Die russische Schattenflotte entschlossen bekämpfen
Text
Die russische Schattenflotte entschlossen bekämpfen
Antrag
der Abgeordneten Robin Wagener, Agnieszka Brugger, Dr. Konstantin von
Notz, Dr. Irene Mihalic, Dr. Anton Hofreiter, Chantal Kopf, Sara Nanni, Omid
Nouripour, Katrin Göring-Eckardt, Deborah Düring, Lukas Benner, Marcel
Emmerich, Claudia Müller, Jeanne Dillschneider, Luise Amtsberg, Leon
Eckert, Michael Kellner und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Die russische Schattenflotte entschlossen bekämpfen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Der andauernde russische Angriffskrieg gegen die Ukraine wird in erheblichem Maße
durch Einnahmen aus dem Export fossiler Energien und Rohstoffe finanziert. Russland
zählt mit rund 10 Prozent der weltweiten Rohölproduktion zu den größten
Ölproduzenten der Welt. Um internationale Sanktionen zu umgehen, hat Russland eine
sogenannte „Schattenflotte“ etabliert. Diese Flotte umfasst je nach Schätzung zwischen
1.400 und 3.000 Schiffe und ist in strategisch wichtigen Seegebieten wie der Nord-
und Ostsee aktiv. Täglich befinden sich ca. 25 Schiffe dieser Schattenflotte auf den
Routen in der Nord- und Ostsee – bis zu jeweils fünf dieser Schiffe sind bereits durch
das europäische Sanktionsregime gelistet.
Im September 2025 wurden bereits rund 69 Prozent der russischen seegestützten
Ölexporte durch Schiffe dieser Flotte transportiert. Ziel ist es, Sanktionen zu unterlaufen
und weiterhin hohe Einnahmen aus dem Ölhandel zu generieren – Einnahmen, die
unmittelbar in die Fortsetzung des illegalen Angriffskrieges gegen die Ukraine fließen.
Die Schattenflotte stellt jedoch nicht nur ein geopolitisches, sondern auch ein
erhebliches Sicherheits-, Umwelt- und Wirtschaftsrisiko dar. Viele dieser Schiffe sind alt,
schlecht gewartet und erfüllen nicht die Standards der Internationalen Seeschifffahrts-
Organisation (IMO). Sie operieren häufig ohne ausreichende Versicherung,
insbesondere ohne sogenannte P&I-Versicherung, die für Schäden durch Ölverschmutzungen
aufkommen würde. Dadurch steigt das Risiko schwerer Umweltkatastrophen auch in
deutschen Küstengewässern, die gleich vielfach geschützt sind, unter anderem als
Weltnaturerbe und EU-Flora-Fauna-Habitat.
Hinzu kommen Gefahren für die maritime Sicherheit. Schattenflottenschiffe stellen
insbesondere auf stark frequentierten Seewegen ein erhöhtes Risiko für die Schifffahrt
dar. Ihre Praxis, AIS-Transponder abzuschalten, falsche Flaggen zu führen oder häufig
Namen und Eigentümer zu wechseln, erschwert die Überwachung und die rechtliche
Verantwortungszuweisung erheblich. Darüber hinaus besteht der begründete
Verdacht, dass einzelne Schiffe auch für Sabotage- oder Spionagezwecke gegen unsere
kritische Infrastruktur genutzt werden, z. B. mit Hilfe von Drohnen und
Unterseebooten. Nord- und Ostsee sind von maßgeblicher strategischer Bedeutung für Energie- und
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5330
21. Wahlperiode 14.04.2026
Datensicherheit in Europa. Neben bedeutenden Offshore-Windparks verlaufen auf
dem Meeresgrund Pipelines, die Europa mit Erdgas versorgen, sowie Seekabel, die
den grenzüberschreitenden Datentransfer und die Stromversorgung gewährleisten und
damit Europas kritische Infrastruktur bilden.
