Forderungen der Initiative HouseEurope für Erhalt, Renovierung und Umbau umsetzen und unnötigen Abriss beenden
Text
Forderungen der Initiative HouseEurope für Erhalt, Renovierung und Umbau umsetzen und unnötigen Abriss beenden
Antrag
der Abgeordneten Katalin Gennburg, Luigi Pantisano, Marcel Bauer, Lorenz
Gösta Beutin, Violetta Bock, Jorrit Bosch, Dr. Fabian Fahl, Mareike Hermeier,
Ina Latendorf, Caren Lay, Sahra Mirow, David Schliesing, Isabelle Vandre,
Sarah Vollath, Sascha Wagner und der Fraktion Die Linke
Forderungen der Initiative HouseEurope für Erhalt, Renovierung und Umbau
umsetzen und unnötigen Abriss beenden
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Der Bau- und Gebäudesektor ist der größte Verursacher von CO₂-Emissionen,
Ressourcenverbrauch und Abfall in Deutschland und Europa. Der Sektor folgt dabei noch
immer Planungs- und Investitionslogiken aus der Nachkriegszeit, als ein rascher
Wiederaufbau notwendig war und Energie sowie Ressourcen als unbegrenzt verfügbar
galten. In der Folge wird in Europa jede Minute ein funktionstüchtiges Gebäude
abgerissen, um es durch Neubau zu ersetzen. In Zeiten einer anhaltenden Wohnungskrise,
zunehmender Ressourcenknappheit und sich verschärfender Klimabedingungen steht
dieses Vorgehen im Widerspruch zu zahlreichen nationalen und europäischen Zielen.
Denn der Abriss bestehender Gebäude und ihr Ersatz durch Neubauten führen nicht
nur zu einem erheblichen Verlust von materiellen Ressourcen und Energie. Abriss für
Neubau trägt auch zur Verdrängung von Bewohnerinnen und Bewohnern bei, da
Neubauten aufgrund gestiegener Material- und Baukosten heute deutlich teurer sind. Die
Errichtung vergleichbarer Gebäude verursacht heute rund 30 Prozent höhere Kosten
als noch vor zehn Jahren. Neben den hohen Renditeerwartungen der Eigentümerinnen
und Eigentümer von Immobilien, ist dies die eine Hauptursache für die explodierenden
Mietkosten. Darüber hinaus schwächt der auf Neubau ausgerichtete Ansatz lokale und
regionale Wertschöpfungsketten. Der zunehmende Einsatz industriell vorgefertigter,
häufig im Ausland produzierter Bauteile führt zu einem Rückgang handwerklicher und
industrieller Tätigkeiten vor Ort und gefährdet insbesondere kleine und
mittelständische Betriebe.
Gleichzeitig geht durch Abriss, Neuplanung, Genehmigung und Neubau wertvolle Zeit
verloren. Zeit, die angesichts der Dringlichkeit der Wohnungs-, Klima- und
Wirtschaftskrise nicht zur Verfügung steht. Diese Praxis führt nicht nur zu vermeidbaren
ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Kosten, sondern bedeutet auch einen
Verlust unseres baukulturellen Erbes. Der fortgesetzte Abriss gewachsener Strukturen,
bestehender Gebäude und Nachbarschaften zerstört soziale Bindungen, Gemeinschaften
und Verantwortung und wird von einem wachsenden Teil der Bevölkerung kritisch
wahrgenommen.
Vor diesem Hintergrund setzen sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen, für
den Erhalt und die Weiterentwicklung des Gebäudebestands ein. Im Bundesgebiet ha-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4876
21. Wahlperiode 23.03.2026
ben sich in der Anti-Abriss-Allianz und der Bauwende-Allianz zahlreiche Akteure aus
Planung, Industrie, Umwelt, Handwerk, Kultur und Denkmalschutz
zusammengeschlossen, um sich für den Erhalt des Gebäudebestands und gegen unnötige Abrisse
einzusetzen. Auch die gemeinnützige Organisation „HouseEurope!“ wirbt im Rahmen
ihrer europäischen Bürgerinitiative für Renovierung und Umbau für einen
grundlegenden Wertewandel im Bausektor: Weg von Abriss und Ersatzneubau, hin zu Sanierung,
Umbau und Weiterbauen (https://houseeurope.org/).
Dieses zivilgesellschaftliche Engagement sowie das vorhandene fachliche und
praktische Wissen zur Umsetzung einer Umbauwende sollten in der politischen
Entscheidungsfindung stärker berücksichtigt werden. Es bedarf entsprechender gesetzlicher
und ordnungsrechtlicher Rahmenbedingungen, um Anreize für die Sanierung, den
Umbau und die dauerhafte Nutzung des Gebäudebestands zu schaffen. Denn der Erhalt
und die Weiterentwicklung bestehender Gebäude bieten einen der wirksamsten Hebel,
um kurzfristig die Wohnraumziele in Deutschland zu erreichen, ökologische Vorgaben
einzuhalten und gleichzeitig regionale Arbeitsmärkte zu stärken.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, sich die Ziele der
Bürgerinitiativen für Umbau und Renovierung zu eigen zu machen und diese im
Rahmen ihrer Zuständigkeiten aktiv zu unterstützen. Hierzu zählen insbesondere
1. der Einsatz für die Erhaltung, Sanierung und adaptive Wiederverwendung von
Gebäuden und Bausubstanz;
2. die Schaffung einer Förderkulisse mit Mietpreis- und Belegungsbindung für
klimagerechte Renovierung, Sanierung und Umbau von Gebäuden als künftiger
Regelfall für den Umgang mit bestehender Bausubstanz mit dem Ziel
Mietsteigerungen und soziale Härten zu verhindern;
3. die Anpassung bestehender rechtlicher und planerischer Instrumente, um
Sanierung, Nutzungsänderung und Umbau zu vereinfachen und dadurch Abriss obsolet
zu machen. Das beinhaltet, sich innerhalb der Bauministerkonferenz (ARGE-
BAU) dafür einzusetzen, dass
a) ein Genehmigungsvorbehalt für Abrisse in die Musterbauordnung
aufgenommen wird, und anzuregen, dass dies in die Bauordnungen der Länder
übernommen wird;
b) in der Musterbauordnung (und den einzelnen Landesbauordnungen) der
Bestandsschutz auf die Nutzungsänderung von Gebäuden ausgeweitet wird,
sofern die Umnutzung überwiegend der Wohnnutzung dient und mit der
Würdigung nachbarlicher Interessen sowie mit öffentlichen Belangen sowie
Mindeststandards für gutes Wohnen vereinbar ist.
Berlin, den 18. März 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
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ISSN 0722-8333
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