Auswirkungen der US-Finanzierungskürzungen auf globale HIV/AIDS-Programme und die Rolle der Bundesregierung (Antwort zu Drs. 21/484)
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Auswirkungen der US-Finanzierungskürzungen auf globale HIV/AIDS-Programme und die Rolle der Bundesregierung (Antwort zu Drs. 21/484)
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/722
21. Wahlperiode 30.06.2025
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Maren Kaminski, Maik Brückner, Gökay
Akbulut, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke
– Drucksache 21/484 –
Auswirkungen der US-Finanzierungskürzungen auf globale HIV/AIDS-Programme
und die Rolle der Bundesregierung
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Seit Anfang 2025 haben die Vereinigten Staaten von Amerika im Rahmen
ihrer außenpolitischen Neuausrichtung weitreichende Kürzungen der
Finanzierung von HIV/AIDS-Programmen vorgenommen. Diese Maßnahmen
betreffen vor allem Programme, die bisher im Rahmen des „President’s
Emergency Plan for AIDS Relief“ (PEPFAR) und über die United States Agency
for International Development (USAID) in über 50 Ländern weltweit
gefördert wurden. Laut dem Gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen zu
HIV/AIDS (UNAIDS) drohen dadurch massive Versorgungsabbrüche in der
HIV-Prävention, HIV-Diagnostik und HIV-Behandlung, insbesondere in
Ländern des Globalen Südens wie Äthiopien, Mosambik, Namibia, Guatemala
und Südafrika. Erste von UNAIDS veröffentlichte Modellierungen errechnen
bis 2029 4,2 Millionen zusätzliche Tote und bis 2040 ohne Mitigation bis zu
28 Millionen Tote (Quelle: UN AIDS, Estimating the potential impact of HIV
Response disruption, www.unaids.org/en/impact-US-funding-cuts Genf, Mai
2025).
Diese Entwicklung gefährdet nicht nur Jahrzehnte an Fortschritten im Kampf
gegen die HIV-Epidemie, sondern auch den internationalen Konsens zur
Erreichung der UNAIDS-Ziele („95-95-95“) bis 2025. Deutschland ist im Rahmen
multilateraler Organisationen wie dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von
AIDS, Tuberkulose und Malaria (GFATM) sowie über bilaterale
Entwicklungszusammenarbeit in der globalen HIV-Bekämpfung aktiv.
1. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über Umfang und
geografische Verteilung der Kürzungen durch die US-Regierung bei HIV/AIDS-
Programmen (insbesondere PEPFAR und USAID)?
Die USA sind traditionell der größte Einzelgeber im Bereich HIV/AIDS. Im
Jahr 2024 stellten sie 5,4 Mrd. US-Dollar zur Bekämpfung von HIV/AIDS zur
Verfügung. Hierzu zählen die Beiträge durch das HIV-Hilfsprogramm der USA
– the US President's Emergency Plan for AIDS Relief (PEPFAR) und die
United States Agency for International Development (USAID) sowie durch inter-
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung vom 27. Juni 2025 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
nationale Organisationen wie das Gemeinsame Programm der Vereinten
Nationen für HIV/AIDS (UNAIDS) oder dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von
AIDS, Tuberkulose und Malaria (GFATM).
Kürzungen soweit bekannt im Überblick:
• PEPFAR-Fördermittel wurden zunächst komplett eingefroren. Am 28.
Januar 2025 wurde eine eingeschränkte Ausnahmeregelung für lebensrettende
HIV-Dienste angekündigt. Es wird aber über Schwierigkeiten bei der
praktischen Umsetzung auf Länderebene berichtet. Am 30. Mai 2025
veröffentlichte die US-Regierung einen Haushaltsantrag, der eine Kürzung der
PEPFAR-Mittel in Höhe von 1,9 Mrd. US-Dollar (von zuvor 2,9 Mrd. US-
Dollar) vorsieht. Die endgültige Höhe der Mittel wird vom Kongress
festgelegt.
• USAID: 86 Prozent aller USAID-Leistungen wurden gestrichen, darunter
71 Prozent der Leistungen mit HIV-Aktivitäten (insgesamt 379 von 770
globalen Gesundheitsprojekten).
