Für eine nachhaltige und durchdachte Reform der Sportförderung
Text
Für eine nachhaltige und durchdachte Reform der Sportförderung
Antrag
der Abgeordneten Christian Görke, Nicole Gohlke, Dr. Michael Arndt, Jorrit
Bosch, Anne-Mieke Bremer, Maik Brückner, Mandy Eißing, Kathrin Gebel,
Ates Gürpinar, Mareike Hermeier, Maren Kaminski, Cansin Köktürk, Ina
Latendorf, Sonja Lemke, Stella Merendino, Sören Pellmann, Heidi Reichinnek,
Zada Salihović, David Schliesing, Evelyn Schötz, Julia-Christina Stange,
Donata Vogtschmidt, Sarah Vollath und der Fraktion Die Linke
Für eine nachhaltige und durchdachte Reform der Sportförderung
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Der deutsche Spitzensport befindet sich seit Jahren in einer Krise und seine Förderung
durch den Bund bedarf dringend einer grundlegenden Reform. Im Zentrum der
Spitzensportförderung muss dessen Bedeutung für die Gesellschaft stehen. Ein einseitiger
Fokus auf den Gewinn von Medaillen bei einigen ausgewählten Großereignissen
spiegelt nicht wider, welche elementare Bedeutung der Sport für die Gesundheit und die
Gesellschaft hat.
Der Leistungssport kann daher nur in Symbiose mit dem Breiten- und Schulsport
existieren. Die Erfolge der Athletinnen und Athleten dienen dem Breitensport als
Leuchtturm und motivieren die Menschen und vor allem auch Kinder und Jugendliche, selbst
Sport zu treiben. Gleichzeitig bildet der Breitensport die Basis für jeden Spitzensport.
Eine nachhaltige und zukunftssichere Förderung des Spitzensports muss diese
Wechselwirkung berücksichtigen und darf sich nicht hinter Zuständigkeitsgrenzen
verstecken.
Grundsätzlich muss eine Karriere im Leistungssport möglich sein, ohne dass daraus
Nachteile für die betroffenen Menschen entstehen. Denn Athletinnen und Athleten
sowie das gesamte Leistungssportpersonal bilden die elementare Grundlage eines
funktionierenden Leistungssportsystems. Sie müssen ihrer Tätigkeit leben und für die
Zukunft vorsorgen und, wenn sie wollen, auch eine Familie gründen können. Eine
Mindestförderung für die Athletinnen und Athleten mit Bundeskaderstatus sowie eine
tarifliche Bezahlung und sichere Anstellungsverhältnisse für alle Beschäftigten im
Leistungssport sind daher für eine funktionierende Förderung des Spitzensports
unverzichtbar. Denn nur wer keine Angst um seine Zukunft haben muss, kann nachhaltige
und wiederkehrende Spitzenleistungen organisieren.
Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet uns zum Abbau vorhandener
Barrieren und zur Ermöglichung von voller, wirksamer und gleichberechtigter Teilhabe
von Menschen mit Behinderungen an der Gesellschaft. Das gilt auch für den Sport im
Allgemeinen und für den Leistungssport im Speziellen. Der Behindertensport, egal ob
paralympisch, deaflympisch oder special-olympisch, muss daher dem olympischen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5568
21. Wahlperiode 23.04.2026
Sport bei der Sportförderung auf allen Ebenen gleichgestellt werden. Alles andere
wäre ein Rechtsbruch und stünde im Widerspruch zu einer demokratischen, an den
universellen Menschenrechten orientierten Gesellschaft wie der unseren.
Erfolg muss organisiert werden. Das heißt, erfolgreicher, konkurrenzfähiger und
nachhaltiger Leistungssport kostet Geld. Spitzensportförderung darf daher nicht gemäß
Haushaltslage erfolgen, sondern muss eine pflichtige Aufgabe des Bundes sein. Dabei
muss die Finanzierung bedarfsgerecht und in Anlehnung internationaler Standards
erfolgreicher Nationen angelegt sein.
Darüber hinaus ist es zwingend, dass die Förderung des Spitzensports transparent und
nachvollziehbar gestaltet ist. Good Governance, demokratische Verbandsstrukturen
und Safe Sport müssen zu notwendigen Kriterien jeder Förderung von Sportverbänden
werden. Die Entscheidungen müssen dabei in Gremien getroffen werden, die den
organisierten Sport und insbesondere auch die Athletinnen und Athleten selbst sowie den
Behindertensport nicht nur miteinbezieht, sondern auch gegenüber der Politik eine
Stimmenmehrheit zusichert.
Schließlich benötigt der Sport intakte Sportstätten, bundesweit und flächendeckend.
