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Rede von Dr. Bärbel Kofler (SPD) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig

dip / rede 05.06.2008 · WP 16 · Original ↗

Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 22 a und 22 b: Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig.

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Rede von Dr. Bärbel Kofler (SPD) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig Ich freue mich, heute unseren aktuellen Antrag zur Förderung der Bildung und Ausbildung in der Entwicklungspolitik vorstellen zu können. Bildung ist bei Weitem kein neues Thema: Zusammen mit Gesundheit sind Bildung und Ausbildung fundamentale Elemente jeder entwicklungspolitischen Arbeit und Voraussetzung für die nachhaltige Entwicklung einer Gesellschaft. Bisher hat unsere bilaterale wie auch multilaterale staatliche Entwicklungszusammenarbeit Gutes geleistet. Die im Jahr 2000 initiierte Initiative „Education for all“ und die seit 2002 darauf aufbauende „Fast Track Initiative“ sind gelungene Beispiele dafür. Dennoch spricht der UNESCO-Weltbildungsbericht vom Dezember 2007 eine deutliche Sprache. Die Bildungssituation in vielen Ländern ist weiterhin besorgniserregend. Zurzeit besuchen fast 80 Millionen Kinder keine Schule, und der Zugang zu Bildung, insbesondere zurGrundbildung, ist für viele Menschen immer noch mit großen Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden. Dabei ist eines unbestritten: Bildung ist ein Menschenrecht, ist wesentliche Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben und für gesellschaftliche Teilhabe. Daher fordert unser Antrag den konsequenten Ausbau des Schlüsselsektors Bildung. Dabei ist wichtig, dass Bildung heute einerseits sektorübergreifend beispielsweise bei der Friedensentwicklung und Krisenprävention sowie der Demokratieförderung integriert werden muss, andererseits aber auch ein wichtiger selbstständiger Sektor ist und bleibt. Der Sektor Bildung ist also von elementarer Bedeutung, das sollte auch bei Regierungsverhandlungen immer wieder betont werden. Auf meiner Reise in den Ostkongo im Mai dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit eine Schule zu besuchen, in der mit partizipativen Lehrmethoden das selbstständige Denken der Schüler gefördert wird und damit den Schülern auch friedliche Konfliktlösungskonzepte aufgezeigt werden. Hiervon unterscheidet sich noch deutlich die weit verbreitete herkömmlicher Methode der Unterrichtsgestaltung mit wenig selbstständiger Beteiligung der Schüler und einem Auswendiglernen von Dingen, die den Bedürfnissen der Region nicht entsprechen. Fragen der Schüler sowie Formulierung eigener Standpunkte ist dabei nicht Teil des Unterrichtsgeschehens. Dies hat Auswirkungen auf gesellschaftliches Handeln und die Eigenreflexion der Schüler. In einem Gespräch mit den Schülern wurde deutlich, dass die im Unterricht erarbeiteten Verhaltensregeln auch auf das Leben außerhalb der Schule übertragen werden. Die Schülerinnen und Schüler berichteten davon, wie sie das gemeinsame Diskutieren in der Gruppe, das sie im Unterricht eingeübt hatten, auch als Streitschlichtungsmodell für Schwierigkeiten im Freundeskreis außerhalb der Schule und in der Familie einsetzen. Nach Jahren des Bürgerkriegs und der Gewalt ist es insbesondere für die junge Generation unbedingt nötig, friedliche und demokratische Konfliktlösungsstrategien einzuüben. Denn auch dazu können Schulen beitragen. Dies zeigt, dass neben der Quantität der zu schaffenden Schulen auch die Qualität des angebotenen Unterrichts von entscheidender Bedeutung ist. Neben der Vernetzung von Bildung mit anderen Sektoren der Entwicklungszusammenarbeit wie Friedensentwicklung gibt es drei Kernfelder, bei denen Bildung als eigenständiger Schwerpunkt ansetzten muss: Allen voran ist die Grundbildung zu nennen. Wir als Sozialdemokraten haben uns schon von jeher für eine vom Elternhaus unabhängige Bildungschance für Kinder und für Bildungsgerechtigkeit eingesetzt. Das ist in der Entwicklungszusammenarbeit nicht anders. Daher ist bei der Grundbildung besonders wichtig, dass sie gebührenfrei erfolgt und auch die Lehrmittel kostenfrei sind. Insbesondere ist auch darauf zu achten, dass der Grundschulbesuch für Mädchen gefördert wird. Praxisorientierte Ansätze sind dabei wichtig: Die Schulwege müssen sicher gestaltet werden, weibliches Lehrpersonal muss verstärkt zum Einsatz kommen. Manchmal sind es einfa-Zu Protokoll gegebene Reden Dr. Bärbel Koflerche Dinge wie die Einrichtung von nach Geschlechtern getrennten Schultoiletten, die es Mädchen leichter macht, die Schule zu besuchen. Nach der Grundbildung und dem Ausbau der Sekundarschulbildung, ist die berufliche Bildung und Weiterbildung als ein weiteres Kernelement der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit zu nennen. Lassen Sie mich hier nochmals unterstreichen, dass das duale Berufsschulsystem, mit welchem wir in Deutschland gute Erfahrung haben, schon häufig in Partnerländern