Kinderlähmung und Tuberkulose in der Ukraine - mögliche grenzüberschreitende Gesundheitsgefahren und Belastungen für das Gesundheitssystem in Deutschland
Text
Kinderlähmung und Tuberkulose in der Ukraine - mögliche grenzüberschreitende Gesundheitsgefahren und Belastungen für das Gesundheitssystem in Deutschland
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/268
21. Wahlperiode 26.05.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Martin Sichert, Kay-Uwe Ziegler, Dr. Christina Baum, Carina
Schießl, Alexis Giersch, Nicole Hess, Tobias Ebenberger, Claudia Weiss, Thomas
Dietz, Dr. Christoph Birghan und der Fraktion der AfD
Kinderlähmung und Tuberkulose in der Ukraine – mögliche grenzüberschreitende
Gesundheitsgefahren und Belastungen für das Gesundheitssystem in
Deutschland
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in der Vergangenheit Informationen zu
Poliomyelitis (Kinderlähmung) – einer leicht übertragbaren Viruserkrankung – in
der Ukraine veröffentlicht. Im Jahr 2015 berichtete das RKI über Poliomyelitis-
Fälle in der Ukraine (edoc.rki.de/handle/176904/2130). Im März 2022 meldete
das RKI einen Polioausbruch im westlichen Teil der Ukraine im letzten Quartal
2021 durch zirkulierende, vom Impfstoff abgeleitete Polioviren Typ 2
(cVDPV2). Dabei wurden zwei klinische und 18 asymptomatische Fälle bei
Kontaktpersonen bestätigt. Fälle von cVDPV treten in Gebieten mit
unzureichenden Impfquoten auf (www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfe
n/Eliminationsprogramme/Kommission-Polioeradikation/Nationale-Enteroviru
s-Surveillance/Newsletter/Polio-Info_03_2022.html).
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Poliovirus-Ausbrüche in der
Ukraine zwischenzeitlich offiziell für beendet erklärt. Allerdings äußerte die
WHO im Oktober 2024 Besorgnis über die anhaltenden Risiken. Die Region
bleibe anfällig für die Einführung von Wild-Polioviren oder zirkulierenden,
impfstoffabgeleiteten Polioviren, insbesondere aufgrund suboptimaler
Immunitätsraten und fortgesetzter Angriffe auf das Gesundheitssystem und die
kritische Infrastruktur. Trotz der positiven Entwicklungen bleibe die Situation in der
Ukraine aufgrund des Krieges und der damit verbundenen Herausforderungen
weiterhin fragil (www.who.int/europe/news-room/24-10-2024-polio-free-statu
s-retained--but-european-region-must-increase-vigilance).
Die Ukraine zählt zu den Ländern mit der höchsten Tuberkulose-Inzidenz in
Europa. Laut WHO-Schätzungen liegt die Inzidenzrate bei etwa 73 Fällen pro
100 000 Einwohner (tbassessment.stoptb.org/ukraine.html; www.rki.de/DE/Akt
uelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2023/11_23.pdf?__blob=publ
icationFile&v=1).
Ein erheblicher Anteil der Tuberkulose-Fälle ist multiresistent (MDR-TB). Bei
neu diagnostizierten Fällen liegt der Anteil an MDR-TB bei etwa 29 Prozent,
bei zuvor behandelten Patienten sogar bei 41 Prozent (www.rki.de/DE/Aktuelle
s/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2023/11_23.pdf?__blob=publicati
onFile&v=1, S. 8).
Die WHO weist darauf hin, dass in Ländern wie Polen Programme initiiert
wurden, um die Behandlungsergebnisse für ukrainische Flüchtlinge mit
Tuberkulose zu verbessern. Ein solches Projekt habe die Behandlungsergebnisse für
diese Gruppe signifikant verbessert (www.who.int/europe/de/emergencies/over
view/22-09-2023-i-would-have-discontinued-the-treatment-rather-than-be-awa
y-from-my-daughter; www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/G
esundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/F/Flucht-Gesundheit/flucht-gesundheit-no
de.html).
Das RKI informiert über die epidemiologische Tuberkulose-Situation in der
Ukraine und sensibilisiert Ärzte sowie den Öffentlichen Gesundheitsdienst für
mögliche Medikamentenresistenzen bei aus der Ukraine geflüchteten
Menschen (edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/10830/EB-11-2023-Ukraine.pdf?is
Allowed=y&sequence=1).
