Auswirkungen geplanter Kürzungen deutscher Beiträge zur Globalen Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis auf die globale Gesundheit und Poliobekämpfung (Antwort zu Drs. 21/2128)
Text
Auswirkungen geplanter Kürzungen deutscher Beiträge zur Globalen Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis auf die globale Gesundheit und Poliobekämpfung (Antwort zu Drs. 21/2128)
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2503
21. Wahlperiode 31.10.2025
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Maren Kaminski, Desiree Becker, Gökay
Akbulut, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke
– Drucksache 21/2128 –
Auswirkungen geplanter Kürzungen deutscher Beiträge zur Globalen
Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis auf die globale Gesundheit und
Poliobekämpfung
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die Globale Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis (GPEI) hat seit ihrer
Gründung im Jahr 1988 über 2,5 Milliarden Kinder geimpft und die Zahl der
Poliofälle weltweit um mehr als 99 Prozent reduziert. Deutschland ist
historisch der drittgrößte Geber mit Beiträgen von rund 854 Mio. US-Dollar,
wodurch schätzungsweise 123,6 Millionen Kinder immunisiert und 824 000 Fälle
von Lähmungen verhindert werden konnten (Berechnung auf Grundlage des
geschätzten deutschen Anteils von 4,1 Prozent an der Gesamtfinanzierung der
GPEI multipliziert mit den von der GPEI veröffentlichten Referenzzahlen). In
ihrer Globalen Gesundheitsstrategie (2020) hat sich die Bundesregierung zur
langfristigen Ausrottung von Polio verpflichtet und dieses Engagement 2022
bekräftigt, als die jährlichen Beiträge für das Jahr 2023 auf 37 Mio. Euro
erhöht und auf einer von Deutschland einberufenen Geberkonferenz insgesamt
2,6 Mrd. Euro mobilisiert wurden (Quelle: www.globalcitizen.org/en/content/t
he-world-is-on-the-verge-of-wiping-out-polio-so-w/)
Der Haushaltsentwurf für 2026 sieht jedoch eine Reduzierung des
entsprechenden Beitrags auf 19,2 Mio. Euro vor – dies wären 17,8 Mio. Euro weniger
als 2024. Jüngste Ausbrüche wie das Wiederauftreten von Polio im
Gazastreifen (2024) oder der Nachweis von Polioviren in deutschen Abwasserproben
(2024; Quelle: Robert Koch-Institut, Kommission Polioeradikation:
Stellungnahme zum Nachweis infektiöser Polioviren (cVDPV2) im Abwasser
mehrerer deutscher Städte. Dezember 2024) machen nach Ansicht der
Fragestellenden deutlich, dass Finanzierungslücken ein globales wie auch nationales
Risiko darstellen. Über die Impfungen hinaus stärkt die GPEI
Gesundheitssysteme, unterstützt Epidemiebekämpfung und verbessert WASH-Infrastrukturen
(WASH = Wasser, Sanitär, Hygiene). Ihre kontinuierliche Finanzierung ist
somit sowohl für die globale Gesundheitssicherheit als auch für den Schutz der
öffentlichen Gesundheit in Deutschland unverzichtbar.
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung vom 30. Oktober 2025 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
1. Liegen der Bundesregierung Berechnungen oder Schätzungen dazu vor,
wie viele Kinder infolge der vorgesehenen Kürzungen bei den Beiträgen
zur GPEI nicht mehr geimpft werden, wenn ja, wie lauten diese, wenn
nein, plant die Bundesregierung, entsprechende Daten zu erheben, und
wenn nein, warum nicht?
Der Bundesregierung ist bewusst, dass die GPEI aktuell mit einer 30
prozentigen Kürzung des Gesamtbudgets für 2026 planen muss. Laut Schätzungen von
UNICEF gefährden die geringeren Mittel die Fortschritte bei der Polio-
Bekämpfung und können unter anderem zu Fachkräftemangel im
Gesundheitswesen oder Klinikschließungen führen. Dies kann das Risiko von Polioausbrüchen
erhöhen. Allerdings liegen der Bundesregierung derzeit keine Berechnungen
dazu vor, wie viele Kinder infolge der vorgesehenen Kürzungen nicht geimpft
werden können. Eine Datenerhebung ist seitens der Bundesregierung nicht
geplant. Daten zur Grundimmunisierung werden grundsätzlich durch die
nationalen Gesundheitssysteme erfasst und von WHO und UNICEF konsolidiert (vgl.
