Rede von Dr. Christian Ruck (CDU/CSU) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 22 a und 22 b: Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig.
Text
Rede von Dr. Christian Ruck (CDU/CSU) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig
Wenn man sich die Frage stellt, was die Kernfaktoren
sind, die Entwicklung wirklich voranbringen, so wird
man als wichtigsten Schlüsselfaktor die Bildung
identifizieren. Bildung ist der Schlüsselfaktor für erfolgreiche
nachhaltige Entwicklung und das Fundament aller
anderen Säulen unserer Entwicklungszusammenarbeit und für
eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft. Für die
unionsgeführte Entwicklungspolitik war Bildung daher
auch traditionell einer der drei Schwerpunkte.Die Weltgemeinschaft hat die Bedeutung der Bildung
mit der Milleniumserklärung unterstrichen und strebt an,
es bis zum Jahr 2015 zu ermöglichen, dass alle Kinder auf
der Welt – Mädchen wie Jungen – eine
Grundschulausbildung erhalten. Bei der Weltbildungskonferenz in
Dakar im Jahre 2000 haben die 180 teilnehmenden Staaten
sechs Ziele verabschiedet, um „Bildung für alle“–
Education For All, EFA – bis zum Jahre 2015 erreichen zu
können. Obwohl es unbestreitbar Erfolge bei der
Bildungszusammenarbeit gibt – so besuchten im Jahr 2005
rund 24 Millionen Kinder mehr die Grundschule als noch
1999 –, ist die Bildungssituation in vielen Ländern
weiterhin sehr besorgniserregend. Noch immer können
780 Millionen Menschen weltweit nicht lesen und
schreiben, und fast 80 Millionen Kinder besuchen keine
Grundschule.
Neben der klassischen Entwicklungszusammenarbeit
muss die Bildungszusammenarbeit auch eine größere
Rolle in der Unterstützung von Nachkriegsregionen, in
Flüchtlingslagern und in sogenannten „failing oder
failed states“ einnehmen. Nur so können dort Friedens-
und Entwicklungsperspektiven eröffnet werden. Diese
Gebiete und Staaten sind durch ein sehr geringes
Bildungsniveau gekennzeichnet.
In den ärmsten Entwicklungsländern bricht jedes
vierte Kind die Schule vorzeitig und ohne Abschluss ab.
Für Millionen von Grundschulabsolventen steht kein
weiterführendes Bildungsangebot zur Verfügung. Über den
Zugang zur Grundbildung hinaus ist es daher wichtig, die
Abbrecherquoten abzusenken und zusätzliche
Bildungsperspektiven zu eröffnen. Der Bildungssektor muss in
seiner Gesamtheit als Querschnittsaufgabe der
Entwicklungszusammenarbeit verankert werden.
Sekundarschulbildung, akademische Bildung und die berufliche
Aus- und Fortbildung sind wichtige Kernelemente, um
die Entwicklungspotenziale unserer Partner zu
optimieren.
Die Unterstützung des Bildungssektors muss darauf
abzielen, ein angepasstes, bedarfsgerechtes und
kohärentes Bildungssystem aufzubauen bzw. fortzuentwickeln. Es
gilt dabei, in einem übergreifenden Ansatz Mechanismen
und Strukturen formeller und non-formaler
Bildungsangebote für die frühkindliche Bildung, die Grundbildung,
die Sekundarschulbildung, die akademische Bildung, die
berufliche Aus- und Fortbildung und die
Erwachsenenbildung ebenso zu etablieren wie die dazu erforderlichen
Voraussetzungen für die Bereitstellung der
entsprechenden Infrastruktur und der dazu notwendigen Lehrkräfte
sowie deren Aus- und Fortbildung.
Alle konzeptionellen Ansätze der
Bildungsunterstützung müssen – auch im Rahmen übergeordneter
Armutsbekämpfungsstrategien – zwischen Partnern und Gebern
eng abgestimmt und verzahnt werden. Auch darf die
Unterstützung nicht dazu führen, dass bestimmte Landesteile
bevorteilt bzw. benachteiligt werden. Maßnahmen der
Bildungsunterstützung sind nur dann nachhaltig
erfolgreich, wenn die weitere Finanzierung auch nach dem
Rückzug der Geldgeber abgesichert ist. Entsprechende
Strategien müssen bereits bei der Konzeption der Maß-
Dr. Christian Rucknahmen integraler Bestandteil der Planungen und
Vereinbarungen sein.