Es gibt Berichte über die Überlastung des deutschen Gesundheitssystems durch
den Zustrom ukrainischer Kriegsflüchtlinge (www.nd-aktuell.de/artikel/116210
4.medizinische-versorgung-fluechtlinge-ankommen-unter-enormer-belastun
g.html; www.laekh.de/fileadmin/user_upload/Heftarchiv/Einzelartikel/2022/0
5_2022/Delegiertenversammlung_12.pdf), die die Belastungen des deutschen
Gesundheitssystem durch den Zustrom ukrainischer Kriegsflüchtlinge
verdeutlichen. Angesichts des andauernden Krieges, des anhaltenden
Flüchtlingszustroms (mediendienst-integration.de/artikel/ukrainische-fluechtlinge-zahlen-fuer-
deutschland-europa.html) und des bestehenden Reiseverkehrs (www.germany4
ukraine.de/hilfeportal-de/einreise-aufenthalt-und-rueckkehr/reise-in-die-ukr
aine) zwischen der Ukraine und Deutschland möchten die Fragesteller
umfassende Informationen zu den aktuellen und zukünftig zu erwartenden Polio- und
Tuberkulose-Risiken für Deutschland erfragen. Ihr Ziel ist es, potenzielle
Herausforderungen und Risiken für eine effektive Prävention und Behandlung
dieser Krankheiten sowie mögliche Folgen für das Gesundheitssystem in
Deutschland zu identifizieren.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hat sich die Zahl der Polio- und Tuberkulose-Fälle und der Fälle von
Hepatitis unbekannter Ätiologie bei Kindern in Deutschland in den Jahren
2021 bis 2024 entwickelt?
2. Wie hat sich die Zahl der multiresistenten Tuberkulose-Fälle und der Fälle
von Hepatitis unbekannter Ätiologie bei Kindern in Deutschland in den
Jahren von 2021 bis 2024 entwickelt?
3. Sind beide Krankheiten betreffend in den genannten Jahren besondere
Häufungen von Krankheitsfällen örtlich oder in bestimmten
Bevölkerungsgruppen in Deutschland aufgetreten?
4. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Polio-Impfquote bei
nach Deutschland einreisenden Menschen aus der Ukraine im Vergleich
zu der der hier einheimischen Bevölkerung?
5. Welche Erfahrungen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung mit der
Impfbereitschaft der nach Deutschland kommenden ukrainischen
Flüchtlinge gemacht?
6. Wie bewertet die Bundesregierung derzeit das Risiko einer Ausbreitung
des Poliovirus nach Deutschland?
7. Welche Daten liegen der Bundesregierung über die Verbreitung von
cVDPV2 in Europa vor?
8. Welche Daten liegen der Bundesregierung zur Tuberkulose-Inzidenz bei
ukrainischen Neuankömmlingen in Deutschland vor?
9. Welche Präventivmaßnahmen werden ggf. aktuell in Deutschland im
Hinblick auf MDR-TB- und XDR-TB-Fälle (XDR-TB = Extensively
drugresistant tuberculosis) aus der Ukraine getroffen?
10. Wie ist derzeit die Versorgungslage mit spezifischen Medikamenten zur
Behandlung von MDR-TB und XDR-TB in Deutschland?
11. Welche Vorsorgemaßnahmen werden derzeit bezüglich Kinderlähmung
und Tuberkulose an den deutschen Grenzen oder den EU-Außengrenzen
bei Reisenden aus der Ukraine getroffen?
12. Werden Gesundheitsämter in Regionen mit hohem Zuzugsaufkommen
von Menschen aus der Ukraine vonseiten der Bundesregierung besonders
unterstützt, und ggf. wie?
13. Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die bislang
entstandenen Kosten für die Gesundheitsversorgung von ukrainischen
Kriegsflüchtlingen, und wie werden diese finanziert?
Berlin, den 12. Mai 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Alexis L. Giersch (Kleine Anfrage)
- asked ← Carina Schießl (Kleine Anfrage)
- asked ← Christina Baum (Kleine Anfrage)
- asked ← Christoph Birghan (Kleine Anfrage)
- asked ← Claudia Weiss (Kleine Anfrage)
- asked ← Kay-Uwe Ziegler (Kleine Anfrage)
- asked ← Martin Sichert (Kleine Anfrage)
- asked ← Nicole Hess (Kleine Anfrage)
- asked ← Thomas Dietz (Kleine Anfrage)
- asked ← Tobias Ebenberger (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Kay-Uwe Ziegler
- authored ← Martin Sichert
- part_of_vorgang → Kinderlähmung und Tuberkulose in der Ukraine - mögliche grenzüberschreitende Gesundheitsgefahren und Belastungen für das Gesundheitssystem i (Kleine Anfrage)