WHO Immunization Data Portal https://immunizationdata.who.int/).
Der GPEI Action Plan 2026 sieht verschiedene Maßnahmen zur
Effizienzsteigerung und Kostenreduktion vor, um die Auswirkungen geringerer Mittel
öffentlicher Geber auf die Impfaktivitäten zu begrenzen. Durch diese
Maßnahmen soll sichergestellt werden, dass Routineimpfungen fortgeführt und
Ausbrüche weiterhin effektiv bekämpft werden können (vgl. https://polioeradication.or
g/wp-content/uploads/2025/10/GPEI-Action-Plan-2026.pdf).
2. Liegen der Bundesregierung Berechnungen oder Schätzungen dazu vor,
mit wie vielen zusätzlichen Fällen von Polio-bedingter Lähmung als
mögliche Folge dieser Kürzungen zu rechnen ist, wenn ja, wie lauten
diese, wenn nein, plant die Bundesregierung, entsprechende Daten zu
erheben, und wenn nein, warum nicht?
Derartige Berechnungen oder Schätzungen liegen der Bundesregierung derzeit
nicht vor. Datenerhebungen hierzu liegen nicht im Aufgabenbereich der
Bundesregierung, sondern werden durch nationale Gesundheitssysteme und globale
Partner gewährleistet. Die Bundesregierung beobachtet jedoch die
Konsequenzen der Kürzungen und arbeitet mit GPEI zusammen, um Impfaktivitäten
aufrechtzuerhalten und effektiv auf Ausbrüche zu reagieren (siehe Antwort zu
Frage 1).
3. Wie bewertet die Bundesregierung das Wiederauftreten von Polio im
Gazastreifen und den Nachweis von Polioviren in deutschen
Abwasserproben im Jahr 2024?
Das Wiederauftreten von Polio im Gazastreifen im Juni 2024 zeigt, wie
Fragilität und Konflikt die Gefahr von Polio-Ausbrüchen weltweit verstärken. Vor
Kriegsbeginn infolge des Angriffs der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023
galt Gaza 25 Jahre lang als polio-frei. Die Impfquote lag bei 99 Prozent. Die
internationale Reaktion auf den Ausbruch zeigt aber auch die
Leistungsfähigkeit internationaler Kooperation: Gemäß WHO und UNICEF konnten zwischen
Oktober 2024 und Februar 2025 zwischen 560.000 und 603.000 Kinder unter
zehn Jahren mit der Impfkampagne erreicht werden.
Zwischen den Nachweisen im Gazastreifen und denen im Abwasser in
Deutschland besteht kein Zusammenhang. Es handelt sich um eine andere
Viruslinie als in Gaza. In Deutschland kommt – wie in allen Industrieländern –
nur noch der intramuskulär zu verabreichende inaktivierte Poliovirus-Impfstoff
(IPV) zum Einsatz. Die geimpfte Bevölkerung ist damit gut vor einer
Polioerkrankung geschützt.
Des Weiteren wird auf die Antwort der Bundesregierung, insbesondere zu den
Fragen 3, 6 und 15 der Kleinen Anfrage der Fraktion der AfD auf
Bundestagsdrucksache 21/1991 verwiesen.
4. Ist nach Auffassung der Bundesregierung sichergestellt, dass das Ziel der
weltweiten Polioausrottung trotz der 2025 angekündigten US-Kürzungen
und drohender Finanzierungslücken bei der GPEI nicht gefährdet wird?
Das Ziel, Polio auszurotten kann weiterhin erreicht werden. Die Kürzungen
könnten sich jedoch auf den anvisierten Zeitrahmen (bis 2029) für die
vollständige Ausrottung auswirken (vgl. https://polioeradication.org/wp-content/upload
s/2025/10/GPEI-Action-Plan-2026.pdf).
Die Erreichung der Polioausrottung hängt insbesondere auch von einer
fortgesetzten politischen Unterstützung durch die gesamte globale Gemeinschaft ab.
Hier sind auch positive Entwicklungen zu beobachten, wie der Einstieg neuer
Geber (Saudi-Arabien: Zusage iHv 500 Mio. Euro in 2024) und eine stärkere
Finanzierung von Polioimpfungen durch Länder mit mittlerem Einkommen.
5. Welche Beiträge und Maßnahmen hält die Bundesregierung in welchem
Zeitraum für erforderlich, um eine Zunahme von Polioerkrankungen zu
verhindern?
