Rede von Dr. Bärbel Kofler (SPD) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 22 a und 22 b: Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig.
Text
Rede von Dr. Bärbel Kofler (SPD) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig
Ich freue mich, heute unseren aktuellen Antrag zur
Förderung der Bildung und Ausbildung in der
Entwicklungspolitik vorstellen zu können. Bildung ist bei Weitem
kein neues Thema: Zusammen mit Gesundheit sind
Bildung und Ausbildung fundamentale Elemente jeder
entwicklungspolitischen Arbeit und Voraussetzung für die
nachhaltige Entwicklung einer Gesellschaft.
Bisher hat unsere bilaterale wie auch multilaterale
staatliche Entwicklungszusammenarbeit Gutes geleistet.
Die im Jahr 2000 initiierte Initiative „Education for all“
und die seit 2002 darauf aufbauende „Fast Track
Initiative“ sind gelungene Beispiele dafür. Dennoch spricht
der UNESCO-Weltbildungsbericht vom Dezember 2007
eine deutliche Sprache. Die Bildungssituation in vielen
Ländern ist weiterhin besorgniserregend.
Zurzeit besuchen fast 80 Millionen Kinder keine
Schule, und der Zugang zu Bildung, insbesondere zurGrundbildung, ist für viele Menschen immer noch mit
großen Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden.
Dabei ist eines unbestritten: Bildung ist ein
Menschenrecht, ist wesentliche Voraussetzung für ein
selbstbestimmtes Leben und für gesellschaftliche Teilhabe. Daher
fordert unser Antrag den konsequenten Ausbau des
Schlüsselsektors Bildung. Dabei ist wichtig, dass Bildung
heute einerseits sektorübergreifend beispielsweise bei der
Friedensentwicklung und Krisenprävention sowie der
Demokratieförderung integriert werden muss,
andererseits aber auch ein wichtiger selbstständiger Sektor ist
und bleibt. Der Sektor Bildung ist also von elementarer
Bedeutung, das sollte auch bei Regierungsverhandlungen
immer wieder betont werden.
Auf meiner Reise in den Ostkongo im Mai dieses
Jahres hatte ich die Gelegenheit eine Schule zu besuchen, in
der mit partizipativen Lehrmethoden das selbstständige
Denken der Schüler gefördert wird und damit den
Schülern auch friedliche Konfliktlösungskonzepte aufgezeigt
werden. Hiervon unterscheidet sich noch deutlich die
weit verbreitete herkömmlicher Methode der
Unterrichtsgestaltung mit wenig selbstständiger Beteiligung der
Schüler und einem Auswendiglernen von Dingen, die den
Bedürfnissen der Region nicht entsprechen. Fragen der
Schüler sowie Formulierung eigener Standpunkte ist
dabei nicht Teil des Unterrichtsgeschehens.
Dies hat Auswirkungen auf gesellschaftliches Handeln
und die Eigenreflexion der Schüler. In einem Gespräch
mit den Schülern wurde deutlich, dass die im Unterricht
erarbeiteten Verhaltensregeln auch auf das Leben
außerhalb der Schule übertragen werden. Die Schülerinnen
und Schüler berichteten davon, wie sie das gemeinsame
Diskutieren in der Gruppe, das sie im Unterricht eingeübt
hatten, auch als Streitschlichtungsmodell für
Schwierigkeiten im Freundeskreis außerhalb der Schule und in der
Familie einsetzen. Nach Jahren des Bürgerkriegs und der
Gewalt ist es insbesondere für die junge Generation
unbedingt nötig, friedliche und demokratische
Konfliktlösungsstrategien einzuüben. Denn auch dazu können
Schulen beitragen.
Dies zeigt, dass neben der Quantität der zu
schaffenden Schulen auch die Qualität des angebotenen
Unterrichts von entscheidender Bedeutung ist.
Neben der Vernetzung von Bildung mit anderen
Sektoren der Entwicklungszusammenarbeit wie
Friedensentwicklung gibt es drei Kernfelder, bei denen Bildung als
eigenständiger Schwerpunkt ansetzten muss:
Allen voran ist die Grundbildung zu nennen. Wir als
Sozialdemokraten haben uns schon von jeher für eine
vom Elternhaus unabhängige Bildungschance für Kinder
und für Bildungsgerechtigkeit eingesetzt. Das ist in der
Entwicklungszusammenarbeit nicht anders. Daher ist bei
der Grundbildung besonders wichtig, dass sie
gebührenfrei erfolgt und auch die Lehrmittel kostenfrei sind.
Insbesondere ist auch darauf zu achten, dass der
Grundschulbesuch für Mädchen gefördert wird.
Praxisorientierte Ansätze sind dabei wichtig: Die Schulwege müssen
sicher gestaltet werden, weibliches Lehrpersonal muss
verstärkt zum Einsatz kommen. Manchmal sind es einfa-Zu Protokoll gegebene Reden
Dr. Bärbel Koflerche Dinge wie die Einrichtung von nach Geschlechtern
getrennten Schultoiletten, die es Mädchen leichter macht,
die Schule zu besuchen. Nach der Grundbildung und dem
Ausbau der Sekundarschulbildung, ist die berufliche
Bildung und Weiterbildung als ein weiteres Kernelement der
entwicklungspolitischen Bildungsarbeit zu nennen.
Lassen Sie mich hier nochmals unterstreichen, dass
das duale Berufsschulsystem, mit welchem wir in
Deutschland gute Erfahrung haben, schon häufig in
Partnerländern den Impuls für ähnliche Berufschulsysteme
gab. In der beruflichen Bildung gilt es, Fachwissen und
praktische Fähigkeiten wie auch soziale
Verhaltensweisen zu erlernen, um Beschäftigungsfähigkeit zu schaffen.