• GFATM: die USA haben für den aktuellen Finanzierungszyklus bis zu
6 Mrd. US-Dollar zugesagt. Diese Mittel sind bisher nicht vollständig
ausgezahlt.
• UNAIDS: die USA waren der größte Geber von UNAIDS, verantwortlich
für über 40 Prozent aller Beiträge, inklusive 50 Mio. US-Dollar in
Kernbeiträgen und 42 Mio. US-Dollar in zweckgebundenen Mitteln (2024). Die
USA haben im Februar alle Finanzierungsverträge mit UNAIDS beendet.
Das Programm UNAIDS wird infolge der Kürzungen sein Personal auf
etwa die Hälfte und seine Länderpräsenz von 75 auf 36 Länder reduzieren.
Zur geografischen Verteilung siehe Antwort zu Frage 2.
2. Welche konkreten Länder und Zielgruppen sind nach Kenntnis der
Bundesregierung am stärksten betroffen?
Insgesamt betreffen die Kürzungen von PEPFAR mehr als 50 Länder.
Besonders betroffen sind Länder in Ostafrika und im südlichen Afrika (z. B. Malawi,
Simbabwe, Mosambik, Südafrika), wo PEPFAR einen Großteil der HIV-
Programme finanziert. Ebenfalls betroffen sind die Ukraine und Länder in
Lateinamerika und der Karibik (z. B. Kolumbien, Peru, Dominikanische Republik,
Jamaika).
Betroffen sind in diesen Ländern alle Menschen, die bereits mit HIV infiziert
sind oder ein Risiko haben, sich neu zu infizieren. Frauen und sogenannte
Schlüsselgruppen wie Sexarbeitende, Drogenkonsumentinnen und -
konsumenten, Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), Gefängnisinsassinnen und
-insassen und Transgender-Personen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für
eine Neuinfektion. Diese und andere benachteiligte Bevölkerungsgruppen wie
Menschen mit Behinderung, Migrantinnen und Migranten, Menschen auf der
Flucht und in Armut lebende Menschen werden häufig stigmatisiert und haben
oft unzureichenden Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen. Daher ist zu
erwarten, dass sie besonders von den Folgen der finanziellen Kürzungen
betroffen sein werden.
3. Welche Folgen erwartet die Bundesregierung hinsichtlich der globalen
HIV-Neuinfektionen und AIDS-bedingten Todesfälle durch die
Kürzungen?
Die Bundesregierung stützt sich in Bezug auf HIV/AIDS auf die Daten und
Prognosen zu Auswirkungen, die die relevanten VN-Institutionen, insbesondere
UNAIDS, dazu berechnet haben (siehe Antwort zu Frage 4).
Die Bundesregierung erwartet dementsprechend Rückschritte unter anderem in
der HIV-Prävention, medizinischen Versorgung und Behandlung mit
antiretroviralen Medikamenten und Entwicklung von Innovationen und dadurch einen
Anstieg an HIV-Neuinfektionen und Todesfällen, sollte die US-Unterstützung
für diesen Bereich in vollem Umfang permanent ausgesetzt werden.
4. Kennt die Bundesregierung die Prognose von UNAIDS, wonach
zwischen 2025 und 2029 bis zu 6,6 Millionen zusätzliche HIV-Infektionen
und 4,2 Millionen AIDS-Tote entstehen könnten, und hat sie eine eigene
Bewertung dazu?
Der Bundesregierung ist die Prognose bekannt und sie nimmt die Einschätzung
ernst.
5. Welche diplomatischen Schritte hat die Bundesregierung unternommen,
um die US-Regierung auf die Konsequenzen der Kürzungen
hinzuweisen?
Die Bundesregierung setzt den Austausch mit der US-Regierung unter den
neuen Bedingungen fort. Dabei weist sie nachdrücklich auf die Bedenken
hinsichtlich der Konsequenzen der Programmbeendigungen hin.
6. Plant die Bundesregierung, gemeinsam mit EU-Partnern oder im
Rahmen multilateraler Gremien (z. B. World Health Organisation (WHO),
UNAIDS, GFATM) auf eine Kompensation der Kürzungen hinzuwirken?
Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass die Folgen der Kürzungen
soweit möglich aufgefangen werden, u. a. durch Eigenbeiträge der Länder, durch
Beiträge neuer Geber und der Privatwirtschaft. Dazu stehen wir im engen
Austausch mit anderen Mitgliedsstaaten und Gebern, um diese zu ermutigen, ihre
eigenen Beiträge zu erhöhen.
Die Bundesregierung arbeitet eng mit dem Globalen Fonds, UNAIDS und
anderen Partnern zusammen, um die Weiterführung der HIV/AIDS-Reaktion zu
sichern. Wir setzen uns vor allem dafür ein, dass die zur Verfügung stehenden
Mittel strategisch eingesetzt und die Effektivität der Maßnahmen weiter
gesteigert werden.
Ferner muss es bei UNAIDS darum gehen, einen geordneten Übergang zu
ermöglichen, im Zuge dessen UNAIDS die Übergabe vieler seiner Kompetenzen
an andere VN-Organisationen durchführen kann. Hierbei unterstützen wir
UNAIDS.
7. Inwiefern plant die Bundesregierung, durch eigene finanzielle Mittel
oder Programmumsteuerung besonders betroffene Länder oder
Bevölkerungsgruppen zu unterstützen?
Die Bundesregierung orientiert sich an den mit den Partnerländern langfristig
vereinbarten Schwerpunkten und Zielen. Es wird systematisch versucht, in
enger Absprache mit den Partnerregierungen überall dort so gut wie möglich zu
unterstützen, wo sich sinnvolle Anknüpfungspunkte zum bilateralen Portfolio
ergeben.
8. Inwieweit wird das Thema der Finanzierung globaler
Gesundheitsprogramme, insbesondere HIV/AIDS, im Rahmen des G7/G20-Prozesses
derzeit behandelt?
Das Thema der Finanzierung globaler Gesundheitsprogramme wird regelmäßig
im Rahmen der G7- und G20-Prozesse behandelt, so beispielsweise unter dem
aktuellen südafrikanischen G20-Vorsitz. Südafrika ist mit Großbritannien
Ausrichter der anstehenden Wiederauffüllung des Globalen Fonds zur Bekämpfung
von HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria für den Zeitraum 2026 bis 2028.
9. Wie bewertet die Bundesregierung die Rolle des Globalen Fonds zur
Stabilisierung der Versorgung in betroffenen Ländern?
Die Bundesregierung bewertet die bisher ergriffenen Maßnahmen des Globalen
Fonds als wichtig und relevant. Durch seine Investitionen in Programme zur
Bekämpfung von HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria sowie zur
Gesundheitssystemstärkung trägt der Globale Fonds entscheidend zur Aufrechterhaltung
lebensrettender Maßnahmen in betroffenen Ländern bei. Die Bundesregierung
betrachtet ihn dabei als zentralen Akteur zur Stabilisierung der Versorgung in
diesen Ländern.
Hierbei arbeitet der Globale Fonds eng mit Organisationen der Zivilgesellschaft
zusammen und so können auch weiterhin marginalisierte Gruppen erreicht
werden.
10. Plant die Bundesregierung, ihre Beiträge an den Globalen Fonds oder an
UNAIDS im Lichte der US-Kürzungen zu erhöhen?
Die Bundesregierung war in den vergangenen Jahren ein verlässlicher Partner
der HIV/AIDS-Reaktion. Auch in ihrem Koalitionsvertrag hält die
Bundesregierung fest, den Ausbruch und die Ausbreitung von Krankheiten im
Globalen Süden eindämmen zu wollen. In welcher Höhe zukünftig Beiträge an den
Globalen Fonds und UNAIDS bereitgestellt werden, wird von den
Verhandlungen des Bundeshaushalts abhängen. Die Bundesregierung setzt sich dafür ein,
die Beiträge an UNAIDS stabil zu halten.
11. Plant die Bundesregierung auch, das Instrument der
Schuldenumwandlung, insbesondere die Initiative Debt2Health, einzusetzen, und wenn ja,
in welcher Höhe?
