Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2026 In Bewegung bleiben (Entschließungsantrag zu Drs. 21/8400)
Text
Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2026 In Bewegung bleiben (Entschließungsantrag zu Drs. 21/8400)
Entschließungsantrag
der Abgeordneten Mandy Eißing, Christian Görke, Ina Latendorf, Clara Bünger,
Anne-Mieke Bremer, Katrin Fey, Dr. Gregor Gysi, Luke Hoß, Ferat Koçak, Jan
Krampe, Sonja Lemke, Bodo Ramelow, David Schliesing, Aaron Valent, Donata
Vogtschmidt, Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
zu der Beratung der Unterrichtung durch die Bundesregierung
– Drucksache 21/8400 –
Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2026
In Bewegung bleiben
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
36 Jahre nach der Wende ist Deutschland nicht geeint. Der Bericht der
Ostbeauftragten der Bundesregierung zeigt, wo die Unterschiede immer noch liegen.
Weiterhin sind Ostdeutsche unterrepräsentiert, in der Justiz, in der Wirtschaft, in
Kultur und Medien etc. Ostdeutsche bleiben stark unterrepräsentiert, auch auf der
politischen Bundesebene, wo viele Entscheidungen den Alltag von Menschen in
Ostdeutschland direkt betreffen. Selbst in den ostdeutschen Bundesländern sind
bis heute nur knapp 48 Prozent der Spitzenpositionen mit Ostdeutschen besetzt.
Die jahrelange Behauptung des „nachholenden Aufstiegs“ ist auserzählt. Auch
nach dem bereits vonstattengehenden Generationenwechsel rücken zu wenig
Ostdeutsche nach. Auch darin liegt eine Ursache für das in Ostdeutschland immer
noch verbreitete Gefühl, „Bürger zweiter Klasse“ zu sein. Der Elitenmonitor 2026
belegt empirisch, dass viel stärker aktiv auf die Erhöhung der Repräsentation
Ostdeutscher eingewirkt werden muss (vgl. www.hszg.de/forschung/transfer/
forschungsneuigkeiten/meldungsdetails/neue-publikation-des-elitenmonitors-
zurunterrepraesentation-ostdeutscher-in-den-fuehrungspositionen-erschienen).
Der Deutschlandmonitor 2026 zeigt deutlich, dass die Menschen ein genaues
Gespür für Gerechtigkeit haben. In der Wahrnehmung allerdings sorgen nicht
vornehmlich Leistung, Fleiß oder eine gute Ausbildung für sozialen Aufstieg,
sondern Vermögen und Beziehungen. Das Aufstiegsversprechen wird damit
gebrochen, und das sorgt für Unzufriedenheit. Zusätzlich zeigt der Bericht, dass das
Bedürfnis nach Absicherung in weiten Bevölkerungskreisen verbreitet ist und
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8417
21. Wahlperiode 07.10.2026 V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
zielgerichtetes staatliches Handeln für eben jene Absicherung gewünscht wird
(vgl. Deutschlandmonitor 2026).
In Ostdeutschland verdienen die Menschen immer noch rund 20 Prozent
weniger als in den westlichen Bundesländern. Wer in Ostdeutschland Vollzeit
arbeitet, tut dies im Vergleich zu Menschen, die jedoch in Westdeutschland im
gleichen Beruf arbeiten, fast 72 Tage umsonst (vgl. https://igbau.de/Zum-Tag-der-
Deutschen-Einheit-Heraus-aus-der-Ost-West-Lohnluecke.html). 74 Prozent der
Ostdeutschen sehen in diesen unterschiedlichen Löhnen die Ursache für die
empfundene Ungleichheit (so eine Civey-Umfrage 2026: „Woran liegt Ihrer
Meinung nach die häufig von Menschen aus Ostdeutschland empfundene
Benachteiligung gegenüber Menschen aus Westdeutschland?“).
Ostdeutschland ist im Vergleich zu Westdeutschland stärker ländlich geprägt.
Viele Wege sind weit. Kommunale Unternehmen des Öffentlichen
Personennahverkehrs stehen wie die Privathaushalte aufgrund der hohen Spritpreise unter
Druck. In Ostdeutschland wurden gleichzeitig seit der Wende 2 600 Kilometer
Bahnstrecke stillgelegt. Im gesamten Bundesgebiet ist jedoch seit 2021 nur ein
einziger Streckenkilometer reaktiviert worden, obwohl insgesamt 900 und davon
160 Kilometer in Ostdeutschland potenziell reaktiviert werden könnten
(Drucksache 21/7722). Individuelle Mobilität wird durch die Preise an den Zapfsäulen
teurer. Gleichzeitig fehlen Alternativen.
