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Rede von Dr. Franziska Kersten (SPD) – Vereinbarte Debatte

dip / rede 24.09.2026 · WP 21 · Original ↗

Teil von Protokoll der 96. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 18: Vereinbarte Debatte:.

Das Protokoll 21/96 liegt bei DIP nur als Vorabfassung vor: Der Text endet vor dem Schluss der Sitzung, zu Protokoll gegebene Reden fehlen in polradar (der endgültige Bericht war für den 29.09.2026 angekündigt). Vollständig im Plenarprotokoll (PDF) ↗.

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Text

Rede von Dr. Franziska Kersten (SPD) – Vereinbarte Debatte Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Leider reicht meine Zeit nicht aus, um diesen ganzen, na ja, Unsinn hier zu widerlegen. – Als ich 1968 in der Lutherstadt Wittenberg geboren wurde, also in der DDR, stand die Mauer zwischen Ost und West schon über sieben Jahre. Ich bin groß geworden mit dem Fakt, dass ich mein Land nur in eine Richtung verlassen konnte und die andere Richtung nicht nur Konsequenzen für mich, sondern auch für meine Familie gehabt hätte. Ich bin aber auch groß geworden mit der Geschichte meines Onkels Hubert, der als gerade fertig gelernter Fleischergeselle die Flucht über die Ostsee wagte. Er besuchte meine Mutter, die damals an der Ostsee lebte, kaufte in Stralsund ein Faltboot und kundschaftete mit Freunden die Küste aus. An einem Abend im August 1962 machte er sich dann mit seinem Freund Mike auf den Weg. Als die Flucht bemerkt wurde, wurde meine Mutter verhaftet und verhört – im Nachthemd. Ganze vier Tage musste sie warten, um einen befreienden Anruf aus Lübeck zu bekommen, dass die Flucht wirklich gelungen war. Damit wurde ich also groß: der Geschichte vom Streben nach Freiheit, selbst wenn es gefährlich war. Die Flucht aus der DDR gelang aber nicht allen, und auch schon vor dem Mauerbau 1961 kamen Menschen an der innerdeutschen Grenze und an der Berliner Mauer gewaltsam ums Leben. Die genaue Anzahl der Todesopfer ist umstritten, schwankt von einigen Hundert bis fast 2 000. Aber jedes einzelne Menschenleben war eins zu viel. Ich kann deswegen auch der sogenannten Ostalgie und den DDR-Flaggen, die jetzt in manchen Schrebergärten in meiner Heimat Sachsen-Anhalt wieder häufiger wehen, sehr wenig abgewinnen. Heute gedenken wir zuallererst der Mauertoten und aller gescheiterten Fluchtversuche. Ich danke insbesondere der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft sowie der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Stasi-Unterlagen-Archiv für ihre wichtige Arbeit. Ich selbst hatte das große Glück, an den Montagsdemonstrationen in Leipzig teilzunehmen und den Fall der Mauer und die Öffnung der Grenzen mitzuerleben. Der größte Glücksfall unserer Geschichte! Aber bei aller Freude über die deutsche Wiedervereinigung vergessen wir manchmal eins: dass sie immer im Kontext des europäischen Kampfes um Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenrechte zu sehen ist. Der Mauerfall steht in einer historischen Linie mit der ungarischen Revolution von 1956, dem Prager Frühling von 1968, der Solidarność-Bewegung in Polen und schließlich den Friedlichen Revolutionen in der DDR und in Ostmitteleuropa 1989 und 1990. Für mich ist das beste Sinnbild heute dafür das Grüne Band, der Streifen Land entlang der ehemaligen Grenze des Kalten Krieges. Er verläuft eben nicht nur in Deutschland, sondern reicht vom Eismeer im Norden Norwegens bis zum Schwarzen Meer an der Grenze zur Türkei. Ja, Ost und West sind bis heute noch in vielen Aspekten geteilt und werden es in manchen Aspekten auch noch lange sein. Aber das Grüne Band zeigt auch, dass es anders geht. In einem Artikel für die Zeitung „Politik & Kultur“ habe ich darüber geschrieben, wie durch die gemeinsamen Projekte entlang der grünen Grenze die Menschen aus Ost und West wieder zusammenwachsen und gewachsen sind. Es geht! Ich wünsche deshalb dem Antrag auf UNESCO-Natur- und Kulturerbe am Grünen Band allen Erfolg. Und lassen Sie mich zum Abschluss noch eins sagen: Wir schauen nach vorn, gerade in Sachsen-Anhalt. Im Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation, das in Halle entsteht, werden wir die Zeit der Wende aufarbeiten und dabei gerade die Leistungen der Ostdeutschen für unsere Demokratie würdigen. Denn so stärken wir unsere Demokratie gemeinsam für die Zukunft – als Ost und West.

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