Denn die Kinder, die heute im Sportunterricht oder im Vereinssport auf intakte
Sportstätten angewiesen sind, sind diejenigen die uns bei zukünftigen Sportgroßereignissen
vertreten sollen. Der Investitionsstau bei Sportstätten ist riesig und die derzeitigen, in
diesem Zusammenhang vom Bund zur Verfügung gestellten Mittel werden bei weitem
nicht ausreichen, um dieses fundamentale Problem zu lösen.
Der deutsche Spitzensport befindet sich seit Jahren in einer Krise und der Weg hinaus
führt nur über eine nachhaltige, ganzheitliche Reform der (Spitzen-)Sportförderung.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die Förderung des Spitzensports nachhaltig
und zukunftsfähig aufstellt, indem er
a) statt Medaillen die gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Sports in den
Mittelpunkt jeder Sportförderung stellt,
b) den Leistungssport besser mit dem Breiten- und dem Schulsport verbindet,
c) den Behindertensport (Paralympics, Deaflympics, Special Olympics) auf
allen Ebenen mit dem olympischen Sport gleichstellt,
d) Spitzensport ermöglicht und eine Mindestförderung in Höhe von mindestens
1.800 Euro für Bundeskaderathletinnen und -athleten einführt, die gekoppelt
an den gesetzlichen Mindestlohn steigen soll,
e) das gesamte Leistungssportpersonal einschließlich der Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter in sportnahen Forschungseinrichtungen mit tariflichen
Arbeitsverträgen ausstattet,
f) Good Governance, demokratische Verbandsstrukturen und Safe Sport zu
notwendigen Kriterien für jede Förderung von Sportverbänden macht und
diese an transparente und überprüfbare Kriterien knüpft,
g) die Förderung des Spitzensports in Zukunft gemäß den Forderungen des
Bundesrechnungshofes tatsächlich transparent und nachvollziehbar
gestaltet,
h) jede neu zu schaffende Institution wie etwa eine Spitzensport-Agentur, die
über die Förderung des Spitzensports durch staatliche Mittel entscheidet, so
gestaltet, dass in sämtlichen Entscheidungsgremien der organisierte Sport
(einschließlich dem Behindertensport und der Athletenvertretung) eine
Stimmenmehrheit besitzt, während Vetorechte seitens der Bundesregierung
ausgeschlossen werden,
i) die Förderung des Sports und insbesondere des Spitzensports zu einer
Pflichtaufgabe des Bundes erklärt und für die kommenden sechs
Haushaltjahre jeweils einen Aufwuchs von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr
festschreibt,
j) das Potentialanalysesystem, kurz PotAS, transparent validieren lässt und nur
dann weiterhin in Förderentscheidungen einbindet, wenn es sich als
tatsächlich zweckdienlich und wissenschaftlich valide erwiesen hat;
2. ein Förderprogramm für die Sanierung von Sportanlagen aufzulegen, das in
seiner Höhe von mindestens 1 Milliarde Euro pro Jahr und durch seine
unbürokratische Ausgestaltung dazu geeignet ist, bis zum Jahr 2035 einen Großteil der
sanierungsbedürftigen Sportanlagen zu sanieren.
Berlin, den 21. April 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Begründung
Bundeskaderathletinnen und Bundesathleten vertreten die Bundesrepublik Deutschland bei internationalen
Wettkämpfen und erfüllen damit eine öffentliche Aufgabe von nationaler Bedeutung, verfügen aber viel-fach über
kein existenzsicherndes Einkommen, unzureichende soziale Absicherung und fehlende Perspektiven nach der
sportlichen Karriere. Studien zeigen, dass viele Kaderathletinnen und Kaderathleten unter dem Existenzminimum
leben und existenzielle Unsicherheit zu hohen Drop-out-Raten nach dem Schulabschluss führt
(Bundestagsdrucksache 21/3616).
Auch das Leistungssportpersonal – insbesondere Bundestrainerinnen und Bundestrainer – ist in weiten Teilen
prekär beschäftigt, häufig kettenbefristet, mit hohen Arbeitszeiten und im internationalen Vergleich sowie relativ
zu Verantwortung und Qualifikation unzureichend vergütet. Der Berufsverband der Trainerinnen und Trainer,
die Deutsche Sporthilfe, Athleten Deutschland und der DOSB haben seit Jahren tarifliche Standards,
Entfristungs-perspektiven und klare arbeitsrechtliche Mindeststandards für das Leistungssportpersonal eingefordert
(Bundestagsdrucksache 21/4540).
