Rede von Katharina Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Beck, Dr. Moritz Heuberger, Max Lucks,
Teil von Protokoll der 99. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 8a bis 8g: Beck, Dr. Moritz Heuberger, Max Lucks,.
Das Protokoll 21/99 liegt bei DIP nur als Vorabfassung vor: Der Text endet vor dem Schluss der Sitzung, zu Protokoll gegebene Reden fehlen in polradar (der endgültige Bericht war für den 13.10.2026 angekündigt). Vollständig im Plenarprotokoll (PDF) ↗.
Text
Rede von Katharina Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Beck, Dr. Moritz Heuberger, Max Lucks,
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Liebe Bürgerinnen und Bürger! Letztens saß ich in der
Kneipe mit meinen Eltern und deren Freunden. Dann
kam eine von ihnen zu mir und meinte: Katharina, du
bist doch im Bundestag. 300 Wohnungen kann man
einfach steuerfrei vererben. Wenn man drei Wohnungen
erbt, muss man darauf Steuern zahlen. Das geht doch
nicht! Das ist doch ungerecht! Mach mal was dagegen!
Dann noch eine zweite Sache: Ich habe „Markus Lanz“
geschaut. Lanz hat Herrn Huber von der CSU gegrillt: Er
habe doch ein „S“ im Parteinamen; „S“ wie „sozial“. Und
wie könne es denn sein, dass der normale Mittelständler
ganz fair seine Erbschaftsteuer zahlt, aber derjenige, der
mehr als 26 Millionen Euro erbt, könne sich bedürftig
prüfen und sei von der Steuer befreit, also Steuererlass?
Das könne ja wohl nicht sein!
Und da habe ich gemerkt: Diese Themen, diese ganzen
Vorschläge, die wir jetzt seit zwei Jahren konsequent
überall einbringen,
(Jörn König [AfD]: Sie haben aber vor zwei
Jahren noch regiert!)
sei es in den Talkshows, sei es in den Gesprächen am
Saseler Markt bei mir im Wahlkreis, sei es hier im
Bundestag, die haben wir schon zigmal hier eingebracht. Wir
sind an den Stammtischen und auch in den Diskussionen
dieser Republik angekommen, und das zu Recht.
Das erläutere ich Ihnen jetzt.
Das ist auch der Grund – das ist im Bewusstsein der
Koalitionäre offensichtlich noch nicht ausreichend
angekommen –, warum wir diese etwas unübliche Anzahl an
namentlichen Abstimmungen einbringen – danke an
meine Fraktion –, nämlich sieben Abstimmungen über
sieben Gerechtigkeitslücken, die einfach eins zu eins
umgesetzt werden könnten. Sie sind kompletter Common
Sense.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Jörn König [AfD]: Völlig verrückt!)
Es ist für die Bürgerinnen und Bürger unverständlich,
dass Sie das nicht umsetzen.
Warum schließen Sie nicht die Lücke, dass man
300 Wohnungen steuerfrei erben kann und bei drei
Wohnungen Steuern zahlt? Warum schließen Sie nicht die
Lücke, dass man 26 Millionen Euro oder noch viel
mehr bis zu 94 Prozent steuerfrei erben kann, dass man
aber, wenn man weniger erbt, Steuern zahlt? Warum
schließen Sie nicht die rund hundert Jahre alte Lücke in
der Gewerbesteuer –
(Kay Gottschalk [AfD]: Die wollen wir
abschaffen!)
Gewerbesteuer ist eine Einnahmequelle für die
Kommunen; das Geld fehlt bei Schwimmbädern und allen
möglichen anderen Dingen vor Ort; etwa 1,5 Milliarden
Euro fehlen da –, dass vermögensverwaltende
Immobiliengesellschaften befreit sind – immer noch seit hundert
Jahren –,
(Kay Gottschalk [AfD]: Weil die Miete dann
steigt, Frau Kollegin! Dann steigt die Miete!)
obwohl selbst konservative Ökonominnen und
Ökonomen sagen: Das braucht es seit 20 Jahren nicht mehr.
Das ist einfach ein Überbleibsel.
Wir Grünen haben uns im Sinne der Bürgerinnen und
Bürger die letzten Jahre sehr viel durch das Steuerrecht
gewühlt und viele dieser Ausnahmen gefunden, die das
Steuerrecht kompliziert und super ungerecht machen.
(Jörn König [AfD]: Deshalb brauchen wir ein
neues Steuerrecht!)
Das betrifft auch diese zwei Punkte. Erster Punkt.
Liebe CDU/CSU, springen Sie doch mal über Ihren
Schatten. Ich sehe meinen geschätzten Kollegen Florian
Dorn. Und ich muss es ihm jetzt leider noch einmal
zumuten, seinen vorherigen Chef, Clemens Fuest, zu
zitieren; tut mir leid, ich kann mich auch nicht mehr hören,
aber weil ihr ja nichts ändert, muss ich es dauernd
wiederholen. Selbst der hat gesagt: Diese Ausnahmen bei der
Erbschaftsbesteuerung und diese Ausnahmen bei der
Immobilienbesteuerung, das sind Marktineffizienzen. Das
ist auch eine Ungleichbehandlung,
und das müsste abgeschafft werden. Es ist also komplett
im Sinne der eigentlichen CDU/CSU-Haltung
ordnungspolitisch geboten und ordnungspolitisch wichtig.
