert, dass sich ansonsten die
Spuren der Vergangenheit in den Nachwendege
nerationen anders Bahn brechen könnten: in
„Ostdeutschland“, indem man sich dort von den
gesellschaftlichen, demokratisch-offenen Debatten
in eine Parallelwelt abkapselt, in der die wichtigs
ten Probleme Lastenräder darstellen sollen oder
Menschen das Grundrecht zur Flucht verwehrt
wird, von dem doch so viele ostdeutsche Menschen
einst profitiert haben. In „Westdeutschland“, indem
dort die seismografischen Schwingungen nicht
wahrgenommen werden, die auf die erdbeben
gleichen Gefahren hinweisen, mit der unser ge
meinschaftliches Zusammenleben bedroht ist.
„Säkularisierte“ Gesellschaften
Von dorther, wo die Jugendweihe statt der Konfir
mation den Standard bildet, kostete es mich einige
Überwindung, das Theologiestudium zu beginnen.
Wie in der politischen Debatte ist „der Osten“
nämlich auch für die religiöse Entwicklung Seis
mograf: Die Säkularisierung ist in Mecklenburg-
Vorpommern deutlich weiter fortgeschritten als in
Schleswig-Holstein. Doch Westdeutschland holt auf.
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Könnte es etwa sein, dass die ausbleibenden
Lerneffekte in Sachen Religiosität und Politik mit
einander zusammenhängen? Die Parallele ist
verblüffend: Der Wegfall von religiöser Bindung
findet parallel zum Wegfall der Bedeutung
gesellschaftlicher Öffentlichkeit statt, die wiede
rum erhitzte und populistische Debatten
begünstigt. Und in beiden Fällen ist genau dieser
Prozess in dem Gebiet der ehemaligen DDR
durch die geschichtlichen Bedingungen weiter
fortgeschritten, aber dennoch vergleichbar.
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An meinem jetzigen Arbeitsort in Heiligenhafen
gibt es z. B. mehrere aktive Vereine. Eine solche
lebendige Vereinsstruktur ist mir aus Mecklen
burg unbekannt. Anfang Juni 2025 war ich zum
„Gildefest“ eingeladen: Nach einer Rede gegen
Radikalisierung, Rassismus und Realitätsverlust
wurde erst die Deutschland-, dann die Schleswig-
Holstein-Hymne angestimmt. Obwohl ich weder
schleswig-holsteinisch noch patriotisch gesinnt
bin, berührte mich dieser Versuch, Beheimatung
und „Einwurzelung“ bei gleichzeitiger Wahrung
des offenen Gemeinsinns herzustellen.
Doch die „Gilde“ hat, wie viele andere Vereine und
die Kirche, ein Problem, weiter relevant zu bleiben.
Egal, was man von ihrem Traditionalismus hält:
Durch diese Entwicklung, diese „Säkularisierung“
könnte eine Gesellschaft entstehen, in der eine
gemeinschaftsstiftende Öffentlichkeit vor Ort nicht
mehr existiert. In der DDR wurde der Versuch
unternommen, diese ganz bewusst zu zerstören, um
den Zentralismus und die Eingriffsmöglichkeit des
Staates zu stützen. Heute verfällt sie von ganz allein.
Der Bewusstwerdung von Geschichte, also eine
Reflexion über den je eigenen Standort und die
bürgerliche Verantwortung angesichts all der
Herausforderungen im Großen und Kleinen, wird
nicht über die Konstruktion eines Ostbewusst seins
begegnet werden können. Doch die Bewusstma
chung der DDR-Geschichte als eine lokale und
regionale politische Bildungsaufgabe könnte den
gemeinschaftsstiftenden Realitätssinn schaffen,
dessen unsere Gesellschaft dringend bedarf. Oder,
um es auf eine Formel zu bringen: Es geht um
Bewusstwerdung von Geschichte und Identität
statt konstruiertem Ostbewusstsein.
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Weit weg ist die DDR –
Perspektiven auf ein
unbekanntes Land
von Clemens Böckmann
Vor mir auf dem Tisch liegt ein vier Wochen altes
Baby. Es hat zwei Arme und zwei Beine, kann noch
nicht wirklich gucken. Liegen, Trinken und Ver
dauen sind große, kaum zu bewältigende Aufgaben.
Gerade ist das Kind voll und ganz damit beschäftigt,
die Wirkung der Schwerkraft zu erfahren. Dass
Dinge und Menschen auch weiterhin existieren,
wenn es sie nicht mehr sehen kann, weiß dieses
Kind noch nicht. Die Wirklichkeit ist das Unmit
telbare. Von der DDR hat dieses Kind noch nicht
einmal gehört.
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Und doch ist die Vergangenheit immer schon da.
Obwohl das Kind auf dem Gebiet der ehemaligen
DDR geboren wurde, sind keinerlei offensichtliche
Spuren der Geschichte an ihm zu finden. Langsam
und Stück für Stück jedoch werden sich die unter
schiedlichsten Ebenen der Geschichte auch in die
sen Menschen unsichtbar einarbeiten. Die DDR,
ein vergangener Staat, ist 35 Jahre nach ihrem
Ende noch immer weit mehr als nur eine Erzäh
lung. Das ist eine der wesentlichen Erfahrungen,
die auch dieses Kind in seinem Leben machen
wird. Das Wissen über die Geschichte wird ihm
helfen, die Gegenwart besser zu verstehen und
Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft zu ent
wickeln. Im Umgang mit den Menschen in seiner
näheren und weiteren Umgebung wird ihm das
Wissen über die Geschichte helfen. Es wird die
Interaktionen nicht reibungsloser, einfacher oder
unkomplizierter machen. Doch je mehr Wissen
auch dieses Kind anhäuft über eine – dann gemein
sam geteilte – Geschichte, desto sorgsamer kann
es das eigene Handeln reflektieren, Gesten, Ge
danken und Ausdrücke seiner Umgebung einord
nen und bewerten.
1989, während ich als Baby auf einem Teppich
in Nordrhein-Westfalen das Krabbeln lernte,
zwang der Protest weiter Teile der DDR-Bevöl
kerung die Regierung des Landes, die Grenzen
zu öffnen. Grundlegende Veränderungen der
gesellschaftlichen Verhältnisse sollten darauf
folgen. Während im Osten Deutschlands ein
Jahrzehnt beispielloser Umbrüche begann, hat
ten die Ereignisse auf meine Wirklichkeit kaum
Einfluss. Es waren mediale Beobachtungen, in
Fernsehen, Zeitung oder Radio, die nur bedingt
bis in die eigene Wirklichkeit vordrangen. In
den Familien im Westen blieb die Auflösung der
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DDR daher oftmals unerzählt. Sofern es keine
eigenen oder biografischen Bezüge zur DDR
gab, war diese für viele in Westdeutschland ein
Nicht-Ort. Selbst in meiner Schulzeit in Nord
westdeutschland tauchte die DDR höchstens als
Randerscheinung auf: Als peripherer Bereich der
Geschichte markiert, war man in der alten Bundes
republik gewillt, das 20. Jahrhundert als vereinig
tes Deutschland abzuschließen. Erzählungen zur
DDR hätten immer auch Fragen zu den Ursachen
für die Teilung Deutschlands und dem Versuch
einer anderen Form der Gesellschaft aufgewor
fen. Gerade auch die Umbrüche von 1989/90 zu
thematisieren, hätte eines hohes Maßes an Diffe
renzierung bedurft. Notwendigerweise wäre es
dabei auch um die selbstkritische Hinterfragung
der eigenen Rolle gegangen. So jedoch blieb die
DDR lange Zeit auch für mich unbesetzt, eine
große, unbekannte freie Fläche jenseits des eige
nen Horizonts – Zuschreibungen, die grundsätz
lich mein Interesse und meine Neugier wecken,
nicht selten aber auch getragen werden von Pro
jektionen und fehlerhaften Vorannahmen.
Für viele Menschen in den neuen Bundesländern
blieb in der folgenden Zeit die DDR als Ort der ei
genen Kindheit und Jugend positiv besetzt. Einige
hielten sie weiterhin als politische Utopie hoch,
als vorgebliches Gegenmodell zum nationalsozia
listischen Deutschland und zur kapitalistischen
Bundesrepublik. Andere sahen in ihr ein weiteres
Schreckgespenst des 20. Jahrhunderts. Egal, welche
Erfahrungen die Menschen mit ihr bis heute ver
binden, bleibt die DDR in beiden Teilen der Repu
blik Referenz-, Projektions- und Reibungsfläche.
Ob in der Architektur, in Rollenbildern, in der
Verteilung von Vermögen oder der Verbreitung
von Vereinen: Die DDR und ihre Nachwirkungen
prägen bis heute fast alle Bereiche unserer Gesell
schaft. Die Ambivalenzen, Widersprüche und Viel
fältigkeit sind enorm – vorausgesetzt, man war und
ist gewillt, diese zu sehen.
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Wie von der DDR erzählen
Bei Lesungen aus meinem Roman „Was du kriegen
kannst“ wurde ich im vergangenen Jahr häufig
gefragt, warum ich mich für das Thema DDR
entschieden habe. Ich hatte mich vor der Arbeit
an dem Roman wenig mit der DDR beschäftigt.
Es war mehr Zufall, dass mir die Geschichte einer
Sexarbeiterin im Auftrag der Staatssicherheit zu
getragen wurde. Je mehr ich mich mit dieser Figur
beschäftigte, desto mehr bemerkte ich meine
eigenen Leerstellen, Wissenslücken, Vorurteile
und Projektionen. Plötzlich war ich auf eine
Figur aufmerksam geworden, die es mir ermög
lichte, unterschiedliche Zugänge zur Geschichte
und ihren Folgen zu finden. Dabei spannte sich
der Bogen von einer kommunistisch geprägten
Familiengeschichte im Erzgebirge über den
Foto: Carolin Haentjes
Clemens Böckmann
ist Autor, Herausgeber und Filmemacher. 2024 erschien sein Roman
„Was du kriegen kannst“, 2025 das Buch „Aus Fassungslosigkeit –
Thomas Harlans Täterliteratur“. Im kommenden Jahr erscheint seine
Recherche „Das richtige Leben des Alvaro Maderholz“.
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Aufbruch und die Sehnsüchte einer jungen Frau
in kleinbürgerlichen Verhältnissen hin zu einer
Figur, die gefangen ist zwischen Staatssicherheit
und Alkoholmissbrauch.
Schließlich begann ich an dem Text zu arbeiten.
Ein autobiografischer Zugang war mir durch
Geburtsort und -zeit verwehrt. Würde ich jedoch
immer nur davon erzählen, was ich selbst erlebt
habe, bliebe mein Wortschatz klein und meine
Vorstellungen von der Welt erdrückend eng. Als
Kind der späten 1980er-Jahre musste ich mir die
Welt der 1960er- und 1970er-Jahre – nicht nur
im Erzgebirge – lesend erschließen. Es war mein
Glück, dass viele Menschen bereit waren, mir ihre
Erfahrungen dieser Jahre zu schildern. Vor Ort
auch die Menschen nach ihren Lebenserinnerun
gen und den Bedeutungen der Ortschaften zu
befragen, war Türöffner und Last zugleich. Egal,
wie meine Erzählung am Ende strukturiert sein
würde, die Erinnerungen meiner Gesprächs
partnerinnen und Gesprächspartner würden
darin verzerrt erscheinen. Meine Erzählungen
würden die Ortschaften in jedem Fall umarbei
ten und nicht für jede oder jeden wiedererkenn
bar werden lassen. Die erzählte DDR des Buches
würde keinen Ersatz anbieten können für einen
untergegangenen Staat, verloren gegangene Orte
der Kindheit oder gar rechtsstaatliche Entschädi
gung. Ich konnte und musste also die Gegenwart
und die Bearbeitung von Erinnerung und Ge
schichte zum Thema das Buches machen. Die Figu
ren im Roman tauschen sich darüber aus, wie sie
mit ihren Geschichten umgehen wollen, welche
Erwartungen sie haben und wo Erzählungen ins
trumentalisiert werden für eigene Bedürfnisse.
Verkaufte die Hauptfigur ehemals ihre Beobach
tungen und Erlebnisse an die Stasi, ist es im Roman
der Ich-Erzähler, der sein Interesse an den aufre
genden Geschichten der Prostituierten der Stasi
geltend macht. Wie weit Geschichte(n), Erfahrun
gen und Erlebnisse ausgeschlachtet, ausgestellt
oder emphatisch beschrieben werden können,
blieb immerzu Herausforderung beim Schrei
ben des Romans. Vergangenheit und Gegenwart
waren hier nie voneinander zu trennende Ein
heiten. So arbeitete ich mich an den unterschiedlich
en Ebenen der Zeit und ihren Verschränkungen ab.
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Je länger ich am Roman schrieb, desto mehr wurde
mir bewusst, wie weit die Geschichte reicht und
wie sie ganz unmittelbar meine Wirklichkeit tan
giert. Gleichzeitig war mein Blick auf die Ereignis
se und Geschichten anfänglich ein distanzierter.
Ich musste mir die Nähe zur Geschichte erarbei
ten. Dabei spielten natürlich meine Erfahrungen,
Prägungen und (Un-)Wissen(-heiten) eine Rolle.
Die Distanz machte aber immer wieder auch
Möglichkeiten zum Perspektivwechsel auf. „Viel
leicht“, sagte eine meiner Gesprächspartnerinnen,
„hat eben dieser zeitliche Abstand es erst möglich
gemacht, über die Dinge so zu schreiben und zu
sprechen.“ Damit, so erklärte sie weiter, wäre eine
Offenheit erreicht, die es möglich machte, sensibel,
aber ehrlich über die Ereignisse und ihre Wir
kungen zu sprechen. Am Ende ist mit „Was du
kriegen kannst“ ein Buch entstanden, das eine
junge Frau durch die DDR begleitet. Nicht ein
moralisches Werturteil aus sicherer Distanz sollte
dieses Buch werden, sondern die emphatische
Annäherung an eine ambivalente Figur, die in den
Widersprüchen ihrer Gegenwart unterschiedliche
Wege sucht. Nicht die Aburteilung als Täterin
oder Opfer sollte das Ergebnis sein, sondern der
Versuch, auch komplexe Erzählungen aushalten
zu können.
Das wäre die Grundlage eines gemeinsamen Er
innerns: ein wertschätzender Umgang miteinan
der, um auch Worte und Sprache zu finden für
die unangenehmen und schwierigen Stellen. Das
Buch kann im besten Fall Teil einer gemeinsamen
Erzählung der DDR werden. Es kann nicht andere
Erzählungen ersetzen.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 26 –
Mittlerweile bin ich Mitte 30. Aus dem krabbeln
den Baby von 1989 ist ein erwachsener Mann
geworden. Meine Wirklichkeit ist nicht mehr
nur das Unmittelbare, sondern die Kontinuität
unterschiedlichster Beziehungen und die Viel
falt diverser Erfahrungswelten. Längst wächst
die zweite Generation nach dem Ende der DDR
auf. Stärker noch als zuvor stellt sich für sie die
Frage nach der Auseinandersetzung mit deren
Geschichte. Immer häufiger entdecken junge
Leute den Osten als ausschließenden Identitäts
marker. Völkische und antidemokratische Kräfte
haben in den neuen Bundesländern ungebremst
starken Zuwachs. Das Wissen über die DDR und
ihre Kontinuitäten verblasst. Gleichzeitig schei
nen Prägungsmuster ungebrochen durch. In
vielen Familien durchkreuzen sich mittler weile
die Erfahrungen von Ost und West. Die DDR
nicht zu erzählen, ist auch für die Zukunft un
vorstellbar. Vielmehr gilt es, die DDR zu erzählen
als einen integralen Bestandteil eines gemein
samen Erfahrungshorizonts und einer gemeinsa
men Zukunft. Dies bleibt Aufgabe dieser und
kommender Generationen.
