Freiheit von Forschung und Lehre weltweit schützen - Wissenschaft nachhaltig stärken
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Freiheit von Forschung und Lehre weltweit schützen - Wissenschaft nachhaltig stärken
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/582
21. Wahlperiode 24.06.2025
Antrag
der Abgeordneten Ayse Asar, Claudia Müller, Dr. Anja Reinalter, Misbah
Khan, Claudia Roth, Karl Bär, Dr. Franziska Brantner, Victoria Broßart, Jeanne
Dillschneider, Dr. Jan-Niclas Gesenhues, Sven Lehmann, Rebecca Lenhard,
Dr. Anna Lührmann, Swantje Henrike Michaelsen, Dr. Irene Mihalic,
Dr. Konstantin von Notz, Jamila Schäfer, Dr. Paula Piechotta und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Freiheit von Forschung und Lehre weltweit schützen – Wissenschaft
nachhaltig stärken
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die jüngsten Maßnahmen der US-amerikanischen Regierung sind ein beispielloser
Angriff auf die Freiheit von Bildung und Wissenschaft – von der systematischen
Demontage des Bildungsministeriums und der NASA über Eingriffe in Lehrinhalte und
Gleichstellungsmaßnahmen bis hin zum Entzug von Visa für internationale
Gastschüler*innen und Studierende. Ganze Forschungszweige in der Medizin, den Klima- und
Sozialwissenschaften, die nicht mit der politischen Agenda der Regierung
übereinstimmen, werden massiv gekürzt oder ganz eingestellt. Forschende, die bestimmte
wissenschaftlich anerkannte Begriffe verwenden, riskieren Fördergeldentzug und andere
Repressalien. Die Existenz vieler akademischer Einrichtungen ist gefährdet. Die
Angriffe treffen so nicht nur die Wissenschaft in den USA, sondern gefährden die
wissenschaftliche Freiheit, den Fortschritt und die Lösung globaler Herausforderungen
insgesamt.
Ungeachtet dessen liegt in der aktuellen Lage aber auch eine Chance für die
Wissenschaft in Deutschland und Europa, die es mit einem gut aufgestellten, international
kompetitiven Forschungs- und Innovationssystem zu nutzen gilt. Allerdings nicht auf
Kosten der Wissenschaft in anderen Staaten, sondern gerade durch die vertiefte
Zusammenarbeit, die Förderung von „Brain Circulation“ und einer nachhaltigen Stärkung
des Wissenschaftssystems, von der inländische wie ausländische Forscher*innen
profitieren. Die Angriffe in den USA haben das Bewusstsein für den Wert der
Wissenschaftsfreiheit geschärft. Um diese Freiheit zu schützen und gute Rahmenbedingungen
im globalen Wettbewerb um Wissenschaftler*innen zu schaffen, helfen aber keine
leeren Versprechungen von „Rundum-Sorglos-Paketen“, sondern nur schnelle,
entschlossene Maßnahmen, ernsthafte Wissenschaftsdiplomatie und der Einsatz zusätzlicher,
planungssicherer und langfristiger Ressourcen auf international wettbewerbsfähigem
Niveau. Dazu müssen auch strukturelle Defizite im deutschen Wissenschaftssystem
angegangen werden und die neuen finanziellen Spielräume durch die jüngsten
Grundgesetzänderungen für nachhaltige Investitionen in die Infrastruktur und die Sicherheit
unseres Landes genutzt werden.
