Sicherheit stärken - Russische Atomgeschäfte in der Brennelementefabrik Lingen unterbinden
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Sicherheit stärken - Russische Atomgeschäfte in der Brennelementefabrik Lingen unterbinden
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/354
21. Wahlperiode 03.06.2025
Antrag
der Abgeordneten Harald Ebner, Dr. Konstantin von Notz, Dr. Julia Verlinden,
Filiz Polat, Lisa Badum, Marcel Emmerich, Dr. Jan-Niclas Gesenhues, Julia
Schneider, Katrin Uhlig und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sicherheit stärken – Russische Atomgeschäfte in der Brennelementefabrik
Lingen unterbinden
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Am 15. April 2023 wurden die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz
genommen. Der Ausstieg aus der atomaren Stromproduktion wurde im Jahr 2011, nach
der Reaktorkatastrophe von Fukushima, erneut von einer breiten parlamentarischen
Mehrheit im Deutschen Bundestag beschlossen, nachdem bereits im Jahr 2002
erstmalig ein Atomausstiegsfahrplan gesetzlich festgeschrieben worden war. Mit dieser
Entscheidung wurde ein jahrzehntealter gesellschaftlicher Großkonflikt beigelegt.
Doch der Atomausstieg ist unvollendet. Noch immer ist Deutschland ein bedeutender
Teil der nuklearen Wertschöpfungskette und ermöglicht durch die von der
französischen ANF betriebene Fertigung von Brennelementen im niedersächsischen Lingen
den Betrieb von Reaktoren in ganz Europa. Darunter auch Reaktoren mit bekannten
und zum Teil gravierenden Sicherheitsmängeln unmittelbar hinter deutschen
Landesgrenzen. Diese würden im Störfall auch die deutsche Bevölkerung gefährden.
Nun will ANF unter direkter Beteiligung der Rosatom-Tochter TVEL in Lingen
Produktionskapazitäten für Brennelemente-Spezialanfertigungen für überalterte
sowjetische Reaktoren unter anderem im östlichen Mitteleuropa aufbauen. Möglich ist dies
nur, weil der russische Atomsektor bisher von allen EU-Sanktionspaketen
ausgenommen wurde.
Diese Ausnahme ermöglicht einem vom Kreml kontrollierten Unternehmen Zugang
zu europäischer Nuklear-Infrastruktur in Deutschland und birgt unverantwortbare
Spionage- und Sabotagerisiken.
Mit dem vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und
Verbraucherschutz im Jahr 2023 in Auftrag gegebenen Gutachten von Prof. Dr.
Gerhard Roller zur „Berücksichtigung der Belange der inneren und äußeren Sicherheit
der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Versagungsermessens nach § 7 Abs.
2 AtG - Untersuchung anlässlich des Änderungsgenehmigungsverfahrens der
Brennelementefertigungsanlage Lingen“1 werden zahlreiche Gefahren für die innere und äu-
1 www.bmuv.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Nukleare_Sicherheit/gutachten_brennelemente_lin-
gen_bf.pdf
ßere Sicherheit durch die geplante Kooperation mit einem russischen Atomkonzern
genannt, die im Rahmen des Genehmigungsverfahrens zu berücksichtigen sind.
Auch die Nachrichtendienste warnen gemeinsam vor einem starken Anstieg der
Gefahren durch Sabotage, Spionage und Desinformation durch Russland seit dem
Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.2
Mit dem geplanten Geschäft möchte Russland seine strategische Vormachtstellung in
der weltweiten nuklearen Wertschöpfungskette und insbesondere auf dem
europäischen Markt ausbauen. Russische Atomgeschäfte in Deutschland machen Europa
abhängig, erpressbar und finanzieren Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Auch die
EU-Kommission sieht eine fatale europäische Abhängigkeit von russischem Uran,
angereichertem Uran, Kernbrennstoffen und russischer Atomtechnik und möchte diese
abbauen.
Gleichzeitig steigt der Anteil von russischem Uran bei der ANF-Brennelementefabrik
für die Fertigung der bisherigen Brennelemente auch im Rahmen der engen
Kooperation mit Rosatom.