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 27 –
28
Zum Begriff der Einheit
von Paula Fürstenberg
Wir brauchen die Einheit nicht
Dieser Gedanke begleitet mich schon seit 2017,
ganze acht Jahre. Es ist ein unerhörter Gedanke,
denn dass Ost und West zu einer Einheit zusam
menwachsen sollen, ist, seit ich denken kann, eine
unwidersprochene gesellschaftliche Zielsetzung.
Ich bin 1987 in Potsdam geboren, im Nachwen
deosten aufgewachsen und vom Glauben an die
sogenannte innere Einheit abgefallen, ich bin
eine verblühte Landschaft.
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Wenn ich sage, dass wir die Einheit nicht brau
chen, dann meine ich ausdrücklich nicht die
politische Einheit, also die schlichte Tatsache,
dass die zwei deutschen Staaten, die es bis 1990
gab, jetzt ein Staat sind. Die politische Einheit
ist vollzogen, und ich kenne niemanden, der das
rückgängig machen möchte. Es gibt einzelne
Ostdeutsche, insbesondere der älteren Generati
onen, die trotz allem überzeugte Sozialistinnen
oder Sozialisten geblieben sind, aber selbst die
wollen den Sozialismus nicht in Form der SED-
Diktatur zurück. Es gibt auch vereinzelte West
deutsche, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob
sie insgeheim ihre alte Bundesrepublik lieber
wieder für sich allein hätten, aber auch die haben
das so nie laut gesagt. Die einzige, die je die poli
tische Forderung erhoben hat, die Mauer wieder
aufzubauen, ist die Satirepartei Die Partei. Ange
sichts dessen ist es absurd, wie oft ich beteuern
muss, dass ich die DDR nicht zurückwill. Aber
auch Phantomschmerzen sind echte Schmerzen,
also schreibe ich es hier lieber noch mal hin: Ich
will die DDR auf keinen Fall zurück.
Seit zehn Jahren spreche und schreibe ich über
den Osten, aber mir kommen die Worte abhan
den. Eins nach dem anderen erscheinen sie mir
plötzlich fragwürdig.
1 Innere Einheit
Wenn ich sage, dass wir die Einheit nicht brau
chen, dann meine ich die sogenannte innere
Einheit – die mentale, geistige, emotionale Seite
der Einheit, das angestrebte Zusammengehörig
keitsgefühl. Ich halte die innere Einheit für ein
Phantom, die Soziologinnen Sandra Matthäus
und Daniel Kubiak nennen es die Einheitsfikti
on: „Gemeint ist damit die Vorstellung, dass der
politischen Einheit eine kulturelle Einheitlich
keit entspricht und entsprechen muss.“ 2017
sagte die Direktorin der Bundesstiftung zur Auf
arbeitung der SED-Diktatur, Anna Kaminsky:
„Die innere Einheit kommt nicht von heute auf
morgen, aber sie kommt.“ Ich bin anderer Mei
nung. Die innere Einheit kommt nicht, und
wir brauchen sie auch nicht. Das Problem liegt
im Wort selbst: Einheit ist zu eng verwandt
mit Einheitlichkeit, Einigkeit und Homogenität.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 28 –
29
Die numerische erste Silbe passt nicht zu dem
Land, in dem wir leben. Die ganze Idee ist inner
halb einer pluralistischen Gesellschaft hinfällig.
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2 Einheitstaumel
Am 3. Oktober 1990 sind beim Festakt am Bran
denburger Tor zwischen vielen Deutschland
fahnen auch etliche Reichsflaggen zu sehen, und
in der Nacht prügeln sich 1.500 Neonazis durchs
frisch vereinte Deutschland. Angegriffen werden
Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter, Men
schen of Colour, Linke und Hausbesetzerinnen
und Hausbesetzer. Die Einheit ist der Startschuss
für eine Eskalation rechter Gewalt, die jene Jahre
prägt, in denen ich aufwachse. Für manche
verläuft die friedliche Revolution in den ihr fol
genden Baseballschlägerjahren also gar nicht so
friedlich, wie es der Begriff nahelegt. Es ist auch
eine Geschichte des Versagens von Polizei und
Justiz, die die Bedrohten nicht schützen, während
sie die Nazis oft gewähren und straffrei davon
kommen lassen. Das Nichteingreifen der Ord
nungskräfte ist im Herbst 1989 ein großes Glück
und danach eine andauernde Schande. Und der
3. Oktober bleibt ein gefährliches Datum für
alle, die rechter Gewalt ausgesetzt sind. Die An
griffe werden als Einzelfälle betrachtet, die im
Einheitstaumel passiert seien. Taumel bedeutet
laut Duden a) Schwindel(-gefühl); b) rauschhafter
Gemütszustand, innere Erregung, Begeisterung,
Überschwang. Die gute Stimmung möchte man
sich nicht von den Nazis ruinieren lassen, die
also lediglich etwas einheitsduselig sind. Ganz
nach dem Motto: Im Rausch der Deutschen Ein
heit kann einem schon mal eine rechte Parole
aus dem Mund oder ein Baseballschläger in die
Hand rutschen. Der Politiker Klaus Landowsky
beschreibt die 90er als euphorische Entwicklung
in einer patriotischen Stimmung. Und er sagt
auch, wer nicht mitgemeint war: „Natürlich gab
es Prioritäten. Die patriotische Aufgabe war:
Integration des Ostens, nicht die der zugewan
derten Arbeitnehmer.“ Es war von Anfang an
klar, wer von der Einheitsparty ausgeladen ist.
3 Wiedervereinigung
Was ist mit wieder eigentlich gemeint, an welche
historische Wirklichkeit knüpft es an? Auch wenn
damit auf Bismarcks deutsche Einigung angespielt
werden sollte, auch wenn es anders gemeint war:
Das Wort ruft auch den Faschismus als Epoche
direkt vor der deutschen Teilung auf. Deshalb ent
scheide ich, nur noch von Vereinigung zu sprechen.
Ich streiche das wieder, weil es mir zuwider ist.
Foto: Jonas Ludwig Walter
Paula Fürstenberg,
geboren 1987 in Potsdam, ist Schriftstellerin und beschäftigt sich in
ihrer Arbeit mit der Nachwendegeneration und ihrer Ost-Sozialisie
rung. Ihre Romane „Familie der geflügelten Tiger“ (2016) und „Welt
alltage“ (2024) erschienen im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Sie lebt in Berlin.
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 29 –
30
4 Einheitssprache
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Und dann beschwert sich eine Frau im Publikum,
dass die Moderatorin von den neuen Bundeslän
dern spricht, sie fragt: Wie lange sollen wir noch
die Neuen sein? Die Moderatorin erklärt sich, sie
wolle nicht von dem Osten im Singular sprechen,
als seien die Ostdeutschen eine homogene Gruppe,
und die neuen Bundesländer seien immerhin
ein Plural. Ich finde, dass beide recht haben, und
überlege, ob Ostdeutschland eine Lösung sein
könnte. Aber dann fällt mir ein, dass die Rechten
es geschafft haben, Ostdeutschland zur Chiffre
für Rechtsextremismus zu machen. „Ost-, Ost-,
Ostdeutschland“, grölen sie im Fußballstadion.
Sie kleben es in Fraktur auf ihre Autos und täto
wieren es in ihre Nacken. Weil das von allen Va
rianten die schlechteste wäre, lasse ich die
Moderatorin und die Frau im Publikum allein
mit dem Problem und sage nichts. Uns fehlen
die Worte, wir bekommen nicht mal eine un
problematische geografische Bestimmung hin.
5 Endlich wieder homogen
Im „Handwörterbuch des politischen Systems
der Bundesrepublik Deutschland“ steht in allen
Auflagen von 1992 bis 2005 im Artikel zur Wie
dervereinigung Folgendes: „Wahrscheinlich
braucht es eine ganze Generation, bis Deutsch
land wieder eine vergleichsweise homogene
staatsbürgerliche Gesellschaft sein wird.“ Wieder.
Homogen. Könnte es sein, dass das mit der Deut
schen Einheit genau so gemeint war? Schon in
ihrer Geburtsstunde hat sie völkisch-homogene
Phantasien beflügelt, als sich die Losung von „Wir
sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ verschob.
Und das wird immer weiter festgeschrieben, wenn
Forsa allherbstlich fragt, ob die Deutschen denn
nun zu einem Volk zusammengewachsen sind.
Was, wenn das alles nicht bedauernswerter Bei
wuchs, sondern im Kern der gängigen Worte
angelegt war? Dann habe auch ich, Jugend in linken
Subkulturen hin oder her, den Kern dieser Worte
jahrzehntelang ausgepflanzt. Dann pflanzen alle,
die die Worte in den Mund nehmen, diesen Kern
immer weiter aus.
6 Deutsche Einheit
Die Deutsche Einheit ist als vieles erzählt worden.
In den allherbstlichen Reden zu den Jubiläen von
Mauerfall und Einheit ist sie eine Erfolgsgeschich
te, in der der Kalte Krieg friedlich beendet wird
und die Demokratie über die Diktatur siegt. In den
Erzählungen der damaligen Erwerbsbevölkerung
ist sie eine Geschichte der sozialen Abstiege, die
im Jobcenter spielt. In den Erzählungen der damals
Jüngeren ist sie eine Geschichte der so gewonnenen
wie zerronnenen Freiräume, die auf Brachen, in
Techno-Kellern und besetzten Häusern spielt und
die entweder mit Räumung oder mit Mietvertrag
und Brandschutzauflagen endet. In den Erzählungen
von Westdeutschen ist sie ein ewiges Fragezeichen,
wieso die Ostdeutschen trotz Asphaltierung ihrer
Innenstädte so unzufrieden sind. Aber jetzt ist 2025,
eine rechtsextreme Partei ist stärkste Kraft in allen
fünf ostdeutschen Flächenländern und bundesweit
auf Platz zwei. Die Zahlen rechter Gewalt steigen
stetig. Von hier sieht es so aus, als wäre die vereinte
Bundesrepublik der dritte gescheiterte Versuch,
nach dem Nationalsozialismus einen antifaschis
tischen Staat einzurichten, der diesen Namen ver
dient. Von hier sieht es so aus, als wäre es Zeit, die
Deutsche Einheit als das zu erzählen, was sie eben
auch ist: eine Geschichte des Wiedererstarkens des
Faschismus in Deutschland. Und es ist mir wirk
lich egal, wie gut unsere Gründe dafür sind, dass es
so weit kommen konnte. Als verblühte Landschaft
interessiere ich mich nicht für Rechtfertigungen.
Es geht darum, ein fundamentales Scheitern anzu
erkennen. Es geht darum, eine verpasste Chance
zu betrauern. Denn wir hätten es Einigung, Ver
einigung oder Neuvereinigung nennen können,
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 30 –
aber wir nannten es Wiedervereinigung. Wir hät
ten es Deutsche Vielfalt nennen können, aber wir
nannten es Deutsche Einheit. Forsa könnte jeden
Herbst fragen, wie es um die 1989 errungene Demo
kratie steht, aber Forsa fragt jeden Herbst, ob wir
zu einem Volk zusammengewachsen sind. Steffen
Mau schreibt, es kam zu einer „Unternutzung des
demokratischen Potenzials der friedlichen Protestbe
wegung“ und zu einer „Übernutzung des nationalen
Potenzials“. Wegen dieses nationalistischen, völki
schen und letztlich rechtsextremen Potenzials in den
Worten verschlägt es mir die Sprache. Rechte Grup
pierungen haben es verdammt leicht, die Erinne
rung an 1989/90 für ihre Zwecke zu beanspruchen.
Und all dem haben wir, die wir für eine demokrati
sche und pluralistische Gesellschaft einstehen, nicht
mal wehrhafte Worte entgegenzusetzen.
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Das Scheitern anzuerkennen, ist deprimierend,
aber notwendig – um den Kern der Worte nicht
immer weiter auszupflanzen und um neue Narra
tive zu finden, die die Vereinigung antifaschistisch
und pluralistisch erinnern und weiterdenken.
Und wenn ich als Schriftstellerin eines gelernt
habe, dann, dass Worte zwar wirkmächtig, aber
auch ersetzbar sind.
„Nie wieder ist jetzt“, stand Anfang 2024 bei den
größten Demos seit dem Mauerfall auf vielen
Plakaten. In diesem Sinne wünsche ich mir eine
Nie-wieder-Vereinigung.
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 31 –
32
wenn Influencerinnen und Influencer,
Podcasterinnen und Podcaster oder Politikerinnen und
Politiker einen wichtigen Punkt ausblenden: Die
extreme Rechte ist im gesamten Bundesgebiet
auf dem Vormarsch, und die Normalisierung des
Neonazismus ist schon seit Langem ein
gesamtdeutsches Problem, selbstverständlich auch in der
bayerischen Landeshauptstadt München.
Häufig ist es so: Hören meine Mitmenschen aus
anderen Regionen dieses Landes das Wort
Zwickau, denken sie (berechtigterweise) häufig an
Neonazis, rechte Gewalt oder an das
Untertauchen des Nationalsozialistischen Untergrundes
(NSU) in meiner Heimatstadt. Hören die gleichen
Mitmenschen dann das Wort München, schießen
ihnen Weißwürste, Oktoberfest oder der FC Bayern
in den Kopf. Das ist natürlich nicht nur deren
Problem, sondern auch das von klischeehafter
Berichterstattung, von Vorurteilen und von
staubigem Schubladendenken. Vor allem aber ist es
völlig absurd, schließlich steht München für vieles
Gute, war aber auch schon häufiger Schauplatz
rechtsextremer Gewalt: 2001 ermordeten die
Neonazis vom NSU den Gemüsehändler Habil Kiliç,
2005 den Einzelhändler Theodoros Boulgarides.
2016 tötete ein rechtsradikaler 18-Jähriger neun
Menschen am und im Olympia-Einkaufszentrum.
Als Aktivist und Autor für Demokratie,
Klimagerechtigkeit und Antidiskriminierung fahre ich
seit mittlerweile über zwei Jahren zu Lesungen
und Diskussionsrunden durch ganz Deutschland.
Weil ich mich nicht nur in meiner eigenen poli
tischen Blase bewegen will, diskutiere ich häufig mit
Schülerinnen und Schülern, in Kirchgemeinden
oder auch mal mit Angehörigen der Bundeswehr.