Auch in Deutschland und Europa haben rechtsextreme Parteien und
verschwörungsideologische Bewegungen die Freiheit der Wissenschaft längst im Visier. Solche
autoritären Angriffe richten sich nicht nur gegen konkrete Inhalte – beispielsweise aus
der Medizin, Klima-, Rassismus- oder Geschlechterforschung – sondern gegen das
freie und kritische Denken und das Prinzip wissenschaftlicher Erkenntnisse als
gemeinsame Grundlage und Bedingung des demokratischen Miteinanders. Es ist die
gemeinsame Aufgabe von Bund und Ländern sowie innerhalb der Europäischen Union,
die Wissenschaft zu schützen und nachhaltig zu stärken.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. ein Nothilfeprogramm für Studierende aufzusetzen, die beispielsweise aufgrund
von willkürlichem Visa-Entzug, politisch motivierter Streichung von Stipendien
des US-Bildungsministeriums oder anderen Eingriffen in die akademische
Freiheit ihr Studium nicht fortsetzen können, und Stipendienprogramme für
Studierende im Zuge dessen signifikant und dauerhaft auszubauen;
2. Wissenschaftler*innen auf allen Karrierestufen Perspektiven in Deutschland zu
bieten, neue Karrierewege zu öffnen und zusätzliche Angebote für international
renommierte Spitzenwissenschaftler*innen zu schaffen, indem bereits ab dem
Haushalt 2025 dauerhaft die notwendigen Mittel für den Deutschen
Akademischen Austauschdienst (DAAD), die Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH)
und die anderen großen Wissenschaftsorganisationen bereitgestellt werden;
3. ein Sofortprogramm zur Sicherung bedrohter Datenbestände aufzulegen und so
den Wissenschaftseinrichtungen schnell die notwendigen Ressourcen zur
nachhaltigen Datensicherung bereitzustellen;
4. das Fundament unseres Wissenschaftssystems gemeinsam mit den Ländern
zukunftsfest zu machen durch verlässliche Finanzierung, gute Arbeitsbedingungen
erleichterte Anerkennungsverfahren für ausländische Abschlüsse und
Infrastrukturen auf der Höhe der Zeit;
5. die Gründung Europäischer Exzellenzuniversitäten anzustoßen, mit der
bestehende, exzellente Hochschul- und Wissenschaftsstandorte in einem
grenzübergreifenden Ökosystem der freien Spitzenforschung zusammengeführt werden;
6. zur Vertiefung der institutionellen Zusammenarbeit ein Förderprogramm
transatlantischer „Campus at Risk“ aufzulegen, mit dem US-amerikanische und
deutsche Hochschulen in Kooperation gemeinsame Strukturen in beiden Staaten für
gefährdete Forschungsbereiche aufbauen, damit Forscher*innen bspw. in
gemeinsamen Departments kooperieren und Studierende in transatlantischen
Kursen studieren können;
7. gemeinsam mit den Ländern Angriffen gegen die Wissenschaftsfreiheit
hierzulande entgegenzuwirken und Unterstützungsangebote für Wissenschaftler*innen
und Studierende zu stärken und auszubauen, die hierzulande Ziel von
Anfeindungen und Angriffen werden;
8. die Freiheit von Wissenschaft hierzulande auch vor dem wachsenden Einfluss
autoritärer Staaten, vor ausländischer Spionage und Cyberangriffen zu schützen,
indem die notwendigen Ressourcen bereitgestellt und die Sensibilisierung
innerhalb von Wissenschaft und Sicherheitsbehörden für diese besonderen
Bedrohungen für freie Forschung gestärkt werden;
9. beim Ausbau der Forschungsinfrastrukturen auf echten wissenschaftlichen
Mehrwert zu setzen und den technikfokussierten Ansatz der angekündigten Hightech-
Agenda um Forschungsfelder wie Klima-, Biodiversitäts- und
Nachhaltigkeitsforschung, Erdbeobachtung, der globalen Gesundheit oder Sozialwissenschaften
zu erweitern, die derzeit besonderen Angriffen ausgesetzt sind;
10. sich bei den Verhandlungen zum mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen
Union für eine Stärkung des Programms Erasmus+ sowie ein eigenständiges,
verdoppeltes Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe und des European
Research Council einzusetzen, welches Forschungseinrichtungen in Europa den
Aufbau einer kritischen Masse an Talenten auf allen Karrierestufen ermöglicht und
der neuen globalen Lage Rechnung trägt;
11. in Abstimmung mit Europäischen Partnerländern alle diplomatischen Kanäle zu
nutzen, um einen kritischen Dialog mit der US-Regierung und anderen Ländern,
in denen die Wissenschaftsfreiheit beschnitten wird, über die Auswirkungen ihrer
Politik auf die internationale Wissenschaft zu führen.
