Entschließung in der Vancouver-Erklärung der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zur internationalen Wissenschaftsdiplomatie umsetzen
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Entschließung in der Vancouver-Erklärung der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zur internationalen Wissenschaftsdiplomatie umsetzen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5827
21. Wahlperiode 07.05.2026
Antrag
der Abgeordneten Ulrich Thoden, Desiree Becker, Gökay Akbulut, Janina
Böttger, Maik Brückner, Katrin Fey, Vinzenz Glaser, Maren Kaminski,
Charlotte Antonia Neuhäuser, Cansu Özdemir, Lea Reisner, Zada Salihović,
Donata Vogtschmidt, Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
Entschließung in der Vancouver-Erklärung der Parlamentarischen
Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
zur internationalen Wissenschaftsdiplomatie umsetzen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
1. Der Deutsche Bundestag begrüßt die 2023 von der deutschen Vizepräsidentschaft
(Dr. Daniela De Ridder) initiierte Resolution „Greater Exploitation of the
Potential of Science Diplomacy“ in der Parlamentarischen Versammlung der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE PV). Die OSZE PV
hat die Entschließung auf der 30. Jahrestagung in Vancouver (Kanada)
verabschiedet und in das gemeinsame Abschlussdokument der 57 OSZE-
Teilnehmerstaaten aufgenommen (vgl. www.oscepa.org/en/documents/annual-
sessions/2023-vancouver/declaration-29/4744-vancouver-declaration-eng/file).
2. Der Deutsche Bundestag unterstreicht die Notwendigkeit, die Empfehlungen der
OSZE PV im praktischen Regierungshandeln umzusetzen. Damit sollen die
Tätigkeit der OSZE PV und die Beiträge der deutschen Delegation gewürdigt sowie
die öffentliche Wahrnehmung und Bedeutung der Parlamentarischen
Versammlung für die OSZE-Politik Deutschlands erhöht werden.
3. Die Wissenschaftsdiplomatie bietet bedeutsame Chancen für die Bewältigung
weltweiter Herausforderungen (z. B. Klimawandel, Naturkatastrophen, globale
Gesundheitsfragen wie Pandemien, armutsinduzierte und andere vermeidbare
Krankheiten) sowie für die Beilegung und Vermeidung von bewaffneten
Konflikten, die die Zusammenarbeit der internationalen Staatengemeinschaft
verlangen. Deutschland hat die Potenziale der Wissenschaftsdiplomatie in seiner Politik
bislang nicht hinreichend ausgeschöpft. Evidenzbasierte Erkenntnisse der
Wissenschaft sind für die Aufklärung und gesellschaftliche Vermittlung von
politischen Entscheidungen von internationaler Tragweite unverzichtbar. Dies gilt
umso mehr, da die Freiheitsräume in der Wissenschaft und Zivilgesellschaft
verstärkt durch rechtsautoritäre und antidemokratische Kräfte eingeschränkt sowie
durch politisch gesteuerte, wissenschaftsfeindliche Desinformationskampagnen
angegriffen werden.
4. Der Deutsche Bundestag bekräftigt das Versprechen, die Charta der Vereinten
Nationen und die Charta von Paris für ein neues Europa (Pariser Charta) zur
Richtschnur für die deutsche Außenpolitik zu nehmen, um die regelbasierte
internationale Friedensordnung zu verteidigen und jede gegen die territoriale
Integrität oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete Androhung oder
Anwendung von Gewalt konsequent zu ächten. Hierbei liegen die
friedensfördernden Potenziale der Wissenschaftsdiplomatie insbesondere in den Bereichen
Konfliktursachenforschung, Konfliktprävention und Konfliktnachsorge,
Friedenspädagogik sowie in der Vorbereitung und Begleitung von Friedensprozessen.
Wissenschaftlicher Austausch über Ländergrenzen hinweg kann die
interkulturelle Verständigung fördern und als ergänzendes Kommunikationsinstrument
zwischen verfeindeten Staaten bzw. parastaatlichen bewaffneten Gruppen oder
Staaten mit eingeschränkten diplomatischen Beziehungen eingesetzt werden,
wodurch sich „Sprachlosigkeit“ zwischen Konfliktparteien überwinden lässt.
5. Der Deutsche Bundestag will die Umsetzung der Nachhaltigen
Entwicklungsziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals,
SDGs) künftig auch mit den Instrumenten der Wissenschaftsdiplomatie
unterstützen. Dies gilt für die Gesamtheit der SDGs und mit der besonderen Dringlichkeit,
Hunger und Armut, insbesondere in den Ländern im globalen Süden, wirksam zu
bekämpfen. Hinzu kommt, dass zwischen dem Klimawandel und bewaffneten
Konflikten komplexe Zusammenhänge bestehen. Der Klimawandel verursacht
für sich genommen bereits eine konflikterzeugende bzw. konfliktverschärfende
Konkurrenz um den Zugang zu lebenswichtigen natürlichen Ressourcen wie
Trinkwasser und Nahrung, sodass ein systematischer und umfassender
wissenschaftlicher Austausch über Fragen der Klimasicherheit gefördert werden muss.