Vor wenigen Monaten war ich zu Lesungen in
München – in einem Literaturhaus und in
Schulen. Wie immer habe ich über meine Jugend im
sächsischen Zwickau, meine wechselseitige
Beziehung zu diesem Stück Erde, Neonazismus und
Möglichkeiten zur Stärkung der demokratischen
Zivilgesellschaft referiert.
Im Anschluss an eine dieser Veranstaltungen war
ich etwas erschrocken. Erschrocken darüber, wie
sehr mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn es
um die Krise der Demokratie geht. Eine Gruppe
Jugendlicher kam auf mich zu, bedankte sich und
zeigte sich erleichtert: „Wir in München leben
wirklich in einer heilen demokratischen Welt!
Das, was in Sachsen passiert, schockiert uns sehr.“
Zunächst habe ich mich für die
Gesprächsaufnahme bedankt, und dennoch hat ihre Aussage
wieder diese Bauchschmerzen in mir ausgelöst.
Diese Bauchschmerzen, die ich immer dann spüre,
Warum Rechtsextremismus
(k)ein ostdeutsches Phänomen ist
von Jakob Springfeld
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 32 –
33
Was ich mit diesen Anekdoten ganz sicher nicht
bewirken möchte? Dass wir Ossis jetzt plump auf
Wessis zeigen und die Vorgänge im Osten kleinre
den. Bei meinen Schullesungen in Ostdeutschland
sind Betroffene von Queerfeindlichkeit, Rassismus,
Antisemitismus und anderen Formen von Dis
kriminierung noch immer präsenter als in West
deutschland. Vor wenigen Wochen brach Gelächter
aus, als ich in einer Schule in Sachsen-Anhalt die
Biografie eines vom NSU ermordeten Menschen
vorgelesen habe. So was Drastisches ist mir in
Westdeutschland noch nie begegnet. Mir sind an
dieser Stelle drei Punkte besonders wichtig:
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Erstens: Alltagsrassismus, Normalisierung von
neonazistischen Gruppierungen und die Zustim
mung zu extrem-rechtem Gedankengut1 sind
im Osten weiter fortgeschritten als im Westen.
Die beschriebenen Phänomene finden sich aber
im gesamten Bundesgebiet.
Zweitens: Auch wenn die Lage in Bezug auf demo
kratiefeindliche Einstellungen in Westdeutschland
entspannter ist, ist das keinesfalls ein Garant oder
gar ein Automatismus dafür, dass das auch so bleibt.
Wer sich das nicht bewusst macht, handelt fahr
lässig, zeigt einseitig auf den Osten und sieht im
Zweifel den Wald vor lauter Bäumen nicht. Viele
Neonazis, die nach der Wiedervereinigung in den
Osten gezogen sind und dort in Regionen wesent
lichen Einfluss auf die Gesellschaft gewonnen ha
ben, werden ihr „Erfolgsmodell Ostdeutschland“
heute auf den Westen übertragen wollen – wenn
sie nicht schon voll dabei sind.
Drittens: Sie sind schon voll dabei. Extrem-rechte
Jugendgruppen schießen in Ost- und Westdeutsch
land aus dem Boden2, die Mobilisierungen gegen
Christopher Street Days nehmen überall zu3, und ne
ben dem Ost-West-Gefälle spielen vor allem Unter
schiede zwischen Stadt und Land4 eine große Rolle.
Was mir in der Debatte über „den“ Osten dann
aber vor allem zu kurz kommt? Der stärkere (aber
gesamtdeutsche) Rechtsextremismus in Ost
deutschland hat Ursachen: Wenn im Osten noch
immer weniger verdient wird als in Westdeutsch
land, wenn Ostdeutsche weniger erben und nicht
so oft in Spitzenpositionen vertreten sind, dann
macht das was mit der Bevölkerung. Etwas, das
auch an meiner Generation – ich bin 23 Jahre alt –
nicht vorbeigeht und eine (von vielen) Ursachen für
den Aufstieg der Extremrechten darstellt.
Foto: CocoVillosa
Jakob Springfeld
ist ein Aktivist aus Zwickau. Er engagiert sich für einen solidarischen
Osten und erhielt die Theodor-Heuss-Medaille für sein Demokratie-
Engagement. Am 31. Januar 2025 erschien sein Buch „Der Westen hat
keine Ahnung, was im Osten passiert – Warum das Erstarken der
Rechten eine Bedrohung für uns alle ist“.
1 https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/autoritarismus-deutschland-studie-100.html#:~:text=31%2C1%20Prozent%20der%20
Befragten,auf%2044%2C3%20Prozent%20gestiegen
2 https://www.zeit.de/2025/17/deutsche-jugend-voran-rechtsextremismus-jugendliche-gewalt-chats
3 https://cemas.io/publikationen/neue-generation-neonazis-mobilisierung-gegen-csd-veranstaltungen/cemas_-_2024-11_-_research_
paper_-_neue_generation_neonazis.pdf
4 https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/studie-afd-waehler-100.html
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 33 –
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Meine Eltern sind beide zu DDR-Zeiten geboren
und aufgewachsen. Meine Mama in Dresden,
mein Papa in Mosel bei Zwickau. Sie waren und
sind in der evangelischen Kirche aktiv und fanden
die DDR schon immer blöd. Sogar die Arbeitslosig
keit meines Papas nach der Wiedervereinigung
hat keinen bleibenden Frust hinterlassen – zu groß
die Dankbarkeit, endlich frei reden, frei reisen
und frei wählen zu dürfen. Diese grundsätzliche
Dankbarkeit, die freiheitlichen Privilegien nutzen
zu können, und dass das eben nicht selbstver
ständlich ist, wurden an mich weitergegeben und
prägen bis heute, bei aller Kritik, meinen Blick auf
diese Gesellschaft.
In Familien, in denen die Elterngeneration ange
passter an die DDR-Diktatur gelebt hat, sieht das
ganz anders aus. Wer die Kinderbetreuung, die
geringe soziale Ungleichheit oder die Vollbeschäf
tigung der DDR lobt oder diesen (meiner Meinung
nach in der Tat positiven) Aspekten
nostalgischbeschönigend hinterhertrauert, war wahrschein
lich kein Systemgegner oder politisch Verfolgter.
Ganz unabhängig davon, dass ich das kurzsichtig
und diktaturverherrlichend finde, hat auch das
Auswirkungen auf meine Generation. Wo Eltern
ihren Kindern von Abstiegserfahrungen während
des massiven Transformationsprozesses nach der
Wiedervereinigung erzählen – also von Arbeits
losigkeit, Umbruch und Familiendramen –, dort
entsteht in erneut umbrüchigen Zeiten, geprägt
von multiplen Krisen, Angst. Angst davor, dass
Ossis, ob jung oder alt, wieder einmal absteigen
könnten und während der zeitgleich stattfinden
den Transformation auf der Verliererseite stehen.
Für mich ist klar, dass beide Perspektiven wahrge
nommen werden müssen: Natürlich gibt es ein
zelne Dinge, die in der DDR (für die Angepassten)
gut gewesen sind. Wer dabei aber unausgesprochen
lässt, dass die DDR eine autoritäre Diktatur ge
wesen ist, unter der viele Menschen gelitten haben,
der hilft nicht der demokratischen Sache, sondern
nährt den Boden für heutige Autoritäre. Natürlich
müssen wir über Ost-West-Ungleichheiten spre
chen. Wir müssen darüber sprechen, dass diese
Ungleichheiten viel zu selten angegangen werden,
darüber, dass der Osten im Bundestags-Wahl
kampf kaum thematisiert wurde. All das darf
aber niemals zur Legitimation von Neonazismus,
Demokratiefeindlichkeit oder stumpfem Wessi-
Hass führen.
Bei Lesungen im Westen werde ich häufig gefragt:
„Warum redest du überhaupt noch über Ost- und
Westdeutschland? Was spielt das für eine Rolle für
deine Generation?“ Meistens antworte ich: „Na,
weil die Wiedervereinigung für Ossis viel mehr
verändert hat als für euch! Und weil das die Leute
betroffen macht. Es sät während heutigen Trans
formationsprozessen ein Grundmisstrauen, das
auch vor meinen Freundinnen und Freunden nicht
haltmacht.“ Ich rede nicht über Ost- und West
deutschland, weil ich das so toll finde, sondern weil
ich die Hoffnung habe, dass dieses Sprechen eines
Tages dazu führt, nicht mehr darüber sprechen
zu müssen! Nur wenn wir Demokratinnen und
Demokraten über „Ostdeutschland“ sprechen,
verhindern wir eine Vereinnahmung dieses Begrif
fes durch Antidemokraten.
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Wenn junge Neonazis „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“
schreien, würde ich manchmal gern noch lauter
„Ost-, Ost-, Ostdeutschland“ zurückrufen. Warum?
Natürlich sehe ich mich in erster Linie als Europä
er und Mensch, aber wenn Neonazis den Flecken
Erde, den ich meine Heimat nenne, vereinnah
men wollen, dann kann ich doch nicht einfach so
dabei zusehen. Ich bin auch Ossi, und ich bin kein
Neonazi. Denke ich aber an die jungen Leute,
denen ich im Schulkontext begegne, dann wird
mir wirklich angst und bange. So oft wurde ich in
letzter Zeit von Lehrkräften als eine Art Feuerlö
scher kontaktiert: „Bring mal unsere Neonazi-Kids
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 34 –
davon ab, Neonazis zu sein!“ Danach folgen Be
richte über Hakenkreuze in Schulbänken, Hitler
grüße oder rechte Gewalt. Warum mir das oft zu
kurz greift?
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Die Idee, mich als Feuerlöscher zu buchen, ist
kein langfristiger Ansatz. In der Zeit, in der ich
einen Neonazi davon überzeugen kann, kein
Neonazi mehr zu sein, kann ich im besten Falle
mit zehn Willigen eine Antidiskriminierungs-
AG gründen, einen Protest organisieren oder ein
Dutzend Nichtwählende zur Wahl animieren.
Denn auch wenn wir über junge Neonazis spre
chen, ist mir die Diskussion oft zu platt. Wenn
Medien über „die“ Neonazi-Jugend im Osten
sprechen, dann nehmen das die Kaderschmieden
dankend an und sagen: „Ja, wenn du jung und
ostdeutsch bist, dann musst du auch Neonazi
sein!“ Unter diesen Umständen fällt es mir
schwer, mich „ostdeutsch“ zu nennen, obwohl
das eigentlich nichts Schlimmes sein sollte.
Neonazis erweisen mit ihrem Verständnis von
„Ostdeutschland“ den demokratischen Ossis
einen Bärendienst, denn jeder neonazistische
Ossi unterfüttert die klischeehafte Erzählung
über „den“ extrem-rechten Osten mit Tatsachen,
die mein Unwohlsein, mein mulmiges Gefühl
immer weiter stärken. Nur sollten im Jahr 2025
vielleicht auch mal langsam einige Wessis ein
mulmiges Gefühl bekommen. Nur weil sie zufällig
in (West-)Deutschland geboren sind, sind sie
nicht frei von Rassismus, Antisemitismus und Co.
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 35 –
36
Aufgewachsen in der (K)Einheit –
Die ostdeutsche Generation Z
als Zuhörerin und Erzählerin
von Vanessa Beyer und Lisa Trebs
Woran denken wir, wenn wir uns
eine ostdeutsche Person vorstellen?
Weiß, männlich, rückwärtsgewandt und abgehängt?
Dieses stereotype Bild hält sich hartnäckig – auch
mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung.
Das zeigt eine Datenanalyse der Produktionsfirma
Hoferichter & Jacobs in Zusammenarbeit mit der
Universität Leipzig. Sie ließen mehrere Hundert
Millionen Presseartikel seit 1990 untersuchen
und zeigten auf, was auch wir bereits spürten:
Ostdeutschland wird medial überwiegend negativ
dargestellt, als Abweichung von einer Norm, als
Krisenregion, geprägt von Demokratiezweifeln
und Machtlosigkeit. Begriffe wie vielseitig, soli
darisch oder demokratisch kamen selten vor.
Doch diese anderen Narrative gibt es! Und es gibt
Menschen wie uns, Vanessa Beyer und Lisa Trebs,
die vermutlich nicht ins gängige Bild passen. Wir
sind im Osten aufgewachsen – jung, weiblich und
mit Blick nach vorn. Sind wir gemeint, wenn Ost
deutsche als politikverdrossen oder rückständig
beschrieben werden? Was bedeutet die ostdeutsche
Identität für uns, wir, die die DDR und Wende nur
aus Erzählungen kennen?
Diese Fragen haben uns lange beschäftigt. Zu oft
fehlten unsere Erfahrungen in der öffentlichen
Debatte, zu selten hörten wir junge Menschen
sprechen. Deshalb haben wir im Jahr 2022 die Se
riendoku „(K)Einheit – Wie die Gen Z über den
Osten denkt“ gestartet. Wir porträtieren zehn junge
Menschen zwischen 18 und 26 Jahren, zeigen ihre
Lebensrealitäten fernab gängiger Klischees und
ihren Blick auf das vereinte Deutschland, ihre
Herkunft und fragen nach Zukunftsperspektiven.
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Wir zeigen Stimmen, wie die von Mazlum, der
erzählt, wie es ist, als nicht weißer Ostdeutscher
aufzuwachsen und den erzgebirgischen Dialekt
auch in seiner neuen Wahlheimat Mannheim
nicht ablegen zu wollen. Marie fragt sich, ob sie
nach dem Studium zurück nach Brandenburg
geht, weil Veränderung für sie vor Ort beginnt.
Und Hoang wünscht sich, dass Chemnitz für die
dortige Techno-Szene bekannt wird.
Diese Seriendoku ist eine Einladung, Ostdeutsch
land durch die Augen einer neuen Generation zu
erleben – lebendig, widersprüchlich, erzählenswert.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 36 –
37
Zuhören, reden, weiterdenken
Schnell wurde klar: Eine Seriendoku allein reicht
nicht. Das Thema bewegt – und viele in unserer
Generation haben Redebedarf. Deshalb organisieren
wir mit unserer Initiative (K)Einheit Workshops,
Filmgespräche und Diskussionsrunden, ehrenamt
lich und oft generationenübergreifend.
Unsere Veranstaltungen sind meist offen für alle –
und oft kommen dabei verschiedene Generationen
ins Gespräch. Ältere fragen uns dann: Warum be
schäftigt das die Jugend noch? Das hat doch nichts
mehr mit euch zu tun! – Als wäre das Thema längst
abgehakt. Doch fast alle Nachwendegeborenen
haben eine Meinung dazu. Das Thema ist bis heute
präsent, weil es uns in Familien, in der Schule, in
Medien und im politischen Alltag begegnet.
Die Deutsche Einheit wurde von relativ wenigen
Menschen in der Bürgerbewegung der DDR her
beigeführt und ist vielen passiert. Aber was sie mit
den Menschen gemacht hat, wurde anscheinend
zu oft übergangen. Gerade ältere Generationen
erzählen uns von Brüchen in ihrer Biografie –
wirtschaftlichen Verlusten, persönlichen Enttäu
schungen und emotionalen Verletzungen nach
der Wende. Bei vielen unserer Veranstaltungen
entstehen daraus sehr persönliche Gespräche.
