Rede von Gernot Erler (Staatsminister im Auswärtigen Amt) – Plenarprotokoll 16/95
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Gernot Erler (Staatsminister im Auswärtigen Amt) – Plenarprotokoll 16/95
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die
Bundesregierung hat am 28. März beschlossen, das
UNMIS-Mandat bis zum 15. November dieses Jahres
zu verlängern, um die Umsetzung des Nord-Süd-
Friedensabkommens im Sudan weiter unterstützen zu
können. Das Mandat bleibt unverändert. Wir erwarten den
Sicherheitsratsbeschluss für eine Verlängerung um sechs
Monate bis zum nächsten Montag. Unser Antrag sieht
dieses Mal eine Dauer von sieben Monaten vor, damit
wir bei der zu erwartenden nächsten Verlängerung durch
die Vereinten Nationen nach der UNO-Entscheidung im
Deutschen Bundestag unseren konstitutiven Beschluss
treffen können. Die Obergrenze liegt weiter bei 75
einzusetzenden Kräften. Im Augenblick – das ist erwähnt
worden – sind es 38 Soldaten und fünf Polizisten, die
dort ihren Dienst tun. Die Aufgabe lautet Beobachtung
und Kontrolle, um die weitere Umsetzung dieses
wichtigen Friedensabkommens sicherzustellen.
Was ist der bisherige Stand des CPA? Es gibt
Fortschritte beim Rückzug der Konfliktparteien. Das hat
UNMIS ermöglicht, sich aus dem Osten der Region
– aus Kassala – zurückzuziehen. Es vollzieht sich ein
Prozess der Rückkehr der Flüchtlinge; aber er ist noch
zögerlich. Es gibt einen wichtigen Fortschritt bei der
Beendigung des Terrors, der von der LRA, der Lord’s
Resistance Army, also von ugandischen Rebellen, ausgeht.
Es hat gerade gestern wieder Gespräche gegeben; die
Südregierung vermittelt erfolgreich.
Aber nach wie vor ist die internationale
Unterstützung zur Umsetzung des Friedensabkommens
notwendig. Es ist noch nicht gelungen – wir streben das an –,
integrierte Verbände aus den früheren kämpfenden
Gruppen zu bilden. Es gibt immer wieder – Kerstin
Müller hat gerade wieder darauf hingewiesen –
aufflammende Kämpfe, zum Beispiel im November letzten
Jahres in Malakal.
Natürlich steht dies in einem Gesamtkontext zu der
Situation im Sudan. Ich kann nur sagen: Die Situation ist
nach wie vor beunruhigend, ja in Darfur sogar
bestürzend.
Staatsminister Gernot Erler(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Die nüchternen Zahlen lassen das Ausmaß des Elends
allenfalls ahnen. Sie lauten: bis zu 300 000 Tote, mehr als
2 Millionen Flüchtlinge, allein im letzten Jahr 250 000
zusätzliche Flüchtlinge. 4 Millionen Menschen sind von
Hilfe von außen abhängig. 1 Million Menschen werden
von der Hilfe von außen gar nicht mehr erreicht. Jede
Woche gibt es Angriffe auf und Beraubungen von
Helfern. Die Übergriffe der Aktivitäten auf den Tschad und
die Zentralafrikanische Republik haben längst zu einer
Regionalisierung der Instabilität geführt. Bisher ist es
leider nicht gelungen, auch hier eine UN-Mission
wirksam einzusetzen.
Es ist zu begrüßen, dass nach langem Ringen mit der
sudanesischen Regierung nun eine Zustimmung zur
zweiten Phase, zur Erweiterung der AMIS-Mission, also der
Mission der Afrikanischen Union, stattfinden kann. Aber
es wird noch schwierig sein, die 3 000 Soldaten, die
AMIS verstärken sollen, zu rekrutieren und die
entsprechende Logistik und Finanzierung sicherzustellen. Vor
dem Spätsommer wird das nicht der Fall sein. Deswegen
gibt es keine andere Alternative, als die AMIS-Mission
– sie reicht leider nicht aus, um die Bevölkerung wirklich
zu schützen – fortzuführen. Es gehört zu den Erfolgen der
deutschen EU-Ratspräsidentschaft, dass wir es – auch
durch das gute Beispiel Deutschlands, das 20 bis
25 Millionen Euro zur Verfügung stellen wird – geschafft
haben, die Finanzierung sicherzustellen.
Parallel dazu finden intensive Bemühungen statt, die
Rebellengruppen untereinander in einen
Verständigungsprozess zu führen und sie möglichst dazu zu bringen,
dass sie das DPA, also das Darfur Peace Agreement,
akzeptieren und sich damit gemeinsam auf eine
Friedenskonzeption verständigen.
Insgesamt haben wir hier eine komplexe Aufgabe vor
uns. Sie umfasst mindestens sechs Felder bzw.
Herausforderungen:
Einmal geht es darum, weiter Gespräche mit der
sudanesischen Regierung zu führen, damit sie der dritten
Phase der hybriden, gemeinsamen Mission aus
afrikanischen und UN-Kräften mit über 20 000 Soldaten
zustimmt.
Zweitens ist nach wie vor Druck auszuüben. Das
passiert in den Reihen der Vereinten Nationen mit der
Debatte über Sanktionen. Ich darf Ihnen, Frau Schuster,
Frau Müller und Herrn Fischer, deutlich sagen: Natürlich
ist das ein unglaublicher Missbrauch der
hochangesehenen UN-Symbole. Das kann so nicht bleiben.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Aber wir haben zu respektieren, dass sich die Vereinten
Nationen entschlossen haben, das erst einmal genau zu
untersuchen.
Dann wird es eine angemessene Reaktion geben, an der
natürlich auch wir uns beteiligen werden. Drittens liegt die Arbeit mit den Rebellen vor uns, um
sie gemeinsam auf ein Friedenskonzept zu verpflichten.
Es gibt viertens die Aufgabe, AMIS weiter zu befähigen,
und fünftens die Aufgabe, das UN-Paket auch
tatsächlich einsatzfähig zu machen. Man darf nicht
unterschätzen, was das bedeutet. Das sechste Arbeitsfeld umfasst
die Fortsetzung der humanitären Hilfe zum konkreten
Schutz der in Not befindlichen, wehrlosen Bevölkerung.
Ich finde, diese Debatte sollte auch Anlass sein,
unseren hohen Respekt vor und unseren Dank für den Mut
der zivilen Helfer, die in dieses Land gehen, zum
Ausdruck zu bringen.
All das ist komplex und langwierig, und der Erfolg ist
keineswegs sicher. Aber gerade deswegen brauchen wir
UNMIS weiter. Deshalb bittet die Bundesregierung Sie,
der Verlängerung dieses Mandates zuzustimmen. Denn
alle diese Aufgaben lassen sich nur dann lösen, wenn es
wenigstens beim Nord-Süd-Konflikt gelingt, den
Friedensweg weiterzugehen. Dazu ist die internationale
Hilfe mit UNMIS weiterhin notwendig. Wir bitten Sie
um Ihre Zustimmung.
Vielen Dank.