Rede von Dr. Norman Paech (DIE LINKE) – Drucksachen 16/4373, 16/4419
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Drucksachen 16/4373, 16/4419 –.
Text
Rede von Dr. Norman Paech (DIE LINKE) – Drucksachen 16/4373, 16/4419
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In
zwei Dingen sind wir uns offensichtlich einig:
Erstens. In Darfur wird ein Krieg geführt, in dem
nach dem jüngsten Report des UN-Menschenrechtsrats
schwere systematische Verbrechen gegen die
Menschenrechte und das humanitäre Völkerrecht – sprich:
Kriegsverbrechen – begangen werden. Wie in dem Bericht
hervorgehoben wird, geschieht dies auf allen Seiten:
Dr. Norman Paechaufseiten der Regierung und aufseiten der zahlreichen
Rebellengruppen.
Zweitens. Die bisherigen Versuche, die Tragödie zu
stoppen, sind gescheitert. Die Fronten der kämpfenden
Parteien sind so unübersichtlich wie nie zuvor, und die
AU ist mit der von ihr geführten AMIS-Mission bisher
auch gescheitert.
Die Grünen bezeichnen diesen Konflikt in ihrem
Entschließungsantrag als die zurzeit „weltweit größte
humanitäre Katastrophe“. Das mögen Sie so sehen.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das ist ein Zitat von Kofi Annan, Herr
Kollege!)
– Sie tun das. Ich zitiere Sie. – Seien Sie aber vorsichtig
mit solchen Superlativen. Schauen Sie auf den Irak, um
eine humanitäre Katastrophe zu finden, deren Ausmaß
mindestens ebenso katastrophal ist wie in Darfur.
Der Krieg im Irak hat bisher weit über 600 000 Tote
und mehrere Millionen Flüchtlinge gekostet.
(Sibylle Pfeiffer [CDU/CSU]: Wem gilt dieser
Vergleich, Herr Kollege?)
Schlimmer noch: Das alles wurde durch einen
völkerrechtswidrigen Krieg und eine anschließende Besatzung
ausgelöst, an der noch heute gerade die Staaten beteiligt
sind, die jetzt am stärksten für eine weitere Intervention
im Sudan plädieren. Die Katastrophe im Irak wäre
aufzuhalten, wenn man die Truppen zurückziehen würde.
Selbst die Demokraten im Kongress fordern das jetzt.
(Sibylle Pfeiffer [CDU/CSU]: Können Sie
einmal etwas zu Darfur sagen? – Gert
Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: Ich dachte,
wir reden über Darfur!)
Wir müssen uns aber wohl auch eingestehen, dass es
Katastrophen gibt, denen wir trotz unserer historischen
kolonialen Verantwortung weitgehend machtlos
gegenüberstehen. Denken Sie daran, was die Staaten
unternommen haben, um 4 Millionen Tote Ende der 90er-
Jahre im Kongo zu verhindern.
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
Wie haben Sie sich denn bei der Abstimmung
über den Bundeswehreinsatz zur Absicherung
der Wahlen verhalten? Pure Heuchelei!)
Hätten Sie das Massenmorden wirklich verhindern
können? Wir müssen uns eingestehen, dass es Katastrophen
gibt, für die wir nicht immer eine Lösung haben.
(Sibylle Pfeiffer [CDU/CSU]: Wir reden über
die Katastrophe in Darfur! So heißt das
Thema, Herr Kollege!)
Wir unterhalten uns jetzt über einen Weg, um aus
dieser verzweifelten Situation herauszukommen. Es besteht
kaum Dissens über die verschiedensten Vorschläge, die
auch Sie gemacht haben, um die sudanesische Regierung
zur Einstellung ihrer militärischen Angriffe zu zwingen,
die Dschandschawid zu stoppen, den Waffenhandel zustoppen und vor allen Dingen die Regierung wieder an
den Verhandlungstisch zu bringen, der viel zu früh
verlassen worden ist. An diesen Tisch gehören auch China
und Russland. Aber derzeit ist aufseiten der Regierungen
keinerlei Initiative erkennbar. In der Antwort auf die
Große Anfrage der Grünen sehen wir auch keine
konkreten Ansätze seitens der Bundesregierung.
Wir unterstützen die Forderung nach stärkerem Druck
auf die sudanesische Regierung, aber wir warnen davor,
zur Lösung aller dieser Schwierigkeiten immer mehr
Militär zu fordern und sich an die Hoffnung auf eine neue
UN-Mission zu klammern, um dort zu intervenieren. Sie
würde in jedem Fall – ob es eine Schutztruppe oder eine
Kampftruppe ist – als Militärintervention verstanden und
den Konflikt immer weiter verschärfen.
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
Was ist Ihr Vorschlag?)
Dafür gibt es auch in Afrika Beispiele.
Wir halten diese Forderung geradezu für
kontraproduktiv, weil sie nur mit Gewalt droht, keine Perspektive
anbietet und die Fantasie für politische Alternativen
geradezu lähmt. Wir müssen gerade diejenigen stärken, die
bereit sind, eine politische Lösung auf beiden Seiten
herbeizuführen. Das ist unserer Ansicht nach der einzige
realistische Ansatz.
(Sibylle Pfeiffer [CDU/CSU]: Und wohin
führt er?)
Schließlich sollten wir nicht vergessen, dass Darfur
eine seit Jahrzehnten völlig vernachlässigte Region mit
extremen sozialen, ökonomischen und ökologischen
Defiziten ist. Darauf sollten wir unsere ganze
Aufmerksamkeit richten. Darin liegen die Stärken unserer Solidarität
für dieses Land.
Danke sehr.