Auch hier möchte ich ein Beispiel von meiner Reise in
den Kongo anführen. Das Berufsbildungszentrum CAPA
in Bukavu bietet jungen Menschen die Chance, in den
Bereichen Lederverarbeitung, Metallverarbeitung – KFZ-
Handwerk – Schreinerei, Polsterei, Textilbearbeitung und
Schneiderei, Gastronomie, Gitarrenbau,
Seifenproduktion, Bau- und Maurerarbeiten und EDV eine Ausbildung
zu erhalten, die es ihnen ermöglicht, sich nach ihrem
Abschluss in ihrem erlernten Beruf selbstständig zu machen.
Auch ein Lager, in dem die Absolventen günstig ihr
Material für ihre eigene Werkstatt beziehen können, ist
angeschlossen. Viele derjenigen, die hier eine Ausbildung
erhalten, waren Kindersoldaten, Soldaten, die ihre Waffen
abgegeben hatten, und Menschen aus schwierigstem
familiären und sozialen Umfeld.
Solche beruflichen Bildungsangebote, deren
Qualifikationsmaßnahmen oft auch nur wenige Monate dauern,
bieten eine Chance für Menschen, die bisher nicht den
Weg im formalen Bildungssystem gehen konnten. In
solchen Einrichtungen finden sich meist
Alphabetisierungsangebote, auch Frauen werden durch diese besonders
angesprochen und gestärkt.
Das von mir erwähnte Institut in Bukavu schafft
berufliche Perspektiven, die angesichts der kriegsbelasteten
Vergangenheit der Menschen auch zu einem Weg zu
einem neuen Leben in einer friedlichen Gesellschaft
werden.
Lassen Sie mich nun noch auf einige Aspekte der
akademischen Bildung eingehen. Im Rahmen der
Entwicklungszusammenarbeit kommt der akademischen Bildung
ein wichtiger Auftrag zu. Im Bereich Wissenstransfer und
Hochschulkooperation ist es wichtig, regionale
Vernetzung seitens der Hochschulen zu betreiben. Dies kann
nicht nur die Entstehung von Forschungsnetzwerken
befördern, sondern dient auch dem Auf- und Ausbau
akademischer Bildungseinrichtungen.
Gerade die universitären Einrichtungen müssen mit
Blick auf den Arbeitsmarkt des jeweiligen Landes
Ausbildungsangebote machen: Der Fachkräftemangel im
akademischen Bereich, insbesondere der Lehrkräftemangel,
stellt eine besondere Herausforderung dar.
Aber gerade am Beispiel der Lehrkräfte wird deutlich,
wie wichtig es ist, auch die Bedingungen des
Arbeitsumfelds zu gestalten, um qualitative Bildung zu
gewährleisten. Dazu gehören eine adäquate Besoldung der Lehrersowie Anreize für Lehrpersonal, auch an abgelegenen
Standorten zu unterrichten.
Zusammenfassend möchte ich folgende Aspekte
nochmals betonen: Wie in Punkt acht unseres Antrags
gefordert, ist der Grundbildungsförderung erhöhte Priorität
beizumessen. Vollständige Primarschulbildung ist
schließlich ein ausdrücklich formuliertes
Millenniumsentwicklungsziel. Der Zugang zu Bildung und die
Anwendung der erlernten Bildungsinhalte sind aber auch
Grundlage zur Verwirklichung aller
Millenniumsentwicklungsziele, sei es Armutsbekämpfung und
wirtschaftliches Wachstum, das durch die praktische, berufliche
Umsetzung des erlernten Wissens befördert wird, sei es
die Förderung einer aktiven Zivilgesellschaft, bei der sich
die in Bildungseinrichtungen vermittelten partizipativen
Strukturen und Kommunikationsfähigkeiten positiv
niederschlagen. Auch die im dritten
Millenniumsentwicklungsziel formulierte Gleichstellung der Geschlechter ist
im Bereich Bildung von weitreichender Bedeutung: Da
Frauen bei der Entwicklung eine Schlüsselrolle für
Entwicklung zukommt, ist die Bildung von Mädchen und
Frauen explizit zu fördern.
Selbstverständlich gilt das Recht auf Bildung auch für
Menschen mit Behinderungen, denen in ungleich
höherem Maße als anderen Menschen der Zugang zur
Primarschulbildung verweigert wird.
Grundlage für den Schulbesuch ist, dass Kinder nicht
arbeiten müssen, um zum Lebensunterhalt der Familie
beizutragen. Die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen
und – für den Bereich der Bildung besonders wichtig –
das Verbot der Kinderarbeit sind dafür unabdingbare
Voraussetzung.
Zu guter Letzt will ich noch auf den Einsatz der
Bundesländer für Bildung in der
Entwicklungszusammenarbeit eingehen. Aufgrund unserer föderalen Struktur und
der Länderhoheiten im Bereich Bildung kommt unseren
Bundesländern hier nicht nur innenpolitisch, sondern
auch im Rahmen entwicklungspolitischer Zielsetzungen
Verantwortung zu. Was bereits innenpolitisch ein
Grundsatz der Sozialdemokratie ist – Bildung muss
gebührenfrei sein –, ist natürlich auch ein Anspruch an die
Bildungsarbeit der Bundesländer mit Entwicklungsländern.
Hier ist insbesondere der Abbau von Studiengebühren für
Studierende zu nennen. Studiengebühren sind hinderlich
für die Chancengleichheit; dies gilt für inländische
Studierende ebenso wie für Studierende aus
Entwicklungsländern.
Bildung ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes
Leben, gesellschaftliche Teilhabe und effektive
Armutsbekämpfung.
Es gibt viel zu tun!
Relationen
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