Jüngere Teilnehmende erkennen darin Zusammen
hänge mit heutigen Erfahrungen. Manchmal sind
die Workshops die ersten Augenblicke, in denen
sie die Verknüpfungen verstehen lernen und Worte
dafür finden. Sie spüren: Vieles wurde nie richtig
ausgesprochen. Die Erzählungen, die wir kennen,
lassen oft keinen Platz für Ambivalenzen – für all
das, was gleichzeitig mit der Wende passiert ist:
Aufbruch und Abschied, Erfolg und Verlust, Neu
anfang und Unsicherheit.
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Auch die Generation Z braucht Raum für ihre Er
fahrungen: Viele junge Menschen im Osten fühlen
sich mit dem Ort verbunden, an dem sie aufge
wachsen sind – mit ihrer Gemeinde oder ihrer
Region, mit Dialekten, kulinarischen Traditionen
und kulturellen Besonderheiten. Und sie erleben,
Vanessa Beyer,
geb. 1997, aufgewachsen bei Leipzig, Beraterin für politische
Kommunikation und öffentliche Beteiligung. Co-Gründerin der
Initiative (K)Einheit und Co-Leitung von „Generationsgeschichten:
Grenzen überwinden, Identität(en) gestalten“ für die Kulturhaupt
stadt Europas – Chemnitz 2025.
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Lisa Trebs,
geb. 1997, aufgewachsen bei Leipzig, Referentin in der Entwicklungs
politik. Co-Gründerin der Initiative (K)Einheit und Co-Leitung
von „Generationsgeschichten: Grenzen überwinden, Identität(en)
gestalten“ für die Kulturhauptstadt Europas – Chemnitz 2025.
Foto 1: CocoVillow; Foto 2: Anika Dollmeyer & VNG
1
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 37 –
38
wie genau das in überregionalen medialen Dis
kursen, aber auch persönlichen Begegnungen mit
Gleichaltrigen belächelt oder abgewertet wird.
Gleichzeitig fühlen sich viele entfremdet, wenn in
ihrem Umfeld rechte bis rechtsextreme Positio
nen normaler werden. Das führt zu einem Gefühl
innerer Zerrissenheit.
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Als (K)Einheit nehmen wir diese Emotionen ernst.
Doch oft fehlen reale Räume, in denen sie ihren
Platz finden. Unsere Formate sind Werkstätten für
ehrliche Gespräche – auch wenn es emotional wird
und gegensätzliche Positionen aufeinandertreffen.
Wir reden weiter über das, was war, und das, was
sein kann. Wir setzen uns für die Vermittlung von
Emotionen in Räumen ein, in denen Platz für Span
nungen, Gleichzeitigkeiten und Widersprüche ist.
Identität(en) – alle, keine
und dazwischen
Wir gehören zu einer Generation, die mehrheit
lich europäisch denkt, sich einmischt und de
mokratisch engagiert. Viele von uns leben ihre
ostdeutsche Identität bewusst – oft anders als
frühere Generationen, die ihr Ostdeutschsein
bewusst nicht zur Sprache brachten. Und diese
Identität gehört nicht denen, die sie für politische
Zwecke missbrauchen wollen.
Populisten und extreme Parteien versuchen,
ostdeutsche Identität für ihre Zwecke zu verein
nahmen. Sie füllen sie mit Angst, Ausschluss und
alten sowie neuen Feindbildern. Wir setzen da
gegen: Identität, die in Begegnungen, Erfahrungen
und Geschichten entsteht – offen, vielfältig und
widersprüchlich. Und sie ist hybrid, schließt an
dere Identitäten nicht aus:
Sammy aus Sachsen beschreibt sein politisches
Engagement für Demokratie als Teil seiner ost
deutschen Identität. Mazlum bezeichnet sich als
Sachse mit Migrationshintergrund, verbunden
mit seiner erzgebirgischen Heimatstadt, auch wenn
er inzwischen woanders lebt. Für Lea ist Heimat
verknüpft mit Kindheitserinnerungen an nachbar
schaftliche Schrebergärten, Spirelli mit Jagdwurst
und „Kling Klang“, aber auch mit dem Erstarken
rechter Haltungen. Und Hoang fühlt sich nicht
ostdeutsch, hat aber ein Verständnis für die Er
fahrungen seiner Eltern als Vertragsarbeiterinnen
und Vertragsarbeiter in der DDR und wie wenig
diese Biografien gesehen wurden. Diese Geschich
ten zeigen: Identität ist nicht festgelegt. Sie entsteht
im Alltag – durch Sprache, Musik, Architektur,
Nachbarschaft, Familie. Sie verändert sich, ist nicht
eindeutig, ist vielschichtig.
Wo steht diese Generation Z
im Ostdiskurs?
Die Generation Z erlebt die Emotionalität und
versteht die sachliche Analyse. Anders als frühere
Generationen verspüren viele von uns nicht mehr
das unmittelbare Gefühl von „Der Westen hat uns
alles genommen“. Stattdessen schauen wir analy
tisch auf strukturelle Unterschiede: wirtschaftliche
Disparitäten, fehlende Repräsentation, schwächere
Infrastruktur. Und wir schauen auf gewachsene
Strukturen von Macht, die wir besprechbar machen
wollen. Was uns trifft, ist das Schweigen darüber.
Die Leerstelle im Diskurs. Die Unsichtbarkeit von
vielfältigen ostdeutschen Erfahrungen.
Wenn die dritte Generation Ost sich eine besondere
Transformationskompetenz zuschreibt, sehen wir
bei unserer Generation eine klare Erzählkompetenz.
Wir erklären nicht, wie die DDR war oder Treuhand
ablief. Wir erzählen, wie wir heute Ostdeutschland
erleben. Erinnerung ist keine Ostalgie mit der
Sehnsucht nach einer Zeit, die wir nie kennenge
lernt haben. Für uns ist sie der Versuch, die Gegen
wart zu verstehen und daraus Zukunft zu gestalten.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 38 –
39
Wir verstehen uns als Teil einer gesamtdeutschen
Erzählung. Ostdeutsche Herausforderungen betref
fen das ganze Land. Wenn Misstrauen wächst und
rechte Narrative an Boden gewinnen, geht es um
mehr als um regionale Probleme – es geht um un
sere gemeinsame Zukunft. Zusammenhalt entsteht
nicht von allein. Es braucht Anerkennung, Vielfalt
und das Gespräch darüber, was uns verbindet. Des
halb suchen wir den Austausch – auch mit west
deutschen Gesprächspartnerinnen und -partnern.
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Wir sehen Ostdeutschland nicht als Abweichung
von der Norm. Für uns ist der Osten Teil eines
europäischen Raums. Das zeigt unser aktuelles
Projekt „Generationsgeschichten – Grenzen
überwinden, Identität(en) gestalten“, das wir für
die Kulturhauptstadt Europas – Chemnitz 2025
umsetzen. Gemeinsam mit Partnerinnen und
Partnern aus Polen und Tschechien und Akteu
rinnen und Akteuren aus Thalheim, Zwickau
und Chemnitz fragen wir: Wie erinnern sich Ge
sellschaften an den Sozialismus? Und wie gehen
junge Menschen mit den spürbaren Folgen des
Systemwandels um?
Dabei entstehen lebendige Aushandlungsprozesse
über Begriffe wie Heimat, Zugehörigkeit, Enttäu
schung und Verantwortung. Unser Ziel ist ein ge
meinsames Verständnis von Gegenwart und Zu
kunft – lokal verwurzelt und europäisch vernetzt.
Der Blick nach vorn:
Generation Z(ukunft)
Wir blicken kritisch auf Vergangenheit und
Gegenwart – und gestalten die Zukunft aktiv: in
Ostdeutschland, in Deutschland, in Europa.
Dabei begleiten wir junge Menschen, ihre Pers
pektiven sichtbar zu machen. Gemeinsam mit
ihnen entwickeln wir konkrete Zukunftsbilder.
Wir sprechen über demokratische Teilhabe,
kulturelle und soziale Zugehörigkeit, über Mo
bilität und Bleibeperspektiven.
Unsere Räume stehen jungen Menschen offen,
auch abseits der Großstädte. Denn Zukunft ent
steht nicht nur in Berlin oder Leipzig, sondern
auch in Zwickau, Gera oder Oberbösa. Sie zeigt
sich vor Ort beim Wunsch nach Volleyballspielen
mit Alt und Jung am Sonntag oder in überregio
nalen Diskussionen über politische Bildung. Sie
beginnt lokal – und reicht weit darüber hinaus.
Unser Ziel für die kommenden Jahre: Perspektiven
schaffen im Osten und dabei immer das größere
Ganze im Blick behalten. Wir stehen für einen
reflektierten, zukunftsoffenen Umgang mit ost
deutscher Erfahrung. Für einen Osten, der Unter
schiede aushält, Verantwortung übernimmt und
neue Geschichten zulässt.
(K)Einheit ist unsere Stimme. Wir laden ein zum
Zuhören, Mitdenken, Mitmachen. Denn neue
Perspektiven entstehen nur im Dialog – im Streit,
im Zweifel, im Gespräch vor Ort. Für ein Land, das
alle Geschichten miteinander teilt.
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 39 –
40
Was treibt junge Bürgermeister
in Ost und West um?
Die Kommune ist die politische Einheit, die den Alltag der Menschen prägt. In den Gemeinden werden aus
abstrakten Regeln von europäischer, nationaler und Landesebene sehr konkrete Straßen, Kita-Plätze und
ÖPNV-Anbindungen. Zugleich sind die Bürgermeister im direkten Austausch mit den Menschen – eben
„vor Ort“. Sie wissen, was funktioniert und was nicht, was die Menschen bewegt und was aufregt. Zwei der
jüngsten Bürgermeister aus ländlichen Gemeinden berichten aus Ost und West.
Warum sind Sie so jung Bürgermeister
geworden, und wie lief das ab?
Lena Burth: Ich war in der Finanzverwaltung als
Betriebsprüferin tätig. Bei einer Veranstaltung in
Ludwigsburg habe ich „Bürgermeisterin“ als
Berufsbild kennengelernt und mir gedacht, das
kann ich mir vorstellen, das traue ich mir zu.
Bei der Bürgermeisterwahl waren insgesamt
sechs Bewerber, davon übrigens vier Frauen. Ich
bin als freie Kandidatin angetreten mit der
Unterstützung von Familie und Freunden: Die
Bilder für die Flyer hat eine Freundin von mir
gemacht, die Hobbyfotografin ist. Gestaltet hat
sie der Dirigent meines Musikvereins, und ver
teilt habe ich sie selber.
Patrick Albrecht: Ich habe eine Ausbildung ge
macht zum Verwaltungsfachangestellten und
dann 2022 noch ein Studium angefangen zum
Diplom-Verwaltungswirt. Eines Abends saß ich
in Gotha, dort ist mein Studienort, mit meinem
Kommilitonen am WG-Tisch, und wir haben ge
grübelt: Wer könnte sich bei der Bürgermeister
wahl in unserem Ort aufstellen lassen? Von da an
reifte der Gedanke, selbst anzutreten. Ich war
und bin parteilos. Das heißt, ich brauchte 80
Unterstützerunterschriften, um mich aufstellen
lassen zu können. Für diese Unterschriften bin
ich von Tür zu Tür gegangen. Und viele Unter
schriften bekam man nur, wenn man sich auch
ordentlich unterhielt: Ich saß da an so manchem
Küchentisch bei den Bürgerinnen und Bürgern.
Sie haben mir Anregungen mit auf den Weg ge
geben, was sie gerne in der Stadt anders hätten.
Die Tagespresse hat dann jedem der vier Bewerber
die Möglichkeit gegeben, ein Porträt von sich zu
veröffentlichen. Außerdem gab es eine Podiums
veranstaltung – also alles ganz fair. Ein bisschen
unsportlicher wurde es bei der Stichwahl. Mein
Konkurrent hat einen Flyer veröffentlicht, in wel
chem er – so interpretiere ich es – ausdrücken
wollte, wenn man noch studiert, kann man nicht
vernünftig Bürgermeister sein.
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Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 40 –
41
Wenden wir den Vorwurf ins Positive: Was
machen Sie beide als unter 35-Jährige anders als
ältere Bürgermeisterinnen und Bürgermeister?
Burth: Ich glaube, das Alter ist nicht entscheidend,
jeder Bürgermeister bringt so oder so seinen eige
nen Stil mit. Da ich vom Finanzamt komme als
Betriebsprüferin, liegt mir zum Beispiel der Kom
munalhaushalt sehr, sehr am Herzen.
Albrecht: Ich denke, was uns von älteren Kollegen
unterscheidet, ist der Zugang zu den Medien. Ich
habe zum Beispiel nach der Wahl direkt einen
WhatsApp- und einen Instagram-Kanal eröffnet,
über den ich einfach die Bürgerinnen und Bürger
mitnehme. Über das, was halt so tagesaktuell in
der Stadt passiert, wo ich auch das Feedback be
komme. Die Menschen, die hier wohnen, wollen
mitgenommen werden.
Burth: Die Transparenz von Politik und der direkte
Austausch sind zusammen ein wichtiger Punkt.
Das sehe ich auch so. Was wir jetzt neu machen
werden dieses Jahr, ist eine Gemeinde-App.
Aber das heißt, Sie haben keine Themen, mit de
nen Sie als junge Bürgermeisterin und Bürger
meister angetreten sind, sondern Sie regeln das,
was in Ihrem Ort zu regeln ist?
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Burth: Ja, und anders geht es auch nicht. Unsere
Haushaltslage ist sehr prekär. Wir haben in diesem
Jahr gerade mal die schwarze Null hinbekommen.
Ich glaube aber nicht, dass wir im nächsten Jahr
noch einen ausgeglichenen Haushalt haben wer
den. Und so wird uns der Gestaltungsspielraum
genommen; eigentlich haben wir nur noch das
Geld für unsere Pflichtaufgaben.
Albrecht: Das hast du schön gesagt. Das ist hier
bei uns genauso. Das ist eigentlich ganz schlimm.
Was sind denn die drei zentralen Themen Ihrer
Gemeinde, die Sie regeln müssen?
Burth: Das größte Thema ist der Investitions
rückstau. Ostrach ist eine der flächengrößten
Gemeinden in Baden-Württemberg. Wir sind
relativ zersiedelt in 29 Teilorte. Dafür reicht das
1
Patrick Albrecht
Mein Name ist Patrick Albrecht, ich bin 24 Jahre alt und lebe schon
immer in der ländlichen Kleinstadt Gößnitz am Rande von Thüringen.
Nach meinem Abitur verschlug es mich in die öffentliche Verwaltung,
machte hier eine Ausbildung, danach ein Studium und seit 2024 bin
ich Bürgermeister dieser idyllischen Stadt.
Lena Burth
Abschluss des Bachelor of Laws sowie die Laufbahnprüfung des
gehobenen Dienstes an der Hochschule für öffentliche Verwaltung
Ludwigsburg. Von 2018–2023 tätig als Landesfinanzbeamtin, zuletzt
in der Funktion als Betriebsprüferin. Seit 2023 Bürgermeisterin der
Gemeinde Ostrach.