Zudem beheimaten beide Gewässer wichtige Militärhäfen, die für die europäische
Verteidigungsfähigkeit von essenzieller Bedeutung sind. All diese maritimen
Infrastrukturen sind schon lange im Visier Russlands, wobei das russische Vorgehen nach
Einschätzung auch der Spitzen der Nachrichtendienste zunehmend aggressiver wird. Die
russische Schattenflotte stellt daher nicht nur ein Instrument zur Umgehung
internationaler Sanktionen dar. Längst ist sie auch ein zentrales Element der hybriden
Kriegsführung Russlands. Die sich hieraus ergebenden Herausforderungen sind erheblich:
für die maritime Sicherheit und hochsensible Ökosysteme einerseits sowie für unsere
staatliche und bündnispolitische Sicherheit andererseits.
Auch wirtschaftlich verzerrt die Schattenflotte den internationalen Wettbewerb.
Während reguläre Reedereien hohe Kosten für Versicherungen, Wartung, Hafenkontrollen
und die Einhaltung von Sanktionen tragen, operiert die Schattenflotte über ein Netz
aus Briefkastenfirmen und intransparenten Finanzierungsmethoden. Dies führt zu
unfairer Konkurrenz und untergräbt zudem die internationale Rechtsordnung im
Seeverkehr, was zu einer Erosion des Seerechts führt.
Havarien, Ölkatastrophen oder durch Sabotage verursachte Schäden an kritischer
Unterwasserinfrastruktur sind reale Gefahren, denen unsere zuständigen Behörden im
Rahmen der Gefahrenabwehr rechtsstaatlich konsequent begegnen müssen.
Gleichzeitig erfordern die hybriden Bedrohungen unseres Landes- und Bündnisgebiets durch
die Schiffe auch verteidigungspolitische Maßnahmen im Rahmen effektiver
Abschreckung.
Die Europäische Union und ihre Partner haben auf diese vielfältigen Bedrohungen mit
einem Bündel an Maßnahmen reagiert. Die EU-Sanktionspakete haben bislang 562
Schiffe offiziell gelistet (https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/-
ip_25_3070). Darüber hinaus werden gezielt Akteure des Schattenflotten-Ökosystems
in Drittstaaten – darunter Broker, Reedereien und Finanzdienstleister etwa in China,
den Vereinigten Arabischen Emiraten, Indien, auf den Seychellen und in Singapur –
ins Visier genommen. Nach Ansicht von Expertinnen und Experten erreichen die
ergriffenen Sanktionen und erste Maßnahmen, im Allgemeinen, mit Blick auf die
„Schattenflotte“ im Speziellen, durchaus Wirkung. Parallel dazu wird auf
internationaler Ebene an einer Verschärfung maritimer Sicherheits- und Umweltstandards
gearbeitet, insbesondere im Rahmen der IMO. Dennoch braucht es zusätzliche
diplomatische Bemühungen gegenüber Flaggenstaaten der Schattenflotte und verstärkte
Kontrollen und Inspektionen sowie die Festsetzung von Schiffen bei Verstößen gegen
geltendes Recht.
Bundespolizei und Marine leisten – auch im Verbund mit ihren Partner-Behörden im
Maritimen Sicherheitszentrum – schon heute einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen
die russischen Schattenflotte – unter anderem durch regelmäßige Patrouillenfahrten
und die Erstellung von Lagebildern.
Dennoch gibt es weiterhin erhebliche Defizite bei der Durchsetzung geltenden Rechts
und verhängter Sanktionen. Bestehende rechtliche Regelungen, welche das Recht auf
friedliche Durchfahrt untersagen, wenn Tanker ohne eingeschaltetes
Identifikationssystem (AIS) fahren, Öl transportieren, welches zu einem Preis oberhalb des G7-
Ölpreisdeckels verkauft wird, oder eine Gefahr für die Umwelt darstellen, werden durch
die Bundesregierung nicht konsequent angewendet.
