40 Jahre Tschernobyl - Atomkraft und ihre Folgen
Text
40 Jahre Tschernobyl - Atomkraft und ihre Folgen
Antrag
der Abgeordneten Harald Ebner, Dr. Julia Verlinden, Dr. Jan-Niclas Gesenhues,
Lisa Badum, Julia Schneider, Claudia Roth, Dr. Alaa Alhamwi, Dr. Andrea
Lübcke, Katrin Uhlig, Michael Kellner, Swantje Henrike Michaelsen, Claudia
Müller, Ayse Asar und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
40 Jahre Tschernobyl – Atomkraft und ihre Folgen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Am 26. April 1986 begann der Atomunfall von Tschernobyl. Menschliches Versagen
während eines routinemäßigen Sicherheitstests führte zu einem ungewollten
Leistungsanstieg, Block vier des Atomkraftwerks nahe der ukrainischen Stadt Pripyat
wurde durch den Reaktor gesprengt. Herbeieilende Werksangehörige und
Feuerwehrleute erlitten das akute Strahlensyndrom. Viele von ihnen starben in den
darauffolgenden Tagen und Wochen. Das über Tage bei mehr als 2000 Grad Celsius brennende
Grafit schleuderte Radionuklide wie Iod-131 bis in die Atmosphäre. Das Iod wurde
laut WHO-Schätzungen in den Schilddrüsen von rund zwei Millionen Kindern
abgelagert. Viele von ihnen erkrankten in der Folge an Krebs, nur 15 Prozent der Kinder
der Region galten später als gesund.
In der Sowjetunion hielt die politische Führung das wahre Ausmaß des Atomunfalls
und seine Folgen für Menschen und Umwelt geheim. Um die Katastrophe
einzudämmen, wurden trotz der enormen Strahlenbelastung rund 800.000 Menschen im, auf und
um den Reaktor herum eingesetzt. Viele erkrankten anschließend an der
Strahlenkrankheit und an Krebs. Über diese Gefahren waren sie ähnlich schlecht aufgeklärt,
wie die fünf Millionen Einwohner der am stärksten verseuchten Zone.
Um den Reaktor herum verloren 330.000 Menschen ihre Heimat. 40 Prozent der
Fläche Europas wurde durch die sich bildende radioaktive Wolke mit Cäsium-137
kontaminiert, vierzehn Länder waren direkt betroffen. Bis heute prägt der Unfall den
Kontinent etwa in Süddeutschland, wo sich eben jenes Cäsium noch immer in Waldpilzen
ablagert.
Auch die Sorge um den havarierten Reaktor selbst beschäftigt Europa noch heute. Um
seine Bevölkerung vor den verbleibenden 190 Tonnen geschmolzenen Reaktorkerns
aus Uran, Strontium, Cäsium und Plutonium und vielen weiteren Radionukliden zu
schützen, wurde zunächst ein so genannter „Sarkophag“ aus Beton errichtet, der
schließlich in internationaler Anstrengung 2016 von einer Schutzhülle, dem „New Safe
Confinement“, NSC überwölbt wurde. Insgesamt 45 Geberländer trugen hier rund
1,5 Milliarden Euro bei. Der deutsche Beitrag allein belief sich auf 90 Millionen Euro.
Mit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die
Verletzlichkeit der Schutzhülle und das ungelöste Problem des havarierten Reaktors wie-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5489
21. Wahlperiode 21.04.2026
der internationale Aufmerksamkeit erlangt. Gegen kriegerische Aktivitäten ist die
strahlende Ruine in der Ukraine genauso wenig geschützt wie sich im Betrieb
befindliche Atomkraftwerke auf der ganzen Welt. Direkt nach dem Überfall brachten
russische Truppen den Reaktor zeitweise unter ihre Kontrolle, bewegten kontaminiertes
Erdreich und unterbrachen zeitweise die zur Kühlung der Reaktoren und des in
Tschernobyl verbliebenen Kernbrennstoffs notwendige Stromversorgung. Im Februar
2025 explodierte eine russische Kampfdrohne auf dem havarierten Reaktor und riss
ein 15 Quadratmeter großes Loch in seine innere und äußere Hülle, wochenlang fraßen
sich Schwelbrände durch große Teile des neuen NSC. Der für den Rückbau der Ruine
vorgesehene Kran bleibt beschädigt und die Internationale Atomenergiebehörde IAEO
erklärt, dass die neue Hülle ihre wichtigste Aufgabe, den Einschluss radioaktiver
Stoffe, derzeit nicht mehr ausreichend erfüllt. Gleichzeitig wird der darunterliegende
alte Sarkophag immer baufälliger.