Foto 1: Sandra Tetzner Fotodesign; Foto 2: Ingo Rack
2
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 41 –
42
Geld aber nicht. Meine Straßen sind einfach
absolut desolat. Was uns jetzt noch zusätzlich
Sorgen macht, ist das Thema Breitband. Wir
kriegen zwar die Bundesförderung, allerdings
hat sich die Förderkulisse geändert, sodass
wir trotzdem eigenes Geld investieren müssen,
damit unsere Bürgerinnen und Bürger über
haupt einen Glasfaseranschluss haben, und
unsere Bürgerinnen und Bürger müssen auch
einen Eigenanteil zahlen. Und so geht es weiter
über das Feuerwehrhaus, dessen Brandschutz
nicht mehr ausreicht, zur Ganztagesbetreuung
an Grundschulen. Das ist eine Bundesvorgabe.
Dafür müssen wir anbauen an unsere Schule.
Das ist einerseits ein gutes Projekt, aber anderer
seits haben wir genügend andere Investitionen,
die wir für den Erhalt der Schule aufbringen
müssten – in unsere Sporthalle regnet es rein.
Also viele Aufgaben, aber wenig Geld. Und bei
Ihnen, Herr Albrecht?
Albrecht: Das ist bei uns genauso. Ich war vor
Kurzem bei einer Fachtagung, wo auch die
Thüringer Aufbaubank dabei war. Die haben
selber gesagt, seit Jahren haben wir eine nega
tive Investitionsrate. Das heißt, wir leben auf
Verschleiß. Wir können nicht mehr investieren,
weil wir kein Geld haben. Wenn man dann ins
Auge fasst, das Ganze mit Krediten zu finanzie
ren, dann muss man schauen, ob die Rücklage
der Gemeinde überhaupt passt, damit wir kredit
würdig sind. Was wir zum Glück nicht haben, ist
die Herausforderung mit der Ganztagsbetreuung.
Hier im Osten gab es die sogenannten Horte an
den Grundschulen früher schon.
Ich möchte außerdem noch das Thema Fach
kräftemangel in der Verwaltung unterstreichen.
Jedes Jahr überlegen sich Bund oder Land, dass
sie noch ein paar Aufgaben an die Kommunen
abgeben wollen. Wir hier in der Kommunalver
waltung wissen gar nicht mehr, mit welchen
Personalressourcen wir das stemmen sollen. Und
das wird auch noch verstärkt, wenn größere Ge
meinden bei uns einfach in der Lage sind, höhere
Gehälter, höhere Entgeltgruppen zu zahlen.
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Burth: Ja! Wir haben fast ein Dreivierteljahr eine
Erzieherin für unseren Kindergarten gesucht.
Themen, die medial eine große Rolle spielen, wie
die Aufnahme von Flüchtlingen, sind bei Ihnen
nicht wichtig?
Burth: Doch, das war meine allererste Aufgabe,
als ich frisch gewählt worden bin. Da hat es direkt
vom Landratsamt geheißen, Sie müssen mehr
Flüchtlinge aufnehmen. Aber bei uns war alles voll.
Wir hatten dann mehrere Krisensitzungen im
Gemeinderat. Am Ende konnten wir die Aufgabe
lösen. Wir haben eine Immobilie gekauft, weil
wir zur Integration nicht beitragen, wenn wir
Container irgendwo aufstellen. Die Bürger waren
am Anfang nicht begeistert, aber ich würde sagen,
die Flüchtlinge haben sich ganz gut integriert.
Albrecht: Ich hatte das Problem nicht. Als der
Ukrainekrieg losging, hat der Landkreis die
Flüchtlinge untergebracht. Viele wurden auch
privat aufgenommen. Ansonsten wäre die
Einstellung auch vermutlich in der Gemeinde
ähnlich wie bei Frau Burth, dass da erst mal eine
große Skepsis da wäre.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 42 –
43
Nehmen Sie eine Polarisierung in der Gesellschaft
wahr? In Deutschland allgemein und in Ihrer
Gemeinde im Speziellen? Und welche Themen
sind es dann, wenn es so was gibt bei Ihnen?
Burth: Also was wir feststellen, ist, dass es grund
sätzlich weniger Gemeinschaftsbewusstsein bei
den Bürgerinnen und Bürgern gibt. Wir haben
zum Beispiel einen Badesee bei uns mit einer Lie
gewiese und haben dafür auch einen Parkplatz
unbürokratisch ausgewiesen, weil wir diesen
schönen Ort für viele sichern wollten. Aber es
funktioniert leider nicht: Besucher parken in
der landwirtschaftlichen Fläche, weil sie vielleicht
fünf Meter weniger laufen wollen, es wird wild
Müll abgelagert, und Stand-up-Paddler nehmen
häufig keine Rücksicht auf die Badegäste. Das
ist schade; es könnte da draußen so schön sein,
wenn jeder einfach ein bisschen Rücksicht auf
die anderen nimmt.
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Albrecht: Wir haben hier die Polarisierung im
Osten, ganz typisch, wie es allseits bekannt ist. Es
werden immer krassere Meinungen zur
Landesoder Bundespolitik vertreten. Aktuell bestimmend
ist der Ukrainekrieg, mit dem wir gar nicht so
viel zu tun haben als Gemeinde, aber der hier im
mer wieder Thema ist.
Ein großes Thema, mit dem wir als Gemeinde
wirklich zu tun haben, sind die Energiepreise: sei
es das Gas bei uns oder aber auch, dass die Sprit
preise durch die CO2-Abgaben immer weiter stei
gen. Das ist hier auf dem Land ein ganz großes
Problem. Durch diese gestiegenen Energiepreise
steigen zum Beispiel auch die Baukosten im All
gemeinen. Personalkosten steigen immer weiter.
Es bringt uns als Gemeinde auch immer wieder
Probleme, und ich sitze als Gemeinde eigentlich im
gleichen Boot wie die Bürger.
Und wie ist der Ton in der Politik bei Ihnen in der
Ratsversammlung? Gibt es da eine Polarisierung
zwischen den Fraktionen?
Albrecht: Bei uns lebt der Stadtrat nicht von den
großen Parteien, wie sie bekannt sind aus
Bundesoder Landespolitik. Bei uns lebt der Stadtrat von
Bürgerinitiativen. Da sehen sich die wenigsten als
Bestandteil einer Partei.
Burth: Wir haben drei verschiedene Listen, CDU,
SPD und Freie Wähler. Aber ich würde jetzt sagen,
alle drei Listen, auch wenn sie einen Parteinamen
tragen, machen bei uns keine Parteipolitik. Es
gibt auch keinen Fraktionszwang wie in
Bundesoder Landespolitik.
Sie sind beide aufgrund Ihres Alters im ver
einten Deutschland aufgewachsen. Nehmen Sie
Ost und West noch persönlich als relevante
Unterscheidung wahr? Und wie ist es bei Ihnen
in der Gemeinde?
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Burth: Ich habe für mich nie einen Unterschied
gemacht, ob jemand aus dem Osten oder Westen
kommt. Aber bei mir in der Gemeinde hätte ich
jetzt doch einen Punkt: Kindergartengebühren.
Da schauen unsere Bürgerinnen und Bürger
immer neidisch in Richtung Osten, weil wir die
Gebühren regelmäßig erhöhen müssen. Vorgese
hen ist, dass eigentlich 20 Prozent der tatsächlichen
Kosten für die Kita-Betreuung von den Eltern
gezahlt werden müssen. Bei uns in der Gemeinde
tragen die Eltern ca. 11 bis 12 Prozent der Kosten,
und wir müssen die auch regelmäßig erhöhen.
Aufgrund der Tariferhöhungen haben wir allein
letztes Jahr die Beiträge um fast 12 Prozent erhöhen
müssen. Im U3-Bereich für Kinder in der Ganzta
gesbetreuung zahlen die Eltern 639 Euro und im
Ü3-Bereich aktuell 381 Euro.
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 43 –
44
Das ist viel Geld, und da kommt dann schon
auch die Aussage: „Hier müssen die Eltern Kita-
Gebühren zahlen, während sich im Osten die
Länder darum kümmern – mit unserem Geld
aus dem Länderfinanzausgleich.“
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Albrecht: Bei uns zahlen die Eltern tatsächlich auch.
Wir haben Gebühren von ca. 350 Euro pro Monat.
Bei uns sind nur die letzten beiden Jahre kostenlos.
Wir wollen ja noch wissen, was Herr Albrecht
über Ost und West denkt und ob das in seiner
Gemeinde noch ein Punkt ist.
Albrecht: In den Köpfen der Älteren gibt es diese
Trennung häufig noch, das kriege ich dann auf
Geburtstagsfeiern oder größeren Festen immer
mal zu hören. Oft sind hier unterschiedliche Ge
hälter der ausschlaggebende Punkt. Und umge
kehrt nehme ich so ein Jugend-Ding wahr, dass
die Jugendlichen von hier stolz darauf sind, Ossi zu
sein. Das verstehe ich nicht, denn rein vom Leben
her, finde ich, gibt es heute keinen Unterschied
mehr. Ich sage das bewusst, weil ich es früher selbst
anders erlebt habe: Als ich 2019 mit meiner Aus
bildung angefangen habe, hat der Tarifvertrag im
öffentlichen Dienst noch zwischen Ost und West
unterschieden, trotz 30 Jahre Mauerfall.
Jetzt, da Sie sich gegenseitig ein bisschen zugehört
haben: Nehmen Sie eher wahr, dass Sie in einem
Team sind, weil Sie beide eher kleine ländliche
Gemeinden vertreten? Oder haben Sie eher
Unterschiede zwischen Ost und West gesehen?
Burth: Ich glaube, wir kämpfen mit den gleichen
Problemen, oder?
Albrecht: Spätestens als ich das mit den Straßen
gehört habe, dachte ich: ja!
Ich dachte immer, im Westen sind die Straßen
aus Gold, wie ich es von den Älteren gehört habe.
Aber ich glaube inzwischen, dass die Gemeinde
straßen dort genauso schlecht sind wie bei uns.
Burth: Aus meiner Sicht ist nicht der Unterschied
Ost-West entscheidend, sondern der zwischen
Stadt und Land. Ostrach ist eine der ländlichsten
Gemeinden in ganz Baden-Württemberg. Wir fah
ren eine Stunde in jede Richtung, bevor man über
haupt die Autobahn sieht. Der Bus, der einmal
stündlich fährt, bindet mir auch nur 2 von 29 Teil
orten an. Ein Drittel unserer Kommune hat über
haupt gar kein Handy-Netz. Also wir sind tatsäch
lich sehr abgehängt hier im ländlichen Raum.
Albrecht: Dem kann ich mich anschließen. Stadt –
Land ist der zentrale Gegensatz in Deutschland.
Unsere Lage ist da allerdings besser:
Wir haben überall Handy-Empfang, sind schon gut
ans Glasfasernetz angeschlossen, und eine Autobahn
haben wir auch in zehn Minuten Entfernung.
Wenn Sie sich eine Sache wünschen können für
die Zukunft Ihrer Gemeinde, was würden Sie sich
wünschen, damit Sie Ihre Themen regeln können?
Burth: Mehr Gestaltungsspielraum.
Sowohl finanziell als auch bürokratisch.
Albrecht: Ich wünsche mir einfach wieder eine
vernünftige finanzielle Mittelausstattung.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 44 –
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 45 –
46
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@Wir_in_Ost_und_West
Bericht aus der Praxis eines Social-Media-
Projekts zur deutsch-deutschen Geschichte
Zu Instagram: @wir_in_ost_und_west
2024 und 2025 sind wichtige Jubiläumsjahre der
deutschen Geschichte: 75 Jahre Grundgesetz,
35 Jahre Friedliche Revolution, 35 Jahre Vereini
gung. Für viele junge Menschen klingen diese
Daten aber wie Kapitelüberschriften in einem
Geschichtsbuch – weit weg vom eigenen Alltag.
Gleichzeitig ist die Wahrnehmung von „Ost“ und
„West“ nach wie vor präsent: in Wahlanalysen,
Medien oder Klischees – erlernte Zuschreibungen
wirken fort; Abgrenzungen nach alten Mustern
kommen sogar neu hinzu.
Hier setzt @wir_in_ost_und_west auf Instagram
an. Das Bildungsprojekt will Jugendliche zur
Beschäftigung mit der deutsch-deutschen Ge
schichte anregen, Klischees hinterfragen und
dadurch politische Teilhabe und Medienkompe
tenz stärken. Es wird von der Eduversum GmbH
in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung zur
Aufarbeitung der SED-Diktatur umgesetzt.
Gefördert wird das Projekt durch die Beauftragte
der Bundesregierung für Ostdeutschland.
Der Kanal erreicht junge Menschen dort, wo sie
sich oft bewegen – in den sozialen Medien. In
fo-Postings, Reels und Memes wecken das Inter
esse an Geschichte, regen zur Auseinandersetzung
mit der DDR und der Bundesrepublik an, zeigen
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 46 –
47
Gemeinsamkeiten und regionale Unter schiede.
Niedrigschwellige, lebensweltnahe Wissensver
mittlung und Austausch sollen das gegenseitige
Verständnis auf Augenhöhe und das Verständnis
von kollektiver Identitätsbildung stärken – auch
durch Kontroversen und Diskussionen.
Eduversum: Post @wir_in_ost_und_west
Hinter den Kulissen von
@wir_in_ost_und_west
Der Kanal @wir_in_ost_und_west ist das Herz
stück des Projekts. Dort wird historisch-politi
sches Wissen faktenbasiert, lebensweltnah und
diskussionsoffen vermittelt. Zentral ist zudem
der Austausch mit der Community: Kommenta
re, Abstimmungen und Fragerunden binden die
Follower aktiv ein.
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Ein Peer-to-Peer-Ansatz sorgt für Authenti
zität: Zwei junge Frauen aus Ost- bzw. West
deutschland moderieren den Kanal, bringen
ihre Perspektiven ein und eröffnen Denkan
stöße. Sie sprechen die Sprache der Communi
ty und stellen Fragen, um Fakten im Kontext
zu präsentieren. Dies reflektiert, dass deutsch
deutsche Geschichte bis heute vor allem privat
„am Küchentisch“ vermittelt wird. Der quellen
basiert, multiperspektivisch und visuell mit
authentischem Bildmaterial arbeitende Kanal
knüpft deshalb an diese Situation an.
Die Inhalte bewegen sich zwischen histori
schen Ereignissen, heutigen Lebensrealitäten
und jugendlichen Interessen. Der Kanal
beleuchtet regionale Vielfalt, fragt alltagsge
schichtlich nach Konsum und Arbeitswelten,
vergleicht politische Strukturen und Erin
nerungskulturen, zieht protestgeschichtliche
Linien von Friedensgebeten und Montags
demos bis Fridays for Future und thematisiert
die Einwanderungs- und Transformationser
fahrungen. Jahrestage, Trends und Community-
Impulse fließen dabei als Anlässe kontinuierlich
ein. So entsteht ein wachsender Mix aus Fakten
und Debatten.