Insgesamt steht das Agieren der Bundesregierung gegen die Schattenflotte
exemplarisch für massive Versäumnisse der Bundesregierung im Kampf gegen hybride
Bedrohungen und konsequente Sanktionsdurchsetzung.
Erste robustere Maßnahmen – wie im Falle des Tankers Tavian – sind begrüßenswert.
Dennoch bleibt ein noch entschlosseneres Vorgehen gegen diejenigen, die unsere
Freiheit und unseren Wohlstand bedrohen, dringend notwendig.
Andere NATO-Partner wie Finnland, Belgien und Frankreich setzen bereits heute mit
Hilfe ihrer Streitkräfte Tanker der russischen Schattenflotte fest.
Auch wenn die Sanktionierung russischer Ölexporte erste Erfolge zeigt, generiert er
dennoch ausreichend Einnahmen für den russischen Staat zur Fortführung des
Angriffskrieges gegen die Ukraine. Insgesamt betrugen die russischen Einnahmen durch
den Ölexport noch rund 160 Mrd. US-Dollar im Jahr 2025. Durch den Krieg gegen
den Iran und die damit verbundene temporäre Lockerungen der U.S.-amerikanischen
Sanktionen gegen russisches Öl werden die Einnahmen Russlands voraussichtlich
weiter steigen.
Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass der Druck auf Russlands Schattenflotte ein
wesentlicher Baustein einer notwendigen Gesamtstrategie im Kampf gegen die von
Russland und anderen autoritären Staaten ausgehende hybride Bedrohung ist. Um
unsere Sicherheit zu wahren und Russland die finanzielle Grundlage des
völkerrechtswidrigen Krieges zu entziehen und die Durchhaltefähigkeit Putins zu schwächen, ist
ein engagiertes Vorgehen der Bundesregierung und der ihr nachgeordneten Behörden
dringend nötig. Unter anderem braucht es eine konsequente Anwendung und
Durchsetzung des geltenden Rechts, eine verstärkte Kooperation mit unseren europäischen
Nachbarn, speziell den anderen Nord- und Ostsee-Anrainerstaaten, sowie die
internationale Ausweitung bereits ergriffener Maßnahmen. Nicht nur zur Unterstützung der
Ukraine, sondern auch zum Schutz der maritimen Sicherheit, der Umwelt und der
internationalen Rechtsordnung.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. national, europäisch und international wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung
der Schattenflotte zu verstärken und dafür
a) der Bundespolizei, der Marine und dem Zoll und allen anderen beteiligten
Sicherheitsbehörden einen klaren Auftrag zu erteilen, die Kontrolle von
verdächtigen Schiffen der russischen Schattenflotte – auch an Bord dieser
Schiffe – zu intensivieren;
b) im Rahmen des Völkerrechts, insbesondere des internationalen See- und
Umweltrechts, gelistete und verdächtige Schiffe, auch solche, bei denen der
Flaggenstaat nicht eindeutig ist, bei der Ein- und Durchfahrt des deutschen
Küstenmeers und der ausschließlichen Wirtschaftszone zu kontrollieren und
bei Bedarf festzusetzen, ggfs. auch in Kooperation mit unseren NATO-
Partnern;
c) das Maritime Sicherheitszentrum und die Zusammenarbeit der Behörden der
Küstenwache sowie der Nachrichtendienste materiell und personell zu
stärken, klare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten der zahlreichen
beteiligten Landes- und Bundesbehörden zu schaffen, auch und vor allem
hinsichtlich der Bereitstellung einer Infrastruktur für einen sicheren und
rechtsstaatlichen Informationsaustausch;
d) die Fähigkeiten der zuständigen Behörden zum Schutz der kritischen
maritimen Infrastruktur zu verbessern, z. B. durch eine bessere Ausstattung der
Bundespolizei mit Unterwasserdrohnen, um ein echtes Unterwasserlagebild