Schwierige wirtschaftliche Bedingungen und
fehlender Zugang zu Bildung sind Faktoren, die Menschen für
radikal religiöse und politische Heilslehren anfällig
machen können. Um den Herausforderungen des
Extremismus oder religiösen Fundamentalismus zu begegnen,
sollten in Risikogebieten die Zusammenarbeit im
Bildungsbereich als ein sektorübergreifendes Anliegen
verstanden und staatliche Bildungssysteme gestärkt werden,
damit sie attraktive Alternativen zu einem fundamental
religiös geprägten Bildungsangebot werden.
Voraussetzung für alles weitere Lernen ist eine solide
Grundbildung. Investitionen in Grundbildung sind
Investitionen für eine nachhaltige Entwicklung durch
eigenverantwortlich handelnde Menschen. Noch immer
herrscht eine sehr ungleiche Verteilung der
Grundbildungsangebote zwischen Land und Stadt. Um den Bereich
der primären Bildung voranzubringen, sind mehr
regionale und praxisorientierte Ansätze notwendig. Zur
Überwindung der den Schulbesuch hemmenden Faktoren
müssen angepasste Anreizstrategien – zum Beispiel
Anpassung der Ferien, an den landwirtschaftlichen
Kalender, Erhöhung der Schuldichte, Schulspeisung –
identifiziert und umgesetzt werden.
Es gilt zudem, Anreize für Lehrpersonal zu schaffen,
einen Lehrauftrag an abgelegenen Standorten
aufzunehmen. Beim Ausbau der Schulsysteme und Einrichtungen
müssen die Faktoren Quantität und Qualität
ineinandergreifen. Neben den Einschulungsraten ist verstärkt auf
die Abschlussraten zu achten. Vermitteltes Wissen sollte
durch Qualitätskontrollen und Leistungstests kontrolliert
werden.
Nach der Grundschule müssen den Schülerinnen und
Schülern weiterführende Bildungsangebote zur
Verfügung stehen. Daher muss darauf geachtet werden, auch
angepasste und leistungsfähige Sekundarschulstrukturen
– insbesondere im ländlichen Raum – auf- bzw.
auszubauen. Zielsetzung muss dabei sein, ein
Sekundarbildungsangebot zu etablieren, welches sowohl die Basis für
ein selbstbestimmtes Leben der Jugendlichen schafft und
die für die Landesbedürfnisse notwendige
Ausbildungsfähigkeit in praktischen Berufen sicherstellt als auch die
Qualifikation für eine weiterführende technische oder
akademische Weiterbildung vermittelt sowie die
Beschäftigungsfähigkeit verbessert.
Der Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften für
Produktion. Handel und Dienstleistungen ist ein wichtiger
hemmender Faktor für die Entwicklung in vielen
Entwicklungsländern. Der Aufbau angepasster
Berufsausbildungssysteme in enger Kooperation mit der örtlichen
Wirtschaft ist daher eine große Herausforderung für viele
Partner und damit für die deutsche
Entwicklungszusammenarbeit. Berufliche Bildung hat in der
Entwicklungszusammenarbeit zwei wichtige Zieldimensionen: Sie
unterstützt die Entwicklung und Erschließung von
Wachstumspotenzialen insbesondere der modernen
Wirtschaft, und sie befähigt gleichzeitig die Menschen zur
eigenverantwortlichen Gestaltung ihres Lebens und der Ar-
beit.Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch die Eröffnung von
Perspektiven für die Beschäftigen des non-formalen
Sektors, für junge Erwachsene und Menschen, denen es nicht
möglich war, am formalen Bildungssystem teilzuhaben.
Bei der Stärkung einer Brückenfunktion hin zu Zugängen
in den formalen Bildungsbereich haben
Nichtregierungsorganisationen und Kirchen solide Kompetenzen.
Die lokale Anpassung des deutschen Systems der
dualen Berufsausbildung kann bei der beruflichen Bildung
wichtige Impulse liefern, wird aber erfahrungsgemäß
nicht immer eine angepasste Lösung für die spezifischen
Bedürfnisse eines bestimmten Landes darstellen. Wichtig
ist aber die Herausbildung einer engen Kooperation von
Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Für die ausgebildeten Fachkräfte ist es wichtig,
Zugang zur Fort- und Weiterbildung zu ermöglichen, damit
sie mit den schnelllebigen Entwicklungen Schritt halten
können. Dazu sind die Etablierung neuer und der Ausbau
bestehender Bildungseinrichtungen sowie die
Herstellung von Kooperationen mit entsprechenden
Einrichtungen in Deutschland und anderen Industrieländern
wichtige Elemente. Über das Instrument der
privatenöffentlichen Partnerschaften sollte auch die Einrichtung
überbetrieblicher Bildungseinrichtungen über die
Industrie- und Handelskammern oder die Handwerkskammern
angestrebt werden.