den Impuls für ähnliche Berufschulsysteme gab. In der beruflichen Bildung gilt es, Fachwissen und praktische Fähigkeiten wie auch soziale Verhaltensweisen zu erlernen, um Beschäftigungsfähigkeit zu schaffen. Auch hier möchte ich ein Beispiel von meiner Reise in den Kongo anführen. Das Berufsbildungszentrum CAPA in Bukavu bietet jungen Menschen die Chance, in den Bereichen Lederverarbeitung, Metallverarbeitung – KFZ- Handwerk – Schreinerei, Polsterei, Textilbearbeitung und Schneiderei, Gastronomie, Gitarrenbau, Seifenproduktion, Bau- und Maurerarbeiten und EDV eine Ausbildung zu erhalten, die es ihnen ermöglicht, sich nach ihrem Abschluss in ihrem erlernten Beruf selbstständig zu machen. Auch ein Lager, in dem die Absolventen günstig ihr Material für ihre eigene Werkstatt beziehen können, ist angeschlossen. Viele derjenigen, die hier eine Ausbildung erhalten, waren Kindersoldaten, Soldaten, die ihre Waffen abgegeben hatten, und Menschen aus schwierigstem familiären und sozialen Umfeld. Solche beruflichen Bildungsangebote, deren Qualifikationsmaßnahmen oft auch nur wenige Monate dauern, bieten eine Chance für Menschen, die bisher nicht den Weg im formalen Bildungssystem gehen konnten. In solchen Einrichtungen finden sich meist Alphabetisierungsangebote, auch Frauen werden durch diese besonders angesprochen und gestärkt. Das von mir erwähnte Institut in Bukavu schafft berufliche Perspektiven, die angesichts der kriegsbelasteten Vergangenheit der Menschen auch zu einem Weg zu einem neuen Leben in einer friedlichen Gesellschaft werden. Lassen Sie mich nun noch auf einige Aspekte der akademischen Bildung eingehen. Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit kommt der akademischen Bildung ein wichtiger Auftrag zu. Im Bereich Wissenstransfer und Hochschulkooperation ist es wichtig, regionale Vernetzung seitens der Hochschulen zu betreiben. Dies kann nicht nur die Entstehung von Forschungsnetzwerken befördern, sondern dient auch dem Auf- und Ausbau akademischer Bildungseinrichtungen. Gerade die universitären Einrichtungen müssen mit Blick auf den Arbeitsmarkt des jeweiligen Landes Ausbildungsangebote machen: Der Fachkräftemangel im akademischen Bereich, insbesondere der Lehrkräftemangel, stellt eine besondere Herausforderung dar. Aber gerade am Beispiel der Lehrkräfte wird deutlich, wie wichtig es ist, auch die Bedingungen des Arbeitsumfelds zu gestalten, um qualitative Bildung zu gewährleisten. Dazu gehören eine adäquate Besoldung der Lehrersowie Anreize für Lehrpersonal, auch an abgelegenen Standorten zu unterrichten. Zusammenfassend möchte ich folgende Aspekte nochmals betonen: Wie in Punkt acht unseres Antrags gefordert, ist der Grundbildungsförderung erhöhte Priorität beizumessen. Vollständige Primarschulbildung ist schließlich ein ausdrücklich formuliertes Millenniumsentwicklungsziel. Der Zugang zu Bildung und die Anwendung der erlernten Bildungsinhalte sind aber auch Grundlage zur Verwirklichung aller Millenniumsentwicklungsziele, sei es Armutsbekämpfung und wirtschaftliches Wachstum, das durch die praktische, berufliche Umsetzung des erlernten Wissens befördert wird, sei es die Förderung einer aktiven Zivilgesellschaft, bei der sich die in Bildungseinrichtungen vermittelten partizipativen Strukturen und Kommunikationsfähigkeiten positiv niederschlagen. Auch die im dritten Millenniumsentwicklungsziel formulierte Gleichstellung der Geschlechter ist im Bereich Bildung von weitreichender Bedeutung: Da Frauen bei der Entwicklung eine Schlüsselrolle für Entwicklung zukommt, ist die Bildung von Mädchen und Frauen explizit zu fördern. Selbstverständlich gilt das Recht auf Bildung auch für Menschen mit Behinderungen, denen in ungleich höherem Maße als anderen Menschen der Zugang zur Primarschulbildung verweigert wird. Grundlage für den Schulbesuch ist, dass Kinder nicht arbeiten müssen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen und – für den Bereich der Bildung besonders wichtig – das Verbot der Kinderarbeit sind dafür unabdingbare Voraussetzung. Zu guter Letzt will ich noch auf den Einsatz der Bundesländer für Bildung in der Entwicklungszusammenarbeit eingehen. Aufgrund unserer föderalen Struktur und der Länderhoheiten im Bereich Bildung kommt unseren Bundesländern hier nicht nur innenpolitisch, sondern auch im Rahmen entwicklungspolitischer Zielsetzungen Verantwortung zu. Was bereits innenpolitisch ein Grundsatz der Sozialdemokratie ist – Bildung muss gebührenfrei sein –, ist natürlich auch ein Anspruch an die Bildungsarbeit der Bundesländer mit Entwicklungsländern. Hier ist insbesondere der Abbau von Studiengebühren für Studierende zu nennen. Studiengebühren sind hinderlich für die Chancengleichheit; dies gilt für inländische Studierende ebenso wie für Studierende aus Entwicklungsländern. Bildung ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben, gesellschaftliche Teilhabe und effektive Armutsbekämpfung. Es gibt viel zu tun!

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