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Bericht der Bundesregierung zur internationalen Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung 2023 bis 2024

dip / drucksache 11.12.2025 · WP 21 · 21/3350 · Unterrichtung · Original ↗

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Bericht der Bundesregierung zur internationalen Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung 2023 bis 2024 [Deutscher Bundestag Drucksache 21/3350 21. Wahlperiode 11.12.2025 Unterrichtung durch die Bundesregierung Bericht der Bundesregierung zur internationalen Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung 2023 bis 2024 Zugeleitet mit Schreiben des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt vom 10. Dezember 2025 gemäß Beschluss vom 26. März 2015 (Bundestagsdrucksache 18/4423). Vorwort Deutschlands Wissenschaft pflegt die Zusammenarbeit mit den besten Köpfen und innovativsten Wissenschaftszentren weltweit. Die digitale Transformation und vor allem die im Berichtszeitraum sprunghaft angestiegene Nutzung Künstlicher Intelligenz führen zu Umwälzungen in zahlreichen Lebensbereichen. Mit der Zukunftsstrategie „Forschung und Innovation“ von Februar 2023 hatte die Bundesregierung das übergreifende Ziel formuliert, die digitale und technologische Souveränität Deutschlands und Europas zu sichern, um im globalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe der Welt erfolgreich zu bleiben. Ein übergeordnetes strategisches Ziel ist es zudem, zur Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen beizutragen, beispielsweise durch die Forschung zu neuen Energietechnologien. Dabei spielt multilaterale Zusammenarbeit eine entscheidende Rolle, indem sie unsere Unabhängigkeit und Resilienz fördert. Vor dem Hintergrund systemischer Rivalitäten und geopolitischer Unsicherheiten, wie dem fortlaufenden Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine, justieren wir unsere internationale Zusammenarbeit neu. So ist die erste strategische Regionalpartnerschaft Deutschlands mit fünf zentralasiatischen Staaten (Z5+1Prozess) Ausdruck der wachsenden strategischen Bedeutung Zentralasiens. In Zeiten globaler Polarisierung erweist sich Deutschland zudem weiterhin und umso mehr als attraktives Zielland und sicherer Hafen der Wissenschaftsfreiheit für Forschende aus aller Welt. Wissenschaftlich relevante Datenbestände, deren Existenz bedroht sind, müssen weltweit gesichert und zugänglich gehalten werden. Dieser Bericht der Bundesregierung zu den Jahren 2023 und 2024 – erstellt noch unter der Federführung des vormaligen Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) – zeigt dieses Spannungsfeld und wie internationale Zusammenarbeit Chancen bietet, die wir nutzen wollen. So kann in multilateralen Foren der Austausch auch mit herausfordernden Staaten aufrechterhalten werden. Zugleich können wir international für unsere Prinzipien einstehen und uns mit Wertepartnern verständigen. Das EuropaKapitel zeigt, wie der im Jahr 2023 verabschiedete Nationale Aktionsplan für den Europäischen Forschungsraum dazu beiträgt, die gemeinsamen europäischen Ziele und Prioritäten zu erreichen. Im Jahr 2024 hat die Bundesregierung auch bereits die strategische Ausrichtung des nächsten EU Forschungsrahmenprogramms ab 2027 in den Blick genommen. Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt Hinweis: Der vorliegende Bericht bezieht sich auf Aktivitäten im Zeitraum 1. Januar 2023 bis 31. Dezember 2024. Der Entwurf wurde im November 2025 fertiggestellt. Nach der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 haben sich für die im Bericht genannten Bundesressorts teilweise Zuschnitt und Benennung geändert. Der Bericht trägt diesen Anpassungen Rechnung: In den Fällen, in denen der Bericht ausschließlich in der Vergangenheit (vor dem 23. Februar 2025) liegende Aktivitäten aufgreift, werden die damals gültigen Ressortbezeichnungen verwendet. In den Fällen, in denen über langfristige beziehungsweise andauernde Aktivitäten berichtet wird, werden die aktuellen Ressortbezeichnungen verwendet. Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 2 – KAPITEL 3 Inhalt 1 Politische Kurzfassung 6 1.1 Herausforderungen gemeinsam begegnen – aktuelle Trends der internationalen Zusammenarbeit ...............7 1.2 Strategisch für unsere Zukunft – Fortschritt durch Bildung, Wissenschaft und Forschung ............................ 9 1.3 Gemeinsam die Zukunft gestalten – Schwerpunktkapitel „Multilaterale Zusammenarbeit“ und „Die Wissenschaftskooperation mit der Ukraine und den zentralasiatischen Staaten“ ......................... 10 1.4 Im Zentrum der internationalen Zusammenarbeit – Europa ............................................................................... 11 1.5 Good practice – Beispiele bilateraler Kooperationen ............................................................................................ 12 1.6 Internationale Kooperation vor Ort – Aktivitäten der Wissenschafts- und Mittlerorganisationen ............ 14 2 Strategien und Maßnahmen 15 2.1 Ziele der Internationalisierungsstrategie ................................................................................................................. 18 (1) Exzellenz durch weltweite Kooperation stärken .................................................................................................... 18 (2) Deutschlands Innovationskraft international entfalten ....................................................................................... 31 (3) Bildung und Qualifizierung internationaler ausbauen ......................................................................................... 32 (4) Die globale Wissensgesellschaft gemeinsam mit Schwellen und Entwicklungsländern gestalten ......... 35 (5) Gemeinsam globale Herausforderungen bewältigen ........................................................................................... 37 2.2 Science Diplomacy und internationale Vernetzung ............................................................................................... 42 3 Multilaterale Zusammenarbeit und die Wissenschaftskooperation mit der Ukraine und den zentralasiatischen Staaten 47 3.1 Multilaterale Zusammenarbeit .................................................................................................................................. 48 Für eine wertegeleitete Zusammenarbeit – die Gruppe der Sieben (G7) ............................................................... 50 Multilateraler Austausch, globale Herausforderungen – die G20 ........................................................................... 51 Krisen bewältigen, Transformation unterstützen – die OECD ................................................................................. 52 Globales Bildungsziel erreichen, wissenschaftsbasierte Lösungen für die Erreichung der Agenda2030Ziele erforschen – die UNESCO, die UNU ................................................ 54 3.2 Die Wissenschaftskooperation mit der Ukraine und den zentralasiatischen Staaten ..................................... 57 Zentralasien und Mongolei – neue Perspektiven in der Zeitenwende ................................................................... 59 Inhaltsverzeichnis Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 3 – KAPITEL 4 4 Europa 64 4.1 Europäischer Forschungsraum .................................................................................................................................. 65 (1) Die ERAPolicy Agenda 2022–2024 .......................................................................................................................... 65 (2) Nationaler Aktionsplan zum Europäischen Forschungsraum............................................................................. 67 4.2 Horizont Europa: EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation 2021–2027 ................................... 71 4.3 Forschungskooperationen in Europa ....................................................................................................................... 77 4.4 Die Ukraine und weitere Länder der Östlichen Partnerschaftsregion ............................................................... 83 Ukraine ................................................................................................................................................................................... 83 Länder der Östlichen Partnerschaftsregion .................................................................................................................. 83 4.5 Bildung und Qualifizierung in Europa ausbauen .................................................................................................... 84 4.6 Europäischer Hochschulraum .................................................................................................................................... 86 4.7 Erasmus+: EU-Programm für Bildung, Jugend und Sport .................................................................................... 88 4.8 Aktivitäten der Wissenschafts- und Mittler organisationen in Europa .............................................................. 89 5 Außereuropäische Regionen 91 5.1 Afrika und Nahost ........................................................................................................................................................ 92 Länderübergreifende Initiativen ...................................................................................................................................... 92 Ägypten .................................................................................................................................................................................. 96 Ghana ..................................................................................................................................................................................... 97 Israel ....................................................................................................................................................................................... 98 Südafrika ................................................................................................................................................................................ 99 Aktivitäten der Wissenschafts und Mittlerorganisationen in Afrika und Nahost .............................................101 5.2 Amerika .........................................................................................................................................................................102 Länderübergreifende Initiativen ....................................................................................................................................102 Argentinien .........................................................................................................................................................................102 Brasilien ...............................................................................................................................................................................103 Chile ......................................................................................................................................................................................104 Costa Rica ............................................................................................................................................................................105 Kanada .................................................................................................................................................................................105 Kolumbien ...........................................................................................................................................................................107 Mexiko ..................................................................................................................................................................................107 Uruguay ...............................................................................................................................................................................108 Vereinigte Staaten von Amerika .....................................................................................................................................108 Aktivitäten der Wissenschafts und Mittlerorganisationen in Amerika ...............................................................109 Inhaltsverzeichnis Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 4 – KAPITEL 5 5.3 Asien ..............................................................................................................................................................................111 China .....................................................................................................................................................................................111 Indien ...................................................................................................................................................................................113 Indonesien ..........................................................................................................................................................................115 Iran ........................................................................................................................................................................................115 Japan .....................................................................................................................................................................................115 Republik Korea (Südkorea) ..............................................................................................................................................117 Singapur ...............................................................................................................................................................................117 Taiwan ..................................................................................................................................................................................118 Thailand ...............................................................................................................................................................................118 Vietnam................................................................................................................................................................................119 Zentralasien und Mongolei .............................................................................................................................................119 Aktivitäten der Wissenschafts und Mittlerorganisationen in Asien ....................................................................119 5.4 Australien & Ozeanien ................................................................................................................................................121 Australien ............................................................................................................................................................................121 Neuseeland .........................................................................................................................................................................122 Aktivitäten der Wissenschafts und Mittlerorganisationen in Australien und Ozeanien .................................123 6. Anhang 124 6.1 International ausgerichtete Fördermaßnahmen 2023–2024 .............................................................................125 6.2 Verzeichnis der wichtigsten Abkürzungen .............................................................................................................127 Impressum 130 Inhaltsverzeichnis Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 5 – 1 Politische Kurzfassung Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 6 – POLITISCHE KURZFASSUNG 7 Der Bericht „Weltweite Herausforderungen, gemeinsame Lösungen – Bericht der Bundesregierung zur internationalen Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung 2023–2024“ fällt in eine Zeit, die von Entwicklungen geprägt ist, die die internationale Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft und Forschung tiefgreifend beeinflussen. Internationale Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung ist unabdingbar, um die Innovationsfähigkeit Deutschlands und Europas zu sichern und globale Herausforderungen zu bewältigen. Zudem kann die Kooperation dazu beitragen, Verbindungen zwischen Zivilgesellschaften zu stärken und Länder und Regionen, die von Systemkonkurrenten umworben werden, für freiheitlich-demokratische Werte und Ziele zu gewinnen. Gerade diese Dimension der Science Diplomacy gewinnt angesichts der aktuellen geopolitischen Herausforderungen zunehmend an Bedeutung. Megatrends: Transformationsprozesse gestalten: Digitaler Wandel und Nachhaltigkeit Die digitale Transformation führt zu Umwälzungen in zahlreichen Lebensbereichen und verändert dabei auch die Rahmenbedingungen von Bildung und Forschung grundlegend. Ein Meilenstein in der breiten Nutzung Künstlicher Intelligenz (KI) stellt die Veröffentlichung frei zugänglicher KI-Sprachmodelle seit November 2022 dar. Die Erforschung und der Einsatz von Quantentechnologien versprechen zudem stark verbesserte Möglichkeiten, große Datenmengen zu verarbeiten – ein wesentlicher Fortschritt beispielsweise bei der Entwicklung von Medikamenten. Die Zukunftsstrategie „Forschung und Innovation“ der Bundesregierung von Februar 2023 hat unter anderem die übergreifenden Ziele formuliert, die digitale und technologische Souveränität Deutschlands und Europas zu sichern, um im globalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe der Welt erfolgreich zu bleiben, sowie zur Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (engl. Sustainable Development Goals, SDGs) beizutragen. Hierfür sollten in den zentralen Schlüsseltechnologien Rückstände aufgeholt, international führende Positionen eingenommen und neue Themen erschlossen werden. In Zeiten geopolitischer Krisen, in denen Liefer- und Wertschöpfungsketten unterbrochen oder neu formiert werden, will Deutschland damit die Fähigkeit aufrechterhalten, Schlüsseltechnologien und digitale Anwendungen international mitzugestalten und wirtschaftlich zu verwerten. In der Zukunftsstrategie wurde die europäische und internationale Zusam- 