Rede von Hüseyin-Kenan Aydin (DIE LINKE) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 22 a und 22 b: Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig.
Text
Rede von Hüseyin-Kenan Aydin (DIE LINKE) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig
Der Bildungssektor muss im Rahmen der vom
Bundestag im vergangenen März geforderten Neuausrichtung
der Entwicklungszusammenarbeit auf die Sozialsysteme
gestärkt werden. Denn weltweit sieht die
Bildungssituation immer noch alles andere als befriedigend aus. Nach
den neuesten Zahlen können 780 Millionen Erwachsene
weder lesen noch schreiben. Mindestens 72 Millionen
Kinder haben keine Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Die
Mehrheit unter ihnen sind Mädchen. Am härtesten trifft esKinder mit Behinderung, von denen nicht einmal 10
Prozent eingeschult werden.
Die Linke legt heute einen Antrag vor, der die
Umsetzung der im April 2000 auf dem Weltbildungsforum in
Dakar vereinbarten sechs Entwicklungsziele fordert,
darunter die Sicherstellung einer obligatorischen,
gebührenfreien und qualitativ guten Grundschulbildung für alle
Kinder bis 2015. Die damalige Bundesregierung hat sich
selbst verpflichtet, dieses Ziel durch einen angemessenen
Beitrag zu unterstützen.
Leider müssen wir heute feststellen, dass sie dieses
Versprechen gebrochen hat. Dies gilt insbesondere für die
Grundbildung. Dieser Sektor stellt nach wie alles andere
als einen Schwerpunkt der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit dar. Die Ausgaben für Grundbildung
betrugen 2006 nicht mehr als 1 Prozent des
Entwicklungshaushaltes.
Angesichts dieser Defizite ist es zu begrüßen, dass
auch die Bundestagsfraktionen von SPD und Union durch
die Vorlage eines eigenen Bildungsantrages heute ihre
eigene Regierung an die eingegangenen
Selbstverpflichtungen erinnern wollen. Doch leider müssen wir dabei
feststellen, dass sie am Ende Angst vor der eigenen
Courage bekamen. Wie sonst ist es zu werten, dass sie in
ihrem vorliegenden Antrag nirgends konkret werden? Sie
verlieren sich in Allgemeinplätzen, die nichts bewegen
werden. Deutlich wird das etwa an ihrem Umgang mit
dem multilateralen Bildungsfonds FTI. Sie prangern das
Defizit an, das die Zahlungsunwilligkeit der G 8 in
diesem Fonds hinterlassen hat. Doch zum konkreten
Engagement der Bundesregierung fällt kein Wort.
Ich helfe ihnen auf die Sprünge. Auf der Brüsseler
Bildungskonferenz vom Mai 2007 sagte die
Bundesregierung die Bereitstellung von 8 Millionen Euro für den
sogenannten Catalytic Fund der FTI zu. Das ist praktisch
nichts. Die Niederlande haben sich bereit erklärt, in den
denselben Fonds bis 2009 satte 470 Millionen Euro
einzustellen. Das Schönreden haben sie von ihrer Regierung
abgeguckt. Seit Jahren fordern
Nichtregierungsorganisationen und die Linke, dass endlich eine saubere
Buchführung bei der Ausweisung der offiziell geleisteten
Entwicklungshilfe eingeführt wird. Die bilaterale Hilfe wird
in den Bilanzen der Bundesregierung systematisch
aufgebläht. 2005 wurden 985 Millionen Euro der bilateralen
Leistungen für den Gesamtsektor Bildung ausgewiesen.
Davon entfielen allerdings 745 Millionen auf die
Anrechnung der Studienplatzkosten ausländischer Studierender
in Deutschland. Das ist eine rein fiktive Größe. Solange
sie nicht aufhören, die Bilanzen derart zu schönen,
bleiben ihre vollmundigen Versprechen vollkommen
unglaubwürdig.
