Rede von Metin Hakverdi (SPD) – Emmerich, Lukas Benner, Dr. Irene Mihalic,
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 4: Emmerich, Lukas Benner, Dr. Irene Mihalic,.
Text
Rede von Metin Hakverdi (SPD) – Emmerich, Lukas Benner, Dr. Irene Mihalic,
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Die Welt um uns herum wird unsicherer.
Russland führt weiterhin mit aller Härte Krieg gegen die
Ukraine. China tritt zunehmend selbstbewusster und
konfrontativer auf. Auch die USA, wenngleich weiterhin
einer unserer wichtigsten Partner, werden
unberechenbarer. Weltweit spitzen sich Konflikte zu. Das
multilaterale, offene, globalisierte System wird zunehmend von
einer Ordnung herausgefordert, die von Kalkül,
Interessen und Macht geprägt ist. Sicher geglaubte globale
Zusammenhänge wie Lieferketten und Energiewege sind
eben nicht mehr sicher. Unser Wirtschaftsmodell und
der Wohlstand, den es für unsere Gesellschaft bringt,
sind zunehmend unter Druck im Angesicht dieser
Herausforderungen. Das gilt auch für unsere Sicherheit.
Darauf müssen wir reagieren. Dabei sind Wirtschaft
und Sicherheit eng miteinander verzahnt. Globale
Lieferketten sind eine zentrale Stütze unserer Wirtschaft. Sie
stehen dabei auch für strategische Abhängigkeiten. Mit
neuen Freihandelsabkommen wie dem Abkommen
zwischen der EU und den Mercosurstaaten diversifizieren
wir unsere Lieferketten, reduzieren Abhängigkeiten von
einzelnen Akteuren und erschließen neue, dringend
benötigte Wirtschaftsräume. Wir brauchen Wachstum.
Ansonsten werden wir unsere notwendigen Investitionen in
unsere Infrastruktur und Verteidigungsfähigkeit
langfristig nicht finanzieren können. Wir brauchen verlässliches
Wachstum, verlässlich und unabhängig von Gefahren für
komplexe und globale Lieferketten.
Dazu ist es auch notwendig, dass wir unsere
Wirtschaftsbeziehungen so ausrichten, dass wir mit Partnern
auf der ganzen Welt unsere Kooperation dort vertiefen,
wo wir gemeinsame Interessen teilen. Die
Mercosurstaaten sind solche Partner, mit denen Deutschland und
Europa schon heute viele gemeinsame Interessen teilen. Wir
können hier auf vorhandene Wirtschaftsbeziehungen
aufbauen und auch in strategischen Sektoren noch enger
zusammenarbeiten, beispielsweise beim Thema
„kritische Rohstoffe“ und in den Bereichen der
pharmazeutischen Industrie, der künstlichen Intelligenz oder des
Energiesektors. Das Mercosurabkommen ist also nicht
nur ein wirtschaftlicher Gewinn, sondern auch ein
strategischer Erfolg.
Das alles sind gute Nachrichten. Und trotzdem will ich
hier die Gelegenheit nutzen, um zwei ganz grundsätzliche
Anmerkungen in Sachen Handelsabkommen zu machen.
Allem voran der Wettbewerb. Mit dem Abbau von
Handelsbeschränkungen öffnen wir auch unsere Märkte
für Produkte aus den Staaten, mit denen wir diese
Abkommen schließen. Das bedeutet härteren
wirtschaftlichen Wettbewerb. Das bringt natürlich Wachstum,
deswegen machen wir das ja; aber dieser Wettbewerb bringt
eben auch Veränderungen mit sich oder beschleunigt
diese. Es sind Veränderungen, die für Unternehmen, für
Bürgerinnen und Bürger durchaus zu Herausforderungen und
Problemen führen können.
Wir dürfen hier bei uns auf nationaler Ebene diese
Herausforderungen nicht aus den Augen verlieren.
Handelsabkommen bringen insgesamt wirtschaftliche
Vorteile; aber eben nicht individuell für jede und jeden
jederzeit. Hier müssen wir, muss die Politik die Augen offen
halten. Das ist umso wichtiger in einer Zeit, wo wir
Handelsabkommen mit vielen unterschiedlichen
Wirtschaftsräumen schließen wollen. Diese Abkommen können ihr
wirtschaftliches und strategisches Potenzial nur dann voll
entfalten, wenn der Wohlstand, der durch sie entsteht,
spürbar bei jeder und jedem Einzelnen ankommt.
Meine zweite Anmerkung betrifft das Verhältnis der
Mitgliedstaaten der Europäischen Union untereinander.
Das Mercosurabkommen ist kein deutsches Projekt,
sondern ein europäisches. Dieses Projekt muss auch auf
europäischer Ebene gelingen. Dafür ist es wichtig, dass
wir hier in Deutschland die unterschiedlichen Positionen
unserer europäischen Partner im Blick behalten. Das
Abkommen wirkt sich nicht notwendigerweise gleichmäßig
auf uns und unsere europäischen Partner aus. Länder mit
einem höheren Anteil landwirtschaftlicher
Wertschöpfung blicken anders auf dieses Abkommen. Die
Mitgliedstaaten der EU haben oftmals unterschiedliche Bezüge zu
dem Wettbewerb und den Möglichkeiten und Risiken
dieses Abkommens. Diese komplexen Auswirkungen
von Mercosur und anderen Freihandelsabkommen
müssen wir stets beachten, hier bei uns in Deutschland, aber
auch auf europäischer Ebene.
Bedenken gegen dieses Abkommen gab es viele: aus
Frankreich, Italien, aber auch aus Polen, Österreich und
Ungarn. Wir müssen diese Bedenken weiterhin ernst
nehmen und unterschiedlichen Sichtweisen Rechnung
tragen. Die Verhandlungen waren nicht einfach. Das
Ergebnis ist ein Kompromiss, der die richtige Antwort auf die
sich verändernde Weltlage gibt. Es muss uns trotzdem
gelingen, die europäische Zusammenarbeit zu stärken,
verschiedene Ansichten und Interessen auszugleichen
und so ein stabiles Fundament für eine handlungsfähige,
souveräne und geeinte Europäische Union zu schaffen.
Denn nur im europäischen Verbund kann Deutschland
mit den vielen Herausforderungen umgehen, vor denen
wir stehen.
Mercosur ist längst nicht nur ein Treiber von
Wohlstand. Dieses Abkommen ist auch ein Signal an die Welt:
Deutschland und Europa sind bereit, neue Wege zu
gehen, Außen- und Handelspolitik neu auszurichten und
strategisch zu handeln. Es ist auch ein Signal, dass die
Europäische Union trotz mancher Differenzen
handlungsfähig ist. Gerade im Angesicht der vielen
Herausforderungen – Russland, China, USA, KI, Populismus –
ist dieses Signal, das wir mit Mercosur senden, umso
wichtiger. Deswegen ist es gut und richtig, dass wir
dieses Abkommen jetzt ratifizieren.
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
der Abg. Chantal Kopf [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN])
Relationen
- part_of → Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Organisierte Kriminalität systematisch zerschlagen
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