Berlin, den 24. Juni 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Begründung
Zu 1.:
Die aktuellen, unberechenbaren Maßnahmen zum Einreise- und Aufenthaltsrecht für ausländische Studierende
in die USA erfordern ein schnelles, abgestimmtes Vorgehen zwischen Bund, Ländern, Hochschulen und
Mittlerorganisationen. Davon würden auch Studierende aus anderen Staaten profitieren, die Aufenthaltstitel und
Studienplatz aus politischen Gründen verlieren und mit Repressionen rechnen müssen. Dabei sind insbesondere auch
für Studierende aus Staaten mit niedrigem Einkommen chancengerechte Zugänge zu gewährleisten. Es ist zu
prüfen, ob in Fällen von willkürlichem Visa-Entzug die Kriterien für die Vergabe von Aufenthaltstiteln zum
Zwecke des Studiums in Deutschland kurzfristig gelockert werden können (z. B. durch das Aussetzen des
Vermögensnachweis nach Art. 16b AufenthG. 3). Es gilt sicherzustellen, dass der mit der 28. BAföG-Novelle
geschaffene Nothilfemechanismus kurzfristig auch für Studierende, die in den USA ihren Auslandsaufenthalt
wegen der politischen Situation abbrechen müssen, angewendet werden kann. Ebenso ist zu prüfen, ob das BAföG
gezielt auf solche Studierende ausgeweitet werden kann, die ihren Studierendenplatz im Heimatland aufgrund
politischer Repressionen und willkürlichen Einschränkung von Bildungszugängen verloren haben und kurzfristig
fliehen bzw. emigrieren mussten. Ergänzend hierzu sind ausfinanzierte Stipendienangebote zu schaffen, bspw.
über die vom Bund geförderten Begabtenförderungswerke sowie den DAAD. Angesichts der vielerorts
konstanten Bedrohungslage für Studierende sind darüber hinaus bestehende Stipendienprogramme für verfolgte
Studierende wie das Hilde-Domin-Programm weiter zu stärken.
Zu 2.:
Um mehr Wissenschaftler*innen hier gute Perspektiven zu bieten, müssen die bestehenden Programme schnell
ausgebaut und nachhaltig gestärkt werden, mit besonderem Fokus auf Wissenschaftler*innen in frühen
Karrierephasen. So sollte die Alexander-von Humboldt-Stiftung (AvH) im Rahmen ihrer originären Aufgaben mit
deutlichen finanziellen Aufstockungen und eine Verlängerung der Förderdauer in die Lage versetzt werden, ihr
Anwerbeprogramm für exzellente Köpfe nach Deutschland nachhaltig auszubauen. Auch der DAAD sowie die
anderen, großen Wissenschaftsorganisationen können durch eine deutliche Erhöhung ihrer Mittel noch für den
Haushalt 2025 die Angebote für Wissenschaftler*innen auf allen Karrierestufen sowohl aus den USA, aber auch
aus Drittstaaten, die von der restriktiven Politik der US-Regierung betroffen sind, ausbauen und attraktiver
gestalten und ihre Angebote perspektivisch verstetigen. Dies gilt gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden
Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit auch für die bestehenden Programme für verfolgte und gefährdete
Wissenschaftler*innen. Durch die Expertise der Mittlerorganisationen in der Unterstützung und Begleitung
ausländischer Talente tragen sie im Gegensatz zu neuen Parallelstrukturen deutlich besser dazu bei, diese längerfristig
in Deutschland zu halten. Wichtige Elemente sind dafür erweiterte Möglichkeiten für internationale Dual Career-
Paare, eine bessere Willkommenskultur in Einwanderungs- und Ausländerbehörden ebenso wie Konsulaten,
sowie erleichterte und beschleunigte Visaverfahren. Eine kurzfristige Aufstockung der Mittel der
Mittlerorganisationen kann aber nicht die notwendige, regelmäßige und verlässliche Aufstockung der institutionellen Förderung
ersetzen, damit sie auch in Zukunft Antreiber und Garanten des wissenschaftlichen Austausches bleiben.
