Rede von Brunhilde Irber (SPD) – Drucksachen 16/4373, 16/4419
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Drucksachen 16/4373, 16/4419 –.
Text
Rede von Brunhilde Irber (SPD) – Drucksachen 16/4373, 16/4419
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Die Regierungschefs aus aller Welt haben sich
im Jahre 2005 auf das Prinzip der „Responsibility to
protect“ – Kollegin Schuster hat es gerade erwähnt –, der
Verantwortung zum Schutz, verständigt. Worum es bei
dieser Verantwortung genau geht, hat Kofi Annan in
seinem Grußwort zur Aktionswoche Darfur im Jüdischen
Museum so formuliert:
Sie bedeutet im Kern, dass der Respekt vor der
nationalen Souveränität keine Entschuldigung mehr
sein kann für Tatenlosigkeit im Angesicht von
Völkermord und Kriegsverbrechen, von „ethnischen
Säuberungen“ und Verbrechen gegen die
Menschlichkeit.
Tatsache ist jedoch, dass die seit drei Jahren
stattfindende Katastrophe derzeit einen grausamen Höhepunkt
erreicht hat. John Prendergast von der International
Crisis Group hat einmal gesagt: „Sudan ist Ruanda in
slow motion.“ Jeder weitere tote Darfuri, jeder weitere
Flüchtling im Westsudan ist eine Anklage an die
internationale Staatengemeinschaft, die sich eigentlich
geschworen hatte, es niemals mehr so weit kommen zu
lassen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die
Bundesregierung unterstützt die bestehenden VN-Sanktionen in
Bezug auf Reisebeschränkungen, das Einfrieren von
Guthaben und das Waffenembargo für Darfur. Deutschland
hat sich im Rahmen seiner EU-Ratspräsidentschaft
bereits erfolgreich für die Fortsetzung der finanziellen
Brunhilde IrberUnterstützung der Afrikanischen Friedensfazilität durch
die EU eingesetzt und angekündigt, bilaterale Mittel von
bis zu 25 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.
Darüber hinaus hat die Bundesministerin für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung Mittel für die weitere
Unterstützung eines Projektes des Roten Kreuzes in
Mukjar in Darfur freigegeben. Danke, Frau Ministerin,
und danke, Bärbel Kofler, die sich dafür eingesetzt hat.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Aber das genügt nicht. Wir erleben derzeit eine völlig
hilflose und weitestgehend wirkungslose
Friedensmission der Afrikanischen Union. Die chronische
Unterfinanzierung einerseits und die Blockadehaltung des
sudanesischen Präsidenten Baschir andererseits sind die
Gründe dafür. Hier kann und muss sich die Europäische
Union stärker engagieren. Derzeit gibt es zu wenige
konkrete Signale unserer europäischen Nachbarn, sich auf
freiwilliger Basis finanziell zu beteiligen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Deshalb erwarte ich, dass die Bundesregierung die
verbleibenden Monate der deutschen Ratspräsidentschaft in
diesem Sinne effektiv zu nutzen weiß.
Der VN-Sicherheitsrat diskutiert derzeit die
Ausweitung von Sanktionen. Auch wenn Deutschland nicht im
Sicherheitsrat vertreten ist, so sollte es doch alle
diplomatischen Hebel in Bewegung setzen, damit umgehend
ein wirksamerer Sanktionsmechanismus eingeleitet
wird. Dabei müssen alle Optionen berücksichtigt
werden, ob es sich nun um die Einhaltung eines
Flugverbotes über Darfur, Reisebeschränkungen oder das
Einfrieren der Konten der maßgeblichen Akteure handelt.
Im Übrigen halte ich die Verfahren des Chefermittlers
des Internationalen Gerichtshofs im Zusammenhang mit
dem sudanesischen Staatsminister für humanitäre
Angelegenheiten Harun und dem Dschandschawid-Führer
Kushayb für einen wichtigen Hoffnungsschimmer.
Das ist auch ein Signal an Herrn Baschir, der begreifen
muss, dass er sich ein Hin und Her wie im Falle der
hybriden AU-VN-Mission nicht mehr lange leisten kann.
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, derzeit
verhandelt der VN-Sondergesandte für Darfur, Jan
Eliasson, mit der sudanesischen Regierung. Nach dieser
Verhandlungsrunde kann die internationale
Gemeinschaft keine weiteren Verzögerungen und Ausreden
mehr hinnehmen, sollte Baschir keine wirklichen
Zugeständnisse machen. Jan Eliasson wird am 11. April
dieses Jahres im EU-Außenministerrat zur aktuellen Lage
berichten. Ich habe dieser Tage vorgeschlagen, dass er
auch uns im Auswärtigen Ausschuss berichten soll. Wir
werden ihn dazu einladen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/
CSU und der FDP)
Alles, was dazu führt, das politische Bewusstsein in
Europa für die menschenunwürdigen Vorgänge im Sudanzu sensibilisieren und dafür zu sorgen, dass daraus
politischer Wille entsteht, sollte jetzt getan werden.
Noch ein Wort zu China und Russland. Ohne
Enthaltung dieser Länder im UN-Sicherheitsrat hätte es die
Resolution 1706 nicht gegeben. Mit ihrer Zustimmung
wäre der Druck auf Baschir allerdings erheblich größer.
(Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: So ist
es!)
Der Dialog mit China und Russland muss deshalb
intensiviert werden. Solange trotz der Krise die
Energiegeschäfte uneingeschränkt gut abgewickelt werden
können, werden viele diplomatische Gespräche wirkungslos
enden.
Aber auch die afrikanischen Staaten und die Arabische
Liga stehen in der Pflicht, hier ihrer Verantwortung
nachzukommen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Ich setze meine Hoffnungen auf VN-Generalsekretär
Ban Ki Moon, der sich der Darfurkrise, die im Grunde
bereits eine Menschheitskrise ist, intensiv widmen will.
Ich setze meine Hoffnungen aber auch auf die
Bundesregierung; denn sie hat durch die EU-Ratspräsidentschaft
und den G-8-Vorsitz die Möglichkeit, ein deutliches
Zeichen zu setzen.
Der Herr Präsident klingelt schon. Darum komme ich
zum Schluss. – Ich bin dankbar dafür, dass wir hier heute
aufgrund der Großen Anfrage der Grünen über die
Situation in Darfur diskutieren können. Ich freue mich darauf,
dass wir einen gemeinsamen Antrag zustande bringen.
Ich glaube, das können alle Fraktionen dieses Hauses
mittragen, damit wir gemeinsam ein Zeichen für die
Beendigung dieses Dramas in Darfur setzen. Die Welt darf
nicht mehr länger tatenlos zusehen.
Danke sehr.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei
Abgeordneten der FDP)