Foto: Eduversum GmbH
Eduversum
Das Team: Janina Franke (rechts), Frauke Hagemann (Mitte),
Minalde Wagner (links) und Frederic Zauels (nicht im Bild). Die
Bundesstiftung Aufarbeitung unterstützt mit ihrer fachlichen
Expertise und ihrem Netzwerk.
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 47 –
48
Im vereinten Deutschland
geboren, noch immer nicht
geeint?
von Jana Faus und Simon Storks
36 Jahre sind eine lange Zeit. Vor 36 Jahren fiel
die Berliner Mauer. Vor 36 Jahren stand Bobby
McFerrin mit „Don’t Worry, Be Happy“ zehn
Wochen in den deutschen Charts, dicht gefolgt
von David Hasselhoff mit „Looking For Freedom“.
Westdeutsche trugen Nylon-Trainingsanzüge
in Neonfarben und Karottenjeans mit bunten
Oversize-Shirts, das Stadtbild war geprägt von
Poppern und Punks.
Es war 1989, und am Jahresende kamen – aus
westdeutscher Perspektive – plötzlich die „Ossis“
dazu. Ein Jahr später wurde Deutschland „wieder
vereinigt“ – passiv formuliert, als sei das Land
schlicht erweitert worden, zurückgekehrt zur
Normalität. Viel änderte sich für Westdeutsche
zunächst nicht. Der passive Terminus „Wieder
vereinigung“ verrät einiges über ihre Perspektive.
Nicht einmal neue innerdeutsche Urlaubsziele
kamen für einige hinzu. Daten von 2019 zeigen:
Jede und jeder sechste Westdeutsche war noch
nie im Osten der Bundesrepublik. Den Ostdeut
schen kann man diesen Vorwurf nicht machen:
Jede und jeder Zweite besuchte über zehnmal
den Westen der Republik (Ehni et al. 2019). Das
Interesse vieler Westdeutscher am Osten hält
sich bis heute in engen Grenzen. In den letzten
Jahren haben wir uns in mehreren qualitativen
wie quantitativen Studien mit der Frage nach
dem Stand der Deutschen Einheit beschäftigt.
Eine dieser Studien zeigt: 46 Prozent der West
deutschen stimmen zu, dass Westdeutsche sich
bis heute wenig für Ostdeutschland interessieren
(Faus et al. 2020).
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Aus ostdeutscher Sicht war es alles andere als ein
passives „Wiedervereinigtwerden“. Es war eine
tiefgreifende Veränderung, für viele eine biografi
sche Zäsur, die in friedlichen Zeiten ihresgleichen
sucht. Während in der alten Bundesrepublik der
Neuaufbau der Demokratie nach dem National
sozialismus im engen zeitlichen Zusammenhang
stand mit wirtschaftlichem Aufschwung und
Wohl standversprechen, ging dieser in Ostdeutsch
land nach 1989 in vielen Fällen Hand in Hand mit
Frustration, Enttäuschungen und Arbeitslosigkeit
(Mau 2024). Schmerzhaft sind bis heute viele per
sönliche Erfahrungen, etwa mit den Ergebnissen
der von der letzten DDR-Regierung eingesetzten
Treuhand, die häufig mit den Erwartungen an
die von Helmut Kohl versprochenen „blühenden
Landschaften“ kollidierten.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 48 –
49
Ostdeutsche sprechen hier im grammatikalischen
Aktiv: Sie sprechen vom Mauerfall, den sie selbst
herbeigeführt haben. Doch bis heute vermissen sie
Anerkennung dafür, dass dieser Umbruch friedlich
verlief: 71 Prozent der Ostdeutschen stimmen dem
zu (Faus et al. 2020).
Noch heute sind reale Unterschiede in Vermögen,
Renten und Löhnen zwischen Ost und West deut
lich sichtbar. Sie sind gut dokumentiert. Dieser
Text aber widmet sich dem subjektiven Erleben.
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Mehr als die Hälfte der
Deutschen kennen das geteilte
Deutschland nicht mehr
Laut Daten der Deutschen Rentenversicherung
liegt die durchschnittliche Zahl der Versicherungs
jahre pro Person inklusive Kindererziehungszeiten
bei rund 41 Jahren (Deutsche Rentenversicherung
2024). Die Vereinigung liegt mittlerweile also fast
ein ganzes Erwerbsleben zurück. Wer 1990 junger
Erwachsener war, ist heute im Großelternalter.
Viele, die damals schon im Rentenalter waren,
leben nicht mehr.
Die zur Zeit der Vereinigung Geborenen sind
heute Anfang bis Mitte 30, stehen im Berufs
leben und sind im durchschnittlichen Alter für
das erste eigene Kind. Sie kennen das geteilte
Deutschland nicht mehr aus dem eigenen un
mittelbaren Erleben – weder emotional noch
erfahrungsbasiert. Sollte sich in dieser Genera
tion also nicht alles angeglichen haben?
Nicht ganz. Zwar verwischen sich Unterschiede
über Generationen, doch Erfahrungen werden über
Sozialisation „vererbt“, Stereotype wirken weiter.
Jana Faus
ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin sowie Gründerin und Geschäftsfüh
rerin der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research.
Sie forscht seit mehr als 20 Jahren zu politischen und gesellschaftlichen
Themen in Asien, Australien und Deutschland und ist Autorin zahl
reicher Publikationen zu gesellschaftlichen Themen in Deutschland.
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Simon Storks (Soziologe M. A.)
ist Senior-Berater bei der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix
strategic research. In mehreren Studien für die Otto Brenner Stiftung
ist er der Frage nach dem Stand der Deutschen Einheit nachgegangen
– mit speziellem Fokus auf die Nachwendegeneration.
Foto 1 und 2: Urban Ruths/pollytix
1
2
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 49 –
50
„Ossis sind faul“
Ein junger Westdeutscher der Nachwendegene
ration sagte in einer unserer Studien: „Mein bester
Freund kommt aus dem Osten, und ich habe da
nie einen Hehl draus gemacht“ (Faus et al. 2020).
Was als Zeichen von Offenheit gemeint ist, zeigt,
dass Herkunft noch immer markiert wird. Implizit:
„Ossis“ sind anders – der „Wessi“ schaut gerne mal
auf sie herab.
- -
In einer Studie (Faus/Storks 2019) wurden
Menschen aus der Nachwendegeneration
gebeten, Ostdeutsche mit einem Wort zu be
schreiben. Während Ostdeutsche sich als
bodenständiger, menschlicher, fleißiger sehen,
schreiben Westdeutsche ihnen Attribute wie
rassistischer, dümmer und auch fauler zu.
Diese Vorurteile sind präsent. Es ist die alte
westdeutsche Erzählung des faulen Ossis, die
hier fortwirkt.
Mit einem Wort: Im Vergleich zu Westdeutschen sind Ostdeutsche viel ...
West
13 % weiß nicht/keine Angabe
1 % keine Unterschiede
Ost
7 % weiß nicht/keine Angabe
20 % keine UnterschiedeBasis: alle Wahlberechtigten zwischen 18 und 29 Jahren.
Quelle: Faus/Storks 2019
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 50 –
51
Mit einem Wort: Im Vergleich zu Ostdeutschen sind Westdeutsche viel ...
West
19 % weiß nicht/keine Angabe
6 % keine Unterschiede
Ost
13 % weiß nicht/keine Angabe
4 % keine UnterschiedeBasis: alle Wahlberechtigten zwischen 18 und 29 Jahren.
„Wessis sind arrogant“
Auch in die andere Richtung gibt es Stereotype.
Das wohl gängigste: „Wessis sind arrogant.“ Ein
Ostdeutscher der Nachwendegeneration sagte:
„Man merkt das auch bei sich selber manchmal,
wenn man irgendwo ist, dass man sagt: „Oh, typi
scher Wessi.“ […] Dieses Abgehobene, vielleicht
Arrogante. Teilweise haben die auch ein anderes
Einkommen als wir. Also ich finde, dass man das
immer noch merkt“ (Faus et al. 2020). In der oben
genannten Ein-Wort-Abfrage beschreiben West
deutsche sich als disziplinierter, freundlicher.
Ostdeutsche hingegen charakterisieren die West
deutschen als arroganter, eingebildeter. Sich selbst
beschreiben Ostdeutsche hingegen als bescheide
ner, bodenständig und ärmer – sie definieren sich
demnach häufig über ihre finanzielle Situation.
Auch Westdeutsche begegnen als Stereotype:
„Ich habe Freunde, die, als sie in den Osten gezogen
sind, beschimpft worden sind als reiche Wessis“
(Storks et al. 2023).
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 51 –
52
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Identität: Ost und West
Zumindest „Ost“ lebt in der Nachwendegeneration
weiter. Es ist dabei nicht nur ein geografisches
Label, sondern Identitätsschicht – wobei das Spek
trum dabei von der bewussten Identifikation mit
Ostdeutschland bis hin zum Genervtsein von eben
dieser Identifikation mit Ostdeutschland reicht1.
Auch drei Jahrzehnte nach der Vereinigung iden
tifizierten sich Ostdeutsche als ostdeutsch, ohne
dass es dazu eine westdeutsche Entsprechung gibt.
Man versteht sich dort z. B. als süd- oder nord
deutsch. In getrennten Gruppendiskussionen
nur mit west- bzw. ostdeutscher Nachwendege
neration fällt auf: Westdeutsche messen ihrer
gemeinsamen westdeutschen Herkunft kaum
Bedeutung bei. Ostdeutsche hingegen merken
sofort: „Wir sind hier die Ossi-Gruppe.“ Und emp
finden das als Stigmatisierung (Storks et al. 2023).
Sind es also die Erzählungen der Eltern, die fort
wirken? Müsste man nicht denken, dass Eltern
solch eine Zäsur weitergeben – ihre Verletzungen,
Brüche, Hoffnungen? Und doch: Nur 47 Prozent
der jungen Ostdeutschen haben mit ihrer Familie
über die Vereinigung gesprochen. In Westdeutsch
land sind es gar nur 28 Prozent (Storks / Faus 2019).
Entscheidend ist aber nicht nur, ob, sondern auch
wie gesprochen wurde. Unsere Studie von 2019
zeigt: In Westdeutschland wurde seltener darüber
gesprochen, aber wenn, dann mit 22 Prozent
deutlich häufiger positiv als negativ (6 Prozent).
In Ostdeutschland geben 31 Prozent an, eine
positive Erzählung der Zeit der Vereinigung er
halten zu haben, 16 Prozent eine negative.
Bemerkenswert dabei: Kinder von Eltern, die sich
eher als „Wendeverliererinnen“ oder „Wendever
lierer“ sehen, berichten am häufigsten von Gesprä
chen über diese Zeit – und haben deutlich häufiger
ein negatives Narrativ vermittelt bekommen. Da
sich im Osten deutlich mehr junge Menschen als
Kinder von „Wendeverliererinnen und -verlierern“
einordnen als im Westen (21 vs. 11 Prozent), erklärt
dies mit, warum Ostdeutsche im Schnitt negativer
darüber sprechen (Faus/Storks 2019).
Und nun?
Wie kann ein gemeinsames Selbstverständnis
entstehen, das die Erfahrungen aus Ost und West
zusammenführt? Zeit allein scheint nicht aus
zureichen. Was es braucht, sind Begegnungen,
Gespräche, das bewusste Interesse füreinander.
Nur wenn wir zuhören, ohne vorschnell zu werten,
entsteht ein Raum für Verständnis. Und wenn wir
reden – miteinander, nicht übereinander.
Die einen blicken zurück auf Jahre des Umbruchs,
des Verlusts und der Neuorientierung. Die anderen
auf im Vergleich relative Stabilität, Organisation
und Verantwortung im Wandel. Beide Perspektiven
tragen zum deutschen Erinnerungsraum bei – und
beide verlangen nach Anerkennung.
Eine geteilte Erzählung lässt sich nicht erzwingen.
Aber sie kann wachsen, wenn wir Differenz nicht
als Gegensatz, sondern als Teil eines größeren
Ganzen begreifen. Wenn das Bekenntnis „Ich bin
ostdeutsch“ nicht mehr als Trennlinie, sondern
als gleichwertige Stimme verstanden wird. Wenn
1 Siehe weiterführend dazu: Storks et al. 2023.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 52 –
53
westdeutsche Selbstverständlichkeiten hinter
fragt werden dürfen, ohne dass daraus sofort ein
Konflikt erwächst.
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Nach 35 Jahren ist eines sicher: Die Vereinigung ist
nicht abgeschlossen, nur weil sie in Geschichts
büchern steht. Sie ist ein Prozess. Und der beginnt
immer wieder von vorn – im Alltag, im Gespräch,
im gegenseitigen Respekt.
Dabei sind ost- und westdeutsch nicht die einzi
gen bestimmenden Kategorien. Zum vereinten
Deutschland als Einwanderungsland und plurale
moderne Gesellschaft gehören u. a. auch migran
tische Perspektiven.2
2 Siehe dazu: Foroutan 2021.
Literatur
Deutsche Rentenversicherung (2024). Statistikband Rente
2023. Berlin: DRV.
Ehni, E.; Riesewieck, F. & Heinrich, R. (2019). ARD –
DeutschlandTREND November 2019. Berlin: infratest dimap.
Faus, J.; Hartl, M. & Unzicker, K. (2020). 30 Jahre deutsche
Einheit: Gesellschaftlicher Zusammenhalt im vereinten
Deutschland. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.
Faus, R.; Storks, S. (2019). Im vereinten Deutschland
geboren – in den Einstellungen gespalten?: OBS-Studie zur
ersten Nachwendegeneration. Frankfurt am Main: Otto
Brenner Stiftung.
Foroutan, N. (2021). Die postmigrantische Gesellschaft: ein
Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld: transcript
Verlag.
Mau, S. (2024). Ungleich vereint: Warum der Osten anders
bleibt. Berlin: Suhrkamp.
Storks, S., Faus, R., & Faus, J. (2023). Auf der Suche nach
Halt. Frankfurt am Main: Otto Brenner Stiftung.
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 53 –
54
„Bärwalder See“: Annika Thomas, 24, Niesky
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 54 –
55
Fotoserie: Stiller Wandel
Junge Perspektiven aus der östlichsten und
westlichsten Region Deutschlands
Deutschland ist das Land zwischen Aachen und
Görlitz. 630 Kilometer Luftlinie liegen zwischen
der westlichsten und der östlichsten Stadt. Auf
den ersten Blick scheint mehr zwischen diesen
beiden Städten zu liegen als nur die geografische
Distanz. So betrug das mittlere Bruttomonatsge
halt in der Städteregion Aachen 2023 3.667 Euro;
im Landkreis Görlitz waren es nur 2.820 Euro.
Das Durchschnittsalter im Landkreis Görlitz be
trug 2023 49,7 Jahre, in der Städteregion Aachen
waren es 42,5 Jahre. Doch beide Orte sind einge
bettet in traditionsreiche Industrie- und Energie
regionen. Sie sind Teil des Rheinischen beziehungs
weise des Lausitzer Reviers und versorgen seit dem
19. Jahrhundert einen großen Teil unseres Landes
mit Strom.