Grundsätzlich sollte Deutschland weiterhin die weltweite Kooperation im Bereich Hochschulbildung und Wissenschaft
suchen und ausweiten und hierbei besonders auch Partnerschaften mit Ländern des sog. Globalen Südens im
Blick behalten.
Zu 3.:
Die derzeitigen Eingriffe, Manipulationen und Zugriffsbeschränkungen seitens der US-Regierung auf
wissenschaftliche Datenbestände gefährden nicht nur die Forschung, sondern auch zahlreiche Lebensbereiche von der
öffentlichen Gesundheit über die Prävention von Klima- und Umweltrisiken bis hin zur globalen Entwicklung.
Es braucht eine schnelle, europäisch abgestimmte und nachhaltige Sicherung der unmittelbar gefährdeten Daten
und die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen, um unwiederbringliche Wissensverluste zu abzuwenden.
Der Zugang muss international weiter gewährleistet bleiben. Falls aktuell Rechtsunsicherheiten für die
wissenschaftlichen Einrichtungen, die solche Daten vorhalten und bereitstellen, bestehen, müssen diese ausgeräumt
werden.
Zu 4.:
Ohne ein stabiles Fundament kann kein Wissenschaftssystem auf Dauer funktionieren, geschweige denn für
internationale Spitzenforscher*innen attraktiv sein. Darum gilt es unter anderem, den bereits seit 2020 unbefristet
laufenden „Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“ gemeinsam mit den Ländern auch über 2027 hinaus zu
dynamisieren, um den Hochschulen analog zu den außeruniversitären Forschungseinrichtungen
Planungssicherheit zu bieten. Ebenso sind gute Arbeitsbedingungen entscheidend für eine chancengerechte, zukunftsfeste
Wissenschaft und die Attraktivität des Standortes für ausländische Fachkräfte. Es gilt, den Anteil befristeter
Beschäftigter, vor allem nach der Promotion, deutlich zu senken und dafür zu sorgen, dass Daueraufgaben auf
Dauerstellen bearbeitet werden. Dazu muss auch das 2024 vom Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages
angestoßene Programm für den Ausbau von Dauerstellen weiterverfolgt werden. Hinzu kommt die vereinfachte
Anerkennung ausländischer Abschlüsse und die weitere Verbesserung aufenthaltsrechtlicher Regelungen.
Forschungsinfrastrukturen auf der Höhe der Zeit sind entscheidend für die Souveränität von Deutschland und
Europa. Angesichts eines massiven Sanierungsbedarf bei den Hochschulbauten von bis zu 140 Mrd. EUR sollte die
angekündigte Schnellbauinitiative für Wissenschaftsinfrastrukturen in einer angemessenen Größenordnung
liegen, die den schnellen Abbau des Sanierungsstaus möglich macht (https://www.forschung-und-lehre.de/poli-
tik/sanierungskosten-im-dreistelligen-milliardenbereich-6913). In der Umsetzung sollte sichergestellt sein, dass
diese Mittel zusätzlich zu den Investitionsmitteln der Länder bereitgestellt werden und auch Mittel für die
energetische Sanierung, Nachhaltigkeit und Klimaresilienz vorgesehen werden.
Zu 5.:
Europa ist trotz nach wie vor unzureichender Investitionen in Forschung und Innovation ein Standort
herausragender Hochschulen und Forschungseinrichtungen und ein Kontinent gelebter Wissenschaftsfreiheit.
Kooperation und die Schaffung einer kritischen Masse sind entscheidend um bestehende Forschungsstärke weiter
auszubauen. Mit der Schaffung europäischer Exzellenuniversitäten, die sich aus verschiedenen Standorten in
mindestens drei Mitgliedsstaaten (sowie optional der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und weiterer assoziierter
Drittstaaten) zusammensetzen, kann der gemeinsame Forschungsraum gestärkt und weiterentwickelt werden.