Russlands Angriffskrieg birgt massive Gefahren für die nukleare Sicherheit in der
Ukraine und ganz Europa. Seit 2022 kam es immer wieder zu Kampfhandlungen in
unmittelbarer Nähe zum Atomkraftwerk in Saporischschja. Nicht nur wurden ukrainische
Arbeiter der Anlage als Geiseln genommen, auch Minen und russische Artillerie
gefährden das Kraftwerk zusätzlich. Seit vier Jahren liegt es fast auf der Frontlinie des
russischen Angriffs auf die Ukraine. Immer wieder wird die Stromversorgung gekappt,
immer wieder ist die Kühlung der verbleibenden Brennelemente gefährdet. Die Folgen
eines direkten Treffers wären fatal. Die IAEO warnt in regelmäßigen Abständen vor
den atomaren Gefahren für den ganzen Kontinent. Auch in und um Deutschland herum
ist die Gefahr einer nuklearen Katastrophe, wie sie in Tschernobyl durchlebt wurde,
noch immer real. Kriegerische Aktivitäten könnten in Zukunft analog zu
Saporischschja auch Atomkraftwerke nahe der deutschen Außengrenzen bedrohen. Darüber
hinaus übersteigt das radioaktive Inventar in den Castoren deutscher Zwischenlager die
in Tschernobyl freigesetzte Strahlung um ein Vielfaches. Der Umgang mit diesem
Atommüll ist für Deutschland wie für jedes Land mit Atomkraftwerken eine mehrere
Generationen betreffende Herausforderung. Transport und Lagerung des
Strahlenmülls bleiben über Jahrhunderttausende gefährlich.
Zu den unmittelbaren nuklearen Gefahren gesellen sich die geopolitischen Risiken
atomarer Abhängigkeiten für Europa. Atomkraftwerke verstärken die energiepolitischen
Herausforderungen unserer Zeit und machen uns durch Autokraten wie Putin und
Trump erpressbar. Auch Deutschland hat in jüngerer Vergangenheit durch eigene
energiepolitische Versäumnisse und die hohe Abhängigkeit von russischem Gas zur
Verwund- und Erpressbarkeit Europas einen wesentlichen Beitrag geleistet und damit
auch osteuropäische Partner irritiert. Auch wenn andere Länder andere souveräne
Entscheidungen treffen, müssen auf EU-Ebene klare Vorsorgekriterien für eine
zukunftsfähige Energiepolitik gelten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die globale nukleare
Wertschöpfungskette insbesondere vom Kreml dominiert wird. Und Europa hat es
trotz des Überfalls Russlands auf die Ukraine nicht geschafft, sich aus dieser
Verstrickung und damit von Putins Kriegsfinanzierung zu lösen. Noch immer werden Uran
und Brennstäbe vom Kreml-Konzern Rosatom und seinen Tochterfirmen gekauft.
Bisher ist es der EU-Kommission nicht gelungen, verbindliche Beschränkungen für die
Einfuhr von Kernbrennstoff aus Russland auf EU-Ebene durchzusetzen. Im
niedersächsischen Lingen betreibt der französische Atomkonzern Framatome sogar
Russlands Einstieg in die Brennelementeproduktion auf deutschem Boden. Eine
Vollendung des Atomausstiegs in Deutschland durch die Schließung von Atomfabriken wäre
nicht nur ein Beitrag zur nuklearen Sicherheit, sondern auch zur geopolitischen
Unabhängigkeit des Kontinentes.