Nachhaltige Bildungssysteme können nur dann
etabliert werden, wenn die Partner mittelfristig auch ohne
Hilfe der Geber selbstständig ausbilden können. Ohne
gute akademische Bildungseinrichtungen – Universitäten
und Fachhochschulen – vor Ort ist dies nicht möglich.
Ein wichtiger Aspekt der Bildungszusammenarbeit ist
daher auch die Intensivierung der Zusammenarbeit im
Hochschulbereich. Neben der Stärkung von
Hochschulbildung als Querschnittsbereich sollte auch eine
Vernetzung der Hochschulen in und zwischen
Entwicklungsländern stärker gefördert werden, um einen lebhaften
Wissenstransfer innerhalb eines Landes oder einer
Region zu gewährleisten. Auch die Gründung deutscher
Universitäten in Entwicklungsländern sollte als
strategische Option gezielt vorangetrieben werden.
Hochschulen übernehmen eine Verbindungsfunktion
zwischen Staat und Gesellschaft und begleiten
gesellschaftliche und politische Reformprozesse. Bei der
Hochschul- und Wissenschaftskooperation können daher
Synergieeffekte erzielt werden, wenn Brücken zu den anderen
Sektoren der Entwicklungszusammenarbeit geschlagen
werden. Mit dem Instrument Public-Private-Partnership
– PPP – können die in Entwicklungsländern
angesiedelten Verbände und Unternehmen dabei unterstützt werden,
Ausbildungszentren und Hochschulen vor Ort zu
initiieren und auszustatten. Die Einrichtung von
grenzüberschreitenden Studiengängen mit möglicher Vernetzung zu
regionalen Forschungsnetzwerken stellt ein geeignetes
Instrument für die ressortübergreifende Förderung von
Hochschulkooperationen in Schwellenländern dar, die es
auszubauen gilt.
Die Förderung von Stipendiaten aus
Entwicklungsländern und die Vertiefung der Wissenschaftskooperation
zwischen den universitären Einrichtungen erhöhen dasZu Protokoll gegebene Reden
Dr. Christian RuckBildungsniveau und festigen die Beziehungen zwischen
den beteiligten Staaten zum gegenseitigen Vorteil.
Kooperationen deutscher Universitäten und
Forschungsinstitute mit Partnern in Entwicklungsländern sind wegen des
damit verbundenen Aufbaus von Kontakten zur
wissenschaftlichen Lösung globaler Probleme – Klima,
Gesundheit und andere – notwendig, aber auch von Vorteil für die
deutsche Wirtschaft. Ein wichtiges Element der
Kooperationen ist die Verstetigung der wissenschaftlichen und
persönlichen Kontakte sowie des gegenseitigen
Austauschs durch eine intensivierte Pflege der Alumni-
Netzwerke.
Gleich, welche Bildungsstufe durchlaufen wurde,
sollen die Menschen dadurch in die Lage versetzt werden,
ihr eigenes Einkommen zu erwirtschaften, damit
erworbenes Wissen und Fähigkeiten dem jeweiligen
Partnerland nachhaltig erhalten bleiben. Es gilt, die
Abwanderung von qualifizierten Kräften mit ihrem Wissen
– sogenannter Brain Drain – zu vermeiden. Dazu sind
Anreize zu schaffen, qualifizierte Menschen dort zu
beschäftigen, wo sie am nötigsten gebraucht werden: im
eigenen Land.
Wir sollten uns bei der Entwicklungszusammenarbeit
im Bildungsbereich auch der Akteure besinnen, die nicht
im engeren Sinn Teil der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit sind. Wir müssen alle Potenziale ausloten, die
Erfahrung der deutschen Auslandsschulen und der
Goethe-Institute zur Stärkung der Bildungssysteme
unserer Partner zu nutzen.
Lassen Sie mich zum Schluss noch darauf hinweisen,
dass es auch einen Bereich gibt, wo wir die Bildung
unserer Bürger, voranbringen müssen. Dies ist die
entwicklungspolitische Bildung. Sie soll unseren Bürgern die
Herausforderungen in den Entwicklungsländern und die
Instrumente zur Bewältigung dieser Herausforderungen
in der Einen Welt zur Sicherstellung von Frieden und
Wohlstand verdeutlichen. Wir sollten gemeinsam mehr
tun, den Zugang zu diesen Bildungsangeboten zu
erweitern.