Die Polioausrottung basiert auf der schnellen Eindämmung von Ausbrüchen
und einer flächendeckenden Grundimmunisierung mit dem inaktivierten
Polioimpfstoff (inactivated polio vaccine, IPV), um weltweit gleichzeitig eine hohe
Bevölkerungsimmunität zu erreichen. Dazu gehören fortlaufende
Informationskampagnen und die Einbettung von Polioimpfungen in Grundimmunisierungen
und nationalen Basisgesundheitsdienstleistungen.
Um die Ausrottung zu erreichen, arbeitet GPEI zudem eng mit der Impfallianz
Gavi zusammen, die ihren Partnerländern den inaktivierten Polioimpfstoff zur
Verfügung stellt. Deutschland unterstützt Gavi als einer der größten
Beitragszahler und setzt sich erfolgreich dafür ein, das Budget für den Impfstoff
weitgehend vor Kürzungen zu schützen und eine schrittweise Kofinanzierung durch
Umsetzungsländer einzuführen, um Polioausrottung auf ein breiteres und
nachhaltigeres Fundament zu stellen.
6. Welche Rolle misst die Bundesregierung dabei der GPEI bei, und wie
spiegelt sich das Ziel der Polioausrottung in der internationalen
Gesundheitspolitik Deutschlands, etwa im Rahmen von G7 oder G20, wider?
Die internationalen Anstrengungen zur Ausrottung von Polio werden bei GPEI
gebündelt. Deutschland ist derzeit drittgrößter staatlicher Geber (hinter USA
und Großbritannien) und hat seit der Gründung der GPEI bis einschließlich
2024 insgesamt fast 900 Mio. USD bereitgestellt.
Die Bundesregierung bekennt sich in ihrer Strategie zur globalen Gesundheit
ausdrücklich zur zügigen Umsetzung der endgültigen Polio-Ausrottung und
unterstützt die leitende Rolle der WHO im globalen Steuerungsprozess. Das Ziel
der Polio-Ausrottung ist entsprechend in der internationalen Gesundheitspolitik
Deutschlands verankert. Im Rahmen der G7 und G20 setzt sich Deutschland
dafür ein, dass das Thema Polioausrottung aufgegriffen und internationale
Verpflichtungen bekräftigt und umgesetzt werden.
7. Wie begründet die Bundesregierung die im Haushaltsentwurf 2026
vorgesehenen Kürzungen bei den Beiträgen zu Initiativen und Programmen
der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die als Partnerorganisation der
GPEI seit Jahrzehnten die weltweite Poliobekämpfung koordiniert, und
wie bewertet sie diese Kürzungen im Hinblick auf das erklärte Ziel, die
WHO in ihrer derzeitigen schwierigen Situation aufgrund von
Finanzierungslücken besonders zu unterstützen?
Deutschland zählt zu den größten Gebern der WHO und hat die Organisation in
den vergangenen Jahren sowohl mit Pflichtbeiträgen als auch mit erheblichen
freiwilligen, überwiegend nicht zweckgebundenen Mitteln unterstützt, um ihr
eine größere finanzielle Handlungsfähigkeit zu ermöglichen.
Die im Haushaltsentwurf 2026 vorgesehenen Anpassungen betreffen die
globalen Ausgabenansätze des Bundesministeriums für Gesundheit und stehen im
Kontext der allgemeinen Haushaltskonsolidierung. Sie stellen keine
Neubewertung des politischen Stellenwerts der WHO oder der Polio-Bekämpfung dar.
Ungeachtet dessen wird Deutschland sich weiterhin für eine nachhaltige
Finanzierung einsetzen und bleibt ein verlässlicher Partner in den globalen
Bemühungen zur Ausrottung von Polio.
8. Mit welchen Auswirkungen rechnet die Bundesregierung im Falle
erheblicher Kürzungen bei der finanziellen Ausstattung des Polioprogramms
für die von der WHO auch für andere Infektionskrankheiten geleistete
Arbeit im Bereich Krankheitsüberwachung („disease surveillance“)?
Grundsätzlich bereitet sich die GPEI darauf vor, bereits prognostizierte
Auswirkungen auf den Bereich der Polio-Überwachung durch strategische
Maßnahmen der Effizienzsteigerung abzumildern (vgl. Global Polio Surveillance
Action Plan 2025-2026: www.who.int/publications/b/76243).
