Rede von Ute Koczy (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 22 a und 22 b: Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig.
Text
Rede von Ute Koczy (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, Hartwig
Zu Recht wird der Bildung in der internationalen
Entwicklungszusammenarbeit ein hoher Stellenwert
eingeräumt. Denn Bildung kann den Armutskreislauf
durchbrechen und ist eine der wesentlichen Voraussetzung fürdie Entwicklung eines Landes. 1998/99 waren in Sub-
Sahara-Afrika nur 57 Prozent der Kinder eingeschult.
Dann kamen im Jahr 2000 das Weltbildungsforum in
Dakar/Senegal und die Millenniumserklärung der
Vereinten Nationen. Die Staatengemeinschaft verpflichtete
sich in den Erklärungen der beiden Gipfel die
Bildungssituation in den Entwicklungsregionen der Welt zu
verbessern. Grundschulbildung soll bis 2015 allen Kindern
zugänglich gemacht werden. Die Statistiken der Vereinten
Nationen zeigen seit den Verpflichtungserklärungen gute
Fortschritte bei den Einschulungsquoten. So erhöhte sich
besonders prägnant in den Ländern Sub-Sahara-Afrikas
die Quote bis 2005 auf 70 Prozent. In allen
Entwicklungsregionen zusammengenommen stieg diese zwischen
1998/99 bis 2005 von 83 auf 88 Prozent. Nimmt man
absolute Zahlen, so wird deutlich, dass es immer noch sehr
viel zu tun gibt; denn 77 Millionen Kinder erhalten
weltweit immer noch keine Grundbildung. Neben Armut, die
viele Kinder dazu zwingt ihren Beitrag zur
Haushaltskasse beizutragen, sind es vor allem Schulgebühren, die
viele arme Familien, besonders auf dem Land, daran
hindern ihre Kinder in die Schule zu schicken. Eine
gebührenfreie Grundschulbildung zu erreichen muss in den
Bildungsplänen der jeweiligen Staaten implementiert
werden. Besondere Fortschritte sind demnach auch in
den Ländern zu verzeichnen, die ebendiese abgeschafft
haben, so in Ghana oder Mosambik.
Deutschland hat sich den internationalen
Entwicklungszielen verpflichtet und muss seinen Beitrag leisten,
um das Ziel des universellen Zugangs zu einer
Grundschulbildung bis 2015 zu erreichen. Die Mittel, die es
dafür ausgibt, sind aber relativ gering. Die Globale
Bildungskampagne attestiert Deutschland, dass es für die
Grundbildung weit unter dem „fairen Anteil“ gemäß der
deutschen Wirtschaftskraft liegt. In der Tat gilt es zu
klären, wie eine angemessene Beteiligung Deutschlands
auszusehen hätte und auf welcher Grundlage diese zu
errechnen wäre. Besonders das geringe Engagement
Deutschlands in der Education For All, EFA, – Fast Track
Initiative, FTI, der Weltbank ist sehr kritisch zu sehen. In
der Initiative werden in erster Linie diejenigen
Entwicklungsländer finanziell wie technisch unterstützt, die
durch langfristig angelegte Aktionspläne den Zugang zu
Bildung systematisch verbessern wollen. Dadurch gibt es
ein hohes Maß an verbindlicher Planung und
Identifikation mit den Bildungszielen der Vereinten Nationen. Die
großen Geberländer sollten der Initiative den
entsprechenden finanziellen Spielraum einräumen, um die
Reformbemühungen der Partnerländer effizient zu
unterstützen. Deutschland muss sich aus unserer Sicht an der
Initiative mit mehr Geld beteiligen. Bis dato sind drei
Millionen US-Dollar für EFA-FTI aus dem Bundeshaushalt
geflossen. Verglichen mit den Niederlanden, die sich
bisher mit 430 Millionen US-Dollar beteiligen, ist das
einfach zu wenig. Den Koalitionsfraktionen ist dies
scheinbar aufgefallen. Sie fordern von der Bundesregierung
eine angemessene finanzielle Ausstattung der EFA-FTI,
lassen aber nicht erkennen an welche Größenordnung sie
dabei denken.
Ein wesentlich höherer Betrag wird für die Förderung
ausländischer Studierender und die Hochschul- und
Wissenschaftskooperation ausgegeben. Im Grundsatz ist dieZu Protokoll gegebene Reden
Ute KoczyHochschul- und Wissenschaftskooperation nicht zu
kritisieren und wir teilen nicht die Auffassung, dass dadurch
die bilateralen EZ-Mittel künstlich aufgebauscht werden.
Dass würde voraussetzen, dass diese Formen der
Förderung und Kooperation keine Instrumente der
Entwicklungszusammenarbeit sind bzw. sein sollten. Sie sind es
aber, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag zum
geforderten Capacity Building in den Entwicklungsländern.
Ich frage aber kritisch nach, ob die finanzielle
Übergewichtung dieses Sektors in Relation zur Förderung der
Grundbildung den Entwicklungszielen der
Bundesregierung nicht zuwider läuft.
Der Antrag der Koalitionsfraktionen beschreibt
umfassend den Bereich Bildung in der
Entwicklungszusammenarbeit. Wichtige Handlungsfelder werden erwähnt,
von der Grundschulbildung über weiterführende Bildung
und Berufschulbildung bis zu Bildung in fragilen Staaten.
Es lässt sich allerdings – insbesondere im Forderungsteil –
nicht immer nachvollziehen, worin der optimale deutsche
Beitrag liegt. Wo hat Deutschland wirkliche Kompetenz,
die von den Partnerländern verstärkt und erwünscht
wird? So wäre es interessant zu wissen, was die Koalition
unter den „komparativen Vorteilen Deutschlands bei der
Konzeption von Bildungssystemen“ verstehen und vor
allem wie diese in Entwicklungsländern eingebracht
werden können. Konkret: Was können Mali oder Vietnam vom
deutschen Bildungssystem lernen? Dazu brauchten wir
eine Bestandsaufnahme unserer Stärken im
Bildungsbereich, wobei immer noch die Frage zu klären wäre, ob
und wie sich diese auf andere Länder übertragen ließen.
Ähnliches gilt für den Hinweis, sich verstärkt in fragilen
Staaten zu engagieren. Bildung in Konfliktstaaten ist ein
wichtiges Thema. Dies steht nicht zur Frage. Aber die
Arbeit mit und in fragilen Staaten ist komplex, und die
Weltgemeinschaft steht damit noch am Anfang. Es stellt sich
also die Frage, ob es eine realistische Einschätzung gibt,
welche bildungspolitischen Konzepte in solchen Staaten
notwendig und möglich sind? Haben wir in diesem
Bereich Konzepte anzubieten und können wir auf
Erfahrungswerte zurückgreifen?
Der Antrag lässt aus unserer Sicht keine
Schwerpunktsetzung erkennen. Es reicht nicht aus, den ganzen Bogen
der Probleme zu benennen, ohne den eigenen Anteil an
einer möglichen Lösung wirklich benennen zu können.