Rede von Dr. Edmund Peter Geisen (FDP) – Plenarprotokoll 16/133
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Edmund Peter Geisen (FDP) – Plenarprotokoll 16/133
Verehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr
Minister Seehofer! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine
sehr geehrten Damen und Herren! Geht es der
Landwirtschaft gut, geht es den ländlichen Räumen gut. Dort
stehen meines Erachtens die Stützen unserer Gesellschaft.
Ich füge hinzu: Eine gute Landwirtschaft ist auch guter
Klimaschutz.
Kaum gibt es positive Tendenzen im Agrarbereich,
die durch den Weltmarkt hervorgerufen wurden, so
hören die Damen und Herren von der Regierungskoalition
nicht auf, zu frohlocken, wie gut es doch der heimischen
Landwirtschaft geht. Minister Seehofer hört man nur
noch über seine eigene Politik jubilieren – dies zum
Ärger der Landwirte und der Landbevölkerung.
(Beifall bei der FDP – Zuruf von der SPD: Die
Einzige, die sich ärgert, ist die FDP!)
Denn die Fakten sind anders:
Erstens. Die Landwirtschaft war jahrelang die
Inflationsbremse in Deutschland. Die Einkünfte lagen am
Existenzminimum, die Arbeit wurde nicht honoriert. Es
entstand ein riesiger Investitionsstau.
Dr. Edmund Peter Geisen(Peter Bleser [CDU/CSU]: Das haben wir
verbessert!)
Zweitens. Jetzt gibt es seit einigen Monaten eine
Trendwende, und man vergisst, eine ehrliche Rechnung
aufzumachen: Alle Produktionskosten, insbesondere
die für Futter- und Betriebsmittel sowie die
Energiekosten, sind enorm gestiegen. Der Großteil der
Kostensteigerung ist hausgemacht: an erster Stelle durch die Erhöhung
der Mehrwertsteuer um 3 Prozentpunkte – eigentlich um
4 Prozentpunkte, rechnet man die
Energiepreissteigerungen des letzten Jahres hinzu –, an zweiter Stelle durch die
Steuersätze für Agrardiesel, die im Vergleich zu anderen
EU-Ländern Mehrkosten von bis zu 100 Euro pro
Hektar verursachen. Das macht für einen deutschen
Durchschnittsbetrieb bis zu 8 000 Euro pro Jahr aus.
Hier hatte die FDP-Fraktion gehofft, dass Sie, Herr
Minister Seehofer, im Rahmen der deutschen
Ratspräsidentschaft aktiv geworden wären. Ich habe – sozusagen
als Hilfestellung – einen Antrag zur Harmonisierung
der Steuersätze für Agrardiesel in der EU eingebracht.
Fehlanzeige! Meine Kolleginnen und Kollegen in der
Großen Koalition haben diesen Antrag leider einstimmig
abgelehnt.
Drittens. Ihre Erntehelferregelung führt zu höheren
Bürokratie- und Arbeitskosten sowie zu
Ertragsausfällen. Ich frage Sie, Herr Minister Seehofer: Warum hören
Sie nicht auf Ihre eigenen Leute, auf die Länderminister
und die Kolleginnen und Kollegen aus der eigenen
Fraktion? Forderungen aus Ihren eigenen Reihen gibt es
genug. Können oder wollen Sie sich nicht bei Ihrem
Koalitionspartner durchsetzen?
Zur Erntehelferregelung liegt ebenfalls ein Antrag der
FDP vor, der den Anliegen der Bauern vor Ort viel
besser gerecht wird als Ihre nunmehr im dritten Jahr
verkorkste Regelung.
Glauben Sie mir; ich weiß, wovon ich rede. Ich habe mit
vielen Betroffenen vor Ort gesprochen. Es ist doch
billiger Populismus, wenn man verkündet, dass auf den
Obst- und Gemüsefeldern das Problem der
Arbeitslosigkeit in Deutschland gelöst wird. Wie hat es der
Chefredakteur einer landwirtschaftlichen Fachzeitung so schön
formuliert? Der eigenen Klientel schaden, um in der
Öffentlichkeit Punkte zu sammeln!
Wir fordern, dass die Eckpunkteregelung nicht noch
einmal verlängert wird und stattdessen die volle
Arbeitnehmerfreizügigkeit gewährleistet wird. Wissen Sie
eigentlich, dass in der ganzen EU neben uns nur Österreich
die Grenzen bis 2009 dichtmacht?
(Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Zu den
Bedingungen kommt doch keiner mehr!)
Viertens. Auch das kürzlich verabschiedete,
verkorkste Gesetz zur Modernisierung des Rechts der
landwirtschaftlichen Sozialversicherung wird schon bald zuBeitragserhöhungen und Kostensteigerungen für
Landwirte führen.
Die landwirtschaftlichen Krankenkassen sind wiederum
nicht an den Bundesmitteln, zum Beispiel hinsichtlich
der kostenlosen Familienmitversicherung, beteiligt
worden. Das führt zu großer Verunsicherung, aber auch zu
Wut und Ärger bei den Betroffenen.
Bei der landwirtschaftlichen Unfallversicherung
haben wir eine Umstellung des Systems gefordert. Der
Bund und die BGs stecken stattdessen über 1 Milliarde
Euro in eine nicht funktionierende Reform. Auch hier
werden Beitragserhöhungen mit Sicherheit die Folge
sein. Das sage ich Ihnen voraus.
Schönfärberei kann Murks auf Dauer nicht verdecken.
Vielen Landwirten geht es noch immer nicht gut. Die
Strukturen der ländlichen Räume sind noch immer
gefährdet. Sie sind nicht in Ordnung. Mit dieser Regierung
gibt es keine Verlässlichkeit und keine
Planungssicherheit für die Landwirte und die ländlichen Räume. Die
Interessen der Landwirte werden beim parteipolitischen
Machtpoker leichtfertig aufs Spiel gesetzt.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der FDP – Waltraud Wolff [Wolmirstedt]
[SPD]: Tosender Beifall bei der FDP!)