Das Ziel muss sein, die Resilienz der vom Klimawandel besonders betroffenen
Gesellschaften in den Ländern im globalen Süden zu stärken, die historisch nicht
die Verursacher des anthropogenen Klimawandels sind.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. einen Gesetzentwurf vorzulegen, mit dem
a) der Empfehlung in der Entschließung der OSZE PV „Greater Exploitation
of the Potential of Science Diplomacy“ entsprochen wird, indem die Stelle
einer/eines Beauftragten für die Wissenschaftsdiplomatie geschaffen wird.
Die Stelle sollte im Bundeskanzleramt angesiedelt sein und mit den
notwendigen eigenen, aufwachsenden Sach- und Personalmitteln ausgestattet
werden, und
b) der/dem Beauftragten für die Wissenschaftsdiplomatie die
Verantwortungshoheit über die Ausarbeitung einer kohärenten und ressortübergreifenden
Strategie für eine international wirksame Wissenschaftsdiplomatie
übertragen wird. Diese soll klare Förderstrukturen und großzügige Möglichkeiten
für die Forschungsfinanzierung beinhalten, die aus Gründen der
Transparenz, Rechenschaftspflicht und Effektivitätssteuerung regelmäßig
wissenschaftlich zu evaluieren sind;
2. eigene Programmlinien der Wissenschaftsdiplomatie auszuarbeiten, die
a) im Bereich der internationalen Sicherheits-, Konflikt- und
Friedensforschung die Expertise der Friedensforschung berücksichtigen und
Wissenschaftler:innen mit politischen Entscheidungsträger:innen international
vernetzen. Damit sollen die diplomatischen Interventionsfähigkeiten der
deutschen Außenpolitik verbessert und perspektivisch für die zivile
Konfliktbearbeitung weltweit zur breiteren Anwendung gebracht werden. Angesichts
des notwendigen Kapazitätsaufbaus soll der Fokus zunächst auf
sicherheitspolitisch instabilen Nachbarschaftsregionen wie dem Westbalkan (Bosnien-
Herzegowina, Kosovo/Serbien) sowie Moldau liegen, die sich derzeit
unterhalb der Schwelle von aktiven bewaffneten Konflikten befinden, oder auch
in eskalationsgefährdeten Regionen wie der Arktis (z. B. Spitzbergen/
Grönland), um geopolitische Spannungen abzubauen und internationale
Wissenschaftskooperationen in der Arktisforschung auszubauen.
b) im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) die Umsetzung der
Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen im Einklang mit
der deutschen EZ mit den Ländern im globalen Süden flankierend
unterstützen. Zu diesem Zweck ist eine finanzielle Mittelausstattung der EZ gemäß
den internationalen Vorgaben und Verpflichtungen Deutschlands
unerlässlich. Dies erfordert, die Quote für die öffentlichen Entwicklungsausgaben
(Official Development Assistance, ODA) in Höhe von 0,7 Prozent des
Bruttonationaleinkommens bereitzustellen, wobei mindestens 0,2 Prozent für die
ärmsten Länder (Least Developed Countries, LDC) aufzuwenden sind.
Ebenso sollen gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) 0,1 Prozent des Bruttonationaleinkommens für die globale
Gesundheitszusammenarbeit verausgabt werden. Die Schwerpunkte sollen hierbei
auf dem Auf- und Ausbau von Basisgesundheitsdiensten sowie
Impfkampagnen liegen. Für die Wirksamkeitssteigerung der deutschen EZ ist zudem
die maßgebliche Rolle des Entwicklungsressorts (BMZ) innerhalb der
deutschen ODA zu gewährleisten;
3. die Fördermöglichkeiten für die internationale Wissenschaftsdiplomatie
auszubauen, indem gezielte Kooperationsformate für international vernetzte
Exzellenzcluster entwickelt sowie innovationswirksame Ausgründungen aus der
Hochschule und Wissenschaft erleichtert werden. In den Programmlinien für die
Wissenschaftsdiplomatie ist die Förderung von Frauen in allen Studiengängen, für
berufliche Positionen in der Wissenschaft und im Hochschulmanagement sowie
bei Forschungsvorhaben als Schwerpunktziel zu verankern;
4. angesichts der wachsenden Bedrohungen für die Wissenschaftsfreiheit geeignete
Schutzmaßnahmen für verfolgte Wissenschaftler:innen und Studierende zu
ergreifen, wie z. B. die Mittel für akademische Stipendien- und
Mentoringprogramme aufzustocken sowie die humanitäre Aufnahme von geflüchteten
Wissenschaftler:innen und Studierenden in Deutschland zu erleichtern.
Berlin, den 5. Mai 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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