Die strukturellen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland müssen
36 Jahre nach der Wende endlich als strukturelle anerkannt werden und ihre
Vorzüge und Nachteile in einer gesamtgesellschaftlichen Debatte auf Augenhöhe
erörtert und sukzessive abgestellt werden.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. bei der Besetzung von Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung,
Bundesunternehmen, Militär, Justiz, Wissenschaft und Forschung sowie Kultur und
Medien stärker auf die aktive Steigerung des Anteils von Ostdeutschen in
Führungspositionen hinzuwirken; hierzu soll die Bundesregierung unter
anderem einen Gesetzentwurf vorlegen, der regionale Karrierenetzwerke in
Ostdeutschland und Mentoring-Programme für Ostdeutsche fördert;
2. Maßnahmen zu ergreifen, die für höhere Löhne, insbesondere in dem in
Ostdeutschland besonders ausgeprägten Niedriglohnsektor, sorgen und dazu
beitragen, die weiter vorhandene Lohnkluft zwischen Ost und West zu
überwinden; dazu ist der gesetzliche Mindestlohn mindestens auf 60 Prozent des
Bruttomedianlohns von Vollzeitbeschäftigten anzuheben (was einem
Mindestlohn von mindestens 15 Euro entspricht); weiterhin sind mit einem
umfassenden Aktionsplan zur Stärkung der Tarifbindung der Schutz von
Tarifverträgen auch in Ostdeutschland deutlich auszuweiten sowie die
Gewerkschaften – unter Beachtung der Tarifautonomie – dabei zu unterstützen, auch
bei den wenigen verbliebenen Tarifverträgen, in denen noch immer eine
pauschale Differenzierung nach Ost und West vorgenommen wird, diese
Schlechterstellung ostdeutscher Beschäftigter zu beenden;
3. den Sozialstaat und das Solidarprinzip zu stärken; hierzu sollen
Gesetzentwürfe vorgelegt werden, welche die gesetzliche Krankenversicherung und
soziale Pflegeversicherung in eine Bürger:innenversicherung umwandeln,
um die Beitragslast gerechter zu verteilen, den Beitragssatz in der
Krankenversicherung zu senken und in der Pflegeversicherung bei konstantem Bei-
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
tragssatz ausreichend finanzielle Mittel für die notwendigen
Leistungsausweitungen einzunehmen; dazu soll unter anderem die
Beitragsbemessungsgrenze unverzüglich auf ein Niveau von 15 000 Euro monatliches
Bruttoeinkommen angehoben werden, die Versichertenbasis der Sozialversicherung
wird erweitert sowie Gewinnorientierung und Kapitalanlagen aus der
öffentlichen Daseinsvorsorge verbannt;
4. einen Gesetzesentwurf vorzulegen, der Transparenz über die Preis- und
Kostenentwicklung in den Sektoren Öl und Gas herstellt, wodurch eine
unabhängige Bewertung der Beschaffungs-, Verarbeitungs-/Raffinerie-, Transport-
und Vertriebskosten sowie der Ein- und Verkaufspreise ermöglicht wird, um
gegen überhöhte Spritpreise und die Bereicherung der Mineralölkonzerne
auf Kosten der Pendlerinnen und Pendler vorgehen zu können; zudem wird
eine Übergewinnsteuer im fossilen Energiesektor und ein
Gewinnmargendeckel für Kraft- und Heizstoffe dauerhaft eingeführt;
5. Gesetzentwürfe vorzulegen, die vorsehen, vorhandene Schienenwege zu
reaktivieren sowie neue Schienenwege zu planen und zu bauen, insbesondere
dort, wo Regionen seit 1990 vom Schienennetz abgekoppelt wurden; der
Preis für das Deutschlandticket wird dauerhaft auf 9 Euro im Monat gesenkt,
für Schülerinnen und Schüler, Azubis, Studierende sowie Seniorinnen und
Senioren ein Null-Euro-Ticket eingeführt.
Berlin, den 6. Oktober 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Relationen
- authored ← Aaron Valent (Entschließungsantrag)
- authored ← Anne-Mieke Bremer (Entschließungsantrag)
- authored ← Bodo Ramelow (Entschließungsantrag)
- authored ← Christian Görke (Entschließungsantrag)
- authored ← Christin Willnat (Entschließungsantrag)
- authored ← Clara Bünger (Entschließungsantrag)
- authored ← David Schliesing (Entschließungsantrag)
- authored ← Donata Vogtschmidt (Entschließungsantrag)
- authored ← Ferat Koçak (Entschließungsantrag)
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Gregor Gysi (Entschließungsantrag)
- authored ← Ina Latendorf (Entschließungsantrag)
- authored ← Jan Krampe (Entschließungsantrag)
- authored ← Katrin Fey (Entschließungsantrag)
- authored ← Luke Hoß (Entschließungsantrag)
- authored ← Mandy Eißing (Entschließungsantrag)
- authored ← Sonja Lemke (Entschließungsantrag)
- part_of_vorgang → Entschließungsantrag zum Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2026 In Bewegung bleiben (Antrag auf Entschließung)