Stahlstandorte stärken - wettbewerbsfähig und klimaneutral
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Stahlstandorte stärken - wettbewerbsfähig und klimaneutral
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2232
21. Wahlperiode 15.10.2025
Antrag
der Abgeordneten Felix Banaszak, Dr. Sandra Detzer, Katrin Uhlig, Julian
Joswig, Dr. Alaa Alhamwi, Ricarda Lang, Lisa Badum, Michael Kellner, Sandra
Stein, Sylvia Rietenberg, Dr. Sebastian Schäfer, Jeanne Dillschneider und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Stahlstandorte stärken – wettbewerbsfähig und klimaneutral
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die deutsche Stahlindustrie ist essenzieller Wirtschaftsmotor mit über 80.000
Beschäftigten im Land. Gleichzeitig sieht sich die Branche massiven Belastungen ausgesetzt.
Insbesondere hohe Energiepreise, eine schwache Binnennachfrage, globale
Überkapazitäten, unlautere Wettbewerbsbedingungen und Handelspraktiken durch US-
amerikanische Zölle sowie Billigimporte aus Chinas führen zu einer sehr zugespitzten Lage
für deutsche Stahlhersteller. Zusätzlich werden aufgrund verlängerter
Ausnahmeregelungen im 12. Sanktionspaket gegen Russland vom 18. Dezember 2023 weiterhin auch
russische Halbzeuge (Brammen) und Werkzeugstahl nach Europa importiert. Die
Bundesregierung trägt ebenfalls zur Verunsicherung der Branche bei – insbesondere durch
fehlende Klarheit über die langfristige Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff sowie
durch das Ausbleiben verlässlicher Rahmenbedingungen für Investitionen in
klimaneutrale Technologien. Gerade die Aufrechterhaltung einer Grundproduktion von
Primärstahl im eigenen Land ist dabei von strategischer Bedeutung, um die industrielle
Souveränität zu sichern und kritische Abhängigkeiten von Drittstaaten zu vermeiden.
Es braucht dringend klare Rahmenbedingungen und Anreize, damit die Arbeitsplätze
und Wertschöpfungsketten im Stahlsektor langfristig gesichert bleiben können.
Ansonsten droht der Verlust unserer Führungsposition beim Knowhow gegenüber
Wettbewerbern, eine massive Verzögerung der klimaneutralen Modernisierung und der
Verlust von tausenden Arbeitsplätzen. Wir können nicht riskieren, dass unsere
Schlüsselbranche im Preiskampf gegen schlechtere, klimaschädliche Produkte das
Nachsehen hat und ganze Wertschöpfungsketten – und damit wertvolle Arbeitsplätze –
wegbrechen. Wir tragen diesen industrie- und klimapolitischen Schlingerkurs der
Regierung nicht mit.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. die zur Verfügung stehenden handelspolitischen Schutzinstrumente anzuwenden
und die von der EU-Kommission geplanten Schutzzölle sowie Buy-European-
Regeln für grünen Stahl aktiv zu unterstützen, um den chinesischen
Billigimporten in den europäischen Wirtschaftsraum sowie Trumps protektionistischer
Zollpolitik entschieden entgegenzutreten und somit den fairen Wettbewerb im EU-
Binnenmarkt zu gewährleisten und sich auf EU-Ebene dafür einzusetzen, dass die
geplanten verschärften Importbeschränkungen für Stahl zügig umgesetzt werden;
2. sich für eine wirksame und faire Ausgestaltung des CBAM einzusetzen, die eine
Ausweitung auf downstream Produkte enthält, um das Risiko von Carbon
Leakage zu minimieren, Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern, Schlupflöcher
zu schließen und der heimischen Stahlindustrie Planungssicherheit beim
Übergang zur klimaneutralen Produktion zu geben und vor diesem Hintergrund am
bestehenden europäischen Emissionshandelssystem (ETS 1) als zentralem
Steuerungsinstrument festzuhalten;
3. sich dafür einzusetzen, die im Rahmen des 12. EU-Sanktionspakets gegen
Russland verlängerten Ausnahmeregelungen für den Import russischer Halbzeuge
(Brammen) und Werkzeugstahl nach Europa zu überprüfen und das zum 1.