(Kay Gottschalk [AfD]: Dann steigen aber die
Mieten!)
Ich verstehe nicht, dass Katherina Reiche sich nicht da
reinkniet, um diese ordnungspolitischen Maßnahmen
umzusetzen.
Der zweite Punkt. Liebe SPD, es geht hier um
Gerechtigkeit, und Sie stellen ja den Finanzminister. Wir haben
das so oft eingebracht, Herr Klingbeil. Wir machen jetzt
diese sieben namentlichen Abstimmungen, weil seit
eineinhalb Jahren noch nichts passiert ist. Sie könnten
natürlich diese Ideen in Ihre Gesetzentwürfe reinschreiben;
denn es geht hier darum, dass die große Allgemeinheit
fair ihre Steuern zahlt.
Ein anderes Beispiel ist die Grunderwerbsteuer. Wenn
man es sich noch leisten kann, eine Immobilie zu kaufen,
zahlt man fair seine Grunderwerbsteuer. Wer zahlt sie
nicht? Das sind sehr, sehr große Konzerne, die mit
Anteilsverschiebungen, sogenannten Share Deals, die Dinge
so organisieren können, dass sie die Grunderwerbsteuer
umgehen. Berlin ist dadurch beim Merger von Vonovia
und Deutsche Wohnen circa 1 Milliarde Euro flöten
gegangen, während alle anderen fair ihre Steuern zahlen.
Und das geht einfach nicht.
Wir wollen die Steuererklärung ja vereinfachen; da
sind wir doch total bei Ihnen. Und wir wollen sie auch
immer noch auf einem Bierdeckel machen können. Ich
finde nicht alle Ideen von Friedrich Merz gut, aber die
Bierdeckelidee fand ich super. Ich gehe sehr gerne mal in
eine Kneipe. Ich finde, der Bierdeckel ist eine schöne
Sache, und Einfachheit in der Steuererklärung finde ich
auch eine super Sache. Um all diese sieben Ausnahmen
zu erläutern, braucht man aber jeweils einen ganzen
Bierdeckel.
Ich habe sieben Bierdeckel dafür hergestellt. Die
Bürgerinnen und Bürger lieben das. Sie können die sich auch
gerne bei mir am Platz abholen; ich darf sie hier ja leider
nicht zeigen. Aber erst wenn wir diese sieben
Ungerechtigkeiten abgebaut haben, um die Steuer für die
Bürgerinnen und Bürger endlich mal zu vereinfachen, haben wir
doch Platz auf dem Bierdeckel.
Das sollte doch das Ziel sein. Das ist also eine absolute
Win-win-win-Situation: ordnungspolitisch gut und
gerechter. Und der letzte Win: Wir haben riesige
Haushaltsprobleme. Wir haben in den Kommunen
Haushaltsprobleme, in den Ländern und im Bund. Diese Maßnahmen
bringen gesamtstaatlich in Summe mindestens 20
Milliarden Euro ein: 20 Milliarden Euro aus Maßnahmen, die
Sie hier sträflicherweise nicht angehen. Deswegen
müssen Sie heute hier Farbe bekennen.
Befassen Sie sich mal etwas damit. Natürlich werden
Sie wahrscheinlich alle mit Nein stimmen, weil das
irgendwie der Usus ist. Aber nehmen Sie das doch in Ihre
nächsten Gesetze auf, damit sich endlich was zum
Besseren ändert.
Vielen Dank.
Relationen
- part_of → Protokoll der 99. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Gerechtigkeitslücke im Steuersystem schließen - 300-Wohneinheiten-Regelung in der Erbschaftsteuer abschaffen
- part_of_vorgang → Gerechtigkeitslücke im Steuersystem schließen - Share Deals reformieren, steuerliche Privilegierung von Immobilienkonzernen abschaffen
- part_of_vorgang → Gerechtigkeitslücke im Steuersystem schließen - Verschonungsbedarfsprüfung ab 26 Millionen Euro in der Erbschaft- und Schenkungsteuer abscha
- part_of_vorgang → Gesetz zu der Zusatzvereinbarung vom 8. Juni 2023 zur Mehrseitigen Vereinbarung vom 29. Oktober 2014 zwischen den zuständigen Behörden über
- part_of_vorgang → Gesetz zum Schließen einer Gerechtigkeitslücke bei der Besteuerung von Immobilienveräußerungen
- part_of_vorgang → Gesetz zum Schließen einer Gerechtigkeitslücke bei der Besteuerung von Kryptowerten
- part_of_vorgang → Gesetz zum Schließen einer Gerechtigkeitslücke in der Immobilienbesteuerung
- part_of_vorgang → Kleine und mittlere Einkommen tatsächlich entlasten und Rücklagen- und Vermögensaufbau stärken
- part_of_vorgang → Kryptowerte streng regulieren und gerecht besteuern
- part_of_vorgang → Organisierte Steuerhinterziehung wie Cum-Cum, Cum-Ex und Umsatzsteuerkarusselle auf Bundesebene stärker bekämpfen
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