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Sowohl das Rheinische Revier von Aachen bis zum
Rhein-Erft-Kreis als auch das Lausitzer Revier mit
sächsischer Oberlausitz und brandenburgischer
Niederlausitz stehen mitten im Strukturwandel,
wenn auch mit unterschiedlichen Ausgangsbe
dingungen. Gut bezahlte Jobs in der Kohleverstro
mung werden bis 2038 kontinuierlich abgebaut –
oder wurden bereits seit 1990 abgebaut. Beide
Regionen erlebten und erleben einen stillen
Wandel, der nicht von heute auf morgen passiert.
Er kann sehr schmerzhaft sein, bietet jedoch
auch viele Chancen.
Unter der Trägerschaft des sächsischen Kulturver
eins Löbaulebt und der WeltenTausch-Initiative
konnten junge Menschen – bis 25 Jahre – aus bei
den Strukturwandelregionen zum Motto „Stiller
Wandel – 35 Jahre Deutsche Einheit“ Fotografien
einsenden und ihre Perspektive auf ihre jeweilige
Heimatregion teilen. Aus über 130 Einsendungen
hat dann eine Jury, bestehend aus jungen Men
schen aus dem Rheinischen und Lausitzer Revier,
eine Auswahl getroffen und eine Ausstellung
kuratiert, die gemeinsam mit der Vertretung des
Freistaates Sachsen beim Bund in Berlin präsen
tiert wird. Ein Auszug dieser Ausstellung findet
sich in diesem Bericht wieder. Es wurden sieben
Bilder pro Region ausgewählt, die hier paarweise
gegenübergestellt sind und durch die Jugendjury
kommentiert wurden.
Autoren und Jurymitglieder (alphabetisch)
Rheinisches Revier: Paul Bank, Leon Bardhi, Lena Blomberg, Ida Görlitz, Nikolas Thörner, Robin Wolff
Lausitzer Revier: Selin Ceylan, Richard Fiedler, Max Hilse, Evi Hoffmann, Annalena Liebner, Hanna Müller
Projektleitung: Max Hilse
Das Projekt wurde unterstützt durch Zukunftswege Ost, „Vereint für Demokratie“ von ProjectTogether und die Palm-Stiftung. Die Ausstellung
findet im Oktober/November 2025 in Kooperation mit der Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund in Berlin statt.
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 55 –
56
Tagebau Hambach: Samuel Buch, 24, Elsdorf
Im Westen der Republik frisst sich der Tagebau Hambach weiter in den Boden. Alles ist groß: die Kräne, die
Löcher, die Versprechen. Was bleibt, ist eine Landschaft ohne Plan: bereit für Renaturierung, Innovationspark
oder einfach für das nächste Luftbild.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 56 –
57
Im Osten: gleiche Braunkohle, gleicher Bagger, weniger Schlagzeilen. Das Kraftwerk Boxberg wird 2038 als letztes
deutsches Kohlekraftwerk vom Netz gehen.
Unsere Regionen haben jahrzehntelang das Licht am Leuchten gehalten, über 20 Prozent des deutschen Stroms kamen
aus dem Rheinischen Revier oder dem Lausitzer Revier. Garzweiler, Hambach, Lausitz, Reichwalde: riesige Löcher,
verschwundene Dörfer, Bagger, größer als Häuser. Unsere Eltern haben hier geschuftet, unsere Großeltern ganze Orte
verlassen, weil der Strom eben irgendwoher kommen musste.
Als junger Mensch wächst man in diesen Landschaften auf und fühlt sich manchmal genauso leer geräumt. Ob
Hambach oder Nochten: Die Fragen sind dieselben. Was bleibt, wenn die Bagger weiterziehen? Was kommt, wenn
nichts geplant ist? Wer entscheidet über den Boden, auf dem ich wohne, und über das Leben, das ich in meinem
Zuhause haben kann? Diese Orte sind Zuhause, kein Projekt. Zukunft wächst nicht aus der Grube. Zukunft wächst
aus Vertrauen.
Tagebau Reichwalde: Fanny Wolff, 23, Brandenburg an der Havel, aufgewachsen in Rietschen
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 57 –
58
Aussichtspunkt Terra Nova: Samuel Buch, 24, Elsdorf
Auf dem Schwarz-Weiß-Bild ist nicht etwa ein Strand mit Sonnenschirmen und Liegen, sondern die
Abbruchkante des Tagebaus Hambach zu sehen. In der Lausitz gibt es diese Strände tatsächlich.
Viele ehemalige Tagebaue wurden bereits renaturiert und geflutet und haben sich zu Naherholungsgebieten
und touristischen Anlaufpunkten entwickelt. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Barwälder See –
siehe Seite 60. 1992 wurde der Tagebau kurz vor dem geplanten Abriss der Gemeinde Klitten stillgelegt.
1997 wurde mit der Flutung des Tagebaus begonnen, 2009 wurde sie abgeschlossen. Entstanden ist der
größte See Sachsens, der mit 13 Quadratkilometern ein beliebter Badesee geworden ist. Jährlich findet an
seinem Strand eines der größten Festivals der Region statt.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 58 –
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Cottbuser Ostsee: Finn Weinert, 19, Cottbus
-Zu sehen ist auf dem Bild oben der Cottbuser Ostsee, ca. 10 Monate vor dem Ende der Flutung. Ende 2024 hatte er sei
nen finalen Wasserpegel erreicht. Bis der See zum Baden zugelassen wird, wird es allerdings noch bis 2030 dauern.
Ab dann soll übrigens auch der Tagebau Hambach geflutet werden. Voraussichtlich 2070 wird das abgeschlossen sein.
Renaturierung und Strukturwandel allgemein sind Aufgaben für Generationen.
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 59 –
60
Ruine bei Aachen: Hanne Undorf, 24, Städteregion Aachen
Lost Places. Grau. Zurückgelassen. Verfallen. Auf
dem ersten Bild, aufgenommen in einer ehema
ligen belgischen Kaserne in der Nähe Aachens,
steht prominent in schwarzen Versalien: „VERBO
DEN TE ROKEN“ („Rauchverbot“) – doch nicht
nur darum kümmert sich hier wohl keiner mehr.
Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt die Überreste eines
vermutlich ehemals stattlichen alten Stadthauses
in der Oberlausitzer Stadt Zittau. Die Ruine steht
mitten im Zentrum. Diese Anarchie, die von Lost
Places ausgeht, ein „Dem-Wandel-Trotzen“ und
gleich zeitig „sich selbst(ständig) verwandeln“, zeigt
nicht nur das gesprayte „A“ als Symbol der Anarchie.
Beide Bilder zeigen, dass Veränderung immer unge
plant und auch chaotisch erfolgt und dass sie Lü
cken lässt. 1988 hatte Zittau über 38.000 Einwohner,
2024 waren es mit Eingemeindungen noch 25.000
Einwohner. Andere Orte wie Weißwasser oder Ho
yerswerda hat es noch schlimmer getroffen. An
vielen Stellen gibt es prächtige Gebäude, aber zu
wenige Menschen, um sie zu bewohnen.
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Die vielen aktuellen Strukturwandelmaßnahmen
gibt es, um einen erneuten Strukturbruch wie in
den 90er-Jahren zu verhindern. Der Wandel heute
ist langsamer, und die Schritte zum Ausgleich er
folgen für viele Menschen still und unscheinbar.
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 60 –
61
So hat sich z. B. Zittau in den letzten Jahren mit An
siedlungen von Forschungsinstituten im Umfeld
der Hochschule Zittau/Görlitz zu einem echten
Forschungsstandort entwickelt. In Görlitz wird
gerade mit dem Deutschen Zentrum für Astrophy
sik ein Großforschungszentrum aufgebaut, das in
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Zukunft Arbeitsplätze für Menschen schaffen wird,
die bislang nicht in Erwägung gezogen haben, in
die Oberlausitz zu gehen oder zurückzukehren. Orte
im Rheinischen Revier waren von einer solchen
Abwanderung bisher nicht so stark betroffen, zu
nah liegen dazu die Ballungszentren Köln und Aa
chen.
Ruine in Zittau: Jakob Gasse, 17, Dürrhennersdorf
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 61 –
62
Einer der ersten deutschsprachigen Dichter, Andreas Gryphius, schrieb schon 1637 in seinem bekannten Sonett
„Es ist alles eitel“: „Wo itzund Städte stehn / wird eine Wiesen seyn.“ Viele blicken mit ähnlicher Skepsis auf den
Strukturwandel. Abriss, Leerstand und Rückbau bestimmen allzu oft das Bild und prägen die öffentliche Wahr
nehmung. Doch es gibt auch eine andere Realität.
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Westwärts ragt das Universitätsklinikum Aachen als technoider Gigant: 257 Meter Sichtbeton, fast so lang wie die
„Titanic“, 1985 in Betrieb gegangen, zuvor Europas größte Baustelle. Erschaffen auf grüner Wiese. Rasterfassaden,
Leitungsstränge und Versorgungstürme stehen offen wie ein Schaltplan. Als anachronistisches Monument des In
dustriezeitalters thront der Bau am Rande der Stadt und wirft einen futuristischen Schatten auf den benachbar
ten Universitätscampus Melaten.
Riese mitten in der Natur: Meliksah Uzeirovski, 19, Städteregion Aachen
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 62 –
63
Neues Muskauer Schloss: Fanny Wolff, 23, Brandenburg an der Havel, aufgewachsen in Rietschen
Auch die Türme des Neuen Muskauer Schlosses im Weltkulturerbe Fürst-Pückler-Park beherrschen ihre Umgebung.
Das Schloss besticht ebenso mit Symmetrie und klaren geometrischen Formen. Das führt jedoch zu einem ganz
anderen Erscheinungsbild. Das Schloss in seiner heutigen Form ist jünger als die Aachener Uniklinik. Das Neue
Schloss bestand nach dem verheerenden Brand 1945 lange als rußgeschwärzte Ruine. Erst nach 1990 begann die
Restauration. 2013 fand sie ihren Abschluss.
Die beiden abgebildeten Gebäude zeugen von menschlicher Gestaltungskraft, die aus Wiesen Krankenhäuser und aus
überwucherten Ruinen wieder Schlösser macht. Strukturwandel ist mehr als Verlust. Er bietet die konkrete Chance,
Räume neu zu denken.
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 63 –
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Platz der Deutschen Einheit Neuss: Alexandra Ottensmann, 17, Neuss
Da wächst zusammen, was zusammengehört – oder? Die Wikipedia-Liste zum „Platz der Deutschen Einheit“
enthält 14 Einträge. Den Platz in Neuss im Rheinischen Revier hat bisher noch niemand ergänzt. Plätze
wie diese gibt es von Braunschweig bis Wiesbaden, außerdem in drei ostdeutschen Städten. Besonders
prunkvoll sind sie meist nicht. Die Orte, an denen die Schilder auf dem anderen Bild verkauft werden,
sind nicht auf Wikipedia zu finden. Aber es kann wohl davon ausgegangen werden, dass sie überdurch
schnittlich häufig da auftreten, wo es die Einheits-Plätze unterdurchschnittlich häufig gibt, nämlich in der
ostdeutschen Provinz.
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Was macht man mit einem Land, in dem solche Fotos entstehen? Zusammenschweißen ist jedenfalls
nicht so einfach. In einer Umfrage von 2023 identifizierten sich 18 Prozent der Westdeutschen als west
deutsch, 40 Prozent der Ostdeutschen als ostdeutsch (Infratest Dimap). 61 Prozent der jungen ostdeutschen
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 64 –
65
Generation denken, dass Ost-West-Konflikte existieren (MDR). Wie sollte es auch bei so viel Ährenkranz-
Romantik anders sein? 2019 gaben Ostdeutsche in einer Umfrage an, durchschnittlich 68-mal seit 1989
den Westen besucht zu haben, die Westdeutschen waren 17-mal im Osten. 17 Prozent der Westdeutschen
waren sogar noch nie dort (WDR).
Verkaufsstand auf einem Fest in der Lausitz: Nicoleta Zavidei, 21, NRW, aufgewachsen in Weißwasser
Die genannten Umfragen und Bilder verdeutlichen unser Empfinden: Im Westen ist das Verhältnis zur
Deutschen Einheit pflichtbewusst, aber gleichgültig. Im Osten scheint das lange positive Gefühl zur Ein
heit in den Hintergrund zu treten, und gerade bei vielen jungen Menschen scheint ein neues Ostbewusstsein
zu entstehen. Auch die Mitglieder der Jugendjury aus der Lausitz empfinden sich als ostdeutsch. Bedenklich
wird es allerdings, wenn aus einem starken Gefühl für das Eigene eine Ablehnung für das Andere und die
Einheit wird.
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 65 –
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„Schneller, weiter, höher“: Niklas Hartmann, 23, Rhein-Neuss-Kreis
Deutschland ist das Land zwischen Aachen und
Görlitz, doch wer vom einen zum anderen Ende
fahren möchte, hat es schwer. Umstieg in Frank
furt oder Köln, manchmal führt der Weg sogar
über Berlin. Es gibt nur wenige Ost-West-Bahn
verbindungen. Ist das ein Resultat des geringen
Interesses füreinander oder sogar die Ursache?
Wer weiß.
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Mobilität bestimmt auch das Leben vor Ort. Die Lau
sitz ist seit über 170 Jahren stolze Eisenbahnregion.
Davon zeugen auch viele stattliche Bahnhöfe, die
leider zum Teil verfallen sind. So wie der in Löbau,
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der auf dem Foto rechts zu sehen ist. In Cottbus
wurde ein neues ICE-Instandhaltungswerk als
Strukturwandelprojekt angesiedelt – mit etwa
einer Milliarde Euro Investitionsvolumen.
Gerade für uns als junge Menschen, aber auch für
Pendler, ist es für die Lebensqualität entscheidend,
wie lange es bis zur nächsten Großstadt dauert.
Durch weite Teile des Rheinischen Reviers rauscht
die S-Bahn Rhein-Ruhr. Die Städteregion Aachen
plant derzeit den Bau einer Regiotram. Auch in
der Oberlausitz wurde in den letzten Jahren konti
nuierlich die Taktung nach Dresden erhöht. Von
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 66 –
67
ländlichen Orten in der Lausitz ist die Anbindung
zu regionalen Zentren wie Görlitz, Bautzen oder
Cottbus aber oft schwierig, ganz zu schweigen von
Metropolen wie Berlin oder Dresden.
Mobilität heißt für viele junge Menschen in länd
lichen Räumen oft: erst Moped, im Osten meist
Simson, und später Auto. Öffentliche Alternativen
fehlen oft oder sind unzuverlässig. Besonders
spürbar wird das dort, wo Bahnstrecken bis heute
nicht elektrifiziert sind, wie zwischen Dresden
und Görlitz. Hier fahren bis heute ausschließlich
Dieselloks, wodurch der Anschluss an den Fern
verkehr ausbleibt. Trotz des langjährigen Engage
ments von Kommunen und Ländern bleibt eine
verbindliche Zusage des Bundes aus. Eine gute
Mobilitätsanbindung ist Gelingensbedingung
für Strukturwandel. Es ist Zeit für einen Ausbau.