1.1 Herausforderungen gemeinsam begegnen – aktuelle Trends der internationalen Zusammenarbeit Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 7 – POLITISCHE KURZFASSUNG 8 menarbeit in Wissenschaft und Forschung als bedeutendes Querschnittthema angelegt – dies belegt den hohen Stellenwert, den die Bundesregierung dieser Zusammenarbeit beimisst. Die Folgen des Klimawandels sind weltweit spürbar. Dies wurde auch bei der Weltklimakonferenz COP29 in Baku im November 2024 von allen Teilnehmerstaaten anerkannt, bei der ein neues Klimafinanzierungsziel bis 2035 vereinbart wurde. Gemeinsame Anstrengungen zu Klimaschutz und Klimaanpassung, zur Ernährungssicherheit und zur Bewahrung der Biodiversität haben für die Bundesregierung oberste Priorität. So legt sie in ihrer Zukunftsstrategie „Forschung und Innovation“ einen forschungspolitischen Schwerpunkt auf die Frage, wie die Weltbevölkerung nachhaltig ernährt werden kann, ohne dabei die Biodiversität und den Klimaschutz zu gefährden. Veränderte Rahmenbedingungen für die internationale Zusammenarbeit Die geopolitischen Entwicklungen im Berichtszeitraum haben auch die internationale Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft und Forschung vor Heraus forderungen gestellt. Dazu zählt die Zunahme von Risiken für die Freiheit und die Sicherheit von Wissenschaft und Forschung. Als Antwort auf den Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine hat die Bundesregierung im Jahr 2022 die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen in der Russischen Föderation und Belarus zu Bildung, Wissenschaft und Forschung eingefroren. Gemeinsam mit Partnern auf europäischer und internationaler Ebene setzt sie sich dafür ein, Perspektiven für eine zukunftsgerichtete und resiliente Ukraine zu schaffen. Die zunehmenden internationalen Spannungen haben im Berichtszeitraum auch zu Neuausrichtungen in der Kooperation geführt. Die Zeitenwende macht einen strategischeren Ansatz erforderlich, der das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit mit den sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands in Einklang bringt. Eine Grundlage hierfür ist die China-Strategie der Bundesregierung von Juli 2023, die China zugleich als Partner, Wettbewerber und systemischen Rivalen beschreibt und nun in der Umsetzung ist. System- 1 Nach der Bundestagswahl 2025 per Organisationserlass des Bundeskanzleramtes am 6. Mai 2025 umbenannt in Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Im Folgenden werden in den Fällen, in denen der Bericht ausschließlich in der Vergangenheit (vor dem 23. Februar 2025) liegende Aktivitäten aufgreift, die damals gültigen Ressortbezeichnungen verwendet. In den Fällen, in denen über langfristige beziehungsweise andauernde Aktivitäten berichtet wird, werden die aktuellen Ressortbezeichnungen verwendet. rivalitäten erhöhen das Risiko widerrechtlicher Aneignung und missbräuchlicher Verwendung von Forschungsergebnissen. Dies, wie auch Versuche externer Einflussnahme, gefährden die Freiheit von Bildung, Wissenschaft und Forschung und unterstreichen die zentrale Bedeutung von Forschungssicherheit in der Zusammenarbeit mit China und von Diversifizierung in unserer Wissenschaftsdiplomatie. Im Mai 2024 hat der Rat der Europäischen Union eine Empfehlung zur Stärkung der Forschungssicherheit ausgesprochen. Deren Ansatz, verantwortliche Akteure umfassend einzubeziehen, fügt sich dabei in den integrierten deutschen Sicherheitsansatz der nationalen Sicherheitsstrategie von Juni 2023 ein. Mit einer Positionsbestimmung zur Forschungssicherheit im März 2024 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)1 auf der nationalen Ebene einen ressortübergreifenden Stakeholder-Prozess mit Wissenschaft, Wirtschaft, Bund und Ländern zur Forschungssicherheit aufgesetzt, der im Oktober 2024 mit einer Konferenz in Berlin startete. Ziel dieses Prozesses ist es, bis Ende 2025 ein gemeinsames Memorandum und einen Maßnahmenkatalog zur Forschungssicherheit zu erarbeiten. Die Bundesregierung stimmt sich zudem mit ihren Wertepartnern in der EU und weltweit, insbesondere auch in multilateralen Gremien wie G7, eng zu den Handlungserfordernissen für einen vertieften Schutz der Freiheit und Sicherheit von Wissenschaft und Forschung ab. Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 8 – POLITISCHE KURZFASSUNG 9 Die „Strategie der Bundesregierung zur Internationalisierung von Bildung, Wissenschaft und Forschung“ legt seit 2017 den Rahmen für die deutsche internationale Zusammenarbeit in diesen Bereichen fest. Sie bildet den zentralen Bezugspunkt für den Berichtszeitraum 2023 bis 2024. Zu den fünf Zielen der Strategie tragen die in den Kapiteln 2 bis 5 detailliert beschriebenen Aktivitäten der Bundesregierung bei. Eine Darstellung und Analyse wesentlicher Kennzahlen zur internationalen Kooperation finden sich im Anhang. Die Bundesregierung stellt sich unter dem Dach der „Strategie der Bundesregierung zur Internationalisierung von Bildung, Wissenschaft und Forschung“ im Rahmen unterschiedlicher strategischer Prozesse fortlaufend und bedarfsgerecht auf die sich verändernden Rahmenbedingungen ein. Dazu verfolgt sie spezifische geografische oder themengetriebene Ansätze. Beispiele für geografisch ausgerichtete Ansätze sind unter anderem „Leitlinien deutscher Arktispolitik – Deutschland und die Arktis im Kontext von Klimakrise und Zeitenwende“ (verabschiedet 2024) und die China-Strategie der Bundesregierung (2023). Beispiele für themengetriebene Ansätze sind die Strategie für die internationale Digitalpolitik (2024) und die Strategie der Wissenschaftsministerinnen und Wissenschaftsminister von Bund und Ländern für eine Internationalisierung der Hochschulen in Deutschland 2024–2034 (2024) (siehe dazu Kapitel 2). Mit der Zukunftsstrategie „Forschung und Innovation“ hat die Bundesregierung Anfang 2023 die Forschungs- und Innovationspolitik auf ein neues Fundament gestellt, um die Rahmenbedingungen für Forschung und Innovation national und international zu verbessern. In sechs Missionen wurden Themen wie ressourcenbewusstes Wirtschaften, Klimaschutz und Bewahrung der Artenvielfalt, Gesundheit, technologische Souveränität, Digitalisierung, Mobilität und Stadtentwicklung, Umweltschutz sowie gesellschaftliche Resilienz adressiert. Als Voraussetzung dafür, dass Deutschland einen Beitrag zu aktuellen Herausforderungen leisten kann, hat die Zukunftsstrategie auf eine starke europäische und internationale Vernetzung als Wissenschafts- und Forschungsstandort sowie auf die Schaffung neuer und effektiver Forschungs- und Innovationspartnerschaften gesetzt, vor allem mit gleichgesinnten Staaten. 1.2 Strategisch für unsere Zukunft – Fortschritt durch Bildung, Wissenschaft und Forschung Ziel 1 Exzellenz durch weltweite Kooperation stärken Ziel 2 Deutschlands Innovationskraft international entfalten Ziel 3 Bildung und Qualifizierung international ausbauen Ziel 5 Gemeinsam globale Herausforderungen bewältigen Ziel 4 Die globale Wissensgesellschaft gemeinsam mit Schwellen und Entwicklungsländern gestalten Wie der vorliegende Bericht zeigt, fördert eine Vielzahl von Ressorts Projekte, die sich durch die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern auszeichnen. Allein das damalige BMBF hat im Jahr 2024 rund 1,086 Milliarden Euro bereitgestellt, inklusive der Beiträge für internationale FuE Infrastrukturen und Programme. Das Auswärtige Amt (AA) hat im Berichtszeitraum Mittel in Höhe von rund 492 Millionen Euro für international ausgerichtete Fördermaßnahmen im Bereich tertiäre Bildung und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) rund 170 Millionen Euro vergeben. Für die europäische Vernetzung stellte der Bund im Rahmen von ÖffentlichÖffentlichen Partnerschaften rund 36 Millionen Euro im Jahr 2023 zur Verfügung.2 2 Quelle: ERA-LEARN (Stand: November 2024). Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 9 – POLITISCHE KURZFASSUNG 10 Multilaterale Zusammenarbeit und internationale Organisationen sind entscheidend, wenn es darum geht, Ressourcen zu bündeln, globale Herausforderungen zu bewältigen oder bei zwischenstaatlichen Differenzen eine Möglichkeit zum offiziellen Austausch aufrechtzuerhalten. Zudem bieten sie die Möglichkeit, für Werte und Prinzipien international einzustehen und anderen Akteuren diese näherzubringen. Auch im Bereich Bildung, Wissenschaft und Forschung dienen internationale Gremien dazu, Themen von nationalem und länderübergreifendem Interesse zu behandeln. Daher engagiert sich Deutschland beispielsweise in der Gruppe der Sieben (G7), der Gruppe der Zwanzig (G20), den Vereinten Nationen (VN) oder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im September 2024 fand in New York der Zukunftsgipfel der Vereinten Nationen („Summit of the Future“, SOTF) statt, auf dem auch ein Pakt für die Zukunft („Pact for the Future“) beschlossen wurde. Schwerpunkte waren neben der Reform des VN- Systems, Klima, Frieden und Sicherheit, die internationale Finanzarchitektur und die Verabschiedung eines Global Digital Compact zu Potenzialen und Risiken digitaler Technologien. Deutschland war gemeinsam mit Namibia verantwortlich für die Organisation des Gipfels und die Abstimmung des Paktes. Deutschland und die Ukraine können auf einer langjährigen bilateralen Forschungskooperation aufbauen. Im Jahr 2023 würdigten beide Länder das 30-jährige Bestehen der deutsch-ukrainischen Wissenschaftlich-Technologischen Zusammenarbeit (WTZ). Die Vitalität der Beziehungen wurde 2023 und 2024 durch viele hochrangige Treffen unterstrichen. Der Besuch des ukrainischen Ministers für Bildung und Wissenschaft der Ukraine, Oksen Lisovyi, im November 2023 in Berlin setzte den Startschuss für ein neues Regierungsabkommen für die vertiefte deutsch- ukrainische Wissenschaftskooperation, das am 22. Oktober 2024 in Kyjiw unterzeichnet wurde. Die Wissenschaftskooperation mit Zentralasien ist für Deutschland und die Europäische Union von wachsender strategischer Bedeutung. Dies ist mit dem Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine und der damit verbundenen „Zeitenwende“ noch deutlicher geworden. In diesem Kontext wurde im Herbst 2023 zwischen fünf Staaten der Region (Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan) und Deutschland der Z5+1-Prozess vereinbart und die weltweit erste strategische Regionalpartnerschaft der Bundesregierung abgeschlossen. 1.3 Gemeinsam die Zukunft gestalten – Schwerpunktkapitel „Multilaterale Zusammenarbeit“ und „Die Wissenschaftskooperation mit der Ukraine und den zentralasiatischen Staaten“ Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 10 – POLITISCHE KURZFASSUNG 11 Die gemeinsamen Bemühungen im Europäischen Forschungsraum (EFR, engl. European Research Area, ERA) und die Vollendung des Europäischen Bildungsraums sind entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas auf dem globalen Markt zu sichern und sich bei der Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bestmöglich aufzustellen. Durch die Förderung von Bildung, Forschung und Innovation soll Europa seine technologische Souveränität stärken und seine Position als führender Bildungs- und Wissenschaftsstandort ausbauen. Angesichts geopolitischer Verschiebungen und globaler Herausforderungen, wie dem Klimawandel und der Digitalisierung, gewinnt die europäische Zusammenarbeit an strategischer Bedeutung. In zentraler Rolle engagiert sich Deutschland aktiv in der Gestaltung des EFR. Hierzu hat die Bundesregierung Ende 2023 einen Nationalen Aktionsplan für den Europäischen Forschungsraum verabschiedet, um die Umsetzung der ERA Policy Agenda in Deutschland voranzutreiben und die deutsche Forschungslandschaft an den europäischen Zielen auszurichten. Gleichzeitig hat Deutschland sich intensiv in die Erarbeitung der nächsten ERA Policy Agenda für die Jahre 2025–2027 eingebracht, die im Jahr 2025 folgen soll. Der EFR war und ist strategische Grundlage für das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizont Europa“. Es ist das wichtigste Instrument der EU zur Förderung von Forschung und Innovation und bietet umfangreiche Finanzierungsmöglichkeiten für Forschungsprojekte in verschiedenen Bereichen, wie Gesundheit, Klima und Digitalisierung. Während sich Horizont Europa in der Zwischenevaluierung befand, hat sich Deutschland im Mai 2024 schon frühzeitig mit einem Diskussionspapier für das 10.  Forschungsrahmenprogramm ab 2028 eingebracht. Grundlegende Voraussetzung für Forschung und Innovation ist Bildung. Deutschland fördert hierzu aktiv auf strategischer und operativer Ebene die Kooperation in den Bereichen allgemeine Bildung, Berufs- und Hochschulbildung in Europa. Europäische Hochschulen sind nicht nur Stätten der Lehre und Forschung, sondern auch wichtige Knotenpunkte in einem globalen Netzwerk des Wissens. Durch die Mobilität von Studierenden und Forschenden entstehen lebendige Verbindungen, die den wissenschaftlichen Fortschritt fördern und die kulturelle Vielfalt bereichern. Deutschland setzt sich daher für eine stärkere Verzahnung von EU-Programmen im Europäischen Bildungsraum und im Europäischen Forschungsraum ein, um gemeinsam die wissenschaftliche Exzellenz in Europa zu fördern. 1.4 Im Zentrum der internationalen Zusammenarbeit – Europa Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 11 – POLITISCHE KURZFASSUNG 12 Deutschland pflegt weltweit eine Vielzahl bilateraler Kooperationen in Bildung, Wissenschaft und Forschung. Im Berichtszeitraum wurden erfolgreiche Kooperationen weitergeführt und neue Projekte angestoßen. Folgende Beispiele sollen die Bandbreite der Kooperationen veranschaulichen. Die Zusammenarbeit mit Frankreich als wichtigstem europäischem Partner Deutschlands ist sehr eng und vielfältig. Den politischen Rahmen bilden der Vertrag von Aachen, der 2020 in Kraft trat, sowie die mindestens einmal jährlich stattfindenden Deutsch- Französischen Ministerräte. Besondere Schwerpunkte lagen 2023 und 2024 in den Bereichen Energie (Wasserstoff und Batterieforschung) und Künstliche Intelligenz. Die gemeinsame Forschungsbasis AWIPEV auf Spitzbergen, die mit Unterstützung des norwegischen Polarinstituts betrieben wird, feierte im Jahr 2023 ihr 20-jähriges Bestehen. Die Deutsch-Französische Hochschule bildet seit 25 Jahren als Hochschulnetzwerk von 210 französischen und deutschen Hochschulen Studierende und Promovierende in gemeinsamen Studiengängen und Doktorandenkollegs aus. Das Vereinigte Königreich (Großbritannien und Nordirland) ist mit seinen renommierten Hochschulen und Forschungseinrichtungen traditionell ein attraktives und wichtiges Partnerland für Deutschland. Im März 2024 unterzeichneten beide Staaten eine gemeinsame Erklärung, die eine Intensivierung der Forschungskooperation in wichtigen Schlüsseltechnologien vorsieht: Fusions- und Batterieforschung, Künstliche Intelligenz, Forschungssicherheit und Quantentechnologien. Im Juli 2024 unterzeichneten der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz und der polnische Ministerpräsident Donald Tusk anlässlich der 16. Deutsch- Polnischen Regierungskonsultationen in Warschau einen gemeinsamen Aktionsplan. Im Bereich Wissenschaft betont der Aktionsplan unter anderem die Bedeutung der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung, des bilateralen Förderprogramms „Digitalisierung der Wirtschaft“ sowie der acht DIOSCURI-Zentren in Polen, die gemeinsam von der Max-Planck-Gesellschaft und dem polnischen National Science Center verwaltet werden und der Exzellenzförderung dienen. Die Kooperation zwischen den Wertepartnern und Wissenschaftsstandorten Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) ist traditionell eng. Bei der Kommissionssitzung zur Wissenschaftlich-Technologischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA im Mai 2024 standen neue und aufkommende Technologien im Bereich von Klimaforschung, Biotechnologie, Quantenforschung, Fusionsforschung und Halbleiterforschung im Zentrum der Diskussionen. Für den Bereich Quanteninformation wurde eine gemeinsame Erklärung zur wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit unterschrieben. Zudem lag ein starker Fokus auf dem Thema Forschungssicherheit in der internationalen Forschungskooperation. Israel ist ein herausragender Partner Deutschlands in Forschung und Innovation. Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hatte spürbare Auswirkungen auf die deutsch-israelische Forschungszusammenarbeit: Die für Ende Oktober 2023 angesetzte 1.5 Good practice – Beispiele bilateraler Kooperationen Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 12 – POLITISCHE KURZFASSUNG 13 Veranstaltung zum 50-jährigen Jubiläum der Wissenschaftlich-Technologischen Zusammenarbeit musste auf März 2025 verschoben werden, Forschungsprojekte waren gezwungen, ihre Arbeitspläne anzupassen. Als Zeichen der Solidarität mit der israelischen Wissenschaftsgemeinschaft reiste die damalige Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger im Dezember 2023 und im Juni 2024 nach Israel. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages stellte für die Kooperation mit Israel zusätzlich 2 Millionen Euro für 2024 als Soforthilfe zur Verfügung. Im Jahr 2024 feierten Deutschland und Japan das 50. Jubiläum ihrer Wissenschaftlich-Technologischen Zusammenarbeit. Zu diesem Ereignis fanden viele gemeinsame Veranstaltungen statt, die die guten Verbindungen zwischen deutschen und japanischen Forschungseinrichtungen und Mittlerorganisationen sowie in zahlreichen deutsch-japanischen Netzwerken widerspiegeln. Kooperationen zu Themen wie Grüner Wasserstoff, automatisiertes und vernetztes Fahren, zukünftige Kommunikationstechnologien, Batterieforschung, Bioökonomie sowie Luft- und Raumfahrtforschung standen im Berichtszeitraum im Mittelpunkt. Ein wichtiger Baustein der bilateralen Zusammenarbeit ist auch die Hochschulkooperation. Japan ist nach China der wichtigste Kooperationspartner deutscher Hochschulen in Asien. Indien – mit dem ebenfalls das 50. Jubiläum der Wissenschaftlich-Technologischen Zusammenarbeit im Rahmen der 7. Deutsch-Indischen Regierungskonsultationen gefeiert wurde – durchläuft im Bereich Forschung und Spitzentechnologie eine rasante Entwicklung und hat sich längst als Forschungs-, Innovations- und Entwicklungsstandort globaler Unternehmen etabliert. Heute ist Indien Heimat von mehr als 100 Startup-„Unicorns“; die Zahl der Patentanmeldungen aus Indien hat sich in den vergangenen 15 Jahren verfünffacht. Indische Studierende stellen seit 2023 die größte Gruppe ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen. Die deutsch-indische Forschungskooperation hat in den letzten Jahren an Umfang und Stellenwert erheblich zugenommen. Ein hervorstechendes Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit im Rahmen des internationalen Beschleunigerzentrums FAIR in Darmstadt. Auch die Kooperation am Forschungszentrum DESY in Hamburg gilt als erfolgreiche und strategisch bedeutsame Partnerschaft. Das Leuchtturm-Projekt der bilateralen Zusammen arbeit mit Indien ist das weltweit einzigartige Indo-German Science and Technology Centre (IGSTC), dessen Aufgabe die bilaterale Förderung von anwendungsorientierten, innovativen Projekten unter Beteiligung exzellenter Forschungseinrichtungen sowie vor allem kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) aus beiden Ländern (2+2 Projekte) ist. Schwerpunkt sind die Ingenieur-, Natur- und Lebenswissenschaften. Vietnam ist in Südostasien ein wichtiger Kooperationspartner des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Schwerpunkte in der Zusammenarbeit sind Wasser- und Umwelttechnologien, Rohstofftechnologien und -effizienz, Landmanagement, Anpassung an den Klimawandel, Bioökonomie, Gesundheit, Biodiversität und Stadtentwicklung. Im Frühjahr 2024 wurde eine gemeinsame Förderbekanntmachung mit dem Thema „Risikomanagement bei extremen Naturgefahren“ veröffentlicht. Australien ist für Deutschland ein herausragender Partner im Bereich Grüner Wasserstoff. Gemeinsam mit der Australian Renewable Energy Agency (ARENA) fördert das heutige BMFTR seit 2022 die bilaterale Maßnahme HyGATE. Deren Ziel ist die Entwicklung von innovativen grünen Wasserstofftechnologien und der Aufbau einer Basis für deutsch-australische Lieferketten für Grünen Wasserstoff. Von April 2023 bis September 2024 förderte das BMBF die trilaterale Initiative „TrHyHub – Machbarkeitsstudie für ein trinationales Wasserstoff-Innovations- und Export-Hub der Länder Australien, Niederlande und Deutschland.“ Zudem haben das BMFTR und das australische Ministerium für Klimawandel, Energie, Umwelt und Wasser die Förderung einer bilateralen Studie zur technischen und ökonomischen Machbarkeit des Imports von direkt reduziertem, grünem Eisen aus Australien nach Deutschland vereinbart. Im Oktober 2023 veröffentlichte das damalige BMBF die unilaterale Fördermaßnahme der „Projektbezogenen Mobilität zum Thema Grüner Wasserstoff mit Australien“. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 13 – POLITISCHE KURZFASSUNG 14 Die Wissenschafts- und Mittlerorganisationen sind in vielfältiger Weise international aktiv. Die Aktivitäten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V. (MPG), der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e. V. (HGF), der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung (FhG), der Leibniz-Gemeinschaft (WGL), des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) reichen vom Aufbau von Forschungsgruppen im Ausland (wie zum Beispiel im Rahmen des Dioscuri-Programm der MPG in Mittel- und Osteuropa mit Zentren in Polen und in der Tschechischen Republik) über die Unterstützung der Internationalisierung der deutschen Hochschulen durch den DAAD und die HRK bis hin zu grenzüberschreitenden Ausschreibungen der DFG mit Partnereinrichtungen weltweit (wie zum Beispiel 2024 mit Japan zum Thema Quantentechnologien). Mit ihrem internationalen Engagement leisten diese Organisationen substanzielle Beiträge zu den außenpolitischen Interessen und Zielen Deutschlands. Als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine haben die Wissenschafts- und Mittlerorganisationen seit dem Jahr 2022 eine Vielzahl von Unter stützungsmaßnahmen für ukrainische Forschende und Studierende eingerichtet und im Berichtszeitraum weiter ausgebaut (siehe Kapitel 3.2 und 4.8). Ausführliche Informationen zu Aktivitäten der oben genannten Wissenschafts- und Mittlerorganisationen finden sich im Bericht in den Kapiteln 4 und 5 (insbesondere 4.8, 5.1, 5.2, 5.3 und 5.4). 1.6 Internationale Kooperation vor Ort – Aktivitäten der Wissenschafts- und Mittlerorganisationen Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 14 – 2 Strategien und Maßnahmen Die „Strategie der Bundesregierung zur Internationalisierung von Bildung, Wissenschaft und Forschung“ (2017; Internationalisierungsstrategie) bildet den Rahmen für die internationale Zusammenarbeit Deutschlands in Bildung, Wissenschaft und Forschung. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 15 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 16 Die Internationalisierungsstrategie bildet die Grundlage für regionale Strategien, für bilaterale sowie für multilaterale Kooperation. Die Bundesregierung unterstreicht mit der Internationalisierungsstrategie zudem die Bedeutung von Science Diplomacy und internationaler Vernetzung. Durch die Ausbildung künftiger Fach- und Führungskräfte in Partnerländern, die weitere Internationalisierung der Berufsbildung und den breiten gesellschaftlichen Austausch werden Beiträge zum Erreichen der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung erbracht, langfristige Beziehungen aufgebaut und Interesse am wissenschaftlichen Wirken in Deutschland gefördert. In den meisten Ländern gibt es heute Alumnae und Alumni, die das Ansehen Deutschlands in der Welt positiv beeinflussen. Über den Austausch durch die internationalen Bildungs- und Wissenschaftskooperationen gelingt es zudem, im vorpolitischen Raum zu wirken und Gesprächskanäle auch in angespannten politischen Situationen offen zu halten. Für den Berichtszeitraum 2023–2024 relevante themen- und regionalspezifische Strategiepapiere der Bundesregierung und einzelner Ressorts im Zusammenhang mit der Internationalisierungsstrategie sind insbesondere: ∙ Afrikapolitische Leitlinien der Bundesregierung (Bundesregierung, 2019) ∙ Die Afrika-Strategie des BMBF: „Perspektiven schaffen! Neue Impulse für die Kooperation mit afrikanischen Partnern in Bildung, Wissenschaft und Forschung“ (BMBF, 2018) ∙ Die Afrika-Strategie des BMZ: „Gemeinsam mit Afrika Zukunft gestalten“ (BMZ, 2023) ∙ Leitlinien deutscher Arktispolitik – Deutschland und die Arktis im Kontext von Klimakrise und Zeitenwende (Bundesregierung, 2024) ∙ China-Strategie der Bundesregierung (Bundesregierung, 2023) ∙ Strategiepapier der Bundesregierung „Fokus auf Indien“ (2024) ∙ „Ernährung sichern – Wachstum fördern. Das Engagement des BMEL für eine moderne nachhaltige Land-, Ernährungs- und Forstwirtschaft in Afrika“ (BMEL, „Afrika-Konzept“, 2020) ∙ Pakt für Forschung und Innovation in Europa (Rat der EU, 2021) ∙ Forschung für Nachhaltigkeit – Eine Strategie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF, 2020) ∙ Leitlinien zum Indo-Pazifik (Bundesregierung, 2020) ∙ Science-Diplomacy-Strategie (AA, 2020) ∙ Strategie der Bundesregierung zur internationalen Berufsbildungszusammenarbeit (Bundesregierung, 2019) ∙ Strategiepapier des BMZ „Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, Ausbildung und Beschäftigung“ (BMZ, 2023) ∙ Strategie zur globalen Gesundheit (Bundesregierung, 2021) ∙ Datenstrategie (Bundesregierung, 2021) Ziel 1 Exzellenz durch weltweite Kooperation stärken Ziel 2 Deutschlands Innovationskraft international entfalten Ziel 3 Bildung und Qualifizierung international ausbauen Ziel 5 Gemeinsam globale Herausforderungen bewältigen Ziel 4 Die globale Wissensgesellschaft gemeinsam mit Schwellen und Entwicklungsländern gestalten Grafik 1: Die fünf übergeordneten Ziele der Internationalisierungsstrategie der Bundesregierung Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 16 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 17 ∙ BMZ-Datenstrategie (BMZ, 2024) ∙ Strategie für die internationale Digitalpolitik (Bundesregierung, 2024) ∙ Zukunftsstrategie Forschung und Innovation (Bundesregierung, 2023) ∙ Strategie der Wissenschaftsministerinnen und Wissenschaftsminister von Bund und Ländern für eine Internationalisierung der Hochschulen in Deutschland (2024–2034) ∙ Nationale Wasserstoffstrategie (Bundesregierung, 2020), Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie (Bundesregierung 2023) und Importstrategie für Wasserstoff und Wasserstoffderivate (Bundesregierung, 2024) Genereller Hinweis: Die im Bericht genannten Maßnahmen oder daran anknüpfende zukünftige Maßnahmen mit finanziellen Auswirkungen auf den Bundeshaushalt präjudizieren weder die laufenden noch künftige Haushaltsverhandlungen. Etwaige finanzielle und personelle Mehrbedarfe können nur dann durch den Bund finanziert werden, wenn ihm hierfür die Gesetzgebungs und Verfassungskompetenz zusteht. Sie sind außerdem von den betroffenen Einzelplänen innerhalb der geltenden Haushaltsansätze und innerhalb des Stellenplans bei der Aufstellung des jeweiligen Bundeshaushalts zu decken. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 17 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 18 (1) Exzellenz durch weltweite Kooperation stärken Mobilitätsprogramme Internationaler Austausch ist ein wichtiger Aspekt wissenschaftlicher Exzellenz. Deshalb unterstützt die Bundesregierung mit zahlreichen Mobilitätsprogrammen den internationalen Austausch entlang aller Karrierestufen wissenschaftlichen Arbeitens. Die Zahl internationaler Studierender – das heißt der Studierenden mit ausländischer Staatsbürgerschaft und ausländischer Hochschulzugangsberechtigung – ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gewachsen: von rund 205.000 im Wintersemester 2012/2013 auf rund 380.000 im Wintersemester 2023/2024. Deutschland war auf Basis der letzten international vergleichbaren Zahlen aus dem Jahr 2021 das viertwichtigste Gastland für internationale Studierende und zugleich das wichtigste nicht englischsprachige Gastland, hinter den USA, dem Vereinigten Königreich und Australien. Deutschland ist weiterhin ein attraktives Land als Wissenschaftsstandort für ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. 2023 waren rund 65.500 wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ausländischer Staatsbürgerschaft an deutschen Hochschulen angestellt, darunter rund 4.100 ausländische Professorinnen und Professoren. An den vier größten außeruniversitären Forschungseinrichtungen arbeiteten 2022 rund 16.600 Forscherinnen und Forscher mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Neben dem angestellten internationalen Wissenschaftspersonal forschen und lehren auch internationale Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler in Deutschland, deren Aufenthalt von in- und ausländischen Organisationen gefördert wird. Im Jahr 2022 waren dies rund 30.100 Aufenthalte. In den Gastländern, zu denen entsprechende Daten vorliegen (Schweiz, Vereinigtes Königreich, Österreich, Niederlande), waren im Jahr 2022 rund 22.500 deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an ausländischen Hochschulen angestellt, darunter rund 2.500 Professorinnen und Professoren. Hinzu kommen noch einmal rund 8.300 deutsche Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler im Jahr 2022, die für kürzere geförderte Lehr- und Forschungsaufenthalte ins Ausland gingen. Dies stärkt gleichzeitig die internationale Vernetzung des deutschen Wissenschaftssystems. Das Auswärtige Amt will mit der DAAD-Förderung dazu beitragen, langfristige Beziehungen zu anderen Ländern aufzubauen und zu festigen. Beispielsweise mithilfe des bundesweit geförderten Stipendien- und Betreuungsprogramms für ausländische Studierende und (Post-) Doktorandinnen und (Post-)Doktoranden (STIBET) des DAAD unterstützt die Bundesregierung die akademische Willkommenskultur und Integration ausländischer Studierender durch die Schaffung verbesserter Rahmenbedingungen an deutschen Hochschulen. STIBET stellte in diesem Rahmen den deutschen Hochschulen Mittel für die Vergabe von rund 3.600 2.1 Ziele der Internationalisierungsstrategie Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass die Attraktivität des Forschungsstandorts Deutschland steigt: Von 2008, dem Jahr der Veröffentlichung der ersten Strategie der Bundesregierung zur Internationalisierung von Wissenschaft und Forschung, bis 2022 hat sich die Zahl ausländischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den vier größten außeruniversitären Forschungseinrichtungen (FraunhoferGesellschaft [FhG], HelmholtzGemeinschaft [HGF], MaxPlanckGesellschaft [MPG], LeibnizGemeinschaft [WGL]) von 5.619 auf 16.625 Personen nahezu verdreifacht. Den stärksten Anstieg verzeichnet die MPG: Während der Anteil des ausländischen Wissenschaftspersonals hier 2008 bereits über 20 % betrug, ist er bis 2022 auf rund 53 % gestiegen. Im Durchschnitt kam im Jahr 2023 fast jede dritte Wissenschaftlerin beziehungsweise fast jeder dritte Wissenschaftler an den vier größten außeruniversitären Forschungseinrichtungen aus dem Ausland (30 %). Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 18 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 19 Stipendien im Jahr 2023 für die fachliche und soziale Betreuung internationaler Studierender zur Verfügung. Die Campus Initiative internationale Fachkräfte des DAAD, welche 2024 startete, zielt auf die Integration internationaler Studierender, Akademikerinnen und Akademiker. Im Rahmen der Initiative fördert das BMFTR die Hochschulprogramme “FIT – Förderung internationaler Talente zur Integration in Studium und Arbeitsmarkt“ und “Profi plus – Akademische Anpassungsqualifizierung für den deutschen Arbeitsmarkt“. Im Rahmen des FIT-Programms werden deutsche Hochschulen beim Aufbau passgenauer Maßnahmen und Angebote zur Studienvorbereitung, Studienerfolgssicherung und Arbeitsmarktintegration von internationalen Studieninteressierten beziehungsweise Studierenden gefördert. Darüber hinaus wird der Ausbau von Support Services für internationale Studierende (International Career Services) und kooperativen Netzwerken mit Akteuren und Partnern aus Wirtschaft (v. a. Unternehmen), Politik und Gesellschaft zur Schaffung von Übergangsstrukturen in den deutschen Arbeitsmarkt unterstützt. Das Programm „Profi plus“ zielt auf internationale Akademikerinnen und Akademiker, die bereits einen ausländischen Hochschulabschluss mitbringen. Sie werden bei der Anpassung ihrer Qualifikationen an die Erfordernisse des deutschen Arbeitsmarktes unterstützt. Die Zahl deutscher Studierender im Ausland hat sich nach den Erhebungen des Statistischen Bundesamtes seit dem Jahr 2005 stark erhöht: von 77.200 Studierenden im Jahr 2005 auf 138.800 im Jahr 2022. Die fünf wichtigsten Studienländer in dieser Gruppe waren im Jahr 2022 Österreich (37.800 beziehungsweise 27 %), die Niederlande (22.600 beziehungsweise 16 %), die Schweiz (12.500 beziehungsweise 9 %), das Vereinigte Königreich (9.600 beziehungsweise 7 %) und die USA (8.550 beziehungsweise 6 %). Die durch die Bundesregierung finanzierte Individualförderung des DAAD umfasst Maßnahmen für Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden sowie für bereits etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und dem Ausland. Im Jahr 2023 wurden in der Individualförderung insgesamt 18.748 Personen gefördert, davon 11.481 aus dem Ausland. Im selben Jahr gab es zudem 3.261 DAAD- Projektförderungen, in deren Rahmen Mobilitätsmaßnahmen für insgesamt 67.500 Personen aus dem In- und Ausland finanziert wurden. Diese Förderungen reichen von personenbezogenem Projektaustausch über weltweite Hochschulkooperationen, akademische Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 19 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 20 Netzwerke, Exzellenz- und Fachzentren bis zu transnationalen Bildungsangeboten sowie umfassenden Alumni-Angeboten (zum Beispiel das Alumni portal Deutschland betrieben von DAAD, Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) und Goethe-Institut). Über Projekt- und Individualförderung leistet der DAAD mit Unterstützung des BMZ einen Beitrag zur Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) im globalen Süden. Zudem wurden im EU-Mobilitätsprogramm Erasmus+ im Jahr 2023 insgesamt 54.555 Personen gefördert, davon kamen 5.098 aus dem Ausland. Die AvH als große deutsche Mittlerorganisation hat eine herausragende Bedeutung in der Stärkung weltweit exzellenter Kooperation. Die AvH fördert in vielfältigen Programmen vor allem ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach der Promotion, die für einen Forschungsaufenthalt nach Deutschland kommen. Der Fokus liegt hierbei auf der Förderung der Kooperation zwischen exzellenten ausländischen und deutschen Forscherinnen und Forschern. Von besonderer Bedeutung für Deutschlands Zugang zu weltweiter wissenschaftlicher Exzellenz ist die Alexander von Humboldt-Professur. Sie holt internationale Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher aller Fachrichtungen aus dem Ausland an deutsche Universitäten. Die vom BMFTR finanzierten Professuren sind mit jeweils fünf Millionen Euro für experimentell arbeitende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für fünf Jahre der höchstdotierte Forschungspreis Deutschlands. Für theoretisch arbeitende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beträgt das Preisgeld 3,5 Millionen Euro. Hervorzuheben ist die für den Zeitraum 2019–2024 erfolgte Erweiterung auf die Alexander von Humboldt- Professur für Künstliche Intelligenz. Bis 2024 wurden im Rahmen dieses Programms 24 Humboldt- Professuren auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) verliehen. Im Berichtszeitraum 2023–2024 wurden in den beiden Programmlinien insgesamt 20 Humboldt- Professuren verliehen. Eingerichtet wurden bisher insgesamt 129 Humboldt-Professuren, davon 20 auf dem Gebiet der KI. Mit dem 2020 eingerichteten Henriette Herz-Scouting- Programm eröffnet die AvH in einem hoch kompetitiven Verfahren ausgewählten Gastgeberinnen und Gastgebern an deutschen Forschungseinrichtungen die Möglichkeit, durch aktive Ansprache Forschende aus dem Ausland als Humboldt- Forschungsstipendiatinnen und -Forschungsstipendiaten für ihre Arbeitsgruppe zu gewinnen. Jedes Jahr werden so parallel zum tradierten Bewerbungsverfahren bis zu 100 weitere Forschungsstipendien an exzellente internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vergeben, die sich bislang nicht bei der Humboldt- Stiftung bewerben. Ziel ist insbesondere die Steigerung des Anteils von Frauen unter den Geförderten als auch der regionalen Diversität im Forschungsstipendienprogramm. Zahlreiche Partnerschaften deutscher und ausländischer Hochschulen ebnen den Weg für internationalen akademischen Austausch und stärken dadurch das deutsche Hochschulsystem wie auch die Hochschulsysteme der Partnerländer. Ein herausragendes Beispiel ist hierfür die Deutsch-Französische Hochschule (DFH). Mit 34 binationalen und trinationalen Doktorandenkollegs und 194 integrierten Studiengängen an 210 Hochschulen in Deutschland, Frankreich sowie Drittländern ist die DFH eine treibende Kraft der bi- und trinationalen deutsch-französischen Hochschulkooperation in Europa. 