Nicht nur die angespannte Sicherheitslage in Europa verschärft die diversen nuklearen
und geopolitischen Gefahren der Atomkraft. Atomtechnologie wird auch global immer
wieder zum Auslöser und Brandbeschleuniger von Konflikten, wie etwa im Nahen und
Mittleren Osten, durch die Bombardierung des Iran: Mit einer sich weltweit
zuspitzenden Sicherheitslage steigen auch die ohnehin inakzeptablen Gefahren der
Hochrisikotechnologie Atomkraft weiter. Günstig zu beschaffende Angriffsdrohnen haben – wie
in Tschernobyl geschehen – das Potenzial, milliardenschwere Schutz- und
Sicherheitssysteme auszuschalten. Das macht eine weitere ungeheure Dimension des strukturellen
Sicherheitsproblems der Atomkraft deutlich, weit jenseits vom klassischen
Technikversagen oder ungewollten menschlichen Fehlern.
Dazu gesellen sich neue Risikofaktoren. Die bestehende Reaktorflotte altert auf der
ganzen Welt und insbesondere in Europa immer weiter. Das betrifft auch
Atomkraftwerke direkt hinter den deutschen Außengrenzen. Mit dem AKW Beznau läuft im
schweizerisch-deutschen Grenzgebiet das nach wie vor älteste AKW der Welt. Die
Laufzeit französischer Reaktoren wird nun mit bis zu 50 Jahren deutlich jenseits ihrer
ursprünglichen technischen Auslegung geplant. Immer wieder hat die französische
Reaktorflotte mit breit auftretenden Risskorrosionsproblemen in sicherheitsrelevanten
Kühlleitungen zu kämpfen; 2022 musste deshalb die Hälfte der französischen AKW
vom Netz genommen werden. Der Versuch, die Reaktoren zur Netzintegration
erneuerbarer Energiequellen bedarfsabhängig zu drosseln, lässt sicherheitsrelevante
Komponenten schneller altern, als nach Stand von Wissenschaft und Technik
vorherzusehen war. Die tschechische Regierung verkündete im April 2026, dass sie das alte
sowjetische AKW Dukovany trotz der eigentlich technisch vorgesehenen Laufzeit von 30
Jahren nun für insgesamt 80 Jahre betreiben will.
Außerdem existieren in etlichen Nachbarländern Deutschlands wie in Polen oder
Tschechien und Frankreich AKW-Neubaupläne mit einer zusätzlichen
Risikodimension: Es soll zum Teil direkt hinter der deutschen Landesgrenze auch auf unerprobte
„Versuchsreaktoren“ mit deutlich geringerer Leistung, aber mit höherer Stückzahl
gesetzt werden. Diese Dezentralisierung der Atomkraft könnte zu einer Verbreitung des
nuklearen Risikos an deutlich mehr Standorten führen. Auch wenn das radioaktive
Inventar geringer wäre, bergen solche Anlagen das Potenzial, im Risikofall ganze
Regionen zu verstrahlen. Eine besondere Herausforderung bei der größeren Standortmenge
ist die zusätzliche Sicherung der Standorte vor äußeren Einwirkungen, von
erforderlichen unzähligen Transporten von atomarem Brennstoff und hochradioaktivem Abfall
ganz zu schweigen.
Tschernobyl hat auf kontinentaler Ebene deutlich gemacht, dass Strahlung vor
Grenzen nicht Halt macht. Atomprojekte in Grenzregionen und darüber hinaus betreffen
deshalb immer auch die Bevölkerung in Deutschland. Behörden des Bundes und der
Länder müssen die Menschen in Deutschland deshalb befähigen, sich an Debatten über
Laufzeitverlängerungen und AKW-Neubauten auch jenseits unserer Landesgrenzen zu
beteiligen und das Risiko in deutschen Katastrophenschutzplänen umfassend
berücksichtigen.