Darüber hinaus sind bislang keine signifikanten Auswirkungen aufgrund der
Kürzung von WHO-Mitteln auf andere Infektionskrankheiten ersichtlich.
9. Plant die Bundesregierung, die deutschen Beiträge zur GPEI in den
kommenden Jahren wieder zu erhöhen, um das Ausrottungsziel nicht zu
gefährden, und wenn ja, in welchem Umfang?
Das Haushaltsaufstellungsverfahren für die Jahre 2027 ff. hat noch nicht
begonnen. Entscheidungen über den deutschen Beitrag sind unter anderem
abhängig von der Mittelausstattung im Einzelplan 23 (BMZ).
10. Plant die Bundesregierung Maßnahmen, um die negativen Auswirkungen
der Kürzungen für die von Polio betroffenen Länder zu kompensieren,
beispielsweise durch Umschichtungen, Sonderbeiträge oder
internationale Kooperationen, wenn ja, welche, und wenn nein, warum nicht?
Aufgrund der sinkenden Mittel im Einzelplan 23 sind Umschichtungen oder
Sonderbeiträge derzeit nicht geplant.
11. Inwiefern bemüht sich die Bundesregierung darum, etwaige
Veränderungen des deutschen Beitrags zur GPEI frühzeitig und langfristig mit
anderen relevanten Gebern abzustimmen?
Die Bundesregierung stimmt sich strategisch eng mit den anderen staatlichen
Gebern ab. Staatliche Geber teilen sich im Verwaltungsrat einen gemeinsamen
Sitz und sprechen dort mit einer Stimme. Dafür erfolgt eine enge und
kontinuierliche Koordinierung.
12. Über welche Mechanismen stellt die Bundesregierung sicher, dass
zwischen den im Bereich der GPEI relevanten Ressorts – insbesondere dem
Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und dem Bundesministerium
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) – eine enge
Koordination im Hinblick auf von der WHO implementierte Maßnahmen
wie Krankheitsüberwachung und Epidemiebekämpfung gewährleistet
ist?
Eine Koordinierung der Aktivitäten mit Blick auf die Polio-Bekämpfung, die
Aktivitäten der GPEI und die damit verbundenen Maßnahmen der WHO
erfolgt u. a. im Rahmen der regelmäßig stattfinden „Ressortrunde Globale
Gesundheit“.
13. Plant die Bundesregierung, in der Entwicklungszusammenarbeit gezielt
Projekte zu fördern, die neben der Poliobekämpfung auch die Stärkung
lokaler Gesundheitssysteme, WASH-Maßnahmen sowie den Kampf
gegen andere Infektionskrankheiten umfassen?
Die Bundesregierung fördert im Rahmen ihrer Entwicklungszusammenarbeit,
der Strategie zur Globalen Gesundheit sowie der EU Global Health Strategie
den Ausbau leistungsfähiger und robuster Gesundheitsstrukturen in den
Partnerländern. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser und sicherer
Sanitärversorgung sind grundlegende Voraussetzungen für funktionsfähige
Gesundheitsstrukturen.
14. Inwiefern reiht sich die geplante Kürzung bei der GPEI in weitere
Kürzungen im Bereich der globalen Gesundheit ein, etwa beim Globalen
Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria, und welche Folgen hat dies
für die Rolle der globalen Gesundheit in der deutschen
Entwicklungspolitik insgesamt?
Trotz der sinkenden Mittel im Einzelplan 23 und den daraus resultierenden
Kürzungen bleibt Deutschland ein verlässlicher Partner in der globalen
Gesundheit und ist aktuell der größte Geber in diesem Bereich. Für die
Wiederauffüllung des Globalen Fonds hat Deutschland 1 Mrd. Euro für den Zeitraum
2026 bis 2028 zugesagt. Bei Gavi stellt Deutschland 600 Mio. Euro für den
Zeitraum 2026 bis 2030 zur Verfügung.
Die großen Lücken durch den Rückzug der USA aus der Globalen Gesundheit
können jedoch nicht kompensiert werden. Sinkende Mittel werden sich deshalb
auch auf den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen weltweit auswirken. Aus
diesem Grunde setzt sich Deutschland mit seinen Partnern für eine Reform der
Globalen Gesundheitsarchitektur ein, um die Eigenanteile der Partnerländer zu
erhöhen, Synergien zu hebeln und Effizienz weiter zu steigern.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]