Oktober 2028 vollständig wirksame Importverbot vorzuziehen;
4. im Rahmen der laufenden europäischen Reform des öffentlichen Vergaberechts
(European Public Procurement Reform) klarzustellen, ob die Bundesregierung
die Integration verbindlicher Nachhaltigkeits-, Resilienz- und EU-Inhaltskriterien
(local content requirements) in die öffentliche Beschaffung unterstützt, und sich
dabei für die Schaffung eines europäischen Leitmarkts für grünen Stahl
einzusetzen. Hierzu gehört insbesondere, die geplante Mindestquote für grünen Stahl im
nationalen Vergabebeschleunigungsgesetz konsequent mit den europäischen
Vorgaben zu verzahnen und durch gemeinsame Beschaffungsinitiativen (Joint
Procurement) zu flankieren. Die Bundesregierung soll hierzu eine eindeutige
Positionierung vornehmen und darlegen, ob sie die Einführung verbindlicher
nichtpreislicher Kriterien auf europäischer Ebene aktiv unterstützt oder ablehnt;
5. die flächendeckende Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff zu sichern, indem
sowohl der notwendige Ausbau der Infrastruktur im Inland konsequent
vorangetrieben als auch eine diversifizierte Importstrategie etabliert wird. Dabei ist
insbesondere auf den Aufbau eines europäischen Wasserstoff-Backbones zu setzen,
um Versorgungssicherheit, Netzstabilität und faire Wettbewerbsbedingungen im
europäischen Binnenmarkt zu gewährleisten;
6. Strompreise zu senken, indem sie den Ausbau von erneuerbaren Energien
ambitioniert fortsetzt, für die Mittelfrist ein Brückenstrompreis einführt und
verbleibenden Umlagen möglichst senkt;
7. die Stromnetzentgelte zu senken durch Digitalisierung und Flexibilisierung,
mithilfe von staatlichen Beteiligungen an Netzbetreibern und indem sie die
Planbarkeit beim Zuschuss für die Übertragungsnetze sicherstellt;
8. Förderinstrumente für klimaneutrale Stahlproduktion wie die
Klimaschutzverträge zu verstetigen, um Planungssicherheit zu gewähren und grundsätzlich
Standortgarantien, Tarifbindung und Mitbestimmung als Voraussetzung für die
öffentliche Förderung vorsehen. Dazu gehören die verpflichtende Einhaltung
tariflicher Standards, die Stärkung der betrieblichen Mitbestimmung sowie
verbindliche Transformations- und Qualifizierungspläne;
9. eine Umsetzung des vollständigen Wasserstoffbetriebes von bereits geförderten
H2-Transformationsinvestitionen als Ziel beizubehalten und zu prüfen, welche
Unterstützung dafür trotz der geänderten Marktbedingungen durch einen
verzögerten Wasserstoffhochlauf nötig sind;
10. ein klares Bekenntnis zum Erhalt der Stahlstandorte auszusprechen;
11. einen regelmäßigen Dialog auf politischer Spitzenebene mit allen relevanten
Akteuren einzurichten, um die klimaneutrale Modernisierung der Stahlindustrie
koordiniert, sozial ausgewogen und wettbewerbsfähig zu gestalten;
12. Maßnahmen zu ergreifen, um der deutschen Stahlindustrie dauerhaft bezahlbaren
Grünstrom auf Basis erneuerbarer Energien zu sichern und zugleich die Resilienz
der Lieferketten für Rohstoffe und Vorprodukte zu stärken;
13. Genehmigungs- und Planungsverfahren für die Umstellung der Stahlindustrie auf
klimaneutrale Produktionsverfahren wirksam zu beschleunigen und hierbei
insbesondere die Vorschläge der Europäischen Union zur Vereinfachung und
Verkürzung solcher Verfahren konstruktiv aufzugreifen und umzusetzen.