Auch wirtschaftlich zahlt sich die Hochrisikotechnologie Atomkraft nicht aus. Im
Gegenteil: Sie ist die teuerste Form der Energieerzeugung. Atomkraftwerke sind immer
auf staatliche Hilfen und Garantien angewiesen und Neubauprojekte verschlingen
regelmäßig große Mengen steuerliche Subventionen wie etwa im französischen
Flamanville oder im britischen Hinkley Point. Aufgrund ihrer langen Bauzeiten kommen
Atomkraftwerkprojekte auch jenseits ihrer fehlenden Wirtschaftlichkeit für effektiven
Klimaschutz zur Erreichung der europäischen Klimaziele nicht in Frage. Auch
Kernfusion wird hier auf absehbare Zeit keinen Beitrag leisten können. Europäische
Finanzierungsmittel für die Dekarbonisierung werden auch im kommenden Mehrjährigen
Finanzrahmen der EU (MFR) unter den eigentlichen Bedarfen bleiben, weshalb es
einen klaren Fokus auf nachhaltige Technologien braucht, die Förderung von
Kernspaltungstechnologien muss ausgeschlossen werden.
Erneuerbare Energien sind in ihrer Dezentralität resilienter gegen Angriffe und
günstiger im Betrieb, selbst unter Einbeziehung der Systemkosten. Sie erlauben die
Beteiligung der Menschen vor Ort und damit regionale Wertschöpfung, stellen keine
atomare Bedrohung dar und hinterlassen keine radioaktiven Abfälle, die zu hohen Kosten
gelagert werden müssen. In diesem Kontext erscheint es absurd, dass
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in ihren Stellungnahmen zur Zukunft des
Energiesystems mehr über neuartige Versuchsreaktoren spricht als über die effiziente
Auslastung von Netzen und die effiziente Einbindung erneuerbarer Energien.
Vierzig Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl ist nach wie vor klar, dass
Atomkraft ein risikoreicher und teurer Irrweg ist.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. die Ukraine weiterhin bei der Eindämmung der Folgen der Katastrophe von
Tschernobyl und den besonderen Herausforderungen bei dieser Eindämmung in
Zeiten des Krieges zu unterstützen, insbesondere bei internationalen
Bemühungen zur Instandsetzung der Schutzhülle um den Havarie-Reaktor von
Tschernobyl und dem Jahrhundertprojekt der Sicherung und des Rückbaus der
darunterliegenden Strahlenruine;
2. von jeglichen Wiedereinstiegsplänen in die Atomkraft in Deutschland und der
weiteren Anhäufung hochradioaktiven Atommülls abzusehen;
3. die Zwischenlagerung des in Deutschland existierenden hochradioaktiven
Atommülls so schnell wie möglich zu beenden und dafür die Endlagersuche unter
Wahrung der im Standortauswahlgesetz festgeschriebenen Grundprinzipien mit
Nachdruck und dem Ziel der Auswahl des bestmöglichen Standortes Mitte des
Jahrhunderts voranzutreiben;
4. die Finanzierung der radiologischen Notfallvorsorge insbesondere vor dem
Hintergrund der derzeitigen europäischen Sicherheitslage als Ausgabe für den
Zivilschutz unter die Bereichsausnahme von der Schuldenbremse für Verteidigung,
Zivil- und Bevölkerungsschutz sowie Cybersicherheit zu stellen;
5. den Einstieg Russlands in die Brennelementefabrik Lingen zu verhindern;
6. sich auf europäischer Ebene für eine verbindliche und zeitlich unterlegte
Roadmap zum vollständigen Ausstieg aus russischen Nuklearimporten und aus
Abhängigkeiten von Brennelementen, Vorprodukten und Technologien des
russischen Staatskonzerns Rosatom und seiner Tochterunternehmen einzusetzen;
7. sich im Rahmen der europäischen Beihilferegelungen und der EU-
Haushaltsverhandlungen konsequent gegen die Verwendung von EU-Geldern oder staatlichen
Subventionen für herkömmliche wie experimentelle AKW-Neubauprojekte
auszusprechen.
Berlin, den 21. April 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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