erstellen zu können;
e) eine Gesamtstrategie gegen hybride Bedrohungen zu entwickeln
(Bundestagsdrucksache 21/4746) und die Bekämpfung der russischen Schattenflotte
hierbei als wichtigen Baustein zu berücksichtigen und, sofern dies noch
nicht geschehen ist, das Thema auch im Aktionsplan gegen hybride
Bedrohungen, welcher durch den im Bundeskanzleramt angesiedelten Nationalen
Sicherheitsrat erstellt wurde, abzubilden;
f) ein Gesamtlagebild über hybride Angriffe zu erstellen, das sowohl der
Sensibilisierung der Öffentlichkeit als auch den handelnden Behörden als
Handlungsgrundlage dienen kann und hierbei auch Aktivitäten der russischen
Schattenflotte berücksichtigt;
g) auf europäischer Ebene die Etablierung eines zentralen Information Fusion
Center zur Datenbündelung und Lagebilderstellung voranzubringen, um die
Umgehung von Sanktionen effektiver zu bekämpfen;
h) die Luftraumüberwachungsfähigkeiten der maritimen Bundesbehörden auch
mittels Drohnen weiter auszubauen;
i) den diplomatischen Druck auf sog. Flaggenstaaten zu erhöhen, um illegale
Praktiken wie den spontanen Flaggentausch oder inoffizielle Schiffsregister
zu unterbinden und ggfs. zu sanktionieren;
j) Reedereien, die sich nachweislich an der russischen Schattenflotte
beteiligen, zu sanktionieren;
k) Drittstaaten die haftungsrechtlichen und politischen Konsequenzen
möglicher Havarien und Unfälle zu verdeutlichen;
l) sich im Rahmen der IMO für eine stärkere Sanktionierung von Fälschung
von IMO-Registrierungen oder Flaggen einzusetzen;
m) gemeinsam mit unseren Bündnispartnern einen integrierten und
koordinierten Umgang zur Kontrolle und Durchsetzung nationalen und internationalen
Rechts, insbesondere des Seerechtübereinkommens, des SOLAS-
Übereinkommens und des MARPOL-Übereinkommens, durch die zuständigen
Behörden in Kooperation mit den jeweiligen Seestreitkräften des
Bündnisgebiets zu entwickeln, um auch die bestehende vormilitärische hybride
Bedrohung der Schattenflotte abzuschrecken;
n) die Zuständigkeit der Bundespolizei für die Abwehr von russischen
Drohnen, die im deutschen Luftraum operieren, klar, rechtssicher und praktikabel
zu regeln;
o) ein vollständiges Verbot von Seeverkehrsdienstleistungen für alle Schiffe
der russischen Schattenflotte in der gesamten EU einzuführen;
p) im Rahmen von G7 und G20 für ein vollständiges Verbot von
Seeverkehrsdienstleistungen für alle sanktionierten Schiffe der russischen Schattenflotte
zu werben;
2. sich dafür einzusetzen, dass die USA ihre Ölsanktionen gegenüber Russland
wieder vollständig in Kraft setzen.
Berlin, den 14. April 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- authored ← Agnieszka Brugger (Antrag)
- authored ← Anton Hofreiter (Antrag)
- authored ← Chantal Kopf (Antrag)
- authored ← Claudia Müller (Antrag)
- authored ← Deborah Düring (Antrag)
- authored ← Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
- authored ← Irene Mihalic (Antrag)
- authored ← Jeanne Dillschneider (Antrag)
- authored ← Katrin Göring-Eckardt (Antrag)
- authored ← Konstantin von Notz (Antrag)
- authored ← Leon Eckert (Antrag)
- authored ← Luise Amtsberg (Antrag)
- authored ← Lukas Benner (Antrag)
- authored ← Marcel Emmerich (Antrag)
- authored ← Michael Kellner (Antrag)
- authored ← Omid Nouripour (Antrag)
- authored ← Robin Wagener (Antrag)
- authored ← Sara Nanni (Antrag)
- part_of_vorgang → Die russische Schattenflotte entschlossen bekämpfen (Antrag)