1997 gegründet, bietet die DFH stabile Strukturen für die Einrichtung, Finanzierung und Evaluation von Mehrfach- Abschlussprogrammen und damit jährlich die Mobilität von circa 6.000 Studierenden. Deutsch-französische wissenschaftliche Veranstaltungen, PhD-Programme und Doktorandenkollegs runden das Angebot der DFH ab. Die DFH-Mitgliedshochschulen sind Vorreiter in den Europäischen Hochschulallianzen. Das DFH- Alumni-Netzwerk besteht aus 26.000 Absolventen und Absolventinnen und über 500 Promovierten. Mit dem Programm Internationale Forschungsaufenthalte für Informatikerinnen und Informatiker (IFI) fördert das heutige BMFTR seit 2019 die Mobilität deutscher Nachwuchskräfte im Bereich der Künstlichen Intelligenz und Informatik. Das vom DAAD umgesetzte Programm baut auf den erfolgreichen Vorgängern FIT und FITweltweit auf. Postdoktorandinnen und Postdoktoranden haben die Möglichkeit, bis zu zwei Jahre an einem der sieben exzellenten Partnerinstitute in Südkorea, Japan, Kanada, den USA und Israel zu forschen. Auch Doktorandinnen und Doktoranden sowie Masterstudierende können für bis zu sechs Monate gefördert werden, um frühzeitig die Begeisterung für internationale Kooperationen zu wecken. Seit 2019 wurden insgesamt 148 Master- Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 20 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 21 studierende, 99 Doktorandinnen und Doktoranden und neun Postdoktorandinnen und Postdoktoranden gefördert. Ab Juli 2024 wurde der Fokus des IFI- Programms auf Postdoktorandinnen und Postdoktoranden und Doktorandinnen und Doktoranden gelegt: Postdoktorandinnen und Postdoktoranden können bis zu 24 Monate, Doktorandinnen und Doktoranden bis zu zwölf Monate an den Partnerinstituten forschen. Seit 2020 unterstützt das BMFTR im Rahmen des Postdoc-NeT-AI-Programms die Gewinnung internationaler Talente im Bereich Künstliche Intelligenz für die deutsche Forschung. Der DAAD organisiert jährlich zwei virtuelle „Postdoctoral Researchers Networking Tours“ zu spezifischen KI-Themen, bei denen internationale Postdocs ihre Forschung vorstellen, Kontakte zu deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Hochschulen, Forschungsinstituten und Unternehmen knüpfen sowie berufliche Perspektiven erkunden können. In den Jahren 2023 und 2024 fanden bislang vier Netzwerkreisen mit insgesamt 257 Fellows statt, und eine vierte Reise ist für November 2024 geplant. Zudem wurden in diesem Zeitraum bereits 123 individuelle Forschungsreisen nach Deutschland durchgeführt, um Forschungsgruppen persönlich kennenzulernen. Ab 2024 hat das heutige BMFTR mit der Förderung von bis zu dreimonatigen Forschungskurzaufenthalten eine wichtige Lücke geschlossen, um die Kooperationen über das erste Treffen hinaus zu vertiefen. In der ersten Ausschreibungsrunde im April 2024 wurden zwölf Mikroprojekte gefördert. Profilierung des Forschungsstandorts Deutschland Mit der Exzellenzstrategie fördern Bund und Länder gemeinsam und dauerhaft die universitäre Spitzenforschung in Deutschland. Die Exzellenzstrategie ist die Weiterentwicklung der erfolgreichen Exzellenzinitiative, die eine neue Dynamik am Wissenschaftsstandort ausgelöst und seine internationale Wettbewerbsfähigkeit gestärkt hat. Die Mittel für die Förderung werden zu 75 % vom Bund und zu 25 % vom jeweiligen Sitzland getragen. Ab 2018 werden für die Exzellenzstrategie jährlich rund 533 Millionen Euro in zwei Förderlinien bereitgestellt. In der Förderlinie Exzellenzcluster werden international wettbewerbsfähige Forschungsfelder an Universitäten beziehungsweise Universitätsverbünden projektbezogen gefördert. Die Förderlinie der Exzellenzuniversitäten dient der institutionellen Stärkung der Universitäten beziehungsweise eines Verbundes von Universitäten und dem Ausbau ihrer internationalen Spitzenstellung in der Forschung. Seit dem 1. Januar 2019 werden 57 Exzellenzcluster für sieben Jahre und seit dem 1. November 2019 zehn Exzellenzuniversitäten und ein Exzellenzverbund – vorbehaltlich einer positiven Evaluation alle sieben Jahre – dauerhaft im Rahmen der Exzellenzstrategie gefördert. Die Auswahl erfolgte in einem streng wissenschaftsgeleiteten Verfahren. Nicht nur kooperieren die Exzellenzcluster und Exzellenzuniversitäten in vielfältiger Hinsicht international, auch wird ein wachsender Anteil des Personals aus dem Ausland rekrutiert. Beispielsweise waren 2023 37 % der in Exzellenzclustern tätigen Postdoktorandinnen und Postdoktoranden zuvor außerhalb Deutschlands tätig. Hinzu kommt die große internationale Strahlkraft durch das Auswahlverfahren und die Einbindung von internationalen Gutachtenden. Die Mitglieder des Expertengremiums, das unter anderem Empfehlungen für alle Förderentscheidungen ausspricht, besteht aus 39 in der Forschung auf verschiedenen Wissenschaftsgebieten ausgewiesenen Expertinnen und Experten, die fast ausschließlich an Institutionen im Ausland tätig sind. Mit der Initiative Research in Germany fördert das BMFTR Kommunikationsmaßnahmen, um weltweit für Deutschland als Forschungs- und Innovationsland zu werben. Dazu zählen unter anderen Erfolgsgeschichten, Einblicke in die deutsche Forschungslandschaft und Informationen zu Karrieremöglichkeiten und Förderprogrammen. Research in Germany unterstützt zudem die deutschen Botschaften und Auslandsrepräsentanzen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie innovative KMU bei ihren internationalen Marketing- und Kommunikationsaktivitäten. 2023 und 2024 hat das damalige BMBF den DAAD gefördert, um die vielfältigen zielgruppenspezifischen Aktivitäten umzusetzen. Der Fokus lag dabei auf crossmedialer Online- und Social- Media-Kommunikation in den reichweitestarken und kontinuierlich wachsenden Kanälen von Research in Germany. Dadurch hat die Initiative in den Sozialen Medien mittlerweile insgesamt über 550.000 Follower. So konnten auch die drei thematischen Kampagnen des BMBF (über research-in-germany.org) eine große internationale Reichweite erzielen: „From Space to Life“ zum Wissenschaftsjahr 2023 – Unser Universum, Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 21 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 22 „From Lab to Pitch“ über Fußball-bezogene Forschung und Innovation „made in Germany“ anlässlich der EURO 2024 und „Freedom to Cooperate“ zum Thema des Wissenschaftsjahres 2024 – Freiheit. Mit der Kampagne Study in Germany – Land of Ideas und unterschiedlichen Informationsangeboten wie My GUIDE und der International (unter anderem Doctoral) Programmes Datenbank informiert der DAAD zudem bereits zum Studienstandort Deutschland und macht so Deutschland als Wissenschaftsstandort insgesamt sichtbar und attraktiv. Deutschland ist ein wichtiger Standort für Spitzenforschung: Im Bereich der Künstlichen Intelligenz förderte das damalige BMBF bis Ende 2024 drei Internationale Zukunftslabore, die Forscherinnen und Forscher aus aller Welt in München, Berlin und Hannover zusammenbrachten und nachhaltige Kooperationsstrukturen geschaffen haben. Eines davon – das „LeibnizKILab“ in Hannover – wird seit dem Jahr 2024 unter Finanzierung des Landes Niedersachsen und der VolkswagenStiftung zum Niedersächsischen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und kausale Methoden in der Medizin (CAIMed) ausgebaut. Darüber hinaus unterstützte das BMBF seit dem Jahr 2021 auch den Aufbau eines Internationalen Zukunftslabors zum Grünen Wasserstoff: „REDEFINE Hydrogen Economy (H2E)“ an der Technischen Universität München (TUM), das neuartige Technologien zur Hochtemperatur-Elektrolyse und zu Vergasungsverfahren sowie zur Synthese von Basischemikalien und Energieträgern entwickelt. Forschungsinfrastrukturen Große Forschungsinfrastrukturen sind ein zentrales Instrument der Bundesregierung, um Forschungsexzellenz durch weltweite Kooperation zu stärken. Zudem sind sie ein wichtiger Baustein, um die wissenschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität in Europa zu gewährleisten. Weltweit bekannte wissenschaftliche Infrastrukturen und Großgeräte ziehen internationale Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher an. Aufbau und Betrieb werden vielfach durch gemeinsame Initiativen mehrerer Partnerstaaten ermöglicht. Die Bundesregierung stärkt die Rolle Deutschlands beim Aufbau, Betrieb und bei der Nutzung von Forschungsinfrastrukturen durch gezielte Maßnahmen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Im Juli 2024 hat das damalige BMBF das nationale Priorisierungsverfahren für neue, umfangreiche Forschungsinfrastrukturen (FIS) gestartet. Der Aufruf Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 22 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 23 ist auf ein großes Interesse in der Wissenschaft und darüber hinaus gestoßen. Ziel des Verfahrens ist es, die FIS auszuwählen, die für den Ausbau und Erhalt der deutschen Spitzenposition in Forschung und Innovation im internationalen Wettbewerb und der Leistungsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems prioritär sind. Die Bundesregierung engagiert sich im Europäischen Strategieforum für Forschungsinfrastrukturen (European Strategy Forum on Research Infrastructures, ESFRI). Dessen Ziel ist es, Forschungsinfrastrukturen von gesamteuropäischem Interesse zu identifizieren und den Abstimmungsprozess zu deren Umsetzung zu erleichtern. Auch auf internationaler Ebene strebt die Bundesregierung eine engere Verzahnung und Abstimmung der Aktivitäten zu Forschungsinfrastrukturen an, insbesondere im Rahmen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der G7 – hier beispielsweise die Group of Senior Officials on Global Research Infrastructures (GSO GRI) –, deren Aktivitäten das BMFTR regelmäßig mitgestaltet. Bei internationalen Großprojekten mit russischer Beteiligung stimmt sich Deutschland fortwährend mit den jeweiligen internationalen Partnern ab. Seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen kommt das BMFTR nach. Deutschland ist maßgeblich beteiligt an weltweit führenden internationalen Forschungsinfrastrukturen: Der International Thermonuclear Experimental Reactor (ITER) ist ein Projekt von sieben internationalen Partnern zur Fusionsenergie und wird derzeit im südfranzösischen Cadarache realisiert. Als einer der sieben ITER-Partner repräsentiert Euratom die EU-Staaten. Deutschland ist somit mittelbar an ITER beteiligt. Als Fusionsexperimentierreaktor soll ITER zeigen, dass Energie aus der Verschmelzung von Wasserstoffkernen gewonnen werden kann. Ziel ist es, ein brennendes und für längere Zeit energielieferndes Plasma zu erzeugen. ITER gilt als Schlüsselelement für die Entwicklung und Testung von Technologien für den zukünftigen Einsatz in einem Fusionskraftwerk. Die European Organization for Nuclear Research (CERN) betreibt mit dem Teilchenbeschleuniger LHC die weltweit größte Forschungsinfrastruktur auf dem Gebiet der Teilchenphysik. Zugleich ist das CERN als Forschungsorganisation Koordinator und Sprachrohr für die gesamte europäische Teilchenphysik. 2018 begann der Ausbau des LHC zum HL-LHC (High Luminosity- LHC), der bis 2027 abgeschlossen sein soll und auf eine zehnmal höhere Leistungsfähigkeit (Luminosität) abzielt. Deutschland ist einer von derzeit 23 Mitgliedstaaten und trägt als größter Beitragszahler mit rund 269 Millionen Euro pro Jahr (Stand: 2024) rund 21 % des Gesamtbudgets der Institution bei. Das 1974 ebenfalls als zwischenstaatliche Forschungseinrichtung mit Völkerrechtsstatus aufgebaute Europäische Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) hat seinen Hauptsitz in Heidelberg und zieht weltweit die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Deutschland. Mit seinem aktuellen Forschungsprogramm „From Molecules to Ecosystems“ (2022–2026) verfolgt das EMBL das Ziel, Moleküle im Kontext ihrer Umgebung zu erforschen und so neue Erkenntnisse für die Medizin, den Klimawandel oder den Artenschutz zu erhalten. Deutschland trägt als größter Beitragszahler der 29 Mitgliedstaaten (rund 31,3 Millionen Euro im Jahr 2024) 20,57 % des Gesamtbudgets. Seit Ende 2022 unterstützt Deutschland das europäische Genomic Data Infrastructure-Vorhaben. Dieses soll den europaweiten Zugang zu genomischen und damit verbundenen phänotypischen und klinischen Daten über eine sichere Infrastruktur im Sinne der europä ischen „1+ Millionen Genomes“-Initiative ermöglichen. Damit sollen die künftige Gesundheitsversorgung, Forschung und gesundheitspolitische Entscheidungen verbessert werden. Aktuell sind an dem kofinanzierten Projekt 24 Länder beteiligt. Die Europäische Kommission beteiligt sich mit einem Beitrag von 20 Millionen Euro. Teilnehmende Staaten fördern das Vorhaben ebenfalls mit insgesamt 20 Millionen Euro. Das Vorhaben hat eine Dauer von vier Jahren. Die European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) betreibt eine hochleistungsfähige Synchrotron- Strahlungsanlage für Forschungszwecke, ein „Supermikroskop“ von extrem hoher Genauigkeit. Ende 2020 wurde ein neuer Speicherring in Betrieb genommen, durch den die Anlage über eine 100-mal höhere Leistungsfähigkeit und Präzision bei gleichzeitig stark reduziertem Energieverbrauch verfügt. Im Herbst 2022 wurde der vom damaligen BMBF finanzierte Messplatz BM18 eingeweiht, der Scans von menschlichen Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 23 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 24 Organen, E-Auto-Batterien oder Flugzeugbauteilen in nie gekannter Auflösung erlaubt. Deutschland ist mit 24 % der zweitgrößte Gesellschafter an ESRF und leistet jährlich rund 24 Millionen Euro (Stand: 2024) als Beitragszahlung. Das Institut Laue-Langevin (ILL) in Grenoble (Frankreich) verfügt über die derzeit leistungsfähigste Forschungsneutronenquelle für friedliche Zwecke. Die dort erzeugten Neutronen dienen der zerstörungsfreien Untersuchung der Struktur und Dynamik von fester, gasförmiger oder flüssiger Materie mit Schwerpunkt auf Materialwissenschaft, Lebenswissenschaften, Chemie und Kernphysik. Das ILL wird von Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich paritätisch als Gesellschaftern gemeinsam mit zwölf weiteren europäischen Ländern finanziert. Der deutsche Anteil beträgt rund 24 Millionen Euro jährlich (Stand: 2024). Die European Spallation Source (ESS ERIC) wird mit ihrer Fertigstellung die weltweit modernste Neutronenquelle darstellen und soll multidisziplinäre Forschung von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung ermöglichen: in der Medizin, Umwelt, Energieversorgung oder Werkstoffprüfung. Damit sollen wichtige Fragen für unsere Wirtschaft und Gesellschaft beantwortet werden. Insgesamt 13 europäische Staaten, darunter Deutschland, sind Gründungsmitglieder der ESS und beteiligen sich am Bau der ESS in Lund, Schweden. Die ESS soll 2026 die ersten Neutronen liefern und bis 2028 in den Vollbetrieb übergehen. Das European Southern Observatory (ESO) betreibt in der Atacama-Wüste in Chile astronomische Spitzenforschung an besonders leistungsstarken Teleskopen. Derzeit baut es dort das größte optische Teleskop der Welt mit einem Spiegeldurchmesser von 39 Metern. Damit wird das Extremely Large Telescope (ELT) das größte Auge für sichtbares Licht, das entscheidend zur Lösung der offenen Fragen der Astronomie beitragen wird. Die Grundsteinlegung fand 2018 statt, die Inbetriebnahme ist für 2027/2028 geplant. Die ESO wird von 16 Mitgliedstaaten finanziert. Der jährliche deutsche Anteil am Budget beträgt rund 23 %, was etwa 49 Millionen Euro entspricht (Stand: 2024). Das Cherenkov Telescope Array Observatorium (CTAO) wird zur Entschlüsselung zentraler Fragen der modernen Astrophysik im Bereich höchster Gammastrahlungsenergien beitragen, wie zum Ursprung der kosmischen Strahlung oder zur Natur der Dunklen Materie. Mit zwei Teleskopstandorten, im Norden auf La Palma (Spanien) und im Süden am ESO-Standort in European Spallation Source (ESS) Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 24 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 25 Chile, wird CTAO den gesamten Himmel erschließen. Zusätzlich zum Hauptquartier in Bologna wurde in Zeuthen nahe Berlin im Berichtszeitraum ein Datenauswertungszentrum errichtet und seither inhaltlich aufgebaut. Derzeit wird CTAO von acht EU-Staaten und der ESO als IO getragen sowie von drei Nicht-EU- Staaten unterstützt. CTAO vereint als globales Projekt Know-how: Konzepte für neuartige Optiken stammen aus den USA, der Entwurf und Bau von Teleskopen erfolgt in Italien und Frankreich, während Instrumente und Software zur Datenauswertung in England und Deutschland entwickelt werden. Seit 1998 das erste Modul gestartet wurde, hat sich die International Space Station (ISS) zum größten von Menschen gemachten Objekt im Weltall entwickelt. Nach einer längeren Aufbauphase ist die wissenschaftliche Nutzung dieses einzigartigen Labors im Erdorbit inzwischen in vollem Gange. Die Forschung auf der Raumstation umfasst eine Vielzahl von Disziplinen von der Erdbeobachtung über Strahlen- und Gravitationsbiologie sowie Materialforschung und Quantenphysik bis hin zu pharmazeutischer Forschung. Auf der ESA-Ministerratskonferenz haben sich Deutschland und seine europäischen Partner zu einem weiteren Betrieb der ISS bis mindestens 2030 bekannt. Deutschland leistet dabei den mit Abstand größten finanziellen Beitrag innerhalb der ESA und nutzt einen signifikanten Teil der europäischen Forschungskapazitäten auf der ISS. Mit der Facility for Antiproton and Ion Research in Europe (FAIR) soll in Deutschland eine weltweit einmalige Forschungsinfrastruktur in der physikalischen Grundlagenforschung schrittweise realisiert werden. Durch die Erzeugung von Teilchenstrahlen bisher unerreichter Intensität, Energie und Qualität lässt sich Materie unter extremen Bedingungen untersuchen sowie Varianten chemischer Elemente synthetisieren und analysieren. Damit kann erstmals die Vielfalt der unterschiedlichen Bedingungen und Phänomene „im Labor“ erzeugt werden, die sonst bei Prozessen im Universum, wie der Entstehung und Verschmelzung von Sternen, bei Supernovae oder im Innern von Planeten stattfinden. Damit erwartet die Wissenschaft, Erkenntnisse zur Entstehung unserer Erde und des Lebens auf der Erde zu gewinnen. Das Projekt ist ein Meilenstein in der internationalen Zusammenarbeit im Bereich der physikalischen Grundlagenforschung sowie der angewandten Bio-, Medizin- und Materialforschung. Im Endausbau entstehen mit FAIR in Deutschland einzigartige Forschungsmöglichkeiten für (im Endausbau) rund 3.000 Forschende aus dem In- und Ausland. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 25 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 26 Der European X-Ray Free-Electron Laser (European XFEL) als größter Röntgenlaser weltweit ist eine international erfolgreiche Forschungseinrichtung, die gemeinsam von Deutschland und elf europäischen Partnern finanziert wird. Seit 2017 stellt European XFEL internationalen Gruppen von Nutzerinnen und Nutzern Strahlzeit an sieben Experimentierstationen zur Verfügung. European XFEL hat mehrere wissenschaftliche Weltrekorde aufgestellt und ermöglicht mit bis zu 27.000 Röntgenpulsen pro Sekunde bahnbrechende Einblicke in die Dynamik und Struktur von Molekülen, Atomen oder Materialien in unvergleichlicher zeitlicher und räumlicher Auflösung. Die Experimente reichen von medizinischen Fragestellungen wie Corona- und Antibiotikaforschung über Energieforschung bis hin zur Entwicklung innovativer und nachhaltiger Materialien und neuer Verfahren zur Datenspeicherung und tragen dazu bei, Deutschlands und Europas führende Position auf dem Gebiet der Forschung mit Röntgenstrahlen zu sichern und auszubauen. Als größter Beitragszahler trägt Deutschland 2024 rund 83 Millionen Euro der Betriebskosten. ACTRIS (Aerosol, Clouds and Trace Gases Research InfraStructure) ist eine paneuropäische Forschungsinfrastruktur zur Beobachtung atmosphärischer Aerosole, Wolken und Spurengase sowie zur Erforschung der zwischen diesen Bestandteilen auftretenden Wechselwirkungen. Sie basiert auf modernsten Messmethoden zur Untersuchung der Verteilungen und Veränderungen von Aerosolen und kurzlebigen Treibhausgasen vom Boden über die Troposphäre bis zur Stratosphäre und ihre komplexen Interaktionen. Damit dient ACTRIS einer großen Nutzergemeinschaft auf dem Gebiet der angewandten Atmosphärenforschung. Darüber hinaus stellt ACTRIS gesicherte Daten zur Luftqualität sowie zum Zustand des Klimas zur Verfügung, auf deren Basis umweltpolitische Entscheidungen getroffen sowie Regeln und Gesetze erarbeitet werden können. ACTRIS ist seit 2016 Teil der ESFRI Roadmap. Der deutsche Beitrag (ACTRIS-D) wurde 2019 im Rahmen des zweiten nationalen FIS-Roadmap-Prozesses ausgewählt. 2021 wurde mit dem Aufbau der Kalibrierlabore begonnen. Zudem wurden bis Ende 2022 die ersten Beobachtungssysteme installiert und in Betrieb genommen. Auf europäischer Ebene wurde ACTRIS im April 2023 in der Rechtsform eines ERIC (European Research Infrastructure Consortium) gegründet. Die Bundesregierung engagiert sich in der Forschung und frühen Technologieentwicklung auf EU-Ebene zur satellitengestützten Ortung, Navigation und Erdbeobachtung und unterstützt die damit betrauten europäischen Institutionen ESA und EUMETSAT. Insbesondere bei der Entwicklung von Anwendungsbeispielen und neuen Ideen für die gesamte Wertschöpfungskette, die zur Nutzung der Daten und Dienste der europäischen Galileo- und Copernicus- Programme beitragen, beteiligt sich Deutschland aktiv und unterstützt die dafür auf EU-Ebene zuständige EU-Agentur für das Weltraumprogramm (EUSPA). Deutschland ist zudem seit 2021 Sitzstaat des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW). Die EZMW-Niederlassung in Bonn wird das deutsche Wissenschaftssystem noch stärker international vernetzen und die Attraktivität des deutschen Standorts für ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weiter stärken. Mit der European Open Science Cloud (EOSC) wird im Rahmen des Europäischen Forschungsraums (EFR) eine Forschungsdateninfrastruktur als gesicherte Umgebung für die Speicherung, Bearbeitung und Weitergabe von Forschungsdaten sowie für zugehörige Dienste und Software geschaffen. Die EOSC soll die Verwaltung, Analyse und (Nach-)Nutzung von Forschungsdaten vereinfachen und so interdisziplinäre Forschung und Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen fördern. Der Aufbau der EOSC wird seit Europäischer Röntgenlaser XFEL Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 26 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 27 2021 als ko-programmierte Partnerschaft gefördert. In der dreigliedrigen Steuerungsstruktur (tripartite governance) der EOSC sind die EOSC-Association als Vertretung der Wissenschaft, die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten sowie assoziierte Länder vertreten. Die Mitgliedstaaten beteiligen sich mit eigenen Beiträgen. Ein In-kind Beitrag Deutschlands zur EOSC ist die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI), die zum Ziel hat, dezentral, projektförmig und temporär gelagerte Datenbestände von Wissenschaft und Forschung für das gesamte Wissenschaftssystem systematisch zu erschließen und so neues Wissen und Innovationen hervorzubringen. Die NFDI wird von Nutzern und von Anbietern von Forschungsdaten ausgestaltet, die dazu in 27 Konsortien zusammenarbeiten. Für den Aufbau der NFDI stellen Bund und Länder von 2019 bis 2028 jährlich bis zu 90 Millionen Euro bereit. Der NFDI e. V. ist eine von Deutschland mandatierte Organisation in der EOSC Association; weiterhin sind zahlreiche an den NFDI-Konsortien beteiligte Organisationen auch in der EOSC aktiv. Im Rahmen der Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen werden in Deutschland vier globale Wasserdatenzentren als internationale Forschungsdateninfrastrukturen betrieben. Dazu gehören das Weltzentrum für Niederschlagsklimatologien (betrieben durch den Deutschen Wetterdienst, Schirmherrschaft WMO), das Global Runoff Data Center für Abflussmessungen von Flüssen (betrieben durch die Bundesanstalt für Gewässerkunde, Schirmherrschaft WMO), das GEMS/ Water Data Center für Wasserqualität (betrieben durch die Bundesanstalt für Gewässerkunde und das Internationale Zentrum für Wasserressourcen und Globalen Wandel, Schirmherrschaft UNEP) und das Internationale Bodenfeuchte Netzwerk (betrieben durch die Bundesanstalt für Gewässerkunde und das Internationale Zentrum für Wasserressourcen und Globalen Wandel). Die Daten dienen der internationalen Forschung als Grundlage, gehen aber auch in internationale Berichte wie das SDG-Reporting oder globale Wasser- oder Klima-Assessments ein. Damit nimmt Deutschland international die führende Rolle bezüglich bodengestützter Beobachtungen des globalen Wasserkreislaufs ein. Die Satellitenmissionen Gravity Recovery and Climate Experiment (GRACE) vermessen seit über zwei Jahrzenten die Veränderungen des Schwerefeldes der Erde. Die erhobenen Satellitendaten tragen dazu bei, die Auswirkungen des Klimawandels besser zu verstehen. Beispielsweise können mithilfe der Daten Dürreperioden vorhergesagt werden und das Verständnis der Ursachen für den Anstieg des Meeresspiegels erhöht werden. Die Reihe der GRACE-Satellitenmission ist ein gemeinsames Projekt der Bundesregierung und der USA und ein herausragendes Beispiel für gelungene transatlantische Zusammenarbeit in der Klimaforschung und der Raumfahrtindustrie. Als Nachfolgemission von GRACE (2002–2017) und GRACE-FO (Follow On, seit 2018) wird die neue GRACE-C (Continuity, ab 2028) Mission weiterhin dazu beitragen, das System Erde und seinen globalen Wasserhaushalt besser zu verstehen, um wichtige Entscheidungen im Kampf gegen den Klimawandel zu treffen. Deutschland beteiligt sich auch an mehreren europäischen Konsortien, die unter bestimmten rechtlichen Rahmenbedingungen den Aufbau von Forschungsinfrastrukturen ermöglichen, die dem europäischen Interesse dienen (European Research Infrastructure Consortium, ERIC). Im Dezember 2023 hat Deutschland das INFRAFRON- TIER ERIC (European Research Infrastructure for the generation, phenotyping, archiving and distribution of mouse disease models) mitgegründet, eine global operierende paneuropäische Forschungsinfrastruktur zur Entwicklung, Phänotypisierung, Archivierung und Weitergabe von Säugetiermodellen, um damit zur Erforschung der Ursachen und Heilungsmöglichkeiten menschlicher Erkrankungen beizutragen. Ziel von INFRAFRONTIER ERIC ist der Aufbau einer Forschungsinfrastruktur von internationaler Bedeutung, die der biomedizinischen Forschung Instrumente zur Erforschung der Rolle der Genfunktion bei Erkrankungen an die Hand gibt. Ebenfalls im Dezember 2023 ist Deutschland Mitglied von INSTRUCT geworden. Das Instruct-ERIC (Integrated Structural Biology Infrastructure) ermöglicht Forschenden den Zugang zu High-End-Technologien und -Methoden der Strukturbiologie, um Innovationen in der biomedizinischen Forschung zu fördern. Neben der Bereitstellung von Forschungsinfrastrukturen finanziert und organisiert Instruct-ERIC über die beteiligten Forschungszentren auch Forschungsaufenthalte, Schulungen, Wissenschaftspreise und Konferenzen. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 27 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 28 Die europäische Forschungsinfrastruktur OPERAS für offene geisteswissenschaftliche Kommunikation wird mit rund 2,7 Millionen Euro Förderung von der EU im Rahmen von Horizon Europe gefördert. Das auf drei Jahre angelegte Projekt wird von der Geschäftsstelle der Max Weber Stiftung (MWS) in Bonn koordiniert, die als Kontaktstelle in Deutschland fungiert. Die Forschungsinfrastruktur OPERAS wurde 2017 mit dem Ziel gegründet, wissenschaftliche Kommunikation, insbesondere Publikationen im Sinne der Open- Science-Prinzipien, zu ermöglichen. 2021 wurde sie als neue Forschungsinfrastruktur für die ESFRI- Roadmap ausgewählt. Damit gehört OPERAS zu den ganz wenigen geistes- und sozialwissenschaftlich orientierten Infrastrukturen, die im europäischen Auftrag gemeinsame Lösungen mitgestalten, wie z. B. die 2023 fertiggestellte mehrsprachige Plattform GoTriple, die eine zentrale Anlaufstelle für geisteswissenschaftliche Ressourcen wie Daten, Veröffentlichungen, Projekte und Wissenschaftler ist oder PRISM, eine Plattform, die zur Stärkung des Vertrauens in Open-Access- Veröffentlichungen Transparenz über Qualitätssicherungsverfahren wie Peer-Review schafft. Ressortforschungseinrichtungen Ressortforschungseinrichtungen sind Bundeseinrichtungen mit Forschungs-, Entwicklungs- und Kapazitätsentwicklungsaufgaben in den Geschäftsbereichen einzelner Bundesministerien. Sie arbeiten in teils ressortübergreifenden Projekten und Partnerschaften zu aktuellen Fragestellungen, die auch multisektorale und transdisziplinäre Ansätze erfordern. Mit herausragender Forschung, wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit und ihren Infrastrukturen weisen sie international Strahl- und Anziehungskraft auf. Auf europäischer und multilateraler Ebene beteiligen sich Ressortforschungseinrichtungen an diversen Projekten und Partnerschaften sowie an der Gestaltung international anerkannter Standards und Leitlinien und kooperieren auch außereuropäisch mit Partnern diverser Länder. Die Forschungsaufgaben der Einrichtungen sind darauf gerichtet, wissenschaftliche Erkenntnisse für die Durchführung von Fachaufgaben und die Politikberatung zu gewinnen. Dabei wird ein umfassendes Spektrum von natur-, sozial- und arbeitswissenschaftlichen Fragestellungen bearbeitet, wie folgende Beispiele illustrieren. Im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) unterstützt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in seiner Eigenschaft als Kooperationszentrum die Arbeit der WHO zur Ermittlung und Bewertung von Strahlenrisiken. Neben der Zusammenarbeit mit Organisationen wie der WHO und der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), unter anderem im Bereich des radiologischen Notfallschutzes, unterhält das BfS auch auf bilateraler Ebene Forschungszusammenarbeiten, beispielsweise mit der Ukraine im Rahmen des Katastrophenschutzes. Das Umweltbundesamt (UBA) kooperiert mit Ressortforschungseinrichtungen aus 14 Ländern im EU- Rahmenprogramm Horizont Europa zur Stärkung der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung (Projekt CASRI). Ebenfalls in Horizont Europa beteiligten sich das damalige BMUV sowie das damalige Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), über das UBA beziehungsweise das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), als zweitgrößte Geber an der Europäischen Partnerschaft zur Risikobewertung von Chemikalien (PARC) zum Schutz der Gesundheit von Mensch und Umwelt. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) des BMUKN kooperiert mit wissenschaftlichen Akteuren unter anderem in Europa (zum Beispiel Frankreich, Großbritannien, Belgien, der Schweiz, Österreich), China und verschiedenen afrikanischen Partnerländern zu Themen des nationalen und internationalen Naturschutzes. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) war Beobachter des European Joint Programme on Radioactive Waste Management (EURAD-1) mit Laufzeit bis 2024 und ist in EURAD-2 als deutsche „Technical Safety Organization“ mandatiert und mit eigenen Forschungsprojekten beteiligt. EURAD-2 führt ein gemeinsames strategisches Programm für Forschungs- und Wissensmanagementaktivitäten auf europäischer Ebene durch, das die Programme der EU-Mitgliedstaaten für die Entsorgung radioaktiver Abfälle zusammenführt und ergänzt. Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) als Ressortforschungseinrichtung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) hat im Berichtszeitraum ihre Zusammenarbeit mit namibischen Partnern auf dem Gebiet der grünen Wasserstofftechnologien weiter intensiviert, um Kapazitäten für die sichere Produktion von grünem Wasserstoff in Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 28 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 29 Namibia aufzubauen. Die konkreten Aktivitäten umfassten Forschung und Entwicklung, Kapazitätsaufbau, Technologietransfer und Netzwerkbildung. Zum Ausbau ihrer Kooperationen mit Südamerika ist die BAM assoziiertes Mitglied im Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus (DIWH) in Sao Paulo, Brasilien. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt ist eine Ressortforschungseinrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE). Im MPG-RIKEN-PTB Center for Time, Constants and Fundamental Symmetries arbeiten zwei Institute der Max-Planck-Gesellschaft mit der japanischen Forschungsinstitution RIKEN und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt zusammen an Präzisionsexperimenten zur Klärung grundlegender Fragen der Physik. Die Zusammenarbeit erfolgt über den Austausch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie gemeinsame Experimente mit speziellen Anlagen wie dem Antiproton Decelerator am CERN oder den Atomuhren der PTB. Die Ressortforschung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) umfasst vier Bundesforschungseinrichtungen, die sich auf spezifische Bereiche der Agrar- und Ernährungsforschung, der Forschung zur Fischerei- und Waldwirtschaft sowie zu ländlichen Räumen konzentrieren. Zu diesen Einrichtungen gehören das Julius Kühn-Institut (JKI) für Kulturpflanzen, das Friedrich- Loeffler-Institut (FLI) für Tiergesundheit, das Max Rubner-Institut (MRI) für Ernährung und Lebensmittel sowie das Johann Heinrich von Thünen-Institut (Thünen-Institut) für Ländliche Räume, Wald und Fischerei. Diese Institute sind eng in die politische Entscheidungsfindung des BMLEH eingebunden und liefern wissenschaftliche Entscheidungshilfen, um die Herausforderungen der Landwirtschaft, Ernährung und ländlichen Entwicklung zu meistern. Die Forschung ist national und auch international ausgerichtet, um durch internationale Kooperationen zur Lösung globaler Herausforderungen wie der Sicherung und Etablierung resilienterer Agrarökosysteme, der Bekämpfung des Welthungers und der Erfüllung internationaler Übereinkommen beizutragen. Das Julius Kühn-Institut (JKI), das mit zahlreichen Partnern in über 50 Ländern eng zusammenarbeitet, hat im Jahr 2024 mit dem französischen Nationalen Institut für Agrarwissenschaften (INRAe) eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, um die europaweite Forschungsinitiative „European Research Alliance Towards a chemical pesticide-free Agriculture“ voranzutreiben. Entsprechend der Stellungnahme des Wissenschaftsrats von 2024 ist das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) – Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit eine herausragende Forschungseinrichtung von internationaler Strahlkraft, die auf den Gebieten der Veterinärmedizin und der Nutztierwissenschaften Forschung auf höchstem Niveau betreibt. Mit seinem Hochsicherheitslabor- und Tierhaltungskomplex verfügt das FLI in Europa über ein Alleinstellungsmerkmal für die Forschung zur Tiergesundheit und Zoonosen. Durch seine Expertise leistet das FLI einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Tierseuchen im Ausland und zur globalen Umsetzung des One Health-Ansatzes. Das Deutsche Zentrum für Schienenverkehrsforschung (DZSF) hat im Berichtszeitraum Kooperationen mit Korea und Polen unterhalten. Gemeinsam mit dem koreanischen Forschungsinstitut KRRI bearbeitet das DZSF ein Projekt im Kontext Bahnlärm. Das DZSF beteiligt sich an europäischen Forschungsprojekten, unter anderem zum Thema Klimaresilienz von kritischen Verkehrsinfrastrukturen. Das DZSF arbeitet in europäischen Gremien und Verbänden mit, die insbesondere der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, der Politikberatung und der Normung dienen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ist als rechtsfähige Anstalt öffentlichen Rechts Behörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Als Ressortforschungseinrichtung nimmt es seine Aufgaben der Berufsbildungsforschung auf Grund lage des § 90 Abs. 2 Berufsbildungsgesetz (BBiG) wahr. Seine mittelfristige Forschungsplanung im Rahmen von Themenclustern ermöglicht zudem eine Verknüpfung der Forschung mit den weiteren gesetzlichen Aufgaben unter anderem in der Neuordnung von Ausbildungsberufen, der Durchführung von weisungsgebundenen, innovativen Initiativen für die Berufsbildung, zur Berufsbildungsstatistik oder auch im Rahmen der Fachkräfteeinwanderung. Das BIBB ist in vielfältige internationale Projekte im Kontext der beruflichen Bildung eingebunden und unterhält Forschungskooperationen mit mehreren europäi- Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 29 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 30 schen Partnerhochschulen. Mit der Nationalen Agentur beim BIBB sowie der internationalen Berufsbildungsabteilung nimmt das BIBB auch Aufgaben der Mobilität und der internationalen Zusammenarbeit in der beruflichen Bildung wahr. Diese reichen von internationaler Beratung, Kooperation mit Partnerinstitutionen und im Rahmen der Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen bis zur Zentralstelle der Bundesregierung für internationale Berufsbildungskooperation (GOVET). Die ressortforschungsähnlichen Einrichtungen im Zuständigkeitsbereich des BMBFSFJ – das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) und das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) – sind in zahlreichen internationalen Projektkontexten eingebunden. Sie unterhalten Forschungskooperationen mit Universitäten in den USA und in mehreren europäischen Ländern. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) im Geschäftsbereich des BMI ist an zahlreichen internationalen Forschungsprojekten beteiligt. Es ist Teil des Steuerungskomitees des internationalen Generations and Gender Programme (GGP), welches anhand von Panelsurveys in 19 Ländern Daten unter anderem zu den Themen Familie und Fertilität erhebt. Zudem arbeitet das BiB mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) im Rahmen des EU Projektes GUIDE am Aufbau einer ersten europaweiten Geburtskohortenstudie. Das BiB kooperiert unter anderem mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine zu Themen wie Gesundheit und Lebenserwartung und stellt mit der Studie „Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ Daten zur Lebenssituation Schutzsuchender aus der Ukraine bereit. In Kooperation unter anderem mit der Paris School of Economics arbeitet das Institut zur mentalen Gesundheit von ukrainischen Geflüchteten in Deutschland. Im Geschäftsbereich des BMG sind das Robert Koch- Institut (RKI), Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Austausch mit internationalen Behörden. Als Arzneimittelbehörde arbeitet das PEI im Bereich der Regulation (Zulassung und Überwachung der Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneimitteln) mit internationalen Arzneimittelbehörden aus Europa, Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien zusammen und ist dort in zahlreichen Gremien vertreten. Zudem arbeitet das PEI mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen. Die beiden rechtlich selbständigen FuE-Einrichtun gen, mit denen das BMZ auf der Grundlage des Konzepts einer modernen Ressortforschung kontinuierlich kooperiert, sind in zahlreichen internationalen Forschungs- und Evaluierungskontexten zur Gestaltung einer partnerschaftlichen, globalen Wissensgesellschaft eingebunden. So hat das Deutsche Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (DEval) den Vorsitz im Evaluierungsnetzwerk der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD DAC-Evalnet) inne und engagiert sich bei der Stärkung der Evaluierungskapazitäten der Partnerländer der deutschen EZ. Das German Institute of Development and Sustainability (IDOS) arbeitet über das Netzwerk „Managing Global Governance“ mit Partnerinstituten aus Brasilien, Mexiko, Indien, Indonesien, China und Südafrika an der Erarbeitung konzeptioneller Grundlagen und innovativer Lösungsansätze für die Bewältigung globaler Herausforderungen und die Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen. Das IDOS spielt zudem eine führende Rolle in den wissenschaftlichen Engagementgruppen der G7 und G20 (Think7 und Think20). Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 30 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 31 (2) Deutschlands Innovationskraft international entfalten Die im Februar 2023 vom Bundeskabinett verabschiedete Zukunftsstrategie „Forschung und Innovation“ ist als wichtige Grundlage für die Forschungs- und Innovationspolitik der Bundesregierung der 20.  Legislaturperiode entwickelt worden. Sie hat Beiträge geleistet, um die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen, die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu sichern, Gesundheit für alle zu verbessern, die Resilienz der Gesellschaft zu stärken und die eigene Wirtschaftskraft zu gewährleisten. Deshalb sind im Rahmen der Zukunftsstrategie auch die europäische und internationale Vernetzung als Wissenschafts- und Forschungsstandort weiter gestärkt sowie neue und effektive Forschungs- und Innovationspartnerschaften geschaffen worden. Die internationale Vernetzung (zum Beispiel über das M-ERA.NET-Programm) und die Etablierung von bi- und multilateralen Kooperationen mit Exzellenzzentren der Forschung ist eine Chance, wissenschaftliches Knowhow mit Fachleuten anderer Regionen zu diskutieren, gemeinsam fortzuentwickeln und damit Schlüsseltechnologien schneller voran und in die Anwendung zu bringen. Die internationale Anbindung von zunächst national etablierten Kompetenzclustern, wie zum Beispiel der in den letzten Jahren etablierten Batteriekompetenzcluster, ist dabei ein Pfad, nationale Forschungsaktivitäten international fortzusetzen, auszubauen und Synergien zwischen den jeweiligen Partnerländern zu heben. Ziel ist es, dieses Innovationspotenzial im Bereich der Schlüsseltechnologien durch bi- und multilaterale Kooperationen zukünftig noch stärker zu nutzen. Die gezielte Förderung von Schlüsseltechnologien wie der Batterie im internationalen Kontext (zum Beispiel durch bilaterale Kooperationen) hat zu zahlreichen Innovationen geführt, die ohne die internationalen Partnerschaften nicht beziehungsweise nicht in der Geschwindigkeit hätten erreicht werden können. Beispiele sind die Entwicklung aussichtsreicher Batterietechnologien der Zukunft. Bis 2024 gelangen mit japanischen Partnern die Entwicklung von fortschrittlichen Analysemethoden für Festkörperbatterien und mit amerikanischen Partnern die Entwicklung von Analysemethoden speziell für die inneren Grenzflächen von Batterien. Gemeinsam mit taiwanischen Partnern konnten Schlüsselmaterialien für die nächste Generation von Hochenergiebatterien erforscht werden. Die Entwicklung von Hochleistungsbatterien mit französischen Partnern wurde 2024 gestartet. Die Agentur für Innovation in der Cybersicherheit GmbH (Cyberagentur) mit Sitz in Halle (Saale) wurde durch das Bundesministerium des Innern (BMI) und das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) beauftragt, Forschung sowie bahnbrechende Innovationen im Bereich der Cybersicherheit sowie Schlüsseltechnologien für die innere und äußere Sicherheit in Deutschland voranzutreiben. Seit Anfang 2024 vernetzt sich die Cyberagentur verstärkt mit Innovationsagenturen aus dem Ausland, um ein Ökosystem Cybersicherheit aufzubauen. Hierzu wurde ein Netzwerktreffen initiiert, um einen stärkeren Austausch zwischen europäischen Innovationsagenturen zu etablieren und damit die digitale Souveränität Deutschlands und Europas zu stärken. Um Deutschlands Innovationskraft international zu stärken, strebt die Bundesregierung die Schaffung eines gemeinsamen internationalen Handlungsrahmens für die digitale Transformation an. Das damalige Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) hatte hierfür das Format der internationalen Digitaldialoge ins Leben gerufen. Partnerländer sind unter anderem Brasilien, Mexiko, Großbritannien, Kenia, Ghana, Südafrika, Indien, Indonesien, Singapur, Japan und Südkorea. Mit den Digitaldialogen hat das BMDV eine Plattform Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 31 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 32 geschaffen, auf der sich Stakeholder aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft kontinuierlich zu digitalpolitischen Maßnahmen austauschen können. Die hierbei beratenen Themen wie zum Beispiel Digital- und Datenpolitik, innovative und immersive Technologien wie Künstliche Intelligenz und Quantentechnologien, Freiheit des Internets sowie die Harmonisierung von Standards und Normen tragen zu den Grundlagen für freie Forschung und innovative, grenzüberschreitende Forschungskooperationen bei. Die 2008/2009 vom Auswärtigen Amt und der Allianz der Wissenschaftsorganisationen initiierten Deutschen Wissenschafts- und Innovationshäuser (DWIH) sind ein Zusammenschluss deutscher Wissenschaftsorganisationen, Hochschulen und der forschenden Wirtschaft. Sie bieten ein Schaufenster für die Leistungsfähigkeit deutscher Forschung, ermöglichen einen gemeinsamen Auftritt deutscher Innovationsträger und vernetzen diese mit Kooperationspartnern vor Ort. Das Projekt wird in enger Abstimmung mit dem BMFTR und unter Beteiligung des heutigen BMWE durchgeführt. Anfang 2022 kam zu den Standorten in New York, Sao Paulo, Moskau3, Neu- Delhi und Tokio ein sechstes DWIH in San Francisco hinzu, das die deutsche Präsenz in dem einzigartigen Innovationsökosystem der Bay Area bündelt und verstärkt. Das BMWE fördert im Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) branchen- und themenoffen jährlich mehrere Tausend marktorientierte Forschungs- und Entwicklungs- (FuE-) Projekte von jungen, kleinen und mittleren Unternehmen und Forschungspartnern sowie das Netzwerkmanagement von Innovationsnetzwerken. Ziel ist die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des innovativen Mittelstands. Dabei wird die grenzüberschreitende Forschungszusammenarbeit unter anderem mit einem höheren Fördersatz unterstützt. Weitere Hebel zur Stärkung kooperativer internationaler Innovationsentwicklung sind gemeinsame Ausschreibungen und synchronisierte Antragstellungen mit ausländischen Innovationsförderungen. Diese basieren auf bilateralen oder multilateralen Kooperationen, die das ZIM mittlerweile mit über 20 Ländern und Regionen weltweit pflegt (unter anderem Argentinien, Brasilien, Finn- 3 Das DWIH Moskau hat nach Beginn des Angriffskrieges der Russischen Föderation gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 und im Einklang mit der Erklärung der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen vom 25. Februar 2022 keine Aktivitäten zur innovationsbezogenen Kooperationsanbahnung mit russischen institutionellen Partnern mehr durchgeführt. In Abstimmung mit der Deutschen Botschaft Moskau hat es seit März 2022 in erster Linie als Austauschplattform für seine deutschen Unterstützerorganisationen gewirkt. land, Flandern, Frankreich, Israel, Kanada, Katalonien, Luxemburg, Österreich, Schweden, Singapur, Südkorea, Taiwan, Tschechische Republik, Türkei und Wallonien). 2023 und 2024 konnten erfolgreich neue Vereinbarungen mit Chile, Polen, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich geschlossen werden. Im Berichtszeitraum sind im ZIM für die deutschen Partner in 313 internationalen FuE-Projekten 62 Millionen Euro bewilligt worden. Darüber hinaus wurde der Anschub von 36 neuen internationalen ZIM- Innovationsnetzwerken unterstützt. (3) Bildung und Qualifizierung internationaler ausbauen Die Bundesregierung engagiert sich international, um die berufliche Bildung zu stärken. Mehrere Bundesministerien sind in diesem Politikfeld aktiv und arbeiten in Deutschland und in Partnerländern weltweit mit staatlichen Einrichtungen, Wirtschafts- und Sozialpartnern, Bildungsdienstleistern und der Zivilgesellschaft zusammen. Koordiniert werden die deutschen Aktivitäten unter der 2019 erneuerten Strategie der Bundesregierung zur internationalen Berufsbildungszusammenarbeit, die 2023 ihr zehnjähriges Bestehen feierte. Ziel der Strategie ist es, die deutschen Aktivitäten und Interessen zu bündeln und eine kohärente Außenwirkung der deutschen Akteure im Ausland sicherzustellen. Das duale System der Berufsausbildung in Deutschland ermöglicht eine schnelle Reaktion auf die technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Gut ausgebildete Fachkräfte sichern Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Beschäftigung, Wohlstand und Lebensqualität in Deutschland, aber auch in anderen Ländern weltweit. Als zuständiges Ressort hat das damalige BMBF im Berichtszeitraum bilateral mit zwölf Partnerländern kooperiert, die in einem nachfrageorientierten Ansatz u. a. durch die Rahmenbekanntmachung „CooperationVET“ des BMBF Unterstützung beim Aus- und Aufbau ihrer Berufsbildungssysteme hin zu mehr Praxisrelevanz erhalten haben. Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 32 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 33 Die Zentralstelle der Bundesregierung für internationale Berufsbildungskooperation (engl. German Office for International Cooperation in Vocational Education and Training; GOVET) im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) fungiert als erste Anlaufstelle in Deutschland für inländische und ausländische Partnerinnen und Partner und hält für diese Informationsmaterialien in bis zu 14 Sprachen vor. GOVET ist darüber hinaus die Geschäftsstelle des Runden Tisches für internationale Berufsbildungszusammenarbeit in Deutschland, der in regelmäßigen Abständen tagt und die Expertise der Bundesministerien, ressortnahen Einrichtungen, Durchführungsorganisationen, Bundesländer und Kammerorganisationen sowie von Sozialpartnern und verschiedenen Vereinen, Verbänden und Organisationen bündelt. Die ebenfalls im BIBB bereits 2001 angesiedelte Initiative iMOVE: Training – Made in Germany unterstützt die Internationalisierung der deutschen Bildungswirtschaft. Seit Oktober 2024 liegt ein weiterer Schwerpunkt der Initiative auf der Fachkräftegewinnung für Deutschland. Hierzu fand im November 2024 eine Auftaktveranstaltung mit Verbands- und Wirtschaftsvertretern sowie der deutschen Bildungswirtschaft statt. 2024 hat iMOVE zudem mit dem Deutsch-Afrikanischen Bildungsforum eine internationale Konferenz mit dem Fokus auf die Fachkräftegewinnung ausgerichtet. 2023 wurden sieben eigene Veranstaltungen durchgeführt (Länderseminare, „VET on the move“ -Webinare und - Präsenzveranstaltungen), Delegationsreisen in elf Länder begleitet, vier Messeauftritte umgesetzt und sechs Publikationen herausgegeben. 2024 hat iMOVE 19 eigene Veranstaltungen durchgeführt, Delegationsreisen in sechs Länder begleitet und vier Messebeteiligungen vor Ort realisiert und vier Publikationen herausgegeben. Seit 2017 hat das damalige BMBF im Rahmen von „AusbildungWeltweit“ Auslandspraktika während der beruflichen Erstausbildung gefördert. Ausbildungsbetriebe, Kammern und andere Einrichtungen der Berufsausbildung (wie zum Beispiel überbetriebliche Ausbildungszentren) können Zuschüsse für ihre Auszubildenden und für betriebliches Ausbildungspersonal beantragen. Seit 2020 können auch Berufliche Schulen Förderanträge stellen und Aufenthalte von Personen in schulischer Berufsausbildung bezuschusst werden. Während das EU-Programm Erasmus+ Lernaufenthalte innerhalb Europas fördert, Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 33 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 34 schließt die Bundesregierung mit AusbildungWeltweit eine wichtige Förderlücke für Auslandspraktika rund um den Globus. Das Programm stellt eine tragende Säule der Berufsbildungszusammenarbeit dar. Von 2018 bis zur Antragsrunde im Juni 2024 konnten mehr als 3.000 Personen gefördert werden. Die Auslandsaufenthalte fanden in über 60 Ländern auf allen Kontinenten statt. Das damalige BMBF unterstützte auch in den Jahren 2023 und 2024 die von BIBB und UNESCO-UNEVOC umgesetzte Initiative „Bridging Innovation and Learning in TVET“ mit jeweils über einer Million Euro. Ziel der Initiative ist es, mit den Partnerzentren des VN-Netzwerkes UNEVOC innovative und exzellente Berufsbildungsinitiativen zu teilen. Die Erfahrungen im „Peer-Learning“ sollen als Impuls in die deutsche Berufsbildung wirken und für die Fortentwicklung des dualen Systems in Deutschland genutzt werden. BILT fokussiert aktuell auf die Regionen Europa, Asien und Afrika. Beginnend mit der Teilnahme an der ersten Afrikanischen Skills-Week (Afrikanische Union, Oktober 2024) wird jedoch ein überregionaler, kohärenter Politikansatz über die Zukunft der beruflichen Bildung initiiert („Global VET Agenda“). Über die UNESCO hinaus werden weitere multilaterale Organisationen involviert, insbesondere OECD, EU, Weltbank sowie WorldSkills International. Mit der Weiterentwicklung der Fachkräfteeinwanderung wurden auch Erleichterungen im Bereich des Aufenthaltsrechts umgesetzt, die 2024 in Kraft getreten sind und die internationale Mobilität nach Deutschland im Bildungsbereich weiter befördern sollen. Zu nennen sind beispielsweise flexiblere und erweiterte Möglichkeiten zur Nebenbeschäftigung oder der Wegfall der Prüfung, ob eine Ausbildungsstelle in Deutschland auch mit einem gleich geeigneten inländischen Ausbildungssuchenden besetzt werden kann. Das nationale Visumverfahren wurde zum 1. Januar 2025 digitalisiert – seitdem stehen die weltweit relevanten Visumantragsarten in den Bereichen Erwerbstätigkeit, Studium, Aus- und Fortbildung und Familienzusammenführung als Online-Anträge zur Verfügung. Alle 167 Visastellen weltweit und auch die Visaannahmezentren externer Dienstleister sind inzwischen an das Auslandsportal angebunden, dessen Angebot weiter ausgebaut wird. Um im Ausland qualifizierte Fachkräfte besser zu gewinnen und für sie attraktiver zu sein, wurden auch die Möglichkeiten für einen Aufenthalt zur Anerkennung einer ausländischen Berufsqualifikation, flexibilisiert. Sie sehen mit der Anerkennungspartnerschaft nun auch eine Möglichkeit vor, das Anerkennungsverfahren erst in Deutschland zu starten. Dies umfasst auch Phasen einer weiteren Qualifikation in Deutschland, wobei zugleich die Erwerbstätigkeit im jeweiligen Beruf ermöglicht wird. Davon profitieren insbesondere auch die reglementierten Berufe im Gesundheitswesen oder der Pädagogik. Dies wird durch die erfolgte Digitalisierung der Antragsverfahren zur Anerkennung ergänzt. In den angeschlossenen Ländern werden die Antragsstrecken sukzessive angebunden und so die elektronische Antragstellung für immer mehr Berufe ermöglicht. Deutschland ist weltweit ein wichtiger Geber in der beruflichen Bildung. Die Zusagen für die Förderung der beruflichen Bildung im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) betrugen 2024 rund 360 Millionen Euro. In zwei Drittel der Partnerländer der deutschen EZ ist berufliche Bildung Schwerpunkt der bilateralen Zusammenarbeit. Dabei steht die Unterstützung bei Aufbau und Stärkung von nationalen Berufsbildungssystemen im Vordergrund. Das BMZ setzt sich mit Maßnahmen der beruflichen Aus- und Weiterbildung insbesondere für die Gleichstellung der Geschlechter, für einen gerechten Übergang zu einer grünen Wirtschaft, die Integration von Flüchtlingen in nationale Bildungssysteme, den Übergang aus der informellen Wirtschaft in reglementierte Berufsbildung sowie für die Themen Digitalisierung und Qualifizierung des Berufsbildungspersonals ein. Regionale Schwerpunkte des BMZ-Engagements in der beruflichen Bildung sind Afrika und die Region Nahost und Nordafrika (engl. Middle East and North Africa; MENA). Von zentraler Bedeutung ist dabei die BMZ- Sonderinitiative „Gute Beschäftigung für sozial gerechten Wandel“, die arbeitsmarktorientierte berufliche Bildung in enger Zusammenarbeit mit der lokalen, deutschen und internationalen Wirtschaft fördert. Das Förderprogramm develoPPP (seit 2024 unter der Dachmarke „Partners in Transformation“ geführt) richtet sich mit seinen beiden Instrumenten develoPPP Classic und develoPPP Ventures