Auswirkungen geplanter Kürzungen deutscher Beiträge zur Globale Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis auf die globale Gesundheit und Poliobekämpfung
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Auswirkungen geplanter Kürzungen deutscher Beiträge zur Globale Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis auf die globale Gesundheit und Poliobekämpfung
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2128
21. Wahlperiode 09.10.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Maren Kaminski, Desiree Becker, Gökay Akbulut, Janina
Böttger, Maik Brückner, Katrin Fey, Vinzenz Glaser, Jan Köstering, Stella
Merendino, Charlotte Antonia Neuhäuser, Cansu Özdemir, Lea Reisner, Zada
Salihović, Evelyn Schötz, Ulrich Thoden, Donata Vogtschmidt, Christin Willnat
und der Fraktion Die Linke
Auswirkungen geplanter Kürzungen deutscher Beiträge zur Globalen
Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis auf die globale Gesundheit und
Poliobekämpfung
Die Globale Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis (GPEI) hat seit ihrer
Gründung im Jahr 1988 über 2,5 Milliarden Kinder geimpft und die Zahl der
Poliofälle weltweit um mehr als 99 Prozent reduziert. Deutschland ist historisch
der drittgrößte Geber mit Beiträgen von rund 854 Mio. US-Dollar, wodurch
schätzungsweise 123,6 Millionen Kinder immunisiert und 824 000 Fälle von
Lähmungen verhindert werden konnten (Berechnung auf Grundlage des
geschätzten deutschen Anteils von 4,1 Prozent an der Gesamtfinanzierung der
GPEI multipliziert mit den von der GPEI veröffentlichten Referenzzahlen). In
ihrer Globalen Gesundheitsstrategie (2020) hat sich die Bundesregierung zur
langfristigen Ausrottung von Polio verpflichtet und dieses Engagement 2022
bekräftigt, als die jährlichen Beiträge für das Jahr 2023 auf 37 Mio. Euro erhöht
und auf einer von Deutschland einberufenen Geberkonferenz insgesamt
2,6 Mrd. Euro mobilisiert wurden (Quelle: www.globalcitizen.org/en/content/th
e-world-is-on-the-verge-of-wiping-out-polio-so-w/)
Der Haushaltsentwurf für 2026 sieht jedoch eine Reduzierung des
entsprechenden Beitrags auf 19,2 Mio. Euro vor – dies wären 17,8 Mio. Euro weniger als
2024. Jüngste Ausbrüche wie das Wiederauftreten von Polio im Gazastreifen
(2024) oder der Nachweis von Polioviren in deutschen Abwasserproben (2024;
Quelle: Robert Koch-Institut, Kommission Polioeradikation: Stellungnahme
zum Nachweis infektiöser Polioviren (cVDPV2) im Abwasser mehrerer
deutscher Städte. Dezember 2024) machen nach Ansicht der Fragestellenden
deutlich, dass Finanzierungslücken ein globales wie auch nationales Risiko
darstellen. Über die Impfungen hinaus stärkt die GPEI Gesundheitssysteme,
unterstützt Epidemiebekämpfung und verbessert WASH-Infrastrukturen (WASH =
Wasser, Sanitär, Hygiene). Ihre kontinuierliche Finanzierung ist somit sowohl
für die globale Gesundheitssicherheit als auch für den Schutz der öffentlichen
Gesundheit in Deutschland unverzichtbar.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Liegen der Bundesregierung Berechnungen oder Schätzungen dazu vor,
wie viele Kinder infolge der vorgesehenen Kürzungen bei den Beiträgen
zur GPEI nicht mehr geimpft werden, wenn ja, wie lauten diese, wenn
nein, plant die Bundesregierung, entsprechende Daten zu erheben, und
wenn nein, warum nicht?
2. Liegen der Bundesregierung Berechnungen oder Schätzungen dazu vor,
mit wie vielen zusätzlichen Fällen von Polio-bedingter Lähmung als
mögliche Folge dieser Kürzungen zu rechnen ist, wenn ja, wie lauten diese,
wenn nein, plant die Bundesregierung, entsprechende Daten zu erheben,
und wenn nein, warum nicht?
3. Wie bewertet die Bundesregierung das Wiederauftreten von Polio im
Gazastreifen und den Nachweis von Polioviren in deutschen
Abwasserproben im Jahr 2024?
4. Ist nach Auffassung der Bundesregierung sichergestellt, dass das Ziel der
weltweiten Polioausrottung trotz der 2025 angekündigten US-Kürzungen
und drohender Finanzierungslücken bei der GPEI nicht gefährdet wird?
5. Welche Beiträge und Maßnahmen hält die Bundesregierung in welchem
Zeitraum für erforderlich, um eine Zunahme von Polioerkrankungen zu
verhindern?
6. Welche Rolle misst die Bundesregierung dabei der GPEI bei, und wie
spiegelt sich das Ziel der Polioausrottung in der internationalen
Gesundheitspolitik Deutschlands, etwa im Rahmen von G7 oder G20, wider?
7. Wie begründet die Bundesregierung die im Haushaltsentwurf 2026
vorgesehenen Kürzungen bei den Beiträgen zu Initiativen und Programmen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO), die als Partnerorganisation der
GPEI seit Jahrzehnten die weltweite Poliobekämpfung koordiniert, und
wie bewertet sie diese Kürzungen im Hinblick auf das erklärte Ziel, die
WHO in ihrer derzeitigen schwierigen Situation aufgrund von
Finanzierungslücken besonders zu unterstützen?
8. Mit welchen Auswirkungen rechnet die Bundesregierung im Falle
erheblicher Kürzungen bei der finanziellen Ausstattung des Polioprogramms für
die von der WHO auch für andere Infektionskrankheiten geleistete Arbeit
im Bereich Krankheitsüberwachung („disease surveillance“)?
9. Plant die Bundesregierung, die deutschen Beiträge zur GPEI in den
kommenden Jahren wieder zu erhöhen, um das Ausrottungsziel nicht zu
gefährden, und wenn ja, in welchem Umfang?
10. Plant die Bundesregierung Maßnahmen, um die negativen Auswirkungen
der Kürzungen für die von Polio betroffenen Länder zu kompensieren,
beispielsweise durch Umschichtungen, Sonderbeiträge oder internationale
Kooperationen, wenn ja, welche, und wenn nein, warum nicht?
11. Inwiefern bemüht sich die Bundesregierung darum, etwaige
Veränderungen des deutschen Beitrags zur GPEI frühzeitig und langfristig mit
anderen relevanten Gebern abzustimmen?
12. Über welche Mechanismen stellt die Bundesregierung sicher, dass
zwischen den im Bereich der GPEI relevanten Ressorts – insbesondere dem
Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und dem Bundesministerium
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) – eine enge
Koordination im Hinblick auf von der WHO implementierte Maßnahmen
wie Krankheitsüberwachung und Epidemiebekämpfung gewährleistet ist?
13. Plant die Bundesregierung, in der Entwicklungszusammenarbeit gezielt
Projekte zu fördern, die neben der Poliobekämpfung auch die Stärkung
lokaler Gesundheitssysteme, WASH-Maßnahmen sowie den Kampf gegen
andere Infektionskrankheiten umfassen?
14. Inwiefern reiht sich die geplante Kürzung bei der GPEI in weitere
Kürzungen im Bereich der globalen Gesundheit ein, etwa beim Globalen
Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria, und welche Folgen hat dies
für die Rolle der globalen Gesundheit in der deutschen
Entwicklungspolitik insgesamt?
Berlin, den 25. September 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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