Berlin, den 14. Oktober 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Begründung
Die Bundesregierung darf dem Stahl nicht den Rückenwind nehmen, sondern muss der Branche Klarheit,
Verlässlichkeit und Flexibilität auf dem Weg der Transformation geben.
Es besteht dringender Handlungsbedarf, um bereits getätigte und noch in Planung befindliche Investitionen für
klimaneutralen Stahl auf sicheren Boden zu stellen. Durch die fossile Orientierung und die erratische
Energiepolitik der Bundesregierung ist der dringend notwendige Wasserstoff-Hochlauf gefährdet. Unternehmen, die bereits
auf Wasserstoff basierte Verfahren umstellen, werden mit dieser rückwärtsgewandten Politik vor den Kopf
gestoßen. Gleichzeitig brauchen solche Unternehmen auf dem Weg zur ausschließlichen Nutzung von grünem
Wasserstoff Flexibilität und Anpassungsmöglichkeiten an erwartbare Kapazitäten.
Zur Sicherstellung einer flächendeckenden Dekarbonisierung der Stahlindustrie ist es ebenfalls notwendig, grüne
Leitmärkte zu etablieren. Über eine Mindestquote für grünen Stahl in der öffentlichen Vergabe wird zudem ein
Markt für klimafreundliche Produkte geschaffen werden. Langfristig wird dadurch eine nachhaltige Nachfrage
nach grünem Stahl entstehen und der Übergang zu klimaneutralen Produktionsmethoden beschleunigt werden.
Die Europäische Kommission bereitet Schutzzöllen auf Billigimporte sowie „Buy European“-Regeln für grünen
Stahl konkrete Maßnahmen zum Schutz und zur Stärkung der europäischen Industrie vor. Damit werden erstmals
Leitmärkte für klimaneutrale Grundstoffe geschaffen. Die Bundesregierung muss hierzu klar Stellung beziehen
und diese Schritte aktiv unterstützen, um deutsche Stahlstandorte im Binnenmarkt zu sichern und die
Transformation zur Klimaneutralität voranzubringen.
Als Schlüsselindustrie und unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor entlang der gesamten Wertschöpfungskette ist die
Stahlindustrie auch ein bedeutender Arbeitgeber im Land. Um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, ist
eine zukunftsweisende Unterstützung der Branche und ihrer Arbeitnehmer erforderlich. Förderprogramme für
die Transformation der Stahlindustrie müssen verstetigt werden.
Öffentlich Zuwendungen müssen grundsätzlich sozial konditioniert sein. Dazu gehören insbesondere
Standortgarantien sowie die Einhaltung tariflicher Standards wie ein branchenüblicher Lohn, Zuschlagszahlungen,
Mindesturlaub, Höchstarbeitszeit, Mindestruhezeit und Ruhepausen, aber auch eine starke betriebliche
Mitbestimmung, mit einer frühzeitigen Einbindung der Betriebsräte und Verfahren der demokratischen Beteiligung der
Beschäftigten an betrieblichen Transformationsentscheidungen sowie verbindliche Transformations- und
Qualifizierungspläne. Die Transformation und der Strukturwandel müssen mit einem umfassenden
Qualifizierungsprogramm zur Aus- und Weiterbildung für die Beschäftigten begleitet werden, um Arbeitsplätze zu sichern.
Eine Gipfelankündigung, nachdem die Branche mehrfach Alarm geschlagen hat, ist keine angebrachte Reaktion
und wird der Rolle der Stahlindustrie als Wirtschaftskraft im Land nicht gerecht. Ein turnusmäßiger Austausch
mit der politischen Spitze, um mit der Branche in einen konstruktiven Austausch zu treten und ein genaueres
Lagebild zeichnen zu können, ist dringend erforderlich.
Wir wollen die Transformation der Stahlindustrie als Teil einer aktiven Industriepolitik für Transformation und
Resilienz gestalten. Ihr Gelingen ist von fundamentaler Bedeutung: Für den Erhalt bestehender und die Schaffung
neuer Arbeitsplätze, die flächendeckende Versorgung mit günstiger und CO2-armer Energie sowie die
Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie im internationalen Kontext.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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