Dabei sollten Impulse aus dem Draghi-Bericht zur Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit der EU aufgegriffen,
insbesondere der Ausbau von Transferstrukturen unterstützt und mit einer Stärkung des European Research Council
(ERC) verbunden werden. Europäische Exzellenzuniversitäten ergänzen das erfolgreiche Modell der
Europäischen Hochschulnetzwerke gezielt um den Aspekt der Forschung und Spitzenforschung. Damit einhergehen
muss eine Reform der nationalen Exzellenzstrategie, die auf Seiten der Universitäten einen enormen
Antragsaufwand erzeugt, die strukturbildenden Erwartungen nur zum Teil erfüllt hat und vor dem Hintergrund
unzureichender Grundfinanzierung der Hochschulen kaum nachhaltig wirken kann.
Zu 6.:
Mit diesem Programm wird der Aufbau von transatlantischen „Campus at Risk“ gefördert, die insbesondere für
gefährdete Forschungsbereiche die Brücke zwischen einer Hochschule in Deutschland und ihrer
Partneruniversität im Ausland schlagen. Beispielsweise in der Klimaforschung, im Feld der geschlechtergerechten Medizin
oder den Sozialwissenschaften können Forschende in beiden Staaten im Rahmen eines geteilten Campus in
beiden Staaten direkt zusammenarbeiten und auf die Infrastrukturen und Geräte der jeweils anderen Hochschule
zurückgreifen, einfacher gemeinsame Forschungsprojekte entwickeln, grenzübergreifende Lehrangebote
schaffen und ihren Karriereweg in beiden Staaten verfolgen. Im Rahmen solcher transatlantischen „Campus at Risk“
können gemeinsame Departments aufgebaut werden, die die Durchlässigkeit für Forschende in beide Richtungen
erhöhen, zusätzliche Perspektiven für Forschende in beiden Ländern schaffen und darüber hinaus Impulse für die
weitergehende Etablierung solcher Personalstrukturen und guter Arbeitsbedingungen an Hochschulen
hierzulande geben. Für Studierende ergeben sich neue Möglichkeiten zur Gestaltung des Studiums auch dann, wenn
willkürliche Visapolitik sonst kaum Planbarkeit schafft. Wo an außeruniversitären Forschungseinrichtungen
bereits ähnliche Ansätze für transnationale Institutionen bestehen, sollten diese weiter gefördert und erweitert
werden. Hier wird gerade in schwierigen Zeiten auf Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung gesetzt.
Zu 7.:
Die freie Forschung und Lehre sind auch hierzulande ganz direkt durch Anfeindungen und Angriffe auf
Wissenschaftler*innen bedroht. Es ist der klare Auftrag des Grundgesetzes, dem entgegenzutreten und Betroffene zu
unterstützen – insbesondere, wenn sich Forschende mit engagierter Wissenschaftskommunikation am
öffentlichen Diskurs beteiligen und damit zum Ziel von Anfeindungen, Hetze und Diffamierung werden. Angebote wie
Scicomm-Support müssen darum gestärkt und ausgebaut werden.
Zu 8.:
Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind zudem ein besonders attraktives Ziel für Cyberangriffe mit
dramatischen wirtschaftlichen Schäden. Cyberangriffe haben massive Auswirkungen auf die Forschungsarbeit und
damit auch auf den technologischen Vorsprung Deutschlands. Die digitale Infrastruktur und
Informationssicherheit an den Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Universitätskliniken ist daher als sicherheitsrelevant
anzuerkennen und gemeinsam mit den Ländern zu modernisieren und vor feindlichen Angriffen zu sichern. Hierfür
sind bundesseitig Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur und für die Sicherheit unseres Landes bereit zu
stellen. Die Wissenschaft muss vor dem wachsenden Einfluss verschiedener autoritärer Staaten besser geschützt
werden. Noch immer fehlt es oftmals an der Sensibilität für die Notwendigkeit – sowohl in Teilen der
Wissenschaft selbst, als auch der Sicherheitsbehörden. Der Schutz der Wissenschaft vor ausländischer Spionage muss
ausgebaut und die Spionageabwehr auch auf diesem Gebiet effektiver werden. Hierbei gilt es, die Besonderheiten
des Wissenschaftsbetriebs zentral im Blick zu behalten. Der Ausbau der Zusammenarbeit und Stärkung der
europäischen Nachrichtendienste ist auch für den Schutz des Wissenschaftsraums essenziell. Dazu gehören u. a.
ein verstärkter und intensiverer Daten- und Informationsaustausch zu Cyberangriffen und Sabotageakten gegen
Wissenschaftsteams und Wissenschaftseinrichtungen sowie der direkte Austausch zu konkretisierten Gefahren
(z. B. das Einschleusen und die Einflussnahme von ausländischen Agenten und Informanten in und auf sensible
Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen), die von ausländischen Nachrichtendiensten – insbesondere aus
Russland, China und dem Iran – ausgehen.