2024 sind 68,8 Tonnen Uran aus Russland zur Brennelementefabrik im
niedersächsischen Lingen geliefert worden. Trotz des russischen Kriegs gegen die Ukraine wuchs
die Menge um rund 66 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt sind 284,7
Tonnen Uran nach Lingen gekommen. Das russische Uran machte etwa 24 Prozent davon
aus.3
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. bei der Prüfung des Genehmigungsantrags der Advanced Nuclear Fuels GmbH
(ANF) auf Umstellung der Produktion auf Brennelemente für Reaktoren
sowjetischer Bauart in der Brennelemente-Fabrik Lingen sicherzustellen, dass eine
Gefährdung der inneren und äußeren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland
ausgeschlossen ist – und dafür im Genehmigungsverfahren sämtliche Risiken
geprüft und ausreichend berücksichtigt werden und wenn Sicherheitsrisiken nicht
zweifelsfrei ausgeschlossen werden können, dann die Genehmigung zu
verwehren;
2. zu verhindern, dass Mitarbeitende von russischen Staatskonzernen und deren
Tochterfirmen direkt oder indirekt etwa durch Schulung und Beratung von
Mitarbeitenden der ANF oder Bereitstellung von Fertigungsanlagen oder anderem
Material Einflussmöglichkeiten auf die sensible und sicherheitstechnisch
relevante nukleare Infrastruktur in Deutschland und den zu beliefernden
Atomreaktoren im Ausland erhalten;
3. sich innerhalb der Europäischen Union dafür einzusetzen, dass der Import von
Kernbrennstoffen aus Russland schnellstmöglich verboten wird, und gemeinsam
mit den EU-Partnern beschleunigt daran zu arbeiten, die in einigen
Mitgliedstaaten bestehenden Abhängigkeiten auf diesem Gebiet bis zu dieser Frist zu
überwinden;
2 www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/spionage-und-proliferationsabwehr/gefaehr-
dung-russische-spionage-sabotage-desinformation.html
3 www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/energie-deutsche-uranimporte-aus-russland-steigen-um-fast-70-
prozent-a-78651543-7cb0-4767-8c43-adcf096f0bac; www.n-tv.de/wirtschaft/Brennelementefabrik-in-
Lingen-importiert-tonnenweise-Uran-aus-Russland-article25466287.html
4. ein Gesetz auf den Weg zu bringen, um den Ausstieg Deutschlands aus der
nuklearen Wertschöpfungskette zu vollenden.
Berlin, den 3. Juni 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Begründung
Überalterte Reaktoren mit bekannten Sicherheitsmängeln wie die im belgischen Tihange in der Nähe von Aachen
werden mit Brennelementen aus Lingen beliefert.4
Das Joint-Venture zwischen dem französischen Betreiber ANF und der Rosatom-Tochter TVEL würde dieses
Problem einerseits noch verschärfen und andererseits gänzlich neue Sicherheitsrisiken für Deutschland schaffen.
Abnehmer für die neuen hexagonalen Spezialanfertigungen könnten WWER-Reaktoren in Ländern in ganz
Mittel- und Osteuropa werden, unter anderem in Tschechien. Hier könnten AKW bald doppelt so lange laufen, wie
sie ursprünglich ausgelegt waren.5 Zentrale sicherheitsrelevante Bestandteile eines AKW wie der
Reaktordruckbehälter und Komponenten des primären Kühlkreislaufs lassen sich praktisch nicht austauschen. Längere
Laufzeiten unter Nutzung von in Lingen hergestellten Brennelementen bedeuten weiteren unverantwortbaren
Verschleiß und die Gefährdung der deutschen Bevölkerung – nicht nur in den Grenzregionen.
Durch das beantragte Joint-Venture in Lingen entstehen aber auch gänzlich neue Gefahren für unser Land. Nicht
erst seit Russlands Angriff auf die Ukraine 2014 ist klar, dass Putin jegliche Abhängigkeit Europas strategisch
ausnutzt. Der russische Energiesektor ist deshalb stark sanktioniert, absurderweise mit Ausnahme der
Nukleargeschäfte. Diese Ausnahme wird vom Kreml für den weiteren Aufbau strategischer Abhängigkeiten entlang der
gesamten nuklearen Wertschöpfungskette genutzt und könnte Russland die Umgehung zukünftiger Sanktionen
mitten in Europa ermöglichen. Zudem erlangen so russische Staatsangehörige legal EU-VISA, um in die EU und
in Deutschland einzureisen und sich hier aufzuhalten. Auch sind diese bereits zur Beratung und Schulung von
ANF-Mitarbeitenden in einer von der ANF angemieteten Halle tätig gewesen. Sie erhalten so unter anderem auch
Informationen zu sehr sicherheitssensiblen Atomanlagen auf deutschem Boden, was mit erheblichen Risiken
verbunden ist.
Russland hat seinen Umsatz mit dem Verkauf von Kernbrennstoff in die EU und die USA während der
Vollinvasion der Ukraine verdreifacht.6 Damit trägt das Atomgeschäft mit Russland direkt zur russischen
Kriegswirtschaft bei, die auf Hochtouren läuft und Russland nach Einschätzung des Bundesministers der Verteidigung und
internationaler Sicherheitsexpert*innen bis 2029 in die Lage versetzen wird, einen NATO-Staat anzugreifen.
Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Serie russischer Spionage- und Sabotageakte in Deutschland und
Europa sowie den eindringlichen Warnungen deutscher Nachrichtendienste7 ist es in unserem obersten
Sicherheitsinteresse, diese Sanktionslücke zu schließen. Dazu gehört auch die konsequente Sanktionsdurchsetzung
durch Stärkung der Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung und verstärkte internationale Zusammenarbeit zur
Verhinderung von Sanktionsumgehungen. Die direkte Beteiligung an der Produktion in Lingen würde die
europäischen Verstrickungen mit dem direkt durch den Kreml kontrollierten Unternehmen Rosatom weiter
vergrößern.
4 www.ausgestrahlt.de/media/WEB_20240208_Rosatom_Lingen_FAQ.pdf
5 www.worldnuclearreport.org/IMG/pdf/wnisr2024-v2.pdf S. 86f
6 https://novayagazeta.eu/articles/2024/09/19/russian-sales-of-nuclear-fuel-to-west-have-almost-tripled-since-start-of-war-in-ukraine-en-news
7 www.tagesschau.de/inland/geheimdienste-russische-sabotage-deutschland-100.html
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ISSN 0722-8333]
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