Der Leistungssport der Menschen mit Behinderungen wird trotz aller Bekenntnisse zu Inklusion und
Gleichstellung weiterhin deutlich unterhalb des Niveaus des olympischen Bereichs gefördert. Im Bundeshaushalt 2026
entfallen auf Jahresplanungen und Leistungssportpersonal der olympischen Verbände mehr als 110 Millionen
Euro, während für den Leistungssport von Menschen mit Behinderungen weniger als 20 Millionen Euro
vorgesehen sind; strukturelle Defizite bestehen zudem bei Leistungssportpersonal, Stützpunktstrukturen,
wissenschaftlichem Verbundsystem und individueller Athletenförderung. Vor diesem Hintergrund stellt der Deutsche
Behindertensportverband (DBS) fest, dass „zukünftig immer schwieriger werden wird, die an das Team Deutschland
Paralympics geknüpften Erwartungen zu erfüllen und die gemeinschaftlich gesetzten Ziele zu erreichen“
(www.bundestag.de/resource/blob/1139286/260128_dbs.pdf).
Die Mittelvergabe im Spitzensport beruht derzeit maßgeblich auf dem Potenzialanalysesystem, kurz PotAS, dass
Disziplinen anhand von Erfolgserwartungen und Medaillenchancen einstuft und damit die Verteilung von
Fördermitteln strukturiert. Dieses System ist seit Jahren Gegenstand erheblicher Kritik von Athletinnen und
Athleten, Verbänden und Wissenschaft, weil die tatsächlichen Ergebnisse häufiger Großereignisse die Prognosen
deutlich verfehlt haben. Bereits 2014/2015 kritisierte der Bundesrechnungshof die Verteilung der Fördermittel im
Spitzensport als intransparent und forderte eine Neuordnung hin zu transparenten, plausiblen und bedarfs- wie
erfolgsadäquaten Schlüsseln. Dennoch liegt bis heute keine ergebnisoffene, externe wissenschaftliche
Validierung von PotAS mit vollständiger Offenlegung der angewandten Methodik, der Datengrundlagen und der
Bewertungsalgorithmen vor (www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Downloads/DE/Berichte/2023/spitzen-
sportfoerderung-volltext.pdf?__blob=publicationFile&v=2).
Der Sanierungsbedarf bei deutschen Sportstätten ist ungebrochen groß. Über das Antragsportal für das neue
Bundesprogramm „Sanierung kommunaler Sportstätten“ wurde für die erste Tranche von 333 Millionen Euro 3.600
Antrage über ein Fördervolumen von insgesamt 7,5 Milliarden Euro gestellt. Damit ist diese erste Phase des
Programms 21-fach überzeichnet (www.dosb.de/aktuelles/news/detail/sportstaettenfoerderung-
ueberzeichnetbundesprogramm-sanierung-kommunaler-sportstaetten). Im Jahr 2018 schätzten der Deutschen Städte- und
Gemeindebundes, des Deutschen Städtetages und des Deutschen Olympischen Sportbundes den Sanierungsbedarf
auf insgesamt 31 Milliarden Euro (vgl. www.bundestag.de/resource/blob/1117612/WD-8-059-25.pdf). Die 21-
fache Überzeichnung der ersten Phase des Bundesprogramms „Sanierung kommunaler Sportstätten“ lässt darauf
schließen, dass der Bedarf ungebrochen hoch und wahrscheinlich sogar noch höher ist.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- authored ← Anne-Mieke Bremer (Antrag)
- authored ← Ates Gürpinar (Antrag)
- authored ← Cansin Köktürk (Antrag)
- authored ← Christian Görke (Antrag)
- authored ← David Schliesing (Antrag)
- authored ← Donata Vogtschmidt (Antrag)
- authored ← Evelyn Schötz (Antrag)
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Heidi Reichinnek (Antrag)
- authored ← Ina Latendorf (Antrag)
- authored ← Jorrit Bosch (Antrag)
- authored ← Julia-Christina Stange (Antrag)
- authored ← Kathrin Gebel (Antrag)
- authored ← Maik Brückner (Antrag)
- authored ← Mandy Eißing (Antrag)
- authored ← Mareike Hermeier (Antrag)
- authored ← Maren Kaminski (Antrag)
- authored ← Michael Arndt (Antrag)
- authored ← Nicole Gohlke (Antrag)
- authored ← Sarah Vollath (Antrag)
- authored ← Sonja Lemke (Antrag)
- authored ← Sören Pellmann (Antrag)
- authored ← Stella Merendino (Antrag)
- authored ← Zada Salihovic (Antrag)
- part_of_vorgang → Für eine nachhaltige und durchdachte Reform der Sportförderung (Antrag)