Zu 9.:
Angesichts der Gefährdung wichtiger Forschungsfelder aber auch der enormen Bedeutung sozialer und
ökologischer Innovationen, die technologische Innovationen ergänzen, darf sich Deutschlands Forschungsstrategie nicht
an partikularen CSU-Interessen orientieren, sondern muss die gesellschaftlichen Herausforderungen und die
Stärken unserer Wissenschaft insgesamt in den Fokus nehmen. Anstatt Milliarden in Prestigeprojekte sollten mit dem
Ziel des Transfers die vorgesehenen Investitionsmittel für Forschung und Entwicklung in Bereiche eingesetzt
werden, bei den die Grundlagenforschung in Deutschland bereits exzellent ist, die Ressourcen aber aktuell fehlen.
Ziel muss sein dieses Wissen in Innovationen und Technologien zu überführen wie soziale Innovationen,
Künstliche Intelligenz, Klimaschutztechnologien, Halbleiter, Gesundheitsforschung und Quantencomputing. Wenn
beispielsweise die NASA den Großteil ihres Wissenschaftsprogramms einstellen muss, darf die Bundesregierung
hier nicht dem Trend folgen und der Versuchung erliegen auf prestigeträchtige Einzelmissionen, statt
nachhaltiger Finanzierung zu setzen.
Zu 10.:
Nur ein vereintes Europa wird auf Dauer ein Wissenschaftsraum von Weltrang sein und die Freiheit der
Wissenschaft garantieren können. Kein einzelnes Mitgliedsland wird auf Dauer die Ressourcen und Infrastrukturen für
die Wissenschaft bereitstellen können, wie das bislang durch die USA geschah – und im gemeinsamen Interesse
aller hoffentlich bald wieder geschieht. Mit einem wirklich eigenständigen, auskömmlich finanziertem
Forschungsrahmenprogramm kann Europa aber nicht nur seine Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit sichern,
sondern auch zum entscheidenden Pfeiler der freien Wissenschaft weltweit werden. Hierzu gehört auch der Aufbau
eines europäischen Netzwerks zum Schutz bedrohter Wissenschaftler*innen.
Zu 11:
Während seiner US-Reise am 28. Mai 2025 hat Außenminister Wadephul die Angriffe auf die
Wissenschaftsfreiheit eigenen Angaben zufolge gegenüber seinem US-Amtskollegen Rubio nicht angesprochen. Auch
Bundeskanzler Friedrich Merz hat nach den verfügbaren Informationen bei seinem USA-Besuch am 5. Juni 2025 die
Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit bisher nicht explizit öffentlich thematisiert, obwohl auch deutsche
Staatsbürger*innen direkt betroffen sind. Im Sinne einer europäischen „Science Diplomacy“ braucht es eine kohärente
Strategie zum Umgang mit dem Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit in den USA und weltweit. Angriffe auf die
Wissenschaftsfreiheit, wie aktuell in den USA, müssen klar benannt und verurteilt und Wissenschaftsfreiheit als
universelles Menschenrecht und Basis der Demokratie verteidigt werden. Um das Thema Wissenschaftsfreiheit
an deutschen Botschaften zu verankern, braucht es zusätzliche Personalkapazitäten für Wissenschaftspolitik als
Schwerpunkt, um regelmäßige Berichte zum Stand von Forschungs- und Wissenschaftsfreiheit – auch unter der
Mitwirkung unserer Nachrichtendienste – sowie der Bedrohungslage von Studierenden und Forschenden
anzufertigen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
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