Zukünftige Schuldenumwandlungen stehen unter Haushaltsvorbehalt und
bedürfen der Zustimmung des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages
sowie einer Vereinbarung mit dem jeweiligen Schuldnerland.
12. Welche bilateralen HIV/AIDS-bezogenen Programme fördert die
Bundesregierung aktuell (bitte nach Ländern und Volumen aufschlüsseln)?
Für detaillierte Informationen über alle seit 2013 durchgeführten Projekte und
Programme im Bereich der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit mit
(Schwerpunkt Thema/Land) wird auf das Transparenzportal verwiesen: www.tr
ansparenzportal.bund.de/de/detailsuche?country=BR&date_min=2013-01-01.
Es wird ferner auf die öffentlich zugängliche Datenbank der Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic
Cooperation and Development, OECD) verwiesen. Dort können die Daten
unter Eingabe der entsprechenden Parameter nach Jahren aufgeschlüsselt
abgerufen und ausgewertet werden (Donor: Germany, Recipient: developing
countries).
Die multilateralen öffentlichen Entwicklungsleistungen (Official Development
Assistance, ODA) sind unter https://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=T
ABLE2A und die bilaterale ODA inklusive Projekteinzeldaten bis 2021 nach
der seit 2018 gültigen Methodik unter https://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSet
Code=CRS1 veröffentlicht. Die ODA-Daten für 2024 werden voraussichtlich
Ende 2025 vorliegen.
13. Welche Anpassungen in der strategischen Ausrichtung der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit im Bereich globale Gesundheit sind
angesichts der US-Kürzungen geplant?
Die Entwicklungszusammenarbeit im Bereich der globalen Gesundheit hat sich
bereits in den vergangenen Jahren auf die Stärkung von Gesundheitssystemen
konzentriert, um eine stabile Basis zu schaffen, sämtliche Herausforderungen
im Gesundheitsbereich kurzfristig und flexibel adressieren zu können. Auch in
unserem Engagement im Globalen Fonds wirken wir darauf hin, dass eine
stärkere Integration in die Basisgesundheitsversorgung erfolgt. Dies werden wir
verstärken. Parallel werden im Lichte der US-Kürzungen weitere
Effizienzsteigerungen angestrebt, z. B. durch eine engere Kooperation der Akteure. Zudem
wird der Fokus stärker auf der Befähigung der Partnerländer zur
Unabhängigkeit von externer Finanzierung gelegt.
14. Wie stellt die Bundesregierung sicher, dass marginalisierte Gruppen
(z. B. LGBTIQ+, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter,
Drogengebraucherinnen und Drogengebraucher), die besonders von Kürzungen betroffen
sind, weiterhin Zugang zu lebenswichtigen HIV-Diensten erhalten?
Die Sicherstellung des Zugangs der o. g. marginalisierten Gruppen zu
lebenswichtigen HIV-Diensten ist eine der Prioritäten Deutschlands. Die
Bundesregierung setzt sich im Rahmen der globalen HIV/AIDS-Reaktion regelmäßig
dafür ein, die Rechte dieser Schlüsselgruppen zu schützen, u. a. durch das
starke Engagement Deutschlands in Entscheidungsgremien von UNAIDS und des
Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria
(GFATM).
Anfang des Jahres 2025 hat die Bundesregierung ferner für UNAIDS 1,2 Mio.
Euro bereitgestellt, um die Arbeit mit LGBTI-Communities zu stärken.
Die Bundesregierung setzt sich insgesamt für die Rechte von LGBTIQ+-
Personen ein und im Zuge dessen auch für deren Zugang zu wichtigen
Dienstleistungen. Grundlagen dafür sind vor allem das Menschenrechtskonzept der
deutschen Entwicklungspolitik sowie das LSBTI-Inklusionskonzept für die Auswär
tige Politik und Entwicklungszusammenarbeit, in dem sich Deutschland
vorgenommen hat, im internationalen menschenrechtlichen Dialog eine Vorreiterrolle
für die Achtung, den Schutz und die Gewährleistung der Menschenrechte von
LGBTIQ+-Personen einzunehmen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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