Fakt ist: Gemessen am Bruttonationaleinkommen läge
nach Berechnungen der Globalen Bildungskampagne der
angemessene Anteil Deutschlands zur Finanzierung der
bildungspolitischen Millenniumsziele bei jährlich rund
560 Millionen Euro. Tatsächlich brachte die
Bundesrepublik im Durchschnitt der Jahre 2004 und 2005 davon
bestenfalls 39 Prozent auf – wenn man von der großzügigen
Annahme ausgeht, dass ein Drittel der unspezifizierten
Gelder für Entwicklungshilfe im Bereich Bildung in die
Förderung von Grundbildung fließen. Zu Protokoll gegebene Reden
Hüseyin-Kenan AydinHier wird klar: Ihre Buchführung ist deshalb so
unsauber, weil sie das ganze Ausmaß der Kluft zwischen
Ankündigungen und Umsetzung vertuschen wollen. Lassen Sie
mich noch dieses anfügen: Dort, wo die
Regierungsfraktionen konkret werden, dort wo sie nicht beschönigen,
dort stellen sie der Bundesregierung ein erbärmliches
Zeugnis aus. Ich spreche von Afghanistan. Sie stellen fest:
Afghanistan hat mit 72 Prozent die höchste
Analphabetenrate weltweit – und das nach fast sieben Jahren des
sogenannten Wiederaufbaus. Und ich füge an: Auch auf
dem alle sozialen Indikatoren umfassenden
Weltentwicklungsindex ist Afghanistan in dieser Zeit noch weiter
zurückgefallen. Deutlicher kann man wohl kaum machen,
dass der ganze Bundeswehreinsatz in Afghanistan ein
einziges kostspieliges Desaster darstellt. Sparen Sie
endlich die Milliarden für den Militäreinsatz ein! Dann
würde auch für die Bekämpfung des weltweiten
Analphabetismus mehr übrig bleiben.
Ich komme zum Schluss noch auf ein Problem zu
sprechen, das häufig in den Diskussionen untergeht. Es ist
gut, wenn die KfW-Entwicklungsbank den Bau von
Schulen in den Elendsvierteln Nairobis finanziert. Doch das
allein bringt uns dem Ziel einer qualitativ guten
Grundbildung nicht näher. Entscheidend ist, dass genügend gut
ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Sie finden
in manchen Entwicklungsländern häufig unhaltbare
Situationen vor, selbst dort, wo alle Kinder eines Ortes
eingeschult worden sind. So zeigte jüngst eine
Dokumentation des Senders arte beispielhaft, wie in einer
Grundschule in Madagaskar eine Lehrerin in ein und derselben
Stunde zwei Klassen gleichzeitig unterrichten muss – mit
je 50 Kindern! Da verwundert es nicht, dass viele Kinder
zwar eingeschult werden, aber nicht einmal die vier
Klassen der Grundschule absolvieren. Es ist deshalb
erforderlich, neben den Einschulungsraten auch die
Abbrecherquoten bei der Bewertung der Fortschritte in der
Grundbildung zu berücksichtigen.
Die Linke fordert, dass sich die
Entwicklungszusammenarbeit mit Nachdruck auf die Erhöhung der Anzahl
qualifizierter Lehrkräfte orientiert. Nach Schätzungen
der UNESCO müssen in Schwarzafrika bis 2015
zusätzlich 1,6 Millionen Lehrkräfte eingestellt werden, damit
jedes Kind eine angemessene Grundschulbildung erhalten
kann. Um hier Abhilfe zu schaffen, kommen wir nicht
umhin, auch über die Beteiligung der
Entwicklungszusammenarbeit an Qualifizierungsmaßnahmen und der
Besoldung der Lehrkräfte nachzudenken. Dies wäre im
Rahmen einer konditionierten Budgethilfe auch ohne
Weiteres machbar. Des Weiteren müssen CIM als
integriertes Rückführungsprogramm von Arbeitsagenturen
und GTZ weiter gestärkt werden. Modelle der so
genannten zirkulären Migration, wie sie im Antrag der
Regierungsfraktionen propagiert werden, sind hingegen zum
Scheitern verurteilt, da sie auf Zwang statt auf Anreiz
beruhen.