an Unternehmen, die nachhaltig in einem Entwicklungs- oder Schwellenland investieren und ihre Tätigkeit vor Ort z. B. durch bedarfsorientierte betriebliche Aus- und Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 34 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 35 Weiterbildung ausbauen wollen. Über die Förderung konkreter Maßnahmen wird im Rahmen von regelmäßig stattfindenden Ideenwettbewerben entschieden. Förderfähig sind etablierte mittelständische und große Unternehmen mit Sitz in der EU, einem Mitgliedsland der European Free Trade Association (EFTA) oder einem Land der OECD-DAC-Liste sowie andererseits lokale aufstrebende Start-ups. Seit 2021 erhält die Global Labour University (GLU) BMZ-Mittel zur Umsetzung zahlreicher Maßnahmen im Rahmen der GLU Online Academy. Damit verfolgt die GLU das Ziel, handlungsorientierte Forschung sowie die intellektuellen und strategischen Kapazitäten von Arbeitnehmerorganisationen zu stärken und Arbeitsbeziehungen zwischen Gewerkschaften und der Wissenschaft zu fördern. Das heutige BMLEH hat im Berichtszeitraum im Rahmen von bilateralen Kooperationsprogrammen die berufliche Qualifizierung von landwirtschaftlichen Unternehmen und die berufliche Bildung im Agrarsektor gefördert. Bereits seit dem Jahr 2017 unterstützt das BMLEH beispielsweise die Agrarausbildung in der Ukraine. Dabei wurde die Projektarbeit trotz des russischen Angriffskriegs unvermindert fortgesetzt. In Europa war das damalige BMBF Initiator und Co- Autor der Osnabrücker Erklärung zur beruflichen Bildung. Die Osnabrücker Erklärung wurde unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im November 2020 angenommen und gemeinsam von den EU- Mitgliedstaaten, den EWR-Staaten, EU-Beitrittskandidaten, der EU-Kommission und den europäischen Sozialpartnern gezeichnet. Sie prägt noch bis Ende 2025 die thematischen Schwerpunkte des Kopenhagen- Prozesses und ergänzt die „Ratsempfehlung zur beruflichen Aus- und Weiterbildung für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und Resilienz“. Im Rahmen eines Europäischen Berufsbildungsraums und auf Grundlage enger Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern formuliert sie konkrete Beiträge der Berufsbildung zur Nachhaltigkeit und Wettbewerbs fähigkeit, einer proaktiven Weiterbildungskultur sowie der Förderung des digitalen und ökologisches Wandels. Zusammen mit der Skills Agenda der EU-Kommission und Ratsempfehlung definiert die Osnabrücker Erklärung Leitplanken einer europäischen Berufsbildungsagenda. (4) Die globale Wissensgesellschaft gemeinsam mit Schwellen- und Entwicklungsländern gestalten Im Fokus der BMFTR-Fördermaßnahme CLIENT II – Internationale Partnerschaften für nachhaltige Innovationen steht die Förderung von FuE-Kooperationen mit ausgewählten Schwellen- und Entwicklungsländern in Afrika, Asien sowie Südamerika. Im Rahmen von CLIENT II werden gemeinsam innovative und nachhaltige Lösungsansätze für konkrete Herausforderungen im Partnerland entwickelt und implementiert. Damit sollen die Umsetzung der VN-Ziele für nachhaltige Entwicklung vorangetrieben und gleichzeitig neue Marktpotenziale für exportorientierte innovative deutsche Unternehmen erschlossen werden. Die Projekte geben Impulse, um die Umweltbelastungen in den Partnerländern zu reduzieren, natürliche Ressourcen schonend zu nutzen, alle Bevölkerungsschichten mit sicherer, sauberer und bezahlbarer Energie zu versorgen und einen Beitrag zum globalen Klimaschutz beziehungsweise zur Anpassung an Klimawandel und Naturrisiken zu leisten. Seit dem Jahr 2017 wurden mehr als 70 Projekte mit circa 30 Partnerländern gestartet. Für CLIENT II werden bis 2026 im Rahmen der FONA-Strategie insgesamt rund 150 Millionen Euro Fördermittel bereitgestellt. CLIENT II kann dabei bemerkenswerte Innovationen und Transferleistungen aus den Projekten vorweisen. Beispielsweise startete 2023 das Forschungsprojekt RENO-TITAN mit dem Ziel der Untersuchung von Rahmenbedingungen sowie technologischen und managementbasierten Methoden zur nachhaltigen und gefährdungsfreien Verwertung von Rückständen aus der Titanindustrie in Vietnam. Das jordanischdeutsche Forschungsprojekt CapTain Rain entwickelte Maßnahmen zur Vorhersage und Verringerung von Sturzflutschäden und feierte 2024 seinen erfolgreichen Abschluss in Amman und Wadi Musa. Alle Produkte aus dem Vorhaben werden für das Starkregenrisikomanagement in Jordanien genutzt und weiterentwickelt. Die Arbeiten zu klimaangepasster agrarischer Landnutzung in Kasachstan und der Mongolei (ReKKS) wurden für die Entwicklung einer Maschine zur ultraflachen Bodenbearbeitung genutzt, die inzwischen bereits vermarktet wird. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 35 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 36 Das Auswärtige Amt (AA) fördert seit 2008 über den DAAD Fach- und Exzellenzzentren in Schwellen- und Entwicklungsländern. Neben weltweit fünf Exzellenzzentren in Forschung und Lehre werden mit der Unterstützung von insgesamt zwölf Fachzentren in Afrika leistungsfähige Lehr- und Forschungsstätten an führenden afrikanischen Hochschulen aufgebaut. Die Zentren ermöglichen durch nachhaltige Strukturen die Ausbildung zukünftiger Führungskräfte für Gesellschaft und Wissenschaft in afrikanischen Partnerländern. Neben der größtenteils interdisziplinären akademischen Ausbildung bieten alle Fachzentren zusätzliche Angebote an, beispielsweise zu guter Regierungsführung, Verwaltung sowie deutscher Sprache und Kultur. Seit 2008 haben bereits über 1.000 Stipendiatinnen und Stipendiaten erfolgreich ihr Studium an einem Fachzentrum abgeschlossen. Im Rahmen der beiden Programmlinien „Globale Zentren für Klima und Umwelt“ sowie für „Gesundheit und Pandemievorsorge“ werden seit 2021 je vier Zentren gefördert. Die Gesundheitszentren sind in den Ländern Vietnam, Ghana, Gabun und Kuba/ Mexiko angesiedelt und sollen jeweils in die benachbarten Regionen ausstrahlen. Die vier Klimazentren haben ihre Sitze in Indien (mit Hub in Thailand), Kolumbien (mit Hub in Südafrika), Elfenbeinküste/ Kenia und Palästina (mit Hubs in Jordanien und Israel). Neben den etablierten Stipendienangeboten hat der DAAD mit finanzieller Unterstützung des AA 2020 für Subsahara Afrika das neue Leadership-for- Africa-Programm ausgeschrieben. Im Rahmen des explizit an Flüchtlinge in West-, Zentral und Ostafrika adressierenden Programms werden bis zu 70 Stipendien für Masterstudiengänge in Deutschland, ergänzt durch ein umfassendes Begleitprogramm für Soft Skills und gesellschafts- und sozialpolitische Kompetenzen, vergeben. Das BMZ unterstützt die internationale Vernetzung von Hochschulen und fördert kontinuierlich globale, interdisziplinäre Netzwerke entwicklungsorientierter Hochschulen. Die Forschungs- und Lehrkooperationen zwischen deutschen Hochschulen und Hochschulen in Ländern des globalen Südens beschäftigen sich u. a. mit Fragen globaler Gesundheit/One Health, nachhaltiger Stadtentwicklung, Erneuerbarer Energien, menschenwürdiger Arbeit oder Nahrungsmittelsicherheit und leisten so einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs). Auch die vom BMZ finanzierten SDG-Graduiertenkollegs und SDG-Partnerschaften des DAAD zielen auf eine internationale, transdisziplinäre Vernetzung akademischer Institutionen, um globale Herausforderungen partnerschaftlich anzugehen, leistungsfähige und weltoffene Hochschulen in den Partnerländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu stärken und ihre Einbindung in internationale Netzwerke zu Themen global nachhaltiger Entwicklung zu unterstützen. Im Berichtszeitraum wurden mehr als 60 Kooperationen vom BMZ gefördert, mit einem Schwerpunkt in Afrika. Über die von der AvH vergebenen Georg Forster- Forschungsstipendien und -Forschungspreise fördert das BMZ herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die über ihr akademisches und gesellschaftliches Wirken einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung ihrer Herkunftsländer leisten. Das BMFTR fördert zum Aufbau und zur Weiterentwicklung langfristiger, wissenschaftlicher Strukturen gemeinsam mit Partnerländern im westlichen und südlichen Afrika je ein Kompetenzzentrum für Klimawandel und angepasstes Landmanagement („Southern African Science Service Centre for Climate Change and Adaptive Land Management“ (SASSCAL); „West African Science Service Centre on Climate Change and Adapted Land Use“ (WASCAL) (vgl. Ka- Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 36 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 37 pitel 5.1 „Afrika und Nahost“). Hieraus ergeben sich vielfältige Synergien mit den in Afrika angesiedelten Instituten des internationalen Agrarforschungsnetzwerks CGIAR (engl. Consultative Group on International Agricultural Research), das seit seiner Gründung 1971 vom BMZ kontinuierlich gefördert wird. Mit der im Jahr 2023 gestarteten Sonderinitiative „Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme“, die auf der Vorgängerinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ aufbaut, trägt die deutsche Entwicklungspolitik darüber hinaus dazu bei, Hunger und Mangelernährung zu bekämpfen. Im Rahmen des BMZ-Kernthemas „Leben ohne Hunger“ ist die Initiative ein wichtiges Instrument, um das Recht aller Menschen auf gesunde Nahrung durchzusetzen. Im Rahmen der Sonderinitiative stellt die Entwicklung und Erprobung innovativer Ansätze sowie Förderung von praxisnaher Forschung eine zentrale Rolle bei der Zielerreichung in den drei Aktionsfeldern „Ernährungssicherung“, „ländliche Entwicklung“ und „Landwirtschaft“ dar. Im Rahmen der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) fördert das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) gemeinsam mit Partnerländern in West-, Zentral- und Ostafrika die Entwicklung von Kapazitäten für Expertinnen und Experten zu Biodiversität und Ökosystemleistungen („Capacity Development for Biodiversity and Ecosystem Services Experts in West, Central & East Africa/CABES“) (vgl. Kapitel 5.1 „Afrika und Nahost“). Zudem fördert das BMUKN im Rahmen der IKI in der zweiten Phase das globale Vorhaben BES-Net. BES-Net (Biodiversity and Ecosystem Services Network) ist ein „Netzwerk von Netzwerken“, das den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis für ein effektives Management von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen fördert und die interinstitutionelle Koordinierung in mehr als 20 Ländern erfolgreich verbessern kann. Das Projekt unterstützt eine faktenbasierte Politikgestaltung, strategische Planungen und die Umsetzung transformativer Lösungen in 18 Ländern (unter anderem Kamerun, Kolumbien, Äthiopien, Vietnam, Kasachstan, Kenia, Nigeria und Trinidad und Tobago). Es wertet zudem das BES-Netz auf, indem es die Erfassung und Bewertung von Ökosystemen in sogenannten National Ecosystem Assessments (NEAs) in vier neuen Ländern fördert und Dreiecksgespräche zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis in rund 40 Ländern erleichtert. Die Aktivitäten und Ergebnisse des Projekts werden unter anderem zur Umsetzung des Arbeitsprogramms des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) in den Partnerländern beitragen. Über Erfahrungen und Erfolge informiert die Online-Plattform des BES-Net. (5) Gemeinsam globale Herausforderungen bewältigen Die 2020 veröffentlichte BMBF-Strategie Forschung für Nachhaltigkeit (FONA) richtet sich an den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung der VN aus und formuliert Wege, wie Nachhaltigkeitsziele durch Forschung erreicht werden. Damit beschleunigt das heutige BMFTR die Erforschung, Entwicklung und Nutzung grüner Innovationen, ohne die der nachhaltige Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft nicht zu bewältigen ist. 2024 wurde eine Zwischenbilanz zu den bisherigen Erfolgen und ein Ausblick zu den anstehenden Schwerpunkten veröffentlicht. FONA vernetzt Akteure und findet wirtschaftlich und gesellschaftlich tragfähige Lösungen für nachhaltige Städte, saubere Energie, weniger Rohstoffverbrauch, weniger Abfälle und weniger Emissionen und für den Schutz von Klima, Lebensräumen und natürlichen Ressourcen. FONA setzt dabei auf eine wirksame Koordinierung in Europa und der Welt und die Kooperation mit Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern. Bei der Wahl der Partner achtet Deutschland darauf, dass die Kooperationen von gegenseitigem Interesse sind und dass sie der lokalen Bevölkerung zugutekommen (siehe auch oben Ziel 4). Mit der Fördermaßnahme Bioökonomie International unterstützt das BMFTR im Rahmen der Nationalen Bioökonomiestrategie internationale Forschungspartnerschaften mit Forschenden aus Ländern, die innovative Produkte und neue Dienstleistungen für und in der Bioökonomie entwickeln. Damit werden zugleich wichtige Beiträge zur Lösung globaler Herausforderungen wie der Welternährung sowie des Klima- und des Umweltschutzes geleistet. Seit dem Jahr 2012 bis zum Ende des Berichtszeitraums Ende 2024 wurden in Bioökonomie International 143 Verbünde mit 238 Einzel- Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 37 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 38 vorhaben in den fünf Themengebieten „Weltweite Ernährung sichern“, „Agrarproduktion nachhaltig gestalten“, „Gesunde und sichere Lebensmittel“, „Nachwachsende Rohstoffe industriell nutzen“ und „Energieträger auf Basis von Biomasse ausbauen“ gefördert. Ergänzend führt das heutige BMFTR seit 2016 zusammen mit den norwegischen und finnischen Wissenschaftsministerien die Initiative Bioeconomy in the North durch. 2022 wurde das Konsortium der Förderorganisationen um Schweden und Kanada erweitert. Der Schwerpunkt der Initiative liegt auf Bioökonomieforschung und Innovation in der Forstwirtschaft. In der zweiten Ausschreibungsrunde 2022 wurden fünf Projekte ausgewählt, die alle eine deutsche Beteiligung aufweisen und im Berichtszeitraum liefen. Die Fördersumme der Projekte aus der zweiten Ausschreibungsrunde liegt bei 1,7 Millionen Euro. Die erfolgreiche Initiative soll weitergeführt werden. Die supranationale Organisation „Joint Programming Initiative Healthy and Productive Seas and Oceans (JPI Oceans)“ mehrerer EU-Mitgliedstaaten sowie von Großbritannien, Island und Norwegen verfolgt das Ziel, nationale Forschungsanstrengungen zu koordinieren und einen Beitrag zum Europäischen Forschungsraum zu leisten. Mitglieder von JPI Oceans sind Ministerien und Fördereinrichtungen aus derzeit 19 Mitgliedsländern, die nationale Forschungspläne entwickeln, finanzieren und umsetzen. Seit 2011 agiert JPI Oceans als paneuropäische zwischenstaatliche Plattform für eine engere Zusammenarbeit im Bereich der maritimen und marinen Forschung. Damit sollen nationale Förderaktivitäten besser aufeinander abgestimmt werden und ein sichtbarer Beitrag zur Umsetzung der „Sustainable Development Goals (SDGs)“ erreicht werden. Die JPI Oceans ist der einzige strategische Mechanismus auf hoher Ebene, der einen integrierten europäischen Ansatz für Investitionen in innovative Meeresforschung und maritime Technologieentwicklung bietet. Zentrales Instrument der JPI Oceans sind Joint Actions, die durch mehrere Mitgliedsländer unterstützt werden, um Vorreiterinitiativen zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Forschung, Bildung und Industrie zu erschließen. In Zusammenarbeit mit der JPI Oceans werden auch EU-Instrumente des aktuellen Forschungsrahmenprogramms Horizont Europa fortentwickelt, zum Beispiel die EU-Mission „Sanierung unserer Meere und Gewässer“ und die Sustainable Blue Economy Partnership (SBEP). Gemeinsam mit den Niederlanden investiert Deutschland 15 Millionen Euro in bilaterale Forschungsprojekte, die zum wirksamen Schutz des UNESCO- Weltnaturerbes Wattenmeer beitragen. Die Projekte beschäftigen sich mit den vielfältigen Auswirkungen der dreifachen planetaren Krise (Klimawandel, Verlust der biologischen Vielfalt und Verschmutzung der Umwelt) auf das weltweit einzigartige Gezeitensystem sowie deren Bedeutung für Küstengesellschaften. Von deutscher Seite erfolgt die Förderung im Rahmen des „Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz (ANK)“ des BMUKN, der Strategie zur Forschung für Nachhaltigkeit (FONA) des BMFTR sowie des Forschungsprogramms der Bundesregierung „MARE:N – Küsten-, Meeres und Polarforschung für Nachhaltigkeit“. Als Beitrag zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen (insbesondere SDG 6 – Wasser und Sanitätsversorgung) hat das BMFTR die Fördermaßnahme Globale Ressource Wasser (GRoW) initiiert. In der Hauptphase haben zwölf Forschungsverbünde und ein Vernetzungs- und Transfervorhaben mit insgesamt mehr als 300 Personen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis geforscht und in Fallstudiengebieten auf der ganzen Welt zusammengearbeitet. Im Berichtszeitraum wurden zwei Nachfolgeprojekte zur Entwicklung eines globalen Vorhersagesystems für Dürregefahren und grenzüberschreitende Wasserbewirtschaftung des Blauen Nils gefördert. Für den nachhaltigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft, zum Beispiel den weiteren Ausbau Erneuerbarer Energien, ist eine sichere und zukunftsfähige Versorgung mit Rohstoffen unverzichtbar. Vor diesem Hintergrund beteiligt sich das BMFTR am Europäischen Netzwerk ERA-MIN. Bis Ende 2024 hat das damalige BMBF im Rahmen dieser Maßnahme 26 Verbundprojekte mit einer Gesamtfördersumme von ca. 12 Millionen Euro gefördert, die thematisch die gesamte Wertschöpfungskette für Rohstoffe abdecken, insbesondere Erkundung, Gewinnung, Verarbeitung und Recycling. Durch seine andauernde Beteiligung an ERA-MIN ermöglicht das BMFTR auch weiterhin die Zusammenarbeit deutscher und europäischer Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft in transnationalen Forschungsverbünden, zum Beispiel zur Entwicklung impaktarmer Erkundungstechnologien für Rohstoff-Lagerstätten oder die Erschließung von Rohstoffen aus anthropogenen Lagern. Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 38 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 39 Unter dem Dach des EU- Forschungsrahmenprogramms für Forschung und Innovation ist das BMFTR Partner in der Europäischen Partnerschaft Driving Urban Transitions to a sustainable future (DUT). Die DUT ist mit einer Fördersumme von 450 Millionen Euro für den Zeitraum 2022 bis 2028 eine zentrale Plattform für Forschung und Entwicklung im Bereich nachhaltige Stadtentwicklung in Europa. Sie unterstützt mit Forschung, Innovation und Kapazitätsaufbau Kommunen, Dienstleistende, Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürger, globale Strategien zur nachhaltigen Transformation in lokales Handeln umzusetzen. Neben zahlreichen Aktivitäten zum Wissensaufbau und zur Vernetzung veröffentlicht die DUT jährliche Ausschreibungen. Das BMFTR als einer der über 65 europäischen und internationalen DUT-Partner aus mehr als 28 Ländern fördert Forschungs- und Innovationsprojekte in dem Themenschwerpunkt nachhaltige urbane Mobilität (15 Minute City) und leistet damit einen Beitrag zur EU-Mission „100 klimaneutrale und intelligente Städte“. Australien ist ein wichtiger Partner in der aufkommenden Wasserstoffwirtschaft. Die 2022 veröffentlichte, bilaterale Initiative HyGATE (German-Australian Hydrogen Innovation and Technology Incubator) zielt darauf ab, eine deutsch-australische Lieferkette für Grünen Wasserstoff aufzubauen. Mit der Initiative werden zwei grundlegende Zielstellungen der Nationalen Wasserstoffstrategie sowie der Importstrategie für Wasserstoff verfolgt: 1. Import von nachhaltigen Energieträgern und 2. Export von Klimaschutztechnologien „made in Germany“. Im Rahmen von HyGATE wurden im Berichtszeitraum drei Verbundvorhaben gemeinsam gefördert. In der internationalen Forschungskooperation Nano- Harmony arbeiteten bis Ende 2023 14 europäische Partner aus Forschung, Industrie und Behörden mit 18 internationalen assoziierten Partnern zusammen. Die Sicherheit von Nanomaterialien soll darin durch die Entwicklung besonderer analytischer Methoden und Dateninterpretation gewährleistet werden. Dies erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), der Malta Initiative, den Herstellern von Nanomaterialien und der OECD Working Party on Manufactured Nanomaterials. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) – eine Ressortforschungseinrichtung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales – war die Konsortialführung des Projekts und beteiligte sich darüber hinaus an der Erarbeitung einer Prüfrichtlinie zur Bestimmung des Staubungsverhaltens von Nanomaterialien. Globale Herausforderungen, wie z. B. im Bereich Gesundheit, können nur gemeinsam auf internationaler Ebene angegangen werden, um eine nachhaltige und ausreichende Wirkung zu entfalten. Das BMFTR engagiert sich daher und unterstützt einschlägige Organisationen, u. a. zu den Themen Pandemieprävention, -vorsorge und -reaktion (PPR) sowie antimikrobielle Resistenzen (AMR). Die Covid-19-Pandemie hat gezeigt, dass globale Kooperation essenziell für Pandemiereaktion und -prävention ist. Um global auf zukünftige Pande mien besser vorbereitet zu sein sowie deren Ausbrüche einzudämmen, beteiligt sich die Bundesregierung an den Verhandlungen zu einem internationalen Pandemieabkommen. Ziel des Abkommen ist unter anderem eine bessere Surveillance und Eindämmung von Risikofaktoren. Die Initiative „Coalition for Epidemic Preparedness Innovations“ (CEPI) hat zum Ziel, durch Investitionen die Entwicklung von Impfstoffen gegen Erreger mit Pandemiepotenzial zu fördern. Stand August 2024 investierte CEPI bisher in die Entwicklung von über 49 Impfstoffkandidaten, davon 15 Impfstoffkandidaten gegen COVID-19, wobei es gelang, acht COVID- 19-Vakzine zur Zulassung zu bringen. CEPI förderte zudem die Entwicklung des 2023 weltweit ersten zugelassenen Impfstoffs gegen Chikungunyafieber. Das Kernziel von CEPIs zweiter Programmperiode ist, die Entwicklung und Herstellung eines Impfstoffes gegen einen neuen Erreger innerhalb von 100 Tagen zu ermöglichen, unter anderem durch die Entwicklung von Plattformtechnologien. Zudem setzt CEPI sich für den gerechten Zugang und die globale Verteilung von Impfstoffen ein. Deutschland ist Gründungsmitglied und plant für den Zeitraum 2022–2026 CEPI mit 100 Millionen EUR zu fördern. Die „Global Antibiotic Research & Development Partnership“ (GARDP) ist eine 2016 von der World Health Organization (WHO) und der „Drugs for Neglected Diseases initiative“ (DNDi) gegründete gemeinnützige Initiative zur Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika mit Sitz in der Schweiz. Im Fokus von Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 39 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 40 GARDP stehen bakterielle Infektionskrankheiten bei denen antimikrobielle Resistenzen (AMR) bereits vorhanden sind oder bei denen derzeit eine unzureichende Behandlung vorliegt, wie zum Beispiel gegen sexuell übertragbare Krankheiten oder bei Antibiotika für Kinder. Darüber hinaus verfolgt GARDP das Ziel, einen nachhaltigen, gerechten und erschwinglichen Zugang zu den neu entwickelten Antibiotika zu gewährleisten. GARDP wird derzeit von über 70 Partnern aus öffentlichen und privaten Sektoren aus über 20 Ländern unterstützt, wobei Deutschland Gründungsmitglied ist. Für den Zeitraum 2023–2027 fördert das BMFTR GARDP mit 50 Millionen Euro. Damit ist Deutschland seit Gründung GARDPs einer der größten Fördermittelgeber der Non-Profit- Organisation. Der „Combating Antibiotic Resistant Biopharmaceutical Accelerator“ (CARB-X) ist eine international agierende Non-Profit-Organisation, welche im Jahr 2016 an der Boston University School of Law (USA) ins Leben gerufen wurde und Projekte im Bereich Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika beschleunigt. Darüber hinaus fördert CARB X die Entwicklung und den Einsatz von schnellen und innovativen Diagnostika sowie Impfstoffen und hat zudem das Ziel, die internationale Zusammenarbeit und Kapazitäten im Bereich AMR zu verbessern. Ein besonderer Fokus der Förderung liegt dabei auf der präklinischen Forschung und Entwicklung sowie klinischen Phase-I-Studien im Bereich neuer antibakterieller Produkte. Das heutige BMFTR unterstützt CARB-X seit 2019 und fördert die Non-Profit-Organisation im Zeitraum 2023–2026 mit 39 Millionen Euro. Zusätzlich zur direkten Förderung von CARB X fördert das BMFTR im nationalen Maßstab den sogenannten „CARB-X-Accelerator“ (2023–2026 mit rund 2 Millionen Euro). In diesem kooperieren das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), und das Paul-Ehrlich- Institut (PEI) bei der Beratung von deutschen und europäischen CARB-X-Förderinteressenten sowie von CARB-X-Portfoliofirmen zu rechtlichen und regulatorischen Fragen der Produktzulassung. Bereits in der dritten Förderrunde seit dem Jahr 2011 fördert das heutige BMFTR mit rund 240 Millionen Euro Produktentwicklungspartnerschaften (PDP), die sich dem Kampf gegen vernachlässigte und armutsassoziierte Krankheiten verschrieben haben. PDPs tragen über die entwickelten Produkte unmittelbar zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen bei. Ein wesentliches Element der PDP ist die Einbeziehung lokaler Partner betroffener Länder und von Zielgruppen. Dadurch wird die Forschung in ressourcenarmen Ländern erheblich gestärkt beziehungsweise werden Zielgruppen frühzeitig und transparent über Forschungsaktivitäten und auch über die Produkte, die im Erfolgsfall den Menschen zugutekommen, informiert. Bahnbrechende medizinische Erfolge erzielten die PDPs bereits mit wirksameren, besser verträglichen und kosten- Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 40 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 41 günstigeren Medikamenten und Impfstoffen gegen die Schlafkrankheit, Malaria, HIV und Gebärmutterhalskrebs sowie bei der Diagnose von multiresistenten Keimen der Tuberkulose. Auch in der 2023 gestarteten, dritten Förderrunde unterstützt das BMFTR wieder fünf erfolgreiche PDPs mit 50 Millionen Euro in ihrem Kampf gegen vernachlässigte und armutsassoziierte Krankheiten. Kooperation in der Arktis- und Antarktisforschung: Die globalen Auswirkungen von Veränderungen in den Polarregionen unter anderem auf Klima, Meeresströmungen und Süßwasserverfügbarkeit machen deren Erforschung immer dringlicher. So erwärmt sich die Arktis derzeit deutlich schneller als der Rest der Welt. Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung der Arktis sind die frühzeitige Beteiligung der betroffenen indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften der Arktis auf Augenhöhe in Forschung und Entwicklung und Kenntnisse über die Geschwindigkeit klimatischer Prozesse, Verwundbarkeit und Widerstandsfähigkeit der arktischen Umwelt und Biodiversität. Die Bundesregierung kooperiert mit den Arktisstaaten in bilateralen und multilateralen Projekten, sowohl an Land als auch im Arktischen Ozean. Die Forschungskooperation mit Russland wurde am 25. Februar 2022 in Reaktion auf den am Tag zuvor begonnenen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine ausgesetzt. Das damalige BMBF war im Mai 2024 Gastgeber des Arctic Circle Forums Germany in Berlin, bei dem ca. 300 Teilnehmende unter dem Motto – The Arctic at Crossroads – Science – Climate – Policy – Europe über die Zukunft der Arktisforschung im Lichte der Zeitenwende diskutiert haben. Deutschland setzt sich weiterhin für die Einrichtung von Meeresschutzgebieten in der Arktis und Antarktis ein, insbesondere für Teile des antarktischen Weddellmeeres. Das Weddellmeer gehört zu den letzten, nahezu unberührten Regionen der Antarktis. Es wäre eines der größten Meeresschutzgebiete der Welt. Der Vorschlag wurde unter der wissenschaftlichen Leitung des Alfred-Wegener-Instituts erarbeitet und wird seit 2016 von der Europäischen Union und ihren Mitgliedstaaten in der internationalen Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR) vertreten. Durch eine dauerhafte, wissenschaftliche Präsenz in der Antarktis ist Deutschland aktiver Konsultativstaat im Rahmen des Antarktisvertrages. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 41 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 42 Science Diplomacy ist ein zentrales Element der „Strategie der Bundesregierung zur Internationalisierung von Bildung, Wissenschaft und Forschung“, mit der sich Deutschland zu einer vernetzten, offenen und globalen Wissensgesellschaft bekennt und sich weltweit für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung einsetzt. Science Diplomacy leistet mit den Instrumenten der Wissenschaft einen Beitrag zur Erreichung außenpolitischer Ziele. Sie versteht sich sowohl als Beitrag zu einer internationalen Wissenschaft, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, als auch zu einer internationalen Politik, die wissenschaftliche Beratung wahr- und ernst nimmt. Für die Bundesregierung ist Science Diplomacy somit an der Schnittstelle von internationaler Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungspolitik einerseits und Außenpolitik andererseits angesiedelt. Science Diplomacy hat dabei die Aufgabe, auch auf die zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu reagieren. Grundlegende Prinzipien und Werte der internationalen Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung sind zunehmend bedroht. Ein kontinuierlicher Austausch zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik ist unerlässlich. Das AA und das BMFTR arbeiten als federführende Ressorts bei diesem Schnittstellenthema eng zusammen. So verfügen das AA und das BMFTR mit dem Netzwerk der über 40 Wissenschaftsreferentinnen und Wissenschaftsreferenten an den deutschen Auslandsvertretungen über ein personelles Instrument der Wissenschaftsdiplomatie (siehe unten). Auch auf europäischer Ebene hat das Thema Science Diplomacy in den vergangenen Jahren eine große Dynamik entfaltet. Seit 2022 setzt sich das BMFTR im Nachfolgegremium „ERA Forum Standing Subgroup on the Global Approach“ weiter für die Erstellung eines European Framework for Science Diplomacy ein. Dieser Prozess wurde 2023 von der Europäischen Kommission gestartet. Dabei richtete die Europäische Kommission im Dezember 2023 fünf informelle 2.2 Science Diplomacy und internationale Vernetzung Drucksache 21/3350 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 42 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 43 Arbeitsgruppen ein, die sich aus Vertreterinnen und Vertretern von Wissenschaft, Diplomatie und Gesellschaft in der EU zusammensetzen – an allen sind auch deutsche Expertinnen und Experten beteiligt. Das Hauptziel der Arbeitsgruppen war es, in einem ko-kreativen Prozess Empfehlungen für konkrete Aktivitäten zu erarbeiten. Darüber hinaus setzen beide Ressorts auch eigene Schwerpunkte. Im Auswärtigen Amt ist die Science Diplomacy Teil der Auswärtigen Kultur- und Gesellschaftspolitik (AKGP). Wissenschaftskooperation und akademischer Austausch sind entscheidende Pfeiler für die Entwicklung von Technologie und Innovation zur Sicherung von Wohlstand in Deutschland. Inmitten der wachsenden internationalen Herausforderungen deckt Science Diplomacy ein breites Handlungsfeld ab, das von der Förderung akademischer Mobilität, über akademische und wissenschaftliche Schutzprogramme, bis hin zu internationaler wissenschaftlicher Kooperation und Wissenstransfer aus der Wissenschaft in Gesellschaft und Politik reicht. Die internationale Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft und Forschung und der akademische Austausch leisten einen substanziellen Beitrag zur Lösung globaler Herausforderungen. Daneben stärkt Science Diplomacy die Bildung eines stabilen und von gegenseitigem Verständnis und Vertrauen geprägten Netzwerkes von Freunden und Partnern Deutschlands in der Welt. Dieses zivilgesellschaftlich geprägte Netzwerk hilft Deutschland gerade in politisch schwierigen Zeiten, seine Positionen und Werte zu kommunizieren und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in anderen Ländern besser zu verstehen. Ein thematischer Impulsgeber ist der Berlin-Prozess, der die Heranführung der Westbalkan-Länder an die Europäische Union begleitet und die Intensivierung der regionalen Zusammenarbeit unterstützt. Auf Bitten der Bundesregierung hat die Leopoldina als Nationale Akademie die Federführung im Bereich Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft übernommen. Seit 2015 treffen sich jährlich zentrale nationale Stakeholder der Bildungs- und Wissenschaftssysteme in einer Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Berlin- Prozesses. Die Konferenzen beschäftigen sich mit den Herausforderungen und Lösungs- und Verbesserungsmöglichkeiten für die Bildungs- und Wissenschaftssysteme auf dem Westbalkan und in Südosteuropa. Seit 2021 fördert der DAAD in einem aus Mitteln des AA finanzierten Programm acht fächerübergreifende Globale Zentren zur Bewältigung weltweiter Herausforderungen: vier Globale Zentren für Klima und Umwelt und vier für Gesundheit und Pandemievorsorge. Die Globalen Zentren ermöglichen interdisziplinären Austausch und internationale Vernetzung mit deutschen und ausländischen Partnern. Sie setzen in besonderem Maße auf ein gegenseitiges Lernen zwischen Nord und Süd und auf eine möglichst hohe Praxisrelevanz, auch durch die Einbeziehung von Partnern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. 2024 fand die erste Fachkonferenz der Globalen Zentren mit über 250 Teilnehmenden in Berlin statt. Der DAAD förderte zwischen 2009 und 2024 weltweit fünf Exzellenzzentren in Forschung und Lehre zu den Schwerpunkten „Frieden“ und „Meereswissenschaften“ (Kolumbien), „Public Policy und Good Governance“ (Thailand), „Naturwissenschaften“ (Russische Föderation; ausgesetzt) und „Astronomie“ (Chile). Die Zentren bilden auch Graduierte und Postgraduierte aus. Das erst seit 2016 in der Förderung befindliche „Deutsch-Kolumbianische Friedensinstitut CAPAZ“ wird nach erfolgreicher externer Evaluation über 2024 hinaus gefördert. Wissenschaftlicher Erfolg hängt engstens zusammen mit Wissenschaftsfreiheit. Deswegen unterstützt und fördert Science Diplomacy die Freiheit der Wissenschaft ebenso wie die Freiheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Schutzprogramme aus Mitteln des AA wie die Philipp Schwartz-Initiative (PSI) der AvH, das 2021 gegründete Hilde Domin- Programm des DAAD und das Engagement im Rahmen der Deutschen Akademischen Flüchtlingsinitiative Albert Einstein (DAFI) des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind daher ebenso integraler Bestandteil von Science Diplomacy wie die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit auf politischer Ebene. Die Deutsche Akademische Flüchtlingsinitiative Albert Einstein (DAFI) ist ein Sur-Place-Stipendienprogramm des UNHCR für anerkannte Flüchtlinge zum Studium an einer Universität, Fachhochschule oder äquivalenten Institution. Es wurde 1992 gemeinsam vom UNHCR und Deutschland gegründet und hat seitdem rund 26.000 Flüchtlingen ein Studium in ihrem Aufnahmeland ermöglicht. Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/3350– 43 – STRATEGIEN UND MAẞNAHMEN 44 Seit 2015 setzt die AvH die vom AA geförderte Philipp Schwartz-Initiative für gefährdete Forschende um. Benannt nach dem Pathologen Philipp Schwartz, der nach seiner Flucht aus Deutschland 1933 die „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ zur Unterstützung deutscher Exilforschender gegründet hatte, ermöglicht die Initiative Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland, aus politischen oder anderen Motiven verfolgte oder von bewaffneten Konflikten gefährdete Forschende im Rahmen von Forschungsstipendien oder Arbeitsverträgen aufzunehmen. Bis Ende 2024 wurden insgesamt 561 Philipp Schwartz-Stipendien an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 27 Ländern für Forschungsaufenthalte an über 130 deutschen Einrichtungen vergeben. Die am stärksten vertretenen Herkunftsländer sind die Türkei, die Ukraine und Syrien. Zusätzlich wurden im Sonderprogramm „Brückenförderungen für afghanische Wissenschaftler*innen“ 20 einjährige Förderungen sowie über einen „PSI Notfonds Ukraine“ 26 Kurzzeitförderungen vergeben. Seit 2022 übernimmt die AvH gemeinsam mit dem federführenden Partner Scholars at Risk Europe und der European University Association Aufbau und Durchführung des EU-finanzierten „MSCA4Ukraine“-Programms, in dem ukrainische Forschende für sichere Forschungsaufenthalte an Wissenschaftseinrichtungen in allen EU- und „Horizon Europe“-assoziierten Ländern nominiert werden können. Ziel des 2021 mit Mitteln des AA gegründeten Hilde Domin-Programms des DAAD ist es, gefährdeten Studierenden und Promovierenden weltweit ein Studium oder eine Promotion an einer deutschen Hochschule zur Erlangung eines Abschlusses in sicherer Umgebung zu ermöglichen. Gefördert werden Personen, denen in ihrem Herkunftsland aufgrund ihrer ethnischen, geschlechtlichen oder religiösen Identität beziehungsweise aufgrund ihres politischen oder bürgerschaftlichen Engagements das Recht auf Bildung verweigert wird. Bis Ende 2024 wurden 265 Stipendien vergeben, das wichtigste Herkunftsland war Afghanistan, gefolgt von Iran, Belarus und der Türkei. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) startete 2024 gemeinsam mit europäischen Partnerorganisationen das Programm „Supporting at-risk researchers with fellowships

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