Wenn nicht jetzt in Zeiten von Sondervermögen,
wann dann?
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Bahnhof Löbau: Max Ullmann, 21, Dresden, aufgewachsen in Löbau
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 67 –
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Boxen: Aghayev Uzeyir, 16, Aachen
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 68 –
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Jugendliche, kämpfend – nicht nur im Sport, son
dern gegen: Erwartungen, Perspektivlosigkeit,
strukturelle Leere. Boxen in Aachen, Camping in
Demitz-Thumitz. Ein Rückzug aus dem Alltag,
ein selbst geschaffener Raum in einem Land, das
zu selten welchen bietet.
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Beide Fotos zeigen junge Menschen, die nicht abge
hängt sind, sondern gehalten werden. Von ihren
Freunden, ihren Orten, ihren Ideen. Was jungen
Menschen in den beiden Strukturwandelregionen
oft fehlt, ist nicht Haltung, sondern Teilhabe.
Wenn man das wichtigste Ziel von Strukturwandel
in wenigen Worten ausdrücken will, dann bedeu
tet es, eine Region so zu gestalten, dass junge Men
schen in der Region bleiben oder nach Ausbildung
und Studium zurückkommen. Dafür braucht es die
richtige Arbeit vor Ort. Ein lebenswertes Umfeld mit
kulturellen Angeboten und Orten der Begegnung.
Vor allem braucht es andere junge Menschen, mit
denen man sich gut versteht.
Auf diesen Gelingensbedingungen sollte der Fokus
bei der Entwicklung der Regionen liegen, denn nur
wenn es genug junge Menschen gibt, hat eine Regi
on in Zukunft ausreichend Arbeitskräfte in Pflege
und Industrie, neue Ideen für Unternehmen, enga
gierte Menschen in Vereinen und eine Perspektive.
Für diese Zukunft müssen wir in unseren Regio
nen gemeinsam kämpfen und dürfen dabei den
Optimismus nicht verlieren. Nur wenn wir davon
ausgehen, dass das Beste noch kommt, dass die
Regionen vor Sonnenaufgang am Anfang des Tages
und nicht kurz vor der Nacht stehen, kann man die
Zukunft gestalten.
Wir stehen vor Sonnenaufgang, der Tag ist noch
unverbraucht, und wir können ihn gemeinsam
gestalten, ganz egal, ob in der westlichsten oder
östlichsten Region Deutschlands.
Campingausflug: Alexander Natusch, 16, Bautzen
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 69 –
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 70 –
71
Teil B:
Ausgewählte Vorhaben
der Bundesregierung in
der 21. Legislaturperiode
mit Bezug zu aktuellen
Herausforderungen in
Ostdeutschland
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 71 –
72
Engagement und Ehrenamt
in Ostdeutschland?
Vielfältig und aktiv!
Millionen Menschen in Deutschland engagieren
sich ehrenamtlich. Bürgerschaftliches und ehren
amtliches Engagement stärkt den gesellschaftli
chen Zusammenhalt und fördert soziale Teilhabe –
Engagierte sind stärker mit ihrer Gemeinschaft
verbunden und besser vernetzt. Besonders in Ost
deutschland liegt der Fokus vielfach auf gemein
schaftsbildenden Aktivitäten wie Sport, Kultur,
Freizeit und Umweltschutz. Zwar ist die Quote
zivilgesellschaftlich engagierter Menschen in Ost
deutschland mit rund 37 Prozent etwas geringer als
im Westen (40,4 Prozent)
1, jedoch nähern sich die
Engagementzahlen durch den starken Anstieg im
Osten seit der Deutschen Einheit zunehmend an.
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Obwohl die urbanen Zentren wachsen, ist der Osten
Deutschlands weiterhin ländlich und struktur
schwach geprägt. Hier braucht es mehr Mitstrei
terinnen und Mitstreiter für Engagement und
Ehrenamt. Denn auch wenn das Engagement in
ländlichen Räumen in Deutschland mit 41,6 Pro
zent der Bevölkerung tendenziell höher liegt als in
städtischen Regionen (38,8 Prozent), gilt dies nicht
für eher ländliche Räume mit einer weniger guten
sozioökonomischen Lage (30 Prozent) sowie für
sehr ländliche (35 Prozent) Räume mit einer weni
ger guten soziökonomischen Lage.
2 Also insbeson
dere für Dörfer und Städte in Ostdeutschland.
In diesen ländlichen Regionen Ostdeutschlands
treffen Engagierte oft auf spezifische Herausfor
derungen: Es fehlt an finanziellen Mitteln und
gesellschaftlicher Anerkennung. Junge Menschen
wandern ab. Die im Vergleich zu Westdeutsch
land schwächeren Strukturen der Engagement
förderung erschweren zusätzlich die Koordination
und Mobilisierung ehrenamtlicher Arbeit.
Gleichzeitig sind in Ostdeutschland Kooperationen
zwischen Unternehmen und zivilgesellschaft
lichen Organisationen besonders verbreitet. Es
gibt pro Kopf mehr Vereine als in Westdeutsch
land, und informelle Formen von freiwilligem
Engagement nehmen zu. Allerdings ist es wichtig,
auch solche gesellschaftlichen Gruppen für ein
Engagement zu gewinnen, die derzeit häufig noch
an strukturellen Barrieren scheitern. Bessere Zugän
ge, etwa für Menschen mit geringem Einkommen,
niedriger formaler Bildung oder mit Einwande
rungsgeschichte sind entscheidend für die Nach
wuchsgewinnung fürs Ehrenamt. Neben institu
tioneller Förderung können hier vor allem lokale
Anlaufstellen einen wirkungsvollen Beitrag leisten.
1 Freiwilligensurvey 2019.
2 Tuuli-Marja Kleiner und Luise Burkhardt (2021): https://www.diw.de/de/diw_01.c.824080.de/publikationen/wochenberichte/2021_35_1/
ehrenamtliches_engagement_soziale_gruppen_insbesondere_in_sehr_laendlichen_raeumen_unterschiedlich_stark_beteiligt.html
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 72 –
73
Studie „Kommunale Engagementförderung“ im Auftrag der Deutschen Stiftung für Engagement
und Ehrenamt3
Was wird untersucht?
Wie sind die Rahmenbedingungen und Entwicklungen des bürgerschaftlichen Engagements
auf kommunaler Ebene in den 16 Bundesländern?
Zentrale Befunde
In Westdeutschland gibt es eine lange Tradition bürgerschaftlichen Engagements. In Ostdeutsch
land sind historisch bedingt weniger Strukturen vorhanden, doch die Entwicklung ist positiv.
Die Bedeutung von Engagementförderung ist bundesweit vergleichbar – Kommunen spielen
eine zentrale Rolle.
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Wie die Studie „Kommunale Engagementförderung“ zeigt, erkennen viele Kommunen den Wert
des Ehrenamts. Zentrale Informations- und Beratungsangebote sind hilfreich, ersetzen aber
nicht das lokale Wissen. Denn viele Herausforderungen lassen sich nur mit Kenntnis der konkre
ten Situation und Ansprechpersonen vor Ort bewältigen.
Deutsche Stiftung für Engagement
und Ehrenamt
Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehren
amt (DSEE) unterstützt Menschen und ihre Orga
nisationen bundesweit mit vielfältigen Angeboten.
Sie gibt dem bürgerschaftlichen Engagement und
Ehrenamt Impulse und bietet konkrete Hilfestel
lungen bei Fragen des ehrenamtlichen Alltags.
Damit trägt die DSEE zu einer aktiven Zivilge
sellschaft bei und stärkt den gesellschaftlichen
Zusammenhalt in Deutschland. Durch ihren Sitz im
mecklenburgischen Neustrelitz sind die Stiftung
und ihre Mitarbeiter besonders für die Herausforde
rungen des ostdeutschen Ehrenamts sensibilisiert.
Die DSEE unterstützt Engagement
und Ehrenamt in Ostdeutschland
Ihren Auftrag erfüllt die Stiftung u. a. durch die
Umsetzung von Förderprogrammen sowie der
Förderung wissenschaftlicher Forschungsvor ha
ben. Bis 2024 hat die DSEE rund 13.100 Förderan
träge mit einem Volumen von rund 120 Millionen
Euro bewilligt. 80 Prozent dieser Mittel flossen in
strukturschwache und ländliche Räume. Davon
waren rund 4.750 Projekte mit einem Fördervolu
men von 52 Millionen Euro in Ostdeutschland
(mit Berlin) angesiedelt. Die Zahl der bewilligten
Anträge aus Ostdeutschland nimmt dabei stetig
zu und hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt.
3 Hanna Kribbel und Ralph Richter (2024): Kommunale Engagementförderung. Eine bundesweite Untersuchung kommunaler Unterstützungs
strukturen für Engagement und Ehrenamt. Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Neustrelitz.
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/2200– 73 –
74
Gemeinsam mit ihren Programmpartnern, dem
Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement
und dem Thünen-Institut für Regionalentwicklung
e. V., hat die DSEE das Programm „EngagiertesLand“
ins Leben gerufen. Es unterstützt lokale Gemein
schaften in strukturschwachen ländlichen Ge
bieten bei der Förderung von bürgerschaftlichem
Engagement., Ehrenamt und Beteiligung vor Ort.
Im Jahr 2025 sind bundesweit 93 Engagement-
Netzwerke Teil des Programms, 57 davon in Ost
deutschland. Weitere Synergien entstehen bei
der Zusammenarbeit mit dem Programm „Neu
landgewinner“ des Thünen-Instituts für Regional
entwicklung e. V. und des Neuland gewinnen e. V.,
etwa durch Kooperationen bei Veranstaltungen
oder die Vernetzung der Akteure. Darüber hinaus
beteiligt sich die Stiftung am Aufbau der Gemein
schaftsinitiative Zukunftswege Ost – einem Bünd
nis bundesweit tätiger Stiftungen zur Stärkung
des bürgerschaftlichen Engagements und des de
mokratischen Miteinanders in Ostdeutschland.
Im Modellvorhaben „Regionale Engagementzent
ren stärken – Engagierte und Ehrenamtliche vor
Ort gewinnen“ fördert die DSEE mit dem Sächsi
schen Staatsministerium für Soziales und gesell
schaftlichen Zusammenhalt (SMS) seit 2024 den
Auf- und Ausbau von zehn engagementunterstüt
zenden Strukturen in strukturschwachen oder
ländlichen Räumen Sachsens.
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Auch kleine Impulse können eine
große Wirkung erzielen
Gerade in strukturschwachen und ländlichen
Regionen stellen bürgerschaftliches Engagement
und Ehrenamt eine tragende Säule eines lebendi
gen Gemeinwesens dar. Das Mikroförderprogramm
für strukturschwache und ländliche Räume ist
eines der wirkungsvollsten Angebote der DSEE.
Gemeinnützige Organisationen, die ein Projekt
dort durchführen, können hier Förderung bis zu
1.500 Euro erhalten. Ziel ist es, Engagierte bei der
Ausübung ihres bürgerschaftlichen Engagements
oder Ehrenamts mit einem niedrigschwelligen
Angebot zu unterstützen. Bis 2024 wurden über
dieses Programm rund 7.500 Projekte gefördert,
davon 2.900 aus Ostdeutschland.
Gerade in Regionen mit wenigen Anlaufstellen
sind die niedrigschwelligen Beratungsangebote
der DSEE besonders gefragt. Engagierte in Ost
deutschland (ohne Berlin) nutzen sie zu 63 Prozent
häufiger als Westdeutsche. Die Themen ähneln
sich jedoch in Ost und West: Bürokratie, Recht und
Steuern betreffen Engagierte überall.
Best Practice: „KommA – Kommunale
Allianzen gegen Rassismus“
Ein weiteres Beispiel für die Stärkung des Ehren
amts in Ostdeutschland ist das von der Beauftrag
ten der Bundesregierung für Migration, Flücht
linge und Integration, zugleich Beauftragte der
Bundesregierung für Antirassismus, geförderte
Projekt „KommA – Kommunale Allianzen und
Strategien gegen Rassismus und Hass“. In mehre
ren ostdeutschen Modellkommunen – darunter
Jena, Görlitz und Wismar, in den Landkreisen Mit
telsachsen und Vorpommern-Greifswald – unter
stützt das Projekt kommunale Verwaltungen so
wie ehrenamtlich Engagierte beim Aufbau von
Allianzen gegen Rassismus und Diskriminierung.
Besonders hervorzuheben ist die gezielte Ansprache
und Unterstützung ehrenamtlicher Bürgermeis
terinnen und Bürgermeister, die in Ostdeutschland
vielerorts zentrale Verantwortung tragen. Durch
Schulungen, Bedarfsabfragen und Handreichungen
werden sie im Umgang mit Anfeindungen gestärkt
und erhalten praxisnahe Hilfestellungen. Ergän
zend schafft das Projekt Räume für Vernetzung
und kollegialen Austausch, etwa durch digitale
Plattformformate und regionale Workshops. Da
mit trägt „KommA“ nicht nur zum Schutz und zur
Stärkung von Ehrenamtlichen bei, sondern entwi
ckelt auch nachhaltige Strukturen für kommunal es
Drucksache 21/2200 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 74 –
75
Engagement und gesellschaftlichen Zusammen halt
in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands.
Engagement im Osten wertschätzen
und anerkennen
Der Wettbewerb „machen!“ der Beauftragten der
Bundesregierung für Ostdeutschland fand 2025
zum sechsten Mal statt – und bereits zum dritten
Mal in Kooperation mit der DSEE. Über 1.100
Projektideen wurden 2025 eingereicht – ein Plus
von über 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ins
gesamt wurden 834.000 Euro an Preisgeldern ver
geben. Ausgezeichnet werden Projekte aus ländli
chen Regionen Ostdeutschlands. Die Zahlen zeigen
es: Der Engagement-Wettbewerb „machen!“ ist ein
erfolgreiches Format zur Unterstützung des bürger
schaftlichen Engagements. Auch der bundesweite
Deutsche Engagementpreis macht ehrenamtliches
Engagement sichtbar. Hier kamen im letzten Jahr
18,6 Prozent der Nominierten aus Ostdeutschland.
Das zeigt, wie stark das ostdeutsche Ehrenamt mitt
lerweile ist.
Gemeinschaftsinitiative
Zukunftswege Ost
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu schützen,
ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.
Mit dem Ziel, einen Beitrag zu dieser gesamtgesell
schaftlichen Aufgabe zu leisten und das Engage
ment in Ostdeutschland zu stärken, haben sich
mehrere Stiftungen auf Initiative der ZEIT Stiftung
Bucerius, Cellex Stiftung, Freudenberg Stiftung
und dem Bundesverband Deutscher Stiftungen
zusammengeschlossen. Ihr Fonds Zukunftswege
Ost (ZWO) fördert unbürokratisch mit privaten
Mitteln Vereine, zivilgesellscha
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- authored ← Beauftr. der Bundesregierung für Ostdeutschland
- authored ← Bundesregierung
- part_of_vorgang → Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2025 35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit? (Unterrichtung)